Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an >Keilhauer Gemeinschaft< v. 23.9./29.9.1831 (Wartensee)


F. an >Keilhauer Gemeinschaft< v. 23.9./29.9.1831 (Wartensee)
(KN 30,1; Brieforiginal 14 B 4° 55 S. u. Abschriftfragment 95 S.)

[Bogen] A.
Schloß Wartensee am 23en Septbr 1831.


Wilhelmine,
Caroline und Christian Fröbel,
Albertine und Wilhelm Middendorff,
Ernestine und Heinrich Langethal,-
Emilie und Johannes Barop,
Wilhelm, Ferdinand, Elise.


Euch allen meinen aufrichtigen und herzinnigen Gruß!
Und allem zuvor der Wunsch und die Bitte an alle, daß Ihr auch diesen Brief lesen möget.
Es liegt meinem Gemüte und Geiste Euch zu sagen soviel
vor daß mir es wirklich schwer fällt, die Menge desselben
in mir zu ordnen; wenn manches darinn voran steht was vielleicht erst später hätte eingeführt werden sollen so müßt Ihr deßhalb
wohl Nachsicht haben.
Ich höre daß unter Euch die Meinung leben und sich ausgespro-
chen haben soll, als sey ich schon mit der bestimmten Ab-
sicht von Keilhau weggegangen irgendwo eine neue Erzieh-
ungsanstalt zu errichten; dieser Gedanke ist aber gar nicht
in meine Seele gekommen, wohl aber die Gedanken durch das
sich in Süddeutschland überhaupt mehr regende Erziehungsbe-
dürfniß und durch das Lenken des Blickes nach Befriedigung
dieses Bedürfnisses auf Keilhau, Keilhau in seinem Wesen und
Wirken anerkannt zu machen. Frankfurt a/M wählte ich zur Erreichung
dieser meiner Absicht noch zwei andern Rücksichten wegen (gleichsam)
gleichsam als Standort und Mittelpunkt, einmal um die Interessen /
[1R]
der Erzieher von Frankfurt, namentlich der Musterschule daselbst, deren Director sich mehrseitig sehr eingehend und teilnehmend
für mein Erziehungsziel ausgesprochen hatte, mit den Interessen
von Keilhau zu verknüpfen, besonders aber um dieser oder jener
Regierung, da Frankfurt der Sitz des Bundestages ist, eine rich-
tigere Ansicht von den eigentlichen Erziehungsgrundsätzen, eine
wahrere Einsicht in das eigentliche Erziehungswesen Keilhaus
zu verschaffen, um so vielleicht nach und nach eine unsichtbare
Fessel von dem Keilhauer Erziehungsleben zu nehmen, die läh-
mend auf dem ganzen deutschen Erziehungswesen ruht.
Wenn ich nun die Ergebnisse meines Aufenthaltes in Frank-
furt auf das aller strengste nach diesen Rücksichten prüfe, so
muß ich nun doch der Wahrheit gemäß bekennen daß von
jeder dieser Absichten etwas erreicht worden ist. Nicht nur
viel Vorurtheile habe ich zerstreut, sondern auch noch überdieß
nach vielen Seiten hin unmittelbar richtige Einsichten und darauf
sich sich [2x] gründende Theilnahme verbreitet. Ich habe mich von Frank-
furt aus hierüber so klar als wahr ausgesprochen ganz in dem
Maße als sich jedes vor meinen Augen entwickelt hat, und ich
bitte hierüber meine Briefe von Frankfurt aus nachzulesen; dort
leset Ihr wie Männer den Bundestagsgeschäften vertraut nun anders
als früher über Keilhau denken und so darüber zu denken sich überzeugt
haben als ich selbst denke, dort leset Ihr wie es dem Director der Musterschule in Frankfurt wirklich Ernst ist für seine Anstalt einige
junge Männer durch mehrjährigen Aufenthalt in Keilhau bilden
zu lassen, dort leset Ihr daß selbst Väter für ihre Söhne Keilhau
als einen Bildungsort in die Augen gefaßt haben.
Wenn Ihr nun von allem diesen noch keine Spur in Keilhau
[2]
bis jetzt gezeigt hat [sc.: bemerkt habt] so liegt der Grund darinne, daß sich die Teilnah-
me an einer ächten Menschenerziehung unglaublich langsam zu
einer Blüthe und noch langsamer zu einer Frucht entwickelt, weil
weil [2x] die Lebensinteressen der Menschen jetzt unglaublich zertheilt
ja sogar furchtbar zerrissen sind, so daß jeder Mensch ich möchte
sagen mit Furcht und Zittern fühlt, nur in einer wahrhaft mensch-
lichen Erziehung liegt das Mittel die Befriedigung des Entgegen[-]
gesetzten zu einigen aber eben darum nicht wagt dieses einzige
Mittel zu ergreifen.
