Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 4.8.1831 (Luzern)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 4.8.1831 (Luzern)
(Brieforiginal, vermutl. 1 B 4° 4 S., früher im BlM, nicht erhalten, hier Editionstext bei Heerwart 1905, 62-68. - Klostermanns Inhaltsverzeichnis (um 1925) der Blankenburger Archivbestände führt diesen Brief als „im Glaskasten IV unter Nr.47“ /s. Mappe VII,1,1. befindlich auf. Laut Auskunft der Leitung des Blankenburger Fröbelmuseums existiert eine entsprechende Vitrine mit Ausstellungsstücken nicht mehr. Der Brief muß daher als verloren gelten.)

Luzern, am 4. August 1831.


Mein einziges, herzinnig geliebtes Weib!

Ob ich gleich während des Schreibens des bey-
liegenden Briefes an alle, ununterbrochen Deiner ge-
dacht und zu Dir gesprochen habe, so ist es doch das
nicht zu schwächende, noch weniger zu umgehende Be-
dürfniß meines Herzens mich noch ganz namentlich und
allein zu Dir zu wenden und von Herz zu Herz und Auge
in Auge und Mund an Mund zu Dir zu reden. Ja
Geliebte! Das Loos ist nun wohl gefallen, daß im An-
gesichte hoher Schweizerberge, an den klaren Schweizer
Wassern in dem alten Lande aller Treue, allerfesten
Glaubens, und reinen hohen Gottvertrauens, ein zweytes
Keilhau erstehen soll. Du wirst nun zwar wohl in den
angeschlossenen Zeilen gelesen haben, oder noch lesen, was /
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geworden ist, aber frage mich nicht, wie das alles so
gekommen, so gekeimet, gewachsen und geworden ist.
Ich gehe ruhig und still nach und das Ganze entwickelt
sich fast ohne alles mein Zuthun. Außer der Sorglichkeit und
Bangigkeit die ein solches ruhiges stilles Nachgehen mit
sich führt, habe ich bis jetzt noch nicht einen Schritt
zu thun gebraucht, welcher mir Überwindung oder
auch nur ein unangenehmes Gefühl gekostet hätte.
Es hat auch nicht etwa einer eindringlichen Vorführung
oder ein Beruf auf Arbeiten und Zeugnisse bedurft -
ich habe zwar dieser Art etwas vorgelegt, allein ich sehe
jetzt ein es wäre gar nicht nöthig gewesen, denn es hat
in der Sache nicht das Geringste bestimmt, wie nur die
Sache ausgesprochen wurde, so fand sie ohne irgend ein
Aber und Wenn Eingang und Beystimmung. Ich könnte
ein Zweyfaches, gleichwahres sagen und ich hoffe Du
wirst mich mit Deinem lebendigen Gemüthe und klaren
Geist verstehen: einmal erscheint es, als wäre alles seit
langem und gerad auf und für diesen Moment vorber-
reitet. So schreibt mir Schnyder, welcher Sonntags
den 24ten Nachmittags von Wartensee nach Luzern
voraus gegangen war, um alles vorzubereiten, schon
Dienstags am 26ten vor dem Frühstück an mich nach
Wartensee: „Lieber Fröbel! – Kommen Sie! – kom-
men Sie eiligst. Unsere Sache findet den größten Bey-
fall. Wir haben den besten Zeitpunkt gefunden. Frey-
tag ist Erziehungsrath, wo unser Vorhaben schon soll
in Berathung gezogen werden“ u.s.w. Und so geschah
es wirklich. Mittwoch Mittags kam ich nach Luzern.
Freytags Nachmittags 4 Uhr sprach ich, wie ich in dem
andern Brief schon mittheilte den Landammann und Prä-
sidenten der Tagessatzung Am Rhyn, wo er mir bald aus-
sprach, daß er, weil es von ihm (als Präsident des Er-
ziehungsrathes) abhänge, schon in dem heutigen Er-
ziehungsrathe (Nachmittags 5 Uhr) unsere Sache in An-
regung bringen werde. Und bis jetzt ist, ohngeachtet
eines großen Dranges der Regierungsgeschäfte alles auch
ganz pünktlich so gegangen, wie der Präsident gleich in /
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unserer ersten Zusammenkunft andeutete. Es ist wahr,
Schnyder hat fast in allen Ständen Luzerns und so im
Ganzen eine Unsumme von Bekannten, woran wohl sein
geschmeidiger Charakter bey seiner stattlichen Figur,
vielleicht auch seine eigene Lebensentwicklung bey seiner
großen Geachtetheit und dem Alter seiner Familie schuldig
seyn mag, so ist sein Name selbst auf dem Lande viel
genannt, wenn auch er selbst persönlich nicht gekannt ist;
auf der andern Seite ist er fast mit all den ersten Familien
mehr oder minder nah Familienverwandt, so z.B. mit
Staatsrath Schwytzer und Präs. Am Rhyn; aber man
weiß ja was so etwas und alles dieß sonst vermag, auch
war er ja seit 5 Jahren nicht in seiner Heymath gewesen.
