Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 21.9.1831 (Wartensee)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 21.9.1831 (Wartensee)
(BN 445, Bl 50-53, Brieforiginal 2 B 4° 8 S. = Beibrief zum Brief an die Keilhauer Frauen v. 18.8./21.9.1831, tw. ed. H V, 301-304)

Schloß Wartensee am 21 Septbr 1831.


Mein herzliebes Weib.

Gewiß ist es Dir auffallend gewesen noch bis jetzt von mir keine Ant-
wort auf Deinen so lieben herzigen Brief vom 29 July erhalten zu haben;
in der Anlage findest Du den Grund und die Auflösung meines bisherigen
und so langen Schweigens gegen Dich. Schon seit Langem hegte ich in mir
den Wunsch und Vorsatz dem Keilhauer Kreise und vor allem Dir die
Geschichte meines Herzens, meines Gemüthes mitzuteilen. Die Mitthei-
lung meines Briefes vom 11en July an Dich und der Deinige vom nur eben
genannten Tage weckten nicht nur jenen Vorsatz in mir, sondern brachte
ihn auch so bald es mir nur möglich wurde zur Ausführung, und das
Angeschlossene ist nun die Frucht das Ergebniß davon, freylich sehr un[-]
vollkommen, denn das Ganze hätte einer ganz ihm hingegebenen wieder-
kehrenden Bearbeitung und da und dort noch einer tieferen Erfassung
und größeren Ausführung bedurft, dann wäre ich aber vielleicht gar nicht
fertig geworden denn das Leben drängt und zur richtigen Auffassung des
Ganzen ja zum wahren Eindringen in den Geist des Lebens schien es mir
oft besonders in der Vorführung des innren Lebens der letzteren Jahre
hinlänglich genug die Verhältnisse, das Leben und den innren Geist der-
selben nur anzudeuten, da ja das Leben selbst in seinen Erscheinungen
klar vorliegt. Diese Bogen sind zunächst zur Feyer des 11en und 16en
Septbrs Deines und unseres Lebensfestes geschrieben und sie sind
so ganz Dein Eigenthum, doch habe ich nun seit länger als 14 Jahren /:von
1817 eigentlich an:/ mein Leben nicht nur vor den Augen des Keilhau- /
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er Frauenkreises gelebt und sein und mein Leben, unsere Leben haben
so tief und so wechselseitig in einander eingegriffen, daß ich
dasselbe von dieser Seite der Betrachtung auch ihm vorzulegen
für Pflicht hielt, daher die zueigende Überschrift. Mein Leben
war nie ein Geheimniß und sollte in seinen geheimsten Triebfedern
nie ein Geheimniß seyn, darum habe ich nicht nur gar nichts dagegen
sondern es ist mir im Gegentheil ganz recht wenn der ganze Keil-
hauer Frauenkreis mein Leben als ein Ganzes zunächst nach der
Seite hin, welche so oft das ihrige, das seinige traf, kennen lernt.
Doch soll diese meine Ansicht für Dich mein theures Weib keines weges
bestimmend seyn, lies, prüfe, und entscheide allein da mein Brief
vom 11 Juli an Emilien, da Emiliens und Barops Mittheilung dessel-
ben an Dich doch der nächste Grund die nächste Veranlassung wenig-
stens zur jetzigen Niederschreibung dieser Bogen sind, so würde
es mir wirklich lieb seyn, ich gestehe es gern wenn Du diese Bogen
auch eben so unbefangen an sie mittheiltest wie sie jenen Brief
an Dich. Auch diese Bogen sind so frey und lebendig aus dem Leben
ab[-] und nieder geschrieben wie jener Brief und ich habe diese Bogen
eben so wenig zum zweytenmale gelesen als jenen Brief da dieß
jetzt eben so unmöglich als jenes dort. Middendorff, weiß ich, hat
mein Herzens- und Gemüthsleben viel beobachtet es wird ihm,
wie mir lieb seyn, wenn er dasselbe als ein Ganzes und von der
wahren, der innren Ansicht aus überschauen kann.