Darum, Ihr, Geliebten, Theuern! wie auch alles schwankend und unsicher um uns erscheine, so daß ich fast täglich höre: “man
”mag in der jetzigen Zeit gar nichts unternehmen, denn es hat
”nichts Bestand, nichts kann man darum zum Ziel zum Zweck
”führen” so muß man einen so großen so sichern Lebensplan
machen der nicht nur ein, nicht nur mein Menschenalter, son-
dern deren wenigstens drey umfasse das heißt vom Großva-
ter bis zum Enkel gehe; denn Theure! machet es Euch recht klar,
und habt Ihr es klar, so haltet es fest: nur das Vergängliche
zerfällt, fällt ab und vergeht; das Bleibende, Ewige blei-
bet und der Mensch in sich ein Geist und darum ein blei-
bendes, ewiges Wesen. Geliebte ! ich habe keine Kinder und
doch empfinde, denke und handle ich, als sollte mein eigen persön-
liches Geschlecht nie untergehen; ich empfinde, denke und handle
als würde in jedem Kinde dessen Geburt mich berührt mir ein Enkel
geboren und freue mich daß er die Blüthen und Früchte von dem ern-
ten wird das ich säete, ja ich freue mich schon wenn ich auch nur
denke daß er erst in das Land säen wird welches ich erst umro-
dete, und in dieser Freude habe ich gleichsam schon meinen Lohn /
[2R]
voraus. Erlaubt mir daß ich Euch ein Beyspiel geben darf.
Ihr wißt Emil Schwartz ist jetzt in Frankfurt Hauslehrer.
Wie sein Bruder bey uns Zögling war und er in Rudolstadt
lebte kam er wohl auch dann und wann nach Keilhau; aber
Ihr wißt auch die Lehrmittel zogen eben nicht seine Auf-
merksamkeit auf sich. Jetzt kommt er nach Frankfurt, ich muß
auch Keilhau verlassen und nach Frankfurt kommen. Anfangs
zeigt er auch wieder zwar herzliches aber nur persönliches Inter-
esse; da läßt eine Frau mich durch ihn dringend bitten doch ihren
Neffen (: es war dieß eben Herr Kosel Vorsteher der Taubstummen-
anstalt zu Frkft :) doch freundlich aufzunehmen wenn er Manches
von mir zu hören zu mir käme. Schon war meine Reise nach Keil-
hau bestimmt, ich glaube das erstere mal, denn ich wollte mit Be-
stimmtheit zwey[-] oder gar dreymal von Frankfurt nach Keilhau zurückkehren. Dieß lebendige Interesse bestimmte mich augenblick-
lich noch einige Zeit in Frkf zu bleiben, denn endlich schien etwas auf zutauchen was ich in Frkf. gesucht und gehofft hatte - (: laßt nicht unbemerkt nachdem ich schon gänzlich darauf in mir verzichtet:) -
ich sagte nur: er möchte kommen ich würde ihm alles klar vorfüh-
ren; da erwiderte Schwartz schnell: auch er möge gern dabey
seyn, weil er gern die Sache mehr vom Anfang und besonders
etwas ausführlich dargelegt wünschte. Ich sagte ihm nun: “Wenn
”dieß dein ernster Wunsch war konntest du mir es nicht früher
”sagen, wir hatten ja Zeit genug dazu ! und nun laß uns gleich
”anfangen!” wirklich fingen wir stehenden Fußes an und seit
dieser Zeit kam, wie ich es Euch ja schon schrieb Emil Schw. alle
Tage von 7 oder 8 bis 1/2 11 Uhr zu mir um zu arbeiten. /
[3]
[Bogen] B Er gieng den Lehrgang im Zeichnen bis zum Figurenerfinden aus Flä-
chen ganz durch. Er sahe täglich wie Kosel, ein Vorsteher und schon mehr[-]
jähriger praktischer Arbeiter von 5 bis 1/2 7 bey mir arbeitete, wie
dieser mehrere Gegenstände namentlich auch die Sprache durcharbeitete;
Er sahe wie in dem v. Holzh. Hause man so viel und anhaltend
darinne arbeitete u. s. w. meint Ihr wohl daß dieß für den
Schwar[t]z ohne Folgen bleiben werde, zumal da ich fast glauben kann daß durch meine Anwesenheit in Frkf. seine Hauslehrer Verhält-
nisse das heißt sein erzieherisches Wirken daselbst einen festern
Boden erhalten hat ? - und für Keilhau ? - Dieß ordnet sich schnell zusammen: Ihr kennt seine Familienverhältnisse in Rudolstadt,
genug ich sehe ihn einst als Generalsuperintendent in Rudolstadt.
wann ? - Das thut nichts zur Sache, lebe auch ich nicht mehr, so
wird doch mit Gott Keilhau mindestens als rein menschliche Erzieh[-]
ungsanstalt noch leben und meinet Ihr nicht sie könnte dann auch
eine vaterländsche und vielleicht so weiter noch in der That eine allgemeine deutsche Erziehungsanstalt werden ? - Seht so muß der Mensch der Sache entrückt werden um ihr nahe zu kommen: Schwar[t]z mußte mindestens 60 Stunden von Rudolstadt entfernt werden
um wenigstens etwas Gründliches von dem 1 Stunde von ihm ent-
fernten Keilhau zu vernehmen. Vorher wäre sein Interesse an
Keilhau immer nur ein äußerlich freundschaftliches gewesen wie
es jetzt gewiß ein innerlich befestigtes ist. - Ob es aber auch noch
in der Zukunft ein solches bleiben und ob alles so kommen wird wie
ich es hier im Hintergrunde heraufschimmern ließ? - Kann seyn,
kann nicht seyn! Mir ist fast beydes gleich darum will ich es sich
ruhig entwickeln lassen. Aber hört weiter:
An Keilhau nun nahm Schwar[t]z früher ein Interesse, wie man /
[3R]
nun eben ein Interesse an einer Sache seines Vaterlandes oder vielmehr seiner Heimath nimmt, - an der man kein Interesse
nimmt.
