Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 29.7./30.7./4.8.1831 (Luzern)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 29.7./30.7./4.8.1831 (Luzern)
(KN 28,7, Bl 1-4, Brieforiginal 2 B 4° 8 S. - Der Brief wird in KN zusammen mit dem v. 5.8.1831 an die >Keilhauer Gemeinschaft< als ein Stück angesehen; beide wurden sicher zusammen mit dem an Wilhelmine Fröbel v. 4.8.1831 versandt.)

[Briefkopf: Lithographie Luzerns mit Überschrift:
"Vue d'une partie de la ville de Lucerne
vers le mont Pilate."]
Luzern in der Schweiz am 29en July 1831.·.


An Wilhelmine,
An Ernestine und Heinrich Langethal, an Emilie und Johannes Barop;
An Caroline und Christian Fröbel
An Albertine und Wilhelm Middendorff, an Elise und Wilhelm Fröbel.


Euch allen Ihr Geliebten, Theuern Gottes Seegen und Frieden und uns allen zur
reinsten Freude der Seelen innigen Lebens-Gruß zuvor!-

In dem Auge dieses Briefes spiegelt sich von wo aus und in und unter welchen Umgeb-
ungen ich an Euch schreibe und betrachte ich das Bild genau, so ist es auch wirklich zu-
gleich ein treuer Wiederschein nicht nur der Verhältnisse unter welchen, sondern auch
sogar der Stimmung des Gemüthes, des inneren Lebens in welchem ich an Euch schreibe.
Ja ich bin hier in Lucerna wo schon weit über die Geschichte dieses Landes hinaus und in der Nacht
und Dunkelheit derselben, wie in der Nacht und Dunkelheit des Sees kühnen Schiffern
zur Leitung der Leuchtthurm gestanden haben soll, der noch jetzt im Anfang des Sees steht
und den auch Ihr hier auf dem Bilde sehet und welcher in seinem rothen mehrseitig pyramidalen
Dach einer in sich selbst erglühenden Kerze gleicht; soll auch ich hier äußerlich die Leuchte und den
Leuchtthurm finden der mir leuchte auf der dunkeln gefahrvollen und klippenreichen Fahrt mei-
nes Lebens!- Soll hier zwischen pyramidalen Bergkolossen sich eine Leuchte und ein Leuchtthurm /
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entzünden oder vielmehr anzünden welcher den Menschen, welcher dem Menschengeschlechte, welcher
zunächst uns Völkern deutscher Zunge und Sprache leuchte auf der besonders jetzt so gefahrvol-
len Fahrt des so stürmischen Lebensmeeres?- wer mag es bestimmen, ich wenigstens wage
es noch nicht, wage noch ganz und gar nichts darüber zu bestimmen, ob ich gleich nun hier bin,
ob ich gleich nun schon den dritten Tag hier bin, schon vorher sechs Tage auf Schloß Wartensee
war und ob mir gleich an beyden Orten alles mit wahrer Herzlichkeit, ja Güte und mit wirklich
förderlich eingehender Theilnahme entgegen kommt; aber groß, groß erhaben, nächtlich und dunkel
wie die ganze Umgebung, wenigstens wie sie eben in diesen Tagen sich zeigt ist die ganze Un-
ternehmung; alles ist wie das Bild welches ich zufällig wählte, zufällig? - - alles im Leben erscheint ja
dem, dessen inneres Auge es erschaut, sinnbildlich, warum sollte und könnte also nicht auch das
Stirnbild dieses Briefes, dieser Zeilen sinnbildlich seyn? -- also, alles ist wie das Bild es im
Wiederscheine zeigt: - bey nächtlich und sturmbedecktem Himmel rosig rother Lichtaufgang, rosig rother Schimmer eines Lichtaufganges in Osten und die Leuchte am und im Strome und Meere
des Lebens noch in sich selbst gleich einer Kohle erglimmend und erglühend. Ja ich bin hier, ich
bin so hier wie ich schon ein- und zweymal in der Schweiz war, ich bin so hier wie ich schon ein[-,] zwey[-] und
dreymal in Osterode, ebenso viel, und mehrmal in Berlin, ebenso oft und mehrmals wieder in meiner
Heymath ja selbst in dem Punkte Keilhau war d.h. ich habe die Reise mit möglichst klarem Bewußtseyn
gemacht, ich bin mit möglichst klarem und prüfendsten Bewußtseyn den Umständen und Verhältnissen
nach gegangen in und unter welchen ich die Reise und das Ganze begonnen habe; mit derselben
klaren Rechenschaft wie ich sie Euch vor meiner jüngsten Reise nach Frankfurt zu geben suchte,
und wie ich sie Euch über diese Reise von Frankfurt aus gab, bin ich hier, und dennoch muß
ich wenn ich recht aufrichtig seyn will Euch sagen, daß ich hier bin, ich weiß selbst nicht wie.