Du kennst und achtest Elisens klares, stilles sinniges Gemüth,
vielleicht hältst Du es auch mit mir gut wenn sie das Leben
ihres Oheims von welchem sie so manches Bruchstück kennt
nun auch als ein Ganzes kennen lerne. Genug die Darstellung /
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ist Dir zu Deinem freyen Gebrauche übergeben; denn ich bin ja fest
in mir überzeugt wie es in Dir nur lieb ist daß das Leben Deines mit Dir einigen
Mannes von allen urtheilsfähigen Gliedern des Kreises in seiner
Ganzheit, Innerlichkeit und Klarheit erkannt werde. Da aber doch
der Inhalt dieser Mittheilung zunächst Dir und dem Baropschen Paare
nahe liegt, so liest Dir und Euch auch wohl Barop diese Bogen vor
wenn das streng in einander gefügte Leben Euch dazu entweder
Abend spät oder Sonntags dazu ein Stündchen giebt. Vieles wird
bey[m] Lesen zu verbessern, manches Abtheilungszeichen zu setzen
seyn, denn, wie ich schon sagte, lesen konnte ich die Bogen nicht
noch einmal und alles steht so wie es nur eben in die Feder und
aus derselben floß.
Wenn Du die Bogen zu Ende gelesen hast wird Dir das hoffe ich
gewiß eben so klar als fest die Überzeugung geworden seyn
wie auch ich alles besitze was Deine Liebe mir wünscht. Klar-
heit, Friede, Freude. Ich bin durch das was ich habe und wie ich
es habe vollkommen befriedigt, die Reinheit und Wahrheit welche
ich immer in mir in meinem Leben wußte sie liegt nun auch
anschaulich vor mir. Reicht das Erdenleben noch höhere Stufen der
Klarheit, des Friedens, der Freude so weiß ich, daß ich in meinem
Bewußtseyn Wege und Mittel und Kraft besitze zu erreichen
wenn das Erdenleben, eben als solches unter der Bedingung von
Raum und Zeit stehend, mir dazu Raum und Zeit gewähret,
was mich aber ob oder ob nicht in Beziehung auf mich wenig
kümmert, und mir, wenn nicht, meine Klarheit, meinen Frieden
und meine Freude nicht ferner stöhren soll, da ich das Leben in mir
selbst gefunden habe und in mir selbst festzuhalten nun endlich ver- /
[51R]
stehen werde. Wir geliebtes Weib werden in Friede und Freude und
Innigkeit leben, da Du nun auch mein Leben gefunden und erkannt
hast und im Leben mit Bewußtseyn fest hältst wie ich immer
das Deine.
Du giebst Dir mein treues Weib so viele Mühe mein Leben
zu erkennen, das Deine geeint mit dem meinen zu verleben
und Du hast und thust recht, denn darin ruht und besteht zunächst
des Erdenlebens Bedeutung. Möchtest Du nun, veranlaßt durch
die hier folgenden Mittheilungen aus meinem Leben, mehr von
demselben wissen, möchtest Du mein Leben noch in andern Bildern
schauen, so lies die in den Mittheilungen gedachten Bücher in und
durch welche ich mich selbst fand und sahe: Novalis Schriften[.]
Hier, theils die Fragmente in Beziehung auf das Leben des Geistes
theils Heinrich v. Ofterdingen als Ausdruck und Bild des Gemüths[-]
lebens; hierinn kann Dir besonders klar werden wie das männliche
Gemüth ein einig Geistiges, so vielartig personifizirt, und
so wirst Du durch meine Mittheilungen den Ofterdingen und durch
diesen mich verstehen. Lies die "Ausprüche des reinen Herzens
und der philosophirenden Vernunft" aber wie das vorige in meinem
Exemplare sie stehen in der hintern kleinen Stube hier wirst Du
wegen der angegebenen Jahrzahlen zugleich finden, was zu ge-
wissen Zeiten vorwaltend meinen Geist und mein Gemüth be-
schäftigte und was es besonders als ihm verwandt erkannte;
lies "Greilings Jesus v. N." Du wirst ihn bey den philosophischen oder
Religiösen Büchern finden, und setze was dort als Bild steht in
mir als Streben und Leben, wo ich besonders oft durch die
Zeichen * [unklar] und *** [Sigma-Phi-Rho] /:d.h. Geist und Sphära:/ das Gleichlebige und /
[52]
und [2x] Gleichstrebige in meinem Leben in mir andeute. * [Chi] steht =
Gott; * [Xi] steht gleich dem göttlichen Geiste eines Menschen; * [Xi] steht
= dem göttlichen Geiste eines Kindes in Beziehung auf seine Eltern.