Ich kehre nun von Frankfurt nicht zum MutterKeilhau zurück, sondern zur Geburt eines TochterKeilhaus nach der Schweiz und
nach Wartensee; ist dem Schwar[t]z dieß nun gleichgültig? – oder
ist er traurig daß das was er als ein Gut achtet auch anders
wo wenigstens Wurzel schlägt wenn auch sich nicht weg wendet? -
Hört ihn selbst in einem Briefe an Schnyder:
Frankfurt a/m 27. Aug. 1831.
“Gott zum Gruß!”
“So eben noch mit der Abschrift der - von Fröbel an von Holzhau-
sens eingesandten - Documente über die Wartenseer Erziehungs-
anstalt beschäftigt, wird mir durch die Güte der Fr. Speyer die eben
so freundliche als schätzbare Gelegenheit
“Ihnen und Fröbel”
“ein dreyfaches “Hurra” aus liebewarmer und voller Brust
”zuzurufen und des Himmels besten Schutz und reichsten Seegen
“auf das Schloß Wartensee zu wünschen!” u. s. w.
Was meint Ihr nun wohl Theure! schreibt Schwartz die Dokumente
(es sind die beyden ersten von der Regierung) ab weil er ein laulich warmes Interesse für eine heymatliche Anstalt hat? – Glaubt,
Ihr er würde sich um Keilhau willen die Mühe gegeben haben nur
halb so viel abzuschreiben? - Glaubt Ihr er wird das Abgeschrie-
bene für sich als Notiz in den Schreibtisch legen? - Glaubt Ihr er
würde Keilhau nur ein einfaches “Hurra” zugerufen haben wenn es
ihm auch schon als kräftiger Knabe entgegengetreten wäre? -
und Wartensee ist kaum geboren! - Glaubt Ihr er würde je /
[4]
in das einsame verlassene Keilhau “des Himmels besten Schutz
und reichsten Seegen” gewünscht haben, welches doch nur einzig
durch Gottes Schutz und Seegen besteht? - und doch ist Keilhau
in seinem Vaterlande, in seiner Heimath und sein Bruder wurde
lang mit Aufopferung darinn erzogen! Seht so ist der Mensch:
nehmen muß man ihn und in die Ferne rücken damit er schätze
was er als Eigenthum und in der Nähe kaum achtet! Aber eben
weil nun der Mensch so ist wie er ist, so handelte und handele ich
so wie ich handelte und handele, und es dünkt mich es ließe
sich doch einsehen, daß, wenn es auch scheint als habe ich nun eben heute und morgen und dieß Vierteljahr nicht vor Augen, ich
doch recht habe. Daß ich aber auch nicht nur heut und morgen
und dieß Vierteljahr und mehr sondern eben nur das ganz augenblickliche J[e]tzt vor Augen habe doch davon ein andermal
wenn unter Gottes Schutz und Seegen die Thatsachen vor unser
aller Augen liegen werden. Seht liebe Theure so war und so
ist mein Handeln immer recht und tief begründet; es ist nicht
nur recht sondern auch tief gegründet, denn es sollte ein Bau
werden, nicht wie man von einem Thurm- oder Hausbau, sondern
wie man von einem Weltbau spricht dessen Jahrhunderte ich
nicht vorher bestimmen wollte; aber leider eben weil der Grund
so tief lag war er eben so schwierig zu sehen als er schwierig sicht-
bar zu machen war und ist, denn wer wagt es sich im Bergmanns[-]
kübel an dem zerreißlichen Seile das leicht verlöschende kleine Grubenlicht in der Hand in die Tiefe zu lassen dort den von Gott
selbst gelegten Felsengrund zu schauen, selbst zu schauen! -
Darum, Ihr Lieben weil man wenig den Grund sahe, weil kaum wenig ich ihn sichtbar machen konnte, darum wagte fast immer Nie-/
[4R]
mand sich unbefangen und ganz diesem innern kaum wahrnehmbaren
aber ewig sichern Grunde hingebend anzuvertrauen; ich selbst wagte es durch die unmittelbar nächsten Erfahrungen eingeschüchtert
kaum und nur mit Zagen da doch die innersten Forderungen zu un-
widersprechlich sprachen und drangen, denn der Mensch auch der eigenthüm-
lichst, selbstständig sich heraufgebildete ist immer ein Ergebniß, ein Zögling seiner Zeit und so wirken auch die Mißgriffe und Vorurtheile seiner Zeit noch in ihm und durch ihn fort. - Wo es mir so unschuldig, natürlich, ja wo es mir sogar moralisch, sittlich recht erschien ruhete
ich wenigstens, suchte ich wenigstens auf noch andern äußeren Gründen
als dem einzig nothwendigen innern Grunde mit zu ruhen; doch das Äuße-
re mindest Zweyte auf welchem wenn auch nur zum Theil, mit geruhet wurde, ging unter oder schwankte wenigstens, und so schwankte
auch wenigstens das darauf gebaute, darauf mit gegründete Werk,
ja wurde vielleicht sogar, vielleicht ganz in dem Maaße als diese
zweyten hinzukommenden Gründe natürlich und moralisch, sitt-
lich recht erschienen in seinen Grundfesten erschüttert; wir
alle haben ja das tief empfunden was braucht es darum noch
ein Wort! - Ein Denker und Bewegungskundner (: Mechaniker, Mathematiker:) noch nicht so gar lang verflossener Zeit sagt:
Gebt mir einen Punkt (: einen Ruhe-, einen Stützpunkt) außer
der Welt und ich bewege die Welt. Dieser Punkt außer der
Welt ist aber des Menschen Tiefstinnerstes, wie denn auch Leopold Teske so schön als wahr in seinem jüngsten Brief an mich sagt von Keilhau, daß es außer der Welt
lebe, weil die Menschen Keilhaus in ihrem Innersten leben, leben
ihr Innerstes zu erfassen und darauf ihr Leben als Erscheinung, Handlung, That zu begründen. Darum muß der Mensch dem es
um wahre Erfassung um sichere (: sich - er :) Begründung seines /
[5]
[Bogen] C. Lebens und alles Lebens zu thun ist das Innerste festhalten, fest am Innersten halten wie schwach er es auch wahrnehme.
