Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die Frauen in Keilhau v. 18.8./<vor> 21.9.1831 (Wartensee)


F. an die Frauen in Keilhau v. 18.8./<vor> 21.9.1831 (Wartensee)
(BN 724, Bl. 4-72, Brieforiginal 34 B + 1 Bl 4° 137 S., ed. Gumlich 1935)

Schloß Wartensee, am 18en August 1831.


Wilhelmine und Emilie,
Elise und Albertine,
Caroline und Ernestine;

Auch Du meine geliebte Wilhelmine, mein theures einziges Weib hast meinen
Brief, geschrieben am 11en July gelesen; so wenig nun aber meine Seele, selbst nach
Absendung des Briefes, also noch weniger beym Schreiben desselben, dieß auch nur
leise geahnet hat, so innig ja unaussprechlich und darum bleibend lieb ist es mir daß es
geschehen ist; ich kenne wenige Ereignisse meines Lebens die ich diesem an die Seite
ordnen mögte und würde wenn es möglich wäre eine streng prüfende Vergleich-
ung anzustellen noch bey weitem wenigere finden die ich diesem überordnen
könnte. So wie ich jenen Brief als nothwendige unumgehbare Forderung meiner
innersten Lebensentwicklung vielleicht nach den innersten Forderungen der Mensch-
heitsentwicklung und ihr, wenn auch mit freyer Selbstbestimmung, gehorsamen
müssend schrieb,- denn ich hatte den Gedanken der Ausführung, wohl fühlend daß
das Schreiben des Briefes, wie es denn auch wirklich der Fall war, weder
mir, noch das Lesen desselben andern Freude machen konnte, gar mannichmal
in mir schon zurück gestellt, doch schien mir dieß ein solcher Verrath an dem Leben
eine solche Untreue gegen das Leben, daß ich noch die allerletzte wenige Zeit
welche bis zum Postabgang die meine war benutzte einer Forderung zu genügen,
die mir so bey weitem weniger eine persönliche, als eine allgemein menschliche
erschien - in und mit denselben Empfindungen, Lebensansichten, Gesinnungen und
Geistesanschauungen schreibe ich nun auch diesen Brief; ja ich finde nun das
Schreiben jenes Briefes am 11en July so begründet, daß mir dadurch das Schrei-
ben dieses Briefes möglich wird, weil das was als Gegenstand desselben meinem
Gemüthe vorliegt seit Jahren zur Mittheilung in meiner Seele ruht, und da-
rum auch wohl schon an Einzelne von Euch und stückweise, wie Ihr vielleicht fin-
den werdet oft versucht worden aber niemals in Stetigkeit, Klarheit und Vollkommen-
heit ausgeführt wurde und wie sich nun ganz leicht einsehen läßt, ohne das alles
bisher Verflossene nicht ausgeführt werden konnte; darum will ich aber nun auch
nicht säumen den Forderungen des jetzt eingetretenen Entwicklungspunktes in ihrem
ganzen Umfange und Strenge, in freyer Selbstbestimmung zu genügen. [Bogen] 1/
[1R]
Die Kunde von dem und die Kenntniß des innern Lebens des Menschen vor allem
des Herzens und Gemüthes und die von der Entwicklung und Ausbildung desselben
und so von meinem Standpunkte aus des männlichen Lebens, Herzens und Gemüthes
hat mir von frühe her schon, für diesen, wie für jeden einzelnen Menschen, das gegen-
wärtige und künftige Menschengeschlecht, die Menschheit, ja das ganze Geister-,
Geistes- und Seelenreich so unaussprechlich wichtig geschiehnen, daß ich nie von den
Erscheinungen meines inneren Lebens, meines Herzens und Gemüthes, meiner Seele
selbst in ihrer größten Zurückgezogenheit in sich, ein Geheimniß gemacht habe, so
wenig auch besonders das letztere oft mißkannt, ja als ein ganz Entgegengesetztes
verstanden wurde. Ich habe darum wie Ihr alle wißt und erfahren habt gern und
viel von meinem Leben mitgetheilt; ich habe darum oft gewünscht was Euch vielleicht manchen unheim-
lichen Augenblick und auch wohl Stunden verursacht hat, daß Ihr mir aus dem Schatze
Eures inneren Lebens aus den Erfahrungen und Empfindungen Eures Herzens und Gemü-
thes offene Mittheilungen machen möchtet, damit endlich das Leben einmal in seiner
Stetigkeit, Klarheit, Gesetzmäßigkeit, Einigkeit und Einheit d.h. als wahres Leben
erkannt würde; doch was das äußere Leben, das Leben in seiner Erscheinung hierin zu
reichen wie zu empfangen verstattete, war oft zu unvollständig, zu zerstückt und getrübt
und darum vielleicht in dem ersten Augenblick mehr hindernd als fördernd wirken[d], daß
ich einer jetzt vielseitig an mich ergehenden Geistes- Herzen[-] und Gemüthes- der <gesam[m]elten>
Lebensforderung zu genügen Euch Ihr Theueren, Geliebten hier, in Klarheit und Stetig-
keit und der möglichsten Vollständigkeit die im Wesentlichen, die Geschichte eines
menschlichen Herzens und Gemüthes, die Geschichte meines Herzens und Gemüthes
die Geschichte meines Herzens und Gemüthes, meiner Seele als empfindend und
fühlend vorführen will. Laßt Euch aber nie bey dem Lesen derselben das Bewußt-
seyn verlassen daß mich wegen meines Wesens und Berufes während dem Nieder-
schreiben derselben stets die Sorge begleiten mußte streng wahr zu seyn. Mir genügt
kein Handeln, und meinem Wesen genügt kein Ergebniß seines Handelns und Wirkens
daß, wenn es auch fast die ganze unendliche Ewigkeit hindurch den Schein der Wahrheit
sich erhalten könnte und doch in dem kleinsten Zeittheile derselben und sey es auch nur
in der verborgensten Tiefe des eigensten Bewußtseyns in seiner Unwahrheit und Zwey-
deutigkeit und sonst für Niemand kund und offenbar würde. Doch
Doch welches ist nun der Ausgangs- und Anfangspunkt dieser Geschichte, welches
wird der Ziel[-] und Endpunkt derselben seyn?- Ja ich empfinde und fühle es, wie ich es
immer empfand und fühlte, ich weiß und schaue es jetzt wie ich es immer zu wissen /
[2]
und zu schauen ersehnte:- Anfangs- und Endpunkt fallen in einander, Ausgangs- und Zielpunkt
sind eins,- sind Eines! - und doch liegt zwischen beyden eine Ewigkeit von Leben, eine Unend-
lichkeit von Freud und Leid, von Lust und Schmerz, von Gewinn und Verlust, von Besitz und Entbeh-
rung, von - Leben und Tod! Doch wie kann, wie könnte es denn anders seyn?- ist dieses
Eine nicht - die Liebe?- Ja die Liebe dieses ewige Ruhen im ewig Einen, dieß
ewige Leben im ewig Einigen und doch dieses ewige Streben nach dem Einen und Einigen
- das ist der Ausgangs- und Zielpunkt, der Anfangs- und Endpunkt, der Keim und die
Frucht der Herzens- und Gemüthsentwicklung, und so auch ihrer Geschichte, und ist so auch
und zwar für mich gleich in seinem ersten Ursprung für mich nur zu eindringlich und un-
zweydeutig der Anfangs- und Endpunkt der Entwicklung - und somit Entwicklungsgeschichte
meines Herzens und Gemüthes meines innern Lebens.
Ich habe es oft im Allgemeinen und namentlich auch wohl zu Euch insbesondere ausgesprochen,
daß gleich mit dem Tod mit dem Verluste meiner Mutter, mit dem Verluste der Lebens[-]
Einigung mit meiner Mutter, mit dem Verluste der Menschen- und Erdenliebe meiner Mutter
und so eigentlich mit dem Verluste der menschlichen Wechselliebe zwischen Mutter und
Kind durch den Tod meiner Mutter, daß mit diesem Augenblick mein ganzes künftiges
Leben seinen Charakter und ich möchte selbst sagen seinen Beruf und seine äußere Form
als Mensch dieser Zeit und dieses Raumes erhielt,- und so, ja so ist es!- Ich habe es
frühe schon in vielen äußeren und persönlichen Beziehungen gesehen, jetzt sehe ich es in den
innersten und allgemeinsten. Ja ich schaue jetzt so klar als ich es lebendig lang schon fühle, daß das
Leben aller derer, welche mit Selbstauf- und Hinopferung Wohlthäter, das ist Erzieher
der Menschen und der Menschheit wurden und waren in einer gleichen Ursache, in einer frühen
Verletzung ursprünglicher Seelen-, der Herzens- und Gemüths- der Geisteseinigung seinen
Grund hat, selbst das Leben und Wirken eines Jesus nicht ausgenommen. Ich deute
hier nur an: daß die Seele der Geist dann frühe strebt jene ursprüngliche Seelen- und Geisteseinigung
jenes uranfängliche Gemeinleben herzustellen, jene erste Wunde zu heilen; da sie aber ihrer
Natur, d.h. ihrer äußeren Erscheinung, wie ihrem Wesen, d.h. ihrem innern Seyn nach unheilbar
für die Zeit des Erdenlebens ist, so reißt es alles als Gegenstand und als Mittel in
den Kreis seines Strebens nach Herstellung einer ursprünglichen Einigung d.h. in den Kreis
seiner Seelenliebe, bis es alles durchkämpft und alles durchlebt habend die Einigung mit dem
einzig und ewig Einen und so auch wieder die Einigung mit dem ihm ursprünglich Eigenen und
Einigen gefunden hat, bis es gefunden hat die unendliche Liebe des ewig Einen und in dieser und mit dieser
die Liebe des ihm und mit ihm ursprünglich Einen. Viel ließe sich noch darüber sagen, viel alles
in den Erscheinungen des Menschengeschlechtes ließe sich wohl daraus erklären, denn ich sehe in /
[2R]
dem, was meinem Gemüthe und Geiste von dem menschlichen Ahnen, Glauben[,] Wissen, Schauen[,]
von des Menschen Geschichte und Offenbarung vorliegt nirgend einen Widerspruch sondern
nur Beystimmung und wieder Beystimmung; doch ich kehre zu dem mir hier gesetzten Ziele zur
Betrachtung und Vorführung meines eigenen Lebens und zu den und in die mir gesteckten
engen fest bestimmten Grenzen der Herzens[-] und Gemüthsentwicklung zurück.
In einer im Frühjahr 1816 in B.[Berlin] in wenigen Zeilen entworfenen Skizze meines Lebens, die aber
wohl verlohren gegangen ist sage ich: ”mein Vater weyhete bald nach meinem Erscheinen auf der
Erde mein Leben durch die Religion Gott dem Vater aller und die Mutter übergab in ihrem
Scheiden von der Erde mein Leben durch ihre Liebe der Natur, der Mutter aller”- und ihre
Wünsche und Bitte[n] gingen wie die jeder ächten Liebe in Erfüllung; denn gleich nach dem Tode mei-
ner Mutter übergab mich mein Vater wie ich erst spät noch in K[ei]lh[au] hörte, einem einfachen
weiblichen Wesen so rein als jugendlich zur Pflege. Aus den mündlichen Mittheilungen dieser
Person selbst bey welchen Du geliebte Wilhelmine, irre ich nicht, selbst gegenwärtig warst und
in welchen sie mir aussprach wie sie nur schüchtern und ängstlich die ihr von meinem Vater über-
tragene und gelehrte Pflege meiner übernommen, geht mir hervor warum mir auch
aus dem noch spätern Lebensverkehr nach zurückgelegten Kindesjahren doch nur wenige lichte
freundliche Züge ihres Gesichtes ohne eigentliche Wärme geblieben sind, ob ich mich gleich erinnere
daß ich sehr gern in das Haus ihrer Eltern ging als heraufwachsender Knabe ging und mich an der Klar-
heit und Freundlichkeit ihrer Züge freute, ja daß ich mich so gar erinnere, sie, als sie durch Heyrath
aus dem Hause kam, vermißt zu haben, ohne mir jedoch von ihrem früheren Verhältniß, als
Pflegerinn meiner etwas bewußt zu seyn.- Viel bestimmter und lebendiger besonders waren
meine Empfindungen als mein Vater uns und besonders mir eine zweyte Mutter zu führte
das mütterliche Verhältniß, selbst in dieser Abschattung hat eine solche Allgewalt und
wirkt so bestimmt belebend und erhöhend auf das Kindes Gemüth, daß ich mir recht
wohl bewußt bin, wie dort ein ganz neues Leben in mir aufging ob ich gleich eine gewiße
Fremdartigkeit und ein Gemachtes im Verhältnisse wohl durchfühlte, aber mein Kindesglaube
und mein Herzensbedürfniß ließ mich darinn kein Hinderniß finden; doch die Geburt ihres
ersten Sohnes nachdem ich 4 ½ Jahr alt geworden veränderte mein ganzes Leben und ganz in
dem Maße wie ich mich dessen und meiner bewußt war, fühlte und erkannte ich mich in einer
Wildniß. Dieß Wort bezeichnet recht eigentlich mein dortmaliges Leben. Sich selbst überlassen, der
Rohheit und Gemeinheit hingegeben, wie konnte ein die reinen natürlichen Herzensempfindungen
und Gefühle wie das meine bedürfendes Gemüthe, da und in einem solchen Leben einen Ruhe-
einen Stütz- einen Keimpunkt finden. Darum, so viel auch dessen ist was ich mich aus jenem
Irr- und Wirr-, Nacht- und Dunkelleben erinnere, so ist doch außer der Erinnerung meiner /
[3]
meiner dankbaren Anerkenntniß gutmüthiger Theilnahme von Menschen untergeordneter Bildung
an meiner Lage für mich nur wenig des wahrhaft Erhebenden darunter; vielmehr der zu starke Ge-
gensatz der gutmüthigen Theilnahme jener Menschen und der Untheilnahme der doch mit mehr
Mitteln zum Durchblicken begabten Menschen der Grund, warum ich im spätern Leben eine viel-
leicht eine oft wohl zu große und darum vielleicht nachtheilige Nachsicht mit dieser Art Menschen hatte
diese Art Menschen durch welche, was dem Knaben in jenem Alter besonders so viel ist, so oft mein
drückender Hunger gestillt worden war. (:darum um alles in der Welt in der Kinder- und beson-
ders in der Knabenerziehung nur kein Maaßregeln genommen welche sie in eine nähere
Verbindung durch ungebildete Gutmüthigkeit herbey geführt, mit dieser Art Menschen bringen
nur immer das Kind mit dem Edelsten und Höchsten wenigstens dahin Strebenden in Verbindung und
Einigung erhalten, wenn dieses Strebende in seinen Erscheinungen auch Rauh und Dornigt
ja in seinem Streben nach jenem oft unsicher und schwankend erschiene; das Vorhalten und Vor-
führen des schon Daseyenden und Erreichten macht es überhaupt nicht in der Erziehung, jenes
wirkt im Ganzen mehr schwächend, sondern das Vorführen des noch-nicht-Erreichten, noch-nicht-
Daseyenden. Hier ist ein Anknüpfungspunkt vielseitiger Entwicklungen die ich aber jetzt alle
fallen lassen und vielmehr nach dieser zu großen Abschweifung eiligst zu meinem nächsten
Zweck zurück kehren muß. :)
Die nun folgenden Momente, Erscheinungen und Thatsachen meines Lebens namentlich was hieher
gehört, meiner Herzens- und Gemüthsentwicklung kann ich nicht mehr so streng den Jahren nach
scheiden, noch weniger den Jahren nach bestimmen, es wären hierzu Vergleichungen mit <vor allen> Verhältnissen in
meinem älterlichen Hause namentlich in dem Leben meiner Geschwister nöthig, die ich jetzt hier nicht
machen kann; doch ist das höchst merkwürdig daß mit diesen ersten Thatsachen meines Lebens, wo ich gleich-
sam aus dem Gehege, Gehöft, aus der Clausur gleichsam meines älterlichen Hauses und Hofes her-
austrat, die einzig in den Verhältnissen meines älterlichen Hauses, namentlich meines Vaters, aber
keinesweges in mir und in meinem Seyn ihren Grund hatten, daß mit diesen Thatsachen mein
ganzes inneres Leben und dessen Entwicklungsgang für die Zukunft bestimmt wurde, wenigstens
darinn schon vorbildlich ganz in seinem Keime lag. Der Anfang dieser Thatsachen mag in mein 7es oder
8es Jahr den äußern Umständen nach, fallen.-
In meinem Geburtsorte OWB [sc.: Oberweißbach] waren zwey Schulen eine Knaben[-] und eine Mädchenschule. Mein
Vater mit dem Führer der ersten, dem Cantor und dessen Schulführung unzufrieden, brachte mich
in die 2e Schule des zweyten und zu ihrem Führer, dem Organisten. Ich erinnere es mich noch ganz klar; es war
an einem Montage nach der gewöhnlichen Betstunde, mein Vater im Ornat brachte mich in die
Schule. Als mein Vater in die Schulstube trat, stand[en] wie mit einem Fuß alle wohl über Hundert
Mädchen auf und begrüßten meinen Vater, nach dortmaliger Sitte, wie mit einem Vatter Munde  [Bogen] 2/
[3R]
als Herr Vader. Dieß alles machte einen so starken Eindruck auf mich daß ich mich klar noch
gar mancher Einzelheiten erinnere, welche aber nicht hieher gehören. Nur eines hebe ich gleichsam
als Vorläufer zur nachher zu erwähnenden Hauptthatsache heraus, daß ich wohl fühlte, ich als
Knabe gehöre eigentlich nicht in diese Schule und daß mich mein Vater zu einem gewissen Schutz
in diese Schule gebracht habe, dieß gab meinem Betragen eine gewisse Scheu und mir selbst ein
unklares Gefühl von Schutz und Schützling und da zwischen beyden gewissermassen eine natürliche
Trennung ist, so wurde durch die große Trennung die zwischen Knaben und Mädchen durch die große Kluft die zwischen
männlichen und weiblichen Geschlecht schon dort in mir lag das Fremdartige oder vielmehr Fremde ver-
mehrt mit welchen ich mich immer in jeder Schule fühlte, aber auch die lebhaften und bleibenden
tiefen lebenergreifenden Eindrücke, welches alles was in dieser Schule geschahe auf mich machte.
Diese Eindrücke mußten um so tiefer seyn und mußten unbewußt und ungehindert um so tiefer wur-
zeln als sonst in der Schule auch bey dieser großen Anzahl von Kindern ungemeine Ordnung
und Ruhe und doch immer regsame stille Thätigkeit herrschte, sollte es auch nur bey den kleinen
Mädchen durch Fortlegung ihrer Bilderchen und farbigen Zeichen in ihren Büchern gewesen seyn.
Doch zur Hauptsache zum Haupteindruck. Nach damals wohl löblichem Gebrauche war es nothwendig
daß nicht allein jedes Kind am Sonntage in der Kirche gewesen seyn, sondern sich auch aus der Predigt
des Herrn Pfarrers wenigstens einen Spruch gemerkt haben mußte. Einer dieser dortmals vielen
Sprüche wurde nach Wahl des Schullehrers für die kleineren Mädchen zum Gemeingut erhoben, dadurch
daß er die ganze Woche hindurch von einer größeren Schülerin den kleineren in kleinen Abtheilungen vor-
und von diesen nachgesprochen werden mußte. Diese kleinen Mädchen saßen nun in meiner Gesichtslinie und mit der-
selben fast gleichgerichtet. Der BibelSpruch welchen ich nun gleich von dem ersten Tage an und die ganze Woche
hindurch eine bestimmte Zeit von diesem Chor kleiner Mädchen in seinem singenden Dorftone nachsprechen
hörte war der bekannte: ”Trachtet am ersten” pp. pp und der Eindruck war so stark, daß ich
jetzt noch wie von einem singenden Nonnenchore die einzelnen Stimmen derselben in mir höre.- Die
Stimmung welche auf diese Weise mein Gemüth und Herz gleich vom Anfange herein in dieser Schule
erhielt wurde auch während meinem ganzen Aufenthalte in derselben der doch wohl einige
Jahre gedauert haben mag nicht nur erhalten, sondern steigernd befestiget. Ich wurde sehr bald, so erinnere
ich mich zu den größeren Mädchen im Unterrichte gerechnet, und mußte wo es mir möglich war
mit diesem [sc.. diesen] zugleich die Schulaufgaben erfüllen. Ähnlich den kleineren Mädchen hatten die größeren
nun die Aufgabe im Laufe der Woche das am Sonntage gesungene Hauptlied zu lernen
und wurde gewöhnlich alle Tage beym Ende der Schule ein Vers davon gesungen. Hier erinnere
ich mich nun ganz namentlich zweyer Lieder die einen so bleibend lebendig[en] Eindruck auf mich machten,
oder vielmehr in ihrem Inhalte von meinem Gemüthe als seinem Inhalte so angemessen und ent-
sprechend, zusagend erkannt wurden, daß sie mir aus jener Zeit noch in ihrem ganzen Inhalte /
[4]
jetzt wörtlich vorschweben, es sind dieß die beyden Lieder aus dem alten Rud:[sc.: Rudolstädter] Gesangbuche: ”Schwing dich auf
mein Herz und Geist” pp und ”Es kostet viel ein Christ zu seyn” pp. Seht nun Ihr Geliebten und Theuern ob
Ihr Euch den dortmaligen Zustand meines Herzens und Gemüthes klar machen könnt; gebt Euch Mühe
es zu thun und ihn zu verstehen, denn es ist vielleicht nicht allein zur Verständniß meines Lebens
und des Eingreifens desselben in Euer Leben, sondern vielleicht vielseitig zur Erkenntniß des Lebens
und dessen Erscheinungen wichtig. Ich hebe andeutungsweise ein Paar Punkte heraus.- In dieser Mädchen[-]
Schule trat mir gleichsam das ganze weibliche Geschlecht repräsentiert, stellvertretend, vor.-
- Es erschien mir das weibliche Geschlecht hier in seiner höchsten Sphäre, in dem religiösen Leben,
in der Pflege des religiösen Lebens.- In dieser Schule trat mir also so gleichsam die ganze
weibliche, oder Gemüths- oder religiöse Seite und Hälfte des menschlichen G der Menschheit
entgegen.-- Ich sah gleichsam hier das Gemüth und Leben meiner Mutter, was ich wohl still mir
selbst aber nicht in der Ahnung bewußt suchte, was mir aber auch fern und fremd war, verviel-
fältigt gleichsam von neuem hervorkeimend vor mir.-- Darum erinnere ich mich nicht ob ich gleich
bis in mein 10½ Jahr im Allgemeinen in diesem Verhältniß blieb, und obgleich die Gymnasienwelt
in ihrem lauten und vielen Gespräche[n] von hübschen Mädchen und Gesichtern mir ziemlich, ja gehörig nahe kam
daß besondere weibliche persönliche Bildung, bis noch lange hin ich herausgehoben hätte; im Gegentheil
erinnere ich mich mit Bestimmtheit, daß die Heraushebung und Festhaltung des Einzelnen aus dem Ganzen
mir nicht leicht wurde.-- Da auch bey mir, wie natürlich immer die Bildung des Kopfes und Geistes
auf die des Herzens und Gemüthes rückwirkte, so muß ich als ganz wesentlich hier eines wesentlichen
Gegenstandes meines Nachdenkens erwähnen ([:] nämlich den der Verbesserung meiner Lage so weit ich
solche in meiner Gewalt meinte <ungbeachtet>:) so sehr nemlich mein Herz und Gemüth in seinem Innern
beruhigt war, so wenig war es dasselbe und mein Nachdenken in Beziehung auf das äußere Leben,
die äußeren Erscheinungen des Lebens. Durch meines Vaters Stellung, Verhältnisse Amt und Pflichten
besonders nach dortmaliger Weise als Friedensstifter zwischen den Geschlechtern und in den Familien, er-
schienen mir die beyden Geschlechter der Menschen in einem unwürdigen vernichtenden Kampfe und Ver-
hältniß wovon ich umso weniger im Einzelnen und im Ganzen den Grund einsehen konnte, als [ich] das
ganze weibliche Geschlecht durch die angedeuteten Verhältnisse nur in höheren Beziehungen schaute, und ich
nirgend in der Natur einen gleichen zerstöhrenden Kampf sahe. Ich fragte mich mit Bestimmtheit:
warum mag wohl das Menschengeschlecht, warum mag wohl der Mensch allein so zerstöhrenden
und unwürdigen Verhältnissen und Verirrungen Preis gegeben seyn.- In dieser Zeit trat mein
verstorbener Bruder, der Pfarrer, wie so oft im Leben als segnender, schützender und Licht und
Klarheit in die Dunkelheit und das Wirre bringend zu mir das stille doppeleinige Leben in der
Pflanzenwelt, hier zuerst an den ersten Blüthen des Frühlings der Haselnuß, und mit einem freudigen
Erstaunen, mit Empfindungen die ich nicht einzeln zu machen vermag: erkannte ich ein großes, durchgreifendes /
[4R]
still wirkendes Natur- (Gottes-)Gesetz dem auch die friedliche Pflanzenwelt in Frieden
und Leiden-schafts-los unterworfen sey und von nun an war auch Friede in mir, we-
nigstens besaß ich nun die Bedingung zur Erringung und Festhaltung des Friedens in mir und
den Schlüssel zur richtigen Erkenntniß und Anschauung der Dinge außer mir namentlich der
menschlich geschlechtlichen Verhältnisse; denn ich sahe nun klar ein:- die Verwirrende
und Vernichtende Erfassung und Auffassung eines so natürlichen Verhältnisses läge blos
in der Schuld des Menschen selbst, in der unwürdigen Erfassung seines Wesens. Eines hätte
ich wohl schon früher erwähnen sollen, weiß zwar nicht gleich wo, will es aber doch als ganz
wesentlich nachholen, und zwar wie es mir so eben erscheinen will, an dem ganz rechten
Platz und Punkte, daß während und in meiner Dorfschulzeit Bibellesen, und so vor allem
auch das Bibellesen des alten Test: [sc.: Testaments] und der Schöpfungsgeschichte pp. pp. ein Hauptgegenstand
meines Unterrichtes ausmachte, und daß dieß oder vielmehr der Inhalt davon in
Vergleich und in Verbindung mit dem Ganzen und meines Vater[s] Beruf als Prediger wie als
Beichtvater und Seelsorger gleich stark beschäftigte. Ohne hier in alle die einzelnen Nach-
weisungen und Richtungen meines Lebens, Empfindens und Denkens einzusehen [sc.: einzugehen] sage ich nur Friede
und Freudigkeit war mir jetzt über alle Verhältnisse des menschlichen Lebens gekommen - (: ob
mich gleich die Erscheinungen meines Einzellebens als Stiefkind pp. noch drückten:) daß ich meinen
und wohl des Menschen höchsten Gedanken fassen konnte: [”]Dem Menschen ist es möglich kann
es möglich seyn seine ursprüngliche Reinheit, die ursprüngliche Reinheit seines Wesens wie
es das Musterleben Jesu zeigt wieder zu erringen.” Dieß war bis vor meinem 10½ Jahr,
denn es war noch während meines Lebens im elterlichen Hause und am 1en Advent 1792
kam ich aus dem elterlichen Hause zu meinem mütterlichen Oheim nach StadtIlm. Und
mit diesem Aus- und Eintritt beginnt auch eine ganz neue Zeit meines Lebens. Ich mußte
bey der Betrachtung und Vorführung dieses zweyten und in Beziehung auf das Bewußtwerden
meiner selbst, ersten Lebensabschnittes, so lange verweilen, weil in ihm die ganze künftige
Entwicklung meines Lebens begründet ist und wie aus einem Kerne aus demselben hervor-
geht, denn nicht nur in die und zur Kenntniß der Pf[l]anzen[-] und Steinwelt führte durch leise
Andeutungen mir [sc.. mich] jener Bruder, sondern auch zur Kenntniß des Standes der Sternenbilder
ja des Sonnensystemes leitete er schon den äußeren wie den inneren Sinn, und so lag nicht nur
Gott, Natur und Menschheit sondern die Entwicklung des Einzelnen, die Geschichte des Ganzen und die
Offenbarung der Einheit in ihrer Einigung und Wechselbeziehung, andeutungsweise mir
schon vor.
Im Innern war mein nun begonnenes städtisches Leben mein[em] früheren dörfischen Leben
ganz gleich obgleich äußerlich gleich vom ersten Beginne an von demselben verschieden. Dort /
[5]
Beschränkung des Raumes, hier völlig Freygegebenseyn desselben, nur die Zeit
etwas für mich fühlbar ganz Neues war hier das Beschränkende. Wenn ich jetzt
dieß recht erwäge so ist diese Erziehung der Vorsehung recht merkwürdig und
erscheint wie ganz absichtsvoll um mich Raum und Zeit in {ihrer/seiner[}] tiefsten
Bedeutung in {ihrer/seiner[}] Gleichartigkeit, Verschiedenheit kennen zu lernen, in ihrer
Achtung, Beachtung, Pflege und Benutzung; denn hier bey meinem Oheim war
mir die ganze Gegend frey gegeben, die fernsten Berge derselben zur Besteigung
wenn ich nur ich nur zu den einmal festgesetzten Zeiten immer zu Hause war;
auch alle Spiele und aller Umgang war mir frey gegeben und wenn ich jetzt
nach einen [s.c.:einem] Grundsatz suche welcher meinen theuern Oheim dabei leitete, so finde
[ich] je offener freyer um so lieber; denn auf aller Art Spielplätze und bey aller
Art Spiele hat mich mein Oheim getroffen und nie erinnere ich mich daß er
mir etwas darüber gesagt oder für den Umgang mit gewissen Knaben
gewarnt hätte, kann aber wohl seyn, hat aber vielleicht keinen tiefen Ein-
druck auf mich gemacht weil mein eigentlicher Umgang durch mich selbst nur
meistenstheils auf gewisse und wie ich meine die besseren Knaben sich beschränkte[.]
So gewann mein ganzes Leben hier Heiterkeit und Freyheit und ich habe hier
wahrhaft und viel gelebt ohne daß ich es wußte fortgehend in Garten und
Natur. Wie in Beziehung auf Raum und Zeit mein neues und altes Leben ver-
schieden war, so war es auch verschieden in Beziehung auf Umgang; wie dort
in die Mädchenschule, kam ich hier in die Knabenschule, aber wie dort gleich
in eine höhere Abtheilung in die Schule des Conrectors wie der Lehrer genannt
wurde, so war überhaupt mein Umgang nur männlicher Art, denn im Hause
meines Oheims war eigentlich für mich als mein Leben bestimmend Niemand
als er allein da. Meine Stellung zu der mich umgebenden Knabenwelt war
aber eine eigene, diese Knaben und Jungen waren in allen ihren Spielen und Kna-
benthun so gewandt und geübt, auch waren die der obersten Ordnung auch wirklich
körperlich so groß daß ich an ihnen, wie an Riesen herauf schaute. Wohl fehlte
mir so zu den Knabenspielen die Gewandheit aber nicht der Muth, dieß soll
wie ich später gehört habe und was sich mir leicht erklären läßt, allen mei-
nen [sc: allem meinem] Handeln im Spiel und Knabenleben etwas Gewaltiges, Gewagtes ja oft
Verwegenes gegeben haben. Ich erinnere mich wohl, daß ich manche Knabenstreiche  [Bogen] 3/
[5R]
als etwas zu gewagt fürchtete; da ich mich aber wohl scheuete dieß vielleicht
als ein Zeichen meiner innern Schwäche bemerkbar zu machen und so als letzter
zu erscheinen so suchte ich mich gewiß wo möglich wenigstens dem Wollen
und Willen nach bis zu den ersten hervor zu drängen. So lebte ich also von Herbst
1792 bis Frühling 1797 ein kräftiges, freyes und selbst in Beziehung auf Unterricht
wenigstens nach ein Paar Seiten hin ein angemesseneres Knabenleben.
Ganz vorzüglich rein und hoch mein Innerstes und Allerheiligstes erfüllend war
in dieser Zeit mein religiöses Leben, gar Manche würden es rein poetisch ich möchte
es rein menschlich nennen. Die Strafen- Sünder- und Höllenreligion lag längst hinter mir
und hatte ich in mir schon in OWB. [sc.: Oberweißbach] wenn sie mir anders eigentlich wirklich nahe gekommen
ist und in mein Leben eingegriffen hat gleichsam mit dem ersten leisen Nachdenken
darüber abgestreift. Schon in OWB [Oberweißbach] hatte ich die Sage von dem baldigen Weltun-
tergange als ein Mährchen und weniger als ein Mährchen als eine Unwahrheit er-
kannt aus dem ganz einfachen Grund welchen ich mir dort sehr bestimmt aussprach
daß nichts aus Gottes Willen hervorgegangenes mit Gottes Willen unter-
gehen könne ohne den größtmöglichsten Grad seiner Vollendung auf jeder Stufe
erreicht zu haben; nun ahnete ich aber für das Menschengeschlecht und für
seinen Zustand auf Erden noch gar manche Stufe der Vollkommenheit die
er noch nicht erreicht habe und doch seiner Natur nach erreichen könne und
solle, namentlich seine Unkenntniß des Lebens selbst u der Natur, daß mir
die Meinung von einem baldigen Erduntergang ich will gar nicht wie man immer
spricht sagen Weltuntergang als höchst lächerlich in mir vorkam. Zu diesem
meinen völlig beruhigten religiösen Leben in mir, weil ich alles nach Grund
und Folge, Ursache und Wirkung, und in einem lebendigen sich gegenseitig noth-
wendig bedingenden Zusammenhang klar schaute, das h.[heißt] klar zu schauen
meinte wenigstens in Einklang und Frieden lebendig empfand; zu diesem
inneren Stehen meiner selbst sage ich kam noch ein sehr vorzüglicher Lehrer
der Religion ein gewisser M. [sc.: Magister] Temper, später Pfarrer in Liebringen, dessen
Namen ich immer mit Achtung nenne, ob ich gleich später einsehen mußte, daß er
selbst nicht wußte was er seinen Schülern und so, was mir doch sehr
lieb gewesen wäre, was er mir gewesen war. Durch diesen trat mir
das Leb die Religion besonders das Leben Jesu in einem Lichtglanz entgegen
wie ich es noch nie gesehen hatte, in einer Lebendigkeit ich möchte sagen göttlichen Menschenwürdigkeit /
[6]
daß zum öftersten mein ganzes Leben darinn aufging. In jener Zeit lebte ich Zeiten
meines klarstens seeligsten Lebens, wie der bewußtesten festesten Entschlüsse.
Mehrere Jahre nachher sprach ich einmal in einem höchst offenem Gespräche mit
meinen [sc: meinem] Oheim über diesen Religionslehrer und seinen Unterricht; sein Urtheil
darüber war in Hinsicht auf Klarheit, Verständlichkeit und Eingreifen ins Leben,
nicht ganz das meine er meinte sein Unterricht sey zu philosophisch gewesen
und da ich an mir das Gegentheil nachweisen wollte, sagte er: [”] ja du kamst durch
deinen Vater gut vorbereitet in diesen Unterricht so konntest du ihn fassen und ver-
stehen.” Der liebe Oheim hatte Recht und Unrecht wie so oft der Mensch hat und
besonders die lieben Oheime haben. Genug in jener tief bewegten und hochbelebten
Stimmung meines Gemüthes war es als ich mit Zurücklegung oder Zurückgelegtem
15en Jahre 1797 Ostern confirmirt wurde. Später erfuhr ich, was, da ich der
Neffe des confirmirenden Superintendenten war, der Eindruck dieser Handlung auf
mein Inneres von der ganzen Gemeinde beachtet worden war.- Ja! eine
hohe Klarheit, Tiefe und Harmonie hätte dort mein Leben erringen können
wenn mein inneres, mein Herzens[-] u Gemüthsleben, mit meinem äußeren
besonders auch mit meinem Berufs- und eigentlichen Erkenntniß[-] und Wissensleben
in Übereinstimmung und in seine so nothwendige als natürliche Einigung gebracht
worden wäre. Wenn auch nicht in den unbewußten letzten Kern meines Innern
doch außer mir im Bewußtseyn standen jene drey Leben so ziemlich wie drey
in sich geschlossene Kreise, Sphären Kugeln ohne innere Einigung neben einander
praktisches Berufsleben - das Leben des denkenden, erkennenden, wissenden
Geistes - und das Leben des in der Einheit ruhenden empfindenden und eigent-
lich lebenden Gemüthes. Doch wer hätte mir die Einigung dieser 3 Welten
außer mir geben sollen, und doch war sie zu finden meinem Herzen meinem Leben
so hohes Bedürfniß; sollte ich sie finden bekommen und erreichen mußte
mußte [2x] ich sie selbst im Lebenskampf selbst finden und mir geben, und
dieser blieb natürlich eben deßhalb nicht aus. Doch Nun aber noch den
Schlußstein dieses meines eigentsten und persönlichen Lebens < Religion> und wenn
ich es recht bedenke der äußere Grundstein meines nun folgenden Her-
zens- und Gemüthslebens. In jener Zeit meines Übergangs aus dem
Knaben[-] in das Jünglingsalter, in der ersten Zeit meines Eintritts in das Jünglings /
[6R]
Jünglingsalter lernte ich ein Paar Augen kennen, so muß ich sagen um das
Verhältniß ganz richtig zu bezeichnen, denn mehr lernte ich auch fast nie
von dem Wesen kennen der sie angehörten, so wie es vor allem die Augen
waren die immer einen tiefen Eindruck auf mich machten. Der Blick und Ausdruck
dieses Auges - der wenn ich ihn mir jetzt zurück rufe nur Reinheit, Klarheit
ruhige Kräftigkeit und vor allem unbefangene höchste Offenheit war - hatte
mich, ohne daß ich eigentlich als Selbst und Person je mit ihr gesprochen hätte,
so ihr und sie mir verbunden, daß ich das Leben, ohne daß ich mir in Be-
ziehung auf äußere Verhältnisse irgend etwas dabey dachte, als ein einiges
in mir betrachte, was, wenn ich nur den leisesten Blick in die Verhältnisse
wie sie waren sich aufgelöst hätte da wir beyde gleichaltrig waren, was bey mei-
nem noch Nichts seyn und bey ihrem durch die Verhältnisse schon alles seyn die
größtmöglichste Kluft war, genug ich that aber jenen Blick so natürlich er
auch gewesen wäre in die wirklichen Verhältnisse nicht, doch was hatten die
lebendigen sanften Blicke des Auges mit den starren festen Lebensverhältnissen
zu thun; bald nach meiner Trennung von und aus ihrer Stadt und ohne nur in einem
eigentlichen Lebensverkehr gewesen zu seyn fügte ich ihren Namenszug mit dem Zeichen
der Einigung dem meinen bey. Es war wie ich Euch dieß alles schon einmal bey
einer anderen Gelegenheit angedeutet ja ausgesprochen habe bedeutungsvoll
auch eine Wilhelmine des Hoffens. Was aber in ihren Verhältnissen natür-
lich war geschahe sie wurde bald einem Manne verbunden, was aber nicht na-
türlich war ohne ihr und vielleicht ohne sein Herz. Es geschahe dieß, wenigstens
erfuhr ich es als ich in Jena studirte ohngefähr in meinem 18en Jahre. Es mag
sich nun in mir in meinem Verhältnisse zu diesen Herzensaugen und Augen-
herzen oder vielmehr Augenwesen sehr viel vereinigt haben, was mir viel-
leicht jetzt selbst noch nicht ganz klar und einsichtig ist, so z.B. daß es das
ganz und ganz einzige Wesen um und neben mir war zu und mit wel-
chem ich mein Leben in ein wahrhaftes lebendiges und Lebensverhältniß
in mir setze und auf welches ich so alles was mein Leben von einem Lebens-
verband hoffte und erwartete stillschweigend übertrug, wozu noch eigent-
lich und so zu sagen unpersönliche Festhalten ihrer Person nur im Auge
und Blick gekommen seyn mag genug mit ihrem Genommenseyn als einzel Erscheinung
auf der Erde schien mir alle und jede Einzelerscheinung auf der Erde durch sie genommen und gar /
[7]
Nichts Einzelnes für mich mehr da zu seyn; denn ich kannte ja gar Niemand wel-
cher eigentlich eine lebendige Theilnahme an meinem eigenen Leben nahm, sah im
äußern Leben auch gar keinen Anknüpfungspunkt dafür nach irgend einer Richtung
hin, denn es trat mir aus keinem Alter und keinem Verhältnisse und aus keinem Geschlecht
eine Person, ein Wesen mir entgegen von welchem ich mir hätte sagen, von welchem ich hätte
glauben können daß es eigentlichen Antheil an meinem eigentlichen innern Leben
nähme. Im Gegentheil in und bey Jedermann der mir durch die Lebensverhältnisse
nahe kam mußte ich sehr bald finden, daß er mich in meinem Wesen eben so wenig
kannte als er sich keine Mühe gab mich kennen zu lernen. In Beziehung auf mein
eigentliches, persönliches und innerstes Leben fand dieß selbst im Verhältnisse
zu meinem verstorbenen Bruder statt, welcher mich sonst doch so vielseitig im
Leben trug und gegen Unbill in Schutz nahm. Denn es fehlte der Keim und die
Quelle der Mittelpunkt und Stamm aller wahren und ächten Menschenverbände
und Verhältnisse -- ein lebendiges, ächtes, wahres, ganzes[,] unzerstücktes, stetiges
Herz- Gemüth- und Sinnvolles, sinniges Familienverhältniß und Leben. Ich glaube
daß sich Jemand der in solchen Verhältnissen, wie nun eben Ihr, und nicht in solchen
wie die meinen, wie ich heraufgewachsen ist sich einen klaren Begriff, wenig-
stens nicht eine lebendige Vorstellung von einem Zustande, Leben und Verhält-
nisse wie das meine dortmals und so lange durchs und im Leben war, ma-
chen kann-:- genug ich sahe fühlte und empfand nur Ein großes Ganze außer
mir und mich - als demselben ganz allein und als ein Einzelnes gegenüber-
stehend. Es ist wahr Ihr Lieben und Theuern, es ist wenn ich es nun so recht klar
und lebendig über- und durchdenke, wie ich schon oben aussprach ein großer
Bildungsweg den mich die Vorsehung führte, hätte mir ihn doch Jemand früher
gedeutet, ihn verstehend mit größerer Ruhe und Beachtung wenigstens durchleben
lassen;- denn wie ich schon oben andeutete:- im elterlichen und väterlichen Hause
sollte ich den Raum in seiner Wichtigkeit und Bedeutung kennen und gebrauchen
lernen; im Hause meines Oheims und im Leben bey demselben die Zeit und nun
die Einigung von beyden das Ganze, die Einheit, das Leben selbst, deßhalb stand
ich in ihm, so außer ihm, so einzeln, so allein. Nur das Geistige, nur das
Geistige wie es sich in dem alles einigenden Herzen und Gemüthe äußert, war
es was mich wieder mit dem Ganzen und Einigen, einigen konnte. Überhaupt /
[7R]
tritt es mir wenn ich dieß jetzt alles recht bedenke als besondere Bestimmung und aus-
schließender Lebensberuf (von dieser Seite betrachtet) entgegen:- die von der
Unachtsamkeit und Willkühr zerschnittenen und [{]natürlichen Verbande/Naturverbande[}] und
Verhältnisse, Lebensverbande und Menschenverhältnisse von der Beachtung
und Nothwendigkeit aus, von und durch den Geist aus, von der Klarheit und
dem Bewußtseyn des Geistes aus also mit Freyheit und Selbstthätigkeit wie-
der herzustellen. Ich lasse diese Betrachtung fallen und führe sie nicht weiter durch,
da sich die Aus- und Durchbildung derselben von sich selbst ergiebt; nur eines er-
wähne ich noch, was mir eben jetzt erst gleichsam als Bestätigung des auf umsteh-
ender Seite ausgesprochenen wieder in die Erinnerung tritt: wie ich dort-
mals weil eigentliches Leben im Leben mir fern und fremd war, Lebens-
darstellungen
fast verschlang. Als Beweis mag das Viele dienen was ich wäh-
rend meines ersten Aufenthalts in Osterode, welcher ohngefähr in diese
Zeit fällt, daselbst las.
Doch nun mit Gewalt zurück um den oben sinkengelassenen Faden der Geschich-
te wieder aufzunehmen und fortzuführen.
Wie oben ausgesprochen und bezeichnet war also dortmals das innerste Leben
meines Herzens und Gemüthes, mein Stehen im äußeren Leben, so daß ich nun
mein eigentstes, persönlichstes und ganzes Leben, an das Ganze und Allgemei-
ne an die Einheit ohne allen Schmerz ohne alles Trauern und in einer gewissen
Beziehung auch ohne alles Vermissen hingab mit dem nun so ganz natürlichen
Vorsatz und Entschluß von nun an nur dem Ganzen der Einheit anzugehören
und wie ich dieses geistige (intelligente) vernünftige und mir natürlich gleich-
artige verwandte Wesen nannte (denn nur dem entgegen[ge]setzt gleichartig verwandten
kann man angehören und Hingegeben seyn) - der Menschheit. Dieß ist alles
so natürlich klar als nothwendig wa[h]r; denn im Ganzen findet man ja das Einzel-
ne wieder, in der Menschheit den Menschen; wie sich ja in dem Einzelnen,
in dem Menschen wieder die Menschheit und das Ganze ausspricht und kund
thut. Es geht hieraus das im Leben, besonders auch in meinem Leben, so
gewaltige, als fast, wie ich es gar oft aussprach, unerklärliche ich möchte
sagen magische und mystische Wechselverhältniß zwischen dem {Einzelnen/Einigen/Einen[}]
und dem {Einigen und der Einheit}, zwischen dem Theile und dem Ganzen hervor.
Ich habe jenes Augenblicks der Hingabe meiner an das Ganze, Allgemeine  /
[8]
an die Einheit, in jener klaren, sternenhellen Sommernacht in meinen Lebens
Mittheilungen an Euch schon ein- oder einigemal gedacht. Rein war der Himmel
dunkelblau und doch fast durchsichtig das Himmelsgewölbe über mir und
licht- und Glanzstrahlend die Sterne, eine Friedensnacht war es als ich und in der ich dort von Ru-
dolstadt nach Jena wanderte. In Nordost glänzten vor allen
Sternbildern fast in meiner Gesichtslinie mir die Hauptsterne der Cassiopeia
die ich schon längst mir als Sinnbild der Treue <angeeignet> hatte ent-
gegen, in welchen ich jetzt wie mit einem Schlage die [Zeichnung Cass.-Sterne = W gedreht = M
  = 3 = treu] eingezeichnet erblickte
die ich schon längst als Sinnbild der Treue und Beständigkeit meines Seelenverhält-
nisses erkohren und gebraucht hatte. Dieß Erblicken dieses Sinnbildes am Himmel
erhob bey der ruhigen, friedlichen und wohl feyerlichen Stimmung meines Innern
mein ganzes Leben und Verhältniß zum Himmel und sogleich deutete ich auch
den immer noch meinem Namen beygefügten Namenszug in die Worte
”Hoher Menschheit treu” und diese Worte drückten meinen Vorsatz und Entschluß
welchen mein ganzes Wesen bestätigte aus. Und von nun an blieb noch lange
der alte Namenszug, bis man ihn einmal als ein sogenanntes Bundeszeichen
ansahe meinem Namen bey[gefügt].
Ihr dürft Euch etwa nicht denken daß über den Sinn und die Bedeutung dieser
Worte und Handlung etwa nun lange von mir geklügelt und nachgedacht
und sie in ihren Folgen und Forderungen von mir wären bedacht und erwogen
worden; von alle diesem ganz und gar nichts, es war alles nur eine augen-
blickliche Thatsache des Herzens und Gemüthes, der Seele, des Geistes, die, wie
dieß ja gar oft in ganz klaren Sommernächten der Fall ist, wie ein Lichtschein
aufglänzte und verschwand; genug es war aber nun Thatsache des Herzens
und Gemüthes, wie des Willens und Geistes. Von einem bestimmenden Eingreifen
dieser Thatsache in mein Leben in die Gestaltung meines Lebens, davon kam gar
keine Ahnung in meine Seele. Ich fühlte mich nur sehr beruhigt, heiter glück-
lich eigentlich nichts vermissend und nichts begehrend, denn ich hatte ja an dem
Himmel und durch den Himmel, in den Sternen und durch die Sterne ein selbst-
ständiges Wesen gefunden dem ich bleibend, und das mir bleibend gehören
konnte, und so hatte ich gleichsam Mutter und alles Einzelne wie-
der gefunden was mein Herz und Gemüthe, was meine Seele bedurfte.
Nicht etwa gebundener durch das Band und den Bund, nein! freyer und freu-
diger bewegte sich nun mein Leben, mehr in dem Bunde und der Bund in mir /
[8R]
lebend, als daß er als etwas getrenntes, zweytes und forderndes außer
mir gelebt hätte; so trat er als eine zu beachtende Einzel- und äußere Er-
scheinung oft gänzlich und außerordentlich lange zurück, ja ich kann mir von seinem
Hervor- und Zurücktreten und von seinem eigentlichen Wiederauftreten in höherer
und höchster Wichtigkeit in meinem Leben in diesem Augenblick gar nicht
mehr klar Rechenschaft geben, und doch war diese Nacht und die dadurch mir ohne
daß ich es eigentlich selbst recht wußte, bleibend gewordene Stimmung meines
Gemüthes so auch ohne daß ich es eigentlich auch später selbst recht wußte
bleibend das Wirkende in meinem Leben. So tritt mir selbst jetzt erst und
in diesem Augenblick entgegen, wie sich daraus vielleicht eine zwar spätere
aber doch bald darauf erfolgende Erscheinung meines geistigen, Stre meines
Strebens nach Wissen erklärt, wenigstens damit zusammenhängt, wenn ich
vorher nur eine Kleinigkeit erwähnt haben werde, wie ich nemlich in dieser
Zeit ganz besonders viel in der Blumen- <und> vorallen voraus in der
Rosenwelt wirklich lebte, und es traten mir Menschen selbst mehr in ihrem
Blumenleben und Verhältnisse entgegen.
So durchlebte ich Freud und Leid, doch mehr der Entbehrung, der Noth, des
Schmerzes und des Druckes welches mein Leben, wie die dadurch bedingten
Erscheinungen[,] Lagen und Verhältnisse mir leider aber ebenso wenig Jemand
deutete und vielleicht zu deuten verstand, als ich es selbst nicht wußte
und konnte. Ein Zufall lehrte es mich, wenigstens sollte und wollte
er es mich lehren.
Nach dem tragischen Ende meiner Universitätszeit in Jena, kehrte ich ins
elterliche Haus zurück. Die Gesinnungen meiner Eltern gegen mich und die
Umstände und Verhältnisse in und unter welchen ich ins elterliche Haus
zurück kehrte [beunruhigten mich] außer daß ich wünschte daß sie anders und besser seyn
mögten und daß ich mir deßhalb keine Schuld bey maaß, wenig;
Mein Geist suchte Nahrung und ich suchte sie in den Büchern des Vaters
da fand ich denn ein Buch das es sich zum Zweck gemacht hatte, das ganze
menschliche Wissen - die Wissenschaften (nebeneinander geordnet) als
ein äußerliches Ganze darzustellen. Jetzt hatte ich als Sinnbild und /
[9]
der Andeutung nach das was mein Geist suchte und bedurfte:- die Anschauung
und den Überblick des ganzen menschlichen Wissens - das Gebiet des Geistes
als ein Ganzes als eine Einheit. Freylich gab mir dieß das, alles nur ge-
stückt und zerstückt nebeneinander ordnende Buch nicht, aber durch den
wirklichen Heisshunger mit welchem ich darüber herfiel und es meinem
persönlichen Bedürfniß - was mir eigentlich freylich noch selbst ganz unbekannt war
- gemäß für mich zu bearbeiten suchte, zeigte mir hätte mir wenigstens
zeigen können hätte mir durch meinen Vater zeigen können was ich suchte
und bedurfte, was mein Geist suchte und bedurfte nemlich die Einheit
den lebendigen innern Zusammenhang des menschlichen Wissens und Könnens;
doch statt dieser Klarwerdung meiner und über mich selbst die mir
hätte von daher kommen sollen, sollte mir mein Talisman von daher wieder
genommen werden, weil mein Vater meinte er sähe gar nicht ein wie dieß
einstmal zu meinem Fortkommen helfen könne und ich triebe darum unnütze
Dinge. Auch hier trat zu meinem Heil wie so oft mein seel. Bruder Christoph
wie ein schützender Engel zu mir und so durfte ich meine Arbeit beendigen
die mir eigentlich freylich nicht mehr half als mir den Gedanken recht
fest und lebendig mache[n]:- alles menschliche Wissen mache eigentlich
in sich eine lebendige, schaffende Einheit aus. Doch dieser Gedanke als
ein bestimmter abgeschlossener das war es ja auch nur was mein
Geist bedurfte[.]