Immer tönen die Worte wie ein Orakelspruch in meinem Innern und ich muß sie Euch darum
auch hier wieder aussprechen so oft es auch schon von mir geschehen ist: - "der Gottheit Rathschluß
"ändert der Sterbliche nie - Auf nachtbedecktem Pfad regiert sie unsern Fuß - Weiß an
"des Abgrund's Rand die Strauchelnden zu retten - Raubt Kronen, schenket sie - Und giebt
"und löset Ketten!"- Und die Worte, die mir gleichsam als der ganz besondere Orakelspruch
meines Lebens schriftlich und sogar wiederkehrend ausgesprochen wurden: - "Auch der klügste der
"Sterblichen geht der Zukunft mit verborgenen Augen entgegen, er zählt und prüfet jeden
"Schritt und doch kennt er sein Schicksal nicht eher als bis es ihn ergreift."--
Wie es mir nun dabey zu Muthe ist werthet [sc.: werdet] Ihr lieben theilnehmenden Seelen fragen und gern
von mir wissen wollen?- Die Antwort ist kurz und wahr: - wie es das Stirn- Augen-, und
Seelenbild dieses Briefes zeigt, nächtlich friedlich, schauerlich freudig, lieblich ernst, fürchtend hoffend: -
Aber schon zweymal einmal in Wartensee und gestern Abend bey einem Spaziergang in die /
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hiesige großartige ja kolossale Natur war es meiner Seele, meinem Gemüthe, meinem Geiste, wie
es der Sonne wenn sie ein empfindendes fühlendes und denkendes Wesen wäre, zu Muthe seyn
müßte wenn sie hocherhaben über allen Abgründen Stürmen und Ungewittern der Erde auf die
selbe in ihrer Klarheit und aus derselben friedlich und freudig herabschaut. Diese Gottvertrau-
ende friedliche und freudige Heiterkeit des Gemüthes und Geistes suche ich mir nun immer
zu erhalten und mein Gebet und Sehnen ist daß beydes auch Euch nimmer und nie verlassen
möge. Ja und mein Gebet und Sehnen finde und sehe ich ja schon erfülllt wenn ich in der Erinnerung
in Euer aller klare Augen, dem Ausdruck und Bilde Eurer reinen Seelen in Euren heitern, friedlichen
und freudigen Blick und Angesicht schaue und so ist es denn auch mir wenn ich in die tiefste Tiefe meines
Innersten und in die Unabsehbarkeit meines Lebens blicke erwartungsvoll wohl, ja in einer gewissen
Beziehung finde und fühle ich mich nachdem mein Herz, Gemüth und Geist gewagt hat, die Natur
und sie es wagen sie in sich ganz aufzunehmen - heymathlich wohl: in den Bergkolossen
und in den kolossalen aus weiter Ferne hervor und herauf und in weiter Ferne hineinleuchtenden
und lichtenden Bergen und Firnen (Schneebergen und Gletschern) finde ich meine Gedanken, in
den klaren Seen und Strömen in welchen man auf den tiefsten Grund das kleinste Steinchen sieht, schaue ich
das Leben und die Empfindungen meiner Seele und in der lachenden und kräftigen, G grünenden
und blühenden reichen und reizenden Natur sehe ich das Leben meines Gemüthes außer mir[.]