Seht, Geliebte! darinne haben wir alle mehr und minder und ich viel-
leicht von einer Seite der Betrachtung her am meisten gefehlt daß
wir die innerste Grundwahrnehmung unseres Gemüthes, Geistes
und Lebens nicht in ihrem Wesen fest genug hielten, und uns, wie
es natürlich war durch unerwartete Äußere Erscheinungen – denn
unser Leben, möchten wir alle das unaussprechlich Wichtige dieser Wahrheit recht tief in demselben wirksam seyn lassen! – unser
Leben ist wie in seinem innersten Wesen so in seinen äußeren Erscheinungen als ein Ganzes, eine Einheit noch nie in der Zeit Da-
gewesenes - in der innern Festhaltung der innersten Grundwahr-
nehmung stöhren ließen und gerad im Anfang in den ersten Zeiten immer
stöhren ließen eben wo festes tief im Innersten begründetes Ver-
trauen die erste aller Forderungen gewesen wäre. Ja Ihr Lieben!
das könnt Ihr felsenfest glauben: wäre unser Wollen und Streben
das innerste Ziel des Ganzen nicht so tief als wahr begründet und in Beziehung auf die Stufe der Menschheitsentwicklung so eben Zeit-
gemäß, Zeit recht gewesen, wären wir nicht so Gemüths-,
Geistes- und Körpergesunde Menschen wie wir sind, selbst Dich
meine Frau mit eingeschlossen, so hätten wir nothwendig viel-
seitig zu Grund und untergehen müssen; doch die Vorsehung
wollte uns vielleicht aber dadurch jenes so wahr als tief gegrün-
dete und zeitrechte unseres, nein! nicht unseres, sondern von ihr
in uns gelegten Strebens recht eindringlich machen, ja so tief fühl-
bar eindringlich machen, wegen der großen Wichtigkeit die auf dessen auf[-] und Durchführung für die Menschheit, ja schon für die jetzt leben-
den Menschengeschlechter beruhet.
[5R]
Doch nicht dieß eben Bezeichnete ist es allein worinn wir Ihr Lieben!
gefehlt haben, und was wir uns so offen als klar gestehen müssen
wenn wir von nun an Bahn ebener, Weg gerader, Ziel sicherer
und im Wandeln freudiger und freyer des Lebens höchsten Preis er-
ringen wollen; wir haben weiter mehr oder minder alle und ich
wieder nach einer Beziehung hin wohl wieder am meisten in einem Punkte gefehlt welches zwar wohl mit der vorhin erwähnten Er-
scheinung zusammenhängt, welcher Fehler aber doch in so weit von dem vorigen unabhängig ist, als er auch dann noch hätte erscheinen können wenn selbst der vorige nicht statt gefunden hätte: Ich
meine das Zusammengreifen und Eingreifen der verschiedenartigen persönlichen Wirksamkeiten und Kräfte gerad in einem und
eben-demselben wichtigsten Augenblick bey einer und ebenderselben
gerad eben jetzt nothwendigen Gemein- oder vielmehr Gesammt-
that aller. Gerad hierinne haben wir nun das Ganze sehr oft
im Stiche gelassen auf eine fast unbegreifliche Weise ihm den Rücken gekehrt ein Jeder zu seinem eigenen und wir zu unser aller und
dem Ganzen fast unausbleiblichen Verderben. Erlaubt mir
an einem Bilde klar zu machen was ich eigentlich meine und im
Auge habe.
Ihr alle kennt ohne Unterschied die ganz allgemeine Lebenser-
fahrung, daß wenn eine große Last zu heben, überhaupt zu be-
wegen oder sie in ihrer Bewegung aufzuhalten ist, daß es zur
Erreichung des Zweckes ein Zweyfaches nöthig ist; einmal die
Richtige Vertheilung der Kräfte, dann aber ganz vorallem
das völlig und ungetheilt ganze gleiche zeitgemäße Zusammen-
und Einwirken aller Kräfte; wenn eine Kraft nur um
ein Nu später wirkt als sie wirken sollte oder wohl auch früher /
[6]
so bleibt die Bewegung entweder unerreicht oder ungehemmt
wenn nachher auch einzelne der Übrigen geeint selbst doppelt
und mehrfach [sich] anstrengen. Die Anwendung auf unser Leben ist leider so wahr als leicht: wir verließen das Ganze und uns gegenseitig gerad in dem Augenblick des nothwendigsten Zusammenwirkens aller Kräfte; so blieb das Eine unerreicht, das Andere ungehemmt.