Und nun nur mit zwey Worten die Andeutung warum ich diese Thatsache
die eigentlich nicht so wohl in die Geschichte der Entwicklung meines Herzens
und Gemüthes als vielmehr in die meines Denkens und Geistes ge-
hört, hier aufgenommen habe:- In jener Nacht hatte mein Herz und
Gemüth
seine Einheit, und durch dieses was das Herz und Gemüth schon wirk-
lich gefunden hatte vielleicht noch mehr angeregt und gestärkt hatte
auch mein Denken und Geist für sich eine Einheit, eine Einheit des Wissens
und Erkennens gesucht, und jetzt wenigstens sich in seinem Suchen und Streben
darnach gefunden, sein Suchen und Streben im Sinnbild gleichsam erkannt. /
[9R]
So ist das Leben immer ein Ganzes und führt immer mehr zur Erkenntniß zur Durch- und Über-
schauung eines größeren vollkommeneren Ganzen; und so führt uns vielleicht auch die-
se Zusammenstellung in der Erkenntniß und Anerkenntniß unseres jetztigen Lebens
und Strebens auch im Laufe dieser Betrachtung noch weiter, führt uns zur Einsicht in dassel-
be, zur Betrachtung und Würdigung desselben.-
Nachdem ich nun so das Leben meines Herzens und Gemüthes, meiner Empfindungen, und das
Leben meines Geistes und Denkens, meines Strebens nach Erkenntniß und Einsicht jedes wenig-
stens in der Ahnung als ein geschlossenes, seinen Ruhepunkt in sich selbst tragendes Ganze,
eine in sich selbst ruhende und lebende Einheit gefunden hatte, suchte ich auch mein eige-
nes, schaffendes, thätiges Leben in seiner Einheit und als ein Ganzes zu erfassen, so und
nicht anders schienen mir die nun zunächst kommenden Verhältnisse und Lagen meines
Lebens bedingt, der Wunsch und die Forderung meines Vaters nun selbst mein Brot
zu verdienen kam meinem Sehnen entgegen, so kam ich auf das Landgut unserer
Verwandten nach Weitersroda, wo der Schwiegervater von Herrn Cantor Carl, von Seite
meiner Stiefmutter ein Anverwandter, Verwalter war. Was mir Bedürfniß war
that ich, ich lebte aus mich [sc.: mir] heraus, suchte lebend, mein Leben zu verstehen und zu erfassen:
daß dieß nicht so bald geschehen würde ahnete schon dort mein Gemüthe, denn ich blickte
schon dort (1801 im Sommer und Herbst) nach fernen Ländern in Osten und überseeischen {Welt-/Erd-}
theile in Westen. Wenigstens erfaßte ich mich und mein Leben in Weiters-
roda noch nicht so frey und glücklich auch in jener Zeit lebte, denn mein Vater rief
mich wegen seiner zunehmenden Krankheit zur Führung seiner Schreibgeschäfte
im Novbr. [November] desselben Jahres nach Hause.- Daß ich in meinem Sinn und nicht in dem eines
ÖkonomieInspectors dort lebte geht aus einer Äußerung des alten Verwalters,
also unsers Herrn Carls Großvater, die ich durch diesen erst in Keilhau erfahren
habe hervor, wie dieser jedoch im Guten oft geäußert haben solle: er möge nur wissen
was noch aus mir werden würde. Einen künftigen Ökonomen hat er also wenig-
stens nicht in mir finden wollen, so sehr ich mir, wie ich mich deutlich erinnere
bey den Feldarbeiten Acker- und Ernt<arbeiten> in meinem Sinne, Mühe gegeben habe,
und so viel Freude mir auch all diese Beschäftigungen machten. Es reichten mir
darum diese wenigen Monate eines glücklichen, freythätigen Lebens für mein Selbst[-]
finden und für meine Charakter- und Lebensbildung viel, wenn auch im Ganzen
genommen dafür nur wenig, noch lang nicht genug.
Zurückgekehrt ins elterliche Haus, lebte ich nun ruhig und glücklich in mir, treu und
sorgsam dieß kann ich sagen den mir übertragenen Geschäften. Die stete Geschäf-
tigkeit, die höchste Ruhe im Hause, das Vertrauen welches mir bey Führung der Ge-
schäfte vom Vater wurde u. s. w. wirkte sehr wohlthätig auf mein Herz und Gemüth
und mein ganzes Leben[.] Mit ernsten Betrachtungen sahe ich des Vaters Tod nahen; ernste Entschlüsse und /
[1]
Vorsätze weckte sein im Febr [Februar] 1802 erfolgender Tod und mit den dankbarsten Gesin-
nungen eines wahren ächten Sohnes begleitete ich im gewaltigsten Wintersturm seine
Hülle zur Erde.
Von nun an lag die Bildung und Gestaltung meines ganzen Lebens, ganz in meiner
Hand, wie in meinem Kopf und Herzen. Überschaue ich jetzt wenigstens die nächst
vorhergegangenen ¾ Jahre, so muß ich gestehen daß ich durch die Vorsehung in densel-
ben die vollkommenste Vorschule dazu durch[ge]führt geworden war.-
So nun, innerlich wie äußerlich nur ganz allein auf mir selbst stehend, kam ich mit
dem kommenden Frühling 1802 (eben 20 Jahre alt) in eine an Naturschönheiten so
reiche Gegend in der Nähe Bambergs (nach M[a]rkt Baunach an der Baunach) als im Ver-
hältniß zu meiner Dienststellung in eine freye Lage.- Wie noch nie ergriff
mich hier die Natur in ihrer Allgewallt, und ich schweifte so oft und so viel ich
konnte, meinen Füßen und dem augenblicklichen Eindruck nur die Wahl ü-
berlassend auf den benachbarten Anhöhen in den Walden, in den Matten der Thä-
ler und an den buschigen Ufern der Flüsse; auch der Mayn, wie die Itz flossen
ja in der Nähe, ja den Lauf der Regnitz konnte das Auge von manchen Punkten
aus in großer Strecke beherrschen. So empfing ich jede unerwartete Gruppe,
jede ungeahnte sich schnell öffnende Aussicht wie aus der unsichtbaren Hand der
reichen Natur mit dankbarem Herzen, und die Natur war es eigentlich auch
nur einzig die hier Herz und Gemüth erfüllte. Ich führte hier mehr ein großes
d. h. für mich dortmals großes allgemeines Naturleben ohne in das Einzelne
derselben Steine, Pflanzen Thiere einzugehen, nur die Gegend, die Landschaft
war es eigentlich in der ich ruhte. Doch eines muß ich nicht unerwähnt lassen
hier war es zuerst wo eigentlich mein Herz Gemüth und in Andeutungen auch mein
Geist begann Sprache zu bekommen, keineswegs selbst[-] und freythätig, sondern
durch das Sammeln und Aneignen der Herzens- und Geistesaussprüche früherer
besonders alter auch morgenländischer Denker in welchen in [sc.: ich] meine Gesinnungen
meine Herzens- und Geistesbedürfnisse sich wiederspiegeln sahe; und noch jetzt
sind mir viele der dort gesammelten Aussprüche wegen ihrer hohen Lebensweis-
heit außerordentlich lieb ja wichtig. Übergehen will ich hier doch nicht zu
bemerken daß ich gleich bey meinem ersten freythätigen Heraustreten in
die Welt äußerlich wie ganz um- und abgegrenzt - wie später und fast immer
in meinem Leben, so allein und isolirt da stand; denn die Familie wie die
ganze Gegend in der ich lebte war (gerad wieder wie jetzt) ganz catholisch
und 2 oder 3 Stunden hatte ich nach den ersten protestantischen Orte M[a]rkt Rent- /
[10R]
Rentweinsdorf, wohin ich zu Zeiten zur Kirche, und zur Communion ging.
Einer besondern Begebenheit muß ich hier noch erwähnen weil sie bald wieder in
die Fortentwicklung meines Herzens- und Gemüthslebens eingreifend wieder auftritt.
Ihr wißt die Eigenheit meines Lebens und habt sie alle empfunden: etwas was
mir besonders Freude macht auch anderen zu zeigen und mitzutheilen, meinend
es müsse auch ihnen eben diese Freude machen. So hatte der Beamte bey
welchem ich in Baunach als Actuar war an einem schönen Sommertage ein-
mal Besuch eines anderen Beamten und dessen Frau aus Bamberg. Nun
hatte ich kurz vorher auf meinen Irrwanderungen einen sehr schönen bedeckten Gang
an der vorbeyfließenden nun mit der Baunach vereinten Itz entdeckt. Am
Nachmittag des Besuchtages gingen die Männer in den Garten um zu kegeln;
der Jugendmuth und der sich mir aussprechende Natursinn von der Frau des be-
suchenden Beamten bewog mich meinem Lieblingsgang auch ihren Beyfall zu
verschaffen. Wahrheit und Gefälligkeit brachten meinem Gange das ihm gewünschte
Lob und knüpften es an einen Namen wodurch der Spaziergang auch noch länger
als er dauerte in der Erinnerung blieb.
Baunach in der Nähe Bambergs, welches dortmals noch eine Universitäts-
stadt besonders für Mediziner die sich zu practischen Ärzten ausbilden wollten
war unter denen sich selbst ein und der andere Bekannte aus Jena fand, und
weil sich mir Gelegenheit zeigte mir in Bamberg durch {geometrische/Feldmaß-} Arbeiten
noch freyere Wirksamkeit zu verschaffen; dieß bestimmte
mich bald meine Stelle in Baunach mit meinem Aufenthalt in Bamberg
zu vertauschen. Da ich was ich suchte fand, so lasse ich die Betrachtung des
äußeren Lebens fallen und nehme wieder den Faden des Herzens und Ge-
müthsLebens wieder auf.
Wenn die streng und pünktlich geordneten ArbeitsStunden des Tages, welche
außer meiner Wohnung vollbracht wurden, vorbey waren, gab ich mich fort-
während fast immer ganz allein dem hohen Genuß des Naturlebens auf Spa-
ziergängen hin.
Eines Tages als ich von meinem Arbeitsorte in meine Wohnung zurück ging
traf ich auf einer Brücke auf eine Prozession, die mich an die Seite drängte
so daß während ich mir einen Platz sichern wollte mein Blick auf ein
gegenüberstehendes Haus fiel in dessen oberen Fenstern Frauenzimmer die
Prozession betrachteten, und fast gleichzeitig mit meinem Hinaufblicken, schlug
eine von zwey schwarz verschleierten [Frauen] ihren Schleyer zurück und ein blühend jugendlich /
[11]
Gesicht trat aus demselben hervor; doch es kaum beachtet habend, war das Wesentliche der Prozession
vorüber, der Schleyer fiel, die Frauenzimmer traten von den Fenstern zurück und auch ich ging weiter
natürlich mit dem Entschluß bey erster Gelegenheit zu erkunden wer da wohne. Was ich aber hörte
war nicht das was ich wünschte; es hieß das Haus sey wenig, der obere Stock gar nicht und noch weniger
von Frauenzimmern bewohnt, wer am Prozessionstage in demselben gewesen konnte Niemand sagen,
da an solchen Tagen in den sie betreffenden Straßen, schaulustigen Frauenzimmern leicht die Häuser und Zimmer [sich]
öffnen. So vergingen mehrere Wochen so daß fast der Wunsch wenigstens die Hoffnung dieß Gesicht irgend
wieder zu finden ganz zurückgetreten war, als ich einmal durch Zufall sie und mit ihr die in Bau-
nach in meinen Laubgang geführte Beamtenfrau und in dieser ihre Schwester fand. Von nun an
waren mir zwey Familien geöffnet, die deß [sc.: des] Beamten und die seiner Schwiegereltern. Bald
lernte ich auch die Brüder der Frauen kennen, wodurch wenn es nöthig gewesen, wäre mir der Zutritt
in diese Familien noch erleichtert worden wäre, zumal da der eine, welcher sehr gut zeichnete
bald im Zeichnen mein Lehrer wurde und da er nicht im Hause seiner Eltern sondern bey seiner verhey-
rateten Schwester wohnte während mancher Tage oft Stunden in diesem Hause war. Dieser Zei-
chenunterricht war nicht etwa ein Gelegenheitsmittel in diese Familie zu kommen, denn dieses bedurfte es ganz
und gar nicht im Gegentheil verband ich mit diesem Unterricht einen so in ihm selbst liegenden Zweck
daß jedes Fremdartige ganz davon geschieden war.
Mein Leben in diesen Familien ging nun ganz in dem Charakter fort in und mit welchem sich es in Bau-
nach angeknüpft hat als ein Leben in inniger Einigung mit der Natur und an der Hand derselben
stets begleitet von einem so reinen gegenseitigen Vertrauen und natürlicher Offenheit daß man eigent-
lich gar nicht wußte daß es stattfand noch weniger daß man Werth darauf gelegt hätte ganz
so wie es in dem edeln Leben einer so einfachen als reinen Familie statt findet. Ich war als Glied
Sohn und Bruder in der Familie angesehen und dieß war durchweg der Charakter dieses so höchst einfachen
als ruhigen Verhältnisses, in welches nie die leiseste Stöhrung und Trübung trat, weil wunderbarer Weise
in demselben alle Affecten ruheten gleichsam schliefen. Ohngeachtet unserer beyderseitigen Jugend herrschte
in diesem Verhältnisse ein merkwürdiger Ernst, der sich von meiner Seite schon dort in Belehrung wie von
der andern Seite in Beachten aussprach. Es war das Leben der glücklichsten Familienruhe sich in sich und durch
sich selbst in inniger Einigung mit der Natur die fast jeden Abend besucht wurde, ohne irgend etwas zu ver-
missen ohne irgend etwas noch zu begehren. Wenn ich nach der Ursache des Charakters diese fast bey
jeder wiederkehrenden Betrachtung für mich merkwürdiger werdenden Verhältnisses suche, so kann
ich keine andere finden als die der unbefangendsten Offenheit und des reinsten, einfachsten Vertrauens im
Bunde mit gleich hoher Achtung des Naturlebens.
In jener Zeit arbeitete ich aus Selbstlust ich darf kaum sagen aus Selbsttrieb viel sehr viel.
Doch griff ich selbstthätig in meine Brust und meine Kraft und gestaltete selbstständig mein Leben.
Dort gab ich zum erstenmale meinem Leben einen festen Grund auf welchem es sich dann eigentlich
später immer fortgebaut hat, dort erfaßte ich mehrseitig mich selbst und in meinem Innersten [Bogen] 6. /
[11R]
- um eigentlich mich nie zu verliehren. Ich lebte in mir ruhig ein rein menschlich glückliches Leben, ob ich
gleich wußte, daß es bald beendigt sey, denn ich arbeitete ja dortmals die Euch wohl erinnerlichen
Probearbeiten im Baufache und der Geometrie um mir wer konnte sagen wo eine Stelle und ein
Unterkommen zu verschaffen weil meine Thätigkeit in Bamberg nicht mehr beschäftigt wurde, doch trübte
dieß weder die Ruhe noch die Freudigkeit meines Herzens. Wie ich mich dort für das praktische Leben
fleißigst ausbildete, arbeitete ich auch mit Ernst an der Bildung meines Herzens und Geistes, außer
dem daß ich arbeitete, außer dem daß ich den befreundeten Wesen und der Natur lebte, las ich
auch mehreres und hielt mir das was mir besonders für mich wichtig war durch Auszüge fest.
So schrieb ich unter mehreren dort zwey Gedichte aus, ich habe sie Euch auch wohl schon wie eigentlich
alles dieß schon abgerissen und theilweise mitgetheilt, - welche mir gleichsam bleibend Votifvta-
feln und bleibend Orakelsprüche meines Lebens geworden sind, an deren Verstehen und
Anwendung ich jetzt noch nach fast 30 Jahren bleibend arbeite auch wegen dieser Klarwerdung des eigenen Lebens an fremden Gedanken und Wort Fortsetzung des Baunacher Lebens, wie ich es oben zeigte. So lag dort - so muß dort
mein Leben wie eine Blume, wie eine Lilie frey und offen und ruhig dargelegen haben. Wa-
rum, werdet Ihr Hochgeliebten, Theuren mit Recht mit mir hier fragen; warum mag nun aber
die Fortentwicklung, warum mögen nun aber die Früchte dieses und eines solchen Lebens nicht
bey weitem ruhiger und vollkommener gewesen seyn als sie wirklich waren und gewesen sind.
Darauf kann ich mir und Euch nun nichts anders sagen was aber gewiß wichtig genug für
das Leben und die Erziehung ist:- daß alle diese Richtungen einzeln ich möchte sagen verein-
zelt in mir lagen daß ihre harmonische gleichseitige und gleichzeitige Ausbildung in den so
höchstseltenen glücklichen äußern Verhältnissen lag, daß ich aber den innern lebendigen Zu-
sammenhang den Einigungspunkt und die Quelle aller jener Richtungen nicht einmal ahnete
noch weniger erkannte und pflegte, und es drängt sich mir hier die Wahrheit auf:- dem Men-
schen geht auch das Höchste und Beste und wenn er es schon im Leben besitzt wieder verlohren
wenn er nicht und sey es wenigstens nur in der Ahnung erkannt und so pflegt und be-
schützt was er besitzt.- Ich wenigstens habe dieß oft und viel im Leben empfunden und da-
rum achtete ich nun schon seit langem und achte jetzt noch Besitz ohne Erkenntniß und Kenntniß
desselben als keinen Besitz; der Besitz und das Besessen werdende heiße auch wie es heiße
und sey so materieller als geistiger Art. Hierdurch könnt Ihr Euch unzählige meiner Handlungen erklären.
Ein anderes drängt sich mir noch auf und entgegen, was ich Euch bitte besonders auch um meiner
Klarwerdung, Entwicklung und Fortbildung um meiner Selbsterziehung willen festzuhalten.
Viele sehr viele meiner Lebensmomente besonders die wichtigeren und wichtigsten gleichen sich
oft nur gesteigert z. B. 4; 2 mal 4; 3 mal 4. Dieß habe ich besonders in der letztern Zeit
recht oft bemerkt, und es ist gut wenn und wo man dieß bemerkt es fest zu halten, weil
man aus diesem gleichsam schon nur in einer kleineren Sphäre oder untergeordneten Stufe
schon dagewesenen Leben[s] Belehrung, Rath und Trost für das auf einer höherer Stufe gleichsam wie-
dererscheinende Leben ziehen kann. /
[12]
Ein eben solches gesteigert gleiches Verhältniß finde ich nun indem ich dieses schreibe zwischen dem eben
geschilderten und meinem jetztigen Leben ein Paar Andeutungen mögen deutlich machen wie ich das
meine. Dortmals schrieb ich bekanntlich mein Dienstgesuch in fast gleicher Jahreszeit wie jetzt,
in welchem ich unter andern sage: mir wird nur möglich den Menschen was ich bin vorzulegen und wenn es
ihnen zusagt zum Dienst anzubieten. Jetzt habe ich eine Erziehungsanzeige ausgehen lassen, die eigent-
lich auch nichts anders sagt.- Dortmals lebte ich in einem ganz catholischen Staat, jetzt lebe ich
in einem ganz catholischen Staate.- Doch das Wichtigere: dortmals wurde ich von catholischen
Familien freundlich als verstände es sich von selbst aufgenommen jetzt bin ich von catholischen
Familien (Schwytzers in Luzern) ebenso freundlich aufgenommen.- Jene besonders freundschaft-
liche Verknüpfung war doch durch den Spaziergang in die Natur und so durch Verknüpfung mit der Na-
tur herbey geführt; auch diese Verknüpfung knüpft sich an die Natur und an Spaziergänge in
die Natur sey es nun auf den Saturn oder Mond oder manchen andern in die Umgegend Frank-
furts wie ich Euch früher schrieb.- Allein das, was mir als das Wichtigste zuerst auffiel
und mir eigentlich den Gedanken der Vergleichung gab.- Dort wurde mir in einem catholischen
Staat und in einer solchen Stadt nicht allein Zeit und Muße zur Begründung einer neuen bür-
gerlichen Existenz durch das Dienstgesuch nemlich, sondern vor allem Zeit und Muße zum
sich selbst klären zum sich-selbst-finden gegeben, so wird auch hier wieder in einem catho-
lischen Stadat und durch eine[n] solche[n] Staat wie das erste so auch das zweyte. Dortmals
stand ich einem ähnlichen mittheilenden und fordernden Verhältniß zum seel. Bruder in Gries-
heim wie jetzt zu Keilhau.- Dortmals schrieb ich sogar auch an Becker und nach Gotha wie
jetzt auch.- Dortmals lag die Wirkung des Dienstgesuches in der Hand des Schicksals, wie jetzt die der Anzeige.- Dortmals reisete von Bamberg ein Freund von mir Namens Kulisch nach Frank-
furt a/m durch welchen sich später mein ganzes Frankfurterleben und Wirken anknüpfte ich
darf sagen begründete; so ist auch jetzt wieder Schnyder von hier nach Frankfurt gereist
und er beabsicht[igt] natürlich in der Förderung unserer Anstalt auch meinen Lebenszweck
dieser steht in Verbindung mit der Musterschule und dem v. Holzhausischen Hause, wie jener in Ver-
bindung mit beyden trat. u. s. w.
Es sind so 19 mal 2 gesteigert gleiche Verhältnisse, was sie sagen ich weiß es nicht
sagt Ihr mir es.- Es ließe sich vielleicht folgendes sagen nur muß ich dann gleich sehr weit
ausholen und tief greifen: Die catholische Religion oder vielmehr die catholische Ansicht der
christlichen Religion in ihrem (ihr vielleicht selbst ganz unbekannten) innersten Wesen und
in ihrer (ihr gewiß ganz unbekannten) reinsten innersten Bedeutung, erscheint mir als die Herzens[-] und Ge-
müthsansicht der christlichen Religion, ist darum wie das Herz und Gemüth immer ist gestaltend
und darum Gestalt und Kunst liebend. Wegen dieses gestaltenden Princips kann man sie auch
die Naturseite der christlichen Religion nennen, vielleicht deßhalb auch ihr größerer Wechsel-
verkehr mit der Natur durch Processionen und Bittgänge, ja ihre Bekämpfung der, ihr Krieg mit
der Natur; wegen dieses gestaltenden und der Gestalt bedürfenden Gemüthscharakters ist und /
[12R]
kann der Catholicismus auch die weibliche Seite der christlichen Religion genannt werden.
Hierinn mag auch wohl der innerste Grund liegen warum die Catholiken die Maria göttlich ver-
ehren. Die Natur ist aber wie auch die Sprache ganz richtig sagt weiblichen Charakters, denn
sie dient Gott wahrhaft durch Pflege, Bewahrung, Entwicklung und Gestaltung der Keime des Gött-
lichen, wie das Weib den Keim des göttlichmenschlichen Geistes und Lebens in sich bewahrt
pflegt, entwickelt, gestaltet und ihm Daseyn giebt; so sagt Maria auch wirklich: ich bin des Herrn Magd; darum
kann man die Natur Maria in
einem höheren Sinn als Sinnbild der Natur und ihre Verehrung als eine Verehrung der Na-
tur und der Isis ansehen und so kann man also noch von einer andern Seite die catholische
Religion als die Naturseite der christlichen Religion ansehen betrachten; der Catholicismus scheint
dieß selbst zu fühlen, aber nicht zu durchleuchten, das versteht sich schon von sich selbst eben weil
er ist was er ist - deßwegen und wegen diesem sich-selbst-nicht-verstehen klammert er
sich durch hundert und tausend Hülfsmittelchen an den Himmel fest, was er, wenn er sich er-
fassend verstünde gar nicht bräuchte, denn die Natur ruht ewig in Gottes Hand[.]
Diese Gedanken die ich hier andeute sind mir etwa nicht erst seit meinem hiesigen Aufenthalte
gekommen, sondern ich hege und bearbeite sie in mir wohl auch fast seit 30 Jahren.
Doch zurück zur Hauptsache und warum ich diese Ausbeugung schon wieder machte.
Natur, Catholicismus, Kunst, Herz und Gemüth und Weiblichkeit stehen mir in einer gewissen Ähn-
lichkeit und Gleichheit. Nun aber haben Natur und Weiblichkeit mein Leben von frühe an in Schutz
genommen und so mag es sich vielleicht erklären lassen auch wohl wirklich zusammenhängen,
warum auch jetzt wieder mein Leben in einem catholischen Lande und durch dasselbe Schutz
und Pflege, wenigstens die Muße bekommt einmal mein Leben wieder und zwar von der Herzens[-] und
Gemüthsseite aus, wie ich es noch nie that zu betrachten.
Dem allen sey nun aber wie es sey, ich werde mich bemühen in der mir jetzt gegeben[en]
Muße mein Leben und in und mit und durch dieses alles Leben als erscheinenden und da-
seyendes, d.i. als ein in der Erscheinung werdendes in seinem innersten Keime und Quellpunkte aus zu
erfassen von wo aus es sich so gleichzeitig als gleichseitig und gleichkräftig gestaltend
entwickelt.
Und nun ganz zur Abgebrochenen Geschichte zurück.
In den letzten Monaten meines Aufenthaltes in Bamberg beschäftigte mich wie ich mehrmals er-
wähnte ein Dienstgesuch. Es trug reichlich die gehofften Früchte (wird es jetzt auch die Erziehungs
Anzeige mit welcher ich das Dienstgesuch zweymal gleichlaufend stellte?)-
Mit dem ersten Januar 1804 früh irre ich nicht ging ich aus Bamberg und kehrte bis jetzt nie wieder
dahin zurück, zuerst auf die von Völderndorffschen Güter auf in der Oberpfalz an der böhmischen
Grenze in Bayern, und sehr bald darauf im Februar schon über den Thüringer Wald - Gries-
heim, Leipzig, Berlin nach Groß Miltzow im Mecklenburg-Strelitzischen in die Dienste
des Präsidenten von Dewitz als privat Sekretär.- Ein ganz neuer Lebensabschnitt  /
[10]
beginnt hiermit.
Doch ehe wir zur Betrachtung und Vorführung des neuen großen Lebensabschnittes übergehen laßt uns vorher noch
ein Wenig bey dem nicht minder wichtigen von 1801 bis 1804 stehen bleiben und einiges von demjenigen
festhalten was sich bey dem Rückblick auf selbigen zur Beachtung aufdrängt.
Vor allem zuerst tritt die Bestätigung von dem entgegen was ich oben, bey dem Beginn dieses Lebensab-
schnittes und ohne das Ende desselben, das so eben geschilderte Leben bestimmt und klar vor Augen zu haben,
als Charakter desselben, und als Ausdruck meines innersten Lebensbedürfnisses in und während demselben
aussprach:- nemlich das Suchen meiner Selbst, das Streben nach Finden meiner Selbst. Indem ich dieß
niederschreibe tritt mir so eben wieder entgegen daß es ewig merkwürdig bleibt wie der Mensch sich ei-
gentlich nur wahrhaft in und durch andere und wie ich immer sage entgegengesetzt gleiche Wesen
findet und das die Bedingung dieses sich so gegenseitigen Selbstfindens die unbefangendste Offenheit
und Wahrheit, das reinste lebendigste Vertrauen und Zutrauen ist. Dieß beydes nur angedeutet
zu haben muß mir hier genügen; aber bestimmt aussprechen muß ich noch wie das was mein Leben
am Anfang dieses Lebensabschnittes gesucht und bedurft hatte, ihm am Ende desselben geworden
war:- nemlich Finden, Haben, Besitzen seiner Selbst.
Ebenso mit welch einem großen Wagniß trat ich aus meiner doch in mancher Hinsicht sichern
Stelle in Baunach heraus, aber welch ein Großes fand ich aber auch, welch ein Großes wurde mir
aber auch dadurch ”in und bey und durch Festhaltung des innern und innersten Lebens”!
Ein zweytes nicht minder Merkwürdiges als das erste tritt mir noch entgegen. Als ich nach dem in
Berlin 1816 gefaßten Entschluß eine Erziehungsanstalt zu begründen mich nach einem Lande
und Orte umsahe trat mir von da an zum öftern die Gegend von Bamberg wegen ihrer Fülle
und Naturschönheit und Naturreichthums entgegen doch konnte dieser Gedanke nie Wurzel fassen
weil der andere Gedanke es ist ein ganz catholisches Land ihn sogleich vernichtete und aufhob
weil Catholicismus als äußere Erscheinung meinem ganzen Wesen als ab- und zurückweisend und
trennend immer entgegen stand. Wie diese innere Scheu und Abneigung gegen ein Leben und Wirken
d.h. ein erziehendes Leben und Wirken in einem catholischen Lande nun die der ganz bestimmte Grund
war daß ich auf den Gedanken meine Erziehungsanstalt im Bambergischen zu begründen
auch nicht leise in mir einging; So muß ich jetzt ohne alles mein Ahnen und Zuthun und eigentliches
Wollen in ein ganz und ich möchte sagen noch mehr catholisches Land geführt werden, sogar
um meinem erziehenden Wirken noch [{]ausgedehntere/vergrößer[te][}] und vollkommnere Ausbildung zu geben.
Es ist für mich höchstmerkwürdig wie der Mensch so ganz gegen seine Neigung geführt wird und doch
selbst- und freythätig darein einstimmen, ja selbst dafür wirken muß. Doch gleich noch
zwey Beispiele aus meinem Leben, die sich mir aufdrängen:- Mit Langethal und Middendorff
vielleicht auch mit Barop sprach ich ein oder einigemal über ein Verlegen unserer Erziehungsan-
stalt nach der Schweiz oder der Begründung einer neuen durch mich daselbst. Sie alle drey
die genannten besonders aber wohl Middendorff mit welchem ich noch in einiges Einzelne einging [Bogen] 7. /
[13R]
erinnern sich wohl mit welcher höchsten Abneigung mich dieser Gedanke, bey der Eigensucht, Eigen-
liebe und dem brutalen Stolze der Schweizer erfüllte, selbst Pestalozzi war davon gar nicht frey
und jetzt - wo eben kurz vorher noch ein ächter Pestalozzianer wie er sich nennt, der bekannte Näge-
li
in Zürich auf eine niedrige und hämische Weise in einer in der Schweiz gehaltenen und jüngst ge-
druckten Rede gegen die deutschen Pädagogen und ihre Erziehungs- und Lehrweise im Vergleich
mit der ächt Pestalozzischen wie er sie nennt zu Felde zieht, ja über sie her fällt - jetzt wo ich
dieß schon in Frankfurt hörte und noch mehr auf meiner Reise hieher, reise und komme ich hieher
hier in einem catholischen Theile der Schweiz in Opposition mit ihren schlag- schreib- und redefer-
tigsten Pädagogen eine Erziehungsanstalt zu begründen. Man kann sich recht erwogen von diesem
allen kaum die Möglichkeit denken und doch ist es so! so wird der Mensch, so werde besonders ich
ganz gegen meine Neigung geführt und doch muß der Mensch sogar frey und selbstthätig in diese
Führung und für sie eingreifen. So geht es ganz besonders mir, und dafür gleich noch ein Beyspiel um
das Gesagte zu bestätigen.
Langethal und Middendorff erinnern sich vielleicht noch und schon von Berlin aus, wie mir immer etwas
höchst Unangenehmes in dem Verhältnisse zu jüdischen Familien lag, und jetzt komme ich nach Frankfurt
und nicht etwa durch Schwartz, der mich darinn ganz richtig faßte, sondern durch Schnyder, komme ich
in das jüdische Haus Speyer, wo Schwartz Erzieher ist, und das Haus hielt mich dann während der gan-
zen Zeit meines Aufenthalts in Frankfurt so fest, daß es mir oft lästig wurde und der Grund -
noch sehe ich von ihrer Seite keinen, von meiner Seite wohl den: gegen meine Neigung seyn zu müssen.
Ich möchte fast sagen, daß es mir hier in der Wirklichkeit und im Leben, wie dem Paulus in seiner
Erscheinung geschahe. Ich leugne gar nicht daß ich begiehrig bin wo dieß, und welch ein Ende es
nimmt. Beschweren kann ich mich wenigstens einmal nicht, daß ich nicht, auch wenn es kein
angenehmes sein sollte, nicht darauf vorbereitet worden wäre; doch ich kenne ja mei-
nen Lebensspruch: ”Auch der Klügste der Sterblichen geht der Zukunft mit verbundenen Augen
”entgegen und doch kennt er sein Verhängniß nicht eher, bis es ihn ergreift.”
Aber ein großes allgemeines Gesetz welches sich mir daraus ausspricht muß ich doch noch her-
ausheben, es ist vielleicht das was ich, was wir eben dadurch lernen sollen.- Es scheint in
der geistigen, psychischen Welt, wie in der natürlichen und physischen Welt zu gehen; wie
man von einem Gewitter sagt, daß es uns um so mehr nachziehe, je mehr man es
fürchte, scheue, fliehe, so scheint es auch in der moralischen Welt zu seyn, daß uns immer
das für was wir uns fürchten und was wir fliehen auf dem Fuße verfolgt und wir
doch am Ende ihm Stand halten und es durch uns hindurch gehen lassen, oder wir durch
es hindurch gehen müssen. Umgekehrt scheint es nun aber leider in gleichem Maaße und auf
gleiche Weise mit dem zu seyn was wir suchen, hoffen, begehren, wünschen. Also noch ein
Weg und Mittel zum Sich-selbst-finden außer den oben angegebenen lieblichen:- sich ver-
leugnen nach beyden Seiten nach der Seite des Fürchten[s] und Fliehens, wie der des Hoffens und Suchens. /
[14]
Darum sagt auch Tiedge so wahr als groß von Ihm dem Wahren und Großen:
”Konnt’ er vor einem Erdgewitter beben?
”Nichts fürchten und nichts achten konnt er!- Nur
”Sein großes Ziel vermögt’ er zu erstreben;
”Ein Weihaltar war sein erhab’nes Leben,
”Auf den herab die Flamme Gottes fuhr.”
Urania V. Ges. 468-472.
Doch nun endlich diesen Lebensabschnitt der Jahre 1801 bis und mit 1803, den letzten und wäre es möglich
den schönsten und friedlichsten Scheidegruß, und so wieder zurück zur Fortsetzung der Geschichte mein-
es GemüthsLebens.
In hoher Achtung nahm ich das liebe Verhältniß aus Bamberg mit mir und mit wirklicher Sorg-
falt und Innigkeit nahm ich es mit mir in meine neue Lebenslage und pflegte es wirklich herzinnig.
Die Natur die ich in den allernächsten Umgebungen da mein Blick nicht weit schweifte schön fand und
die mir in diesen Umgebungen bald lieb wurde nahm mich auch hier sogleich wieder auf, hatte ich
doch spiegelnde Seeen klar wie friedlich sprechende Augen umgeben von seinem buschigen Gehügel wie
das Auge von seinen redenden und bedeutungsvollen Augenbrauen und so lebte ich in der Erinnerung
mein gelebtes Leben hier fort und ich würde es gewiß noch lange, wer weiß wie lange fort gelebt
haben, wenn nicht ich weiß jetzt selbst gar nicht mehr wie der unseelige Gedanke in mir ent-
standen oder geweckt worden wäre, man könnte an dieses Leben, welches ich nun lebte für welches ich
darum nicht einmal ein Beywort noch weniger einen Namen hatte (weil ich das Leben selbst
hatte) den Gedanken eines äußeren Lebensbandes anknüpfen, fühlend daß ich dazu noch gar
nichts sey und daß ich dafür noch einer großen [sc.: eine große] Lebensschule durchlaufen müßte, erschrak ich
so vor diesem Gedanken, daß das ganze schöne Leben und Verhältniß wie im Nu aus dem Daseyn
aus dem vollen Daseyn, ins leere Nichtdaseyn versank. Zwey Bilder dieß klar zu machen stehen
mir vor wie man beym Schatzgraben sagt der Schatz verschwände, wenn die Grabenden
sprächen: da ist er!- so verschwand auch hier ein Lebens- und Seelenschatz bey einem äußerlichen
Worte, sey es auch nur Gedanke gewesen.- Oder wie man von Mondsüchtigen, die an gefähr-
lichen Stellen wandeln sagt, daß sie fielen eben wenn man ihnen zuruft: fallt nicht! so
fiel mir auch hier ein schönes Leben von seiner Lichten Höhe. Oder wie man selbst Knaben und Kindern
wenn sie an gefährlichen Orten auf gefährlichen Höhen nicht zurufen soll: nehmt Euch in acht! weil
eben dadurch die Gefahr sie erfaßt.- Oder wie wenn man auf einen hohen schmalen Gegen-
stand geht von demselben herab in die nächtliche Tiefe sinkt, wenn man einen sorglichen Seiten-
blick in die Tiefe, einen Blick von dem Wege, den Gegenstand in die Nacht und Tiefe die uns umgiebt
thut, so sank auch mit jenem Seitenblick in die Tiefe und Ferne das schöne liebe Verhält-
niß und Leben in Nacht, und nie seit jener Zeit seit den seitdem verflossenen 27-28 Jahren trat das lei-
seste davon je wieder in die Wirklichkeit. So hart lehrt das Leben, verstehen wir das Mährchen nicht. /
[14R]
Es kann wohl seyn daß der tiefe Eindruck jener sternenhellen Nacht mir selbst aber ganz unbewußt
in diesem entscheidenden Augenblick noch mit einwirkte, wer kann es wissen, wenigstens ich nicht;
so viel ist wahr während der ganzen Zeit meines Bamberger Lebens und noch bis dahin und ferner
führte ich den erwähnten Namenszug in der ausgesprochenen Bedeutung mit meinem Namen zugleich;
aber nie war mir dabey auch nur ein Schatten von Verschiedenheit oder Entgegensetzung in den Sinn
gekommen und ich würde ohne Zweifel jenen Namenszug, welchen ich aber auch bald darauf ablegte
noch lange geführt haben, wenn man es nicht, wie ich schon oben sagte, es als ein Zeichen eines
geheimen Bundes oder Verbandes angesehen hätte, und diesen Gedanken konnte ich auch nicht er-
tragen, so daß ich sogleich ablegte was dazu veranlaßt hatte und ferner veranlassen konnte,
so wie ich auch immer jeder Verbindung und also noch bey weitem mehr jeder sogenannten geheimen
Verbindung fern geblieben bin.
Hatte ich nun auch bisher nicht von einem Verbande auch von dem innigsten nicht, eigentlich
etwas gewußt noch weniger als Bande gefühlt so stand mein Leben doch nun wieder ganz frey ohne
irgend eine persönliche Beziehung und ich war nun in dem vollsten Sinne des Wortes mir nun
wieder ganz gegeben.
In diesem Zustande des Sich-selbst-wiedergegeben-seyns mußte, je vollendeter es war, und je
mehr mich eine rege schaffende Natur umgab mußte mein Leben um so kräftiger und fester
wieder etwas ergreifen um es gleichsam zu sich selbst zu machen, oder daran fest zu halten und
emporzusteigen, wie man es anschauen und aussprechen will. Wenn auch durch meine Berufsge-
schäfte darauf hingeführt so ergriff ich, doch meinen innersten geistigen Forderungen angemessen
Mathematik, Physik und Baukunst; erstere Beyde als Hülfswissenschaften für die Letzte-
re die ich nun als Berufsgeschäfte wählen wollte, da ich die Landwirtschaft als solche weil
sie mir mit zu äußerlichen Seiten entgegen trat, aufgegeben hatte. In dieser Zeit fielen beson-
ders zwey Bücher in meine Hand deren Inhalt mein Denken und Empfinden, mein ganzes Wesen
in einen Zustand der Erregung und Spannung versetzten den ich nicht lebendig, nicht feurig und
geistig genug schildern kann. Es war als habe ich nun erst mich in meiner eigentlich mensch-
lichen Natur und als denkendes und empfindendes als geistiges Wesen erkannt und gefunden.
Ich fühlte, empfand und sahe mich darum nur als Geist wiederspiegelnd im Geist, ich sahe empfand mich
dortmals zuerst als geistig selbstständiges Ich und stand im Anblick desselben
betroffen und erfreut wie die Nympfe im Widerspiegel der klaren Quelle [sich] sieht.
Diese Bücher waren Pörschke Anthropologische Fragmente und - Novalis Schriften; ganz
vor allen letztere. In diesen und zwar ganz namentlich in abgebrochenen fragmen-
tarischen Sätzen sahe und empfand ich mein innerstes Empfinden und Denken ausgedrückt.
Dieß Buch ergriff mich, erregte mich so stark, daß ich es besonders in diesen Sätzen
nachdem ich es einmal durchlesen hatte in vielen Jahren kaum wieder öffnen, noch weniger
ganz durchlesen konnte, weil ich immer fürchtete von den [sc.: dem] in mir dadurch erregten Feuer /
[15]
verzehrt zu werden denn ich hatte mir gegen das Ende dieses Jahres diese Bücher, die eigentlich in eine geschlosse-
ne Lesegesellschaft gehörten - weil ich nun gerad eben diese Exemplare besitzen wollte - zu verschaf-
fen gewußt. Jetzt war ich erst geistig selbstständig und erst menschlich mündig geworden, jetzt erkannte ich
erst was ein Mensch ist und fühlte und erkannte, wußte mich selbst als Mensch. Eine neue
Welt ging vor und um und mit und in mir auf, alles bekam eine erneute und höhere Bedeu-
tung wie es noch nie für mich gehabt hatte. Meine ganze Stimmung zeigen wenige Worte die ich dortmals an den Bruder in Griesheim schrieb:- ”Nur in der Vollendung liegt mein Ziel” ich wußte nicht was ich schrieb, nicht was ich geschrieben hatte.
In jener Zeit war es wo ich zuerst Herrn Pfei[f]fer, den Vater unserer beyden Brüder kennen lern-
te und in ihm einen wackern Freund fand. Manchen Abend und fast manche Nacht mußte sich dieser
verwaltende Ökonom aus meinem Buch vorlesen lasse[n] damit auch sein Herz sich daran entzünde
und er die hohen Freuden mit mir theile die ich demselben verdankte.
Von dieser Zeit an wo dieses Öhl in meinen Geist gegossen worden war, da war es natürlich
daß mich meine Sekretariatsstelle nicht länger mehr halten konnte. Baumeister wollte
ich bleiben das war mir recht denn dann {war/blieb[}] ich ja auch Mathematiker und Physiker; nur
kam es darauf an wo und wie es auszuführen; da dachte ich an Freund Kulisch in Frank-
furt bald war an ihn geschrieben und bald erhielt ich die Antwort ich sollte nur kommen; ob er
gleich jetzt in Crefeld im von der Leyschen Hause lebe, so komme er doch gehgen Johannis 1805 nach
Frankfurt dann sollte ich da seyn wo wir schon das Weitere finden würden. Und im Febr.
bat ich um meine Entlassung die ich natürlich leicht erhielt um im May abzureisen und im Juny
um nichts zu versäumen in Frankfurt zu seyn.
So lag hochmerkwürdiger Weise mein Leben in GroßMil[t]zow, im Mecklenburgischen schon ganz
abgeschlossen und als abgemacht vor mir ehe es eigentlich noch begonnen war, ehe ich nur eine
Ahnung hiervon hatte, denn wie hätte ich glauben oder gar begehren können daß es mir noch
mehr leisten würde und mögte als es mir schon alles gegeben hatte; denn in jener Zeit hatte
ich, außer meinem eigentlichen Ich, und einem zweyten einen gleichgebornen Freund, auch eigentlich
erst Sprache, erst meine Sprache bekommen, denn jetzt erst in und mit dieser Zeit meine selbstständigen
Gedanken Natur- und Lebensanschauungen an meine eigenen Worte und selbstständig empfundenen
und gedachten Aussprüche d.i. in Ausspruchs- und Sentenzenform [geknüpft]; so ging ich z.B. in dem Frühfrühling
dieses 1805er Jahres in dem Walde am hintern See spatziren; in demselben hatte sich in einer
Vertiefung vom Thau-und Regenwasser ein kleiner See gebildet, in demselben wiederspiegelte sich
durch die Gipfel, oder vielmehr mit den Gipfeln der Bäume ein Weg, welcher hinter dem kleinen
See verschlungen sich hinwand, so in gerader Linie wieder daß ich leicht seine Richtung sehen konnte.
Vor ihn nun hintretend und es sehend traten mir die Worte in den Mund die ich mir sogar selbst
aussprach: ”Das Bild meines Lebensweges, verschlungen und verworren in der Wirklichkeit
aber seiner Richtung und seinem Ziele nach klar und gerad in meinem Innern!” - So etwas geschahe
in dieser Zeit mir öfter und ich werde sogar wieder darauf zurück kommen müssen, da fast
alle jene Aussprüche so wie auch der eben erwähnte etwas Orakelähnliches haben, welches sich bis noch [Bogen] 8. /
[15R]
jetzt in seinen Wirkungen, Folgen, Erfüllungen und Bestätigungen durch mein ganzes Leben hindurch zieht.
Noch eines muß ich ehe ich den Vorhang von der größeren Lebensentwicklung ziehe, um das Geistes-
und Gemüthsleben meiner in jener Zeit in seiner ganzen Totalität zu erfassen, erwähnen.
Oft und viel habe ich mich und immer sehr gern mit meiner verst: Mutter beschäftigt, mir
ihr Leben und ihren Charakter und ihr Verhältniß zu mir so viel oder so wenig ich davon vorgeführt
und mir gegenwärtig und klar zu machen gesucht. Aber in dem Monat Febr. dieses in seiner
Wichtigkeit, in der Wichtigkeit seiner Erscheinungen für mich gar nicht auszudenkenden 1805[-]Jahres
war es besonders wo ich mich an einem sternenhellen Spätabend wohl gar Nacht unter einer Weyhmuthskiefer fviel und sehr
zusammenhängend, besonders was den Charakter die Eigenschaften und die Einwirkungen des Dahinge
Dagewesenseyns und Nichtmehrdaseyns meiner Mutter auf die Entwicklung meines Lebens
und meinen Lebensgang beschäftigte. Anderer natürlichen Zufälligkeiten gar nicht zu gedenken
fühlte ich mich dort und nach jener Zeit [{]besonders/sehr[}] ruhig; und ich meine daß von dort an
mein Leben seine wahre Bedeutung wie seine Stetigkeit und Festigkeit bekommen habe; ob gleich
dort mein Sinn und meine Seele gar nicht daran dachte, sondern ich erst weit später darauf
aufmerksam wurde, wo ich auch dessen wieder gedenken werde.
So war nun die ganze Stimmung meines Innern und die Gesammtheit meiner Lebensverhältnisse
als einmal im Monat März wohl, wenigstens <-> nach dem eben erwähnten Abend der
Musiklehrer welchen das v. Dewitzische Haus mit einem andern adelichen Hause wochenweise
abwechselnd gemeinschaftlich hatte im Wechselgespräche am Abend vor einer seiner Wech-
selreisen, wie seit einiger Zeit im Hause dieser adelichen Familie und eigentlich aus Gefälligkeit
gegen die Gn: Fr. [sc.: Gnädige Frau] auf einige Zeit bis zum Eintritt einer Gouvernante ein Frauenzimmer lebe
welches sehr gut Klavier und Harfe spiele, sehr schön sänge und sich besonders durch ein hohes
unbefangenes charakterfestes Betragen auszeichne. Zugleich sagte er mir daß sie inner-
halb 6-8 Wochen wieder abreisen würde weil sie verlobt sey und dann in Rostock wo
ihre Eltern wie ihr Verlobter lebe ihre Hochzeit feyern würde. Das ganze entworfene Bild
so wie der hohe frische freye frohe Lebensmuth sprach mich augenblicklich so an, daß die
Frage wohl ganz natürlich war wie heißt sie? Auguste sagte er; Nun gut erwieder-
te ich, wenn Sie morgen nach Hause kommen grüßen Sie Augusten von ihrem Namens-
bruder denn auch ich heiße August. Und von diesem Augenblick nannte und schrieb ich
mich wirklich nur August, weil ich mehrseitig fühlte es begänne für mich ein ganz neues
höheres Leben so wollte ich auch nicht länger meinen alten Namen führen an welchen sich
so fviel widrige Erinnerungen besonders meiner ersten Jugend <erin> anknüpften; auch be-
hielt ich diesen Namen wohl länger als ein Jahrzehend bey, bis ich es durch meinen Beruf gut
fand meinen ganzen Namen wieder zu schreiben.
Eine persönliche Bekanntschaft mit Augusten fand sich nun wie längst vorbereitet, spie-
lend leicht. Das Gut auf welchem Pfeiffer Inspector war, gehörte dem Gemahl der gn. Fr. /
[16]
deren Töchterlein Auguste einige Zeit gouverniren sollte. Auf dem Gute dieses Herrn v. Rieben
so hieß er war zufällig unmittelbar darauf ein Fest, man lud natürlich den Inspector des andern
Gutes auch ein, und aus Gefälligkeit gegen diesen, weil man wußte daß wir viel verkehrten
auch mich, so kam ich in das Haus des H. v. R. und lernte Augusten persönlich kennen, nein!
lernte sie nicht kennen, sondern erkannte gleichsam nur eine uralte Jugendgespielin und Seelen-
verwandte wie ich sie auch recht bezeichnet hatte eine Lebensschwester in ihr. Es war als
hätten wir uns je und immer gekannt und war auch garnicht als hätte[n] wir etwa nun einander
lang nicht gesehen, nein! es war als führe man einen Lebens- und Seelenverkehr fort der schon
lange bestanden. Auch in der übrigen Umgebung erschien es so, was vielleicht noch in der besondern Achtung
die sie allgemein wegen ihrer hohen Lebensbeherrschung bey kindlich gemüthvollen Sinn, allgemein genoß,
seinen Grund haben kann. Von all den vielen mehr- oder minder- oder gleichjährigen Frauenzimmern
war sie geliebt alle dienten ihr gern, wie dieß vielleicht bey jeder Braut die bald junge Frau
heißen wird der Fall ist. Genug dieß alles hob noch mich wie es überhaupt das ganze Verhält-
niß hob. Und so wurde eigentlich diesen meinem Lebens- und Entwicklungsabschnitt die schönste
lieblichste, immer duftende wie immergrünende Krone der Vollendung aufgesetzt.
Wenn ich jetzt nach den Ursachen jener hohen Lebensfreyheit, Lebensfrische und Lebens{kraft/muth[}] in der
ich mich dort bewegte frage so finde ich besonders in Beziehung auf erste und den letztern folgende
Antwort. Schon als ich mich als beginnender Jüngling der Landwirthschaft bestimmte hatt[e] mein Blick
auf Mecklenburg von dem ich dort oft und viel hörte, wie auf den hesperischen Gärten ge-
ruht vielleicht weil man dort vielrossig, doch nicht bald die großen Güther durch- und
umfuhr, wenigstens ist das gewiß daß ich immer mit einem gewissen Verlangen nach Meck-
lenburg schaute und daß ich, als mich wirklich die Wendung des Lebensweges dahin führte,
ich mit einer gewissen Erwartung dort eintrat, als müsse mir etwas mir wichtges
dort gereicht werden. Es ist mir gar nicht unwahrscheinlich daß ich in dieser Begebenheit eine
Erfüllung meines ganz frühen Sehnens sahe und sie darum, als gleichsam mir gehörig und
längst zugedacht um so muthiger ergriff und festhielt; vielleicht auch das sichere Wissen
des bestimmten Umfangs und der Grenze dieses Lebens- und Seelenverkehrs; doch konnte dieses
Bewußtseyn weder Begierde noch Hast nach Erfassung in den Lebensverkehr bringen vielmehr
floß das Leben so ruhig als sey gar kein Ende desselben. Was aber die große Freyheit und
Freudigkeit des Lebensverkehres betrifft so deute ich mir diese dadurch, daß ich durch das
bestimmte und allgemeine Wissen ihres abgeschlossenen Lebensverhältnisses, das Be-
wußtseyn in mir trug, das keine äußerlich persönliche Beziehung in das Verhältniß
gelegt und es so ebenso wenig, und ich in meinen Äußerungen mißverstanden, wie mißge-
deutet zu werden denn ich achtete ihr Verhältniß wie ich sie um dieses Verhältnisses willen
wenn es möglich gewesen wäre nur noch höher geachtet haben würde.
Die nun nur noch wenigen Wochen ihres Aufenthaltes an diesem Orte, war eine fast stets /
[16R]
festliche Zeit, indem sie wie ich sagte von den Beamtenfamilien der Umgegend geachtet und von
den Töchtern in denselben viel geliebt wurde, so wurde ihr im Laufe dieser wenigen Wochen
bald da bald dort eine Art Abschiedsfest gegeben woran mich meine ohnehinige Bekannt-
schaft in diesen Familien leicht zu Theilnehmern machte. So waren denn diese Wochen selbst
bald, sehr bald und schnell verflossen, und am Abend nach einem solchen Feste, dem letzten
was ihr gegeben wurde trennte ein Schritt vom Tritt der Haustreppe in den Tritt
des Kutschwagens sie für immer von mir.-
Erst in den nächsten Tagen darauf empfand ich tief und immer tiefer was ich besessen hatte
was sie mir gewesen war, was ich verlohren hatte, war vorher nie der Gedanke
der Liebe gekommen, noch weniger das Wort derselben gebraucht worden, indem der Reich-
thum der Mittheilungen fast nur die gegenseitigen innern Lebensentwicklungen und Lebens-
töne betraf da glaubte ich es ihr, ehe wir uns beyde für immer von diesem Orte sie nach
Norden und ich nach Westen, trenn und so äußerlich für immer trennten, ihr schriftlich aussprechen
zu dürfen was ich empfand und wie ich es empfand, und wie das was ich empfand
eines sey mit dem Höchsten und Besten was in mir und was in jedem Menschen lebe.
”Leben Sie wohl! Wir sehen uns gewiß wieder!” war die schriftliche Antwort
doch, was ja auch gar nicht anders möglich war, ein persönliches Wiedersehen, wie auch
nur ein leiser Lebensverkehr ist nie wieder eingetreten. Jetzt sind es seit jener Zeit über
26 Jahre verflossen. Wer weiß ob jetzt noch die gleiche Erde uns beyde trägt.-
Bey meiner ganzen innern Stimmung und Lebensansicht konnte diese Trennung mein
inneres Leben eben so wenig trüben als schwächen, vielmehr stärkte, befestigte
erhöhete es sich von nun an.
Auch der Tag meiner Abreise aus von Mil[t]zow und aus Mecklenburg war nun
gekommen. Wie mein bisheriges letzteres Leben aus vielen Festtagen bestanden hatte, so waren
es auch die Tage meiner Abreise aus Mecklenburg; von einem Freunde reisete ich in einer
Kreislinie zu einem andern oder wurde vielmehr von dem einen meiner Freunde dem andern
zugeführt, bis ich zuletzt bey einem mir ganz besonders lieben Freunde einem gewissen
Mayer aus Berlin, welcher Inspector auf einem der v. Dewitzschen Güther in der Ucker-
mark anlangte um mehrere Tage bis zum Antritt der eigentlichen Reise hier noch zu ver-
weilen. Wie mir mein gewählter Beruf als Baumeister immer lieber und ich in der Fest-
haltung desselben immer gewisser in dieser Zeit geworden war, so hatte ich mich auch nur
als Architect von meinen Freunden getrennt und hatte als solcher ihre Reise- und Abschieds-
Wünsche empfangen.