Siehe in dem von Dir bekommenen sehr lieben Buche "Marc-
Aurel
" die von mir angestrichenen Stellen und Du wirst mich
mein geliebtes theures Weib in meinen Bildungsstufen ver-
folgen können, in allen mich und Deinen Gatten wieder finden
und so wahrhaft in und mit mir fortleben können. Es wird
Dir nun gewiß sehr leicht einsichtig und begreiflich werden,
warum in den Zeiten des Gebrauchs dieser Bücher, wo gleich-
sam mein Innerstes selbst noch eydotterweich war, und für
sich selbst eben erst eine Gestalt gewinnen wollte, warum
ich da ungern einen Mitgebrauch des Buches sahe, denn der Mensch
muß in sich, auf gewissen Stufen seiner Entwicklung selbst erst
etwas klar bestimmtes seyn ehe er in und auf diesen Stufen
mit anderen in Wechselverkehr treten kann. Wenn vor allem
der Mann dieß nicht beachtet vernichtet er seine Individuali-
tät, d.h. sich selbst als ein bestimmtes Selbst als Person. Hat er
sich aber einmal als Selbst gefunden und hält sich als solches
fest dann läßt er frey mit sich schalten.
Willst Du nun, mein einziges Weib! mich besonders auf und
in der jüngsten Bildungsstufen [sc.: -stufe] kennen lernen auf und in welcher
ich besonders stand als ich Keilhau verließ, und auf und in welcher
ich noch zum Theil stehe, so ließ besonders die beyden letzteren
Gesänge in "Tiedge's Urania." Mein eigenes Exemplar
habe ich zwar hier bey mir, doch besitzt so wohl Albertine
als Emilie eines, jede wird Dir das ihrige gern geben; doch viel- /
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leicht ist Albertinens Exemplar das vollkommenere, wenigstens
ist es das bessere.
Wirst Du nun mit dem, was Du in den genannten Büchern findest
mein Leben, meine Rede und meine Handlungen verbinden,
so wirst Du ein klares treues Bild von mir bekommen; wirst
Du damit das einigen was ich in verschiedenen Zeiten um mich selbst
zu finden um mir selbst klar zu werden der Schwesterndrey
schriftlich aussprach, so ganz namentlich auch das was ich an dem
Weyhetag des kleinen Wilhelms Albertinen und an dem Einigungs[-]
feste Barops und seiner Emilie, allgemein aussprach, so findest
und hast Du mich selbst in meinem ganzen und innersten Wesen
und Leben und daß ich dieß wünsche in meiner innersten Seele wünsche
siehest Du mein Weib indem ich Dir nicht allein mein Leben so klar
als wahr darlege sondern Dich auch in den vollen Besitz der Mittel
und Wege setze Dich selbst mit demselben bekannt zu machen.-
Was ich Dir sonst noch, meine Wilhelmine! von meinem und über
mein jetziges und hiesiges Leben mitzutheilen hätte wirst Du in
dem Briefe ausgesprochen finden welchen ich noch an das Ganze
in dieser Beziehung zu schreiben Willens bin.
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Wohl höre ich daß viel mehrseitig im lieben Schweizerlande Krieg
und Uneinigkeiten herrschen soll, doch selbst vernehme ich fast nichts
davon. Ein Bataillon Unterwaltner ist vor einigen Tagen in klei-
nen Abtheilungen auf der Landstraße unter meinen Fenstern
nach dem Basler Biët (:wie man schweizerisch sagt:) gezogen; so
sollen von sehr vielen andern Cantonen Bataillone besonders
Scharfschützen dahin abgegangen seyn um dort Ruhe zu Hand[-] /
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haben bis der Friede hergestellt seyn wird oder vielmehr die
Eintracht. In Schwytz steht es immer beym Alten, die Herren
stehen wie im Canton Basel dem Lande noch schroff gegen über. Nach
dem allgemeinen Urtheil haben die Städter oder Herren höchst Unrecht
doch soll man wie sich das leicht erklärt von beyden Seiten zu weit ge-
gangen seyn; doch ihr [sc.: Ihr] wißt dieß aus den Zeitungen viel besser als
ich, der ich gar keine Zeitung lese und die Fama führt eine zu ver-
schiedene Sprache. Daß auch im Canton Neuburg die Regierung wie-
der seit glaube ich 8 Tagen abgesetzt ist wißt Ihr wenn ihr dieß
leset längst aus den Zeitungen. Hier im Canton Luzern ist äußer-
lich alles ruhig, doch soll es viel der Mißvergnügten geben, denn
die Patrizierfamilien, Herren und Junkern wie sie hier genannt
werden (:es ist dieß der eigentliche Schweizeradel:) haben viel haben
den größten Theil ihrer Vorrechte, die besonders im ausschließenden
Besitz der Regierungsgeschäfte bestanden, verlohren, und sie dürfen
keinesweges mehr als Junker auftreten und sich auszeichnen d.i. her-
vorheben. Weil nun aber die Unruhen immer von neuem ausbrechen
so lebt man auch hier wie wohl überall wegen der Zukunft in Sorgen.