Doch wie alle Fehler eines Ganzen zuerst von einzelnen, von dem Einzelnen ganz besonders und vorwaltend ausgehen und in diesem Einzelnen seinen Grund haben der mehr oder minder in der Mitte,
als Mittelpunkt dieses Ganzen dastehet, so will ich auch, wie ich
auch schon oben sagte, der Wahrheit getreu offen gestehen, daß ich sehr
oft mehrseitig gleichzeitig hätte meine Kraft gleich stark wirken
lassen sollen; ich hätte mich - nicht etwa um mich zu entschuldigen sage ich es, sondern um die Sache klar und wahr, weil sie aufs höchste wichtig ist sage ich es, - ich hätte mich nicht durch das Geschrei (ich weiß kein entsprechenderes Wort) - irre machen lassen sollen, als
ließ ich meine Stellung und mein Bewußtsein derselben schon so stark genug fühlen, ich hätte nicht wähnen sollen, daß der Mensch mit dem Menschen auch zugleich schon in Hinsicht auf Weg und Mittel zu
einem Guten oder zum Guten schlechthin, einverstanden sey, wenn
er mit ihm auch wirklich ein und dasselbe Gute wolle; ich hätte
nicht den größten aller Wahne, freylich auch gegenseitig menschlich ehrendsten Wahn haben und hegen sollen: daß wenn Menschen
wirklich Wort- und Sachklar dasselbe Gute wollen, es auf gleichem Wege und mit gleichen Mitteln wollen, daß sie dann auch wirklich
als Menschen frey und selbstthätig diesen Weg wirklich betreten
und diese Mittel wirklich gebrauchen und anwenden, und so
aus reinem bewußten Selbsttrieb jenes Gute fördern würden. /
[6R]
Dieser höchste und größte aller Wahne – welches ich mich jedoch von einer
andern Seite nicht schäme, - daß ich in dem Wort klaren zugleich den That
wahren, in dem fühlend und empfindend thätigen, auch den einsichtig thätigen; in dem That sichern, auch den That bewußten; in dem klar bewuß-
ten auch den richtig fühlenden Menschen pp. zugleich schon sahe, in dem
besonders und einzeln ausgebildeten, schon den allgemein ausgebildeten Menschen und umgekehrt zu besitzen wähnte; dieser höchste und größte aller Wahne würde mir alles - das Nichterreichen meines Lebens-zweckes, welcher mir, da er Sache der Menschheit ist, Alles ist – gekostet
haben, wenn er nicht in einer noch höhern und größeren Wahrheit begründet gewesen wäre und für immer als Erscheinung darinn begründet wäre, in der hohen großen Wahrheit: daß der bewußte Mensch zugleich That sicher und gefühl voll; daß der gefühl- und gemüth-
volle zugleich einsichtig bewußt und That klar; und daß der That ge-
wisse Mensch zugleich auch gefühlvoll und denkend bewußt seyn könne. Diese Wahrheit, welcher ich in der Zeit und für die Zeit in welcher wir jetzt leben die allergrößte Wichtigkeit beylege scheint vielleicht
den Meisten von Euch als ganz ganz bekannt und anerkannt und doch ist sie in ihrer Anwendung schon, geschweige denn in ihrer durchgreifenden Anwendung dem Leben ganz fremd, ist dem Leben so ganz fremd daß sie ohne jenen Wahn gar nie empfunden worden wäre, denn nur indem ich jene dreyfache wechselseitige Durchdringung schon als wirklich wähnte, erkannte und sahe ich daß sie nicht einst erst möglich
wäre, sondern jetzt schon als möglich angestrebt werden solle.
So lösen sich nun freylich von einem höheren Standpunkte, von einer
höheren Lebensansicht aus, einst alle Trübungen unseres Lebens
auf, aber wir sollen sie nun eben nicht als kalter Nebel auf
unserm Leben ruhen lassen, sondern sie mit der Wärme unseres /
[7]
[Bogen] D Gemüthes zertheilen und durch die Sonne unseres Geistes zerstreuen.
Nach diesem, sich zwar unwillkührlich hier schon, aber gewissermaßen
einleitend sich Hereingedrängten könnt und werdet Ihr Lieben mich nun gewiß recht klar verstehen, wie ich auf meine Weise alle meine
Geistes-, Gemüts- und Thatkraft in dem kleinsten Punkt meines eigensten innersten Lebens einte um meiner Pflicht, meinem Be-
rufe, meiner Stellung getreu dem durch mich hervorgerufenen Kreise und Leben in Keilhau nun auch durch mich und mein Leben, meine Mittel und meine Verhältnisse alles das zu verschaffen und zu rei-
chen was es nicht allein zu seinem Fortbestehen sondern auch zu sei-
nem freudigen Fortentwickeln und Fortbilden bedürfe. Mit dem
ganz festen Vorsatz nun, Keilhau, dem ganzen Keilhauer Kreise und Leben und so jeden einzelnen ohne irgend eine Ausnahme, das
zu verschaffen, durch mich meiner Pflicht und Stellung getreu, das
zu verschaffen was er nur immer von dieser und durch diese irgend fordern könnte reisete ich von Keilhau ab, ich reiste von Keilhau
mit der stillen Zuversicht und Überzeugung ab daß ich erreichen
werde wonach ich strebte und darum auch mit dem eben so festen Vorsatz nicht eher nach Keilhau zurück zu kehren bis ich meinen
Zweck erreicht haben würde, worunter ich mir jedoch dort höchstens eine Abwesenheit von 6 Wochen dachte weßhalb ich mir auch mei-
nen Reisepaß auch auf nicht längere Zeit ausstellen ließ. Diesen
letzten Vorsatz sprach ich ich glaube Dir Langethal aus, doch könnte
es auch an irgend einen Andern gewesen seyn. Weil ich nun
wünsche daß in das Leben die möglichst höchste Klarheit und Wahr-
heit komme, so stehe er auch ausgesprochen hier. Die Gründe zu meiner Reise, zu meiner Reise gerad nach Frankfurt habe ich an die Meisten von Euch in Gemeinsamheit am Abend vor meiner Abreise /
[7R]
ausgesprochen. Mir würde es sehr lieb gewesen seyn, wenn Ihr alle ge-
eint dabey gegenwärtig gewesen wäret, doch konnte ich es nicht hoffen, da ich wußte daß Ihr nicht alle Werth auf solche Lebensmittheilungen legt. Ihr die Ihr gegenwärtig wart wißt nun, daß meine Gründe
theils ganz besondere persönliche, theils ganz allgemeine und hier so wohl geschichtliche als naturgesetzliche waren; Ihr könnt sie
nun den Übrigen wenn sie es wünschen andeuten; ich mußte wenn
ich sie hier nur etwas genügend darlegen wollte, schon dazu allein überwiegend mehr Zeit verwenden als ich für diesen ganzen Brief besitze. Euch nun die Ihr Euch dessen was ich dort sagte vielleicht erinnert deute ich blos an, daß jene Gründe sich in ihrer Wahr-
heit und Allgemeinheit besonders die naturgesetzlichen, immer wei-
ter wie auch in ihrer leitenden Anwendung fortentwickeln; doch
Ihr habt ja die Belege dazu vielseitig in meinen Briefen von
Frankfurt und auch besonders in denen welche noch mit diesen mitfolgen.