Ich hebe diese feste entschiedene Wahl meines künftigen Lebensberufes mit Vorbedacht
in solcher Bestimmtheit hier hervor, wegen der hier erfolgenden neuen Entwicklung in
meinem Innersten.  /
[17]
Krumbeck so hieß das gedachte Guth auf welchem ich jetzt wieder einige Tage lebte, lag in einer
zwar ganz flachen ebenen Gegend aber für mich durch seine Baumpflanzungen und Anlagen außer-
ordentlich schön, Waldungen, Matten und Wiesen, Gänge und Baumgruppen, Gebüsch und Wasser
machten in ihrem Wechsel für mich das Ganze sehr reizend, wozu meine Stimmung und anderes wohl
nicht wenig beytrug; ich führte vor allem ein vollendet in mir geeintes, so lebendiges reges als
friedliches, freudiges Leben, eigentlich jetzt vollkommen befriedigtes Nichts suchendes und Nichts er-
wartendes Leben, denn fast jeder Augenblick in diesem Naturleben, denn ich lebte natürlich wie-
der viel in und mit derselben gab mir mehr als ich bedurfte. Himmel und Erde floß mir in
dieser glücklichen Zeit grenzenlos zusammen und aus der Natur strahlte mir wie aus einem
klaren See verschönt mein eigenes Leben zurück. Deßhalb sprach es auch in mir als ich mich
einmal an einem schönen Abend an einen duftigen Hügel und durch diesen innig an die Natur
geschmiegt hatte und so die ganze Umgegend verschönt vor mir lag:- ”Je inniger wir uns an die Natur anschließen desto schöner giebt sie uns
alles wieder![”]
So war ich, so mein Leben meine Stimmung als mein Freund am Tage vor meiner gänzlichen Ab-
reise mich bat mich in sein Stammbuch zu schreiben.- Dieß war mir immer die unliebste
aller Anforderungen Fremdes schrieb ich nicht gern, Eigenes hatte ich wenig oder gar nicht;
um aber doch hier der Forderung des Freundes und mir zugenügen ging ich in die Anlagen, und
bald standen die Worte in meiner Seele und vor mir auf dem Papier:
”Dir gebe der Himmel ein liebendes Weib u.s.w. mich aber treibe mein Schicksal rast-
”los umher und nur so viel Zeit gönne es mir immer meinen Standpunkt zu mir
”(:mich selbst:) und zu der Welt zu erfassen!- Du gieb den Menschen Brot, mein
”Streben sey die Menschen ihnen (:sich:) selbst zu geben!--[”]
Ich erinnere mich ganz klar und bestimmt daß ich nach Niederschreibung des ersten Satzes eine
gewisse Zeit inne hielt und mich gleichsam in mir fragte: ”aber zu welchem Zwecke?”-
und ich dann den zweiten Satz: Du gieb u.s.w. erst nieder schrieb.
So hatte ich in diesem Augenblick meinen ganzen künftigen Beruf, ja mein ganzes künftiges
Lebensschicksal ausgesprochen ohne daß ich es wollte, ohne daß ich es ahnete, ja ohne das [sc.: daß]
ich es jetzt und noch lange nicht wußte als dieser Ausspruch dadurch daß ich Erzieher und
Schulmeister geworden war schon zum Theil sich erfüllt hatte und ob wir, mein Freund
und ich, selbst über das Lutherische ihnen, statt sich sprachen. Über den Zusammenhang dieses
Ausspruchs mit meinem gewählten Lebensberuf nachzudenken, ja nur eine Verschiedenheit
zwischem demselben, zwischen beyden zu finden kam mir dort und noch lange nicht in den Sinn.
Der Tag an welchem ich jenes schrieb war der für mich darum ewig denkwürdige Tag
der 5e May 1805. Und nun reisete ich schnell als sey alles von mir und an mir geschehen
was in Mecklenburg mir bestimmt war über Prenzlau Berlin, Dessau und.s.w. nach Grießheim.
In Dessau hielt ich erst wieder und begrüßte gleichsam von neuen den lieblichen Frühling in seinen [Bogen] 9. /
[17R]
blühenden und duftenden, schneeigen und schneyenden Kirschbäumen.
Bey meinem Bruder wohl gegen die Mitte May in Griesheim angekommen erhielt mein Leben
besonders durch diesen noch viel an innerer Bestätigung und äußerer Festigkeit, obgleich noch immer
von gar nichts anderm in Beziehung auf meinen Beruf als von einem Baumeister gesprochen
wurde. Mein Bruder sprach mir unter anderm bestimmt aus wie er in seinen Jünglingsjahren
ein ganz gleiches Streben in sich gefühlt hätte, wie ihm aber früh Fesseln angelegt worden seyen
und er also wohl zur Durchführung seines Strebens zu schwach gewesen seyn würde, wie er
aber dennoch wäre er nicht verheyrathet und Familienvater, gleich jetzt noch mit mir reisen
würde, daß ich aber nur in meinem Streben und Wollen fest und durch Hindernisse den Muth
es auszuführen nicht verliehren sollte. So kamen auch hier bald die Tage meiner Weiterreise
nach Frankfurt und ohne Zweifel Anfangs Juny meiner Abreise von Griesheim. Gleichsam
um mir seine Worte und Ermahnung handgreiflich und sinnbildlich in die Hand zu geben
schnitt er mir am Morgen meiner Abreise einen jungen Eichenstamm der im Hofe lag
zu einem Stock und mit diesen [sc.: diesem] wanderte ich zunächst nach Gotha und von da zur Wartburg
um doch auch wie es hergebracht war Luthers Exyl und Asyl und das Denkmal seines Kampfes
gegen den leibhaftigen Teufel zu sehen. Eine innere Veranlassung zu meiner Wanderung nach der
Wartburg kannte ich noch nicht, noch weniger gab ich mir also davon Rechenschaft. Die Historische
Bedeutung Luthers und seines Erscheinens war mir nur noch wenig zu einer bewußten Einsicht
gekommen. In dieser Unbewußtheit verließ ich das Heiligthum der Wartburg und ihre Herrlich-
keiten. Als ich den letzten Schritt nun aus den Ringmauern der Burg und den ersten auf den
Fußpfad gethan hatte auf welchem wie man sagt Luther oft seine Spatziergänge in das
Thal hinter der Burg gemacht habe, fiel es mir doch gleichsam schwer aufs Herz nicht
eigentlich rechtlebendig empfunden zu haben wo ich sey und sogleich traten die Worte vor
meine Seele:
Laß mich küssen die Erde
Wo Du Edler gewandelt
Entbrannt vom heilige Feu’r sein
Für das Gute und Wahre!-
Manches blieb zwar kräftigen Menschen wie Du
Auszurotten noch übrig;
War es mit einmal denn möglich
Alles das Böse zu tilgen
Was Papismus und Pfaffthum
Verbreitet mit hämischen Sinn?-
So wenig ich nun diese Worte in irgend einer andern Beziehung aussprach als Luthers hier
auf meine Weise seiner würdig zu denken; so erinnere ich mich doch sehr bestimmt, daß ich /
[18]
bey den Worten: Manches blieb zwar auszurotten noch übrig, lebhaft empfand auch mir sey davon noch
mein bescheiden Theil, wie überhaupt einen Jeden übrig, doch kam mir dort noch nicht auch nur leise
ahnungsweise in den Sinn, daß auch ich es erziehend, lehrend und ringend und kämpfend thun würde.
Aber das innige und reiche Gemeinleben mit ihr, von welcher ich mich nun mit jedem Schritte äußer-
lich immer mehr trennte, lag in seiner ganzen Fülle und Lebendigkeit in mir, daß ich es sich ab-
spiegelnd auch außer mir leicht erblickte. So trat ich von diesem Leben immer begleitet in den schönen
Grund Wilhelmsthal wo aus einer klaren Wasserleitung in einer üppig grünenden Wiese [wo]durch
mein Pfad mich führte und links desselben in dicht geschlossener Masse längs desselben eine Unzahl
der schönsten Ehrenpreis mir entgegenprangten. Dort war es zuerst wo aus jeder dieser
Blume[n] gleichsam ein Auge von ihr entgegenstrahlte und wo ich diesen Blumen in dieser Be-
ziehung sie dankbar mit den Wasser[n] des klaren Quelles bethauend den Namen der Liebe preis-
gab welche wie diese Blumen immer blühend, sich immer verjüngt, weßhalb ich auch später der Blume
zweyten Namen so wahr als passend fand.
So kam ich geleitet und begleitet nach Hanau und trat bald aus der Stadt in die Allee
durch welche man noch Stunden vor Frankfurt schon den gewaltigen Thurm seines alten Domes
vor sich prangen sieht.
Es regnete leis.- Regen ist seit langem, ich weiß gar nicht wie und wodurch in mir veran-
laßt ein Zeichen des Seegens, darum habe ich es sehr gern wenn bey den Beginne neuer Unternehmungen
und Lebensabschnitte von mir es leicht regnet, nebelt oder auch nur bedeckter Himmel ist (:So nebelte es z.B.
stark als ich mit dem Vorsatz eine Erz: Anst[.] zu Begründen durch das Keilhauer Thal und nach Griesheim
ging:)[.]
Wie ich nun natürlich in einer sehr ernsten und fast gespannten Stimmung den Dom von Frankfurt
und besonders die Stadt vor mir liegen sahe in welcher ja alle dunkeln und heitern
Lose, das Loos der Vernichtung wie das Loos der Erhaltung unentwickelt lagen, da war die-
ser leise Regen schon für mich eine im hohen Grade ermuthigende Erscheinung und festen Schrittes
nicht zögernd und nicht eilend wanderte ich zur Stadt, und durch ein langes finsteres
oft ganz in Nacht sich verliehrendes sich windendes Thor - (es war das alte sonstige
Friedberger Thor) in die Stadt hinein.
Wie sehr nun der Regen außer der Stadt mir lieb gewesen war, so sehr trieb er mich nun in der
Stadt meine mir schon durch meinen Freund K. angezeigte künftige Wohnung aufzusuchen,
und so wendete ich mich, um nicht etwa unnöthig zu weit zu gehen gleich in der ersten Straße
an ein mir begegnetes Frauenzimmer mit der Frage nach welcher Richtung der Stadt die sey
welche ich ihr nannte: gerad in der Richtung hin nach welcher sie gehe, <-> doch ziemlich
weit von hier antwortete sie, ich mögte ihr nur folgen sie wolle mir Straße und Haus zeigen.
Es war ein junges Bürgermädchen mittleren Standes nett gekleidet. Da wir in der ihr genannten
Straße waren, und sie mir das gesuchte Haus zeigte und nun ihren Weg weiter gehen wollte; /
[18R]
bat ich sie, mir zum schönen Willkommen in der Stadt und zur lieben Erinnnerung ihrer freundlichen
Begleitung mir die eben aufbrechenwollende Rosenknospe zu schenken die sie in der Hand
trug; sie that es; und wie ich im Leben immer gern alles was mir äußerlich bege[g]nete
innere höhere sinnbildliche Bedeutung gab, so schrieb ich an meinen Bruder nach Gries-
heim dem ich gern alle diese das Leben mir verschönenden Lebensspiele mittheilte in
meinem nächsten Brief: es werde mir gewiß in Frankfurt gut gehen; ich werde darinn
gewiß mein Lebensziel erreichen denn die Stadt habe mich durch eine Rose willkommen
geheis[s]en. Es war eine Äußerung der Lust und des Scherzes und doch um der Geschichte hierin vorzu-
greifen wurde ich wenige Monate darauf im recht eigentlichen Sinn von der Stadt an der
Musterschule als Lehrer angestellt; denn oft ein tiefer Sinn liegt in der Seele Spiel.
Von nun an muß ich mich noch bey weitem zusammengedrängter als bisher fassen, wo ich oft doch
schon vieles nicht gleich nachweislich in meine Lebensfortentwicklung und Ausbildung des Herzens und
Gemüths Eingreifendes abschnitt, denn wollte ich auch nur so mit Mittelgliedern die Ent-
wicklungsgeschichte meines Herzens und Gemüthes fortführen so müßte ich ein schon bogenreiches
Buch schreiben um doch nur noch im Wesentlichen diese schicksalsvollen Lebensjahre meines Aufent-
haltes in Frankfurt in den sich Schlag auf Schlag in denselben drängenden, mein Leben nach jeder
Seite hin auf das allgewaltigste ergreifenden, innern und äußern Entwicklungen zu erfassen.
Da ich bey der Wittwe an die ich adressirt war und in dem Hause derselben keine Wohnung mehr frey
fand so erhielt ich Stube und Kammer in dem gerad gegenüber oder vielmehr neben an steh-
enden nur durch eine kleine Zwischenstraße getrennten Eckhause ihrer verheyratheten Tochter
einer Bäckerfrau. Ihre zweyte Tochter war jetzt noch unverheyrathet und lebte noch bey ihr.
Mein Freund Kulisch traf ohngefähr um die bestimmte Zeit ein, er that alles was ein Freund
in seiner Lage nur thun kann um meiner fernern innern und äußern Lebensentwicklung, der Ent-
wicklung des Herzens und Gemüthes wie besonders des Geistes, des Wissens und Könnens gesicher-
ten Boden angemessenen Raum und die ihr nothwendig gehörige Zeit zu verschaffen.
Wie ich mein Leben nach jeder Seite hin wie es sich bisher in mir gestaltet hatte ganz festhielt
[Rand*-*] [*] doch hatte ich mir einigemal in dieser Zeit gleichsam im Gemüthe vorbereitend und hinleitend auf die nun bald folgende Lebensentwicklung in
mir die bestimmte Frage auf geworfen wie ich doch eigentlich als Baumeister die bestimmten und höheren Menschheitlichen Pflichten, der geistigen Fortbildung und
Fortentwicklung erfüllen konnte, und ich hatte mir darauf auch ziemlich befriedigend geantwortet, indem ich dabey an Monumente, Ehrenbauten, bequeme Häuser dachte pp.[*]
er auch gegen meinen Plan und gewählten Beruf gar nichts einwandte, so war er außer dem
daß er mir die dazu zu einem architectischen Wirken nöthigen Bekanntschaften machte, besonders darauf bedacht mir
bis zu einer in demselben gesicherten Wirksamkeit durch Stundengeben und Unterrichts-
stunden meinen Lebensunterhalt zu sichern. Da er wie ich vermuthen muß längst nicht mehr
mit mir auf dieser Erde nach einem gleichen Ziele wandert vielmehr strebt so ruhe sanft
seine Asche und Seegen seinem Andenken, denn er handelte ob wir gleich beyde nicht so eigentlich
durch Gemüths- und Herzensbande verbunden waren, als charakterfester männlicher
Freund an mir. Dieser sein Charakter liegt in seinen Worten die er mir früher schon ins Stammbuch schrieb
und welchen dieser noch übrige Raum hier gewidmet seyn soll.- Verhältniß, sagt die Welt macht stets den Mann;-
doch weh! wer dieß nur von sich sagen kann- Er schwingt sich nie zu dem erhabnen Ziel- Deß sich die Edeln
nur erfreuen- Das, was man werden will- Aus eigner Kraft zu seyn!- (: handle,harre,hoffe :) /
[19]
Es war eines Abends Ende Juny oder Anfang July jenes Lebenswichtigen 1805er Jahres als mich mein Frd.
Kulisch um mir in der oben angegebenen Absicht [wegen] Unterrichtsstunden zu Herrn Gruner dortmals Ober-
lehrer an der Musterschule zu Frankfurt a/m brachte. Kaum Minuten waren verflossen als im Fortlauf
eines regen lebendigen Gespräches Kulisch seinem Fr[eun]de. Gr: seinen Wunsch in Beziehung auf mich
rücksichtlich einstweiligen Unterhalt verschaffende[r] Unterrichtsstunden ausgesprochen hatte , als
Gruner sagte: was da Fröbel Schulmeister müssen sie [sc.. Sie] werden und sich zu dem jüngsten seiner
anwesenden Mitlehrer Nänny wandte: Nicht wahr Nänny Fröbel muß bey uns bleiben.-
Wie könnte ich noch wissen was ich darauf erwiederte die {Knospe/Blume[}] meines Lebens war mit einem[-]
male durch den Lichtblick eines Mannes und durch den Geistes- und Sonnenstrahl seines Wortes
geöffnet und erschlossen worden, denn nun war auch die Frage gelöset und die Sorge gehoben die ich
noch kurz vorher gehegt hatte: wie ich durch meinen gewählten Lebensberuf auch meine höheren
und höchsten Menschheitlichen Pflichten erfüllen könne.
So war ich nun erwählter und bald wirklicher thätiger Lehrer an der Musterschule in Frkf.
und hatte sich mein Leben bisher schon ruhig und freudig entwickelt so entfaltete es sich nun
nur noch ruhiger und freudiger.
Kulisch hatte früher im v. Holzhausenschen Hause Unterricht gegeben, er achtete dieß Haus wie
ganz besonders auch [die] Frau vom Hause ihres mütterlichen und wissenschaftlichen Strebens sehr und wollte
als sehr sorgsamer Freund mich auch in dieses Haus und bey dieser Frau einführen; doch da sie
eben im Bade Ems war so konnte dieß erst später durch einen Brief geschehen welchen er mir
an sie zurück ließ. Jetzt sehe ich erst ein wie merkwürdig vortheilhaft dieß gewesen seyn mag.
Denn wäre sie hier gewesen so wäre ich gewiß früher bey ihr als bey Gruner eingeführt
worden, so trat ich nun aber doppelt selbstständig auf einmal persönlich allein, und dann
schon als erwählter Lehrer an der Musterschule und gleichsam als beglaubigter Erzieher in dem
die Musterschule eine so hochgeschätzte Lehranstalt als Herr Gruner ein ganz besonders hochgeach-
teter Pädagog war. Wie gesagt dieß gleichsam vorbereitende Zusammentreffen der Umstände
fällt mir jetzt erst nach mehr als 26 Jahren auf, so kann man ein Leben und dessen Verhält-
nisse um sich den innern bedingenden Zusammenhang derselben klar zu machen nicht lang und
nicht genug betrachten. Nun ist mir mit einenmale auch sehr leicht erklärlich, was mir bisher
immer noch so auffallend als dort ganz unerwartet erschien: Wie sie mir, die Fr. v. H.
nemlich gleich in der ersten Viertelstunde des Zusammenseyns ihre Knaben vorführen und
an mich über deren Erziehung, Führung und Unterricht Fragen thun konnte welche sie auf das
Bestimmteste und so daß man sie sogleich darnach behandeln könnte, beantwortet wissen
wollte. Ich habe schon mehrmals [ge]sagt wie so höchst unerwartet mir diese Fragen kamen, an
die ich in den kaum Tage alten Erzieherberuf noch gar nicht gedacht noch weniger sie mir
beantwortet hatte; ich habe auch gesagt wie ich die an mich gestellte Aufgaben stehenden
Fußes lösete: ich ließ mir nemlich möglichst die Charaktere und Erscheinungen der Knaben vor- [Bogen] 10. /
[19R]
führen hier fand ich bald mißverstandene und so mißgeleitete Knabennatur und Knabenleben, da
ward es mir denn leicht Rath zu geben denn ich griff nur in die Erfahrungen meines eigenen
Lebens, genug was ich sagte wurde so wahr als genügend und anwendbar, wie es aus dem Leben
gegriffen, so dem Leben zusagend gefunden daß ich auch hier, entweder schon bey diesem ersten
Besuche doch ganz gewiß bey dem zweyten zum Lehrer dieser Knaben ernannt wurde.
Die mir hier von einer so gebildeten als lebenserfahrenen Frau und Mutter werdende Achtung
meiner Lebenserfahrung und meines Lebens, mußte, bey dem sich an den täglich 2 stündigen
morgen- und abendlichen Unterricht ihrer Söhne, anknüpfenden geistigen Wechselverkehr,
und dem bey ihrem dem meinen verwandten, wissenschaftlichen Streben und Bedürfniß, mußte
natürlich mein Leben ganz ungemein erhöhen, wie besonders auch mein Leben in all seinen
geistigen Beziehungen Bedürfnissen und Forderungen an das ihrige knüpfen und dieß um so mehr
als ich mir auch die angestrengteste Mühe gab ihren Forderungen als Lehrer, ja auch wohl
schon als Erzieher ihrer Söhne z.B. durch Spaziergänge mit denselben zu genügen, und noch um
so mehr als dieß Haus für mich der ganz einzige Punkt eines geselligen Lebensverkehres in Frankf.
war, weil mit Herrn Gr. bey unserm Zusammenkommen nun schon innere Berufsgeschäfte abgehan-
delt wurden.
Auf der andern Seite hatte sich durch das Haus in dem ich wohnte und fast in demselben ohne daß
ich es wußte und ahnete ein persönliches Verhältniß das in seinen Folgen mein Gemüth so stark in
Anspruch nahm daß ich es wohl erwähnen muß, obgleich ich bey demselben der wahrhaft leidende
Theil war. Doch nein!- Da dieß Verhältniß nicht von meinem Herzen und Gemüth ausging,
und es eigentlich auf die Bildung meines Herzens und Gemüthes auch gar nicht weiter fortentwickelnd
einwirkte und ich dabey nur rein leidend war so mag und möge es ruhn!-
Pestalozzi!” das war dortmals das Feldgeschrey, das Standes- und Erkennungszeichen
aller ächten Pädagogen und der Name und die Farbe aller Schulen die tüchtig seyn und
Tüchtiges liefern wollten. Ein Mitgenosse solcher Pädagogen und ein Lehrer an einer solchen
Schule war ich ja nun. Hatte ich auch noch rein gar keine Erziehungsschrift in meinem ganzen
Leben gelesen, so mußte ich doch wenigstens etwas von Pestalozzi lesen, dessen Name
ich im strengen Sinn eigentlich jetzt erst - obgleich früher schon einmal an mir vorbey hal-
lend - mit bestimmten Charakter nennen hörte. Es schien vors erste gleich, was ich läse,
so fiel mir zuerst eine Anzeige von seinem Wirken und Andeutungen aus seinem Leben
in dem Intelligenzblatte einer der Literaturzeitungen in die Hand hier las ich unter
andern:- ”Pestalozzi habe immer gewünscht in einem verborgenen Winkel nur der
Erziehung und dem Unterrichte armer Knaben zu leben und noch sey dieß sein höchster
Lebenswunsch.”- Das Lesen dieser Worte und dieses Wunsches machte einen mir jetzt
eigentlich noch unerklärlichen so starken Eindruck auf mich, da ich ja eigentlich noch gar nicht
in dem Schulwesen lebte, eigentlich noch gar nicht mit demselben bekannt war, daß ich stehenden /
[20]
Fußes den Entschluß faßte gleich in den nächsten Tagen zu Pestalozzi zu reisen, denn einen solchen
Mann mußte ich kennen lernen so groß und mehr noch als dieß trat er mir entgegen. Wegen der Mittel
zur Reise war nicht lang in mir weder Rath noch Zweifel obgleich ich sie nicht besaß. Es dünkte
mich genug meine Absicht nur der Fr. v. H. auszusprechen um auch in dem Besitz der Mittel zu seyn;
ich that es und nur die Frage entgegnete mir: ”wann wollen Sie reisen?”- und Abends vor dem
festgesetzten Tag wurde mir das Reisegeld auf das Zimmer gesandt. Die Reise und was sie mir
geistig gab gehört zu erwähnen nicht weiter hierher wie ich ja nicht eigentlich eine Geschichte mei-
ner geistigen und wissenschaftlichen Ausbildung hier schreiben will. Nur das gehört hierher
auszusprechen, daß ich mich verpflichtet hier von allem was auf dieser Reise in mir vorging
wie sie auf mich einwirkte und was sie mir gab der Fr. v. H. Rechenschaft wie ein Sohn Rechen-
schaft zu geben, dieß that ich aber schon auf meiner Hinreise und wiederholt während meines zwar sehr
kurzen Aufenthaltes in Yverdun und so wurde ohne daß ich es merkte ein noch innigerer und geistiger
Lebensverkehr geknüpft, an welches sich von meiner Seite noch das warme Gefühl der Dankbarkeit
schloß diese vielen und herrlichen Geistesgaben welche mir diese Reise gereicht hatte, ihrer pflegend
mein Leben aufnehmenden Güte zu verdanken. In dieser kindlichen und ganz hingebend vertrauenden
Sohnes Ansicht meines Verhältnisses lebte dieß mein Leben zunächst fort bis zum Fbr. 1806, wo ich
ihr bey Veranlassung ihres Geburtstages diese meine Lebensansicht und in diesem Sinne schrieb.
Seit meiner Rückkehr aus der Schweiz 21 Septbr 1805 hatte ich meine Wohnung in der Musterschule
bezogen die ihre Güte und Theilnahme verschönt hatte und seit jener Zeit ging auch der jüngste ihrer
Söhne Adolph in [die] Musterschule da aber der Weg aus und wieder in die Schule Mittags für den kleinen
Knaben zu weit war, so blieb er während des Mittags mein Gast; dieß alles knüpfte meinen
Lebensverband, welchen ich wie ich schon aussprach keinesweges nur äußerlich, sondern als den
natürlichst innigsten ansahe immer näher und enger.
In dieser Zeit hatte ich nun manches über Erziehung gelesen unter anderm E. M. Arndt’s Fragmente
der Menschenerziehung. Dieses Buch sagte mir auf das Höchste zu und was ich gutes und Vortreffliches
von Erziehung empfunden über sie gedacht und von ihr erkannt hatte ich mir aus diesem Buche gelesen
so daß ich, als ich es bey der vorhin gedachten Veranlassung ihr überschickte, davon und darüber aus-
sprach daß es mir Bibel über Erziehung sey und mir dabey und darinn Zweck sey Menschen zu bilden
die mit ihren Füßen in die Erde gewurzelt seyen und mit ihren Häuptern in den Himmel hinein
schaueten. So gewaltig waren dort alle Erregungen und Bewegungen alle Gefühle meines Herzens
und Vorstellungen meines Geistes.
Meine dortmalige Stimmung und Stellung schildert vielleicht am besten eine Äußerung
von HE. Oberlehrer Gruner als einmal die Fr. v. H. mit ihren Kindern und Herrn Gr:
und ich einen gemeinsamen Spatziergang machten und ich vom Gegenstande des Gesprä-
ches sehr erregt und da wir auf sehr ebenem Wege gingen, mit dem Gesichte gegen sie
gekehrt, also rückwärts vor ihnen herging:- ”Sehen sie gn. Fr. den leibhaftigen Torquato von /
[20R]
Göthe”;- ich kannte nur wenig von Göthe, nur den Wilhelm Meister, und noch weniger den Tor-
quato Tasso, daß ich ganz unbefangen die Fr. v. H. fragte was ein Buch dieß sey.- Kennen
Sie es nicht nun gut so werde ich es Ihnen zu lesen geben sagte sie lächend; so lernte ich erst
Göthe’s Torquato durch mich selbst kennen.
Gegen den Frühling 1806 suchte diese Mutter einen Erzieher für ihre Kinder, daß es mit
dem welchen man jetzt noch immer hatte einen französischen Abbe nicht länger tauge sahen
endlich alle ein. Wie Herrn Gruner und andern so wurde auch mir der Auftrag
gegeben einen Erzieher zu verschaffen. Ich meinte es mit der Erfüllung des Auftrages
ehrlich wie ich mit den Knaben ehrlich meinte; ich schrieb sogar an den Bruder Christoph
um einen Candidaten aus dem Rudolstädtischen; aber für ein solches Verhältniß und
eine solche Mutter und Frau wollte sich kein Individuum finden es verlangte bey den [sc.: dem] Bildungszu-
stand der Knaben besonders Verzicht leistend sehr viel. Die ältern Knaben waren mir durch das
täglich zweymalige Leben mit ihnen und der jüngste durch sein tägliches Leben an meinem Tische
u. s. w. lieb geworden ich wünschte es ihnen auch aus Dankbarkeit gegen die Mutter, der Ge-
danke eines freyeren Wirkens und der ungehemmteren Ausführung mehrseitiger Ideen kam
wohl vielleicht mit dem, Gelegenheit zu bekommen einst wieder bey Pestalozzi zu leben hinzu;
genug ich entschloß mich meine Stelle aufzugeben und Erzieher dieser Knaben in diesem Hause
unter diesen Verhältnissen und bey dieser Frau Kinder zu werden. Noch jetzt athme ich tief,
tief auf wenn ich diesen Gedanken mir als gedacht wieder denke. Es war aber auch ein
innerer und äußerer Kampf mit welchem ich diesen Gedanken, gleichsam von der Vorsehung
auf die innern und äußern Folgen welche von der Ausführung dieses Gedankens abhingen
aus derselben hervorgingen, daß ich nur in meinen Leben zum zweitenmal einen so ge-
waltigen Kampf gekämpft und eigentlich durchlebt habe, als ich mich entschloß meine
Stelle in Berlin an der Universität aufzugeben und wieder praktischer Erzieher
zu werden, eine Erziehungsanstalt auszuführen. Jener fast vernichtende Kampf läßt sich nicht
beschreiben. Natürlich mußte ich meinen Entschluß allen zuvor den [s.c.: dem] Oberlehrer der Anstalt
H. Gruner mittheilen, dieser welcher nicht nur in meiner Berufsführung mit mir zufrieden,
dem ich nicht nur persönlich lieb, sondern der auch wirklich mein aufrichtiger [Freund] und über
dieß noch bey weitem äußerlich Lebenserfahrener war, d.h. die Lebensverhältnisse
mehr in ihren äußerlichen Gründen und Folgen nicht in einer so tiefen und hingebenden Allge-
meinheit, Geistigkeit und Innerlichkeit anschaute wie ich, zeigte mir das ganze Verhältniß
mit einer Aufrichtigkeit in solcher Klarheit die mir nicht Frieden geben konnte, wo ich in
dem jetztigen Verhältnisse Fessel sahe, zeigte er mir Freyheit, er zeigte mir bey hoher Anerkennung meines
Wirkens, seegensreiche Folgen und liebende Dankbarkeit der Schüler und Schülerin[n]en, wovon mir auch spä-
ter die Beweise im vollsten Maaße wurden; wo ich dagegen in dem künftigen Verhältnisse Freyheit
sahe zeigte er mir Fessel, wo ich großes und ganz allgemeines menschheitliches Interesse schaute
zeigte /
[21]
er mir ganz nahe liegende äußerliche persönliche Einzelinteresssen. Nur eines erwähne ich um nur
an einer wirklichen Äußerung den freundschaftlich so aufrichtigen als klaren Rath dieses Mannes zu
zeigen; ich sagte ihm einmal auf alles dieß erwidernd: Da werde ich mich durch schriftliche Überein-
kunft sicher zu stellen wissen!- er entgegnete mir: [”]Sie werden schriftlich alles klar und fest
setzen, man wird ihnen [sc.: Ihnen] so alles geben was der Buchstabe sagt, daß Sie nichts sagen können wenn
sie [sc.. Sie] doch das Gefühl und die Überzeugung in sich haben, daß ihnen [sc.. Ihnen] alles mangle und ihnen [sc.. Ihnen] nichts von
dem werde was sie [sc.: Sie] an den Buchstaben knüpften und in den Worten lesen.”- Dieß konnte mein
Inneres nur zerschneiden und meinen Kampf vermehren denn ich sahe ein Verhältniß blosgestellt
welches ich als rein menschlich auf das höchste achtete. Doch ich möchte hier mir die Worte Herders
zurufen die ich mir gleichsam vorahnend schon im Jahr 1803 in Bamberg auszeichnete[:]
”Der Gottheit Rathschluß
Ӏndert der Sterbliche nie
”Auf Nacht bedecktem Pfad
”Regiert sie unsern Fuß
”Weiß an der Abgrunds Rand
”Die Strauchelnden zu retten,
”Raubt Kronen, schenket sie,
”Und giebt und löset Ketten.[”]
Und die welche mir im Frühling vorher bey meiner Durchreise durch Griesheim von der Hand eines
fast unbekannten (Frauenz.) gastlich bey meinem Bruder lebendes Frauenzimmers in mein Stammbuch ge-
schrieben wurden:
”Träget das Schicksal Dich,
”So trage Du wieder das Schicksal
”Folge ihm willig und froh
”Willst Du nicht folgen, Du mußt.”
Und die Worte meines Bruders die er mir fast zwey Jahre früher eben dahin geschrieben
hatte:       ”Des Mannes Loos ist: Kämpfen bis zum Ziele!
”Handle als Mann, lieber Bruder! Entschlossen bekämpfe die Hindernisse, die sich auf dem
”Wege den die Pflicht Dir vorzeichnet, Dir entgegen stellen. Und dann - traue der Vorsicht;
”sie leitet sicher zum Ziele!”
Und ich erkannte es für mich rein als Pflicht aus diesem meinen Verhältniß aus- und in jenes ein
zutreten und - ich schied aus, und - trat ein. Irre ich nicht Johannis 1806.
Was Liebe und jugendlich heiterer Sinn mir in meinem Verhältniß nur geben konnte empfing
ich bey meinem Austritt aus der Schule von meinen Schülern und Schülerinnnen und sie wanden
mit den Kränzen und Blumengewinden meine Liebe zu ihnen zwar nicht fester, aber mir wahr-
nehm- und fühlbarer.
Noch nicht aus meiner Schulwohnung aus- und noch nicht in meine neue ErzieherWohnung eingezogen [Bogen] 11. /
[21R]
begann schon der Kampf auf welchen ich ja gehörig vorbereitet war; denn die Äußerungen der Liebe
und Dankbarkeit bey meinem Scheiden aus der Schule hatten mir tief fühlbar gemacht welches
Opfer ich meinem neuen Verhältniß gebracht hatte und die durch den Rath meines Freundes auf das
Äußere hin gerichteten Blicke hatten mich auch im Kleinsten unnachgiebig gemacht. Doch beruhig-
te sich das Leben innerlich und äußerlich so bald wieder, als ich in mein, nun wirklich ein-
siedlerisches Leben mit meinen drey Knaben auf und in der Öde eingelebt war; denn ich
lebte nun nur meinem Berufe und den Knaben und fing in demselben und für dieselben auf das
hingebendste und aufgehendste zu arbeiten an. Die Mutter achtete mein Erzieherleben, wie sie
mein persönliches, geistiges und wissenschaftliches Leben pflegte hob, steigerte.
Mit dem Gebrauch meiner Kraft mußte aber auch das Gefühl und die Größe der Kraft steigen[.]
Mit der Vergrößerung und Vermehrung meiner Kraft mußte das Gefühl und die Erkenntniß
der Kleinheit meiner Wirkungssphäre mir vor die Augen treten und mit der Vermehrung
und Vergrößerung meiner Einsicht, meiner Kenntnisse und meines Wissens, mußte ich die Größe
meines Nichtswissens und Nichtskennens erkennen und so trat ich ungeahnet im Febr[.] 1807
wieder in einen Lebenskampf welcher in der letzten Zeit des Monats März und der ersten
des Monats April dieses 1807er Jahres zu einer klaren Entscheidung kam, wo ich erst recht
klar erkannte und fand, ”daß der Erzieher außer durch die Erfahrung und Ausbildung, auch noch
”wissenschaftlich und theoretisch d.i. nach und aus ganz allgemeinen Gründen und Wahrheiten
”gebildet seyn müsse.” Diese wissenschaftliche und theoretische Kenntniß mir zu verschaffen wollte
ich Mich:[aelis] 1807 aus meinem jetzigen Verhältnisse wieder austreten, 1 Jahr wieder auf Univer-
sitäten gehen, ½ Jahr der Vorbereitung zur Errichtung einer Erziehungsanstalt widmen
”und meinem Wunsche gemäß suchen Ostern 1809 in einer angenehmen, angemessenen ländlichen Gegend eine eigene
Erziehungsanstalt zu eröffnen.” Die sich mir hierbey, die sich mir
zur Ausführung dieses Planes entgegenstemmenden Hindernisse waren groß und so schrieb ich
schon einen Monat darauf wieder an meinen Bruder den ich jene Ansicht und jenen Plan schon
mitgetheilt hatte: ”ich sey zu der festen Überzeugung gekommen, daß ich der entsprechenden
”Ausführung meines ihm mitgetheilten Planes und der gehofften Wirkungen von derselben
”um so sicherer sey, je mehr ich die Kraft und die Mittel, die zur Verwirklichung desselben
”nöthig wären in mir vereinige, und so habe ich den Entschluß gefaßt noch einige Jahre in
”meinem jetzigen Verhältnisse zu bleiben und dann erst meinen, ihm im vorigen Brief mitgetheil-
”ten Plan obgleich auf einem etwas veränderten Wege auszuführen.” So schrieb ich an den
Bruder Chr. am 3en May 1807.
So wenig es vielleicht auf dem ersten Augenblick nothwendig erscheint dieß hier mitzutheilen
so sehr wichtig dünkt es mich um genau zu bezeichnen was in dieser Zeit mein Herz und Gemüthe
und wie so ganz und in welcher Stärke es dasselbe erfüllte, denn nach diesem aus der Gesammtheit
meiner Verhältnisse und der innigen Einheit meines Strebens geforderten und hervorgegangenen /
[22]
ganzen und uneingeschränkten Hingabe an und in mein jetziges Verhältniß an und in meinen jetzigen
Beruf, wo mir alles wieder nahe getreten wo mir mein jetziger Erzieherberuf mein jetziges Erzieher-
leben und besonders meine Zöglinge mir wieder sehr lieb geworden war und ich so wieder zu einem
mir zusagenden mir Bedürfniß seyenden so freyen als friedlichen und freudigen rein menschlichen Verhält-
nisse gekommen war, trat auch bald in meinem Innern, in meinem Herz und Gemüthe eine ganz neue
noch nie in mir dagewesene noch ungekannte Entwicklung ein.
Es muß gegen den Sommermonat 1807 gewesen seyn, wo ich also wenige Monate vorher mein 25stes
Jahr zurückgelegt hatte und nun also schon fast zwey Jahr in diesem Hause bekannt war, wo ich
jetzt, natürlich auch durch die Wirkung meines eigenen innern beruhigtseyns mit Kindern und
Mutter, ein sehr klares Familienleben lebte, als ich mit einemmale ohne daß mir bisher nur eine
Ahnung gekommen war, was längst aber gewiß ein Jedes gesehen hatte als etwas mir ganz Uner-
wartetes bemerkte, daß die Fr. v. Holzhausen von neuem einer hoffnungsvollen Zeit entgegen
gehe. Der Eindruck dieser Bemerkung wirkte schlagend ich möchte sagen magisch auf mich; denn
diese Frau zwar bisher als Frau und Mutter und Freundin meiner von mir hochgeachtet, trat
nun als von neuem hoffende Mutter in ganz verklärte Gestalt vor mir [sc.: mich], sie wurde mir gleich-
sam ein höheres, geistigeres edleres Wesen; ich sahe sie mit einemmale mit ganz anderen Augen
an. So ganz eigen und innerlich hochgesteigert mein Zustand dort war so leicht läßt er sich mir jetzt
erklären. In mir war jede Erinnerung verschwunden wo je in dem Kreise meiner Umgebungen
eine werdende Mutter gelebt hatte;- kurz vorher hatte ich an meinen Bruder geschrieben
die Idee der Erziehung sey:- Das urbildliche Ideal des Menschen in Einem Menschen darzustellen.
Dieses sollte ich gleichsam in der Wirklichkeit vor mir erscheinen sehen;- dazu kam nun wohl
auch mein auf Erziehung gänzlich zurückgezogenes Leben, welches als solches sich viel mit dem Auf-
keimen der reinen Menschheit im Kinde beschäftigte; weiter kam gewiß noch dazu als ganz
wesentlich daß die von neuem gesegnete Mutter die Mutter meiner mir jetzt besonders herzinnig
lieben Zöglinge und auch mir schon Freundin war; vor allem aber auch der sich gänzlich gefundene
beruhigte friedliche und freudige Zustand meines Gemüthes. Wie ich mich fühlte drücken
wohl bezeichnend genug die einfachen Worte aus, die ich bald nach jener Wahrnehmung ihr
aussprach: ” ich möchte sie [sc.. Sie] auf den Händen tragen.” Die Pflege des ungeborenen Wesens durch
Herz, Gemüth und Geist der Mutter lag mir von nun an eben so am Herzen als die Erziehung
meiner Knaben und dieses Wesen, ein Mädchen, gesund stark, frisch, lieb, klar trat mit meinen
Seegenswünschen und Gebet und mit einer Theilnahme auf diese Erde in dieses Daseyn und Leben wie gewiß
Hunderte nicht. Von nun an war das Leben dieses Kindes, es bekam in der Taufe den Na-
men seiner Mutter, Carolina, das Leben seiner Mutter ein geistig geeintes.
Dieß ganze Leben wie ich es in mir pflegte und trug [{]that kund/bewieß[}] die durch mich von ihren Brüdern
ausgeführte Feyer ihres 2en Geburtstages, beym Eintritt in ihr zweytes [sc.. drittes] Lebensjahr.
Schon mehrmal[s] habe ich sie Euch gewiß erzählt, aber sie stehe nochmals hier, denn sie drückt /
[22R]
bildlich noch jetzt meine höchste Idee und meinen reinsten Gedanken von Familienleben aus:- Grü-
nende, blühende und duftende Stubengewächse bildeten auf großen Tischen in dem Eckraum eines
Zimmers, ihre Töpfe künstlich bedeckt einen Garten in dessen Mitte ein freyer grüner Raum, und
in demselben ein rundlich erhabenes Beet in welchem eine Vielknospige Lilie stand, dabey lag
eine mit guter Erde gefüllte Wanne umgestürzt und eine Gieskanne in der Lage des Besprengens,
Begießens, ein Sonnenstrahl fiel aus einem Gewölk auf die Lilie vom Himmel herab, und in diesem
Gewölke traten gleichsam durch die Brechung des Sonnenlichtes die Worte: Gottes Garten hervor.
- Doch was gebe ich mir den[n] Mühe es Euch zu zeichnen, zehen [sc.: Zehn] und mehrmal habt ihr ja die
Darstellung dieser Geburtstagsfeyer schon gesehen; die Zeichnung desselben steht ja an der Stirne
jedes Blattes der erziehenden Familien, so wie sie die vordere Deckzeichnung auf der Schrift: die
Erziehungskunst ausmacht, so wie überhaupt in diesem Buche manches was die kleine Caroline
mich lehrte aufgenommen ist.
Aus der Feyer dieses Geburtfestes seht Ihr Geliebten Theuren zugleich, welch ein innig einig
Leben ich mit meinen Zöglingen als Carolinens Brüdern führte. Fast muß ich auch meinen
wenn ich mir jetzt, oft engelhaftes Wesen und Seyn in die Erinnerung zurückrufe, daß auch
die Erscheinung ihrer kleinen Schwester unter und bey ihnen ganz wesentlich zu ihrer Erhebung
und Klärung beygetragen habe.
Im Ganzen konnten mich aber doch die Gesammtverhältnisse zur Erreichung des ganzen Erziehungs-
zweckes bey und mit meinen Zöglingen nicht genügen, so daß ich sehr glücklich war als es sich endlich
entschied und ausgeführt wurde daß ich und meine Zöglinge auf einige Jahre zu Pestalozzi nach
Yverdon zogen und wir von den Eltern dahin begleitet wurden.
Ein großer und wichtiger Abschnitt meines Lebens.
Hatte ich schon auf der Öde mich nur ausschließend mit dem Erziehen und Lehren beschäftigt,
so konnte ich hier doch bey weitem mehr meinem eigenen Studium darinne leben, weil
meine Zöglinge so viele Stunden täglich in der Anstalt zubrachten auch verlohr nun mein
äußeres Leben überhaupt seine beengenden und vereinzelnden Beziehungen und mein Herz und
Gemüth wurde wieder der ganzen großen Idee der Menschenerziehung geöffnet und alles
Einzelne nur auf die Darstellung und Verwirklichung dieser Idee bezogen. Groß und weit
erhaben und klar wie die mich umgebende Natur konnte ich nun auch jene Idee und alles
darauf Bezug habende in mir entfalten lassen; ich begann nun ganz wieder mein großes
freyes geistiges und Naturleben in mir zu leben ruhend; still ruhend und arbeitend in mir
und doch in vielseitig regen Lebensverkehr mit Menschen wie mit Natur und von beyden
nahm ich gleichviel, mich eigentlich doch rein sebstthätig und eben dadurch entwickelnd
prüfend und lernend in mir auf. Hatten schon die Sterne manche Nacht in Frkf. und auf der Öde
zu mir gesprochen so strahlte[n] sie mir jetzt mit verjüngtem Glanze meine Jugendentschlüsse
mir herab und brachten mir oft wieder die [{]stillen/leisen[}] Grüße und das stille Gemeinleben früher Ver- /
[23]
storbener Lieben, vor allen namentlich mit meiner Mutter.
Ich muß hier etwas gedenken was ich schon früher z. B: bey meiner ersten Anwesenheit in der Schweiz
im Herbst 1805 hätte erwähnen können; es ist die Eigenheit meines Gemüthes daß sich sehr oft und gern
an das Gefühl und Bewußtseyn eines sehr ruhigen glücklichen und heiteren inneren Lebens, der Gedanke
an den augenblicklichen oder doch nahen baldigen Tod knüpft, so konnte es mich besonders in jener Zeit
sehr oft namentlich auf meinen Spaziergängen, sehr glücklich machen, mich augenblicklich sterben zu
lassen oder mir alle meine Verhältnisse und mein ganzes Leben so zu überschauen als wenn ich eben jetzt
sterben müßte, wo es mir denn vorzüglich Freude und etwas höheres möchte ich sagen, konnte ich es, machen
mich so sterben zu sehen und zu wissen wie die klare Sonne am klaren heiteren Himmel, hinter die
klaren friedlichen Berge hinab sinkt.
So mein Leben in der Schweiz in Yverdon, bey und mit Pestalozzi. Viel Großes und Wahres empfand
dort schon mein Gemüth und dachte mein Geist. Ich erkannte schon klar den Unterschied zwischen
Pestalozzi und mir, daß Pestalozzi den Menschen nehme wie er auf der Erde erscheine,
in seiner Erscheinung als nur daseyend, ich aber den Menschen in seinem ewigen Wesen in seinem
ewigen Seyn. Ich erkannte schon dort klar und sprach es sogar in meiner Darstellung der
Pestalozzischen Lehrweise nach Pestalozzi Menschenansicht, die ich dortmals an die
Fürstin Mutter als Regentin von Rudolstadt sandte 1809 aus: Daß eine ächte Menschenerziehung
und Menschenlehre keine Lücke und keine Grenze habe, daß sie stetig zum Unendlichen führe
und nur in dem Gefundenhaben dessen seine Befriedigung und Ruhe gefunden habe.
Die einseitige Betrachtung des Menschen in der Erscheinung und nur als da seyend führt zur
Zerstücktheit zum Widerspruch zum Tod; so mußte Pestalozzi mit seinen sogenannten Freunden
zerfallen und in Wiederspruch gerathen sein sogenanntes Werk mußte sterben. Pestalozzi
und seine Gehülfen konnten mich nicht verstehen nicht erfassen wohl aber ich sie begreifen
das beste wahr [sc.: war] ich ging, und ich ging - im August 1810 irre ich nicht war ich schon wieder in
Frankfurt und auf der Öde.
So lebhaft und fast ununterbrochen auch der Wechselverkehr brieflich und schriftlich zwischen Yverdon
und der Öde und namentlich auch zwischen mir und der Fr. v. Holzhausen gewesen war, so sehr
und lebendig ich ihr auch jedes was in mir und mit mir vorgegangen war mitgetheilt, und
mein Leben bleibend in Einigung mit dem ihrigen fortentwickelt und fortgebildet hatte, so ver-
schieden
mußte sich das Leben in dieser Zeit und hatte sich das Leben in dieser Zeit gegenseitig
ausgebildet, daß ihm bey einem nun bey weitem näheren äußeren Stehen -(: denn ich wohnte jetzt
mit meinen Zöglingen in einem und ebendenselben Hause mit den Eltern, ich frühstück[t]e und
aß jetzt in Gesellschaft und an dem Tische der Eltern selbst an ihren Gesellschaftstagen :)-
ein ganz Wesentliches <-> mangelte, was {es/dasjenige[}] war das fehlte, das konnte ich mir dort
und lange nicht, konnte mir es eigentlich bis in diesem Augenblick noch nicht sagen,
nur fühlte ich daß das alte frühere Leben gelähmt war; alles bot ich auf, mich selbst gab ich hin /
[23R]
und mehrmals würde ich mich hingegeben haben wäre es mir möglich geworden das Leben
in seiner früheren Frische herzustellen. Jetzt weiß ich warum alles so war, wie es war;-
Gott! nach einem fast 21 jährigen, zu einigen Zeiten wirklich furchtbaren Lebensver-
nichtenden Kampfe, einige male mich an den Abgrund fast geistiger Vernichtung führend
nach einem so vieljährigen, so streng von mir beachteten und verfolgten im Gemüthe und Herzen
durchlebten mit dem Lichte des Geistes beleuteten harten Kampfe, jetzt erst, geführt
in ein fernes fremdes Land, sitzend allein im einsamen klösterlichen Stübchen mit den Fenstern
aus runden Scheiben im alterthümelichen Hause umgeben von dem dunkeln sich tief in das Thal gesenkten regnenden
Himmel bey einbrechender Nacht umbrauset vom heulenden Herbststurm der die Bäume
zerschüttelt in welchen die Giesbäche in den Schluchten nach Süden und Norden ihr leidenschaftliches
Gebrauß ihrer zerstiebenden Wogen mischen hier bey dem Abend- und Nachtgeläute das
durch den Sturm aus der Ferne wie eine tröstende Geister- und Friedensstimme herüber-
schallt, bey dem flackernden Lichte der Kerze und bey dem einsamen ungehemmt fortgeh-
enden Schlage der Uhr, jetzt erst hier in dieser Einsamkeit fällt es mir wie Schuppen
von den Augen!-- Gott!- was gehört dazu ehe der Mensch sich findet und klar die Bedeu-
tung seiner Lebensbegegnisse erkennt!- Ein 21 jähriger fast steter so besonnener als har-
ter Kampf!!!- Erlaubt mir nun Ihr hochgeliebten theuren und treuen Seelen, daß
ich vorher unter Euren Augen und mit Euch in Gemeinsamkeit das Leben, die Erscheinungen
des Lebens mir entwirren, mir deuten und so erst mich selbst recht klar sehend
machen kann, dann wollen wir wieder den Faden der Geschichte aufnehmen mit dem Sonnen-
lichte der Erkenntniß und des Schauens in Kopf, Herz und Augen soll er uns ein ariad-
nischer Faden werden der uns aus dem Lande der Widersprüche, der Dunkelheit und
Verwirrung in das Land der Harmonie, des Einklangs, des Friedens, der Freyheit und der
Einigung führt!--
Ja! Die Einende leben volle Begeisterung, und erhebende seelenvolle Weyhe des früheren
Lebens mangelte!- Aber warum?- warum??-- In der langen Zeit völliger persön-
licher Trennung hatten sich unsere Charaktere und unser beyderseitiges Leben gegensei-
tig ganz fr[e]y- und selbstthätig, frey, und selbstständig entwickeln und ausbilden
und zu wirklichem Charakter gestalten können!- Worinn lag und liegt denn eigent-
lich nun das Verschiedenartige und Trennende des beyderseitigen Charakters, das zu
erkennen mich fast 1/3 Menschenalter kostete?-- In nichts Geringeren als dem was sich kund
thut wenn man eine Hand umwendet!-- So blind kann der Mensch seyn:- in einen
Äußeren und einen Inneren!- darinn lag es und liegt es daß sie ein Äußeres
wollte und will und ich ein Inneres!- Doch meint sie es gerad umgekehrt, denn sie sagt
ich will gerad zu das religiös Höchste!- Eben darinn nun liegt es:- sie will alles grad
zu äußerlich machen und aufbauen wie z.B. einen Dom zu Straßburg; ich will aber /
[24]
alles innerlich sich entwickeln, werden lassen z.B. ein Pflänzchen, kann seyn wird auch eine
tausendjährige Eiche, oder sogar jener Baum, der immer senkrecht aus seinen Zweigen Säulen
förmige und stammartige Wurzeln zur Erde senkt so daß die Glieder ganzer VolksStämme unter seinem
Schatten wohnen können, aber es wird die tausendjährige Eiche,
ich mache und baue sie nicht. So will sie Menschen machen, wie ein Denksystem zusammen[-]
bauen, ich will Menschen sich entwickeln und werden lassen;- sie will Religion
machen und bauen, und will religiöse fromme Menschen machen und aufbauen,
und ich will Religion sich entwickeln und werden lassen, wie ich die Menschen sich religös
sich entwickeln und werden lassen will.- Worinn liegt nun aber bey dieser doch so klaren
schneidend trennenden Verschiedenheit das so Gewaltige was mich wie mit einer unsichtbaren
aber fast unwiderstehlichen und fast unbesiegbaren Macht ich möchte sagen immer von neuem
mit eisernen Ketten an diese Frau wenn ich das Verhältniß nicht schnöd und von mir uner-
kannt, und von mir undurchleuchtet wegwerfen
- sondern vielmehr als von mir klar
erkannt und ganz durchleuchtet sich in sich selbst auflösen lassen wollte ?-- Antwort
in den Wörther[n] Mensch, Gott, Religion das heißt - daß sie wie ich, daß wir beyde das
Höchste, und mit fast - aber entgegengesetzt gleicher Lebenshingabe wollten.--
Ja nun ist mir alles klar, und durch und mit diesem ist mir vieles klar!-
Nun bin ich frey! nicht dadurch daß ich die Fesseln zerbrochen habe, nein ich habe sie wie
sie auch drückten lang getragen, sondern dadurch bin ich frey, daß sie durch das Licht der
Erkenntniß in Staub zerfallen von mir gesunken sind.