Ja ich will es Euch offen gestehen ich finde, sehe, schaue mein eigenes eigenstes Leben sinnbild-
lich in der mich umgebenden Natur; fühlte ich nicht noch ein Bangen das Leben außer mir
die Natur wie sie mich umgiebt als mir zugehörig zu erkennen und zu erfassen so würde
könnte und möchte ich aussprechen was ich vor fast nun 26 Jahren von Frankfurt aus
an den seelgen Bruder Christoph aussprach als ich ihm Nachricht gab wie ich mich in meiner
Classe von 30-40 Knaben fand: - ich fühle mich wie ein Fisch im Wasser, doch ich will es
versuchen ein noch klareres und treffenderes Bild von meinem innern Leben zugeben, ob
gleich auch jenes Bild recht bezeichnend ist, wenn man sich unter jenem Fisch < ? > eine
Forelle oder andern Fisch denkt welcher Strom auf und sogar in die Strudel der Wasserfälle
schwimmt, entgegen schwimmt. Das andere Bild was ich als treffender bezeichnender meine, ist nemlich
das Wasser selbst, denn man kann dünkt mich das Wesen der Seele, des menschlichen Geistes leicht in
dem Wesen des Was[s]ers als in einem Bilde sehen und ich sehe durch die mich umgebende Natur aufge-
fordert das Wesen meiner Seele meines Geistes in einem klaren Bergsee, in den von den reinen
Bergquellen geboren werdenden klaren Wassern der Bäche, Flüsse Ströme: - es sammelt sich
erzeugt durch die Berührung des Himmels und der Erde in den dunkeln Tiefen der klaren lichten
Berghöhen, es findet sich, es fließt wallend u munter aus der Dunkelheit hervor und durch, über unter
und zwischen Hinternissen und Hemmungen dahin, so findet es mehr noch sich selbst und erkennt übend noch /
[2R]
klarer sein Wesen, so sammelt von neuem es sich im klaren ruhigen Bergsee, findet spiegelnd den Himmel
und die Erde in sich, die Kraft und den Stoff, die Farben, die Töne, die Gestalt selbst in sich ein ruhiges und stetiges
Eine und Einige und wie es die reiche und große Natur mit all ihrem Leben und Regen in sich
im Bilde fest hält so hält es auch das Licht fest es vielfach gestaltend; doch wer ahnet, wer meinet und
weniger, wer sieht und erkenne es klar daß das was ein Einiges, ein Gestaltendes, ein tönen-
des und färbendes mahlendes in sich und als Ganzes sey ist, daß es alles dieß: ein Einiges und ein Ganzes
tönend und strahlend u mahlend bis in das Kleinste auch sey?- Da steigt es sein Wesen bis in
das Kleinste, ja bis zu Staub zertheilend und immer und immer im Kleinsten auch ein Einiges und
Ganzes gestaltend, tönend, strahlend und mahlend in der Einzelheit ein bleibend Gemeinsames und im
stetig Gemeinsamen ein Einziges Einzelnes, da kommt und steht und schaut der Mensch erstaunt die
kühnen Pfade u. Wege, Schritte und Sprünge des Wassers das klare lichte und himmlische Sonnenlicht sieht
er sich menschlich erfassender näher gebracht in den strahlenden Farben des perlenden und thauenden
Wassers in den sanfteren Farben des in sich ruhenden Friedensbogens, da kann der Mensch nicht
anders, das Verwandte, das Verwandte und Bekannte, das Bekannte und Gleiche, das Leben spricht
zu stark zu wahr zum Leben der Mensch findet sich selbst, schaut sein Leben und sein Wesen vor sich im
Bilde, er achtet und beachtet, er erfaßt und hält fest sein Leben doch gewaltig erscheinen ihm diese Wege
und Pfade wer mag sie betreten?, gefahrvoll die Schritte und Sprünge, wer mag sie nachthun?, vernichtend
diese Zertheilung wer mag sich ihr hingeben?- Da sammeln sich unterhalb des gewaltigen Fels-
weges in großen, tiefen, weiten Becken wieder die Wasser und umschlingen und durchdringen sich
nun, - bis in kleinste hin erkannt ihr gleiches und eigenstes Wesen das Eine und Ganze und das
Einzelne auch im Einzelnen und Kleinsten in sich tragend - einen sich in[n]ig wieder nicht nur zu einem
klaren sondern zu einem sich bewußten sich gegenseitig kennenden Ein hinfließend friedlich
und schaffend ins friedliche Thal den schaffenden, den sinnig schaffenden, < ? ? > denkend
< ? > Menschen sich selbst gestaltend und darlebend ihr Wesen, das Wesen des Lichtes u der Ge-
stalt in Pflanzen und Kräutern, in Sträuchern und Bäumen, in Blüthen u Blumen und in allen sich bewegenden und
regenden Geschöpfen, führt so den Menschen selbst herab und zurück ins stille friedliche heimische
Thal lehrt ihn bebauen sein Feld und ihn pflegen die Wiese u die Matte, die Blumen u Bäume,