Also an eine Errichtung einer Erziehungsanstalt dachte ich eben sowenig
als an eine, vielleicht ein Jahr lange Entfernung meiner von Keilhau; wenn ich ja außer der allgemeinen Weckung des Interesses für
die Sache Keilhaus an etwas bestimmtes dachte, so war es an das Senden junger Männer von irgend einem Staate aus nach Keilhau welcher Gedanke auch wie ich schon erwähnte, von Director Bagge in Frankfurt ernstlich aufgenommen wurde.
Wie sich die Bekanntschaft mit Schnyder so zufällig entwickelte wißt Ihr; ich habe sie Euch in ihrem ernsten Entstehen mitgetheilt;
Ihr wißt daß wir wohl einige Wochen schon bekannt waren, ehe
nur die Ahnung einer Verbindung zur gemeinsamen Errichtung einer Erziehungsanstalt kam, vielmehr war wohl der Gedanke berührt /
[8]
worden daß er uns einmal in Keilhau besuchen, ja daß er wohl
gar einige Zeit, lebend seinen Musikalischen compositionen, einige
Zeit daselbst wohnen könnte, und von meiner Seite vielleicht gar
der Gedanke daß er jetzt gleich auf einige Zeit mit mir nach Keilhau zurück reisen könnte.
Doch das Höchstwichtige des augenblicklichen Festhaltens und des Zusammenwirkens günstiger Umstände in mir so tief fühlend
als klar erkennend hielt ich auch von dem allerersten Auftau-
chen seinen Gedanken fest in der Schweitz und namentlich in Wartensee eine Erziehungsanstalt zu errichten, weil ich
sehr bald einsehen mußte, wie einmal der gesammte Zustand
aller Lebens[-], besonders Bildungs- und Erziehungsverhältnisse
in Deutschland sey - ließe sich das Interesse an einer und für
eine reine menschenwürdige Erziehung und Erziehungsan-
stalt leichter selbst von Deutschland aus nach der Schweitz
als auf Deutschland selbst hin, d.h. nach Keilhau leiten;
dieses wahrnehmend und erkennend bestimmte mich
so schnell als fest, für Festhaltung des Schnyderschen Gedankens,
und Ihr könnt aus der Äußerung Schwar[t]zens sehen wie
sehr ich recht hatte. Andere Äußerungen der Art habe ich
Euch schon früher mitgetheilt ich könnte Euch deren noch mehr mittheilen es würde zu weit führen, doch liegt auch Etwas
dieser Art in der Äußerung Follens die ich nachher mittheilen
werde, welcher auch ein Deutscher ist wie Ihr wißt.
Wie alles vor mir lag und noch bis jetzt vor mir liegt, das heißt
wie der von der Menschenmenge jetzt wirklich betreten werdende Bildungsweg jetzt wirklich ist mußte mir der Zirkel- und Kreis-
weg aus Deutschland über die Schweitz und Wartensee nach Deutsch-/
[8R]
land und Keilhau, wenn auch nicht an sich und linear der kürzeste, doch überwiegend der am schnellsten und in der kürzesten Zeit zurück zu legende erscheinen; ich bitte Euch alle beachtet dieß, macht es Euch gegenseitig lebendig einsichtig und so ins Leben eingreifend auf das [sc.: daß]
wir weise und klug zugleich werden. Mir erscheint es ich habe Euch indem ich dieß ausgesprochen habe auf ein großes Entwicklungsge-
setz aufmerksam gemacht, denn seht wir kommen immer zur höchsten Erkenntniß und Einsicht unseres Lebens, wenn wir zum Anfangs- und Ausgangspunkt unseres Lebens zurückkehren, daher es in der Er-
kenntniß, wie im Leben und der Religion so wichtig ist, wieder Kind [zu] wer-
den d.h. in sich selbst denkend, empfindend und handelnd zurück zu kehren, und doch will der Mensch schlechterdings immer nur vorwärts und
gar nie zurück; wie ist nun dieses nur einzig vorwärts wollen
und doch zurück sollen zu einigen? - sehet es selbst wie so leicht
- wenn der Mensch in der Kreislinie vorwärts strebt, vorwärts
strebend macht! - Die Formen[-] und Größenlehre, Geliebte! Nann-
ten die Alten nicht umsonst Mathematik, d. i. Erkenntnißlehre
und ich nenne sie die Wissenschaft der Gesetzmäßigkeit und des Gesetzes
an sich, denn sie lehrt uns die Gesetze des Lebens erkennen; darum lernt der Mensch Mathematik will Mathematik lernen, er weiß
es aber selbst nicht warum, denn was er erlernt steht ihm als ein
von außen Kommendes entgegen, er weiß nicht daß es das Wesen und die Eigenschaften seines Geistes, seines Gemüthes, seiner Seele selbst sind, die aus ihm kommen! - Sehet, Ihr Lieben! gleich haben wir unsern Kreislauf und Zirkel wieder.