Nur [sc.: Nun] Ihr hochgeliebten, Theuren gehöre ich Euch, gehöre Euch die Ihr mich in dieser langen Zeit
eines harten Kampfes, schonend, pflegend, theilnehmend getragen ha[b]t, gehöre einer
jeden von Euch Ihr treuen Seelen und Wesen, wie ihr mir meine Fesseln habt tragen und mir
sie zuletzt habt vernichten helfen, gehöre Jeder von Euch wie Ihr schonend und pflegend mein
Leben getragen und dadurch ein Recht auf mich habt, gehöre Euch, Eurem Leben, Eurem Kreis!
-- Fast 24 Stunden sind verflossen seit ich vorstehend Niedergeschriebenes beendigte. Die wei-
teren Betrachtungen und Ergebnisse zu welchen mich die während des Schreibens gefundene
Erkenntniß und Einsicht führten waren für mich so wichtig, allumfassend und mein ganzes
Wesen so ergreifend klärend, und mein ganzes Leben so durchdringend erlichtend, daß ich mir
dieß alles in mir aufnehmend und verarbeitend so lange Zeit und Ruhe gönnen mußte.
Ihr alle vielleicht ganz besonders aber Du meine hochgeliebte Wilhelmine, mein einziges Weib!
wenn Du meiner jüngsten Briefe von Frankfurt und der Öde aus geschrieben, und daß darinne
da und dort über mein Leben und dessen Erscheinungen dort Ausgesprochenen Dich erinnerst, wirst
vielleicht sagen: in diesen Briefen steht ja schon gar oft angedeutet, was Dir jetzt eine so un-
erwartet neue Einsicht und Erkenntniß für Dich erscheint. Du hast Recht meine Liebe! aber
Du hast und Ihr alle habt hier gleich einen Beweis für das, was ich schon so oft wohl zu Euch sagte, /
[24R]
der Mensch spricht gar Manches, ja viel von welchem er seine eigentliche Bedeutung noch
gar nicht weiß, weil er das was er sagt und von dem er spricht noch nicht in seinem Leben-
digen Zusammenhange mit dem Ganzen und der Einheit, sondern nur als Einzelbemerkung
sieht und nur so davon spricht; in diesem Sinne kann man sagen, der Mensch weiß selbst
sehr oft gar nicht was er sagt, so klar er es auch wohl und darüber spricht; zum vollkomme-
nen Wissen dessen was man sagt gehört also keinesweges blos die klare Einzelanschau-
ung, sondern das Schauen des Einzelnen im Ganzen.
So ist es mir nun mit dem gestern Nachmittag Ausgesprochenen gegangen: ich habe
das dort Gesagte mit einemmale so im innigen Zusammenhang mit dem Ganzen oder vielmehr
als den Knotenpunkt, den Quell- und Mittel- und Beziehungspunkt von so viel Erscheinungen,
Wahrnehmungen pp.pp. meines Lebens gesehen, daß ich dadurch mit einemmale im Moment
eines, seine Nebel sinkenlassenden Tages wie auf eine die Gegend klar durch[-] und überschauende
Höhe versetzt wurde.
Ich hebe solche Entwicklungsmomente in meinem Innern wenn sie mit andern Menschen in
gleichzeitig beachtete Lebensmomente und Zeiten fallen, für jene Menschen, so wie hier für
Euch gern heraus, daß {sie/er[}] so auf die eigenen Lebensmomente aufmerksam {werden/werde[}], und sie in
ihren Entwicklungen für sich nicht unbeachtet vorübergehen [{]lassen/lasse[}] und so unter den Menschen,
besonders auf ihr allgemeinstes Leben, nach und nach ein größeres gegenseitiges Wechsel-
verständniß eintrete; denn nur das Wechselverständniß dieses, des allerinnersten Lebens
kann nur jedem Einzelnen, wie gegenseitig und zuletzt mehr allgemeiner ächter Frieden,
Freyheit und Freude geben!--
Doch nun zurück zur Geschichte selbst; sie wird ja hoffentlich nun schnell zum Ziele zu führen
seyn.
Also das Streben der Frau von Holzhausen ging (wie jetzt noch immer, weßhalb sie eben wegen
des Gegenstandes sowohl als der Selbstvernichtung mit der sie es thut, so hohe Achtung verdient)
darinn auf des Lebens Höchstes: Erziehung, Religion pp. zu machen, wie man sich auch wohl ganz
richtig bezeichnend ausdrückt: sein Heil pp. zu bauen, mein Stehen in Innersten und meine
höchste Lebens Ansicht in diesem Punkte habe ich dagegen auch gewiß bestimmt genug gezeichnet.
Wer kennt nun nicht jene alles fromm machen wollenden reißenden Thiere die in Schaafs-
kleidern einhergehen, die irrenden Schäflein in ihre Hürden zu treiben damit sie doch wenigstens
den Pferch von ihnen bekommen. Ein solches Thier- (: später anders woher wirklich entlarvt :)-
hatte auf sich nun auch vorgesetzt die Fr. v. H. fromm zu machen; an dem Wege dahin, weil
er nun äußerlich wenigstens doch dicht genug bey mir vorbey ging konnte man mich unmöglich
als Wegweiser brauchen, nun stand ich doch einmal wo und wie ich stand, es war nun
in einem glücklichen dunkeln und neblichen oder verschleyernden Moment nichts anders zu thun
als den Wanderer um zu drehen, dann bey eintretenden Lichte auf die Aufschrift des Wegweisers zu deuten /
[25]
um zu beweisen daß er statt vorwärts, rückwärts zeige; doch dieß bedurfte es ja nicht einmal, da ja
entgegengesetzt Gleiches sich immer leicht versteht, so auch leicht ein äußerlich bauender Mann, und
eine äußerlich bauende Frau.
Was bedarf es noch weiter ein Wort, mein innerstes Leben war zerbrochen, mein irdisch und mensch-
lich Höchstes mir schnöde geraubt und in den Staub getreten:- Des Geistes und der Seele Einigung für
Erstrebung des höchsten Geistigen und Seeligen!- Ich hatte es zwar in diesem Verhältniß nie gehabt, denn - was man
hat kann uns nie genommen werden- (Ich weiß daß ich dieß zu Euch sage ja Dir sage mein Weib)- <allein>
allein ich hatte es doch gemeint daß ich Etwas habe.
Hat Jemand je hart und wahr über sich geurtheilt so ist es diese Frau, hören wir was sie mir
an meinem letzten Geburtstage den ich auf der Öde verlebte schrieb und alles ist hoffentlich klar:
” Nacht den 20en April [18]11.
”Wenige Augenblicke, und Sie beginnen ein neues LebensJahr, mit tiefem Schmerz durch
mich erfüllt! Glauben Sie mir, dieser Schmerz steht lebendig vor meiner Seele, und ich
”fühle was ich Ihnen schon alles auferlegt.- Ich fühle wie es mich ergreifen würde, stünde
”ich in Ihrer Ansicht, wenn ich Sie auf gleiche Weise aufzugeben glauben müßte, oder
”wie Sie schon aufgegeben hätte. Könnte es Ihnen doch einTrost seyn, daß der Schmerz den
”ich gegeben, ganz in meine Seele wieder kehren wird, und könnte es Ihnen eine Wahr-
”heit seyn, daß ich ihn gern tragen will, um Sie davon zu befreyen, denn Sie können sich
”sagen: Sie haben nach Ihrem innersten Willen alles für mich getragen und gethan was
”Sie konnten, und für das alles lohne ich Sie (durch selbst Täuschung) mit Schmerz.
”Ich nehme Ihnen, was Ihnen alles war, des Geistes Einigung mit dem Geiste, weil
”mein unvollkommener Geist in seine eigenen Schranken zurück tritt um sich selbst zu
”suchen und um zu wissen was und wie er giebt. Mein Handeln mußte und muß
”Ihnen sehr wehe thun, richten Sie nicht zu hart über mich; ich bin und bleibe, mit oder
”ohne Ihren Willen, in der Tiefe meines Bewußtseyns Ihre treueste Freundin, Ihr Schick-
”sal wird wieder ganz besondere Angelegenheiten meines Innern seyn, wenn der kalte Gang,
”den ich auch um des Freundes willen in meiner Seele Tiefe durchzugehen habe, zurück-
”gelegt ist. In jeder Unvollkommenheit mit jedem Flecken meines (kalten?) Herzens
”habe ich mich Ihnen in der letzten Zeit gezeigt. Sie verwerfen alle äußere Umstände
”und sehen nur mein Handeln, und in diesem erzittern Sie, sich an ein Fantom ange-
”kettet zu haben - und das Fantom hat das Band zerrissen; und das Fantom ist
”in sich ruhig - kalt - und so weiter.”
Bey irgend einer Veranlassung hatte ich ihr das bekannte schöne Kunstblatt, den Johannes
gestochen von Müller in Dresden nicht ohne Beziehung auf das Leben meines Innersten (geschenkt) gegeben.
Der Frommmachende fand dieß auch ein schönes frommes Blatt und um andere auch dadurch fromm
zu machen ließ [er] es sich schenken. Als sie mir, es nachdem es geschehen war, davon Kunde gab, sagte
[Bogen] 13. [Randnotiz gehört zu 26]
[25R]
ich:- [”] Gott! Sie wissen nicht was Sie gethan und sich genommen haben!”- ”Meine erste Sorge
wird seyn ein solches Blatt wieder zu bekommen[”], erwiederte sie.- Und wenn sie sich hundert
und mehr solcher Blätter wieder verschaffen, das Blatt verschaffen sie sich und bekommen sie nie
wieder! entgegnete ich von der tiefen Wahrheit dessen was ich sagte ergriffen.
Und- o! wie nur zu wahr hatte ich gesagt. Nichts war von nun an ihr vermögend
sich das was sich an das Blatt anschloß wieder zu verschaffen; nichts war im Stande ihr
das was in dem Blatte gegeben war, je wieder zu verschaffen.
Ich habe jetzt eines dieser Blätter wieder in ihrem Zimmer hängen sehen und mein Auge,
mein Blick mochte nicht auf demselben verweilen.
Auch ich konnte nun dortmals nicht länger an diesem Orte und in diesem Verhältniß verweilen[.]
Ein anderes, ganz Anderes, Höheres suchte ich nun, nach dem sich ja mein Gemüth und Geist so
lang, lang gesehnt hatte:- es war das klare in sich selbst ruhende Wissen - das lindernde
pflegende, heilende, erhebende sich vertrauend und ganz und immer mit von neuem geöffneten
reichen Gemüthe sich hingebende Wissen von der Natur, dem, der sich ihr, eben so ganz giebt.
Im Juny 1811 ging ich nach Göttingen um mich von neuem zur Ausführung meines langen
pädagogischen Vorhabens den Naturwissenschaftlichen Studien zu widmen.
Doch mein Gemüth und inneres Leben war viel gewaltiger gestöhrt und zerrissen als ich
es selbst geahnet noch weniger gewußt hatte. Monate dauerten ehe ich mich ganz wieder[-]
fand. Die Familie des Bruders in Osterode hat den Beweis in Händen, denn fast ein Vier-
teljahr mag es wohl gedauert haben ehe ich nach meiner ersten Ankunft in Göttingen
zu Euch die Ihr mir doch so innig lieb waret und zu welchen sich mein Herz und Sinn so lang
hinwand - nach Osterode kam.- Dort wunderte es Euch, Ihr konntet es nicht begreifen
jetzt wißt Ihr es.
Aber welch! ein Abschnitt meines Lebens, welch ein Leben beginnt mir nun.
In dem Maaße wie ich mich erholte war es als wenn nach einem langen, langen harten
Winter die Eis- und Schneedecke nach und nach schmölze, und wo sie nur geschmolzen war
und ehe sie noch ganz weggeschmolzen war, da grünte und schoßte, ja blühete und fruchtete
sogar die so lange verhaltene Geistessaat aus dem tief dur[ch]ackerten Gemüthe und
dem tief aufgegrabenen und durchfurchten Geiste hervor, und bald ja bald grünete, wuchs blühete und
fruchtete in meinem Gemüthe das alte und doch ewig junge Eden
meines Gemüthes, der klare liebe redende Himmel von welchem ich fast lange nichts
mehr gehört und gesehen hatte wölbte sich wieder über mir, der Stern des Einklangs
und der Harmonie, wie ich ihn mir lang schon genannt hatte (die Wega in der Leyer)
näherte sich wieder meinem Scheidel [sc.: Scheitel] und o! wie erstaunte ich als ich an einem
so herrlichen Abend den riesigen Cometen, mir selbst gleichsam entdeckte; denn in
der dunkeln Zeit meines harten Kampfes hatte ich entweder nichts von seinem Daseyn oder /
[Randnotiz, gehört zu S. 26]
[26]
es überhört, es war ein großartiges, auch für mich war es ein großartiges Jahr.
Ganz mir wieder hingegeben und der Natur, konnte ich ganz mir wieder und der Natur
und dem Erkennen und Wissen, dem Studium beyder, dem Leben beyder und in der Wissen-
schaft beyder leben; wie so manche lange Nacht wandelte ich da wenn ich des Tages wohl mehr
als 12 volle Stunden anhaltend und unzerstückt gearbeitet hatte neben mir den strahlenden
über mir den einenden Stern und um mich die, vom Beginn meines Lebens mir redenden.
Während und in diesen erholenden Wochen wurde indem ich mich selbst in mir wieder einte
und fand mir alles und alles und immer mehr und mehr wieder hold, freundlich mich auf und in
meinen [sc.: meinem] Leben mich begleitend; es selbst gestaltend und seinen Jnnhalt [sc.: Inhalt] ausmachend, wie
seine Seele seyend: Natur, die Sonne und die Sterne, ihr Scheinen und ihr Scheiden; die Menschen
und hier vor allen die Familie, die Lebensverhältnisse, die Wissenschaft; die inneren
Entwicklungen, des Gemüthes wie des Geistes; wenigstens äußerlich verwandtes Streben
lieber Studiengenossen. Mit diesem ruhigen mich-selbstfinden kam mir wie innere Heiter-
keit und Frieden, so stille, stetige, immer von neuen schaffend aus sich gestaltende Geistes- und
Seelenkraft. Dort wurden mir die großen alles umfassenden und alles gestaltenden Gesetze der
Natur und des Lebens in ihrem Ausgangspunkte klar und lebendig, in ihrem indem sie in
meinem Leben und Lebenserscheinungen, in dem Ausgangspunkte bedingte, Gesetze zeigten, in
demselben gleich wieder schafften und gestalteten, und so, wie klärend, so belebend wirkten.
Dort kam mir die große durchgreifende sphärische - weltenbauische - immer in sich geeinte
gleichsam kugliche Ansicht aller Erscheinungen in der Natur wie im Menschenleben.- Dort kam mir mathematisch
klar und bestimmt der große so alles schaffende, wie alles durchleuchtende Gedanke: Sphära (das
ist) das stetige, stets allseitig lebendige schaffende, immer von neuem In-sich-selbst-Ruhen, ist das
Grundgesetz im All, in der physischen wie in der psychischen (in der Körper- wie in der Seelenwelt)
in der moralischen wie in der intellectuellen Welt; (in der empfindenden wie in der denkenden
Welt [Erweiternde Randnotizen 26*/25R**/25***/26R+]
* d.h. die Dinge, Erscheinungen u. s. w. d.i. ihr Wesen von Innen heraus wahrnehmen, schauen[,] erkennen, wirken, schaffen, bilden, leuchten sehen, und so
[25R]
** von Innen heraus wahrnehmen, schauen, erkennen, wirken, schaffen, bilden, leuchten machen; also auch wahrnehmen, schauen, erkennen, wie alles und
jedes Einzelne immer in einer beziehungsweise höheren und durch diese zuletzt in der höchsten absoluten Einheit ruht, dadurch lebt, wie daraus hervorgegangen
ist; oder was einerley, immer auf eine höhere Einheit zurück fällt (all, äll, ält, fällt), oder zurück sinkt (i, in, ink, inkt, sinkt) und so und dadurch seines
[25]
*** Wesens, wissend d.i. sich bewußt wird, und so in seinem Seyn (: S ey n :) seyend d.i. gesund wird; oder auch sein H ei l Ganzes findet u. heilig ganz wird
[26R]
+ und wie so die äußere Natur, die Natur der Triebe Träger pp. des Göttlichen werden w[ie]. B[eispielsweise]. der Pegasus den Apoll, der Löwe den {Eros/Amor}, der Panther die Ariadne (libera),
der Delphin den Arion, das schäumende Meer die Venus und die feurigen Rosse, den Sonnenwagen, den Phoibus ziehen und die gebändigten Gewitterwolken die Iris tragen pp. [Erweiterung Ende]
[26]
- Alles seit jener Zeit Wollende und Gewollte, alles Gedachte und Ausgeführte, alles
Empfundene und Ausgebildete ruht, quillt, lebt in diesem Gedanken, wächst, keimt, blüht
fruchtet aus demselben hervor in den Vergeistigsten Gestalten, (wie die Blüthen die vergeistig-
sten Gestalten eines Stammlebens sind,) wie in den einfachsten alles in sich schließenden Gedanken
-((: wie jedes Saamenkorn das Leben des ganzen Gewächses, jeder Kern das Leben des ganzen
großen Baumes mit seiner schattenden Krone (vielen Lebendigen Wesen selbst Menschen zu Trutz
und Schutz) mit seinen rosigen duftenden Blumen und Blüthen (Vielen, selbst dem denkenden empfindenden
Menschen zur Erhebung und Freude) und seinen goldigen reifen Früchten (Vielen zum Genuß und
Genesung) in sich schließt.)) -
In der stillen, ruhigen in sich selbst geschlossen[en], wie sich selbst genügenden Familie meines
Bruders zu Osterode, in Eurer Familie Ihr innig geliebten Theuren, sah ich reines Menschen- und
Familienleben; Ich sah den Menschen auf und in allen Stufen dieses Lebens: Großeltern (GroßVater), /
[26R]
Eltern, Kinder: Eltern, Kinder, Enkel (: Sonnen, Planeten, Monde :)[.] Ich sahe hier den Menschen
in allen Altern (: Frühling, Sommer, Herbst, Winter :) und in dem schönsten alles um- und einschließenden Knospenalter des Menschen
in allen Stufen seiner Entfaltung, ich sah das kleinen holden Knaben Kind
umgeben von der ganzen Familie beym zeichnenden und mahlenden Lichte spielend auf dem Tische
Freude gebend, wie sie lebend;- ich sah den schon kräftigen, wackeren und braven Knaben und Jungen, wie
er in wichtiger Geschäftigkeit dem Vater zu helfen bemüht war, und dieser dabey ihn lehrte;- das
stille Mädchen sahe ich, wie es ruhig zur Schule ging, unbemerkt aus derselben zurückkam und sinnig sich
die kleinern und größern Geschäfte, die Häuslichen und die der Schule trieb;- ich sahe die wackere Jung-
frau in allen Erscheinungen ihres Lebens und Wirkens, die sie lieb, werth und schätzbar macht, und selbst
die noch lange nicht geborne Elise sahe mich; denn als ich mehrere Jahre später wieder hieher zu-
rück kam, sagte sie als sie mich eben erst ankommend schon in dem Garten und Hof erblickte:-
o! den Onkel kannte ich schon, oder erkannte ich gleich. Siehe Elise so erkanntest du, so kanntest du
mich schon eher und mehr als ich dich kannte und erkannte!- (: die Tageszeiten des leiblichen Frühlings:)
Ich sah hier den Menschen in allen Verhältnissen:{regierend/herrschend[}], leitend, gehorchend; schaffend, pflegend
dienend;- Ich sahe den Mann (Menschen) als Bürger, Hausvater, Geschäftsmann; Ich sahe einen Menschen-
kreis geschlossen in sich, wie im Wechselverkehr und Lebensverbande mit der Nachbarschaft,
den Freunden, wie mit der Verwandtschaft; ich sahe {diesen Kreis/ihn} schützen, pflegen, entwickeln, erheben
und ausbilden das bürgerliche, wie das menschliche und das religiöse, das menschheitliche innerste
heiligste Leben. Dieß alles - dieß hohe ausgebildete ich mögte fast sagen, man könnte bald sagen
vollkommene Leben sahe ich dort und - sahe es nicht[;] denn ich lebte es selbst mit als mehr-
seitig verschlungenes vor allem aber als getragenes, gepflegtes, geschätztes, als - geliebtes
und hochachtend liebendes Glied in stiller Thätigkeit im Frieden.
Was soll ich noch von jenem Leben sagen, es liegt ja den meisten Ihr theuren Seelen wohl
noch in der Seele vor. Ihr lebtet es ja mit, durch Euch lebte ich es ja nur; und mein Dank dafür?-
--
Ich las dort viel, schrieb wie gewöhnlich was in mein Leben harmonisch einklang oder es in schönen
klaren Formen und Farben malte und zeichnete aus. Schrieb Eigengedachtes und Empfundenes
nieder. Die Klarheit und Bestimmtheit mit der ich ausschrieb <-> in der es mir noch vorliegt
beweißt [sc.. beweist] wie ein ruhiges klares Leben ich dort lebte.
Wenn ich nicht las oder schrieb, lebte ich viel und gern in jener Zeit in der Kinder- und Jugend-
welt mehr und lieber in dem frischen, warmen, regen Leben der Jugend und bey ihren Spielen und in ihnen
als im ernsten, ruhigern Leben der Erwachsenen. Sonderbar erschien dieß dort oft, blieb
nicht unbeachtet und unberedet, jetzt nach dieser Darstellung nach diesem meinem offen
dargelegten Vorleben, wird es Ihnen liebe Schwägerin die auch Sie es dort beachtend
bemerkten, erklärlich seyn.
Die Gegenwart führt immer, sie recht ergreifend und wirklich lebend in die Vergangenheit /
[27]
denn die Gegenwart ist ja immer eine Tochter der Vergangenheit; so führte denn auch mich meine
jetzige Gegenwart in meine frühere Vergangenheit, denn eben auch meine nächste Gegenwart
war ja auch die Tochter meiner nächsten Vergangenheit und Töchter, Kinder sollen ja der Mutter
für ihr Daseyn immer dankbar seyn, denn Dankbarkeit ist so sehr die schönste der menschlichen
Eigenschaften als sie im Reiche des Lebens die verbreitetste und allgemeinste ist.
Auch ich nahm daher dankbar und pflegend die kaum verlebte Vergangenheit in dieser Zeit,
und um so mehr wieder auf, als ich selbst wieder mein Selbst war; <-> denn sie hatte wie die
Stürme und Gewitter wenn auch vernichtend doch wohl mehr noch entwickelnd gewirkt und ich
hoffte darum wohl im Gefühl der Dankbarkeit daß auch meine Rückwirkung entwickelnd
wirken sollte. Nur auf Augenblickte [sc.: Augenblicke] konnte jedoch die Teuschung es nur meinen, es erreicht zu
haben, denn das Leben wirkte in seinen jetzt klar erkannten, dort wie ja lange nachher noch nicht
durchschauten, wenn auch, ach so oft bestimmt geahnten Charakter weiter fort. Die sich vergrößern-
de auch äußerliche Trennung bewirkte den weniger nachtheiligen und zuletzt ganz unschädlichen
Einfluß.
Mein klar durchdachter Lebensplan, wenigstens mein klar geschautes und bewußt in mir
tragendes Bildungsziel forderte nun die Fortsetzung meiner Lebensreise. Der Herbst 1812
zu ihrem Antritt erschien doch verhinderten Umstände ihre Ausführung so daß ich erst im Novbr.
d. J. in Berlin eintraf.
Hier machte ich bald die auffallende mir als höchst eingenthümlich erscheinende Bemerkung in mei-
nem Leben daß alle die durch Fremdempfehlung vorbereiteten Bekanntschaften mir ganz und gar
nicht förderlich waren, daß dagegen aber alle, die ich aus eigenen und inneren besonders auch be-
rechneten Lebensgründen anknüpfte mein Leben fördernden und hier ganz namentlich wieder die
deren Anknüpfung sich auf ganz und gar nichts anderes als mein ganz eigenes Leben und den mir selbst
gesteckten Lebenszweck, stützte. Diese Bemerkung erhöhete darum meinen Lebensmuth nicht
wenig. So begann ich denn auch dort sehr bald wieder ein festes, streng geordnetes nur das
vorgesteckte Ziel im Augen habende wissenschaftliche Leben.
Wegen der künftigen Entwicklung des Lebens nur gedenke ich, daß ich hier einen mir sehr
lieben, mir sehr wohl wollenden, sonst nur mein Leben gesellig angenehm machenden Mann
und jungen Gelehrten aus Göttingen Herrn von Seckendorf, (genannt Peatric Peale[,] ein angenommener Künsterlername) wiederfand.
Von meinem Leben ist außer seiner strengen wissenschaftlichen Beschäftigung wenig zu sagen, wenn ich
nicht etwa erwähnen will[,] daß Monate vergingen ehe ich vor ein Thor von Berlin, selbst nicht unter
die in jener Zeit wegen der Winterfreuden vielbesuchten Zelte und nicht in den Thiergarten kam.
Das Jahr 1813 erschien das verhängnißvolle und Thaten reiche. Das Glück im rußischfranzösischen
Kriege hatte sich gewendet. Es wurde auf Augenblicke ein preußischfranzösischer und fast
zugleich mit diesem und unter dem Panier und den Fahnen dieses ein deutschfranzösischer
Krieg. Der König von Preußen hatte in seinem Erlaß und Aufruf an die deutsche und besonders studirende deutsche [Bogen] 14./
[27R]
Jugend vom 9: Febr. 1813 hatte eigentlich wohl nur den Willen derselben ausgesprochen und ihr
einen Halt- Mittel- und Sammelpunkt gegeben.
Ich will es nur der Wahrheit gemäß ganz unbefangen gestehen ich kannte eigentlich keinen
preußisch französischen noch deutschfranzösischen Krieg ich nahm an beyden gleich viel d.h. gleich
wenig Antheil; ich wußte wer ich war, wie ich fühlte und dachte und daß ich gut deutsch fühlte und
dachte, aber ebenso wenig wie ich mich darum nun als einen besondern Deutschen dachte, so wenig
schaute ich auch einen Preußen oder einen Deutschen außer mir. An Preußen- und Deutschland nahm
ich auch gleich großen d.i. gleich geringen Antheil und was ich mein Vaterland nannte das Rudol-
städterland benamset hatte nun eben auch keine große Bedeutung für mich; woher hätte mir
alles auch bey meiner Lebensentwicklung kommen sollen also, rein die Wahrheit gesagt ob die
Sache und der Krieg preußisch oder deutsch hieß war mir höchst gleichgültig bestimmte auch mein
Handeln nicht um einen Gran an Gewicht, sondern daß die Sache nicht nur menschlich, sondern
Menschheitlich war, als Mensch fühlte und dachte ich den Krieg, als Mensch fühlte ich mich, und wer
je einmal an dem Leben der Menschen eben als Mensch Antheil nehmen wollte und jetzt in
den Krieg gehen konnte, der durfte nicht zu Hause bleiben; da war mir also vollends als Er-
zieher keine Frage, unwiderlegbar gewiß war mir wollte ich Einst als Erzieher besonders
als Knabenerzieher wirken mußte ich jetzt in den Krieg ziehen [Randnotiz*-*]
*umgekehrt war mir gewiß, wörtlich gewiß: ging ich nicht in den Krieg so vernichtete ich mir dadurch rein meinen künftigen
Erzieher Beruf, also <es war> und wohl noch mehrmals mir wahr geworden: nur durch die Lebensgefahr hindurch gehend, hindurch gegangen, konnte ich Erzieher werden [*].
Wenn ich zur Klärung und Ge-
staltung des Gedankens etwas bedurfte so gaben mir die alten Philosophen mehr Beyspiele
als ich bedurfte.- So der Entschluß in den, später mit Recht sogenannten deutschen Freyheits
Krieg, in den vaterländischen Krieg zu ziehen, denn er ließ ja erst das Vaterland wieder
finden und erkennen.
Daß die Güte und Vorsicht meines hochachtbaren väterlichen Freundes und Lehrers des HErrn
Prof. Weiß diesen meinen Entschluß zugleich mir dazu benutzend machte, nach glücklicher
Heimkehr aus dem Kriege, sogleich Anstellung und mit ihr Unterhalt und Brot zu finden und
ich so vorläufig schon angestellter Gehülfe an dem mineralogischen Museen[sc: Museum] in Berlin wurde
habe ich ja schon wie oft erwähnt.
Kurz vor Ostern zog ich mit einer Abtheilung Freywilliger aus Berlin nach Dresden. Jahn führte uns dahin.
In Dresden fanden sich noch mehr zusammen; wir sollen zu den Übrigen schon in Leipzig versammel-
ten des Lützower Corps welche wir gewählt hatten.
Von Dresden ging es zuerst nach Meißen; hier machte mich Jahn zuerst mit Langethal als meinen
Landsmann bekannt; durch diesen lernte ich bald auch Middendorff kennen; Bauern in Meis[s]en
was nun aber alles nicht weiter hieher gehört.
Das erste was ich in Leipzig that war, daß ich meine Tante, die Frau und Wittwe eines
der verstorbenen Brüder meiner seel. Mutter aufsuchte. Ich fand sie bald im Kreise ihrer
Familie einer vielgebildeten und talentvollen Tochter und ihres kräftigen Sohnes beyde in den
blühendsten Jahren der Jugend und so eingehend herzlich als sorglich freundschaftlich; ein hochachtbarer lieber Kreis der /
[28]
einfachsten Menschen. Schon bey meiner Reise im Febr. 1804 nach Mil[t]zow hatte ich sie, doch nur äußerlich
kennen lernen [sc.: kennengelernt] so wie dort die Kinder noch sehr jung gewesen war[en]. Was die Güte und Theilnahme mir
in wenige Tage ja Stunden Hingebendes zusammen drängen konnte, das gaben und reichten sie mir; so kamen unter
andern Gespielinnen von dem unerwarteten Gast nichts wissend die liebe Cousine zu einem Spaziergang abzuholen. Als diese jenen vom
ersten Stock herab- (: es war wie man es nennt auf dem
Lande :)- den kurzen Bescheid gab, bemerkte ich unter dem Hute der einen [von denen] die im Hofe standen auf einen
Blick ein Paar Augen, denen gleich die eigentlich meine Augen zuerst sahen und die so bestimmend auf
mein Leben eingriffen. Werden es diese auch seyn?-
Kaum den Blicke im eigenen Auge den Eindruck des Blicks in der Seele aufgenommen, waren Blick, Augen und Person welchen sie an-
gehörten verschwunden; und auf immer verschwunden?--
Das Leben war zu erregt um <auch> noch noch nachdem diese Gestalten <dagewesen waren> verschwunden waren noch da-
ran zu denken daß sie da gewesen waren geschweige um zu fragen wem diese Augen gehörten.
Der Allarm und Generalmarsch rief mich fort.
Ich hatte in diesen wenigen Tagen nun schon durch den Druck meines Tornisters kennen gelernt
daß der Krieger des mit-sich-Tragenden wenig bedürfen müsse; ich hatte gelernt daß der frey-
willige Krieger wenig des Mit-sich-Tragenden bedürfen könne, und so wurde denn eine
Menge dessen was wie auf eine Besuchsreise berechnet mitgenommen worden war ausgepackt
und der lieben freundlichen sorglichen Cousine zur Verwahrung zurück gelassen; so war denn
mein Tornister zu meiner Freude und zum Wohlbehagen meines Rückens beträchtlich leichter;
Ja es wurde mir sogar für die nächsten Stunden des Marsches (: ich hatte auf ein Paar Stunden Ur-
laub erhalten:) noch leichter gemacht indem mein rüstiger Vetter mir Tornister und Büchse
trug und ich an der Hand der theilnehmenden lieben Cousine als fröhlicher Kriegsmann, dem ersten
eigentlichen Soldatenquartier zu wandelte. Es war glaube ich <Eythra>; ich kam spät an; alles
war so ziemlich dicht von Kriegscameraden im kleinen Dörfchen besetzt; mein Quartier ward mir
unter dem Webstuhle eines armen Webers in einem kleinen Stübchen angewiesen; in die Ecke
wohin der Kopf zu liegen kam fand ich zur Bequemlichkeit einen Haufen Kartoffeln; auch gut!
indem dem Kopfe ein Kartoffel nach dem andern sich fühlbar machte, konnte ich daran wie an
einem Rosenkranze- (: aber nicht Rosen Kranze :)- die Freuden der letzteren Tage, der letzteren
Stunden abzählen!
Das war der Anfang des Kriegeszuges; die nächste und folgende Nacht wurde wie sichs dem Krieger
geziemt unter Gottes freyem Himmel Quartier gemacht.- Aber warum auch nur ein Wort davon
da es nicht weiter hieher gehört und schon zum Theil so oft erzählt worden [ist].- Auch das gehört höch-
stens nur andeutungsweise hieher wie im und während des Waffenstillstandes und während
des fast zweymonatlichen Standquartiers in Havelberg an der Elbe die Bekanntschaft mit
Middendorff, Langethal Bauer u.s.w. sich weiter ausbildete und befestigte, besonders mit er-
erstern ; doch auch dieß ist im Einzelnen wohl schon mannigmal vorgeführt worden, und so finde /
[28R]
ich denn für den Zweck dieser Darstellung wie und über den Kriegszug bis und mit Anfang
des Jahres 1814 nichts mehr zu sagen als daß ich während der ganzen Zeit in welcher
Einzelthätigkeit ich auch immer leben mögte im Feldlager wie im Gefecht meinen erziehenden Lebens-
zweck und einstige pädagogische Wirksamkeit fest hielt und größtenteils alles was mir begegnete
in irgend eine - besonders dazu ausbildende Beziehung damit setzte, also immer meinen Gegen-
stand bearbeitete.
Daher läßt sich mir auch für die Fortsetzung meiner Geschichte nach ihrem Zwecke nicht <-> eher
wieder ein Anknüpfungspunkt finden <-> als in Berlin, wohin ich in dem ersten Monat 1814 von
Kiel im Hollsteinischen aus beordert wurde um Kleidungsstücke für das Corps in Empfang zu
nehmen und demselben zu zuführen. Bis zur Anfertigung und Ablieferung derselben mußte ich
mehrere Wochen in Berlin bleiben. In dieser Zeit meines Aufenthaltes setzte ich den schon früher
gepflegten freundschaftlichen Verkehr mit Herrn v. Seckendorf fort, welcher aus seinem früheren
Quartier gezogen jetzt bey einer Wittwe mit einem Sohne und einer Tochter in der Jerus[alemer] Straße
in Aftermiethe wohnte. Jetzt stehe dieser Umstand eben so unbedeutend hier als er mir dort erschien.
Woher weiß ich jetzt gar nicht mehr, ich glaube von Osterode aus bekam ich während dieser Zeit
die Nachricht vom Tode des Bruders in Griesheim. Es war ein harter Schlag für mich, und so hart
der Schlag für mich war, so meinte ich müßte er noch härter für die Hinterlassenen, die Wittwe u
die Kinder seyn, ich schrieb ihr und ihnen natürlich das was [man] so nahen Verwandten bey einem solchen Schlage
schreibt und was meine Dankbarkeit gegen den Bruder bey der höchsten Unbestimmtheit meines eigenen, bey dem eigentlichen
Nichtsseyn meines eigenen Lebens mich aussprechen lassen konnte.
Irre ich nicht zog das Kommando mit seiner ihm <zertraueten> Sendung Anfang des Monats
März aus Berlin. Auf diesem Marsche suchte ich die lieben Verwandten in Nette heim[.]
Ich kam bald darauf bey A[a]chen jenseits des Rheines wieder zum Corps; tratt [sc.: trat] wieder in mei-
nen ordentlichen Felddienst ein; machte den weitern Feldzug in und durch Frankreich, welchen aber
der nun bald erfolgte siegreiche Einzug der Verbündeten in Paris ein Ende machte, mit.
Wir d.h. unser Corps verließ nun bald den französischen Boden ganz und gar wieder, und wandte
sich rechts von der Straße nach Flandern und Brabant. Auf dieser ganzen Fahrt ist nun auch
für diese Mittheilung kein Blümchen zu brechen. Damit aber doch diese Zeit wenigstens auch ihren
Grenzbaum und zwar, wie sie es in den fruchtbaren ja üppigen, dort herrlich grünenden und
blühenden Flandern verdient, einen recht schön und vollblühenden blühenden bekomme, so will
ich doch wenigstens sagen, daß ich in einem baumreichen Garten eines freundlich gelegenen
einzelnen Bauernhauses ebenso ganz allein meinen 33en Geburtstag d.i. den des zurückgelegten
32en Lebensjahres unter einem wunderschön blühenden, süßduftenden und innig ergötzenden
Apfelbaum auf recht idyllische Weise mit einer reichen frohen Welt in mir auf die gleiche
Weise feyerte, wie die summenden Bienen mir die Festmusik machten, und die Schmetterlinge
die lichten Seelenvögel mich mit ihren Festspielen umspielten.- Es war der letzte des Kriegerlebens. /
[29]
Es beginnt nun jetzt bald wieder das freye reiche Gemüths- und Seelen[leben], und ohne daß ich es mußte und
wollte, jetzt sehe ich es erst, habe ich mit dem Grenz- und Ruhebaume eines zurückgelegten, zugleich den gleich-
sam einladenden Pforten- und Eingangsbaume des neu beginnenden Lebens gepflanzt. Und - ja, gewiß
jetzt sehe ich es klar, wie so kuppelartig, einsam und voll, so in sich gekehrt unbemerkt und reich begann
nun bald mein innerstes Leben, aber mir selbst in seiner Bedeutung so unbekannt zu erblühen als
mir neun Jahre früher im Frühling 1805 ein neues Leben erblühete. O! es dauert doch sehr lang
ehe wir unsere reiche Lebensflur - wie oft wir auch immer bey heiterem Wetter auf die klaren
Anhöhen steigen und sich aufathmend sie in ihrem Farbenschnmuck und Formenfülle überblicken - ehe
wir sie in der Stetigkeit ihrer Verknüpfungen und in der Ordnung ihrer Einzelnheiten über-, ja durchschauen.
So ist es schön für die innern EntwicklungsMomente auch äußere Anknüpfungspunkte zu haben, und
ich fühle nun schon es gestaltet sich mir alles lebensvoller was ich gleich zunächst als weitere innere
Entwicklung mitzutheilen habe, weil ich für dieselbe nun auch gleichsam einen äußeren Ausgangspunkt habe.
Gegen die Mitte des genannten 1814r Jahres war die Auflösung des Lützowschen Corps entschieden.
Jeder Freywillige konnte hinziehen wohin sein Lebensberuf ihn forderte oder festere Kriegsdienste
nehmen. Ich natürlich wählte das erste. Bey Oudenarde in Flandern war mein Standquartier.
Gegen Ende Juny mag ich wohl von da weggezogen seyn. Meine Marschroute stand natürlich nach
Berlin, dem gemäß ging meine Reise, mit Bauer fällt mir so eben ein über Tirlemont, Löwen,
Ma[a]strich[t], Brüssel, A[a]chen, Jülich nach Düsseldorf und Elberfelde. Hier verließ ich Bauer der nun
[nach] Berlin ging, und veränderte meinen Weg über Solingen, Coblenz, Cöln, Bonn, Andernach, Bingen
Maynz nach Frankfurt a/m.
Natürlich besuchte ich die von Holzhausensche Familie. Sie hatte während des Krieges, von meinem
Eintritt als Freywilliger unterrichtet lebhaften Antheil an meinem Leben genommen und zum öfteren
sich bemüht Kunde von mir zu bekommen, und mich aufgefordert in meiner Kriegerlaufbahn doch
eine Gelegenheit zu ergreifen Frankfurt und sie zu besuchen. In mir lagen auch hinlänglich Gründe
dazu, denn wer läßt gern ein Leben was eigentlich doch noch nicht zu Ende entwickelt ist gern
fallen. Die ganze Familie lebte nicht mehr auf der Öde sondern seit dem Rückzuge der Franzosen
in ihrem Hause in der Stadt; zwey Glieder der Familie fehlten aber die beyden älteren Söhne
Karl der älteste, welcher als Österreichischer Offizier bey Macon fblessirt worden war, und
in den nächsten Tagen erwartet wurde und Fritz, der Mittlere, welcher als Forsteleve zu
Dreysigacker bey Meiningen lebte. Ich hatte mein Quartier in der Stadt und kam während des Tages
oft in das von Holzh[ausensche]. Haus.- Aber was soll ich von dem Leben sagen, es war ein todtes und durch
die Kriegsunruhen noch mehr gestöhrtes.- Das Leben beherrschte die Fr. v. H. oder sie ließ sich
vielmehr wie sie mir sagte aus Grundsatz vom Leben beherrschen; ich sahe sie daher im Ganzen wenig
und sprach sie eigentlich noch weniger und wenn ich es nun zurück rufe ganz in dem von mir oben
angegebenen jetzt gefundenen Charakter. Einzelne Mathematische Sätze und Wahrheiten die ich aus-
sprach erregten sie, sie wünschte sie zu besitzen, sich anzueignen ohne daß ich sahe was ich wünschte
[Bogen] 15 /
[29R]
daß der große Geist der ihnen zum Grunde liegt sie eigentlich durchglüht, ja nur durchdrungen
hätte. Der eigentliche Kern des Leben[s] brachte uns bald wieder in Entgegnungen welche sich doch
da ich gar keine Streitlust dort hatte leicht löseten. Sie fragte mich ob ich Jacob Böhme (den
bekannten Theosophen des 17en Jahrhunderts aus Görlitz (<1612>  u.s.w.) kannte d.h. natürlich seine
Schriften; ich sagte: fast nicht; doch sey er nach dem, was ich von ihm wisse, in seiner mystischen
und wirren Dunkelheit, nicht mein Mann, sie erwiederte mir es thäte ihr leid, sie habe
ein Buch von ihm mir schon zum Geschenk bestimmt gehabt; man wisse aber um Böhme
zu verstehen nicht sowohl mit dem äußerlich sehenden Verstande, sondern mit dem innerlich
wahrnehmenden Gemüthe lesen. Nun gut, sagte ich, so möchte sie sich nicht abhalten lassen
mir das Buch zu schenken. Es war Jac: Böhme’s erste Schrift: Aurora, oder die Morgen-
röthe im Aufgang vom Jahr 1612. Noch besitze ich das Buch es steht bey den andern Böhmschen
Schriften in der kleinen hintern Lehr- oder Arbeitsstube.
Sonst blieb eigentlich das Leben ohne alle innere Berührung; nur das bemerkte ich sie, da ich viel
mit ihrem jüngsten Sohne, welcher erst nach meinem Abgang aus dem Hause geboren worden
war spielte, daß mein Leben und besonders mein Betragen gegen Kinder viel milder ge-
worden sey.
Außer dem v. Holzh. Hause besuchte ich nur noch die Frau v. Heyden, die ich schon früher,
als die eigentlich einzige Freundin der Fr. v. Holzh. hätte erwähnen können, deren Leben und
Treiben, so sehr es auch, vielleicht anregend und auffordernd, was mir wirklich auch jetzt
erst bedeutungsvoll entgegen tritt, in das Leben der Fr. v. Holzh. eingriff - doch auf
mein Leben keinen eigentlichen Einfluß gehabt hatte, obgleich beyde Leben auch einmal, durch die
Lebensgewalt auf einen Moment zusammen gedrückt worden waren. Vielleicht dieß, doch bey
weitem mehr, weil diese Frau eine höchst eigenthümliche, charakterfeste, ich möchte sagen
merkwürdige Frau ist. Ich traf diese Frau in ihrem Garten vor dem Eschernheimer Thore
auf dem Wall. Es war dieß der erste eigentliche Garten welchen ich seit dem erwähnten
Baumgarten in Flandern wieder sahe, ich in welchem ich mich sahe. Das Gespräch mochte dahin
und dorthin gegangen seyn als sie mir erwähnte, sie cultivire 32 Arten Kartoffeln.
Ich gestehe daß mich [sc.: mir] dieß, von einer Frau ihres Geistes und keinesweges landwirtschaftl. oder Haus-
wirtschaftlichen Lebens, wirklich schlagend sonderbar vorkam; es war mir wirklich nicht
angenehm und wohl dabey zu Muthe, und vermehrte ein unbehagliches Gefühl was ich schon
lange vorher in mir trug. Ich benutzte darum bald eine sich mir darbiethende Gelegenheit
den Garten zu durchstreifen, ja in meinem Gefühle, zu durchsuchen und kehrte bald darauf
mit der mich selbst verwundernden Äußerung - denn ich hatte während des Herumstreifens
eigentlich nicht gewußt was ich suchte - zu der Frau v. Heyden zurück:- [”]Aber! Frau
v. Heyden sie haben ja in ihrem Garten keine Lilie![”]- Sie antwortete ganz ruhig:-
”Wirklich bemerke ich das jetzt selbst erst.” Ich kann mich, so ernst ich mich, mich zu erinnern /
[30]
mich bemühe, doch gar nicht erinnern, daß ich außer in meiner Jugend Lilien um mich bemerkt, noch
weniger daß ich sie heraus gehoben hätte. Ich kann mich auch ganz und gar nicht erinnern wie
das Bild einer Lilie besonders in [{]ihrer/seiner[}] höheren Bedeutung in meine Seele gekommen ist außer durch
Zeichnungen und Gemälde wo bald das Christuskind, bald Johannes sinnbildlich damit geschmückt erscheint. Einer
sehr klaren Zeichnung erinnere ich mich besonders welche einen sehr oft sich erneue[r]nden Eindruck auf
mich machte. Anders erinnere ich mich dort auch keines äußeren Grundes, keiner äußeren Veranlassung
zur Wahl der Lilie bey dem eben gedachten Geburtstage als Sinnbild. Also kann ich wohl sagen
eine wirklich blühende Lilie hatte ich in ihrem Wesen und in ihrer Schöne mit Bewußtseyn noch
gar nicht gesehen:- Genug jetzt ging ich aus diesem Garten mit einigem Bewußtseyn, denn
jetzt wußte ich doch wenigstens was ich suchte; und so ging ich wirklich leichter und froher hinweg
als ich gekommen war.
Am andern Tage ging ich mit der ältesten Tochter aus dem v. Holzh. Hause Sophien wohl im 13en
Jahre stehend nach der Öde, denn diese wünschte ich doch vor allem wieder zu sehen. Hier suchte
ich nun mit bestimmter Absicht in dem Garten eine Lilie; fand aber keine.
Tags oder den zweyten Tag darauf ging ich frühe nach dem Städtchen Homburg vor der Höhe
(dem Geburtsort unserer Fürstin Mutter) [.] Hier sahe ich auf halbem Wege in einem Gärtchen
dicht bey einem Hause, vor welchem der Weg ebenso vorüber führte, wie in Keilhau der Weg
vom Dorfe nach dem Obern Hause vor dem untern Hause vorbey geht - eine Menge wunderschöner
Lilienstengel in dichtem Busche blühend neben einander stehen; der Eindruck davon auf mich war
für mich ganz fühlbar erhebend und erfreuend und das Verlangen in mir darnach so stark, daß ich
auf den Gedanken kam in den Garten zu steigen - denn es war wie ich sagte noch sehr früh am Tage,
und mir einen solchen Stengel zu holen. Doch nur ein Blick auf den Gewinn und Verlust bey der Ausführung
ließ die Blumen friedlich in ihrem Frieden stehen. Abend[s] beym Rückweg freute ich mich
nochmals herzlich ihrer. Gärtchen und Haus standen in einem Verhältniß zueinander als am
untern Hause.
Indem ich dieß geschrieben habe, ist mir zur Erklärung dieser Lilienerscheinung, oder vielmehr
Sehnsucht, da doch alles mit dem innern und wirklichen Leben in steten Zusammenhang stehen
muß, folgendes eingefallen.
Während meiner ganzen Rückreise aus Flandern hatte ich doch ein etwas durch einander
geworfenes und mehr empfangendes als erzeugendes Leben, wenig ein so ruhiges Leben
geführt, das[s] dunkle Bilder der Seele und des Gemüthes hätten klar werden und sich gestaltet
hätten empor arbeiten können. Nun wäre es eine Möglichkeit, doch kann ich dafür gar
keine leise Spur in mir nachweisen, daß die Verknüpfung zwischen Frankfurt, - der Öde -
von Holzhausens - der kleinen Tochter Caroline - und der Lilie so dunkel als rege in mir
gewesen sey, und daß also eigentlich das Suchen der Lilie ein verwechseltes Suchen des Kindes
gewesen sey, mit welchem die Lilie früher einmal sinnbildlich von mir verknüpft worden. /
[30R]
Dagegen spricht aber, daß ich das Kind Caroline, ein 6-7 jähriges Mädchen, täglich sahe, daß es keinen
besondern, wenigstens keinen solchen Eindruck machte, daß ich mich der Feyer ihres ersten Ge-
burtstages erinnert hätte. Wenigstens weiß ich von diesem ganz und gar nichts mehr.
Genug, jene Facta sind wahr, sind so wahr als ich sie erzählt habe; lassen wir uns nun
sehen ob und wie sie sich noch in Zukunft entwickeln!-
Der Sophie aber wollte ich noch erwähnen. Hier muß ich eigentlich bis zu meiner zweyten
Rückkehr aus Yverdon, bis zur Rückkehr mit meinen Zöglingen aus Yverdon ins elterliche Haus
zurück kehren. Sophie wird da wohl im 9n Jahre gestanden haben. Sie wurde nun
in einigen [sc.:einigem] meine bestimmte Schülerin und zwar in der Woche einige Nachmittage mit ihrer
Gespielin der Nanny, der mit Sophie gleichaltrigen oder wenig älteren Tochter der
Frau von Heyden; einem sehr klaren, gemüthvollen, folgsamen, arbeitstreuen, aus-
dauernden Kinde. Ich hebe alles dieß besonders heraus weil sich beyde Sophie und Nanny
welche nach dem Wunsche und der Forderung der Mutter Gevierte und Rechtecke
gleich im Fr[e]yen bey mir ziehen mußten (: das Erleichternde Netz hatte ich noch nicht
aufgenommen :) und wie sich diese Mädchen dort besonders die lebenvolle Nanny unsägliche Mühe gaben die Rechtecke
genau aus fr[e]yer Hand zu zeichnen, überhaupt die mathematischen Aufgaben zu erfüllen.
Die Unterrichtsstunden dieser beyden Mädchen waren Lichtpunkte in meinem dortmaligen dunkeln
Leben, ohne daß jedoch die Seele eigentlich das Bild und die Person der Schülerinnen festgehalten
hätte.
Auch Sophien schien, indem sie mich in dem Garten, den Gebäuden und den Zimmern des sonst
lehrend, lernend und lebend belebten Raume herum führte, die Erinnerung dieser Zeit Freude
zu machen indem sie mit wirklich lebendigen Antheil Einzelheiten mir zurück rief. Ich sahe
nur Verödung, diese kindlich jugendliche Theilnahme war nicht vermögend auf mein zurück <gedrängtes>
Leben eigentlich belebenden Eindruck zu machen. Nie habe ich später ihrer wieder gedacht und kaum
daß ich jetzt mich derselben noch erinnere.
So verließ ich eigentlich weder erhoben noch erfreut nach wenigen Tagen Aufenthalt
Frankfurt wieder. Gegeben schien mir dieser Aufenthalt für mein Leben nach keiner Seite
hin etwas zu haben, ob er mir Etwas und was er mir gegeben hat muß die fernere Lebensentwicklung
zeigen. Wegen meinem gewaltigen Zurückgedrängtseyn in mein Inneres und auf mich selbst
machte die an sich wirklich schöne Reise in dieser schönen Jahreszeit und schöne[n] Gegend im
Ganzen und selbst im Einzelnen wenig Eindruck auf mich. Zu Wasser ging ich von Frankfurt
nach Hanau, von da wie bisher mit Militärvorspann nach Aschaffenburg, Würzburg und irre
ich nicht über Schweinfurt nach Meiningen.
Hier erwarteten mich, ohne daß meine Seele es eigentlich geahnet hatte, die allerschönsten
Sonnenblicke meines ganzen bisherigen menschlichen Wechsellebens, die noch immer zu den
schönsten meines menschlichen Lebensverkehres gehören, in einem Zeitraum von 24 Stunden. /
[31]
In Frankfurt hatte ich nur den jüngsten meiner früheren Zöglinge gesehen den Adolph, welcher
jetzt Gymnasiast war. Nach dem mittleren, Fritz, sehnte ich mich wirklich, ihn hoffte ich in Meiningen
zu finden und ihm zu Liebe hatte ich nun meine Marschroute das zweyte mal abgeändert um über
Meiningen zu kommen. Und ich fand ihn den gesunden, kräftigen, blühenden, so lebensfrischen als
Lebensfrohen 18-19 jährigen Jüngling in seiner Herzenswonne und Seelenliebe, wie in seiner Geistes-
und Lebenstreue. Wie seine beyden Brüder den einen der Militär-, den andern der Schulzwang
gefesselt und den Menschen in ihnen gebunden hatte; so hatte diesen sein gewählter Beruf
das Jagd- und Forstleben, das freye, frohe Wald- und Naturleben nur noch freyer den reinen
Menschen in ihm recht frey, ihn so selbst zu einem so frey[en] und frohen als reinen und frommen
Menschen sich entwickeln und als solchen befestigen und erstarken lassen. Er liebte mich
auf das innigste, reinste, seelenvollste und überall in all seinen Handlungen trat in der kurzen
Zeit unseres jetzigen Zusammenseyns diese Liebe hervor; nur einen Zug, wohl ist es der schönste, aber
er zeichnet ihn auch ganz, will ich erzählen.
Um die Verwandten in Stadtilm und Rudolstadt zu sehen, ließ ich in Meiningen abermals meine
Marschroute, da ich sonst nach Gotha und Erfurt gemußt hätte, abändern. Auch des lieben Fritz
Mitwort, eines Verwandten hier geachteter Familien, machte mir dieß leicht. Mein Weg
ging über Suhl. Nachmittags trat ich denselben an. Er begleitete mich bis zur genannten Stadt
in dem wir großen Theils neben dem Wagen gingen, und wie sich so gehend der Weg in [der]
schönen Gegend erweiterte und schöner wieder schloß, so erweiterte sich auch immer schöner
das Leben der Gemüther und schloß sich immer mehr in eines.
