Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 21.9./25.9.1831 (Wartensee)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 21.9./25.9.1831 (Wartensee)
(KN 29,4, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

Schloß Wartensee am 21. Septbr 1831.


Barop!

Eben komme ich aus der Stube meiner Wohnung
welche eine Aussicht hat, ähnlich der aus Euren Zim-
mern; es ist Abends eben 10 Uhr; aber welch'
ein Abend! so schön wie noch kaum einen in der
Schweiz erlebt, der Himmel nur eine heitere Klar-
heit der Mond im vollen Licht, der Jupiter im vollen
Glanz nur die Königin und Königinnen der Sterne
lassen sich noch sehen ein Attaier und eine Wega
und die sich an sie anschließen alle anderen treten
bescheiden zurück vor der Schönheit der Nacht;
das wäre nun wohl Aufforderung Deinen
und Deiner Emilie Brief zu beantworten
um so mehr als mir die Antwort fast im
Leben desselben entgegen trat und seit jener
Zeit oft wieder aufgefunkt, doch still noch
im Gemüthe ruht; doch heute kann es noch
nicht geschehen morgen habe ich noch einen Brief
an welchem mir viel liegt an das Ganze /
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zu schreiben und ob ich für den Gegenstand Eu-
res Briefes, zumal bey meiner heutigen, tief
im Allgemeinen ruhenden Stimmung, heute
das Ende finden würde weiß ich nicht; also
sey hiermit die Antwort auf Euren Brief auch
aufgeschoben, sie ist vielleicht auch gar nicht nöthig
zu schreiben, denn [in] meinem Gemüthe ruht eine Welt
welche der jetzigen Zeit noch zu fern ist, ich fühle
es täglich stets mehr, drum find' ich auch täglich
mich mehr.
Da einer meiner Briefe so groß geworden
ist daß ich ihn doch durch die Packetpost schicken
muß so benutze ich diese Gelegenheit
erstlich Dir Dein Eigenthum nemlich die
Briefe zurück zu schicken welche ich Dir nach
Westphalen im Frühfrühjahr dieses Jahres
schrieb. Es war nicht zwecklos daß ich
mir sie von Dir für diese Reise erbat; in
Frankfurt gab ich sie mit gutem Vorbedacht
dem Legationsrath v. Holzh. zu lesen, sie /
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verfehlten ihren Zweck nicht, denn diese Art Menschen
die keine andere Verbindung kennen als die einer
Verkettung und keine andere Vereinigung als
die einer Vereidung d.i. eine Art kleiner Ver-
schwörung die finden sich mit ihren Schiffen bey Wind-
stille auf dem endlosen Weltmeer' wenn sie per-
sönliches Freystehen finden und einen leise wehenden
führenden Geist für welche ihre Segel zu schwer sind. We-
nigstens der Herr Leg R. v. Holzh. versicherte
mich daß diese Briefe ihm - der immer Keilhau
mit der Demagogie verwandt wähnte - das
unerwarteste Resultat gegeben hätten, wegen
der Freyheit mit welcher ich die Mitarbeiter
bis auf den letzten Augenblick hinstellte.
Du weist daß ich durch Deine Reise über Frank[-]
furt a/m veranlaßt im März d. J. einige Briefe
dahin schrieb. Meine jetzige persönliche Gegen-
wart in Frankf. überzeugte mich, daß diese
Briefe nicht den Zweck erreicht hatten den ich mit
ihrem Schreiben verbunden hatte: Sich selbst finden
und Finden des Lebens, bey denen an welche sie /
[2R]
geschrieben waren und so ließ ich nun sie zurück
geben. Ich schicke sie auch jetzt mit nach Keilhau
zurück. Willst Du so kannst Du den Brief vom
25 März d. J. Deiner Emilie zu lesen geben; sonst
wünsche ich nicht das weiterer Gebrauch davon
gemacht werde und Du oder Middendorff kann
sie zu meinen Papieren in meinen Schreibtisch
legen. Im Allgemeinen könnt Ihr wenigstens
sehen daß ich keine Mühe gescheut habe mich
mit den Menschen zu verständigen, daß auf
diesem Wortwege aber nach keiner Seite hin
etwas zu erreichen war.
Ein solcher Beweis ist auch der Brief an Dr
Krause
in G. der eben deßhalb auch mit
zurück folgt; damit diese Art Papiere sich nicht
zu sehr zerstreuen. Meinst Du oder Middend:
daß ihr Lesen d.i[.] das Lesen dieses Briefes an
Kr: Wilhelm oder Ferdin: nutzbar seyn könnten
so könnt ihr sie ihnen mittheilen.
Zu diesem Zwecke lege ich aber mit Bestimmt[-]
heit die Bogen bey die ich im Jahr 1827 über /
[3]
mich und mein Leben nieder schrieb. Du kennst
den Inhalt dieser Blätter; ich habe sie nie
wieder gelesen Du kannst also entscheiden
ob ihr Lesen für einen der beyden Brüder oder
sonst nutzbar sey, es bleibt Dir dieß ohne
weitere Nachfrage überlassen. Es schien
mir in diesen Tagen einigemal als sey es
für das Ganze vielleicht gut, wenn man in
der Zeit meiner persönlichen Abwesenheit
von Keilhau, mich vielleicht mehr in mei-
nem inneren Leben und Wesen kennen
lernte zumal da innere und äußere Offen-
heit und Klarheit mir überhaupt das Fun-
dament meines neu begonnenen Lebens
ist. Überhaupt müßt Ihr die Zeit in Keilhau
in Beziehung auf die Fortbildung des Allgem:
durch das Einzelne und Besondere auch weise
nutzen, denn wer vermag die nächsten For-
derungen an das Einzelne und an das Ganze
bestimmen, wenn ich auch nach keiner der beyden
Seiten hin eine mache. /
[3R]
Da auch Wilhelm wohl gern seine Sachen
zusammen hat so schicke ich ihm hier seinen
deutschen Aufsatz zurück welchen er bey Ge-
legenheit seines Examens gemacht hat; er
wird ihn doch als erstes Document seiner
geistigen Freythätigkeit lieb seyn.
Nach und nach schicke ich alles zurück wenn
ich es nicht selbst zurück bringe, so die Farben-
übungen von Felix, Gustav, Titus deren
Lehrgang sonst zerrissen wäre und was
ich sonst von Einzelnen dieser Art bekommen
habe; Du kannst es ihnen gelegentlich sagen
so wie meine herzlichen Grüße an Alle.
Wenn aber ich zurück komme weiß ich
nicht, so wie ich überhaupt nichts mehr zu sagen
und zu schreiben weiß als daß ich Dich herz-
lichst grüße und daß ich Dich bitte Deine
Gattin von mir zu grüßen. Lebet nun
wohl!-
FrFr. /