Aber, werdet Ihr fragen, wie ist es denn möglich daß der Mensch
in seinem Leben auch wirklich einen Kreis, einen Zirkel beschrei-
be, scheinen doch die Lebenswege oft so linear geradeaus, oft so verwirrt /
[9]
[Bogen] E wie die Bahn eines Kometen erscheint, und wie läßt sich der Mensch
wie eine Zirkelspitze im Kreis herum führen? - Dadurch Ihr
Theuern, daß man ihn immer, auf die Einheit achtend, die Einheit
die Mitte des Lebens im Auge behaltend macht. Einige von Euch ge-
denket des Kreises, welchen ich im verflossenen Frühfrühjahre
im sogenannten untern Hause auf den Tisch zeichnete um daran anschaulich zu machen das [sc.: daß] drei Dinge im Leben immer nothwen-
dig und unzertrennlich zusammen wären, daß wenn eines
dieser drey Stücke gegeben sey nothwendig auch die beiden andern gegeben wären und daß darum bey einem so lebendig vollkomme-
nen als klar bewußten als freudig fortschreitenden Leben jene
drey Unzertrennlichen immer fest im Auge behalten werden
müßten. Ich suchte Euch, einigen von Euch, dortmals daran noch aus dem Festspiele das Wortspiel drey und treu klar zu machen und
in seiner Wahrheit als tiefen Begründetheit im Leben zu zeigen.
Dortmals konnte meine Seele nicht ahnen daß ich nach ohngefähr
6 Monaten aus der Schweitz auf diesen Zirkel und auf dieses Gesprä-
che zurück kommen würde und doch ist es ganz eines und eben dasselbe
was dort und was jetzt in mir lebte, was dort ich wollte und was
jetzt ich will: uns die Einheit, den Beziehungs- und Mittelpunkt
unseres gesammten Lebens so lebendig fühlbar, als klar bewußt
und so im Leben und fürs Leben festhaltend zu machen. Dortmals
ging ich deßhalb aus dem obern Hause ins untere Haus; Wenige haben vielleicht geahnet warum, auch leuchtete vielleicht Manchen Weg
und Mittel wenig ein darum war mein Weg und Vorhaben für
mich nicht immer leicht, deßhalb führte ich doch beydes mit Festigkeit
aus weil ich es als Forderung an mich erkannte; - Jetzt ging ich
ganz deßhalb, nur einzig deßhalb aus dem obern Hause nach /
[9R]
Frankfurt und sogar in die Schweiz; und das glaube mir ein Jedes von
Euch: Weg und Vorhaben wurde und wird mir ebenfalls nicht leicht auszuführen und nur
die feste Überzeugung von der Nothwendigkeit der Forderung kann
mich bestimmen mit wahrhaft nicht geringer Selbstüberwindung
der Schwierigkeit entgegen zu treten auf die ich beym Wege Vorhaben und auf dem Wege treffe.
Also dieselben Gesinnungen welche dortmals in Keilhau und beym Nieder-
schreiben des Festspieles in mir lebten, lebten in mir als ich nach Frank-
furt ging und leben jetzt in mir in der Schweiz, und beym Niederschrei-
ben dieses Briefes, möchte ich jetzt mehr als dortmals verstanden werden, und nun ganz vor allem darinn, daß ich nicht ein von
Keilhau Getrenntes wollte und will. Der Grundgedanke ist nur
der eines Fortentwickelten, eines fortgebildeten Keilhau
aber in völliger unzertrennter Einigung mit Keilhau, in ei-
ner wenigstens nicht geringeren Einigung als die in Keilhau
selbst in und zwischen dem gesammten untern und dem gesammten obern Hause, besonders wie jetzt; dieß war nicht etwa allein mein
erster Gedanke, sondern wie ich in allem Schnydern das Werdensollende
zuerst aussprechen ließ und ich nur nachging so sagte Schnyder
auch gleich Anfangs: die Zöglinge und Knaben beyder Anstalten
müssen in Wechselverkehr treten, sich gegenseitig Briefe schreiben;
beyde Anstalten müssen sich gegenseitig besuchen; ja, dieß auf-
nehmend sagte ich, beyde Anstalten müssen sich so gegenseitig
Muster und Musteranstalten werden. Es war eigentlich schon
in Frankfurt der auch von mir gepflegte und aufgenommene
Gedanke, daß so wie wir die Erlaubniß zu einer völlig frey-
en erziehenden Wirksamkeit von Seite der Regierung erhalten
haben würden, daß dann sogleich und unmittelbar, wie /
[10]
bey der Stiftung und Begründung Keilhaus die ersten Zöglinge aus
einer gleichsam schon vorgebildeten Familie eintraten, so ein oder
einige Zöglinge aus Keilhau mit einem Lehrer zur äußeren Stif-
tung und Begründung von Wartensee hieher kommen sollten;
Ich hatte dabey zunächst Dich Wilhelm und die drey Gebrüder Clemens
in den Augen, später gab ich weil die drey Clemens überhaupt
einen Wandersinn haben; wer kennt nicht Carls Wanderungen
und Wilhelms bewährte Reise nach Italien, die sogar auf das
Keilhauer Theater sollte. Carl wäre seinem classischen und
Kunstlande auch näher und in dem Lande einer reichen Geschichte, Wilhelm und
Christian Friedrich kämen einer noch reichern und größern Natur
nahe; es hätte gewiß die Knaben sehr gehoben, es würde sie ge-
wiß heben; später gab ich diesen gewiß mehrseitig ganz vor-
züglichen Gedanken wenigstens für diesen Augenblick auf, muß-
te ihn aufgeben weil Keilhaus ökonomische Lage die Aus-
führung nicht ertragen haben würde. Aber das könnt Ihr glauben
vorzüglich wäre es nach jeder Seite gewesen diesen Gedanken aus-
führen zu können. Wartensee wäre in öffentlicher Anerkenntniß
das wenigstens ein volles Jahr früher geworden was es werden
kann und gewiß werden wird. Es konnte nun nicht seyn, und so
bin ich auch beruhigt; der Entwicklungsgang Wartensees scheint
ein ganz anderer werden zu wollen wie mich dünkt ein sehr
sicherer, gesicherter und sichernder, und so gehe ich ihm denn auch ganz
still und ruhig nach; auch ich in diesem Briefe werde und muß ja
darauf zurück kommen.