Nun in Suhl angekommen kam nach einigen sehr glücklich verlebten Stunden der Augenblick
des Scheiden[s]; mein Wagen war vorgefahren; <er hatte> sein Pferd daßs er sich hatte nach-
bringen lassen stand vorgeführt da; ich mußte mich zuerst in den Wagen setzen, dann zog
er etwas aus dem Busen reichte es mir sagend: Nimm dieß von mir öffne es aber nicht bis
du mich nicht mehr siehst, Lebe wohl vergiß mich nicht, schwang sich aufs Pferd, mein Wagen
rollte, die Wege trennte[n] sich unmittelbar und kaum sehe ich noch den ritterlichen Jüngling
behänd und sicher sein kräftiges Roß lenkend in seiner schönen Kleidung der immer grünenden Hoffnung
um die Ecke verschwinden.-Und - was wohl keiner von uns ahndete, verschwunden für immer!
Was [ich] in der Hand hielt war - ich habe es wohl schon oft erzählt, doch hört es immer wieder
denn es ist mir lieb - ein längliches Päcktchen umwunden mit einem rein rosig rothen seidenen
Bande; es enthielt ein Etui und in diesem sein silbernes Tischbesteck was er während der
ganzen Zeit unseres früheren Zusammenlebens geführt hatte und was besonders für uns
und dieß unser Leben dadurch sinnvoll und bedeutungsreich war; daß ich es in jener Zeit
sehr oft bey Tisch von ihm zum Gebrauch nehmen mußte, wenn er mir seine besondere augen-
blickliche Liebe und Anhänglichkeit bezeigen wollte; was ich oft von ihm mir erbat, wenn ich
ihm meine augenblickliche Zufriedenheit und innige Einigung mit ihm beweisen wollte, wie ich
[Bogen] 16. /
[31R]
ja so oft erwähnt habe.- Bey dem Besteck lagen die Worte[:]
” Meiningen den 8n July 1814.
”Nimm dieß Freund als Andenken an frühere Zeiten, wofür ich ewig Dir Dank
”schuldig bleiben werde.- Erinnere Dich beim Gebrauch desselben
[”]zuweilen Deines threuen Freundes
Ja! um dieses einzigen Menschen willen würde ich mich schon glücklich preisen Erzieher
geworden zu seyn und um dieser einzigen Blüthe und Frucht willen mein ganzes Erzieher-
leben in Frankfurt bey <alle allen> seinem Druck und seiner Nacht, seinem Kampf und seinem
Schmerz seegnen; denn in demselben Maße steht die Einigung des Erzieher- und Zöglinglebens
in lichter Glorie und Engelsklarheit gegen über; ich hob es nicht, gar nicht hervor, weil
es einmal aufgenommen mich gar nicht wieder von demselben haben trennen können
und so gewiß gar zu weit von meinem hier gesteckten Ziele und Zwecke entfernt haben
würde, ob es freylich in die eigentliche Geschichte meines Herzens und Gemüthes, die Geschichte
der Entwicklung und Ausbildung des Menschen und der Menschheit in mir, mit gehört; doch was hätte ich
die Sphäre so weit gesteckt noch alles von meinem Leben hier aufnehmen
müssen und wo hätte ich das Ende finden sollen da ich hier kaum das Materiale beherrschen
und das Ende finden kann. Besonders da sich mir immer von neuen [sc.:neuem] Lebenseinsichten zeigen
und Bemerkungen die ich nicht zurück drängen mag, weil sie mir zur Beurtheilung, zur
Erfassung und zum Verständniß der Ausführung meines Lebens mir wichtig erscheinen.
Wenn ich hier klar sehen muß wie so schön, so menschlich schön mein früheres Erzieherleben
durch das Leben dieses herrlichen reinen Jünglings -(: denn das hatte ich schon gehört: keinen
Fleck und keine Trübung duldete er in seinem Leben :)- bekränzt wurde; so muß ich auch
hier wieder das mir in meinem bisherigen Leben so oft Begegnete wieder finden, wie
die Personen mit welchen ich mich vom absichtslosen Leben aus aber um so inniger und thatfertiger
wirklich Lebenseinig fühlte und in welchen ich darum ganz gewiß immer die sinnig eingeh-
endsten und kräftig ausführendsten Gehülfen in meinem mir gesteckten Lebensberufe
gefunden haben würde, wie alle diese mir und so dem Berufe von der Vorsehung ent-
rückt wurden, wie mir die Männer und Menschen immer entrückt ja gänzlich genommen
wurden die in ihrer Einigung mit mir gar keinen Vorbehalt gemacht haben würden
was mir von je her das höchste Bedürfniß und die höchste Sehnsucht meines Lebens gewesen
war und wodurch ich in mir, was ich nicht minder innig ersehnte - recht eigentlich
vervielfacht würde; statt dessen werde ich durch die Entziehungen und Wege der Vor-
sehung nur immer alleiner und mehr allein gestellt. Nur die zwey vorzüglichsten Bey-
spiele hebe ich hier aus: meinen seel. Bruder in Grießheim und den eben in mir
von neuen Verlohrenen. Denn ganz fest bin ich überzeugt, würde dieser lebend geblieben /
[32]
seyn, mein Leben würde schon, nur durch seine ganz und gar und völlig ungetheilte innere hingegebene
Theilnahme daran, (die mir, recht ehrlich und offen gestanden immer in meinem Leben zuletzt im
entscheidenden schwierigen zweyseitigen, zweydeutigen und darum wichtigsten LebensMomenten immer gefehlt hat
und die ich doch immer so sehr wünschte)- sich bey weitem jugendlich frischer, froher kräftiger
in und mit heiterem LebensMuthe entwickelt haben. Doch es sollte wohl nicht so seyn!-
Ein Zweyfaches drängt sich mir hier auf laßt es uns hier hören Ihr innigst, geliebten Theuren
daß wir endlich allesammt das Leben verstehen und erfassen; klar erfaßt, darstellen; denn
die Vorführung der Lebensumstände macht es ja nicht, sondern die so lichten als warmen
Lehren des Lebens und der Weisheit die daraus hervorgehen festgehalten fürs und angewandt
im Leben, und dann geht ja aus dieser wahren Lebensdarstellung wohl sattsamm hervor
wie der Geist und das Leben des Mannes in dem Gemüth und Handeln, Leben des Weibes
verwachsen mit demselben verschlungen ist, wohl geeint seyn soll zu - einem {reinen/neuen} Menschen.
Also vor allem und zuerst: ”ist es nicht gut einen Freund im Himmel [zu] haben?!”-- Ich will es
hier gern gestehen daß ich dort am Grabe des geschiedenen Freundes, diese Worte in Erinner-
rung und dankbaren Andenken auch des früher geschiedenen Freundes und in lebendiger
tiefer Durchdrungenheit von deren Wahrheit gesprochen habe, worauf ich selbst in noch
weiterer Ausdehnung wohl im Fortlauf dieser Darstellung zurück kommen werde.
Dann zweytens ist es mir schon sehr lange höchst auffallend gewesen wie so viele
junge, kräftige Männer in der Blüthe ihres Lebens; in der höchsten Fülle ihres Willens und
ihrer Kraft gleichsam als Märtyrer der neuen Zeit, denn dahin kann ich seinem g[an]zen
Leben und sich später selbst gesetzten Lebenszweck auch meinen lieben Jüngling setzen - hin[-]
gestorben, ja hingeraf[f]t worden sind; es mußte also wohl, es muß also wohl die Zeit
noch etwas anderes bedürfen als das kräftige Hinstellen des Höchsten und Besten in
Jugendlust und Jugendkraft; was mag dieß seyn?-
Doch zuerst laßt uns sehen ob das erst gesagte wahr ist mir treten da die Jünglinge
und Jungen Männer: Novalis (v. Hardenberg), Ritter (der Physiker), Sonnenberg, Körner, Emmerich in Straß-
burg, Mauderode, Friesen aus Berlin, Sand; und noch gar viele andere [vor Augen]; selbst Schiller gehört hieher.
Selbst die jungen Erziehungsanstalten dürfen ähnlich Menschen hier genannt werden nemlich
die in Würzburg, Nürnberg und Frankfurt a/m so wie auch die jungen Männer welche im
Kampfe mit dem Bessern wenigstens hinunter gearbeitet worden sind; ich erwähne von
unsern nächsten Bekannten blos Jahn, Wetzstein, Butzke, Bauer, Kandler und um
wie viele ließe sich und könnt ihr selbst jedes dieser Verzeichnisse noch vermehren.
Es muß also notwendig der Zeit, der Fortentwicklung der Menschheit in dieser Zeit noch
um etwas ganz anderes und über allen Vergleich Wichtigeres zu thun seyn, als um die
blose Darstellung der reinen frischen That und diese Frage und deren Beantwortung ist es
denn auch was für uns das, über allen Vergleich Wichtigste ist. Mir will aber bis jetzt /
[32R]
noch keine andere Überzeugung kommen als die, welche ich auch wohl schon ausgesprochen habe:-
es gilt der Menschheitsentwicklung jetzt gar nicht um die That als solche, denn diese könnte
man sagen hat sich in seinen riesigsten Erscheinungen nach jeder Seite hin erschöpft, aber es
ist der Menschheit um die klar bewußte, besonnene, stetige That zu thun, d.i. um die That
welche wie eine Knospe an dem Baume der Menschheitsentwicklung aus dem Innern
mit schauenden Leben in stetigen Zusammenhange mit allen vorhergehenden, den jetzt gleichzeitigen
ja den kräftigen Entwicklungen hervorgewachsen und hervorgelebt ist, nicht aber hervorge-
wachsen und hervorgelebt worden ist sondern sich vielmehr als eine reine Menschenthat
mit Klarheit des Bewußtseyns des Zweckes in Freyheit und mit Selbstbestimmung wie mit
Selbstthätigkeit hervor gelebt hat, und für die jetzige Zeit die Gipfelknospe an den [sc.:dem] Menschen-
entwicklungsbaume; Eine That welche nach ewigen Gesetzen eine ebenso bestimmte und TheilErscheinung in dem
System der Menschheitsentwicklung ist, als die Sonne nach ewigen Gesetzen ein festbestimmter
Theil des Weltenbaues ist ihre Sphäre von Innen heraus durch[-] und überschaut und leitet
und Glied eines noch höheren Lichtsystems ist; <-->.
Jedes Leben, wenn es ein ächtes rechtes Leben ist muß eigentlich wenn es aufhört zu einem
Ende kommen und ist es ein vollendetes Leben muß es in seinem Anfangspunkt zurück fallen
[Randnotiz*-*] [*] diese Beendigung irgend eines bestimmten Lebens, braucht wenig von
Anderen bemerkt und äußerlich hervorgehoben zu werden; wenn sie
nur bestimmt von uns beachtet und fest gehalten worden ist-.[*]
Ich hätte dieß wenn es meiner Beachtung nicht entgangen wäre schon bey der Erscheinung des lieben,
früheren Zöglings Friedrich von Holzhausen nachweisen können.
Doch wie ordnet sich mir nun da ich an die Ausführung gehen will das Ganze noch weit leben[-]
voller als ich es vorhin beym Beginn der Mittheilung <schon noch> schauete.
Das, mein Krieger- und Kriegsleben hatte auch aufgehört ich zog jetzt über die Berge
des Thüringer Waldes der Heymath zu, war es auch beendet?- Laßt uns sehen!-
In unserm Korps hatte ein gewisser Lieutenant Ludwig gestanden.
In Meiningen wurde ich bey einer BeamtenWitt[w]e mit zwey oder drey Töchtern einquartirt.
Die Wittwe war - die Mutter unseres Ludwig, und so natürlich ihre Töchter seine Schwestern.
Gleich beym Eintritt und nur eben als Lützower erkannt wurde ich auf das allerherzlichste
ich möchte sagen mütterlich und schwesterlich empfangen. Es herrschte wirklich eine Art
Teuschung als sey Sohn und Bruder zurück gekehrt; beyde Theile gaben sich nun eben auch nicht
Mühe die Teuschung zu schnell verfliegen zu lassen. So erzeugte sich ein gewisses persönliches
Interesse für mich. Dieses wurde durch die baldige Ankunft des jungen v. Holzhausen welcher in der
Familie auch achtbar bekannt war, und durch das Bekanntwerden unseres beyderseitigen
früheren Verhältnisses wohl noch erhöhet, wenigstens erhielt es dadurch eine gewisse
persönliche Begründung und Rechtfertigung. Der ganze Nachmittag und Abend gehörte meinem
lieben jungen Freunde, im gemeinsamen Leben außer dem Hause. Als ich Abends nach Hause
d.i. ins Quartier kam fand ich die Kleinfamilie noch beysammen, sie empfingen mich besonders
freundlich und heiter und bald erhielt ich aus der Hand einer der Töchter das Licht mir auf mein Zimmer /
[33]
zu leuchten. Doch wie aufs höchste überrascht wurde, wie freudig staunte ich als ich den Pfeiler zwischen
den beyden Fenstern und den kleinen Tisch vor jenem mit Blumen und Gewinde geschmückt, selbst meine Waffen
zur Seite des Tischchens bekränzt sahe und auf dem Tische selbst in Beziehung auf mein Kriegerleben[,]
Kriegerziel und Kriegerpreis einige herzlich bewillkommende Worte gleichsam vom Vaterlande und
dem häuslichen Heerde fand. Der Worte selbst erinnere ich mich leider nicht mehr, besitze sie auch schwerlich
mehr doch waren sie sehr lieb.
Mein lieber feuriger junger Freund theilte am anderen Tage innig meine Freude und von dem Blumenschmuck
wurde am Nachmittage das Schönste zur Erinnerung noch mitgenommen.
So hatte ich denn wirklich,- und deßwegen hebe ich nur diese kleine Lebensblume hervor - ein Vaterland
bekommen, so war ich denn wirklich im Vaterlande, als mir es gleichsam selbst erst errungen habend
vom häuslichen und am häuslichen Heerde bewillkommnet worden so war mir das eine von dem ge-
worden was meiner Seele vorschwebte als ich in den Krieg zog - doch das höhere sollte mir aber
noch, wie ich aber hier vorgreifend schon erzählt habe - beym Abschiede meines einstigen ehemaligen
Zöglings nun Freundes werden. Es war mir hier auf das allerschönste geworden, was ich so ganz bestimmt
vor und bey meinem Entschluß in den Krieg zu gehen gesehen und mir gesagt hatte. Nur der Erzieher, oder
der es einst werden will und jetzt die Waffen ergreifen und in den Krieg ziehen kann, kann einst von
seinen Zöglingen geachtet werden. Es mag darum vielleicht auch wohl seyn daß mein noch kriegsmännisches
Erscheinen auf den jungen kräftigen Jüngling wirkte sein Leben erhob und ich ihm umso mehr seiner
würdig erschien.
Wie dem allen nun auch sey, das Kriegerleben hatte schon geendet, es war vollendet; Anfangs-
und Endpunkte fielen in einander.
Über den Berg kam ich bald nach Stadtilm und wurde von dem Bruder brüderlich empfangen. Ich muß doch
auch in Griesheim gewesen seyn, aber ganz eigen ist es mir ich kann mich davon gar nichts bestimmt erinnern.
In Rudolstadt wurde ich von der Mutter und dem Bruder herzlich bewillkommnet was mir sehr wohl
that, dieß weiß ich noch bestimmt. Der Bruder zeigte mir seine Bibliothek, er wollte mir in derselben
doch auch etwas an das Gebiet der Naturforschung anstreifendes zeigen und er zeigte mir eine voll-
ständige Ausgabe von Jacob Böhme’s Werken. In Frankfurt auf sie, wie ich oben erwähnte auf-
merksam gemacht wünschte ich einmal eine so schöne, vollständige Ausgabe dieser Werke zu be-
sitzen. [”]Dein Wunsch kann Dir gleich befriedigt werden, wenn Du mir wieder giebst was sie mir [sc.: mich]
kosten kannst Du sie sogleich haben.[”]- [”]Und sie kosten?[”] - fragte ich Erwartungsvoll?- [”]8 gl [Groschen].[”] sagte
der Bruder, welche ich ihm natürlich gern für diese so vollst[ändige]: Ausgabe von 9 Oktavbänden zahlte.
So hatte mich dieß will ich nur vorläufig erwähnen Frankfurt auf Jacob Böhme aufmerksam
gemacht und das kleine Geschenk der Fr. v. Holzhausen mir die sämtlichen Werke dieses Mannes ver-
schafft.
Nun beginnt eigentlich wieder ein ganz anderes neues frisches inneres und äußeres Leben,
denn seit längerer Zeit stand nun schon mein ganzes Sehnen und Erwarten nach Berlin.
[Bogen] 17  /
[33R]
Die Entwickelungen des menschlichen Lebens gewinnen auch nach dem Grade ihres zunehmenden
äußeren ich möchte sagen umkreisenden (: peripheristischen :) Umfanges an steigender Wichtigkeit
der Grund davon ist vielleicht mehrfach einmal ein unbewußter Wunsch und dunkles Sehnen
daß die Übereinstimmung des Innern und Äußern um so weniger gefährdet werden möge
als sie es kann und von diesem Punkte aus ist wohl Wunsch und Sehnen wieder zweyfach
einmal daß jene innere Übereinstimmung auch äußerlich fühlbar hervortrete dann
daß sie auch von uns wirklich klar geschauet und erkannt werden möge; darum
ist mit der fortgehenden Darlegung irgend einer Lebensentwicklung wenn es noch möglich
ist auch eine steigende Wahrheit, Klarheit und Offenheit in der Mittheilung der innern
und äußern Lebensthatsachen nöthig. Und Ihr Geliebten und Theuren müßt mir aus diesen
angedeuteten Gründen nun auch erlauben in der weitern Darlegung meiner Herzens- und
Gemüths- und so recht eigentlich meiner aller innersten Lebensentwicklung - je näher
sie auch unserem wirklichen gemeinsamen Leben tritt - so offen, wahr, klar und leben-
voll zu seyn als das Leben selbst in und vor meiner Seele liegt und von meinem Geiste
erfaßt wird und so gleichsam meine Seele, mein Geist nochmals vor und unter Euern
Augen ja mit Euerm Gemüthe und in Euer Gemüth und Herz hineinlebe; denn - Leben
kann nur - lebend also mitlebend *
[Randnotiz*-*]
* an dieses einzige Wörtchen [”mitleben”] schließt sich recht erkannt eine ganze unendliche Reihe neuer und Weltentwicklungen an, keimen aus
diesem ganz einzigen Wörtchen hervor, oder vielmehr mit diesem, durch dieses Wörtchen, in sich erfaßt, kann die Summe aller Welt- und Lebensent-
wicklungen erfaßt und mehr als nur erfaßt sie können - mitgelebt werden (So ist alles Leben magisch und - Talismanisch) [*]
begriffen, erfaßt, erkannt werden. Doch was ich hier sagte
gilt eigentlich [für] die zweyte und größere Hälfte dieses größten meiner [sc.:meines] auch nun
beendigt vor mir liegenden Lebensabschnittes, aber es bleibe stehen, wie es denn auch
durch sich selbst thatsächlich (und in der Wirklichkeit) wirklich da steht, weil ja auch die feinsten
Wurzelzasern [sc.: Wurzelfasern] aus der zweyten Hälfte schon bis zum Anfang dieser ersten herabreichen.
Durch die väterliche Vorsorge des Prof: Weiß in Berlin hatte ich ja nach Beendigung des Feldzuges
die Versicherung einer bestimmten Anstellung in Berlin und also die Erwartung eines gesicherten
selbstständigen bürgerlichen Lebens. Mit dem ersten Worte von Auflösung des Corps trat
also natürlich auch der Gedanke an die Erfüllung meiner Erwartung vor die Seele und
mein Gemüth und Geist bildete diese Erwartung ebenso natürlich aus, als sie dieselbe fest
hielt. Wer kennt nicht die oft unnachweislichen Verknüpfungen der Seelenbilder und Empfin-
dungen hier trat nun in mir eine wohl mehrseitig aber keinesweges ihrem Anfange nach
nachweisliche solche Verknüpfung ein. Waren wohl schon während des Feldzuges dann und
wann Augen und Blick jener Erscheinung in Leipzig fast unbeachtet vor die Seele getreten
so ruheten nun Herz und Gemüth gern auf ihr und die Seele hielt sie fest, ja an meine
Reise nach Leipzig knüpfte sich klar der bestimmte Zweck jene Gestalt und jenen Blick wieder
aufzusuchen und würde ich sie finden würde ich ihn wiedererkennen fühlen und empfinden
das Wesen dem beydes gehörte auch äußerlich mir zu vereinen wie ich mich in mir mit ihm
einig fühlte.
Gleich nach meinem Eintritte in Leipzig suchte ich natürlich das liebe Haus und die so liebe Familie /
[34]
meiner Tante auf, der Empfang war liebevoll, ich möchte sagen rührend herzlich; doch mir ruhete ich
möchte sagen vom Eintritt in das Haus eine Frage im Gemüthe wie auf den Lippen. Der erste
Augenblick wurde ergriffen wo ich, ohne auffallend zu seyn für meine Frage eine Antwort
erhalten konnte. Über die Person war sehr bald kein Zweifel, kleine früher übersehene
Umstände entschieden zu bestimmt; doch - was hörte ich nun?- kaum mehr als ein Jahr
verflossen und - dieses Wesens Herz schlug nicht mehr, ihre Augen strahlten nicht mehr!-
Statt dieses Wesen nun selbst zu sehen, welcher Gedanke fast heimisch in mir geworden war,
hörte ich folgendes (fast wörtlich) von ihm worinne ich dieselbe jedoch noch inniger und bestimmter
wieder zuerkennen glaube, selbst als wenn ich blos ihre Gestalt wieder gesehen hätte.
Nach der mörderischen großen Völkerschlacht {bey/vor[}] Leipzigs Thoren wurde ein lebensgefährlich
verwundeter Offizier von den preußischen Fahnen, weil er wie man wohl sahe zu seiner nur
möglichen Herstellung sehr ruhige und achtsame Pflege bedurfte, um ihm diese zu verschaffen
in das elterliche Haus dieses Wesens gebracht. Welch ein tiefer Sinn oder ganz äußerlicher
Zufall diese Handlung geleitet haben mußte, genug der erste war auf das vollkommenste
gerechtfertigt. Die Tochter vom Hause, eben jenes Wesen, pflegte mit der sorglichsten und hingebendsten
Geduld den ihrer Sorgfalt und Pflege vertraut sehenden Verwundeten und - ich möchte fast sagen
was unter solcher Engelspflege nothwendig war geschahe, der tödlich Verwundete wurde
ins frische, gesunde Leben zurück geführt; doch - was ja ebenso natürlich war: Pflege und
Dankbarkeit hatten während dem Geben der ersteren und dem Empfinden des Zweyten das geistige
Lebensband der zarten Liebe und Gegenliebe gewoben.- Aber! - möchte man nicht gar man-
nichmal glauben die Erdenluft wäre doch für manche Keime und Blüthen der Seelen doch noch gar
zu rauh: die blühende Jungfrau erkrankt nun selbst bald nach der Genesung nun ihres Geliebten
vielleicht von angestrengter Pflege selbst erschöpft, ich weiß darüber nichts mehr, die Krank-
heit selbst nahm steigend zu und so wie es scheint auch das Sehnen ihres liebenden Herzens; genug
die Ärzte sagten wenn etwas ihr Leben noch retten könne, sey es die auch äußerlich sicht-
bare, kirchliche Einigung mit ihrem Geliebten. Sie erfolgte; beyde wurden am Krankenbett
getraut; doch nicht für dieses Erdenleben; im ruhigen Besitz nun auch äußerlich des Lebens Höchsten: der
Seele Einigung mit der Seele schlummerte sie ruhig nach zwey Tagen hinüber ins Land des Seelenlebens.
Rührend sagte ich und ich finde kein entsprechenderes Wort war der herzliche Empfang in dem lieben Hause
meiner werthen Tante und ich empfand diese warme Freundschaft, rührender noch die stummen, starren
und doch lebenvoll redenden Beweise einer innig seelenvollen Theilnahme, womit ich <--->
mein Eigenthum durchwebt fand, welches ich an dem gedachten Tage in den Händen meiner Cousine
zurückgelassen hatte und jetzt von derselben zurück empfing, ich fühlte was ich empfing!-
Ja, ich darf es jetzt so offen als unumwunden aussprechen: ich bin in mir fest überzeugt, würde ich
nicht jenem Blikke begegnet seyn, so würde ich wohl Wilhelminen Hoffmann zur einstigen Lebens-
gefährtin gewählt haben, denn dann hätte ich wohl während des ganzen Feldzuges hindurch mehr /
[34R]
auf der freundschaftlichen Theilnahme, auf den warmen lebenvollen Eindruck geruht welches ihr Erscheinen
eigentlich beym Beginn des Feldzuges auf mich machte; dann wäre ich in ihr und auf ihrer Erscheinung
ruhend nach Leipzig zurückgekehrt; dann hätten die rührenden Beweise innigen Lebensantheils ein
nun ihnen geöffnetes nur ihnen gehöriges Herz Gemüth und Leben gefunden. Doch jetzt war alles
ganz anders; ein wirklich zartes sinniges Leben fand ein betrübtes Gemüthe; was es hörte war
ihm besonders mit den früheren Lebensbegegnissen in Verbindung und da der Eindruck davon fast
zeichenlos im Innern verschlossen bleiben mußte ein dumpfer Schlag. Was war natürlicher
als der wenn auch laut- und Wortlose Gedanke und Entschluß mich in das zu fügen was mir Ver-
hängniß schien!- So hängen also, wie ich schon oft sagte, die Lebenswichtigsten Begegnisse nicht v. großen sondern v. kleinen Erscheinungen ab.
Von Leipzig aus reisete ich nun mit einer ganz klar bewußten, bleibend beobachteten
mit der Annäherung an Berlin steigenden Spannung nach Berlin, mit einer um so mehr steigenden
Spannung als mein Geld zu Ende ging, und ich - bey thörigt [sc.: töricht] zu weniger Berücksichtigung meiner
militärischen Verhältnisse ja selbst meines Verhältnisses zu Weiß - nicht wußte wie ich anständig die erste Nacht in Berlin zu bringen
wollte. Ich erschien mir allein, nichts als mich selbst besitzend, hingeworfen in eine mir fremde, mir theilnehmungslose Welt.
So irre ich nicht in <Jüterbock> angekommen wollte ich schnell mit Vorspann weiter, doch ich hörte
daß ich bleiben müsse, weil der Verkehr so lebhaft war, daß man immer nur mit Rückfuhr beför-
dert wurde oder was es sonst war. Genug ich hatte mich bequemt und fing eben an etwas zu
schreiben als nach einigen Stunden ein Polyzey diener eintratt und mir sagte ich möchte mich sogleich
fertig machen die Fuhre die mich weiter bringen sollte warte schon. Für den in mir gemachten
Plan waren so einige Stunden verlohren, doch was half es, ich ging. Ob ich nun noch eine oder
zwey Stationen zu fahren hatte weiß ich nicht mehr, aber ich bot besonders dem Bursch, wel-
cher mich auf der lezten Station fuhr ein sehr gutes Trinkgeld (: die Hälfte dessen was ich
noch besaß :) mich nur möglichst schnell nach Berlin zu fahren; weil von meiner baldig-
sten Ankunft in Berlin die Ausführung des von mir gemachten Planes abhing; der Bursch
fuhr auch ganz tüchtig bis nach Tempelhof, hier erinnerte ihn das Trinkgeld an das
Trinken aber nicht an das Zurückkommen aus dem Gasthof, es wahr [sc.: war] nehmlich ein Sonntag
und gerad ein solcher, denn es was ein schöner Tag, an welchem Tempelhof, sehr stark
besucht war. Unmuthig über das lange Ausbleiben des Burschen und nicht dem Gaffen
der hin- und herschwirrenden ausgesetzt zu seyn drückte ich mich unmuthig in die Ecke der
Chaise; endlich kam er so fröhlich als langsam meinend noch viel Zeit zu haben, dieß rieß [sc.: riß]
mich aus meiner Ecke hervor und rücksichtslos auf die Umgebung, rief ich laut ihm
Eile zu, und, mich nur setzend rief eine weibliche Stimme: [”]ach! Herr Fröbel![”] Es
war die Tochter der ehemaligen Afterhauswirthin des Herrn v. Seckendorf. Da Herr
v. S. [Seckendorf] das wußte ich nicht mehr in Berlin war, war meine erste Frage:- ”Ist
ihr Quartier leer?[”]- Eine bejahende Antwort lösete alle meine nun ganz unnöthig
gewesene Sorge Pläne u. s. w. Mutter und Bruder kamen nun auch herbey. Nach nun  /
[35]
erst erfolgter Begrüßung wurde sogleich bestimmt daß der Sohn mit nach der Stadt zurückfahren und
mich in mein neues Quartier als einen alten Bekannten freundlich einführen sollte. Es war
dieß in den ersten Tagen des Augusts Abends 6-7 Uhr. Bald kam meine Hauswirthin und ihre
Tochter auch zurück und ich sahe mich nun von gutmüthigen Menschen wirklich mit wirklicher Freudigkeit
bewillkommnet im Bekannten traulichen und freundlichen Stübchen, weit unter mir der dumpfen
Straßen Gewirre dem kurz vorher auch ich noch [mich] preiß gegeben wähnte und fürchtete.
Welch einen Eindruck diese Erscheinung oder dieses Ereigniß auf mich machte kann wohl kaum
ein zweytes Wesen nach empfinden: mich, den ich nur, wie ich oben sagte, hingeworfen wähnte
als Fremden in eine große, fremde mir theilnahmlose Stadt, mich finde fühle und sehe ich
jetzt in den sorglichsten Kreis freundlicher Menschen, die theilnehmend sich Mühe geben mein freund-
liches Stübchen mir noch freundlicher und den lieben Aufenthalt noch lieber zu machen.
Nochmals, wo war nun die Sorge, jedes was das Leben bedarf wurde mir früher besorgt
als ich es brauchte, keine Forderung eines solchen Hauswesens wie des meinen gab es die von der
Wirthin Achtsamkeit nicht befriedigt worden wäre.
Dieß Ereigniß gehört besonders in Verbindung mit den Gefühlen und Gedanken welche während der Entwicklung desselben in mir lebten zu denen in meinem Leben, welche den allerstärksten Eindruck auf mich machten.
Von nun an wurde ich sehr auf die Begebenheiten meines Lebens aufmerksam.
Daß mein erster Weg zum H. Prof. Weiß war versteht sich von sich selbst. Er sagte mir
daß meine Anstellung gar keinen Zweifel unterworfen sey; es wurde das Nöthige deß-
halb verfügt und schon in der ersten Hälfte des Augustes erhielt ich meine Anstellung wirk-
lich vom ersten August beginnend mit Vorbehalt der noch nach kommenden Instruction.
Schon, gleich wenige Tage nach meiner Ankunft in Berlin war ich in mein Geschäft eingetre-
ten, denn was hatte ich sonst zu thun. Von nun an war ich von Morgens 9 Uhr bis Abends
5-6, die Mittagszeit ungerechnet, im dunklen stillen Münzgebäude, wo ich nichts hörte
als die dumpfen Schläge des Prägstockes, bey meinen Steinen eingeschlossen. Das geöffne-
te bedürfende Herz nimmt gläubig auf was ihm entgegen kommt, und so nahm ich gläubig
und erwärmend meine Steine in mein Herz auf, sie entwickelten mir Gedanken
wie meine Gedanken und Empfindungen sich in ihnen gestaltet sahen und so wurden mir
Empfindungen, Gedanken Menschen zu Steinen und Steine zu Menschen, Gedanken Empfindungen.
Einer der mir wichtigsten noch bis jetzt fruchtbarster viel Licht wie großen Frieden gebender Ge-
danke in jener Zeit war: (noch sehe ich den runden Tisch im Kuppelzimmer wo ich ihn niederschrieb) - das
Größte als Kleinstes, das Kleinste als Größtes zu schauen.
Im Universitätsgebäude wurden jetzt neue Locale für die mineralogischen Sammlungen
ausgebauet. Der Herr Prof: machte seine Herbstreise, und ich sollte während derselben beginnen
die Sammlungen aus dem alten in das neue Locale zu bringen. Ich selbst sollte wie dieß begonnen
im Universitätsgebäude wohnen und bis in demselben meine Wohnung ausgebaut sey,
räumte der HErr Prof. mir eines seiner Zimmer ein; so mußte ich nun alles Ernstes daran denken
[Bogen] 18. /
[35R]
mein mir sehr liebes Zimmer in der Jerusalemer Straße und meine freundlichen Hauswirthsleute
zu verlassen, aber auch daran die ihnen schuldige Auslage Rechnung und Hausmiethe zu
bezahlen, dazu langte mein mir mit Abzug ausgezahltes Gehalt und für anderes nicht hin.-
Vor 4 Jahren hatte ich mit einem jungen Manne welchen die preuß[ische] Regierung Pestalozzi halber
nach Yverdon geschickt hatte dasselbst, und einander befreundet in einem Hause zusammen ge-
wohnt. Er kehrte später als ich nach Deutschland zurück. Auf dieser Reise kam er durch
Frankfurt. Sein Reisegeld war zu Ende; er wandte sich an mich ihm welches zu verschaffen
ich that’s, und noch war es mir nicht zurück bezahlt. Dieser Mann war jetzt in Potsdam
angestellt, natürlich daß ich mich in meiner Sorge mit der Bitte um Zurückzahlung des Vor-
schußes an ihn wandte. Ob ich ein[-] oder zweymal schrieb that nichts zur Sache. Meine Bitte
blieb unerfüllt; der Tag meines Auszuges nahete; es war der letzte vor demselben er-
schienen nur höchst ungern wollte ich morgen ohne meine Hauswirthin bezahlt zu haben und
mit Vertröstung ausziehen; da klopfte es, ich rief herein! und ein kleines Mädchen mit
einem Billet an mich trat in die Stube, es öffnend fand ich darinn einen Doppel Fried-
richsd’or und ohngefähr die Worte: ”Für Rechnung des H. Marsch in Potsdam empfangen Sie zwey Friedr. d’or;
mit der Bitte diesen Empfang zu bescheinigen.”    ”H.”
Diese Bitte war leicht erfüllt da ich eben an dem Schreibtisch saß; doch nicht erfüllte sich meine
Erwartung durch das kleine Mädchen den Sender des beschwerten Billets zu erfahren, dieß kleine
Wesen war so einsylbig als sonst kleine Mädchen ihres Alters gesprächig sind. So leicht das Mädchen
an diesen Briefchen getragen haben mögte, so schwer war die Last die mir dadurch vom Herzen genommen
worden war. Aber das Räthsel {der sendenden Hand/ des Senders} wollte auf keine Weise sich mir lösen, {sie/er} war und blieb
mir so unbekannt als persönlich gänzlich unbekannt, wie ich ohngefähr 5 Jahre nachher erst erfuhr,
ich {ihr/ihm} selbst gewesen war. Du mein einziges Weib kannst aber wenn Du Dich in Dir und außer
Dir dazu aufgefordert fühlst, nun diesen einen der räthselhaft verschlungenen Lebensknoten
lösen, ohne auf gordische Weise des Lebens verschlungenes Band zu zertheilen.
Wenn auch dieses Ereigniß einen noch tiefern Eindruck auf mich gemacht hätte als es wirk-
lich schon machte, so hätte es doch seiner Verknüpfung und Bedeutung nach keinen zu starken Eindruck
auf mich machen können. Nicht wahr meine theuerste Wilhelmine?-
Um diese Zeit hatte ich.Mit meinem Einzug in das Universitätsgebäude, begann für
mich ein Leben ganz anderen Charakters; das freundliche gänzlich sorglose Leben in einer
freundlich sorgenden Fanilie war verschwunden und an dessen Stelle mitten in der großen
Stadt ein ächtes Eremittenleben getreten.
Um diese Zeit herum hatte ich schon Bauer und später ganz unerwartet auch Middendorff
und Langethal wieder kennen gelernt, doch griff hier noch das Leben aller dreyer, beson-
ders das der beyden letzteren fast gar nicht in das meine ein.
Jetzt war mir auch meine Instruction eingehändigt worden, sie enthielt wie es freylich wohl
natürlich war, manche Puncte gleich der des Directors der Museen, doch eben in diesen Punkten  /
[36]
vermißte ich das Zutrauen welches nach meiner dortmaligen Ansicht ein Staat in seine Diener haben
sollte, ich wähnte, ohne Zweifel ganz thöricht, weil alle diese Instructionen ein gewisses Schema
haben diese Instruction sey von Prof. Weiß veranlaßt, dieses schnitt mit einemmale meinem
ganzen Berufsgeschäfte sein Leben und besonders seine Freudigkeit ab, denn Zutrauen war nur
die Seele und das Element meines Lebens, wo es fehlte da konnte unmöglich ich leben und so
faßte ich in demselben Augenblick als ich die Instruction meiner neuen Stelle zum erstenmale
las auch den stummen tief verwahrten Entschluß meine Stelle wieder niederzulegen so bald
sich mir eine Gelegenheit dazu zeigte. Doch ist dieser Entschluß als <Modiv> [sc.: Motiv], als Beweggrund
meines späteren Handelns, als ich die Bedingungen selbst erkannte, welche eine Stellung wie die
meine machte gänzlich zurück getreten und ich erinnere mich nicht daß er um die Zeit der später
wirklich erfolgten Niederlegung meiner Stelle je wieder in meine Erinnerung gekommen sey.
Aber da so meinem innersten Leben sein höchstes Lebenselement fehlte was ich nun von mehr als
einer Seite her in meinem Verhältnisse zu vermissen meinte, so wurde mein Leben , besonders auch weil
in der Zeit meines Wohnungswechsels auch der H. Prof. Weiß abwesend war, ein sehr gedrücktes
dumpfes. Um nun wenigstens äußerlich und für mich und in meinen Augen immer gänzlich unab-
hängig zu seyn faßte ich den festen Entschluß alles zu vermeiden um nur je etwas schuldig zu
werden. Mein Gehalt war natürlich noch sehr gering doch hatte ich bey meiner Stellung, freye Wohnung, frey
Holz wohl leidlich menschlich auskommen können, wenn ich nicht hätte monatliche Miethe für Bette
und Möbel zahlen müssen. Hätte ich mir diese eigen anschaffen können, so war ich ökonomisch geborgen
doch mein Gemüth war nun einmal eingedüstert die dazu vielleicht möglichen Wege zu betreten;
und so nahm denn immer der Anfang jedes Monates mir für jene Miethe mehrere der schönen
Thaler weg die ich eben erst bekommen hatte, dieß machte aber mein Leben nicht schön, sondern drückend karg.
Einen größeren Druck des Geistes und Gemüthes habe ich in meinem ganzen Leben nicht empfun-
den als in jener Zeit des gänzlichen Alleinseyns (: d. HErr Prof: kam erst spät im 9br [sc.: November] zurück :)
in einer wildfremden Stadt. Die merkwürdigste thatsächliche Erscheinung dieses Druckes war
die daß ich nicht über meine wagrechte Gesichtslinie in die Höhe zu sehen [wagte], weil ich dann
meinte das Himmelgewölbe sänke auf mich ein. Mein Geist und Gemüthe arbeitete dort un-
säglich mir die moralische und intellectuelle (sittliche und einsichts-) Kraft zu verschaffen
mich jenes Druckes zu erwehren, doch hat er gewiß 6-8 Wochen gedauert und ich
kann mich jetzt noch ganz deutlich sehen und fühlen wie ich in dieser Stimmung unter den Linden
wie ich in ihr im Thiergarten ging entweder gerad vor mir hinsehend oder mit übereinander
geschlagenen Armen und zur Brust gesenkten Kopf.
Von dem, was in jener Zeit meinen Geist und mein Gemüth beschäftigt hat, ist mir gar nichts
im Gedächtniß geblieben, um etwas darüber zu finden müßte ich wohl meine Papiere nach-
suchen, ich muß aus Umständen vermuthen daß es die Aufsuchung der Bedingungen und un-
trügbaren Mittel zur freyen werkthätigen Entwicklung und Ausführung eines reinen Menschen-
lebens gewesen sind. Nur eine Thatsache, es mag wohl, als wesentliche, die letzte aus jener /
[36R]
nächtlichen Zeit [sein] will ich herausheben und mittheilen, weil sie sich selbst mir wie ein
eingerahmtes Gemälde aus jener Zeit hervorhebt, und so lange als solches vor
mir stehen bleiben wird, bis sie als Lebenserscheinung in mein Leben herabgestiegen
seyn wird.
Wie ich mich nur eben zeichnete mit verschlungenen Armen und auf die Brust gesenkten
Kopfe ging ich wohl im späteren Herbste mit beginnenden Abend von dem Brandenburger
Thore nach den Zelten auf dem Wege welcher längs des Exercierplatzes hinführt. Der Spatzier-
gang war von Menschen leer ich ging sinnend sehr langsam auf einmal sahe [ich] mit den zur
Brust gekehrten Augen meine geöffnete Brust und in derselben eine blühende Lilie stehen.
Die Erscheinung beachtete ich nun selbst stehend so lang daß es mir schien als könnte ich [sie] stehen oder schwinden lassen.
Natürlich schwand sie und jetzt ist mir ihre Erklärung so klar und bestimmt als mir dort ihre Erscheinung
war. Doch auch diese Erklärung sagt mir nicht weniger als mir dort die lebhafte nicht sogleich er-
klärliche Erscheinung selbst.
Mein Geist und Gemüth war dort sehr erregt, beyde wohl vom Leben gleich gedrängt und so
gedrängt, daß sie sich gegenseitig innig durchdrangen; was beyde erregte und bewegte mußte
so als Ein Leben erscheinen, Licht und Wärme, Geist und Gemüth sich durchdringend, schafft Ge-
stalt, so mußte also auch das Eine beyde einig bewegende Leben, als Eine Gestalt erscheinen.
Die Lilie nun [muß] nun ein ich kann ohnmöglich sagen wie lang schon von meinem Gemüthe
für reines Menschheitsleben aufgenommenes und von meinem Geiste sanctionirtes Sinn-
bild seyn; welche Gestalt konnte nun jenes Eine Leben im Innern wenn es sich einmal
gestalten wollte anders wählen als die der Lilie. Der Ort der Erscheinung, die geöffnete
Brust, das geöffnete Herz ist eben so natürlich. Wer erinnert sich nicht bey meinem Alter und Leben aus seiner Jugend
der als Personen mit geöffneter Brust oder geöffneten Herzen
gezeichneten Tugenden und Laster und wer weiß nicht daß Jugend Eindrücke so stark und
so unbewußt sind, daß sie im hohen Mannesalter mit Frühlingsfrische in [sc.: im] Nu erscheinen.
Die Art der Erscheinung ist mir eben so leicht erklärlich. Seelenbilder können sich entweder auf
der Netzhaut von innen heraus bilden; oder sie können sich in die dem geschlossenen Auge
leicht vorschwebenden verschiedenartigen wie verschiedenfarbigen Formen malen; oder
sie können selbst aus der Seele dem Gemüthe wie aus einem Hohlspiegel (: ich wünschte
wohl ihr hättet in einem physikalischen Cabinette diese Erscheinung gesehen :) hervor treten, so
daß der besonnenste Mensch im klarsten Tageslicht sie meint fassen zu können. Vielleicht war
hier einer der beyden ersten Fälle, daß im Augenblick wie im Sinnen unbeachtet das Auge
schloß, und jenes Wahrnehmen des Bildes nun den Eindruck eines Sehens des Bildes machte.
Diese Erscheinung hat also als Begegniß für mich gar keinen Werth, doch ist es mir ich leugne es
nicht wie sehr vieles andere dieser Art lieb es selbst erfahren zu haben, weil einem so gar
Manches in der Lebensgeschichte anderer Menschen besonders aus dunkleren Zeiten verständig und
einsichtig wird und man es so wieder in dem großen LebensVerband verwachsen siehet; aber deßhalb  /
[37]
hat sie mir, ich leugne es nicht, einen desto größeren Werth als Bild meines inneren Lebens
und besonders in Verbindung mit der früheren Erscheinung der Liliensehnsucht meines Herzens
und Gemüthes im vorhergegangenen Sommer in Frankfurt a/m und mit der wohl gar 6 bis 7 Jahr
früheren Geburtstagsfeyer der dortmals kleinen Caroline. Aus diesem geht mir nun als
für mich und mein Leben wichtig hervor: einmal das [sc.: daß] Gemüth und Geist unter den verschieden-
sten Verhältnißen in Freyheit wie in Fessel Eine GrundIdee Einen Grundgedanken festhielt,
dann, daß diese Idee dieser Gedanke Darstellung, Gestaltung reinen MenschheitsLebens
ist, und drittens daß Geist und Gemüth geeint, diese GrundIdee diesen Grundgedanken
im Leben und vom Leben selbst schon wenigstens sinnbildlich gestaltet sehen mußte;
dieses reine gestaltet sehen und selbstgestalten gehört also ohne allen Zweifel zum
Charakter zum Beruf meines Lebens.
So mein Leben in den Herbstmonaten des Jahres 1814.
Seit jener Erscheinung klärte sich auch wieder mein inneres und äußeres Leben immer mehr.
Im Nov[em]b[e]r endlich mochte es seyn als der HErr Prof: Weiß und mit einer jungen Frau zurückkehrte.
Die Vorlesungen begannen nun bald mehrfach wieder; die Geschäfte im Cabinett mehrten sich,
so bekam mein Geist vielseitig neue Beschäftigung mein Leben neuen Schwung; und ich führte nun
wieder bald ein eben so gesundes als heiteres frohes erkennendes und schaffendes Leben, der
Winter verging fast ohne daß ich jetzt weiß wie der Frühling und Sommer des Jahres 1815
erschien.
Mit dem Frühling 1815 kam ich mehr mit Middendorff zusammen; wir hörten glaube ich in diesem
Halbjahr gemeinsam bey Schleyermacher, wäre nun aber auch dieß in diesem Halbjahr noch
nicht gewesen so aßen wir doch gemeinsam nebst Mehreren in einem Privathause zu Mittag.
Ich hatte jetzt außer meinen Studien auch noch mancherley gelesen. Irre ich nicht war mir auch
in Verbindung mit meinen Steinen und Crystallen auch der Novalis wieder in mein Leben
gekommen; da machte mich Middendorff auf das Buch: ”Jesus von Nazareth” von Greiling
aufmerksam; er hatte es selbst geliehen und ich las zuerst dieß geliehene Exemplar
welches er mir wieder liehe. Doch dieß konnte mir nicht genügen, ich mußte es sogar
selbst in zwey Exemplaren eigen besitzen, um mich wie ich mich gefunden andern wieder zu
geben wie ich mich selbst gefunden hatte. Dieses Buch wirkte auf eine ähnliche Weise, doch mich
mehr mich selbst seyn lassend, mich mehr nicht im Einzelnen und einseitigen Richtungen, sondern
im Ganzen und als Person klar machend, klar machend in dem innersten [sc.: Innersten] meines Gemüthes,
- schlagend auf mich wie früher Novalis Schriften. Doch nochmals, diese mehr erregend
erwärmend belebend, jenes der Greiling mehr beruhigend, klärend, gestaltend. Denn den
Jesus von Nazareth Greilings konnte ich ruhig und beruhigt vielmehrmal wieder lesen; selbst
Euch in Keilhau wollte ich ihn ja einmal zur Bewirkung und Erreichung eines größeren gemein-
samen Verständnisses vorlesen, doch es war dort wohl noch nicht an der Zeit. Alle meine
frühesten Jugendgedanken Empfindungen, Vorsätze Entschlüsse genug mein ganzes Leben durch
[Bogen] 19. /
[37R]
alle Stufen seiner Entwicklung und seines Wollens in der Vergangenheit wie in der Gegenwart
und der Zukunft lagen in demselben vor mir aber hier wie ein todter Kupferstich gleich-
sam welchen das Leben und das Gemüth erst beleben sollte, in mir aber als gestaltetes
und gestaltendes Leben selbst welches das Tod[t]e wieder auferwecken, das Gestorbene
wieder beleben und dem leeren Gehäus was man Leben nennt wieder Gemüth und Geist
geben sollte. Daß dem also ist könnt ihr Euch wie dort beym Novalis selbst überzeugen
wenn Ihr Euch die Mühe gebt beyde Bücher aus dem Bücherschranke kommen zu lassen,
wo Euch dann die freylich stummen Zeichen, die alle Beziehung auf mein persönlichste[s] Streben
haben, dessen Zeuge seyn werden.
Das Finden dieses Buches ist für mich eben so wichtig als das frühere Finden des Novalis,
und war besonders für mich jetzt wichtig da es mir ein gestaltetes, lebendiges Leben
und noch überdieß das Reinste, Edelste, Erhabenste vorführte. Ich fand mich, durch dasselbe selbst.
An den [sc.: dem] in dem Sommer dieses 1815er Jahres nochmals ausgebrochenen Krieg wieder per-
sönlichen Antheil als Krieger nehmen zu wollen bewog mich reine Thatenlust; doch da ich
mit mehreren ja vielen Anderen unter andern auch mit Middendorff und Langethal zurück-
bleiben mußte so erwähne ich dieses Feldzuges blos weil er Middendorffen in mein Zimmer
zog und so zu meinem Stubengenossen auf einige Monate machte. Doch dieß kann Midden-
dorff wenn Ihr Lust habt es zu hören Euch selbst erzählen. Unsere Lebenswege gingen
damals noch sehr getrennt er ein eifriger Theolog, ich nicht minder Mineralog hatten
nicht viel zu theilen, und so theilten wir oft in Wochen, ob wir gleich wie Stuben-, so
Tisch-, Schlaf- und Frühstücksgenossen waren nicht mehr als: guten Morgen, guten Tag,
gute Nacht!- Irre ich nicht, gegen Ende des Jahres 1815, wurde er Hofmeister, Hauslehrer
in einer der Bendemannschen Familien, in der andern war es Langethal schon, und so
brachte uns dieser ihr neuer meinem früheren Leben besonders mehr verwandter
Lehrerberuf, besonders im Jahre 1816 näher. Ist es Euch lieb darüber weiteres zu hören
so werden sie es Euch gern mittheilen.
Wie ich vorhin sagte daß Greilings ”Jesus v. N.[”] eben so bestimmt in mein Leben eingegriffen
habe als früher Novalis Schriften, so möchte ich überhaupt sagen daß das Jahr 1816
in seinem ersten Beginne wie im ganzen Fortgang seiner Entwicklung ganz auffallende
und sehr ins Einzelne gehende Ähnlichkeiten oder vielmehr Gleichheiten mit dem Jahr
1805 hatte. Sollte ich ja am Ende der Darstellung dieses Jahres vergessen einige schlagen-
de Zusammenstellungen zu machen, so werden sie Euch nun darauf aufmerksam gemacht
gewiß selbst nicht entgehen.
Zuerst, und damit möchte ich, wenn ich einen flüchtigen Blick auf mein Leben werfe,
sagen, fangen fast alle meine neuen Lebensfortentwicklungen immer [am Ender des Winters] an; Zuerst begann
ob es gleich Winter war ein frisches frohes Naturleben oder setz[t]e sich viel-
mehr vom Herbste fort. War auch Eis und Schnee so wurde doch fast regelmäßig täglich /
[38]
ein größerer Spatziergang in dem Thiergarten und möglichst oft nach Belle vue gemacht. Viel
empfand dort das Gemüthe, viel erkannte der Geist und beyden ging viel Neues in dem gestalteten
Naturleben auf. Auch meine Steine hatten jetzt bey meinem gestalteten und gestaltenden, be-
lebten und belebenden Leben eine ganz höhere Gestalt und Lebensbedeutung gewonnen.
Was in meinem Gemüthe ruhete, was mein Geist zu erreichen strebte, was ich früher in
der Pflanzenwelt und in der Königin derselben erblickte das erschaute ich jetzt im ruhigen
stillen Leben der Crystallwelt.
Ehe ich weiter fortfahre muß ich doch eine Bemerkung über meine Gemüths- und Lebens-
entwicklungen machte [sc.: machen] die sich mir schon vorhin aufdrängte aber bey der Vielheit der Thatsachen
unbeachtet fallen ließ; es ist die: daß jede meiner Lebensentwicklungen mich immer so ganz und
ausschließend in Anspruch nahm und mich ihr so ganz hingab als sey sie die allereinzige und
ich könnte fast sagen die erste meines Lebens so z. B. habe ich bey Greiling nicht an Novalis
gedacht. bey Jesus v. N. nicht an die Lilienzeiten meines Lebens; bey den klaren hellen Crystallen
und ihren Leben wieder nicht an diese. Mein Naturleben war mir immer ein neues; ich erinne-
re mich nicht daß ich es unter sich in Verbindung gebracht hätte. Ich mag wirklich nicht
entscheiden ob es besser gewesen wäre wenn ich die verschiedenen gleichartigen Lebenszeiten
mehr in Verbindung gelebt hätte und so jetzt einzelne weniger selbstständig ausgelebt oder
wie ich es wirklich gethan umgekehrt; fast möchte ich mich für das wirklich Dagewesene
auch als für das Bessere entscheiden; denn die Verknüpfung läßt sich immer noch und bey
einer größeren Reihe von Thatsachen um so folgereicher machen; aber eine Lebensthatsache
läßt sich ergänzend und vervollständigend nicht wieder nachleben. Dabey darf ich jedoch
keinesweges vergessen bestimmt auszusprechen, daß ich es mir sehr oft im Leben als Aufgabe
gestellt und sie auch auf den verschiedenen Stufen erfüllt habe mein Leben als ein Ganzes
zu sehen meine Lebensthatsachen im Zusammenhang zu schauen. Und dennoch muß ich jetzt
sehen daß selbst im Jahr 1816 noch viele meine[r] Lebensthatsachen noch ganz allein ohne das
sich doch so sehr leicht ergebende Band verbunden da standen; Es kann aber auch das seyn
daß sie in meinem Leben als Leben wegen der Innerlichkeit, Zurückgezogenheit und Stärke
desselben, verbunden und geeint, gleichsam eingeschmolzen und verschmolzen waren
ohne als Einzelheit hervorzutreten. Wie dem nun auch sey es bleibt immer so wichtig, als
nothwendig, sich das Thatsächliche im Leben, wie es wirklich statt gefunden hat, möglichst
klar zu machen.