[4]
Am 25en Septbr Am Sonntag vor Michaelis Abends 8.
Sagt Ihr innig Geliebten Theuren! Hattet Ihr heute auch
einen so herrlichen Sonnenuntergang? und vor allem
einen so prachtvollen Wiederschein am Himmel nach
Sonnenuntergang?- O! welch ein seltener ein-
ziger Abend war dieß! Der Himmel voll hoher
Gluth und doch auch im Innern derselben die rein-
ste Klarheit: In der Gluth las ich Eurer Seelen
Grüße, sand[t]e Euch die meinen, in der Klarheit
las ich Euren Seelenfrieden, zeigt ich Euch den mei-
nen. Und die Erde von der Gluth durchdrungen von
der Klarheit erhoben wie hob sie ihre schneeig
blendenden Berge zum Himmel, wie der Mensch
seine reine klare Brust erhebt und sie dem rein-
sten klarsten Leben weyhet und dazu
Von der Thürme, von der Berge Höhn'
      das Getön
rufend zum Gebet.-
Ja der Mensch, er wäre wohl edel, er wäre wohl gut
hätt' ers zu seyn in der Seele den Muth.
Ein unaussprechlich schöner Spaziergang war es!-
Ihr alle und alle habt wohl heute gewiß einen
nicht minder schönen Spaziergang gehabt, und doch
wünschte ich Euch hierher; mich mindestens freuend
diesen Spatziergang erfunden zu haben, um ihn einst mit
Euch wieder gehen, Euch alles das Schöne zeigen zu /
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zu können, was er in sich vereinigt.
Und nun der Heimweg: gerad vor mir im Auf-
blick den Attaier, mit seinen ganzen schönen Chor um
und unter sich in dessen Mitte die in ihrer tiefsten Bedeutung noch nicht erkannte Myrthenkrone,
wenig links den Schwan, weiter
nach dem Horizont in gerader Linie abwärts den
herrlichen Schwan Jupiter. Gerad über mir im Zenith
die Wega, der Stern der Harmonie, des Einklangs;
für mich die schönste sinnvollste Stellung des Himmels im Jahr;
rechts und links die beyden Dreyen: die Cassio[-]
peia und die Crone im Rücken alle die Pracht
des nördlichen Himmels, daß man nicht weiß
wohin man sich wenden soll.
Fällt der Blick nun wieder in die Tiefe
auf die Erde: das Feuer des Himmels hat den
See glühend gemacht, und die Sterne, nicht genug
an ihrem Himmelsglanz, wiederspiegeln sich im
See den die Gluth nicht erreicht; und das Land?
nun, das Land will auch nicht zurück bleiben,
denn Lichtwürme, der Erde Sterne sind in Menge
ausgestreuet wie Sternbilder im schon feuchten
Grase zu beyden Seiten des Weges.-
So der heutige Abend wo ich Euer aller viel gedach[-]
te; Ein Abend wie vor 20, 25 und mehr Jahren: -
Allein, ganz allein mit Gott und der Natur; stillpfle[-]
gend die Menschheit im stillen Gemüth bis sie einst
erscheine den Menschen zum Frieden.- Gute Nacht.
Auch der klare Mond ist während ich schrieb am klaren Himmel herauf gekommen. Wie bin ich so reich!-