lehrt ihn schaffen, sinnig schaffen, fühlend wirken, denkend Handeln lehrt ihn leben und Wirken
als ein Kind des Himmels und der Erde, als einen Sohn eine Tochter Gottes und der Natur,
lehrt ihn leben und wirken, schaffen empfinden und denken würdig seiner selbst, sich selbst und
andern ein Vorbild.- Ja Geliebte, Brüder, Schwestern Freunde es ist so, jetzt ist es noch so
der Mensch fordert braucht für das was er werden kann und werden soll ein Vorbild
ein Mutterbild außer sich, er könnte wohl selbst- und freythätig, selbst und frey aus sich heraus treten
schaffend u gestaltend seiner und seines Wesens würdig im Leben und allen Lebensverhältnissen, aus sich
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allein er wagt es nicht Einzelne, Einige und mehrere innig einig müssen immer dem Menschen, müssen dem
Menschen der Menge und der Masse zeigen was er kann, was er darum soll, müssen es ihm auf eine
eindringliche ja gewaltige Weise zeigen was er Großes, Gutes, Schönes, Wahres, Rechtes und Nützliches
kann und darum solle, reden, sprechen das hilft nicht und sey es noch so laut dieß haben wir erfahren und
erfahren es täglich, Thun sey es noch so Menschenwürdig, sinnig und bewußt ist es aber im kleinen niedrigen
Thal; auch das hilft nicht wir haben es auch gesehen. Wer findet Gott in dem strahlenden Thau und
in dem friedlichen Nebel der sich im Thale und an den niedern Bergen hinzieht? - steigt aber der Thau und der
Nebel empor zu den hohen Bergen und senkt in gewaltigen Wassermassen sich nieder zu[r] Erde dann wendet
er sich zu Gott, dann reicht er rettend vielleicht dem die Hand an dessen Leiden er kurz vorher noch Theilnahmslos
vorüberging! Wer sieht Gott in dem leuchten des Johannywürmchen? - aber steigt das Feuer aus
den hohen Bergen ins Thal herab dann ruft und betet der Mensch zu Gott. Darum ihr Freunde seht Ihr
es war nie anders und kann wenigstens jetzt noch nicht anders in und bey der Menge der Masse seyn[.]
Das seht Ihr nach allen was seit so vielen Jahren von uns gemeinsam, wie von mir allein geschah
wie der zarte sanfte Nebel und der klare strahlende Thau aus den friedlichen blumigen Thälern auf
die hohen Berge und über sie hinaus steigen und sich wieder sammeln, muß und geboren werden muß zu Wasser
der Berge und Höhen und die Menschen zu dem zu erheben der Wasser und Höhen und Menschen schuf, so [müssen]
auch Einzelne u <In[n]ig einige> Menschen den Müh- und gefahrvollen Gang aus den friedlichen Wohnungen [im stillen]
Thal nach den steilen Höhen und Bergen < ? > und von da zurück durch Hemmnisse ins friedliche [Thal gehen,]
daß der Mensch endlich nicht nur unbestimmt fühle, nein klar erkenne und im Handeln und Leben so sicher
als freudig kund thun er sey ein Sohn Gottes geboren von der Mutter Natur und die Klarheit und der Friede
des Himmels wohne auch in den Gefielden Fluren und Thälern der Erde und daß der Geist Gottes, der Geist der
Höhe noch immer ein Geist der Tiefe sey auf derselben schwebend und daß der Mensch nur in und durch
ihn lebe und webe schaffe und wirke. Drum Freunde ist mir so wohl wie wie [sc.: ich] fühle und meine daß
es dem Wasser ist was sich auf den lichten Bergen sammelt über Felsen ströhmt in den Seen
beruhigt und findet und seegnend in die Thäler ergießt und zwischen Pflanzen, Sträuchern und Bäumen
dahin fließt; in ihm habe ich so das Bild meiner Seele meines Lebens, meines Geistes meines
Wirkens. Jetzt wage ich es dieß alles Euch auszusprechen und mein Leben und meine Lebensansicht
d.h. die Ansicht meines Lebens Euch, wenn auch nur im Bilde so klar und bestimmt vorzuführen
als es war und in mir selbst ist, denn ich weiß Euch alle innig geeint, geeint im Empfinden
Denken und Handeln im stillen friedlichen Thal und ich werde zurück kehren zu Euch in unser
und mein Thal als seegnender Thalfluß als Thalbach.-

Die letzte Hälfte des Vorstehenden <war> schon gestern und kurz u bestimmt gedacht, doch ich mußte
das Niederschreiben des Gedankens abbrechen ehe ich ihn beendigen konnte<,> und da kamen denn für [mich]
so viele und so starke mein Wesen ganz in Anspruch nehmende Lebensthatsachen hinzu, daß ich, wie
Ihr finden werdet, den Gedanken nur mit Mühe wieder aufnehmen und leider in der Ausführung /
[3R]