Dieß nun eben zuletzt erwähnte scheint wirklich in meinem Leben während dieser Zeit
in einer Beziehung statt gefunden zu haben. W. doch was ich jetzt schon herausheben wollte
schein mag wohl in die etwas späteren Monate meiner Lebensentwicklung zu fallen, so sey
denn auch dessen Erwähnung bis dahin aufgehoben.
Eine allgemeine Bemerkung über mein Leben leuchtet mir hier aus meinem Innern her-
auf, und ich halte sie fest, weil sich mir daran unmittelbar die Fortsetzung der Entwicklung meines /
[38R]
innern Lebens anknüpft.
Es tritt mir als durchgehende Erscheinung in meinem Leben entgegen, daß sich jede höhere
Entwicklung desselben immer an ein kurz vorher begonnenes neues und reineres innigeres
Naturleben anknüpft, oder vielmehr das [sc.: daß] die erhöhete Gemüths- und Geistesentwicklung mit
einem erhöheten neubelebten Naturleben immer wieder beginnt und ich möchte sagen daß dieses
Naturleben immer in mir schon da beginnt wo eben kaum der Frühling aus dem Winter
heraufhaucht, kaum wahrnehmbar herauf athmet. Überhaupt geht mir immer mehr und mehr
ein sehr tiefes und lebendiges ich möchte fast sagen organisches Verknüpftseyn meines Lebens
mit dem Naturleben hervor, welches ich schon sehr früh an dem allgemein Einfluß der Sonne
auf mein Leben im Allgemeinen beachtet und empfunden habe. Es geht daraus hervor wie
richtig mein Gemüth wählte als es zu seinem äußeren Lebensberufe das Landleben - (: wie
Mehrere aber ganz richtig bemerkten nur in der höheren edleren Beziehung :) <-> - wählte, und wie
diese Wahl, dieses Verwachsenseyn desselben mit meinem innersten Wollen, und gleichsam als
erste und Grundbedingung desselben wieder in mir hervortrat, wie ich, als ich bey Holzhausens
als Erzieher ihrer Söhne eintrat es als erste und ganz unnachlässige Bedingung machte mit
ihnen auf dem Lande zu leben und daselbst ein wirkliches Landleben mit ihnen zu führen,
und auch dann wieder als ich später mein größeres Erziehendes Wirken als Grundbedingung zur Erreichung seines
Zieles und Zweckes auf das Land verlegte, ja wie Umstände und Lebensverhältnisse so ganz
wirklich wunderbar eigenwirkten daß ich selbst Bauer werden und so recht eigentlich
mit dem Landleben bis sogar ins Kleine hin verwachsen mußte; ob mich gleich im Gegen-
satz mit dem ersteren der seel[ige]. Falke in Weimar und der überhaupt sehr kluge Rezensent
meiner ersten Anzeigeschrift in der Athene[i]a - sehr gern in die Stadt bannen wollten
und meinten ich verstehe mich selbst und meinen Lebenszweck nicht. Ganz gleich meinten
auch die beyden Frauen v. Holzh[ausen]. und v. Heyden, weil ich Hohes wolle müsse als ich ihnen schrieb
ich möchte mich als Bauer ankaufen und dazu ihre Unterstützung suchte (doch ich komme wohl
darauf zurück:) - weil ich Hohes wolle müsse ich auch wie ein Paradiesvogel keine Beine
haben damit [ich] immer nur in der Höhe fliegen nicht mich aber auf Gottes schöner Erde ruhend
niederlassen könne; dieß die Wirkungen halber Wahrheiten, die viel nachtheiliger sind
als gar keine. Aber schon als ich 1806 Ernst Moritz Arndts Fragmente der Menschen-
bildung las dachte ich ja ganz anders. Und jetzt hat mich ja wieder mit dem ersten Frühlings-
hauch dieses Jahres mein Leben, ohne daß auch nur leise mein Gemüth es geahnet hat nach und nach und immer
weiter und weiter bis in das Land des großartigsten Naturlebens der Länder deutscher
Zunge geführt, und vielleicht ist darinn tief die allgemeine Theilnahme, ja wie man mir
sogar sagt der allgemeine Enthusiasmus begründet mit welchen [sc.: welchem] von den Cantonen der
verschiedenen Confessionen mein Erscheinen in der Schweiz und mein Erziehungsplan überall
aufgenommen wird ja sogar im Einzelnen hin [sc.: hier] die Theilnahme sich nach und nach zu regen scheint.
Doch von allem diesen an seinen Orten später, wenn ich die noch vor mir liegende Lebensfülle bis dahin
werde erfaßt und durcharbeitet haben. Aber was ich vorläufig hier sagte ist schon wichtig für /
[39]
mich allein, ist wichtig für uns alle, ist wichtig für Euch, Euch mit Euern Krei-
sen und Verhältnissen als Ganzes in die Augen gefaßt, ist wichtig für
Keilhau, daß es seine Bedeutung erkenne, daß es sie erfasse und festhal-
te, damit es diese seine hohe Bedeutung in allem was es treibe und schaffe
kund thue; daß diese hohe Bedeutung von Keilhau nie da wo es hätte seyn sollen
erkannt und erfaßt, daß ich nie zur Aufführung derselben in seinen Hauptpunk-
ten unterstützt, vielmehr immer ganz allein gelassen wurde, dieß hat mir immer
sehr wehe gethan: nicht daß die Sache geschähe, nicht darum handelte es
sich,
[Randnotiz*-*] die Wichtigkeit der Sache schon an sich, sahe ich, so gut wenigstens als Andere, auch ein. [*] sondern daß sie in diesen bestimmten höheren Geiste und Gesinnungen
in und für diese höheren Lebensansichten und für ihre Verwirklichung
geschähen, darum, einzig darum handelte es sich
, dieß wollte man aber
ganz und gar nicht einsehen, nicht die That als solche macht es, sondern die klare
(nicht nur dunkel ahnende), und ins Einzelnste gehende, (nicht nur so allgemeine)
Einsicht des Zusammenhangs der That mit der Menschheit höchsten Zweck, und
die Gewißheit daß und wie durch die kleinste That der Menschheit Zweck und
Ziel gefördert und endlich erreicht werde. Ob, wo und wie ich nun ein
solches Landleben, ein sich daran knüpfendes, darauf ruhendes Menschenleben
erreichen werde, das ruht in der Zukunft dunkelm Schooße, möge es Keilhau nun
um so sicherer erreichen als ich weit entfernt bin, und möge meine Entfernung
seine sich Näherung [da]zu und [da]für Verständniß bewirken, so soll mein Entfernen
mir gesegnet seyn. Ich gleiche mir dagegen einem einsamen Saamenkorn was die Wellen
des Wald-, des Gebirgs-, des Lebensstromes mit sich fortgetrieben haben, viel-
leicht noch treiben; es scheint am Ufer Boden gefunden zu haben, wird dieser
Boden kein Felds u. s. w. wird es fruchtbares Land seyn, daß das Saamenkorn
von des Wald-, des Berg- des Lebensstromes Leben erregt hier keimen
wurzeln, wachsen, blühen fruchten könne?- Jetzt ruht das Saamenkorn
noch ganz allein und offen am Ufer und die Hundertköpfige Vernichtung, kann
von mehr als hundert Seiten den zarten Keim in seinem ersten Hervorblicken
zerstören.- Wer mag der Zukunft Schleyer heben?- Wer ihn hebt - stirbt!-
Warum drängte sich nur aber auch diese Ausführung so gewaltsam und ich
könnte fast sagen wider Willen hervor, war doch dazu an den späteren
und betreffenden Stellen der Entwicklung Zeit u Raum genug!- wer weiß
dieß!- und die Gegenwart ist und bleibt ja immer das Wichtigste, aus
ihr nur einzig entwickelt sich die Zukunft als wurzelnd in der Vergangenheit.
[Bogen] 20. /
[20]
Also eben mit dem ersten Auftauchen des Frühfrühlings 1816 war es als ich ein sehr
lebenvolles friedlichschaffendes Leben in mir in innigster Einigung mit der Natur
lebte. Wie ich es lebte geht wohl aus den Worten hervor, die dort Ihr ihr
aus dem Innersten meines Lebens entquollen:
Ihr.
Seit ich die Allerheiligste gefunden
O, welch ein Friede wohnt in meiner Brust!
Von jeder Last bin ich entbunden,
All mein Geschäfft wird mir zur Lust!
Nicht kenn ich mehr ein nichtig Streben
Ein jeder Wunsch ist mir erfüllt,
Ein jedes Sehnen mir gestillt
Drum weyh’ ich dankbar Ihr mein Leben.
Wie ich dieses ihr geweyhete Leben meinte, was ich ich unter diesem ihr geweyhe-
ten Leben verstand, ich meinte das Wirken für Erkenntniß und Anerkennt-
niß ihrer als einer Gottoffenbarerin, und für Wirken eines daraus her-
vorgehenden so reinen als wahren Gottgeweyheten Lebens der Menschheit, sprach
ich unmittelbar in jener Zeit in zwey Parabeln aus, die wie es scheint ver-
lohren gegangen sind
[Randnotiz*-*] *aber von mir bestimmt an Personen gesandt wurden, von welchen ich noch immer hoffte daß sie doch endlich mein Leben verstehen würden. [*],
wo in der einen ich mich und mein Leben in dem Bilde eines
rauhen Felsblockes sahe, der von des Schicksalsschlägen, den Werkleuten, behauen
als Würfel und so meinen Mittelpunkt gefunden habend der Grundstein eines Domes wurde, wie ich es mir dachte, tief
in der Nacht der Erde als Gegenpunkt des Schlußsteines der Kuppel, dieser
neuen Peterskirche ruhete.- Im zweyten Bilde sahe ich mich und mein Leben
als einen ins Gestrüb geworfenen Eichkern, von {jenem/ demselben[}] wohl gestochen
und gedrängt, aber auch von demselben geschützt zur gesunden kräftigen Eiche her-
vorwuchs bis endlich nach dem Kommen und Gehen vieler Geschlechter ein Menschen-
kreis glücklich im reinsten Menschheitsleben sie zum schützenden Naturtempel
ihres Heiligsten wählte.
So mein Leben in jener Zeit besonders im Monat Febr[uar].
Aber ich sehe jetzt, nicht allein im Friedlichsten Freudigen, auch im Druck
im Schmerz- und Leidvollen sollte sich mir das Gesetzliche meines Lebens,
das Gesetzliche des Menschen- und Menschheitlichen Lebens überhaupt
kund thun. Denn was sich nun, wie ich jetzt bestimmt schaue, und was auch
aus dieser rein den Thatsachen folgenden Darstellung hervorgeht,- gescha[h] schon /
[40]
mehrmal in meinem Leben ausgesprochen hatte, that sich auch in dieser Zeit wie-
der recht bestimmt und recht erwogen auf die ganz gleiche Weise kund: auch
nach dieser Zeit hohen Himmels-, tiefen Seelenfriedens, ächten Lebensfriedens
kam Kampf und Schmerz, kam Krieg und Leid.
In meinen Steinen, in den Crystallen hatte ich ein zu helles Lebenslicht gesehen
als daß es mir länger möglich geworden wäre es dem Leben, der Entwicklung
der Entfaltung des Lebens, der Entwicklung und Entfaltung hohen Menschheitslebens
vor zu enthalten; denn schrieb ich in jener Zeit in einem Briefe[:]
”Die Crystallwelt ist eine herrliche Welt
”Denn wo des Weges wir unkundig
”Und wo das Dunkel uns umgiebt
”Sie sicher uns zum Ziele führt.”
Nach ewigen, dem Heiligthume der heiligen Mutter Natur anvertrauten Gesetzen
das fühlte ich, das erkannte ich, das schaute, das lebte ich; nach diesen Gesetzen müsse
der Mensch nicht nur sein Daseyn empfangen auf der Stufe der Natur[-] und Lebens-
reinheit - nein! er [müsse] sich auch nach diesen Gesetzen entwickeln, gestalten, bewußt
werden er müsse darnach erzogen werden; und so hatte ich wieder gleichsam
von neuem den Beruf gefunden erkannt welchen ich schon vor 11 Jahren gefunden
hatte aber <nun> nach Mittel, Weg und Zweck.
Was wäre nun wohl noch im Stande gewesen mich in meiner jetzigen Wirksam-
keit in meinen jetzigen Dienstverhältnissen zu halten. Nichts Einzelnes und Per-
sönliches kam dabey ins Spiel alles dieß war in Tiefe gesunken, nur der Gedan-
ke der große trieb mich den Niemand kannte, Niemand im Gebiete des Sichtbaren;
wie hätte irgend Jemand nun mich verstehen sollen. Niemand verstand
mich alles entgegnete mir, entge[g]nete mir mit dem Verlust alles dessen was
nur immer den Menschen lieb und werth seyn kann, da kostete es Kampf
und nur einzig ganz allein in mir und mit mir hatte ich diesen harten Kampf
zu kämpfen, denn wie ich mich nur für mich entschied so trat auch augen-
blicklich ein was von den Andern mir wie sie sagten prophezeihet worden
sey und - ich entschied doch für mich, entschied für mich mit Voraussehung
der Hingabe alles dessen was ich mein nannte.
Was soll ich mich nun noch mit Beschreibung des ich möchte sagen körperlich schmerz-
lichen Kampfes aufhalten, welcher der bestimmten äußerlichen Entscheidung der
Niederlegung meiner jetzigen Stelle vorher ging, um ihn zu verstehen, müßte ich
mich vorher klar zeichnen in der gänzlichen Hülfslosigkeit in die ich mich  /
[40R]
dadurch in Beziehung auf äußere Verhältnisse und Mittel setzte, genug es wird
mir selbst schwer zu entscheiden welcher von beyden Kämpfen für mich eigentlich
der härteste und schwierigste war; ich der in Frankfurt a/m bey Niederlegung meiner
Stelle um ins v. Holzh[ausensche]: Haus zu gehen oder der jetzt ich wandt in diesem mir [sc.: mich] recht
eigentlich krampfhaft wie ein Wurm.-
Aber nun war es dem Herr[n] Prof: Weiß bestimmt erklärt und nun war wieder
die alte Freudigkeit errungen, und freudig wurde jetzt mit den Freunden Bauer
Middendorff, Langethal in Berlin wie in Charlottenburg verkehrt was diese wenn
sie Lust haben durch Erzählungen aus dieser Zeit bestätigen können.
Was ich eben schon in der Verknüpfung, daß sich mehrere Einzelheiten meines
Lebens wegen der Stärke seiner Zurückgezogenheit und Innerlichkeit desselben, in dem-
selben gleichsam verschmolzen gefunden haben - erwähnen und herausheben wollte
mag nun wohl nach dieser Zeit der Erklärung geschehen seyn.
Wohl schon in der letzteren Zeit durch das Buch [”]die Morgenröthe im Aufgang[”] und
durch eine sich daran anknüpfende Ideenverbindung wieder auf Jacob Böhme
zurück geführt, so wurde ich es noch mehr als ich meine Bücher wegen unserer
bevorstehenden Trennung d.h. in Beziehung auf das Verkaufen und Behalten dersel-
ben die Musterung durchgehen ließ. Ob nun gleich wohl schon vielleicht bey frühe-
rem durch blättern in mir überzeugt, daß beydes wahr sey was früher in Frankfurt
auf Veranlassung meines Empfangens der Aurora ausgesprochen worden sey - ein-
mal, daß wohl in den sämtlichen Schriften die Idee eines lebendigen Zusammenhanges der
moralischen und physischen Welt und der Gedanke der oder einer sinnbildlichen Bedeu-
tung des Sichtbaren in Beziehung auf das Unsichtbare - durchgehe, dieß aber so durch
einander geworfen verwirrt in der äußern Darstellung, daß der selbst verwirrt wird
welcher schon mit der Klarheit des Gedankens an das Lesen des Buches, der Schriften
selbst geht, davon jedoch einzelne allgemeine Wahrheiten die das Buch enthält davon
abgerechnet; ob nun gleich wohl von diesem schon überzeugt - was auch noch jetzt
meine Überzeugung ist, so wollte ich doch die Schriften ehe ich mich vielleicht von
ihnen trennte noch etwas genauer kennen lernen; dieß in dem eigentlichen Inhal-
te des Buches selbst zu thun, dazu konnte ich mich unmöglich entschließen und so
suchte ich es durch Hülfe des ziemlich ausführlichen Inha[l]tsverzeichnisses
zu thun um dann über die mich ansprechenden Gegenstände an den angegebenen
Orten das Weitere nachzulesen. In diesem Register mußte nun die Heraus[-]
hebung der Inhaltsgegenstände: Lilie, Lilienzeit, Lilienzweig, Erscheinen des
Lilienzweiges und der Lilienzeit, Grünen des Lilienzweiges
u.s.w. meine ganz /
[41]
besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen; nicht aber so wohl konnte mich das
was in Böhme’s sonderbar verworrener Sprache darüber gesagt ist.
Für mich war die ganz <-> schlagend äußerlich dastehende Thatsache
daß mir in Frankfurt im July 1814 eben wo ich von jener Liliensehnsucht
getrieben wurde [mir] ganz in denselben Tagen ein Buch geschenkt wurde wodurch
ich veranlaßt wurde mir die Bücher anzueignen eines Mannes anzueignen
welcher gerad zweyhundert Jahr früher über eben diesen Gegenstand in und
mit eben diesem Sinnbilde gedacht und geschrieben hatte - hinlänglich genug
die Bücher selbst als mein Eigenthum zu behalten, zumal da sie keinen Geld-
werth hatten. Und sie sind es noch wie ich schon oben sagte.- Ob schon in
dem in Frankfurt erhaltenen Buche der gedachten Gegenstände Erwähnung geschieht
weiß ich jetzt wirklich selbst nicht mehr, das Eigenthümliche der zusammentref-
fenden Umstände wäre dann um so näher.
Ob ich nun gleich dem, was sich in den genannten Schriften an die gedachten Ge-
genstände anknüpfte an sich kein Gewicht gab, so gab dieß wiederhohlte Vor-
[kommen] eines mir, an und für sich schon, ohne ein noch Hinzukommendes, sehr lieben, bedeu-
tungsvollen Sinnbildes meinem innern Leben wohl eine innere feste frische Ge-
stalt, ob ich mich gleich nie erinnere daß ich das Sinnbild, sondern nur immer ganz
rein und kräftig den Gedanken und die Sache selbst fest gehalten noch weniger
aber Gedanke und Sache, ohngeachtet dieser leicht möglichen Veranlassung, je
versinnbildlicht zu haben.
Dieß 1816e Jahr ist aber schon in so weit als es noch in meinen Berliner Auf-
enthalt fällt für mich so an innern Entwicklungen reich, daß es mir hier
sehr schwer fällt sie zu sondern und getrennt zu halten, um so mehr als sie sich
in meinem Innern so leicht verschmelzen, wollte ich es aber thun und streng
in der Zeitfolge schreiben so müßte ich nothwendig meine Papiere an der
Hand haben um dadurch wenigstens die bestimmte Zeit einiger Thatsachen
fest zu setzen. Aber dieß bedarf es ja hier bey dem Zweck dieser Mitthei-
lung nicht, wo überhaupt das Angeführte nur deßhalb herausgehoben
wurde, um nur im Allgemeinsten den Gang meiner Gemüthsent-
wicklung von einer HauptEpoche bis zu der andern festzuhalten[.]
So vergingen mir die in Berlin noch zu verlebenden Monate und Wochen
wie soll ich es besser bezeichnen als sehr lebensvoll, aber deßhalb aber auch
immer, mit einem vielleicht mehr noch als ich es selbst bemerkte, tief erregtem
Gemüthe.[Bogen] 21. /
[41R]
In dieser Zeit bat mich Middendorff der von ihm hochgeachteten halblandsmännisch
mit ihm verwandten Familie [?] vor meinem Weggange von Berlin das
mineralogische Museum zu zeigen. In Dir sahe er seine Halblandsmännin
und Du, jetzt mein treues Weib warst es die mit ihm kam. Ihr hattet meine
Steine lieb, Du vor allen zeigtest hohes Interesse an Iihrem stillen stummen
Leben welches ich Dir zu deuten mich bemühete. Wer meine Steine lieb
hatte war mir werth, wer Interesse an ihrem klaren sichern Leben mir zeigte
war mir hochachtbar und so erinnere ich mich daß es mir Freude machte,
als mir Middendorff sagte ich möchte in kurzer Zeit darauf das Zoologische
Museum mit Euch sehen.
Ich kam später als zum Beginn der Eröffnung, Ihr hattet schon den größten
Theil des Museums gesehen. In dem Zimmer der Muscheln und Corallen traf
ich Euch. Nach kurzem weiteren Umhergehen blieben wir an einem Ende des
Zimmers stehen, der Zusammenhang der Thierbildung welcher sich aus der Um-
wandlung des Knochengerüstes ausspricht, hielt uns fest. Von dem Gegen-
stand des Gespräches gefesselt stellten wir uns beyde an die beyden
Seiten eines der großen Fenster uns einander gegenüber; ich möchte jetzt
sagen bedeutungsvoll wie in einer Nische eingeschlossen; Du hörtest
aufmerksam auf die Andeutung meiner Naturansicht in dieser Beziehung,
mein Auge ruhete in dem Deinen; ich muß beym Beginne des Gespräches
wie überhaupt in dieser Zeit sehr Gemüths erregt gewesen seyn; denn
denn [2x] ich bemerkte die wie eine lichte Morgenröthe und klare Sonne herauf-
steigende Erscheinung wie mein Gemüth im Laufe des Gespräches und Ruhen
in Deinen Augen, nun mein geliebtes Weib! immer ruhiger und friedlicher
so ruhig und friedlich wurde, daß ich selbst über diese Erscheinung in mir,
weil sie mir so ganz fremd und noch nie empfunden war, erstaunte.
Und von dem Wahrnehmen dieser Erscheinung und Empfindung in mir, von
welcher ich mich jedoch ganz und gar nicht entsinne, daß sie, bis in <dem> /
[42]
<nach> wichtigsten meiner Lebensmomente wieder vor die Seele und in die
Erinnerung getreten wäre, war - wie soll ich sagen [-] war alles entschieden.
Nun hatte Berlin mir nichts mehr zu bieten. Mein ganzes LebensSchick-
sal lag dort, ohne daß meiner Seele die leiseste Ahnung davon gekommen wär,
in Berlins Mauern ruhend, und mein Sinn strebte mit Sehnsucht fort zu
dem Ziel das einzig meiner Seele meinem Gemüthe und Geiste vorlag:
Menschenerziehung.
Irre ich nicht ganz, so zog ich am 4en Octr 1816 aus Berlin aus.
Ich lebte nur ganz in der Ausführung meines Gedankens, ging ganz darinn
auf, nur wie ein pulsirender Herzpunkt in einem vom Leben erregten
Ey [sc.: Ei] fühlte ich mein Herz und mein Leben, daß mir mein äußerer Lebensplan
da ich des Lebens Verhältnisse nur rein menschlich schaute in seiner Anlegung
eben so ganz einfach wie in seiner Ausführung ganz leicht ich möchte sagen
so natürlich als nothwendig vorkam.
Was in mir lebte war dieß; Ich muß es wohl um ein festes Fundament
für diesen zweyten Theil meines Lebens zu letztverlebten Lebensabschnittes
zu gewinnen anzudeuten und hervorzuheben suchen:-
Was natürlich entstehen, gedeihen und bestehen soll muß sich an na-
türliche Verhältnisse und natürliches Leben anknüpfen oder vielmehr
davon ausgehen.
Was menschlich entstehen, gedeihen und bestehen soll muß sich an
menschliche Verhältnisse und menschliches Leben anknüpfen oder viel-
mehr davon ausgehen.
Die ersten und ursprünglichen aller menschlichen Verhältnisse sind die
Familienverhältnisse.
An die Familienverhältnisse muß darum die Erneuerung oder Veredlung
oder die Fortbildung des Menschheitslebens angeknüpft werden, oder viel-
mehr davon ausgehen.
Innerhalb des Kreises der Familienverhältnisse ist wieder kein Ver-
hältniß inniger und fester als das zwischen Mutter und Kind. /
[42R]
An das Verhältniß zwischen Mutter und Kind; an die Liebe der Mutter zu ihren
Kindern muß sich darum die Erziehung für Menschenfrieden pp. anknüpfen.
Die Mutter kann nun nicht nur für die Erfüllung ihrer Mutterliebe alles thun
sie freut sich so gar sie ist glücklich Gelegenheit zu bekommen zur Erfüllung ihrer
Mutterliebe, und ergreift diese Gelegenheit gern.
Sie ergreift diese Gelegenheit, sie muß ihrer Natur nach nothwendig, sie
kann gar nicht anders, diese Gelegenheit ergreifen als sie ihr zugleich Gele-
genheit giebt nicht nur ihrer Kinder, sondern sogar ihre eigene Subsistenz
d.h. ihr eigenes Bestehen zu sichern.
So dachte ich ohngefähr schon den Worten und Sätzen aber ganz bestimmt
der Sache und dem Inhalte nach in Beziehung auf die Schwägerin in Gr[iesheim]. und
so dachte ich mir gar nicht anders, konnte gar nicht anders denken und
erwarten als daß sie meinen ihr vorzulegenden Plan mit Freude und
in Frieden auf[-] und annehmen würde.
In Beziehung auf mich dachte ich so.
Wer etwas Tüchtiges leisten und bewirken will muß darinn leben
muß darinn aufgehen, muß sonst nichts als dieß wollen.
Wer also in der Erziehung und in dem Unterrichte der Kinder etwas
Tüchtiges und Ausgezeichnetes leisten und bewirken will, muß nur diesen
ausschließend lerben [sc.: leben]; darf nur dieser und sonst Nichts u. Niemand angehören.
So klar oder unklar ich mir also das Ganze des Erziehungs- und Lehrge-
schäftes dachte so war in dem mir vorliegenden Falle der Plan
so bald als einfach gemacht:
Ich erziehe und unterrichte die Kinder meines verstorbenen Bruders
seine hinterlassene Wittwe, als Mutter derselben, sorgt - in diesem
natürlichen Verhältnisse stehen bleibend und demselben gemäß
für die Besorgung der häuslichen Bedürfnisse.
Mein Bedürfniß an Kost überträgt sich in der Menge leicht, und wird
durch die tüchtige Erziehung der sämtlichen Kinder reichlich zurück bezahlt. /
[43]
Würde ich zu diesen ihren Kindern später noch andere hinzunehmen, so
würde für diese ihr ein angemessenes billiges Kostgeld bezahlt, wodurch
zugleich auch ihr Bestehen in der Zukunft gesichert werde.
Im Anfang sollte es jedoch ausschließend nur ein Erziehungskreis
für die Familie seyn, und durch dessen Leistungen bestimmt sollten sich
die Vergrößerung und Ausdehnung geschehen.
In welcher so wohl rein, als allgemein menschlichen Beziehung ich mir das
neu beginnende Werk dachte geht sehr bestimmt und einfach daraus her-
vor, wie Rousseau’s Wollen und einer seiner Aufenthaltsorte im Jura
bey ersten [sc.: erstem] Anblick unseres kleinen Thales zwischen Schaale und Eichfeld,
an jenem neblicht regnerischen October Morgen, mir in die der Erinnerung
vor die Seele trat und hieran in meiner Seele schnell und unbewußt
der Gedanke heraufrankte: ”Hier ein Erziehungsthal!”-
Ich erwähne dieß schon oft Erwähnte hier mit Vorbedacht, um so
so [2x] klar als bestimmt, und unzweydeutig zu zeigen, wie in höchster, reinster
Allgemeinheit ohne irgend eine leise Beziehung auf meine Person, dort
der Gedanke der Menschenerziehung in mir lag, ja, wohl in Beziehung auf
mich der ganz bestimmte Gedanke in meiner Seele lag: mich, mein
Leben, meine Person ganz meinem Zwecke hinzugeben; ich wollte mit kurzem
Worte nur das geistig Wirkende meines Werkes seyn.
So kam ich vor Griesheim an, wo von der Höhe herab freudig mein Blick
auf einem ebenmäßigen, schönen weißen, grünfenstrigen und roth bedachten
Hause in <-> Bäumen ruhete, es leicht mit frischen Knaben belebt sehend.
So kam ich nach Griesheim.
Statt Beystimmung fand ich hier Entgegnung; statt Einverständniß, Miß-
verständniß; das Resultat war: Machen Sie was Sie wollen, ich
thue was ich will. Thun sie ihre Pflicht ich die meine!-
Es ist mir für mich selbst und zum Verständniß meines ganzen nun fol-
genden Lebens auf das Höchste Bedürfniß zu zeigen; wie mein Er-
ziehungsplan zwar, als mir das erste und natürlichste erscheinend,
an die Kinder meiner Familie anknüpfend, doch in sich und in seiner
Ausführung völlig frey und selbstständig da stand, so bald diese Anknüpfung
[Bogen] 22. /
[43R]
zurück trat; daß überhaupt wenn ich es in seiner Klarheit und Wahrheit
schaue zwischen mir und meiner Familie eigentlich nie ein persönliches
Band, sondern von der frühesten und ersten Zeit der eigentlichen Verknüpfung
an diese nur einzig durch die Erziehung und durch die der Erziehung noch
bedürfenden Kinder bestanden hat, also recht eigentlich nie auf einem
einzelnen Gliede dieser Familien sondern nur in dem Erziehungsbedürf-
nisse und Interesse derselben daran bestanden hat.
Ich kann mich hier gar nicht losreis[s]en von dem Zustande des allgemein menschli-
chen und ganz unpersönlichen Wollens und Strebens meiner in dieser
Zeit, weil es wie es scheint ich hierinn noch nie erkannt und verstanden
worden bin, nichts in mir gehörte einem Einzelwesen an; ich selbst
nicht mehr mir sondern ganz nur meinem Berufe. Wenn ich mit
der Erfüllung dieses meines Berufes an meine Familie, an Glieder
meiner Familie anknüpfte, und selbst dabey wohl von Liebe zu von
Dankbarkeit gegen meine Familie rede, so ist und war hier Liebe
und Dankbarkeit nicht der Zweck, sondern die Mittel zur Erfüllung
meines mir über allen Vergleich höher stehenden Berufes und Stre-
[bens] was mich wie ich so oft aussprach so ganz erfüllte.
Darum hatte Rudolstadt ganz und gar kein Interesse für mich, weil
es kein Interesse für mein Streben hatte. Eben so wenig hatte Stadtilm
darum für mich ein Interesse. So gab es nur ein Griesheim und Gries-
heimer für mich als man meine ErziehungsIdee zwar nicht zu würdigen
verstand, aber ihr doch wenigstens erlaubte da einen Ankerpunkt
zu fassen. Döllstädt gewann nicht an Interesse für mich da man altklug
die Anwendung eines Erziehungsgedankens an die Seite schob, welche[n] man
doch so sehr bedurft hätte. Und Osterode würde ich ganz schmerzlos
und vielleicht für immer verlassen haben wäre mein Erziehungsvor-
schlag ohne Erfolg gewesen; wenigstens kam mir bey dem festen Ge-
danken der und dem bestimmten Plan der Abreise der Gedanke der Wiederkehr nicht
in meine Seele. Ich will daß die Beurtheilung meines Lebens und Handelns
meines innersten geheimsten Zustandes in dieser Zeit endlich ein festes
Fundament gewinne. Wie soll ich es nun noch anders und bestimmter aus- /
[44]
sprechen:- Jedes Persönliche und Einzellebige in mir war gänzlich zurück-
getreten nur einzig der Gedanke: durch Erziehung für Erscheinung
reinen Menschheitslebens zu wirken, lebte in mir, und ich gehörte diesem
Gedanken, d.h. nur mit diesem Gedanken, dieser Idee fühlte und wußte
ich mich Eins.
Meine Zeilen die ich sogleich an Middendorff von Osterode aus, als sich Ostero-
de für die, auf das reinste und kindlichste für reine und kindliche Auf-
nahme und hingebende P[f]lege des Gedankens entschieden hatte, schrieb
müssen dieß beweisen; immer habe ich gewünscht sie als absichtslos ge-
schriebenes Dokument einmal wieder zu sehen. Irre ich nicht sehr, so schrieb
ich in jenen immer mir wichtigen Zeilen, denn sie sind das absichtslose Doku-
ment, des ersten leisesten Keimens des gesammten späteren Wirkens,
- ”dem reinen Menschheitsleben will ich ein Asyl erbauen[”]; oder doch wenig-
stens Ähnliches, Gleichbedeutendes.
Daher mein gänzliches Befriedigtseyn in mir, nach freundlicher Aufnahme von Ferdinand Wilhelm und mir
in dem klaren Försterhause, auf wel-
chem schon früher mein Blick froher Ahnung voll, so gern geruhet hatte;
daher beym ersten Besuche im Pfarrhause mit meinen geliebten Vertrauten
auf die Frage: ”Woher denn?” die so entschieden freudige, gänzliches Be-
ruhigt- wie volles Zufriedenseyn ausdrückende Antwort: ”vom Hause!”
Der Winter von 1816 zu 1817 verfloß in dem schönsten, geordnetsten,
thätigsten Leben ich darf wohl sagen, nach Möglichkeit so wie ich es mir gedacht
hatte und Eingang dieses Abschnitts gezeichnet habe. Ich ging gänzlich, konnte
gänzlich in meinem Berufe aufgehen und meine Wünsche und Erwartungen
ging[en] nicht über unsern kleinen Kreis, nicht über das kleine reinliche
Haus hinaus.
Der Frühling 1817 erschien und mit ihm der erste meiner GeburtsTage
welchen [ich] in dem selbstgewählten, selbstgeschaffenen Lebensberufe fey-
erte; ich erwähne ihn blos weil er mir meinen schönen Orangenbaume
gebracht hat, von welchem Ihr mir schriebt daß er im nun verflossenen
Sommer zweymal blühete ja mich selbst durch Senden eines üppig
vielblüthigen Zweiges davon überzeugt habt.
Der zweyte Tag nachher brachte mir den Middendorff und Langethals
Bruder, den Christian. /
[44R]
Die zweyfache Gnadenzeit der Wittwe des H. Pfarrer North war nun bald zu
Ende, die beyden Pfarrwittwen mußten Johannis das Pfarrhaus räumen[.]
Nur ein dreyfaches war jetzt in Beziehung auf die Kinder meines verstorbenen Bru-
ders möglich: einmal, sie ganz zu mir nehmen; wie und wodurch sie dann
erhalten? - dann, mich ihrer Erziehung ganz entschlagen; aber wo war dann
die treue Festhaltung meiner des ersten Gedankens? - oder endlich drittens
ich mußte mit der Mutter derselben einen und eben denselben Wohnort
wählen damit ihre Kinder bleibend bey ihr die Kost haben konnten; ich wähl-
te das letztere natürlich unter der sich selbst verstehenden Bedingung daß
sie einen Wohnort wähle welcher meinem Zwecke entspräche.
Die Vorsehung führte uns in das Thal welches mein vorahnendes Gemüthe
8 Monate früher schon als Erziehungsort erkannt hatte.
Im July 1817 zog ich mit Middendorff und meinen 3 Knaben nach Keilhau[.]
Zuerst bis Hänolds Haus ausgebaut war in das sog[enannte]: untere Haus.
Wer alles von den Griesheimer Kindern mit da war, weiß ich nicht einmal
so viel weiß ich daß Dorchen mit in Keilhau war; ihre Mutter war
noch krank, in Griesheim zurück geblieben.
Jetzt kam uns der liebe Besuch der herzigen Schwägerin und Emiliens
aus Osterode.
Bis noch kurz vor Ankunft derselben hatte ich den Plan noch nicht
ganz in mir aufgegeben, daß die Griesheimer nun bald Keilhauer im Verein
das Häusliche, wenigstens die Küche für meinen Kreis besorgen könnten;
doch in den sich mir jetzt zeigenden Umständen sahe ich klar, wie rein un-
möglich dieß sey. Die immer hülfreiche Muhme in Königsee verschaffte
mir eine Köchin.
Ein oder zwey Tage nach Ankunft der lieben beyden Osteroder Gäste
war die Wohnung bey Hänold zum Bewohnen hergestellt und von ihnen
einweyhend bezogen. Von dieser Zeit an weiß ich nicht mehr wie
unvollkommen mein Hauswesen gewesen seyn mag; nur eines weiß  /
[45]
ich, daß die Zeit des glaub ich 14 tägigen Aufenthaltes des freundlichen Besuches
in Keilhau mit zu den schönsten meines Lebens gehört, keines weges daß
während dieser Zeit mir irgend eine Person oder ein Verhältniß <-> etwa
her- oder nahe getreten wäre; davon war keine Spur noch weniger ein
Gedanke, nein das Ganze des Lebens befriedigte mich und mein Gemüthe
so sehr, das ununterbrochene stille sinnige Arbeiten der Mutter für ihre Söhne,
der Tochter stilles kindliche Theilen dieser Arbeiten, und selbst wohl der Mutter
ernstes Wort wenn nicht alles streng ihrem Wunsche entsprach, der Söhne un-
scheinbare innige Liebe zu, innigste Anhänglichkeit an ihre Mutter, dieses
stille warme veilchenartige Familienglück und Familienfriede, dieses und
alles was es einschließt als ein ungetheiltes Ganze, nichts Einzelnes
heraushebend, das war es was mir diese Tage des werthen Besuches so
sehr lieb machten. Wie glücklich waren wir alle daß kein Sturmwind
von Griesheim her uns den Duft dieser Lilientage die wir verlebten ohne
daß wir es wußten verwehete. Wir verlebten diese Tage als Lilien-
tage ebenso unbewußt wie den Monat als Lilienmonat in welchem wir
sie verlebten, so rein war es nur das thatsächliche Leben und nichts als das-
selbe was diesen Tagen die Weyhe gab.
Du Emilie, jetzt liebendes Weib eines liebenden Mannes, jetzt geliebte
Gattin eines geliebten Gatten, jetzt beseeligendes Wesen eines beseeligenden
Wesens, Du selbst wirst in der Wahrheit Deines kindlichen Gemüthes es
wissen, wie so sehr wenig dort ohngeachtet der uns dort allen so sehr lieben
Feyer Deines Lebensfestes, eigentlich Deine Person hervortrat, noch von
irgend einem von uns uns hervorgehoben wurde, war uns allen und auch mir
die spätere Bedeutung die dieser Tag und Monat erhielt so unbekannt, daß
was doch gewiß auszuführen und zu erreichen gewesen wäre, keine
Blume, nicht die eigentliche Blume dieses Monats Dein Fest verschönte,
sondern nur das Feld, der Wald, die Flur, gleichsam das Allgemeine der
Natur in welcher wir dort noch lebten, nicht aber die eigentl. häusliche Blume
des häuslichen Gartens, welche sich zum häuslichen Garten verhält
wie das gleichfarbige wie gleich sanfte häusliche Thier zum häuslichen
Leben weil das häusliche Leben als ein eigenes Leben uns allen
in seinen Bedingungen noch fern stand.
Doch so sollte und konnte es nun nicht mehr lang bleiben. [Bogen] 23. /
[45R]
Mit der Mutter Ferdinand[s] und Wilhelms war auch uns andern die Mutter des häus-
lichen Lebens mit fort gezogen ob sie gleich nur die unbewußte stille
Pflegerin desselben war.
Wenn auch, abermals durch das freundschaftliche Eingehen der l[ieben]. Muhme
in Königsee, an die Stelle der Köchin eine achtsamere Wirtschafterin
trat, so konnte dieß dem innern Leben nichts reichen. Dieß innere und äußere
Leben erweiterte sich; der Bau eines eigenen Erziehungshauses war nicht
nur beschlossen sondern die Vorbereitung dazu schon begonnen, die Familie
war möchte ich sagen schon gebildet, da mußte alles auf den einen Punkt
hinweisen der Familie ein weibliches Familienhaupt, dem Hauswesen eine
Hausfrau, den Kindern eine Mutter und dem männlichen Leben die ihm zugehörige
zweyte weibliche Hälfte, dem strebenden denkenden Manne, das pflegende fühlende
Weib zu geben; doch keinesweges sahe ich diese Forderung hier, als mit mei-
nem erziehenden Streben als in eines zusammenfallend, es kam mir gar
noch nicht der Gedanke, daß ich selbst dem Kreise geben müsse was ihm mang-
le, im Gegentheil hielt ich persönliches Alleinstehen meiner noch immer als
eine Bedingung des höheren Erreichens meines Lebensberufes ganz fest.
In dieser Lage kam ich um mir und dem Ganzen zu genügen ich auf den
Gedanken den Bruder und die Schwägerin in Osterode zu bitten mir ihre kräf-
tige Albertine zur Stütze meines Hauswesens und zur Führung desselben
zu schicken, die [s]ich nach meiner Einsicht ganz dazu geeignet hätte. Ich hatte
dort einzig den Gedanken meinem Hauswesen zu geben was es bedürfe, mög-
liche persönliche Beziehung weder für die Gegenwart noch die Zukunft traten
hier gar nicht in meine Seele.- Die gute Schwägerin sahe anders, und
statt einer erwarteten Zusage, bekam ich eine unerwartet abschlägliche
Antwort.
Selbst dem Middendorffschen Leben, so gar nicht dachte ich an mich, brachte
ich in jener Zeit den Gedanken nahe dem Ganzen die Hausfrau zu geben,
wie ihm gewiß noch manches aus den Mittheilungen jener Zeit in dieser Beziehung
erinnerlich seyn wird, doch fand es sich dazu noch lange nicht entwickelt
genug.
Nun erkannte ich es endlich klar als unerläßliche Pflicht, selbst dem
von mir gebildeten Kreise, ich möchte sagen schon hervorgerufenen
bedürftigen Familie zu geben, was sie, was er gleichsam als Herz- und
Lebenspunkt, als Herze zu einem gesunden rein menschlichen Leben forderte. /
[46]
Was natürlich bey dieser ganz neuen, bisher ganz und gar nicht von mir
beachteten noch weniger erfr erwogenen Forderung meines gewählten
Lebensberufes entg vor allem zuerst mir entgegen trat, war die
Betrachtung und Prüfung meines Charakters, da fand ich denn gleich zuerst,
und das tiefe Gefühl davon mußte mich auch wohl bey meinem bisherigen
Gedanken mein Leben allein zu leben geleitet haben, daß des Lebens ernste
Führung mein Leben ernst, daß des Lebens strenge Schule mein Leben streng,
und des Lebens harte Schicksale mein Leben in mir in mehr als einer Beziehung
hart und noch mehr als dieß gemacht hatten. Hierüber war ich sehr
bald klar und es sollte mich wirklich wundern wenn ich in jener Zeit gar
nicht[s] darüber unter meinen Papieren niedergeschrieben haben sollte, freylich
ließ mir das Leben dort dazu wenig Zeit denn nach und mit der Erkennt-
niß mußte immer augenblicklich und rasch gehandelt werden. Aus mei-
ner Selbst- und Lebensprüfung ging mir also als erste oberste und un-
erläßliche Forderung hervor eine Lebenserfahrene Frau mir zu wäh-
len. Ein jugendliches, Lebens unerfahrenes Gemüthe und Wesen mit mei-
nem Leben zu verbinden hätte ich für ein Vergehen, ja ich spreche es für
mein innerstes Gefühl nicht zu stark aus, für ein Verbrechen gehal-
ten, ich achtete das jugendliche Leben und die hohe Bedeutung desselben, ich ach-
tete das weiblich jugendliche Leben viel zu hoch, als daß ich es hätte in
seiner Unerfahrenheit und Gutmüthigkeit an mein vom Leben so vielfach
zerdrücktes Leben binden, und so durch meine Schuld die schönsten laubig-
sten, grünendsten blühendsten und duftendsten Entwicklungen desselben
stöhren oder gar gänzlich hemmen sollen. So klar und so bestimmt als es hier
steht redete ich mit mir. Ich fühlte und erkannte mich auf eine Stufe des
menschlichen Lebens gerückt die nicht mehr fähig ist, die zarten duftigen
Forderungen eines jugendlichen weiblichen Gemüthes zu erfüllen, mit so
kurzem als klarem und wahrem Worte: - welches nicht mehr fähig ist
Gleiches gegen Gleiches zu geben, welches ich doch als die erste und Grund-
bedingung alles ehelichen Lebens erkannte.- Wer und wie man auch hier-
inn über mich vielleicht sogar durch Lebensäußerungen anders denken
mag, - die Sache selbst ist als innerste Thatsache meines Lebens wahr.
Schon dadurch schied sich bey meiner Wahl jeder Blick auf meine
nächsten Familienverhältnisse aus; welchen Blick schon eine andere zwar /
[46R]
ganz dunkle aber eben so tiefe als wahre Stimme meines Innersten nicht zuließ.
Und hätte ich nicht vor allen, denen [sc.: den] jugendlich weiblichen Wesen meiner nächsten
Verwandtenwelt die mir wirklich lieb und werth waren, das schönste Leben
bereiten, mich nicht wenigstens hüten sollen, ihnen ein Hemmniß zu seyn,
daß sich ihnen das aller schönste Lebensloos entwickeln könne und wirklich
entwickle. Und, habe ich mich darinne getäuscht?- Was konnte
nun einer jeden dieser theuren Wesen wirklich höheres gereicht werden, als
was ein jedes besitzt?- Und wenn nun auch, wäre es auch wirklich
ganz unbewußt der höchste Wunsch meines Herzens gewesen wäre,
sie nicht allein ganz glücklich zu sehen, sondern nach Möglichkeit selbst
ganz glücklich zu machen, wäre er mir nicht jetzt auf das schönste erfüllt,
könnte er mir schöner erfüllt werden. Darum bin ich jetzt noch über die
Entscheidung meines Herzens, meines Gemüthes und Geistes jetzt noch so ruhig,
friedlich und freudig klar, als ich es dort war, und bin gewiß daß ich es
ewig seyn werde.
Alle die achtbaren Wesen welche mir mein bisheriger Lebensweg bekannt
gemacht hatte und mit welchen ich wohl meinen ferneren Lebensweg, durch hö-
heren Beruf aufgefordert, gern fortgesetzt hätte mir so in der Erinnerung
vorüberführend, blieb mein LebensZeiger nur bey Einer stehen, es war
die, welche meinem Gemüthe, das was es immer gesucht hatte und suchte - einst
gegeben hatte: Frieden des Geistes und Herzens, Frieden im Innern; - deren
Leben mir das ferner versprach, denn eine gleich reiche tief eingreifende
Lebenserfahrung bot ihr das Mittel dar, mich in der Vielseitigkeit aber
eben darum unvollständigen Entwicklung und Ausbildung meines Geistes
und Gemüthes zu verstehen. Nur von Dir mein nun geliebtes, theures
treues Weib deren Blick mir einmal, meinem Gemüthe und Geiste einmal
des Lebens höchstes Gut, Seelenfrieden gegeben hatte, erwartete ich es für
immer. Meine Wahl war so entschieden; ich schrieb an Dich; Du antworte-
test mir würdigend, und im Gemüthe einend aufnehmend des Gemüthes höchstes
Vertrauen, als eine wenn auch schon selbstständige doch kindlich ergebene
kindlich treue Tochter!- So schien nun bald mein Leben auch äußerlich seine
eben so friedliche und klare als feste und bestimmte Gestalt gewinnen
zu wollen.
Langethal und irre ich nicht auch Christoph John hatten jetzt unsern Kreis /
[47]
vermehrt.- An dem Aufbau eines eigenen Hauses wurde mit großem
Eifer gearbeitet.
Seit einiger Zeit hatte ich angefangen die Entwicklungsstufen meines
strebenden Lebens größeren besonders dem Geiste nach gleichartigen
Erscheinungen des allgemeineren Menschenlebens in Verbindung zu setzen.
So gleichsam den Gedanken wieder aufnehmend der 1805, die Wart-
burg verlassend, in mir herauf dämmerte; so setzte ich auch mein
Wollen und Streben mit der Reformation in Verbindung; weil ich
nun der Überzeugung war und bin, daß das Neue immer nothwendig
[in] bestimmten Punkten mit eben solcher Nothwendigkeit aus dem
Alten hervorgehen muß, wenn das Neue als eine Fortentwicklung des
Alten bestehen soll, so war ich schon seit längerer Zeit auf den Aus-
druck der [drei]Hundertjährigen Jubelfeyer des Reformationsfestes
Ende 8br [Oktober] und Anfang 9br [November] 1817 wirklich gespannt, und da ich meinte
je größer und sonst bedeutender die Stadt sey welche dieses Fest feyere,
ein desto bestimmteres Gepräge des Zeitgeistes und seiner Forderungen
müsse daselbst die Feyer haben; so schien es mir wie von der Vorseh-
ung vorbereitet in Deinem Briefe die Veranlassung zu finden gerad
in diesen Tagen nach Berlin zu reisen um Dich selbst zu sehen, selbst zu
sprechen, alles kurz und bestimmt persönlich zu besorgen was zu erfüllen
und zu besorgen mir obläge. Denn wenn ich ein Verhältniß in sich
klar und vollendet sehe, dann war und ist es mir von jeher größtes
Lebensbedürfniß solches auch möglichst bald äußerlich vollbracht
zu sehen. Und so traf ich am Tage vor dem Reformationsjubel-
feste 1817 in Berlin ein.
Wen ich zuerst finden wollte und nicht fand, das warst Du; Du
warest in Frankfurt a/o.
Wer gar keinen Eindruck auf mich machte, und von wem ich gar
keine Spur eines geistigen Wirkens und Wehens wahrnahm,
dieß war die Feyer des ReformationsJubelfestes in Berlin.
Nichts belebendes von keiner Seite, nichts Erhebendes trat mir
[Bogen] 24. /
[47R]
dort entgegen wohl aber der Ausdruck daß selbst hier in einer großen gei-
stigen Welt das eigentlich Belebende, das eigentlich erhebende mangle.
Alles Dreyes zugleich obgleich das letzte am meisten, nemlich die Art
wie ich mein Gesuch an Dich gebracht, wie es zu Deinen verehrten Eltern
gekommen und endlich und zuletzt das Gesuch und der Suchende, konnten sie,
ich weiß nicht welchen hohen Grad der Vollkommenheit sie hätten haben müssen,
für die beyden letzten stimmen. Ich achtete Familienglück und Familienfrie-
den, ich achtete die von Deinem kindlich treuen Willen selbst, gesetzte Bedingung
als daß ich nach meiner Lebensansicht der ich nur die freye Lebensentwick-
lung wünsche und liebe anders als ruhig der ferneren Lebensentwicklung hätte
entgegen sehen sollen.
Ich will hier aus der tiefsten Verborgenheit meines Herzens etwas
hervorrufen, was noch nie gegen irgend eine von Euch Ihr Theuren,
überhaupt höchstens einmal gegen Middendorff erwähnt worden [ist]; blos um durch
den allerstärksten Beweis der Meinung zu entgegnen als würde
ich mich je der Unbesonnenheit preis gegeben haben, irgend einem Wesen
meiner nächsten Verwandtschaft mein Leben zu bieten; was ich hier her-
vorrufe ist, in jener Zeit der Unentschiedenheit meiner Lebensent-
wicklung der bestimmte Entschluß: würde ich mich in meinen, jenen
Schritten und Handlungen zum Grunde liegenden Lebensansichten geteuscht
haben und würden sie so ohne Fortentwicklung bleiben, so würde ich
Wilhelminen Hoffmann in Leipzig um Lebenseinigung mit mir
gebeten haben. Doch weiß ich wirklich nicht ob sie nicht dort schon selbst
verheyrathet oder wenigstens versprochen war.
Allein wie Geist und Gemüth es wahrgenommen; wie inneres und äuße-
res Auge es gesehen und Herz und Leben es vorempfunden hatte, weil
es das Beste, das Schönste, Wahreste und Rechte war, so geschahe
es gestern am 11en Septbr und schon vor 13 Jahren wurdest Du gelieb-
teste Wilhelmine, mein theures Weib für immer die Meine.
Es giebt Lilienleben und Rosenleben; es giebt das Leben der Levkoye
und giebt Leben des Laks; es giebt Leben der Myrthe und Leben
des Orangenbaumes; es giebt Leben gleich dem [der] Eiche und Buche deren
Blätter zerstochen werden oder Leben = des Apfel- und Birnbaumes deren /
[48]
Früchte zerstochen werden. Jedes dieser Leben ist an sich gleich vollkommen,
gleich vortrefflich wie das andere, aber jedes kann nur aus seinen ei-
genen Lebensgesetzen begriffen werden.
Will man also die verschiedenen Menschenleben d.i. das Leben der ver-
schiedenen Menschen oder sein eigenes verstehen so muß man wissen sich
klar machen ob man ein Blumen- oder ein Baumleben führt, ob das Leben
einer Eiche und Buche oder das eines Apfel- und Birnbaumes, oder das einer
Myrthe oder Orange, sonst wird man bald Früchte, bald Blumen, bald Düfte
bald bunte Farben bald vom Sturm nicht zu beugende Festigkeit verlangen; Forde-
rungen wovon eine die andere ausschließt.