Auch die Cholera erweckt wohl die Furcht im Canton Zürich und
Tessin sind Garantänen [sc.: Quarantänen] Vorkehrungen getroffen; doch wird glaub
ich hier stark die Frage bearbeitet ob Sperrungen überhaupt gut
seyn. Mehrere Ärzte aus jedem Canton so auch zwey aus Luzern
sind nach den Gegenden wo die Cholera wirklich herrscht von Seite
der Regierungen gesandt worden um die Behandlung der Krank-
heit zu studieren. 100 Tage höre ich muß jeder Arzt abwesend, d.h.
vielleicht am Orte der Krankheit, seyn und bekommt jeden Tag 2 
Carolin, à 6 2/3 Rth. /
[53R]
Bey dieser Veranlassung will ich doch auch sagen daß ich mich jetzt
körperlich außerordentlich wohl fühle; doch nehme ich immer mehr
den Einfluß der Witterung wie den des Zustandes des Geistes
auf denselben wahr.
Seit ein Paar Tagen haben wir abwechselnd sehr heiteres und
dabey auch laues, ja warmes Wetter; es thut dieß sehr wohl, denn
wir haben hier wohl ganz dasselbe Wetter gehabt wie Du mir das bey
Euch schilderst, oft außerordentlich starken und anhaltenden Regen.
Der See bey Luzern, der Vierwaldstädter See dessen Ausdehnung mehr
die Anschauung giebt als daß er sich nach Länge und Breite bestimmen
läßt war gegen Ende August ich glaube in kurzer [sc.: kürzerer] Zeit als ½ Tag um
mehr als einen Fuß gestiegen; etwas fast Unglaubliches, wodurch die
Reuß die aus dem See kommt und durch Luzern fließt hoch in manche
Straßen getreten ist. Großer Wasserschade[n] soll da geschehen seyn
auch noch im Laufe dieses Monats bis Schwytz. Auch der häufig in
diesem Sommer auf den Alpbergen gefallene Schnee, besonders der
zuletzt noch zu Anfangs dieses Monats gefallene und sich bis an den
Fuß des Rigi und Pilatus erstre[c]kte, jetzt aber auf diesen Vorberg[en]
zum Theil wieder geschwunden ist, hat großen Schaden in den Heerden
gethan Tausend vom kleinen Vieh, Ziegen und Schafe und selbst großes
Rindvieh soll viel durch die Schneelawinen in den Hochbergen umgekommen seyn.
Fräulein v. Hertenstein hat mir Grüße, herzl. an Dich aufgetragen.
Ich las ihr die Zeilen vor welche Du mir in Beziehung auf sie schriebst. Sie
sagte es mache ihr dieß ganz warm. Willst Du ihr einmal ein Paar Zeilen
schreiben so werden ihr dieselben gewiß Freude machen doch müssen sie sehr einfach seyn, denn sie ist auf das
höchste einfach und keinesweges ein gnädiges
Fräulein (was überhaupt kein schweizerisches Fräulein ist) wohl aber ein gütiges.
Am Sonntag war ihr 43 Geburtstag. Sie ist oft sehr leidend, ruht auf der Gemüths-
seite und hat doch was dabey merkwürdig ist ein großes Wissens[-]Streben, oder vielleicht mehr Wissenslust.
Nun Gott befohlen theures Weib. Grüße alle die Kinder namentlich ChrFr: und Ludowika. Jetzt konnte ich unmögl. ihnen schreiben so sehr sich
mein Herz und Geist darnach sehnt. Es würde mich unaussprechlich glücklich machen jetzt wieder eine längere
Zeit in Keilhau unter den lieben Zöglingen zu leben. Ich grüße alle und jeden einzeln. Da Du mir von Titus gutes
schreibst so grüße ihn auch besonders, doch nehme ich nicht gern einen hervor. Nun schreibe mir auch bald wieder. Dein FrFr.