nur zu gedehnt zu seinem Ziele führen konnte, doch Ihr werdet mich verstehen, wenn auch die Worte
nicht so schlagend u. scharf und kurz sind als sie beym ersten Denken des Ganzen in meinem Geiste lagen.-
Aber eines ist immer bleibend wahr, je näher man äußerlich der Natur kommt je näher scheint sie
auch unserem Innern unserm eigendsten Leben zu kommen, dieß habe ich in der letzteren Zeit ganz
besonders und namentlich gestern wieder empfunden. Ihr wißt ich liebe seit Langem bey dem Be-
ginn meiner Unternehmung als günstiges Zeichen für dieselben gern einen bedeckten Himmel mit
abwechselnden, sanften, lauen fruchtbaren Regen. So war nun das Wetter in der ganzen letzten Zeit
darum war auch die Gegend so klar, reich und reizend, frisch und farbig in der Nähe doch verschleiert
in der Größeren Ferne, namentlich die eigentlichen Schweizerberge. Es war als sollte ich mich erst
recht in der Nähe finden ehe sich mein Blick in Ferne und Weite richten sollte; auch lag so zu sagen
die eigentliche Schweiz selbst in dem Maße noch in Wollken gehüllt und verschleiert vor mir
als mein Plan oder vielmehr die Ausführung meines Planes selbst noch im Dunkel verhüllt und ver-
schleiert vor mir lag. Nun war gestern Nachmittag in einer gewissen Beziehung eigentlich die ent-
scheidendste Zeit für mich, obgleich noch keinesweges als letzte und formelle Entscheidung der Regierung und siehe da
es war ein ganz wundervoller magischer Sonnenuntergang in Beziehung auf Farbengebung, Nebel, Duft
Wolken Lichtverteilung, licht- und Strahlenbrechung in einem solchen Reichthum Gegensatz u Pracht, daß ich
Euch davon gar kein Bild machen kann, denn uns fehlen ja die kolossalen schroffen Felsenberge, und
diese rauhen zackigen Kolosse waren in zarte Farbenschleier wie davon umhaucht, gehüllt wie Frauen[-]
gestalten gehüllt, leuchtende, rosige und feurige Wolken zogen sich wie Diademenkränze um die Scheitel, wäh-
rend dem klar die Sonne in einen lichten goldig gelb, wie auch so oft bey uns unter Wolken unter-
ging, nach diesem Sonnenuntergang folgte ein leiser Regen dann klärte sich nach und nach der Himmel, die
Sterne sahe ich so klar, den Jupiter mir ein wenig schräg östlich gegen über, den Attaier fast
ganz gegen über und unseren, der Menschheit Myrtenkranz ein wenig schräg südlich gegen
über, später wie ich die Sterne in der Schweiz noch nicht gesehen hatte; auch der Mond erhob
sich später aus und über die Wolken und machte durch seinen Wiederschein der See und die unter
und vor meinem Fenster vorüberfließende Reuß zum Träger von Tausend und Tausend
flammenden Lichtern und Sternen. Und so wie gegen und am Abend und Nachts der Himmel sich auf-
geklärt hatte, so war ja auch an diesem Nachmittag in meinem hiesigen Wollen eine gewiß bedeutende
Aufhellung geschehen; ich war nemlich in unserer Sache Nachmittags ohngefähr von 3-4 mit Her[r]n
Schnyder
bey der ersten MagistratsPerson der Schweiz, bey dem Landamman oder vielmehr
dem Präsidenten der Tagessatzung Am Rhyn gewesen.- Als Sache des Staats, als Geschäfts[-]
sache wurden wir zwar nicht in sein privat Zimmer sondern in ein großes Staatszimmer geführt
Er aber empfing uns auf das höchste freundschaftlich, wir mußten uns mit ihm auf eines der beyden
großen Soffa des Zimmers jeder zu einer seiner Seiten nieder[setzen], dann forderte er uns auf
ihm unser Gesuch vorzutragen, wo ich Schnyder aufforderte als Schweizer zu erst zu sprechen und dann /
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trug ich meine Sache und die Sache auf meine Weise vor, er that nun noch einige besondere Fragen: 1) über die
Zahl der Zöglinge für welche jetzt so gleich Raum sey (:12-16:) 2) über die verschiedenen Stufen der Leistungen (:ich legte
ihm hier kurz unsere Bedingungen und Leistungen in Keilhau vor nämlich die bekannten drey:) 3) über den positiven
Religionsunterricht und namentlich der catholischen Zöglinge (:worauf ich ihm im Allgem[.] unser religiöses
und besonders auch kirchliches Leben und Verhältniß in Keilhau vorführte und wir beyde erklärten, daß
bey Ausdehnung der Anstalt wir Sorge tragen würden einen eigenen catholischen Religionslehrer anzustellen
so daß der selbe zugleich würde in der daseyenden Capelle zu gewissen Zeiten würde Gottesdienst halten können:)
noch ein viertes fragte er was ich mich aber nicht sogl. erinnere.