Ich habe viel über die Bedingnisse der Ehefähigkeit (wenn ich das Wort ähn-
lich dem der Schulfähigkeit bilden darf) - nachgedacht und fast möchte ich
sagen eine Bedingung sey klar zu wissen von welcher Art das gegenseitige
Leben sey ob Blumen- oder Baumleben und daß man die Gesetze seines
Lebens aus einigen Lebensabschnitten klar erkannt habe, damit wenn sie
in ihren Folgen und Bedingungen, diese bleibenden Lebensgesetze auch in
den gesteigert neuen Lebensabschnitten wieder eintreten, sie dann
nicht unerwartet kommen. Je mehr ich diesen Gedanken festhalte
je mehr sehe ich wie er in seiner Entwicklung und Anwendung mit meinen
allgemeinen Erziehungs- und Lehrgrundsätzen zusammen fällt; ich
möchte, um mich an einem Beyspiel klar zu machen, sagen man muß
ehe man ehefähig ist wissen, ob man 1, 2, 3, pp oder 3, 6, 9 pp oder 5, 10, 15,
oder immer hübsch in geraden Zahlen 2, 4, 6 pp oder gar in der wunderlichen
und wunderbaren Reihe der Primzahlen 1, 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17 pp fortzählen
will; oder gesteigert 2, 4, 8 pp 3, 9, 27 pp 4, 16, 64.
Doch ich verweile hierbey zu lang; ich wollte blos sagen, daß ich jetzt wohl
schon hätte wissen und beachten sollen wie mein Leben und überhaupt alles
Leben ein im hohen Grade gesetzmäßiges ist; wie jede Entwicklung nach
einem lang verhaltenen, lang zurückgedrängten Lebens [sc.: Leben] immer etwas
Gewaltiges, Gewaltsames hat; dann vor allem hätte ich schon in meinem
Leben erkennen und aus demselben für die Einsichts ins, und die Anwendung
aufs fernere Leben festhalten sollen, was ich jetzt schon oben bey Erwähnung
meines letzten Berliner Lebens angedeutet habe - wie in meinem Leben /
[48R]
immer auf eine Zeit der Ruhe, der Erfüllung, der Befriedigung immer wie-
der eine Zeit der Erregung, gleichsam der Bestätigung und der Prüfung
kommt, wo das schon Errungene, schon Besitzende gleichsam wie in einen Schleyer
zurück tritt. In meinem Leben und in meiner Lebensansicht, ich möchte sagen
in meinem LebensBerufe und meiner Lebensbestimmung sehe ich jetzt, wie in
so gar vielen jetzt erst (aber doch endlich) die unerläßliche unbedingte Noth-
wendigkeit; in meinem Leben und meiner Lebensansicht: - weil ich selbst
nur einen Werth auf ein in sich klar bewußtes Leben lege und dieses auf der
letzten Stufe das eigentlich menschliche Leben nenne; in meinem Lebensbe-
rufe und Lebensbestimmung: - weil ich eben meinen Lebensberuf mei-
ne Lebensbestimmung darinne bestehend erkenne, daß ich die Lebensge-
setze in ihrer Nothwendigkeit auffinden und in Klarheit darlegen, daß ich
das menschliche Leben so zu einem ächt und rein menschlichen d.i. nach
Weg, Mittel und Zweck sich bewußten erheben soll.
Ja mein theures, treues Weib, meine geliebte Wilhelmine! die Lebens-
kunst ist eine so hohe, als schwere und doch auch den inneren Gesetzen und Be-
dingungen nach gewiß nicht weniger sichere Kunst als nur irgend eine
andere. Aber ich glaube auch das Menschengeschlecht besitzt sie noch nicht, so
wie ich glaube daß es im Bewußtseyn, noch nicht einmal den Ausgangs-
punkt, der untrüglichen Gesetze besitzt. Meine Bestimmung meinen
Beruf von dieser Seite her und in dieser Form ausgesprochen erkenne ich
nun diese sichere Lebenskunst dem Menschengeschlechte zu geben, ihren
sichern Ausgangspunkt schon gleich dadurch zu geben, daß ich sage meine
Bestimmung und mein Beruf ist die untrüglichen Gesetze der Lebenskunst
in den untrüglichen sichern Gesetzen der Naturentwicklungen zu finden und daraus
abzulesen. Was als ein stetig zusammenhängendes lebendiges Wissen
und im Gebrauch und der Anwendung sich entfaltende umfassende Wissen-
schaft noch nie von einem, wenigstens nicht als ein allgemein menschliches
und für ein allgemein menschliches Eigenthum, zu einem allgemeinen
menschlichen Eigenthume gelehrt wurde.
Würde ich nun so, nachsichtsvolles Weib! wie wie [ich] wohl gekonnt hätte
dort schon die Erscheinungen des Lebens verstanden; würde ich wie ich als /
[49]
Mann und als einsichtiger Mann, für welchen ich ja gelten wollte, gesollt
hätte sie Dir gedeutet haben, so würden sie für uns beyde nicht nur ihr Una[n]ge-
nehmes verlohren sondern sogar vieles gereicht haben mit einem Worte sie
würden nicht Lebensdiebe, sondern Lebensdeuter und so Lebensgeber gewor-
den seyn. Doch hatte ich freylich auf der andern Seite einen nur zu traurigen
Beweis wie wahr ich bey dem wichtigsten Grenzstein des Lebens mich selbst
erkannt indem ich wohl eingesehen hatte, wie des Lebens harte Kämpfe
nach mancher Seite hin [mich] selbst hart gemacht hatten.
Aus der reinsten, unpersönlichen Absicht nun, ich erinnere mich dessen
indem ich dieß niederschreibe recht klar, in der aufrichtigen Meinung nun
Dir die Geschäfte des häuslichen Lebens zu erleichtern hatte ich Albertinen
von Osterode zu uns erbeten.
Albertine erschien, irre ich nicht im Sommer 1819 bey uns. Daß während
des Briefwechsels mit dem Bruder wegen ihrer Überkunft zu uns, meine Er-
innerung oft des friedlichen Familienlebens in seinem Hause gedacht, es wohl
gar in einer gewissen Beziehung in sich selbst wieder gelebt hatte, ist wohl
eben so natürlich als daß dieß eigent in mir geschehen konnte, ohne daß
ich selbst etwas davon wußte, d.h. ohne das[s] jenes Erinnerungsleben in
mein Bewußtseyn aufgenommen wurde.
Da ich in mir die ganz feste Überzeugung trage, daß jede, selbst die persön-
lich unangenehmen Erscheinungen und Begegnisse in ihrem letzten Grunde
und letzter Quelle erkannt zu einem allgemein nicht allein beruhigenden
sondern sogar befriedigenden Ergebniß führen, so wünsche und erstrebe ich
in meinen Lebensdarstellungen die höchste, die tiefste, innerste mir selbst noch verborgen-
ste Wahrheit, und so ganz namentlich auch in der welche ich jetzt zu zeichnen
beginne.
Albertine kam, und in demselben Augenblick als ich sie unsere Treppe be-
treten sahe, trat auch wie aus einem Meere hervor die volle lebendige
Erinnerung des ganzen friedlichen und häuslichen Osteroder Lebens vor, oder
vielmehr in meine Seele, ergriff, wie ich es früher unbewußt und ohne
Ref[l]ection gelebt, so unbewußt und ohne Ref[l]ection jetzt mein Gemüthe.
Warum sollte nun meine Seele, mein Gemüthe nicht ein solches Leben
was es ja selbst so sehr ersehnte und erstrebte, aber noch zu unausgebildet
[Bogen] 25. /
[49R]
war um es in selbstthätigen Bewußtseyn aus sich und außer sich zu schaffen
nicht freundlichst ja vertrauend und als ein bekanntes, vertrautes empfangen
und willkommen heißen?- Ein zweytes war nicht minder natürlich, ich möch-
te sagen hier unvermeidlich nothwendig; es war das was im Leben so unend-
lich oft geschiehet den Theil das Glied an die Stelle des Ganzen zu stellen, in
dem Theile, in dem Gliede das Ganze zu sehen. So sahe und empfing ich
gleichsam hier in Albertinen ihre ganze Familie, wenigstens oder eigentlich
das Gesammtleben ihrer Familie, von welchem sie ja auch ein lebendiges
Glied war, in einer Person, in ihrer Person und so der Ausdruck
meines Empfanges, welcher mir dort so natürlich, ich möchte sagen so noth-
wendig erschien und war, als er mir hier klar ist und auch nothwendig erscheint.
Mein Leben hätte in seinem Innersten wirklich nicht so hoch und ganz allgemein
es hätte wirklich persönlicher und eigensüchtiger seyn müssen, wenn dort der
Ausdruck des Empfangs Deiner, Albertine! und meines Seyns gegen Dich
hätte ein anderes seyn sollen als es wirklich war. Sieht man doch in einer
Pflanze einer Blume, ja in einem kleinen Zweige und Blatte eines Gewächses
nicht nur eine Person sondern das Leben einer Person, ja empfängt man doch
meint man doch in einem Gewächse, ja nur in dem Zweige eines Gewächses, das
Leben nicht nur eines ganzen Kreises sondern sogar einer ganzen Gegend zu
empfangen und ruht das Auge vertrauend und vertraut auf ihm, ohne eigent-
lich auf ihm dem Zweige als Zweig, dem Blatte als Blatt, der Blume als Blu-
me zu ruhen; wie viel mehr noch bey einem Menschen der ein Glied eines
solchen Kreises ist, warum sollte man nicht auf und an ihn [sc.: ihm] vertrauend
und vertraut ruhen ohne doch darum doch auf und an seiner Person zu
ruhen. So empfing auch dort Albertine, was sie durch mein Leben und Seyn
in ihrer Ankunft und nach derselben von mir empfing oder was ganz
gleich ist, ich von ihr, nicht als Person sondern als Ausdruck und Stellver-
treterin eines Gesammtlebens, ihres elterlichen, häuslichen Familien-
lebens dessen lebendiges Lebensglied sie war, und ihr unbefangen kindlich
[Rand*-*] [*]vertrauendes Gemüth und Sinn, ertrug schonend was ganz den
Ausdruck des Persönlichen hatte und doch in sich ganz rein allgemein war [*].
Doch mein trautes, vertrauendes Weib, meine theuerste Wilhelmine
laß uns in der Betrachtung und Lebensansicht noch eine Stufe höher
treten da wird sich uns noch eine befriegende und beseeligende, menschen-
würdige Doppelaussicht zeigen, wenn auch darinn das Einzelne, Per-
sönliche schwinden sollte - doch menschenwürdig, seelengenügend.- /
[5]
Was ich sagen will ist wohl wichtig für das Leben, das Menschenleben
ist besonders wichtig für die Jugend für das Jünglings- und Jungfrauen-
alter des Menschen und mir war es oft ein sicher öffnender Schlüssel zu
den Gärten der Einsicht und Erkenntniß und zu den Wohnungen des Lebens
und Friedens.
Ich erwähnte in dieser Darstellung und so eben jetzt erst wieder das Oste-
roder Familienlebens [sc.: Familienleben] in einer gewissen Beziehung als eines mir vorbildlichen
Musterlebens, und doch muß uns ein so unbefangener und wahrer als prüfend
eingehender umfassender Blick manche unvollkommen ausgebildete Seit[e] dessel-
ben zeigen z.B. vielleicht die eines höheren klareren Bewußtseyns, was ich selbst
als erste Bedingung eines rein und ächt d.i. vollendet menschlichen Lebens so
hoch setze. Siehst Du hier bin ich nun im Leben auf folgendes aufmerksam
gemacht worden, frühe selbst aufmerksam geworden: wenn Menschen mir
etwas sagten, vielleicht auch thaten, was fördernd und erhebend in mein
Leben eingriff, ja gleichsam ein höheres Lebensziel einen solchen Lebenspreis
zeigte, so traten diese Menschen mir in einer gewissen Idealität entgegen,
und diese Idealität für mich, litt gar nicht durch das Unvollkommne für sie
was ich sonst wohl von ihnen sah und hörte, ja ich sah dieses gar nicht. Auf
Selbst bey und von Personen von welchen ich nur in jenen Beziehungen
etwas hörte ohne sie persönlich gesehen je gesehen zu haben war dieß der Fall.
Auffallend war dieß besonders in der Zeit meines gewählten Erzieher[-]
Berufes der Fall, wo ich meinen ErzieherIdealen die Namen bestimmter
Erzieher die noch lebten beylegte, und diese Namen aufgab und dafür
andere setzte je nachdem ich von anderen mir allgemeiner und höher
Genügendes hörte, so daß ich in jener Zeit wohl sagte ich will ein
A. ein B. ein X. werden, bis ich von anderen, die persönliche[n] Unvoll-
kommenheiten dieser A. B. und X. kennend auf das einseitige [sc.: Einseitige] dieses
Wollens oder vielmehr nur Ausdrucks aufmerksam gemacht wurde;
doch mein Ideal wuchs so empor kam mir mindestens so zum bestimmten
klaren Bewußtseyn bis ich 1815 und [18]16 in Berlin wieder bey dem ersten
Ideal meines Knaben[-] und Jugendleben, meines reinen ungetrübten
Kindesgemüthes wieder anlangte. So sage ich in Beziehung auf Fa-
milienleben jetzt, so ist das Ideal meines wirklichen thatsächlichen mensch-
lichen Familienleben jetzt: -eine bewußte heiligen [sc.: heilige] Familie. Also /
[50R]
unter der unvollkommenern persönlichen und Einzel{erscheinung/anschauung[}], schaut das
Gemüth oft das vollkommene unpersönliche Ideale an; dieß das eine
was ich zum klareren Verständniß nicht nur des Gesagten sondern des
Lebens überhaupt andeuten wollte. Das zweyte ist mir nicht minder
wichtig, und war und ist mir noch immer ein Leben zur eigenen Anwendung
fast das wichtigere. Fasse ich es, um es Euch, Ihr Werthen! hier klar und bestimmt
zu bezeichnen, scharf ins Auge so sehe ich: es ist eigentlich das Entgegenge-
setzte, es ist die Rückansicht desjenigen was ich Euch so eben schrieb: - der
Mensch besonders in seiner Jugend, das Kind, der Knabe, der Jüngling wird
nicht so wohl um deßwillen geachtet und geliebt was er eben jetzt schon
wirklich und im Leben ist, sondern hauptsächlich um dasjenige willen was
er im Fortgang seiner Entwicklung werden kann und werden wird, we-
nigstens werden soll; der Mensch wird um desto mehr geliebt als er allge-
mein Menschheitliches in sein Denken und Empfinden, sein Wollen und seine
That aufnimmt; diese Liebe tritt aber, gleichsam als Naturerscheinung,
in dem Maße als empfangen und gegeben werdend zurück, als das
allgemein Menschheitliche im Fortgang der Lebensentwicklung im Wollen
und besonders in der That zurück wirklich zurück tritt; oder die Mit-
lebenden, beachtenden Menschen dieß
(:was nur gar zu leicht und gar zu
oft der Fall ist:) es mindestens wähnen. Dadurch hat aber der einzelne
Mensch, und hierdurch spreche ich eines der allertiefsten, wirksamsten
und je reiner seine Anwendung ist - unfehlbaren Lebensgeheimnisse aus
- die Liebe der Menschen, wenigstens die Liebe der Menschen um deren
Liebe es ihm selbst zu thun ist, wie einen Talismann in seiner Hand.
Besonders Jünglinge die in die Welt treten wollen haben dieß hoch zu beachten:
(: der Jüngling wird nicht so wohl geliebt um das was er schon ist, sondern um
das was er werden kann und eben darum soll, um den höchsten Ausdruck
möglicher Darlebung reiner Menschheit.-:) Mögen es Ferdinand und Wilhelm
beachten. Mit dieser Einsicht die mir freylich erst nach sehr herben Erfahrungen
und spät kam, weil ich alles erst aus einer anhaltenden vergleichenden
Beobachtung der Lebensthatsachen für welche ich entweder das Gesetz oder dessen
Anwendung noch nicht kannte, - mit dieser Einsicht bekam ich den Schlüssel
einer höheren Lebensbeherrschung oder vielmehr, die Macht, Wirksamkeit
und Sicherheit meines Jünglingslebens kehrte mir nun auf der höhern
Stufe des Bewußtseyns in einer gewissen Beziehung zurück. Ja, was sich unter /
[51]
Euern Augen zuträgt, wovon Ihr Zeuge seit [sc.: seid] und was manchen von Euch - wie
mir die mit einem der schönsten Grüße von Keilhau mich begrüßende Ernestine
schreibt - wie ein Wunder erscheint (: wie denn von gar vielen Punkten aus
auf eine ähnliche Weise bezeichnet wird :) - ist zum großen Theil eine Wir-
kung der Anwendung jenes Satzes. Denn eines sehe Vieles könnte ich Euch hier-
über mittheilen doch wo sollte ich Zeit (: denn Leben und Geist bringen mir immer
neues Erz welches geschmolzen und geprägt werden soll :) und wo Papier her-
nehmen, denn schon ergreife ich ja den fünften und letzten Rest an; denn eines
sehet Ihr gewiß klar wie Liebe, Achtung und Vertrauen, Erwartung und
Hoffnungen, ja Seegnungen und Seegen während der ganzen Zeit meiner neu
betretenen Wirksamkeit mich wieder begleiten, da hat man aber nicht an-
ders Zeit an sich zu denken und in keiner andern Beziehung und zu keinen [sc.: keinem] andern
Zweck als wie man in sich und durch sich reines Menschenleben mit Sicherheit
gestalte.
Was von Personen und vom Menschenleben gilt, gilt auch von alle dem was
von Personen und vom Menschenleben ausgeht; und so gilt auch was ich so eben
von mir und meinem Jugendleben aussprach auch von Keilhau, welches die
Tochter meines innersten Lebens ist. Auch Keilhau hat in der ausgesprochenen
zweyten Wahrheit sein Entstehen, wie sein Bestehen, wie durch das nicht Sehen
nicht Anwenden derselben seine Schicksale, sein Kränkeln und fast seinen
Untergang seinen Tod gefunden hat. Hätte ich jenen lebenswichtigen Satz
in Berlin im Jahr 1816 schon erkannt, hätte ich ihn mit Klarheit, Ruhe
Sicherheit im Leben angewandt wie klar, friedlich und gesichert hätte
Keilhau da stehen sollen. Wenn nun Denn ewig bleibt mir die Wahrheit
nicht von Sachen, Dingen, Gegenständen, Personen, Verhältnissen als nun eben
solchen und diesen, sondern von dem klaren, lichten, Bewußtseyn des Geistes
der sie durchdringt, der sie in ihrer wahren Bedeutung erkennt und in der Bedeu-
tung die sie in sich selbst haben anwendet und gebraucht, davon hängt das
Leben und die Erreichung des Lebenszweckes und Lebenszieles ab. Ich weiß
wohl daß die welche auf der Sach- und Personen Seite, der Seite der physi-
schen Thatkraft stehen dieß nicht zugeben wollen, es wird ihnen aber nichts
helfen, denn der Geist ist es einzig und alle[i]n der Stoff Körper Gegenstand
schafft aus Stoff Körper, Gegenstand Sache, kann nun zwar wohl Geist
der Geist der sie schuf hervorgehen, hervorgerufen werden, von dem
Geist und durch den Geist; aber Stoff, Körper, Gegenstand können keinen Geist schaffen,
[Bogen] 26. /
[51R]
sie können nicht einmal Geist hervorgehen machen, wenn sie nicht Geist be-
rührt. Wohl weiß ich daß Geist, als Erscheinung und erscheinend einen
Träger einen Körper haben muß durch den er erscheint und wirkt, und
weiß auch daß der Geist um so sicherer, reiner bestimmter pp. wirkt je
reiner der Träger, der Stoff, der Körper, der Gegenstand, die Person, je
angemessener sie dem Geist ist der durch sie hindurch wirkt, je mehr der
Geist selbst sie durchdringt; Aber ist es nun einmal schlechterdings
ganz unmöglich daß eines das andere durchdringen könne, eines sich von
dem andern durchdringen lasse, so hat denn der Geist die Nothwendigkeit
auf sich einen neuen möglichst angemesseneren Körper rc. aus sich zu schaffen
oder, was ganz das Gleiche ist, nur der menschlichen Anschauung näher liegt,
den gleichen Geist aus anderen ihn umgebenden Stoffen, Körpern, Gegen-
ständen Sachen, Dingen, Personen hervorzurufen.
Wir haben hier zwey Dinge einander entgegengesetzt: Sache, Handlung, That pp. und
Geist, laßt uns nur gleich ein drittes auch noch aufnehmen und es in seiner Be-
deutung würdigen sonst kommt es uns irgend einmal zu einer ungelegeneren
Zeit ins Leben herein gesprungen, und will das Leben als sein Reich gar für
sich allein in Besitz nehmen. Wie nenne ich aber dieses Dritte den andern
beyden gegenüber, da es so voll Leben und Muth nach jeder Seite hinschaut mag
es immer Gemüth; da es fest hart wie Erz auf seinem Willen besteht mag
es immer Herz heißen. Also Herz oder Gemüth wollen jenen oben genannten
beyden sich schon in ihren Lebensansprüchen gegenüberstehenden nicht im minde-
sten nachstehen und so stehen sich also drey gegenüber wer wird das Feld
behalten?- Wer es behalten wird?- Natürlich keiner!-
 Wer es behalten wird?- Natürlich jeder!-
 Wer es behalten wird?- Natürlich Alle!-
Wer sind denn diese drey?- Es sind die drey Beine an dem Drehstuhle, sie
vergessen daß jeder purzeln würde wenn die Scheibe, das Rund des
Ganzen sie nicht hielt! - Wer
Wer sind denn diese drey?- Es sind die drey sich spreizenden Äste der
Geis wo jeder über den Haufen fallen würde wenn nicht der Eine Knorren
sie oben zusammen hielt!-
Wer sind denn diese drey?- Es sind Messer, Gabel und Löffel /
[52]
die in dem bekannten Dreyfuß (:[Zeichnung
  eines Dreifuß]:) zusammengestellt sind: einer hält die
beyden andern, die beyden andern halten immer den einen; und das Dreyeck
hält sie alle drey!-
Wer sind denn diese drey?- Es sind die heiligen drey Könige, die, nachdem
ihnen der Stern des Lichtes und Heils aufgegangen ist und sie nun so in
gemeinsamer Berathung darüber einander gegen über stehen, wo ein
jeder den Stern des Heils vor sich siehet (:[Zeichnung von drei *** auf die ein *
  zeigt]:) nie zum Ziele gekommen
wären wenn ein Jeder seiner Nase nach gegangen wäre, nun aber den
Weltheiland finden, da sie alle demüthig und einmüthig vielmehr dem
Stern von oben folgten der sie weckte rief leitete; Es sind die heiligen
drey Könige die nie den Weltheiland gefunden hätten selbst wenn sie
dem Sterne gefolgt wären, wenn sie noch, nachdem der Stern über
dem Häuslein oder Ställchen oder der Höhle oder sonst wo über stille stand
und ihnen den Ort zeigte da das Knäblein in Windeln und im Kripplein
lag und aus sich selbst herausleuchtete und lichtete (: Correggios Nacht: )
so daß also der Stern von oben auch unten auf Erden aufgegangen war,
wenn sie nun noch weiter gegangen wären.
Die drey genannten Dinge nun stehen nun einmal als drey eigensüchtige
Wesen einander gegen über jetzt im heftigen Kampf wirklich einander
gegen über; wir haben den Kampf nicht gebracht, wir ändern ihn nicht.
Aber Ihr seht dreyes kann in Festigkeit, in Einigkeit in Frieden, friedenbringend
friedenfindend geeint werden. Einigkeit und Frieden ja Gestaltung, also
auch Festigkeit zu geben ist Frauen Art, Frauen Sinn, Frauen Leben laßt
darum unser Gesammtleben die runde Scheibe seyn, die die drey Beine
des Drehstuhls eint auf welchem es sich so sicher als frey sitzt!- Laßt
unser Gesammtleben der einende Knorren seyn der den drey Ästen die in
sich ruhende Stellung giebt!- Laßt unser Gesammtleben gleich den Dreyen seyn
wo einer die zwey, zwey den einen, und drey (Treu) alle dreye hält!-
Laßt unser Gesammtleben den Stern des Heils, den heiligen drey Königen des Menschen Lebens
der mächtigen That - dem suchenden Herzen - dem strebenden Geiste - seyn,
so wird da wo Ihr nur immer seyd, sey es Haus, Stall, Höhle das aus
sich selbst leuchtende Licht von oben das Licht der Wahrheit aufgehen und auch andern leuchten. /
[52R]
Woher Krankheit kommt daher kommt auch Gesundheit; woher der Tod kommt
daher kommt auch das Leben!- Soll ich Euch dafür Andeutung geben da das
ganze Leben nur einzig dessen Beweis ist?- Durch Mißbrauch, nicht Verstehen
der Natur kommt Krankheit, durch rechten Gebrauch ächtes Verstehen kommt
Gesundheit; und fordert nicht das Christenthum Tod um Leben geben zu können?-
Also kam aus einer nicht erkannten, zu spät erkannten und darum spät
angewandten Erkenntniß, Einsicht und Wahrheit unserm Keilhau Krank-
heit, kam ihm fast Tod, so laßt aus der nun so schnell angewandten
als erkannten und eingesehenen Wahrheit unserm Keilhau auch wieder
Gesundheit und Leben kommen. Darum Ihr werthen, edlen Frauen! wenn
Euer Gemüth und Herz die Wahrheit des Gesagten empfindet, so machet
es damit Gesundheit und Leben Euern [sc.: Euerm] Euch so lieben Keilhau wieder
komme, zum Gemeingut Eurer Männer, Söhne, Freunde, daß es ihren
Geist, ihre Handlungen und Thaten durchdringe!--
Groß und lang, mein innerstes und eigendstes augenblickliches Leben
durch seine Wahrheit und schaffende Kraft selbst tief ergreifend, wie und
wo werde ich wieder den Faden der Geschichte finden?--
Wie und wo ich den Faden wieder finden werde?- Da, wo ich stand und wo ich stehe.
Ich sagte Dir nehmlich liebe Frau, ich sagte Euch allen Ihr Theuren und Werthen bey
Veranlassung der ersten Überkunft Albertinens, von Osterode zu uns nach
Keilhau daß zwey Sachen im Leben, im Ggegenseitigen Leben der Menschen gar
oft in einander überspielten, die selten, beyde gleichgenug würdigend, von den
Menschen geschieden würden, beyde oft gänzlich in einander übergingen, ja daß
oft eine die andere verschlänge und nur als allein daseyend erscheine, nehmlich:
daß oft das Allgemeine in das Besondere übergehe und umgekehrt, und
daß so oft eines an der Stelle des Anderen z.B. das Besondere, Einzelne
an der Stelle des Allgemeinen stehe und umgekehrt. Dieß ist nun wohl
ein hohes, tief begründetes Lebensgesetz und giebt dem Leben vielleicht
nur einzig seinen Reiz, wie seine Lust und vor allem seine Bedeutung, wie
es nicht verstanden aber auch dem Leben Lähmung, Schmerz und wohl gar
über Leere hinaus Überdruß giebt.
Fast alles dieß vieres schuf ich dort, bewirkte ich dort durch meine
Verwechselung, durch nicht ganz klares Rechenschaft-davon-geben-können  /
[53]
und durch Mißverständnisse nach mehreren Richtungen hin.
Möge es für immer unerörtert bleiben wer unter den dortmals Betheilig-
ten den tieferen Schmerz empfunden hat, so muß ich doch wenigstens das heraus-
heben wie Du dort, mir doch so werthe Albertine, durch mich den traurigen Be-
weis bekommen hast, wie ich in den entscheidensten Lebensmomente[n] im Ur-
theile über mich doch ganz Recht hatte, Recht gehabt gehatte, daß meine Hand
und mein Arm durch das stete Schwingen der kriegerischen Keule zu schwer und
ungeübt worden sey, um die zarten Knospenentwicklungen des jugendlich weiblichen
Gemüthes zu pflegen, und wie ich noch mehr Recht gehabt hatte eben darum
nie das ein erfahrungsloses, unbefangenes, jugendlich weibliches Wesen an mein Leben
zu knüpfen. Denn wo ich Dir liebe Albertine dort Zeichen des Nahestehens geben
wollte, fandest Du die des Fernestehens; wo ich Dir die der Theilnahme ge-
ben wollte, lasest Du die der Untheilnahme; wo ich Dir sehr werthe Alber-
tine Beweise der innigsten Pflege Deines innersten eigendsten Lebens ge-
ben und reichen wollte, sahest empfandest Du rauhe Achtungslosigkeit; wo
ich Dir in der reinsten, edelsten Absicht zur Erhebung, zum Finden und zur Klärung
Deiner selbst gern die schönsten Blumen und Früchte meines Lebens reichen
wollte, da konnten Dich solche Mittheilungen nur drücken Dich trüben. Doch
warum Dir werthe Albertine wehe zu thun durch wieder Vorführungen, der
Einwirkung meines Lebens dortmals in das Deine, warum mir, doch
wirklich und wahrhaft bey weitem mehr unverdienter- und doch wer weiß
es auch wohl verdienterweise durch diese Vorführungen wehe zu thun
denn das ist wahr: die Erhebung und Pflege Deines allerinnersten eigent-
sten Lebens, war mehr als die des meinen selbst, gleich dem meinen selbst
mir dort Lebensaufgabe.
Sehr früh, ich weiß zwar nicht ganz bestimmt wann, aber das weiß ich
zweifelslos gewiß, bey einer meiner früheren Anwesenheiten in Osterode
und lang vorher ehe Du nach Keilhau kamest und ehe also auch Middendorff
Dich gesehen hatte, trat es mir in Osterode, ich sehe mich noch in der untern
Stube daselbst an der Stelle <vorn> wo es geschahe, wie veranlaßt weiß
ich gar nicht, mit einemmal vor die Seele: Euer beyder Gemüther müßten
sich verstehen, Euer beyder Leben würden sich einen; oder vielleicht richtiger
[Bogen] 27. /
[53R]
Gemüther und Leben seyen schon durch sich einig.
Daß solche, ich möchte sagen anfangslose Einigung der Gemüther aber auch
gepflegt werde, das halte ich für eines der allerhöchsten, wenn nicht für
das allerhöchste Lebensgeschenk nicht etwa nur für die zwey, sondern für ein
ganzes künftiges LebenMenschengeschlecht, und nicht für diese allein sondern
auch für einen weiten Kreis der Mitmenschen.
Nun ist aber damit, daß ich eine solche Menschen- und Gemüther Einigung
eine anfangslose nenne nicht nach gesagt, daß eine solche Einigung sich
selbst leicht klar, leicht bewußt, sich selbst leicht erkennen und finden werde,
ja es ist vielleicht sogar mehr und inder der Fall, daß sich solche Gemüther erst
selbst nach einer längeren oder kürzeren gegenseitigen Lebensabwiegung als die wirklich
anfangslos Geeinten, ich sage nicht fühlen empfinden, sondern als solche wirk-
lich klar schauen und im geeinten, einigen Leben finden.
Darum kannst Du nun wohl einsehen, theure Albertine! warum die Pflege
Eurer anfangslosen Einigung wie ich sie nun einmal genannt habe, mir Lebens-
aufgabe war, Du wirst es wohl einsehen, wenn Du, was ich jetzt nun wohl
sagen darf, Dir [sc.: Dich] erinnern willst welchen Eindruck, ich will nicht sagen Middendorffs Name und
will nicht sagen Middendorffs Leben, ich sage nur Middendorffs Erwähnung
auf Dich machte, ehe Du Keilhau und ihn gesehen hattest; er war leis, vielleicht
nennst Du ihn lieber Aufblühen, statt Eindruck, ich habe nichts dagegen!-
Siehest Du mein theuerstes, einziges Weib! so war dort eine der Haupt-
richtungen meines Lebens und Gemüthes. Du siehst so persönlich es sich aus-
sprach so sehr gehörte es dem Allgemeinen, gehörte wenigstens nicht meiner
selbststischen [sc.: selbstischen], eigensüchtigen Person. Ich darf freudig und offen sagen: ich habe
nie einen Lebensbaum gepflegt um mir auch nur einen Zweig, noch weniger um
mir eine Blüthe und Frucht zu brechen, sondern nur um Laub, Blüthen und Früchte
der Menschheit zu zu wenden.
Das 1819e Jahr war so verflossen.
Das 1820 Jahr war nicht nur erschienen, sondern war schon bis zur Hälfte
verflossen. Bruder und Schwägerin mit all ihren Lieben und Theuren einigten
ihr Leben mit dem meinen mit dem unsrigen. Was soll ich sagen?-
Ich wünsche noch was ich dort wünschte, ich ersehne noch was ich dort ersehnte und /
[54]
ewig wünschen und ersehnen werde; - was ich jetzt aus der Ferne wünsche, ersehne
erstrebe, weßhalb ich, um es zu erreichen vielleicht einzig und allein nur in
[die] Ferne getrieben worden bin: - Einigung der Gemüther und des Lebens, inniges
und einiges sich unter und in sich verstehen in Gefühlen, Wort und That.
Ein Streben und Ein Geist; Ein Leben und Ein Leib 1820 und 1831.
1820, 1821 und 1822 waren sich wohl gleich im gleichen Streben nach Entwicklung im
Äußern wie im Innern; Im gleichen Suchen nach Erfassung des Lebens im Innern
wie im Äußern. Reger Umschwung des Lebens nach allen Seiten. Innere
und äußere Ausbildung der Anstalt. An diese sichtbare Ausbildung und Aus-
dehnung im Innern und Äußern knüpften sich nun wohl auch gar manche Ge-
danken und Pläne der eigentlichen Erweiterung eigentlich[en] Fortbildung und
eigentlichen Fortentwicklung des Ganzen, daß so immermehr Geist und
Idee, nicht etwa als blose Kunde und Kenntniß, sondern als im Leben und
durchs Leben Wirkendes, Klärendes und Schaffendes ein Eigenthum der
Menschen und der Menschheit werde ihnen Friede und Freude zu geben wie
Friede und Freude zu erhalten; innere Freyheit wie äußere Beherrschung
des Lebens. Wer kann aber Mensch und Menschheit in diesen Beziehungen
denken ohne zugleich den Gedanken Kind und Kindheit, so führt das All-
gemeinste immer zum Besonderssten [sc.: Besondersten] und Einzelnsten, das Äußerste auf
das Innerste, so mußte mein jetziges gegenwärtiges Wollen, je mehr es sich
ausdehnte und sich wohl eben dadurch Hemmnisse der klaren lebendigen Fortbil-
dung zeigten und mehrten, mich hin und zurück führen in mein früheres ver-
gangnes Wollen, vielleicht sogar in der dunkeln Ahnung dort Kraft, Einsicht
Mittel zu finden, diese Hemmnisse zu heben, wer mag das Vielstrahlig Gleich-
zeitige, und das gleichzeitig Vielstrahlige ab was so oft in dem menschlichen
Gemüthe geschiehet immer klar auseinander zu legen!- Und so also auch
zu der früheren Hoffnung und besonders Freude, die sich mir an Menschheit
und Kind knüpfte.
Wann die für mich wirklich ganz neue, in mir noch nie dagewesene
Entwicklung der Trennung eines innersten und eines Äußeren Lebens in mir
der Entgegensetzung, d.h. der Verschiedenheit beyder in mir zum Heil für
mich, als mein eigenes Leben und die mit demselben Geeinten wie für mein  /
[54R]
Leben und meinem eigentsten Lebenszweck, wichtig für die mit mir gegenwär-
tig zugleich lebenden Menschen wie für nur in der Entwicklung und als
Werden erscheinende Menschheit - begann, das weiß ich nicht, wie
man von dem wahren Beginne jedes ächt und wahr Begonnenen überhaupt
im Leben so selten etwas Bestimmtes auf Zeit weiß (vielleicht nie) nur das
Wie, wie es begonnen und das Wodurch es begonnen ist mir noch lebendig
gegenwärtig ist mir noch leuchtend klar.
Und wie fällt es mir jetzt, jetzt das Leben in seinem großen innig ei-
nigen lebendigen Lebenszusammenhang sehend, wie Schuppen und Schleyer
vom Auge und Fragen die ich mir hunderte von Malen als mir die aller[-]
und höchst wichtigsten Lebensfragen vorlegte und [die] mir immer versiegelt, immer
ungelöst blieben jetzt liegt gelöset die Frage und geöffnet die Antwort
vor mir.
Die große und so allgemein als besonders ganz einzig mir bey meinem Leben
und Streben so hochwichtige Lebensthatsache, nicht nur der Verschiedenheit Ge-
trenntheit und Entgegensetzung des Innersten und Äußern sollte ich erfahren
sondern was ich selbst so Hunderte, ja Tausende von Malen schon selbst aus-
gesprochen hatte, daß das Innerste das Äußere schaffe und bedinge,
daß [sc.: das] sollte ich als eigene Lebensthatsache nicht nur erleben, sondern selbst
leben, nicht nur mitleben, nein, eigens selbstständig und selbstthätig
thatsächlich machen d.h. als eine Thatsache zeigen, zunächst mir einzig
selbst zeigen; ich sollte unterscheiden das Werk, von dem Wirkenden
durch welches [sc.: welchen es] entsteht; ich in mir und für mich sollte unterscheiden den
Werkmeister von dem Werke; den Grundriß, den Plan von der
Ausführung nicht beyde in mir vermengen und vermischen: ich sollte
mich selbst haben, ehe ich anderes haben wollte; - ich sollte mich selbst
besitzen, ehe ich anderes Besitzen wollte; - ich sollte selbst Eins und
Einig seyn, ehe ich Anderes und Andere in ihrem Eins[-] u Einigseyn zeigen, Ande-
re in sich Eins und Einig seyn und machen könnte; - ich sollte selbst
Person seyn ehe ich Andere dahin erheben wollte ihre Person zu finden
und als Person zu erscheinen; - ich sollte vorher selbst mich und  /
[55]
mein Innerstes finden ehe ich Andere sich selbst und ihr Innerstes finden machen
wollte, alles schon an sich Colosse von Aufgaben und nun diese Aufgaben
an mich in meinem mindestens Planetarischen Leben: mich bewegend,
rastlos rollend um mich wie um eine höhere Sonne und rastlos von Kräften
Doppelkräfte der Anziehung und Abstoßung fo[r]dernden Monden umkreiset;
über alles dieß noch selbst in einem Zustand gleich dem einer früheren
Planeten[-] und Erdepoche, wo das Aufgebaute in sich selbst zerfällt, wo
Berge gebildet um über alle Nebel der Erde zu schauen und zu erheben selbst
in die nächtlichen Abgründe der Erde sinken. Wer konnte da helfen
und mir mir [2x] nicht die rettende Hand, nein das rettende Leben bieten?-
Wer und was anders als was es immer thut ein Kind, ein Kindesgemüth,
ein gläubig, vertrauend Kindesgemüth; ein so vielseitig gläubig und
vertrauendes Kindesgemüth, als es vielseitig gläubig und vertrauend
in Anspruch genommen wird; ein gläubiges, vertrauendes Kindesgemüth
welches in dem Selbsthaben und Selbstbesitzen des eigenen Lebens, nie im und
am Leben irre wird. Darum bleibenden Himmelsseegen diesem Kinde, diesem Kindesgemüthe.
Unbedeutend und anfangslos, d.h. dem beachtenden Auge ganz gewöhn-
lich vielleicht selbst kindisch beginnt das Große und aus Weisheit, damit
es in seinem Keimen und Wurzeln unbeachtet, erstarken könne.
Wer von Euch Ihr lieben, Theuern erinnert sich wohl nicht, daß in und zu der Zeit
von welcher ich im Vorstehenden von mir sagte, wie, um mich selbst finden zu machen
und auf und in mein Innerstes zurück zuführen, in mir die frühere Freude an
Menschheit und Kind hervorlebte, dort sehr oft scherzend wohl von der Mutter
zu Emilien gesagt wurde, sie seye noch immer ein Kind, und werde noch
lang ein Kind bleiben; und wie dann Emilie wohl eben so zufrieden als
freudig antwortete: bliebe ich nur immer ein Kind, oder möchte ich nur
immer ein Kind bleiben. Jene Worte der Mutter und diese Worte
Emiliens, sind eigentlich so weit es mir nur immer möglich wird mich zu
erinnern das allererste was mir Emilien als ein selbstständiges Glied,
als Person unseres Kreises zeigte; und die ersten Worte welche ich mich
in dieser Beziehung zu Emilien gesagt zu haben erinnere, waren: - freue
Dich über das was Deine Mutter gesagt hat; - Deine Mutter kann Dir nichts
[Bogen] 28. /
[55R]
besseres, lieberes und schöneres sagen als wenn sie so zu Dir sagt; - und, Emilie
bleibe mir immer ein Kind! Worauf sie dann eben so einfach als wahr ant-
wortete: ich will es auch nur seyn, nur bleiben.
So war es die reinste interesseloseste Freude die mich über Emiliens Le-
ben die mich an ihr Leben und nur an ihr Leben knüpfte. Ich erinnere mich
noch sehr bestimmter einzelner Erscheinungen, wo ich mich innig über ihre kindlich
reine Freude, erfreuete. Doch das Unbewußte genügt den Menschen nur in
gewissen Grenzen, darum erinnere ich mich nun aber auch bald, und in eben so be-
stimmten einzelnen Fällen, daß sie wissen mögte ihre Freude mache auch
mir Freude, ja ich ging nun wohl noch bald weiter indem ich wünschte
daß dieß Bewußtseyn mir durch ihre Freude, Freude zu geben, selbst
wieder für sie eine neue Freudenquelle werden möchte. Ja der höchste
und schönste Wunsch, das Höchste und Schönste des ganzen Verhältnisses löset
sich darinn auf: das Wissen ihre Freude bringe mir Freude, möge Ihr [sc.: ihr] Freude geben.
Sie war ein freudiges Kind, ein freudiges Gemüth; ich sah und fand in ihr
ein freudiges Kind ein freudiges Gemüth, so theilte ich ihr freudig und gern
aus meinem Kindes[-] und Jugendleben was in meinem Gemüthe lebte, auch wohl
von dem ewigen Jugendleben des Gemüthes, von dem ewigen Kindheitsleben
des Gemüthes welches den Menschen durch alle Lebensalter nicht ver-
läßt, und so mag ich wohl Emilien manches schon was diese Blätter von
meinem ganz eigendsten Empfindungsleben [berichten] mitgetheilt haben.
Was nun auch in Emilie in dieser Zeit mir zu lieb - so möchte ich noch immer
gern sagen - ertragen, und die hohe Kunst der Selbstüberwindungs-
kunst geübt haben mag, wenn ich bey diesen Mittheilungen vielleicht in
Beziehung auf das Verständniß vielleicht weniger an sie als an
mich gedacht und meinem Gemüth und Geist ungehemmt in seinen
Empfindungen und Gedanken freye[n] Lauf, freye Entfaltung, freye Ge-
staltung, Schaffen einer neuen Welt und Steigen in Regionen einer
unsichtbaren Welt ungehemmt gelassen habe; - genug ich erkannte
und fand mich selbst, erkannte und fand mich und mein Leben selbst
in dem klaren Spiegel ihres ruhigen kindlichen Gemüthes; ich habe
ihr dieß unendlich oft ausgesprochen ich habe ihr dieß unsäglich oft als
den mir ganz einzig und allein bekannten, einsichtigen Grund ausgespro- /
[56]
chen warum mein Leben so zu dem ihren hingezogen werde sich hingezogen
fühle, doch nicht nur mich selbst finden, nicht nur mich selbst erkennen und
mich in meiner ganz eigenthümlichen Gestalt anschauen lernte ich in dieser
so unbefangenen Hingabe als Hinnahme meiner selbst; nein noch etwas
bey weiten für mich über allen Vergleich höheres und wichtigeres wurde mir
ja das Höchste und Wichtigste was ich jetzt bedurfte.- Jeder Mensch soll
sich selbst achten; Selbstachtung ist die erste Erscheinung eines moralischen Wesens
Selbstachtung die erste Bedingung eines moralischen Wirkens.
Selbstachtung ist darum auch die allererste und hervortretendste Eigenschaft
jedes ächten kräftigen Jünglings; jedes Jünglings welcher einst im Leben mo-
ralisch fest stehen und moralisch gut handeln wird.
Selbstachtung quillt unbewußt aus dem menschlichen Gemüthe hervor
eben weil es ein menschliches, d.h. ein moralisches Gemüthe d.i. göttlichen
Wesens ist; und diese ursprüngliche anfangslose Got[t]Selbstachtung begleitet
den Menschen bis dahin wo die klar erwachte, vielmehr klar bewußte
Selbstachtung eintritt. Zwischen der in Hinsicht auf Grund pp. unbewußten und eben darum weil sie
sich des Grundes ihrer Selbstachtung bewußt werden
soll und der bewußten (in Hinsicht auf Grund und Ursache bewußten) SelbstAchtung
tritt die Zeit der (in Hinsicht auf Grund u Ursache) bezweifelten SelbstAchtung
ein. Es mag nun vielleicht seyn daß unter und für gewisse Lebensbe-
rufe die Zweifel an der Bewährtheit und Begründetheit der Selbstach-
tung in dem Maße steigen, als die unbewußte Selbstachtung sich selbst
unanfänglich und selbstkräftig erscheint, aber immer doch kann ein Punkt
eintreten wo die Bezweifelung zu stark wird, dann steigt das Gemüth
das Leben in sich, sucht in Selbsterfassung die Gründe der Selbstachtung oder
AndererNichtachtung, sucht Mittel jene zu bewähren zu rechtfertigen, oder
diese zu ertragen aus zu beseitigen.
Emilie nahm nun, obgleich kaum durchs Wort etwas erwidernd, sondern
nur die Gesammtheit - ihrer Stimmung möchte ich sagen - vielleicht besser
ihres Lebensausdruckes, Mitthtilungen und Leben achtend auf, so kam
mir selbst was ich oben schon als das mir höchste und bedürfendste
bezeichnete: - allmählich steigend bewußte Selbstachtung.- /
[56R]
Daß nun so aus meiner immer mehr erringenden und errungenen Bewuß-
ten Selbstachtung immehr [sc.: immer] mehr die gegründete bewußte Achtung Emiliens her-
vorging ist wohl so natürlich als einfach.
Emilie ist in dem Monat der Lilie, im Anfang desselben geboren. Was
können wir oft unsern Lieben zu ihren Lebensfesten anderes geben als Blumen
und wenn wir ihnen auch noch so viel geben könnten und wirklich gäben, so
würden Blumen doch immer das schönste seyn, das uns selbst liebste und
höchste was wir unsern Lieben gäben, und welche Blumen könnten wir
ihnen geben als die schönste und bedeutungsvollste in der Zeit des Lebensfestes;
so verband sich so einfach als natürlich mit Emiliens Lebensfeste die Lilie.
Doch ist dieß wie ich meine sehr bestimmt zu wissen keinesweges gleich in den er-
sten sondern erst in späteren Jahren geschehen.
Ein Doppelschritt lag sehr nahe. Im July war es gewesen, wo ich ohne
daß ich es mich erinnere gewußt zu haben daß dieß der Blühemonat
der Lilie sey, die Lilie gesucht [habe]; In der Lilie hatte ich später das Sinnbild
des höchsten gesehen was ich ersehnte und erstrebte[:] Kindheit, bewußte erkannte;
Menschheit bewußte, durch Emiliens vertrauenden Kinderglauben
war mir die Kindheit und Menschheit zur Anschauung zum Bewußtseyn
gekommen, durch sie hatte ich beydes in mir mit Bewußtseyn wieder ge-
funden; so verwebte sich Sinnbild und Gestalt. Wie wir ja in die-
ser Darstellung wissen Kleinigkeiten thun oft viel; vielleicht wirkte
auch ein Wort- oder vielmehr Buchstabenspiel zwischen Name und Blume
Sinnbild und Gestalt verschlungen und - wer sieht nicht gern das Höchste
in Gestalt und ich habe in dieser Darstellung mehrmal gezeigt, mich zu
zeigen nicht gescheuet wie ich Unpersönliches als Person und Gestalt zu schauen
mir zur Eigenheit meines Lebens gehört, und Gestaltet doch der Mensch
immer das Höchste sogar, warum sollte nun der Mensch nicht auch ge-
stalten und gestaltet sehen was ihm ja so nahe liegt, was er selbst
als und in Gestalt an sich trägt - die Menschheit; Hatte die Mutter
nicht gleichsam das (bewußte menschliche) Kind in ihr gestaltet+
[Rand+-*] + indem sie Emilien längst der Kindheit, den Kinderjahren entwachsen immer noch als Kind bezeichnete.[*];
Sollte nun nicht auch mein Gemüthe das Höchste was es gern außer sich /
[57]
gestaltet hatte schon außer sich gestaltet sehen?- Laßt vor Euch, wie
ich vor mir, nun die Person sinken und schwinden; schaut die klare
Gestalt des Gemüthes; des Lebens und des Strebens Preis; leset Emiliens
Wiegelied und - laßt mich nun von dieser Seite hierüber schweigen.
Das Leben liegt offen, es war mir nie ein Geheimniß, weil es rein ist.
Es gehörte der Menschheit, drum brauchte es die Menschen nicht zu scheuen.
Laßt mich nun herabsteigen, in das wirkliche Leben in des Lebens
wirkliche Erscheinung, daß auch das wirkliche Leben wie seine Wahrheit
so seine Klarheit erhalte.
Früh, sehr früh und lange ehe es Emilie und ihr Barop selbst es ahneten
las ich der Herzen und des Lebens, der Gemüther Einigung. Von nun
an betrachtete ich in mir Emilien nur diesem anfangslosen gefundenen
Lebensganzen angehörend. Ich nenne dieses Lebensganze wieder (äußer-
lich) anfangslos, weil ich zwischen beyden Familiencharakteren, warum
sollte ich es nun nicht schriftlich aussprechen da ich es wohl gar mannichmal
schon im Namen- und Buchstabenspiel, spielend gethan habe - eine einigende,
entgegengesetzt gleiche Verwandtschaft finde und frühe fand. Darum von
meiner Seite die sorgliche Pflege des Lebens; denn deßhalb weil etwas
gleichsam von und durch die Natur (als anfangslos nämlich) da ist, darf
man es deßhalb nicht den Einwirkungen der bewußt- und empfindungs-
losen Natur Preis geben.
Was in mir lebte trat nun wohl einmal stärker hervor als es
sollte denn Du Albertine erinnerst Dich vielleicht wie einmal
an einem Nachmittage, zwischen Nachmittag und Abend Du mit Emilien
und ich neben ihr in dem Saale saßen, Barop von außen kommend
zu uns trat und sich, ich weiß nicht mehr womit, an Emilien wen-
dend, ich aufstand und den Barop gleichsam zum Sitzen einlud, und
wie Du Albertine mich dann ansehend, lächeltest. Dort wußte
ich hatte ich mehr gesagt als ich durfte und ich wurde nun achtsamer.
[Bogen] 29. [Randnotiz, zu 58]  /
[57R]
Nach Emiliens Geburtstag 1827 wußte ich das [sc.: daß] beyde ihres Lebens, ihrer
Gemüther Einigung erkannt hatten; dort trat mir unmittelbar auch
im Worte klar meines Gemüthes, meiner Seele innerste Ansicht Emi-
liens entgegen; und wie sie entstanden sprach ich sie beyden [aus] und irre
ich nicht war auch Middendorff dabey, in der Nähe der Bank, des Sitzes
welchen Barop eben zu diesem Feste Emilien nächst seiner Buche
gemacht hatte. Später gab ich diese Worte, weil ich sie nun einmal
gesprochen hatte Emilien schriftlich.- Und jetzt, Emilie! wie Du offen
und unbefangen Deiner Base, meinem geliebten einzigen Weibe,
meinen Brief vom 11en July an Dich mittheiltest, so theile ihr nun
auch diese vier Jahr früher, im July 1827 Dir geschriebenen Zeilen mit.
Daß einige Zeilen des dort Ausgesprochenen sich auf die Feyer Deines aller-
ersten Geburtstages, als Gast und Besuch in Keilhau beziehen bedarf
wohl kaum der Andeutung. Doch diese Zeilen zeigen auf das Klarste
und Wahrste wie ich Deine Erscheinung in meinem Leben ansahe.