- Das zweyte Bild, das ich zur Bezeichnung der ganzen
Erscheinung wählen mögte, ist das zweyer Liebenden,
die aus fernen verschiedenen Gegenden sich zusammen-
finden und welchen es doch auch und sogleich mit dem
ersten Augenblick erscheint, als haben sie schon seit langem
zusammen gehört ja sogar miteinander gelebt; so kann
ich Dir gar nicht sagen, wie freundlich und nicht allein
achtend, sondern sogar innig eingehend, wie wenn ich
Bruder oder Sohn sey in Wartensee und hier bey
Schwytzers aufgenommen worden bin, ob ich doch, was
namentlich by catholischen Frauen so viel macht, luthe-
risch oder evangelisch bin, selbst die Geistlichen, natür-
lich die aufgeklärten, sind mir mit wahrem Vertrauen
entgegengekommen. Bey Staatsrath Schwytzer wurde
ich fast in dem Augenblick, als ich in Luzern ankam, zu
Tisch geladen, und mag wohl nun 6-8mal da zu Mittag
gewesen seyn. Ich werde auf diese Familie und die
Frauen derselben, der Mad: Schwytzer und deren Mutter
die Mad: Sonneberg (von dem Adel wird in der Schweitz
wenigstens hier auf unsere deutsche Weise durch Vor-
setzung des Von, kein Gebrauch gemacht, auch giebt es
keine Unterthänigkeit, so wie auch den Frauen nie der
Titel des Mannes z.B. „Fr: Präsid.“ beygelegt wird)
noch oft zurück kommen. Gestern Mittag war ich bey
dem Schwiegersohn und der Tochter Schwytzers, dem
Obristen Ballhofer zu Tisch. Nach Tisch lud er uns d.i.
Schyder und mich zu einer Spatzierfahrt nach einem der
interressantesten Punkte Luzerns, dem Krienzbach und /
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(dem Renkloche ein, wobey uns auch dessen Frau be-
gleitete. So das Ganze, die Erscheinung und Ergebnisse des
Ganzen in die Augen gefaßt, so scheint es wirklich, als
haben sich zwey entgegengesetzte Punkte, Pole, gleichsam
verschiedene Geschlechter oder Herz und Kopf, Gemüth
und Geist, vielleicht reiner Catholizismus und ächter Pro-
testantismus gefunden. Das Eigenthümliche unseres und
besonders meines Hierherkommens drängt sich fast auch
Jeden, dem es bekannt wird, auf, so sagte der Prof.
Abbé Girard: „ihre Führung ist apostolisch“. Und fräu-
lein Salesie von Hartenstein, die Schwägerin von H.
Schnyder, jetzt unser Burgfräulein in Wartensee, von
dem Alter der lieben Schwägerin und sonst in Person
und Äußerungen sehr viel mit dieser gemein habend,
eine Person von der seltensten Gemüths- und Lebens-
reinheit, eine der durchdrungendsten und gläubigsten
Katholikinnen, die bey Geistlichen und Layen ihrer hohen
Religiosität, wie ihres edlen Charakters willen als Hei-
lige geachtet wird, und diese Fräulein Salesie war gleich
von der ersten Mittheilung der Unternehmung fast für
dieselbe begeistert und ehe noch Schnyders Brief an mich
ankam sagte sie wiederkehrend zu mir: „ich bin überzeugt
es geht gut, ich glaube gewiß es geht durch“. Bey uns
Protestanten und ganz namentlich den Lutheranern jetzt
da wird gleich darauf inquirirt ob man orthodox
oder hederodox, ob man Mystiker oder Rationalist ist,
so z.B. auch in Frankfurt a.M., hier hat mich bis
jetzt noch Niemand darnach gefragt. Ja, ich will es
keineswegs läugnen, dieses natürliche und nothwendige
Verhältniß des reinen Catholizismus zum ächten Pro-
testantismus war es, was in Frankfurt schon meinen
Glauben an das Gedeyen des ganzen Unternehmens
nährte und was ich ganz wesentlich in Beziehung darauf
in Anschlag brachte.
Heute Mittag stimmte auch Mad: Sonnenberg (eine
alte Dame von dem lebendigsten Gemüthe wie dem klar-
sten Geiste und ebenso sanfter und doch bestimmter Ge-
sichtsbildung als klarem und strahlendem Auge) diesem
bey.
Siehst Du, mein hochgeliebtes theuerstes Weib, so
geht wohl manches und wohl sogar das wesentlichste von /
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dem in Erfüllung, was mein Geist schon lange sahe und
mein Gemüth ahnete, und gar Manches mag noch davon
in Erfüllung gehen und dennoch kannst Du kaum glauben,
wie wenig ich noch von dem Leben und dessen Entwicke-
lungsgang weiß, und wie sehr ich in Beziehung auf die
Zukunft im Dunkeln und nur vertrauend fortgehe.