Luzern Donnerstags am 4en August. Seit ich vorstehendes niedergeschrieben habe ist eine ganze Woche ver-
flossen; oft kam mir, dieß könnt Ihr Geliebten, Theuern Euch wohl denken und noch lebendiger fühlen,
der Gedanke das Begonnene fortzusetzen; allein ich konnte mich doch nie zur Ausführung entschließen
bevor alles entschieden sey. Jetzt nun aber scheint die Sache und ich darf wohl sagen ist die Sache
gänzlich entschieden und so ergreife ich denn auch alsbald die Feder zur Fortsetzung.- Ja es wird
eine neue Erziehungsanstalt in Wartensee, ganz im Geiste der Keilhauer nur in seinem Leben
und in der Darlegung seiner Grundsätze und Überzeugungen freyer, durch Herrn Schnyder und mich
erstehen. Die dießfalsig niedergesetzte Commission und der Erziehungsrath hat die Grundsätze
und den Plan ohne die mindeste Einschränkung gebilligt und in diesem Nachmittag, vielleicht
eben in diesem Augenblick (:Nachmittags 5 Uhr:) wird in dem kleinen Rathe und dem Vorsitz
des Präsidenten der Tagessitzung in letzter Instanz darüber entschieden. Doch ist diese Entscheidung
als beystimmend so gut als gewiß indem der Präsident und noch andere Staatsräthe [sich] auf das bestimmte-
ste günstig dafür ausgesprochen haben, und schon war Herr Schnyder bey den Buchhändler um wegen
den Druck der schon geschriebenen und auch schon privatim den Herrn Staatsrath Schwyzer vorgelegten
und von ihm gebilligten Anzeige zu unterhandeln. Morgen werden wir das Manuscript abgeben
leider aber erst in 10 bis 12 Tagen Abdrücke erhalten, weil die Druckerey für die Regierung viel zu ar-
beiten hat.- Ob Ihr nun gleich somit das Resultat wißt, so will ich doch da es Euch lieb seyn könnte
anknüpfen wo ich eben abbrach: - Das 4e was ich vom Herrn Präs: bey meiner Anwesenheit gefragt
wurde war das Alter der Aufzunehmenden. Ich erklärte das bey meinem Zweck der Anstalt sich
nach unsern Erfahrungen in K. kein Alter mit Bestimmtheit festsetzen lasse. Er erklärte hierauf
daß die uneingeschränkte Bestimmung der Regierung gar keinen Zweifel unterworfen sey. Es werde
von Seite des Erziehungsrathes eine Commission bestehend aus dem Prof: Pat: Girard und dem
Staatsrath Pfyffer ernannt werden, welchem wir nächstens die Grundsätze u. den Plan das Ganzen vorzu[-]
legen hätten, welcher dann an den Erziehungsrath Bericht erstatten würde. Bey dem Staatsrath Pfyffer
waren wir schon gewesen, ich hatte ihm auch schon mehrere meiner gedruckten und ungedruckten Schriften
übergeben, und er hatte sich, schon durch Schnyder von dem Ganzen unterrichtet, auch auf das erfreulich-
ste dafür erklärt. Zu Herrn Professor Abbé Girard gingen wir auch in diesen Tagen und er war nicht nur <da> /
[4R]
ja er äußerte Erziehungsgrundsätze in einer Art, Klarheit, und Bestimmtheit wie ich sie nie von einem un-
serer Herrn Consistorialen und Regierungsherrn gehört habe. Montag ½11 Uhr nun wurden wir
zu den genannten beyden Herrn Commissionären beschieden mit der Aufforderung Grundsätze und Plan
ihr kurz vorzulegen. Ich schrieb nieder was ich zur Begründung und Feststellung des Ganzen für wesent-
lich hielt, rücksichtslos auf etwas anderes als die Klarheit meiner Überzeugungen. Der Staatsrath Pfyffer