Nicht minder klar und wahr, rein und lebendig spricht sich mein aller-
innerstes Stehen zu Dir und zu Deinem Leben aus in den Worten
die ich zu dem Lilienkranz am Neujahr vorher, am Neujahr desselben Jahres
hinzufügte, die ich ihn zu Dir sprechen ließ. Wie unbefangen und offen
Du den Brief mittheiltest, so unbefangen und offen theile auch dieß
theile das Kleinste aus meinem Leben Ihr [sc.: ihr] mit es wird alles nur
Eines und das Eine zeigen:- Leben meiner im Unendlichen und Unpersön-
lichen; Sehnsucht nach Gestaltung und Darlebung des Unendlichen, und Sehn-
sucht das Unendliche im Leben und der Gestalt zu schauen. Nie warf
der Gedanke Schatten in mein reines inneres Leben; Leben zu fesseln
Gestalt zu besitzen, denn nie kam jener Gedanke in meine Seele; noch
kam je das erstarrende Frostgefühl in mein Herz Leben und Gestalt als
nicht mir gehörig zu vermissen. Darum kostete es mir [sc.: mich] gar keinen
Schmerz und nicht ein leises Überwinden Leben und Gestalt willig
hinzugegen und ich gab mit himmelsklaren [sc.: himmelsklarem] und freudigen [sc.: freudigem] Engelsgemüthe
beydes hin, als der Mund bald nach dem oben genannten Tage sich gegen-/
[Randnotiz, zu 58] sichern Vertrauen und Glauben an mein innerstes eigendstes Leben, die Achtung meines eigendsten] /
[58]
seitig durchs Wort aussprach was die Gemüther längst wußten: daß
das Leben wie die Personen beyder ein innig und ewig Einiges sey.-
Von diesem Augenblick nun wo ich nicht mehr glaubte durch mein Leben
Emiliens Leben, durch mein Gemüthe Emiliens Gemüthe etwas seyn
zu können, wiederholte sich mit dem ernstesten Willen der wohl schon
früher auszuführen begonnene Entschluß: mein Leben und mein Gemüthe
von ihrem Leben und Gemüthe zu trennen, Neujahrs- und Lebensfeste konn-
ten ihr erscheinen ohne daß die kleinste Äußerung von mir, ihr meinen
Antheil daran ausgesprochen hätten. Doch des Lebens und des Gemüthes
Trennung ertrug dort noch mein Leben und mein Gemüth nicht.- Wa-
rum? o, jetzt ist es mir wohl klar! ich glaube, ja ich meine nicht so ganz
um meinetwillen, ich meine auch nicht so allein um der sich in Einigung
Gefundenen und um der Prüfungen und Hemmnisse willen durch welche die
von ihnen Eerkannte Einigung hindurch gehen mußte ehe sie als eine bürgerlich
ja als menschlich anerkannte da stehen konnte - ich kann nie mein
Leben und Wirken so gefesselt und eingeengt ansehen, dieß würde mein
Leben und mein Wirken augenblicklich tödten, wie es wirklich mein
Leben und Wirken augenblicklich erstarren macht, da wo eine solche
Ansicht meines Lebens und Wirkens auch nur augenblicklich eintritt;
nein! ich meine kühn und fest, und bin nicht so klein, denke wenigstens
nicht so klein von mir es anders zu meinen: - ich meine um aller
und jedes einzelnen im Kreise willen konnte ich jene Trennung des Lebens,
meines Lebens vom Leben, jene Trennung des Gemüthes, meines Gemüthes
vom Gemüthe, d.i. von ihrem Leben und Gemüthe nicht ertragen: - ich
meine und glaube sehr ernst und bestimmt und ohne Einschränkung, jeder
im Kreise und zum Kreise gehörig ärndtet [sc.: erntet] von dem Preis meines Kampfes
genießt von den Früchten meines Schmerzens, meiner Schmerzen,
daß Gemüth[s-] und Lebenstrennung mir nicht gelang.+ [Einfügung + - * Rand Seite 58, 57R und 57]
[58] +Aber in ganz gleichem Maße auch die Früchte und den Preis von Emiliens wandellosen immer gleich ruhigen [57R] sichern Vertrauen und Glauben an mein innerstes eigendstes Leben, die Achtung meines eigendsten [57] Lebens; darauf nur bezogen sich auf die Bewahrheitung desselben bezogen sich alle meine Fragen; hätte Emilie diese einmal verneint, wären einmal Zweifel an mich in Emiliens Seele gekommen, ich sähe jetzt das Ende des Lebenskampfes nicht. [*]. Wir wollen um die
Wahrheit des Gesagten an den Tage zu legen nicht das Leben wie die
Anatomen zergliedern, wer daran zweifelt den will ich seinen
Zweifel gern lassen ich aber will mich mit denen die meine Lebens[-]
Ansicht theilen und so vor allem mit Dir mein geliebtes Weib, die
Du Dich ja wohl so sinn- als bedeutungsvoll des zweyfach blühenden Orangen- /
[58R]
baumes freutest, des neuen frischen, wenn auch wirklich so gar winterlichen
in sich erstarken[den], in sich bekräftigen[den], aber vielleicht auch da und dort schon
frischen Saft in Stamm und in Zweige treibenden, so schon wachsenden
und wohl gar neue Knospen ansetzenden; vielleicht gar schon hie und
da frischbelaubten, blühenden, ja endlich wohl gar schon reife Früchte
tragenden Baumes des ganzen Lebens erfreuen; wollen uns innig
freuen des frischen und jungen friedlichen Lebens das sich auf so verschiedenen
Stufen an und in ihm kund thut.
Ich weiß recht gut daß ein Jeder sein Leben so ansehen, daß ein
Jeder und eine Jede ganz gleiches von seinem Leben aussagen kann
aber ich bin nun einmal der erste in unserm Kreise der es von sich ausspricht
der es auszusprechen wagt; ich bin nun einmal seit langem wieder der
erste der es ausspri überhaupt ausspricht und auszusprechen wagt;
darinne besteht aber eben das Eigenthümliche, Persönliche ja ich darf
sagen das Große weil ich zugleich sagen darf das Wohlthätige, Heil
und Seegen, Friede und Freude, ja Freyheit bringende meines
Lebens: - daß ich das Kleinste in seiner größten Bedeutung; das Be-
sonderste, Einzelste in seiner allgemeinsten Verbindung und Verkettung;
das Getrennteste in seiner innigsten Einigung mit dem Ganzen und der Einheit;
das Scheinbar Todte durchdrungen vom Leben an sich; daß ich in dem Kriege
den Frieden, auf der Erde den Himmel; in der Natur [Einfügung auf Rand *-*]
[*] den Menschen, und jeden Menschen nicht nur der Menschheit angehörig,
sondern selbst in ihm [*] die Menschheit; in
der Menschheit Gottheit schaue; nicht nur schaue, sondern auszusprechen
wage; nicht nur auszusprechen sondern zu beweisen wage; nicht
nur zu beweisen wage am Todten und mit dem Todten, sondern
am Leben; nicht am und mit dem Fremden, sondern am und mit dem
eigenen Leben, indem ich für das Gesagte für die Wahrheit des Gesagten mein eigen Leben und
was fast noch höher ist die Freude und den Frieden, die Freyheit meines
Lebens einsetze -, deren Verlust bey weitem mehr ist als Tod.
Ich habe, besonders in der Vorführung meiner innern Gemüthsent-
wicklung und Ausbildung, meines Gemüthslebens seit 1822, nur
ausschließend hervorgehoben, wie eigentlich Kind und Menschheit
die Beziehungspunkte, die Angelpunkte meines Lebens sind; /
[59]
doch der Tod und die Rückwirkung der Tod[t]en ist nicht minder mir ein wichtiger
Punkt in meiner Lebensbeachtung. Ich hätte dieß im Fortgang dieser Betrachtung
und Darstellung schon mehrmals herausheben können z.B. bey dem Tode
des Oheims in Stadtilm, als ich eben Mecklenburg verlassen wollte; bey
dem Tode der Tante von Willersleben, als ich eben in Göttingen studirte
u.s.w. doch ich that es nicht um bald zum Ziele dieser Darstellung zu kommen
und besonders weil dadurch mehr schon begonnenes und entschiedenes Leben
fortgebildet als neues Leben dadurch hervorgerufen und entwickelt wur-
de. Nur in Beziehung auf meine Mutter da hob ich den Tod hier als den
eigentlichen Knoten meines Lebens bestimmt im Beginne dieser Darstellung
heraus und später deutete ich einmal die Rückwirkung desselben im
Februar 1805 an.
Doch in dem was ich jetzt sagen will erscheint der Tod die Rückwirkung des Todes nicht nur fortbildend
eines Begonnenen, sondern neu entwickelnd, aufnehmend ein früher dage-
wesenes, so Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfend, ja er erscheint
mir indem ich eben jetzt dieß niederschreibe doppelartig verknüpfend,
nicht nur nach der eben angedeuteten Seite hin, sondern daß er mir zwischen
Kind und Menschheit als nothwendiger unerläßlicher (moralischer) Durch-
gangspunkt, verbindend und einend in der Mitte liegend erscheint, so
daß, - mir selbst aufs höchste unerwartet, die mich durch mein ganzes
Leben hindurch begleitende Drey und Dreyheit und zwar in dem wichtig-
sten meiner Lebensepochen, der dervölligen Einigung und Klärung
meines Lebens - mir wieder im Leben und aus dem Leben entgegen-
tritt. (: Kind - Tod – Menschheit :)
Um das, was ich zu sagen habe in seiner wahren Bedeutsamkeit für
mein Leben zu zeigen muß ich in das frühe Knabenalter desselben
zurückkehren, muß ich mich wieder im elterlichen Hause aufsuchen
ehe ich es noch das erstemal verlassen hatte.
In dieser Zeit und wohl gegen das Ende derselben, las ich einmal
in ”Millers moralischen Schilderungen für die Jugend” die Ge-
schichte Samuel Lanwills. Diese Geschichte selbst kommt hier nicht
[Bogen] 30. /
[59R]
in Betracht, nur das allbekannte Mährchen vom Ringe der einem Knaben
oder Jüngling gleichsam als LebensHüter geschenkt wurde, welcher ihn aber
bey einer Begebenheit seines Lebens als er ihn dabey zu stark an das
Rechte mahnte, weggwarf. Dieses Mährchen mag nun auf Jeden in der
Jugend wohl denselben Eindruck machen, in Jedem den gleichen Wunsch er-
wcken den Ring zu besitzen, so wie Jedem den Vorsatz und die Über-
zeugung geben dann den Ring gewiß nicht so thöricht wie Jener weg
zu werfen. Ganz gleichen Eindruck, Vorsatz und Überzeugung gab
auch mir das Mährchen. Bey nur etwas vorgerücktem vergleichen-
den Denken kam mir die Lösung und Umwendung des Mährchens leicht
so wie ich mich überhaupt erinnere in meiner frühen Jugend Mährchen
sehr gern gehört zu haben so wie ich mich und ihre allgemeine Deutung
leicht gefunden zu haben: der Ring war das Gewissen in den verschie-
denen Stufen seiner Mahnungen. Nach jener sehr frühen so einfachen
als einzig wahren Lösung des Mährchens mußte es als solches natürlich
ganz zurück treten, und nur des lebhaften Wunsches, des sehr festen
Eindrucks desselben erinnerte ich mich wohl zu Zeiten noch wenn ich
eben an mein Knaben Leben und der in selbigen [sc.: selbigem] erhaltenen Eindrücke
gedachte. Ringe an sich, in einfacher Form, ohne alle Rückbeziehung auf
jener [sc.: jenes] überdieß ja längst gelösete Mährchen waren mir immer
lieb, wie dieß wohl eben auch, und eben wohl ihrer einfachen und
doch vieldeutigen Form wegen, ziemlich allgemein der Fall ist; so
wurden sie mir leicht zu einem Spielzeug.
Im Sommer voriges Jahres es mag im August gewesen seyn, verlohr
Auguste aus Döllstädt eine Stricknadel; da ich wußte Wilhelmine
daß in Deinem ArbeitsTischchen in der blauen Stube welche lagen, so
sagte ich ihr sie möge dort von den vielen einzelnen eine passende aussuchen.
Während Auguste dieß that öffnete ich ohne mir weiter etwas dabey
zu {denken/sagen[}] die kleine Ringschachtel, wo ich den Dir liebe Frau bekannten
Ring Deines lieben Vaters, unsers Vaters fand. Ich nahm ihn, steckte /
[60]
ihn an einen Finger meiner linken Hand, an welchen er, ich möchte sagen
so wohlthuend schloß, als sey er für denselben gemacht, bestimmt; so
war Entschluß und That ihn zu tragen eins; wozu mich nun eben ganz
und gar nichts bestimmte, irgend keine andere seiner Eigenschaften, als
daß er nun eben gut an diesem Finger schloß.
Erst nach einigem Tragen bemerkte ich eigentlich erst an ihm, oder viel-
mehr, hob mein Auge erst mit Bewußtseyn hervor daß er eigentlich
drey Ringe habe: Schon die Zahl drey an sich ist, wie Ihr wißt, für mich
ein Sinnbild eines in sich geschlossenen unzertrennlichen Ganzen (: jede
gerade Linie hat immer so klein sie sey drey Punkte; jede geschlossene runde
Linie 3 unzertrennliche Glieder; jeder Punkte 3 gleichzeitige Ansichten, Beziehungen :)
ein Sinnbild darum der Treue.- Jede Kreislinie schon an und für sich ,
wie ich ja eben andeutete, ist für mich bedeutungsvoll und sinnbildreich;
drey gleichgroße Kreise wißt Ihr, schließen, wenn sie sich unter sich
rechtwinklich schneiden, eine Kugel ein. Die Kugel wißt Ihr, ist für
mich ein Sinnbild der Vollendung (: voll-Endung :) sie ist das Sinn-
bild meiner, wie ich sie, irre ich nicht, schon oben nannte, sphärischen
Erziehungs- und Lebensgrundsätze, weßhalb ja auch die drey recht-
winklich in einander geschlungenen gleichen Kreise umgeben von
12 Sternen das Petschaft der Keilhauer Erziehungsanstalt sind,
andeutend: daß die Erziehungsgrundsätze dieser Anstalt in ihrem
innersten Wesen für alle Weltenkörper wahr sind.
Diese drey Kreise konnten aber als nur in einer Richtung liegend
nur gleichlaufend und mußten so getrennt seyn; deßhalb am
Ringe das die 3 Kreise, die drey hier getrennten Kreise einende
Schild. So wurde schon wie durch alles dieß der ganze Ring für
mich an Sinnbildlichkeit und Bedeutsamkeit zunahm auch das
Schild als einend, bedeutungs- und sinnvoll; doch es sollte
es nun einmal sinnbildlich und bedeutungsvoll angeschauet
noch mehr werden; ja der Ring für mich erst seine wahre
Lebensbedeutung, seinen wahren Lebenssinn, seine Lebenswichtigkeit /
[60R]
für mich geben. Der Ring, das einende Schild des Ringes enthält wie Dir bekannt
die Anfangsbuchstaben des Namens unseres theuren Vaters C. W. H.
was man auf den ersten Blick auch sehr leicht schauen kann als G. W. H.
Wie nun ich möchte wohl sagen, meinem Geiste, meinem Gemüthe gar nicht
möglich ist, irgend etwas allein stehend und nur isolirt, abgeschnitten
persönlich zu schauen, sondern alles gleich in einer höheren allgemeineren
Bedeutung, so traten mir denn auch die gedachten Buchstaben ich möchte
sagen im Augenblick ihres eigentlichen einzeln Sehens sogleich mit der
Bedeutung:
Gottes {Wille/Wollen/Wege} Heilig; Christi {Wille/Wollen/Wege} Heilig; Geistes {Willen/Wollen/Wege} Heilig;
entgegen. Aus dem Wesen der Seele, des Gemüthes und des Lebenszustandes erklärt sich dieß nicht
nur leicht, sondern mit der bestimmtesten Noth-
wendigkeit: - In meinem und unserm Leben hatten sich dort die wichtig-
sten Erscheinungen und Begebenheiten zusammen gedrängt: - HE. Carls
Tod; Barops längere Abwesenheit; Leopolds Treue und dadurch der gleich-
zeitige für uns dort so hochwichtige Eintritt von vier neuen Zöglingen;
Deine so ganz rechtzeitige Ankunft in Berlin; aber auch Dein sich uner-
wartet verlängerter Aufenthalt daselbst; der Frau von Arnim
ei[n]gehende und achtend anerkennende Anwesenheit bey uns, alles dieß
und wessen ich mich vielleicht jetzt gar nicht mehr erinnere, mußten
in der Seele wohl nur den einen Grundton, den einen Grundgedanken:
die Wege Gottes sind heilig; darum müssen auch uns Gottes Wege
heilig seyn - wecken, in ihr stets lebend machen, in ihr stets lebendig
wirksam seyn lassen. Aber oben habe ich schon bey Gelegenheit der
Erklärung einer vielleicht ähnlichen, verwandten Erscheinung gesagt,
wie die menschliche Seele, der menschliche Geist, seinem Wesen nach, alles
lebendig und abgeschlossen in sich tragende auch äußerlich sichtbar vor sich zu gestalten /
[61]
strebt; (: das Wesen der (plastischen) gestaltenden Kunst, so wie vielleicht
die kirchlichen (Zeremonien) Gebräuche besonders der catholischen Kirche haben
vielleicht hierinn ihren innersten Grund :) so ist es nun wohl ganz natürlich
wie sich nun der schon lebendig, also gestaltend, in der Seele, im Geiste
lebende Grundgedanke, in jenen Anfangsbuchstaben leicht gestaltet,
d.i. äußerlich gleichsam sichtbar verkörpert sehen konnte.
<Nun> läßt es sich nun nicht nur gar leicht, sondern sogar als nothwendig
denken, daß, wenn die gestaltende Kraft und Forderung des Gemüthes
der Seele, des (: vom Geiste könnte und muß man vielleicht sagen schauende
Kraft:) eine sehr hohe Stufe erreicht hätte, der Grundgedanke oder die
Grund- und Hauptempfindungen sich an jedem ihr Entgegenkommenden
sich gestaltet außer sich gesehen haben würde, gleichsam die Gestalt
desselben angenommen haben würde z. B. irgend einer Blume, eines Stei-
nes oder eines anderen Sinnbildes; aber wie dem nun auch sey und
welche ander[e] Menge von Möglichkeiten der Gestaltung auch noch mög-
lich seyen, so ist diese eine Gestaltung des Gedankens, der Empfindung, des
Gefühls doch nun einmal da und sie völlig genügend da; und dieß
ist auf das allerhöchste dankenswerth, denn tausende von Lebens-
wichtigen Gedanken, Empfindungen und Gefühlen gehen in dem Menschen
auf und wieder unter beydes unbeachtet ja ungeahnet, weil sie keinen
Stoff zur Gestaltung finden, weil sie den Stoff zur Gestaltung, wel-
cher sie umgiebt nicht bearbeiten, genug weil sie als gestaltlose, noch
nicht die höchste ihrer Eigenschaften wissen und gebrauchen können, in
jedem Stoffe sich zu gestalten, ja sogar in jeder Gestalt sich kund zu
thun, offenbar zu machen, hervor zu leben. Also woher auch Stoff
und Gestalt gekommen sey, wir haben immer Ursache diesem Woher
dankbar zu seyn, um so mehr haben wir Ursache diesem Woher dank-
bar zu seyn, als Stoff und schon bestehende Gestalt leicht den Gedan-
ken in sich aufnimmt, leicht den Gedanken in sich ausspricht; es deutet
[Bogen] 31. /
[61R]
ganz nothwendig so fern und so ganz unbewußt es auch sey auf eine ge-
wisse Geistes-, gewisse Anschaungs-. gewisse Gemüths- und Seelen-
Verwandtschaft. Und dieß ist schon genug, ist wichtig; denn nichts gar nichts
ist zur Erhebung und Veredlung des Menschengeschlechtes, zur Entwicklung und
Darlebung reiner Menschheit wichtiger, als das innige und ewige Fest-
halten von Geistes- Gemüths- und Seelenverwandtschaft, denn daran
wächst wie wir hier an dieser Darlegung, an der Vorführung eines ganz
einzelnen Lebensbegegnisses sehen, im und am Fortlaufe der Darlegung
und Vorführung selbst sehen - Geist und Leben, - Leben in seiner höchsten
Bedeutung empor.
Und so geht denn meine theuerste Wilhelmine nicht nur zu klar, sondern
noch in einer andern Beziehung bedeutungsvoll hervor welchem [sc.: welchen] Dank
ich für alles dieß erkannte Deinem unserm lieben Vater schul-
dig bin, Dir schuldig bin, daß Du mein geworden bist, denn sonst
wärest Du nicht mein geworden, ich nicht Dein, so wäre Dein Vater
auch nicht der meine geworden, ich nicht sein Sohn, daß er aber
wirklich in seinem Gemüthe und Geiste, Seele und Leben mein Vater
geworden ist, in mir seinen Sohn gefunden und erkannt hat, lese
ich in dem Ringe und durch den Ring, denn er hat in demselben und
durch denselben mir das Höchste gegeben was ein Sohn von seinem Vater
empfangen, was ein Vater seinem Sohne geben und hinterlassen
kann: - des Lebens Verständniß, des Lebens aneignung [sc.: Aneignung],
des Lebens Beherrschung, des Lebens Beachtung und Gebrauch.-
Du siehest hier die Wahrheit dessen was ich oben sagte: der Mensch
sey Seelen-, und Geistes-, Gemüths-verwandtschaft treu! denn
würde ich nicht treu meiner Gemüthswahrnehmung bey Deiner ersten
Erscheinung gewesen seyn, so sehe ich nicht ein, wie mein Leben sich so
in sich gefunden haben könnte, wie es sich jetzt gefunden hat; Du siehest
aber nun auch ein mein Weib, wie mein Gemüth nur einzig Dich  /
[62]
als Weib wählen konnte.
Doch die Geschichte und Bedeutung des Ringes ist für mich noch nicht be-
endigt. Eine Haupt- und Grundbedingung für alles was Leben hat und so
weit mir das Gebiet des Lebens geht, zur Erreichung des Lebenszieles,
Lebenszweckes, Lebensberufes ist mir Lebenstreue, Treue gegen
sein eigenes Leben auf jeder Stufe der Entwicklung im Fühlen, Denken und
Handeln; diese Lebenstreue verbunden mit Lebensbeachtung und Lebens-
prüfung am Einzelnen und Allgemeinen, durch welche Nacht und Schmerz, durch welches Irren und Straucheln
auch der Weg hindurch gehe, gewiß zum Ziele.
Also in dem Maße das eigene, eigenthümliche Leben eines Menschen
geweckt und entwickelt ist muß in ihm auch jene Überzeugung geweckt
und entwickelt werden; dieß halte ich so wohl für einen der ersten Grund-
sätze als der ersten Handlungen der Erziehungskunst. So meine Überzeug-
ung ganz im Allgemeinen; in Beziehung auf mich und mein Leben insbe-
sondere trage ich seit 1816 wohl schon die Überzeugung, und später trat
sie mir wohl nochmehr in Griesheim und Keilhau als wahr und be-
gründet entgegen: - daß je mehr ich den leisen unmittelbaren Ahnungen
Gefühlen und Gedanken ganz ungestöhrt meiner Entwicklung und den
Forderungen derselben ganz ungestöhrt und ungetrübt nachgegangen
sey das Wachsen, Blühen und Fruchten derselben nicht nur um so freu-
diger und frischer, sondern sogar der voraus bestimmten Zeit nach sicher
und gewiß gewesen sey. Irre ich nicht habe ich sogar einmal mit Middendorff
darüber gesprochen. Der Verlust von dieser schönen Eigenschaft
des Jugend[-] und Jünglingslebens hat mich oft betrübt, hat mich doppelt
geschmerzt weil ja der Mensch nun einmal seinem Wesen wie
seiner Bestimmung nach nicht allein leben, sondern nothwendig sich im
Wechselverbande und Verkehr entwickeln und ausbilden soll, also
den Verkehr und Verband nicht vermeiden kann, welcher doch so un-
mittelbar des Lebens Klarheit, wie des Lebens Sicherheit raubt.
Jenen innern für mich, für sich wie für andere gleich beglückenden Zustand
wieder zu erringen war daher schon lang für mich eine hohe Lebens- /
[62R]
aufgabe, sie schien aber unerreichbar, da mit dem Zurückziehen vom
persönlichen Verbande und Wechselverhältnisse auch die Mittel zum
allseitigen, er- und umfassenden Wirken verlohren zu gehen schien[en];
doch wenn auf irgend eine Weise diese Lebensaufgabe zu erreichen
sey, wenn es zu ihrer Erreichung irgend einen sichern Anfangs- und
Ausgangspunkt gäbe, so war es vor allem das unverwandte treue
Festhalten der Grundahnung, des Grundgefühls, des Grundgedankens zu
allernächst wenigstens in völliger Reinheit und Klarheit in mir,
wie {sie/er/es[}] auch bey {ihrer/seiner[}] Anwendung im Leben durch die stöhrenden Einwir-
kungen desselben getrübt werden möge. Dieses vom geistigen Wesen
des Menschen, vom Geiste des Menschen unmittelbar, und sich nicht erst
anders woher von außen gegebene Grundahnen, Grundfühlen, Grundden-
ken nun vor allem zuerst festzuhalten, rein in sich fest zu halten bey aller
Stöhrung und Trübung in der Anwendung, dieß war mir die erste und unerläßliche
Grundbedingung zur Erreichung jener früheren Geistes- und
Lebenseigenschaft. Diesen selben, ganz gleichen Act sahe ich geschehen
von Gott als Schöpfer, daher nicht allein das freudige, sichere Bestehen,
sondern auch das freudige sichere Fortentwickeln der Welt; - diesen
selben, ganz gleichen Act sahe ich geschehen und sich aussprechen im Leben
und Wirken Jesu, daher nicht nur das freudige, sondern auch sichere
Bestehen und Fortentwickeln in demselben. Also in den Wegen, Willen
und Wollen Gottes; wie in den Wegen, Willen und Wollen Jesu,
wie in den Wegen, Willen und Wollen des Geistes sahe ich ganz das
Gleiche sich aussprechen und so sahe ich gleichsam in dem Ringe eine mir
(: gleichsam von außen :) entgegen kommende Bestätigung und Aussprech-
ung meiner eingen [sc.: eignen] Überzeugung für mein eigenes Leben. Wodurch
so mit der Ring für mich persönlich noch Bedeutungsvoller, oder
was gleich ist, mir lieber wurde. Daß es gleichsam dem Menschen
lieb ist innere rein geistige Wahrnehmungen seiner selbst, sich gleichsam /
[63]
sinnbildlich außer sich zu schaffen, zu sehen scheint mir einmal in der Dop-
pelnatur des Menschen geistigkörperlich, wie vor allem wohl in
dem schöpferischen, schaffenden Wesen desselben zu liegen, ich glaube
man nimmt darum den Menschen eines der allerersten, unmittel-
barsten und sichersten Mittel, besonders der Selbsterziehung und Selbst-
erkenntniß, wenn man ihn[en] jene versinnbildlichende, Innerliches,
rein Geistiges äußerlich zu schauende Kraft nimmt. Es ist höchst thöricht
gegen den Gebrauch dieser Kraft etwas sagen zu wollen weil das
Sinnbild nie der rein geistigen Wahrnehmung entspricht, denn dann
hätte Gott auch keine sein Wesen kund thuende Welt erschaffen dürfen;
oder eben so thöricht ist es Sinnbild an die Stelle wenigstens gleich
den Gedanken zu setzen denn dann wäre ja die Natur die Welt
gleich Gott was eben so viel wäre. Genug ich wollte hier nur sagen
und andeuten wie das Sinnbild auch in dem höchsten und reinsten Erziehungsgeschäfte,
in dem Geschäfte der Selbsterziehung des denkendsten rein geistigen
Mannes wichtig werden kann; wenigstens mir war es wichtig und ist
noch wichtig, wie ich es überhaupt in seiner Anwendung im Erziehungs-
geschäfte auf das vorzüglichste zu beachten nöthig achte; wie es mir
denn in dieser Beziehung, es auch noch sehr leicht möglich seyn würde
es aus und in der dreyfachen Natur des Menschen, oder vielmehr in
der Natur des erschienenen und erscheinenden Menschen als 3 faches
Wesen: Thun, Fühlen, Denken; Körper, Gemüth u Geist; nachzuweisen.
So sahe ich denn von nun an - was durch das Gesagte nun wohl hin-
länglich deutlich ist - in dem Ringe ein Sinnbild meines eigendsten
Grund- und Leb[ens]gedankens und ein Hilfsmittel mich dieses Grund-
gedankens in jedem Augenblick meines Lebens und ganz nament-
lich in schwierigen leicht und klar bewußt zu werden, in Handlung und
Wort fest zu halten; und ich schäme mich auch gar nicht zu gestehen,
daß dieß wirklich geschehen ist.
[Bogen] 32. /
[63]
Ehe ich nun aber in der Geschichte des Ringes weiter fortfahre ist nur
zunächst noch die Auflösung und Beantwortung der Frage nöthig: ob denn
nun wirklich die Lebensverbande und Wechselverhältnisse des Men-
schen wirklich stöhrend und trübend in die Erreichung und Ausführung
des in dem Innern des Menschen sich doch so klar als lebendig aussprechen-
den Lebensberufes eingreifen? - die Anwort ist kurz und bestimmt
Ja! und Nein!- Ja! wenn entweder keine Klarheit über das Wesen
und die Bestimmung des Menschen so wohl im Allgemeinen als auf
die vorliegenden besondern und Einzelfälle oder nicht wenigstens
ein ganz unbefangenes gemüth- und vertrauenvolles Nachgehen der
Einzelentwicklungen statt findet.- Nein! die Lebensverbande und
Wechselverhältnisse des Menschen sind, unter der ausdrücklichen
Bedingung das [sc.: daß] Klarheit im Bewußtseyn wie in der Anwendung
nicht allein über das Wesen des Menschen im Allgemeinen, sondern auch
über die Erscheinung der einzelnen Menschen herrsche - oder bey unbeding-
ten gegenseitigen Wechselvertrauen nicht nur nicht nachtheilig
sondern, je höher die gegenseitige Einsicht verbunden mit Lebenstrieb
und Thatkraft, vielmehr wesentlich förderlich.
Auf dieser Stufe stehen wir sämmtlich in durch Keilhau Geeinte; daß
wir aber, ich indem ich dieses schreibe und Ihr indem Ihr es leset durch diesen
Brief auf dieser Stufe der Lebenseinsicht stehen, ist eben eine Folge
des festen Nachgehens einer und der unmittelbaren innern geistigen
Bestimmung. Und wir werden als ein noch so vielzählig, und noch so
vielartig gegliedertes Ganze, doch ganz sicher zu dem so friedlichen
als freudigen, zu dem so sichern als beruhigenden Ziele gelangen auf
welchem ich als ganz allein stehender Jüngling stand, mit Freudigkeit
und Sicherheit jedes unserer menschenwürdigen Ziele wenigst ja
selbst den Zeiten nach zu erreichen, wenigstens das der reinen
Darstellung reiner Menschheit – [zu] erreichen, wenn wir die Forderung
unserer jetzigen Lebensstufe - gegenseitige offene Darlegung und /
[64]
klare Durchschauung des Lebens nicht sowohl und allein im Allgemein-
sten und allgemeinen, sondern auch im Besonderen und Besondersten;
nicht so wohl im Besondersten und Besonderen sondern auch im Allge-
meinen und Allgemeinsten - auf das vollkommenste und treueste
nicht nur der Einsicht sondern auch der Anwendung im Leben nach erfüllen.
Hier sind wir nun wieder bey der Geschichte, bey der Geschichte des Ringes.
Denn dadurch, daß nun durch denselben meine lang gehegte innerste Über-
zeugung von der wankellosen Festhaltung des Grundgedankens und Grund-
streben[s], sinnbildlich, gleichsam gegenständlich und so immer anschaulich
entgegentrat hielt ich denselben auch von diesem Augenblick an ununter-
brochen fest, wie Du Dich mit den Andern vielleicht erinnerst, daß ich
auch den Ring ununterbrochen trug und es hat dieß auch wirklich einige
mal wenn auch nicht so wohl in mein thätiges, als in mein leidendes
Handeln d.i. in mein Erdulden und Ertragen wesentlich eingegriffen
z.B. bey der Feyer des Weihnachtsfestes voriges [sc.: vorigen] Jahres; wovon noch
die Worte ein sprechender und thatsächlicher Beweis sind, welche ich nach
demselben an Dich liebe Elise schrieb. Genug, wenn Ihr Geliebten
das Leben dort mit denselben Augen und Sinn beobachtet hättet, wie
ich durch mein Innerstes aufgefordert, so würdet Ihr in demselben eine
außerordentliche, ruh[ig]e, stetige und fortschreitende innere Entwicklung
wahrgenommen haben: ich sahe wieder unter den Umständen unter
welchen wir nun einmal lebten, und lebte wieder ein Leben wie ich es früher
in mir und außer mir zu leben gewohnt gewesen war; nichts stand mir allein und vereinzelt
ohne Zusammenhang ohne Grund und Folge da nichts unerklärlich,
wovon ich nur ein Äußerliches erwähnen will, daß unser jetzt
noch durch sein freudiges Leben allgemein Freude gebender Wilhelm
sich gleich in seinem Charakter an Euch Ihr Theuren durch kleine Gaben
bethätigen konnte. Die Feyer seines Weyhefestes, das Einigungs-
fest, das ganze Doppelfest wie ich es nannte und was ihm vorher
und nachher folgte hat darinn seinen Grund, namentlich noch /
[64R]
alle meine Briefe an Barop während seiner zweyten Anwesenheit
in Westphalen im Winter dieses Jahres, besonders ihr Inhalt und
der völlig freyen Anschauung wie völlig freyen Hingabe seiner Person
und seiner Verhältnisse; die pflegende Wiederaufnahme der noch un-
vollendet, noch unentwickelt vor mir liegenden Frankfurter Verhält-
nisse, alles dieß hat darinn, hat in dem seinen Grund was mein Ge-
müth an das Finden jenes Ringes oder was ich in meinem Gemüthe an das-
selbe anknüpfte. Ich hebe dieses mit allem Vorbedacht so ganz bestimmt
heraus, damit Ihr Euch das Stetige eines Manneslebens, das Stetige,
ununterbrochen Fortgehende in meinem Leben zur Anschauung brin-
gen könnt; auch sonst Manches innerlich erklärlich wird, was Ihr jetzt nur äußerlich
anschautet.
Hier knüpft sich nun noch eine andere Erscheinung meines Lebens am;
welche ich im Laufe dieser Darstellung schon zweymal berührte,
die ich aber als wesentlich in die Entwicklung und Fortbildung meines
Lebens eingreifend und als eine wiederkehrende bestimmte Thatsache desselben
auch noch bestimmt und klar hervorheben will, um so Euch Ihr Gelieb-
ten, Theuren und jedem unter Euch, welchem Etwas daran liegt mein
Leben in seinen [sc.:seinem] innersten Wesen: Beziehungen, Richtungen, Ansichten kennen
zu lernen, dasselbe offen darzulegen.
Schon 1816 in Berlin trat es mir als Eigenthümlichkeit meiner Lebens-
entwicklung und Fortbildung entgegen, daß die wichtigsten Punkte
derselben, gleichsam die Keime, oder das Keimen eines neuen Lebens
für mich, sich immer um und in den Monat Februar sich mir zeigten;
wie es denn auch wirklich in eben dem genannten Jahre, wie ich es ja auch
in dieser Darstellung schon erwähnte, wirklich der Fall war.
Später wurde ich noch mehr darauf aufmerksam, und ich bemerkte
nun sehr oft, wie denn die sprechenden und beweisenden Thatsachen auch
klar vor liegen, wenn man sie beachtend, vergleichend und prüfend zusammen stellt,
daß wiederkehrend um die Zeit des Februars ganz neue Entwicklungen /
[65]
in meinem innern, wie dadurch natürlich bedingt auch in meinem äußern
Leben hernach sich zeigten.
In diesem Jahre war dieß nun ganz besonders wieder der Fall, wie
denn auch ein Jedes von Euch es bemerkt haben würde, und sich gewiß
auch jetzt noch erinnern könnte, wenn es die innern und äußern
Lebensentwicklungen jener Zeit beobachtet hätte, so viel wird Euch
aber gewiß noch davon im Gedächtniß geblieben, und auch jetzt noch
davon gegenwärtig seyn, wie mein Leben dortmals nicht nur ein viel
erregtes und bewegtes, sondern auch nach vielen Richtungen hin sehr
thätiges war; so erinnert Ihr Euch gewiß der mannigfachen Mit-
theilungen, der so lebensvollen als lebenswichtigen Mittheilungen welche
in jener Zeit von mir statt fanden.
Durch die, nun gleichsam in und durch den Ring, mir bleibend sinnbildlich
gegenüberstehende Überzeugung von der nothwendigen Festhalthaltung [sc.: haltung]
und Fortbildung der unmittelbaren innern Entwicklungen, aufge-
fordert und aufmerksam gemacht, hielt ich nun diese innern Ent-
wicklungen und deren Forderungen ihnen ruhig und still folgsam
nachgehend, wie noch in keinem der vorhergehenden Jahre fest; wie denn
nun auch wirklich alles seit jener Zeit in mir nur eine einzig stetig
fortgehende Entwicklung ist deren Forderungen ich zwar still folgsam
wie ich schon aussprach, aber nicht zu meiner persönlichen Lust und Freude
noch aus irgend einer Art Willkühr oder gar Übermuth nachgehe,
wovon das Wachsen, die Blüthen oder Früchte, wie Ihr es anschauen und
benennen wollt, mein Hierseyn ist und alles das was aus demselben
hervorgeht und durch dasselbe bewirkt wird; dessen weiterer Ent-
wicklung ich ruhig folgsam aber stets schauend, prüfend, besonnen
nachzugehen fernern [sc.: ferner] fest Willens bin.
Das, was ich bisher mittheilte ist eine Thatsache, wovon der unwie-
derlegbare Beweis in dem Leben selbst liegt, denn als ich von
Keilhau jetzt weggehen und meine Reise antreten wollte, gab
[Bogen] 33. /
[65R]
 ich als deren so klaren als wahren Grund derselben an, daß ich einer
sich mir aussprechenden Fortentwicklung des Lebens nachgehen
müssen [sc.: müsse]; von der Art dieser Fortentwicklung und von den Personen
durch welche sie hindurch gehen müsse, zeigte sich mir gar nichts
bestimmt, nichts als der Ort von welchem sie wieder ausgehen
könne und würde, Frankfurt. Genug, was ich bey Antritt
meiner Reise von den Gründen zu selbiger sagte, dünkt mich
hat sich durch seine Folgen hinlänglich gerechtfertigt; hat sich ge-
rechtfertiget, sey es auch durch wirklich ganz und gar nichts, als
durch das Schreiben, das Geschriebenseyn dieses Briefes.
Die Lebensthatsachen und ihr Fortbildendes Festhalten ist nun wohl
für das Leben selbst das Wichtigste; doch der Mensch soll sich vor
allen nach Maaßgabe der Entwicklung seiner geistigen Kraft davon
Rechenschaft geben und sich deren Ursachen und Folgen bewußt werden
also auch ich in Beziehung auf die vorliegende Thatsache. Zwey Ursachen
liegen mir vor, eine äußere und eine innere, vielleicht sind beyde
verwandt: - die Sonne hat einen so wesentlichen Einfluß auf meinen
Körper wie auf die Pflanzen; es könnte nun wohl seyn daß die
nun wieder allmählig höher steigende Sonne einen solchen Einfluß
auf mein Leben äußere, daß alle meine Lebensgeister sich auch in
einem erregteren erhöheteren Zustand befänden.
Wenn ich nun dagegen einen prüfenden Blick auf die innern und Äu-
ßeren Erscheinungen meines Lebens im Herbste werfe, so scheinen mir
fast wohl die entgegengesetzten Lebenserscheinungen dasselbe zu
sagen und zu zeigen, nemlich: mehr in sich Zurücktreten des Lebens
und des Geistes. Außer diesem ließe es sich wohl noch denken daß
das Weyhnachtsfest und besonders das Neujahr eine größere
Zurückziehung des Geistes und Gemüthes in sich bewirke, und daß
so dann, nachdem diese Zeit und ihre Forderungen durchlebt worden, /
[66]
eine neue Zeit der innern und auß dadurch bedingt der äußern Ent-
wicklung eintrete.
Ich, früher nur auf mein eigenes Leben vorzugsweise aufmerk-
sam, suchte diese Erscheinung desselben auch nur aus ihm, und als
eine menschliche, eine Gemüths- und Geisteserscheinung aus dem
menschlichen dem Gemüths- und Geistesverbande des Menschen selbst,
zu erklären, ohne auf die vorhin erwähnten allgemeinen Natur-
und Lebenserscheinungen zu achten. Durch die Thatsachen meines Lebens
im Vorfrühling 1805 aufmerksam gemacht, bemerkte ich, daß so wie
eigentlich alle meine Lebensschicksale und überhaupt der Entwicklungs-
gang meines Lebens in dem frühen Tod meiner Mutter bedingt sey,
daß es so auch der Sterbemonat meiner Mutter, der Monat Februar
es sey in welchem immer neue Entwicklungen meines innern und
äußern Lebens begönnen; für mein Gemüthe war dieß eine dadurch bedingte Wechselwirkung leicht glaub-
lich, weil der Natur der Sache nach ein sehr inniger Lebensverband zwi-
schen Mutter und Kind überhaupt, besonders aber in dem [sc.: den] frühesten
Lebenstagen statt findet, dann aber weil ich mir aus eben diesem Grunde
sage daß der Gedanke einer sterbenden Mutter an ihr zurücklassendes
Kind der letzte und lebendigste seyn müsse, welcher in ihrem Gemüthe
sich bewegt, und endlich weil man überhaupt vom Wechselwirken
des Geistes auf den Geist so viel als Nichts weiß; wie wenig
es also auch der äußerliche Verstand nachzuweisen im Stande ist

wenn man es sonach für den äußerlichen Verstand auch wenig nachzuwei-
sen im Stande ist. Später trat mir noch entgegen daß auch mein Vater
welcher noch kurz vorher in einem Briefe an meinen Bruder nach Oste-
rode meiner sorgend gedacht in diesem Monate gestorben sey. Wei-
Weiter eben so mein Oheim in Stadtilm, eben im Jahr 1805, irre ich
nicht sehr um dieselbe Zeit, welcher ebenfalls noch kurz vor seinem
Tode meiner in sorgsamer Liebe gedacht und mich dem Bruder in Gries- /
[66R]
heim empfohlen hatte, wie mir dieser es später mit des Oheims eigenen
Worten sagte. Selbst unser verehrter Vater, herziges Weib ist ja wohl
im Monat Februar gestorben. Durch diese, einem Jeden nun zur Prüfung
offen vorliegenden Thatsachen, konnte sich darum wohl in meinem Innern
meinem Gemüthe ein Glaube an eine Rückwirkung Verstorbener
auf die Gemüths- und Geistesstimmung der Lebenden bilden. Sey diese
Zurückwirkung auch blos durch das Erinnern ihrer Liebe, ihrer Wünsche rc. Doch wie
dem nun auch sey die Thatsachen liegen klar vor und beyde Erklärungen
wenn man das letztgesagte auch so nennen will lassen sich noch über-
dieß leicht vereinigen, sagt man nicht als längst sich bestätigte Bemer-
kung, daß mit dem Frühling und Herbst, mit dem Knospen und dem Ent-
blättern der Bäume auch die meisten Menschen sterben?-
Was ist nun aber das Allgemeine und Allgemeinste (denn wer mag
auf dem Besonderen und Besondersten ruhen bleiben was so sehr leicht
irre führt?) - was ist das Unpersönliche was aus diesen Lebens-
thatsachen hervorgeht? - die Wahrnehmung nicht allein eines allge-
meinen geistigen, sondern überhaupt allgemeinen Lebensverbandes
im Gebiete des Geistigen, im Gebiete des Lebens!- Und ist dieß nicht
vom reinen Denken aus selbst so einsichtig, so wahr als klar?- Wer hat
des Lebens und des Geistes Grenze gesehen?- Wer vermag sie zu be-
stimmen?- Und ist nicht sogar Leben und Geist und Begrenztseyn
seinem Wesen nach ein Widerspruch?-
Und wo stehen wir denn nun eigentlich Ihr herzinnig Geliebten Theuren!
in und mit dieser Lebensvorführung, in und mit dieser Lebensbetrach-
tung, dieser Vorführung einer Lebens-, Herzens- und Gemüthsentwicke-
lung?- - Wo anders wohl als daß das Herz, die Einigung mit dem
Herzen sucht?- Wo anders als daß das Gemüth, der Geist, das
Leben die Einigung seine ursprüngliche Einigung und Einsseyn mit
Gemüth, Geist und Leben sucht?!- Wo stehen wir nun anders in
unserer Erkenntniß und Einsicht aus den prüfend beachteten Thatsachen des /
[67]
Lebens wie aus den Ergebnissen des reinsten Denkens?- Wo anders
als daß die ursprüngliche Einigung alles Geistigen und des Geistes an sich
und alles Lebens und des Leben[s] an sich nicht nur wahrgenommen, er-
kannt und anerkannt werden soll, sondern auch beachtet, gepflegt
immer mehr zum Bewußtseyn erhoben und im Gebiete des Lebens und Geistes
wirksam gemacht werden soll.
Und wir sehen nun und können es uns nun ganz klar und bestimmt
aussprechen, dieß einzig: Leben mit Leben wieder zu einen zur Entwicklung neues Lebens und so durch
Leben, Leben zu wecken; Geist mit Geist
wieder zu einen zur Pflege des Geistes und zur Weckung desselben wo
er schlummernd ruht dieß war - ohne irgend eine Einzelnheit als
Gegenstand Mittel und Weg vor Augen zu haben - dieß war der
eigentliche Grund meiner Abreise aus Keilhau im ersten Viertel
des Monat May d. J.
Und mit dem Beginne, und mit der Angabe des Zweckes dieser
Reise sey nun zunächst auch und vorläufig die Geschichte des Ringes
geschlossen; Manches wäre noch von ihr zu sagen übrig, doch dieß mag
vor[erst] jetzt ruhen, denn wir sind ja bey einem sehr Großen sehr Wich-
tigen angelangt was noch einer ernstern Beachtung bedarf.
Doch durch was und wie ist eigentlich das Ganze zu dieser Ent-
wicklung gekommen? - durch die Anwendung des in Berlin im Jahr
1814 erkannten Satzes: in dem Kleinen das Große und Größte
in dem Größten das Kleine und Kleinste zu schauen. Und diese
Anwendung meinte ich, als ich schon einmal oben in dieser Mitthei-
lung sagte; dieser Satz sey auch noch jetzt fruchtbar in meinem Leben.
Was ist nun aber Ihr lieben theuren Gemüther und Herzen! das Gro-
ße und Wichtige zu welchem wir durch diese Lebensmittheilung
gekommen [sind], was wir in dem Leben selbst gefunden haben, was wir
als den Zweck, das Ziel und die Bedeutung dieser Lebensentwicklung
[Bogen] 34. /
[67R]
wahrnehmen und erkennen müssen?- Es ist nur das ewige und einzige
was wir uns schon nannten und aussprachen: Verstehen und Einigung
des Herzens und des Herzens, Verstehen und Einigen des Gemüthes
und Gemüthes, Verstehen und Einigen des Geistes und des Geistes des
Lebens und des Lebens zum Verstehen und einigen der That für Ausfüh-
rung eines solchen Lebens.
Jedes von Euch, Ihr sehr lieben Herzen, Gemüther und Leben! erkennt
und theilt gewiß mit mir die Wahrheit des Erkannten und Gesagten,
denn jedes von Euch findet ja in seinem Herzen, Gemüthe und Leben ganz
dasselbe Wünschen und Sehnen, das Wünschen und Sehnen nach ganz
demselben Verstehen und Einigen der Herzen, Gemüther, des Geistes
und Lebens in That im Thun.
Es ist das Loos des Menschen, was von einer andern Seite der Betrach-
tung her sich klärt und rechtfertiget: das Nahe und Nächste findet
erkennt und versteht der Mensch am schwierigsten (wenn er es einmal
verlohren hat) so findet, erkennt und versteht auch der Mensch sich
selbst am allerschwierigsten, ja es scheint in einer gewissen Beziehung
sein Loos zu seyn sich von sich selbst entfernen zu müssen um sich selbst zu fin-
den, zu erkennen, zu verstehen. Hier treten nun nach einer anderen
Richtung der Betrachtung die Ursachen in einer andern Gestalt entgegen
warum ich in diesem Frühjahr Keilhau verlassen mußte.
So entfernt von Keilhau, dem Keilhauer Leben und dessen Rückwir-
kung, Einwirkung auf mich, in ganz anderen und mir in gewisser Be-
ziehung wieder fremdartigen Verhältnissen sahe und erkannte ich
nun, ich möchte sagen in Hundert verschiedenen Stufen und Formen
wie die Menschen von der Macht und Gewalt des Verstehens und der
Einigung der Herzen und Herzen, des Gemüthes und Gemüthes, des Geistes
und Geistes, des Lebens und Lebens und ich möchte sogar sagen der
Sehnsucht darnach unwiderstehlich ergriffen wurden, doch sie, nein
sie wagten es nicht, diese Macht, Gewalt und Sehnen zu ergreifen noch /
[68]
weniger fest zu halten oder wohl gar sich zum Bewußtseyn zu bringen[.]
Diese Erscheinungen nun, die mich selbst trafen und ergriffen nahmen nun
zur [sc.: zu] ihrer Bearbeitung, Klärung und Einigung alle meine Kraft in An-
spruch daß ich nur ihrer Verarbeitung leben mußte, nicht aber meiner
eigenen inneren Fortentwicklung leben konnte; ja diese Erscheinungen
stöhrten dadurch auf das Empfindlichste mein eigenes inneres Leben,
trübten und kälteten es weil sie meinen Muth und Hoffnung zur Erhebung
des Menschen so gewaltig niederschlugen indem sie mir den Menschen
in seiner größten Schwäche nicht ergreifend was doch ihn ergreift,
nicht festhaltend was doch ihn festhielt, so vielgestaltig zeigte.
So gänzlich in Anspruch genommen von der Be- und Verarbeitung leerer
nichtiger äußerer Lebensverhältnisse und Erscheinungen, mir gleich-
sam dadurch in mir selbst fremd, mich wenigstens nicht friedlich, freudig
und einig im Gefühl wie im Bewußtseyn ganz besitzend, noch nicht
das Allgemeine, die Menschheit als {Wesen/Gegenstand[}] klar auffassend und
in ihr ruhend so traf mich der 11te July, und so mußte nun mir
dort selbst nicht erklärlich die Erscheinung die seyn welche sie war:
es war, was dem Menschen so eigen ist, der Schmerz über die
Hingabe des Sinnbildes, ehe der Sinn desselben nicht nur noch nicht erkannt
sondern noch weniger von dem Leben und in das Leben aufgenommen
worden ist.
Jetzt nun da alles nach jeder Seite hin durch- und verarbeitet ist, jetzt
freue ich mich daß alles so kam wie es gekommen ist; denn nun so
in vielen Punkten und Richtungen hin durch die Vernichtung hindurch ge-
gangen, ist nicht nur ein neues klares frisches, junges Leben auf-
gegangen, wo möchte ich sagen das Herz nun wirklich das Herz,
das Gemüth den Geist und das Leben, Leben, Gemüth und Geist ge-
funden hat, sondern auch das alte Leben liegt erkannt und so
beruhigt und geklärt in der Vergangenheit denn nichts habe ich
nach keiner Seite hin unerörtert ungeklärt aus der alten mit in die
neue Zeit genommen, liegt in der Vergangen- /
[68R]
heit als, ja die so geklärte Vergangenheit selbst, erscheint als die
sinn- und bedeutungsvolle Mutter der sinnigen und bedeutenden,
so gemüth- als geistvollen, wahrhaft Lebenvollen Gegenwart.
Wenn ich manche Erscheinung meines innersten Gemüthslebens un-
berührt ließ, so geschahe es um endlich mit der Darstellung und
Mittheilung desselben zu einem Ziele zu gelangen, so erwähnte
ich auch des Eingreifens Deines Lebens sehr liebe Elise in das mein-
ne nicht, es ist auf das höchste einfach und klar in dem dargelegt,
was ich Dir an Deinem jüngsten Geburtstage aussprach: Ähnliches
in dem [sc.: den] Jugendschicksalen verbanden [sc.: verband] das Gemüthe dem Gemüthe; jetzt
nachdem Du dieß gelesen hast verstehst Du vielleicht den Sinn
jener Worte mehr, doch wirst Du finden daß überall durch
mein ganzes Leben nur das Einzig Eine durchgeht: Einigung
des Getrennten. Da Deine liebe Base jene Worte noch nicht
kennt, so theilst Du sie Ihr gewiß gern mit.
Was also mein Herz Gemüth und Geist von dem frühesten Kindes-
ahnen bis zum klaren Mannesbewußtseyn in den unendlichen
Stufen und Gestalten der That und des Lebens suchte; sie haben
es nun gefunden, die Menschheit die sie ersehnten, ich durch sie;
nicht nur in lebendiger Gestalt in sich haben sie es, und so ich gefunden
sondern auch außer sich und wie es dem männlichen Wesen zur
klaren und sichern Erreichung seiner Bestimmung nothwendig
scheint, nicht nur in klarer Anschauung im großen geistigen Gan-
zen außer sich, sondern auch gestaltet sich wiederspiegelnd in und
aus der ewigen Jugend eines kindlich weiblichen ihm gehörigen Ge-
müthes; denn schreibst Du mir nicht theuerste, geliebteste Wil-
helmine in Deinem vorigen Briefe: ”- das Herz voll jugendlicher
”Gefühle und Ahnungen wie in meinem 16en Jahre, wo ich dem
”Dürftigen mein Brot brach, dem Armen mein kleines Taschengeld  /
[69]
”theilte, den Hirtenkindern Kleider nähete - und in dem Lächeln
”des Säuglings, in dem freundlich liebenden Danke der Mutter die
”einzige Wonne, des Daseyns Recht zu Seyn, und recht zu thun empfand
”- liebend das All umschließend, lieg ich wie dortmals am Busen
”der Menschheit” Und so sind ja auch wir wie es ewig seyn soll
wo zwey Menschen in und zu einem Leben sich einen, und wie ich es
für Andere und mich immer ersehnte durch die Menschheit und in dersel-
ben geeint und des Lebens Einigung ist so durch sie geweyhet. Ein
großer Lebenskreislauf ist so vollendet. Ja, Geliebtes Weib! er
ist vollendet, wir dürfen es uns aussprechen und gefunden ist von
uns das Ersehnte, wir uns selbst und eines dem anderen;
Auch Ihr Hochgeliebte, Theure! habt gefunden was Euer Herz, Gemüth
und Geist ersehnt, möchte ich etwas dazu beytragen daß es Euch immer
in erhöheter schönerer Gestalt werde, Euch in welchen ich den geschlosse-
nen Kranz hoher Weiblichkeit sehe und sehen muß; denn sehe ich
in Ihnen liebe Schwesterliche Schwägerin nicht die klare, friedens-
volle Großmutter? - in Dir liebe Albertine die glückliche und be-
glückende Mutter, die glückliche Mutter glücklicher Kinder!- in
Dir liebe Emilie sehe ich die im Lilienmonat geborene liebende Gat-
tin des treuen Freundes! - l. Ernestine in Ihnen die treue töchterli-
che Freundin der treuen mütterlichen!- in Dir liebe Elise die
immer klare, in sich selbst ruhende Jungfräulichkeit!- und in
Dir Wilhelmine mein innig liebendes und innig geliebtes
treues Weib!-
Möge dieser Kranz reinen Frauenlebens, wahrer FrauenWürde
edler Weiblichkeit und klarer Jungfräulichkeit, dem Keilhauer
Leben noch lange, lange grünen und blühen; möge dieser Sternen-
Kranz hohen Frauen Sinnes ihm noch lange wie Ariadnes Krone
erglänzen und er kann es und wird es noch so lange, lange.-
Dieses zu wissen ist eine der reinsten Freuden Eures FrFr.
[Bogen] 35. /