Diese lebendige thätig eingehende Theilnahme, die ich
hier jetzt finde, hatte ich einst in der Heimath erwartet,
ob – und wohin sie sich in catholischer Atmosphäre
entwickeln kann und wird, wer mag es bestimmen? Was
sich auch schon entwickelt hat, was ich auch schon schaute
und noch schau, so gehe ich doch noch immer der Zu-
kunft mit verborgenen Augen entgegen. Was ich, was mein
Gemüth, meine Seele ahnt, das weiß ich wohl, doch die
Seele, das Gemüth empfindet und wünscht immer das
Höchste. Was ich nun wenigstens für die nächste Zukunft
zu tun Willens bin, wirst Du mein liebes sorgliches
Weib gern wissen wollen. Ja, höre und urtheile. Zu-
nächst muß und werde ich nun so lange hier bleiben,
bis unsere Bekanntmachungen eine gewisse Ausdehnung
und womöglich Eindringlichkeit erhalten haben. In einem
oder mehreren der vielen Schweitzer Blätter wird hoffent-
lich die Bekanntmachung allernächstens geschehen und es
wird sich dann bald entscheiden, ob die Unternehmung
dem allgemeinen Bedürfniß angemessen gefunden und
beachtet wird. Hierzu ist wenigstens der Zeitraum bis
nach Michaelis nöthig, und bey also auch gänzlicher
Wirkungslosigkeit unserer Anzeige würde ich doch schwer-
lich vor dem Monat November nach Keilhau, und wo-
hin doch jetzt schon so oft die Sehnsucht mein Herz reißt,
zurückkehren können. Sollte sich aber im Publikum und
zunächst in der Schweitz, denn auf Deutschland und
Frankreich möchte wohl wegen der Kürze der Zeit, da
kaum mit Ende August die Bekanntmachung in Deutsch-
land und noch später erst in französischen Blättern ge-
schehen können, in diesen nächsten Winterhalbjahr noch
nicht zu rechnen seyn, sollte sich nun aber auch für den
Anfang nur ein einziger Zögling finden, so würde ich
sogleich diesen Winter und bis Ostern hier bleiben. /
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Zeigte sich nun aber die bestimmte Aussicht zu bald
mehr Zöglingen, träten dann sogar zwey oder einer für
die höhere Pension ein, so würde ich dem Wilhelm be-
sonders wegen des französischen den Vorschlag thun zu
mir zu kommen. Da nun aber Fräulein Salesie auch bey
ihrem besten Willen und der regsten Theilnahme zu
schwach, besonders gar zu brustschwach ist, so würde ich
Elisen den Vorschlag thun mit ihrem Bruder hierher zu
kommen; Fräulein Salesie ist ein sehr erfahrenes, häus-
liches und wirthschaftliches Frauenzimmer und Elise würde
sich gewiß, so weit ich deren beyderseitigen Charakter zu
beurtheilen vermag, leicht, sehr leicht mit ihr finden, und
Elise würde sich so gewiß leicht in diesen doch noch kleinen
Haushalt finden, und dies aus doppelter Rücksicht um
so mehr als erstlich in dem Hause ein sehr gutes treues
und erfahrenes Mädchen, die Tochter des Schloßmayers
ist; dann aber auch weil nach der Rücksprache und dem
Einverständniß mit den beyden erfahrnen Frauen Mad.
Schwytzer und Mad. Sonnenberg die häusliche Einrich-
tung namentlich der Tisch bis auf wenige örtliche Eigen-
heiten ganz so wie in Keilhau seyn würde. Auch an
diesen beyden Frauen hätte Elise wenn es nöthig wäre
mütterlich rathende Stütze. Schnyder, Fräulein Salesie
und die ebengenannten beyden Frauen, denen ich meinen
Plan so wie hier Dir mittheilte, sind so weit sie die Sache
beurtheilen können, ganz mit demselben einverstanden.
Sey nun, herziges Weib, so gut und theile das Ganze
ebenso der lieben Schwägerin, durch sie dem Bruder und
Elisen mit und sprich mir gleich im nächsten Briefe, um
den ich sehnlichst bitte
, Eure und ihre Ansicht
mit, oder fordere sie und Wilhelm auf mir ihre Meinung
zu schreiben. Müßte ich nun so den Winter hier bleiben,
so käme ich dann wenigstens Ostern nach Keilhau zurück
und die Umstände würden dann bestimmen, ob ich Dich
in Keilhau, oder Du mich hier abholtest, überhaupt was
weiter in Beziehung auf die Zukunft fest zu setzen sey.
Grüße die lieben Kinder Christian Friedrich, Ludowika,
Hedwig und das ganze Haus. Schreibe mir bald, o
schreibe bald
Deinem treuen Fr. Fröbel. /

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Wie geht es den geliebten Theuren: Mutter und
Tante in Berlin, ich hoffe gut. So bald alles ganz klar
ist, schreibe ich; schreibst Du früher so grüße sie auf das
seelenvollste und zeige ihnen, wie auch diese Handlungs-
weise nur der Ausdruck sey, das Ganze in sich und außer
sich in Vertrauen auf Gott – durch eigene Kraft zu
sichern.