welcher schon früher ausgesprochen hatte wie erwünscht es für die Schweiz sey Norddeutsche Bildung in sie
einzuführen erklärte den Plan für so einfach als schön. Auch Prof. Girard stimmte der Ausführung
des Planes bey da er aber mit unserm bisherigen Wirken in Keilhau noch weniger bekannt war,
so holte ich das dem Staatsr: Pfyffer übergebene von diesem ab und sandte einen wesentlichen Theil
davon doch nur das Gedruckte ihm dem Prof. Girard zu.- Heute Mittag nach Aufhebung der Großen-
rathsitzung, welcher Schnyder und ich einige Zeit <zugehört> hatten, begegneten wir dem Her[r]n Staatsr: Pfyffer
er sagte uns daß unser Vorhaben und Plan von dem Erziehungsrath ganz genehmigt sey und daß
diesem Nachmittag, wie ich schon sagte in letzter Instanz von dem Kleinenrathe darüber entschieden
werde, daß aber auch der Genehmigung von dieser Seite gar nichts im Wege stehe. So steht nun Theure
Geliebte das Ganze; Ihr seht daß sich, was ich hinzufügen muß bey vielen Regierungsgeschäften die
sich in dieser Woche hier zusammen drängte, doch alles auf das Ungehemmteste entwickelt
hat. Ja frisch und freudig sind die Geschäfte ihren Weg gegangen und ich habe bey den mancher-
ley Wegen auch nie das leiseste Unbehagliche und Zwängende gefunden. Daß ich mich frey,
wohl und ungebunden gefühlt habe soll sich Euch hoffentlich in meiner Ankündigung - der Warten-
seeer Erziehungsanstalt
- (:so heißt die neugeborne Tochter Keilhaus:) aussprechen. Ich hätte sie
Euch gern hier beygelegt, allein ich will nun doch machen daß der Brief an Euch abgehe und
zweytens muß ich auch doch vermeiden daß er nicht zu dick werde. Doch in 3 Wochen vom heutigen an,
oder in 14 Tagen vom Empfang des Briefes an wird auch die gedruckte Anzeige in Euren Händen seyn;
und ich halte es um Keilhau einen noch größeren und dünkt mich ganz festen Halt in sich selbst zu geben für
sehr gut, wenn Ihr dann die Anzeige möglichst bald in dem Rud: Wochenblatt abdrucken laßt; doch
bleibt Euch dagegen die Ihr alles in der Nähe sehet und selbst lebet natürlich die letzte Entscheidung darüber.
Gründe für meinen Vorschlag brauche ich hoffentlich nicht aufzuführen; sie liegen dünkt mich schon ganz in der
Sache und werden sich hoffentlich noch mehr aussprechen wenn Ihr meine Anzeige lesen werdet
ich meine Ihr könntet Euch an sie anlehnen wie an einen Fels, denn als so fühle und dünkt mich
läge darinne was meine Seele, mein Geist und mein Leben bewege, wenn auch nicht so einzeln wie in frühern
ausgesprochen. Doch bleibt die Entscheidung Euch über[lassen]. Deßwegen warte ich auch lieber so lang bis ich
es Euch gedruckt schicken kann, weil es dann als hier gedruckt zugleich mit dem Gepräge der Regierungs[-]
<sanction> auftritt. Auch im Allgem: Anz. d. Deutschen wünsche ich es abgedruckt. Ich werde mich später
noch darüber aussprechen.- Es dämmert noch manches, theils für eine fernere, theils nähere Zukunft
herauf doch schweige ich jetzt noch ganz darüber; so viel scheint sich zu entwickeln, daß ich bald werde Hülfe
brauchen, und ich schlage dazu Dich Wilhelm und Dich Elise vor; überlegt es einstweilen. Seit alle in Liebe und Treue von
mir gegrüßt FriedrichFröbel.