In Hinsicht auf einen großen Besuch der ganzen Keilhauer Erzieh-
ungsanstalt und ihren vielleicht 4 - 6monatlichen Aufenthalt
in der Schweiz hatte ich mir auch die umgebende Örtlichkeit angesehen,/
[10R]
und es wird sich einmal in der Zukunft gewiß sehr gut ausführen lassen;
ebenso habe ich auch schon daran gedacht wie sich das umgekehrte einstmals
von hier in Keilhau ausführen lasse.
Also Geliebten, Theuren! nicht einmal die Ahnung noch weniger der Gedanke einer Trennung einer Theilung kam mir in den Sinn als
ich an die Stiftung und Begründung von Wartensee dachte und
kommt mir noch nicht in den Sinn: Ein Leben, Ein Wirken soll es
sein wie Ein Geist, Ein Gemüt, Eine Kraft die beyde schuf und schafft.
Auch nicht an eine Zerstreuung oder Verschwächung der Kraft und Kräfte
dachte ich, ich will, um nicht mißverstanden zu werden, sagen nicht sagen
daß Keilhau der Kräfte zu viele habe, aber es hat für seinen
jetzigen Verbrauch ganz gewiß der Kraft zu viel; die Kraft hat
zur Ausbildung und zur Entwicklung nicht Umfang nicht Freyheit nicht
Neuheit und Mannichfachheit der Anforderungen genug, d.h. die
junge eben in der Ausbildung und Entwicklung neuer Kräfte wenigstens neuer Richtungen stehende
Kraft. Mehrheit der Kräfte lassen sich
auch bey weitem leichter entwickeln als Mehrheit, d. h. Steigerung
der Kraft, ich dachte selbst noch dabey an einige unserer jungen Leute
namentlich die Pfeiffer. In diesem Zusammenzustand Keilhaus
so erscheint es mir noch ununterbrochen, kann nun für Keilhau
nichts erwünschter, nicht[s] zweckmäßiger und dem Ganzen und jedem
Einzelnen Förderlicheres seyn als die Errichtung einer neuen Colonie.
Leset nur die Geschichte, lasset sie Euch nur erzählen: Mutter-
und Stammländer haben sich noch immer gehoben durch Colonien
seht in die alte Welt, seht in die neue Welt, seht noch jetzt England
denn was im Großen wahr ist ist auch im Kleinen wahr, wie umge-
kehrt; Wenn die Geschichte zeigt, daß so häufig zwischen Mutter-
und Töchterländern, zwischen Mutterstaat und Colonie, so vernich- /
[11]
[Bogen] F tende Kämpfe später eintraten, so war und ist dieß nur eine Folge
der später in Wirksamkeit getretenen so unnatürlichen Verhältnisse
wie uns ja leider nahe genug noch immer das Leben zeigt, daß Ähnliches
in dem kleinern sonst gleichartigen Familienverhältnisse und Leben
stattfindet.
Auf der Stufe nun der einsichtigen, bewußten, sittlichen, gemüthvollen
und werkthätigen, schaffenden Kraft auf welcher der gesammte Kreis
und das gesammte Leben in Keilhau steht, auf dieser Stufe Keilhaus
meinte und meine ich nun noch könnte ganz und gar nichts erwünsch-
ter seyn als eine Colonisirung besonders unter den Umständen wie
sie wirklich statt finden und ich Euch treu vorgelegt habe und ferner
wenn sich anders eine wirkliche lebenvolle Verbindung entwickeln wird,
mittheilen und offen vorlegen werde.
Was geschiehet muß immer ein Ganzes seyn, und so war mein erster
Gedanke gleich der das [sc.: daß] von Keilhau gleich ein Ganzes hieher kommen
möchte ich wählte das, von dem ich nach meiner Meinung und Ansicht ein-
sah und einsehen mußte daß es sich am leichtesten ausführen ließe.
Ferdinanden wollte ich nicht gleich damit verbinden, weil ich nicht wollte
daß der Gedanke ehe[r] in HE Herzogs Nähe käme als er schon realisirt
sey. Im Fortgang der Entwicklung habe ich nun ganz bestimmt und klar
gedacht daß nichts schöner und gewiß allseitig ersprieslicher sey:
als wenn die drey Geschwister Ferdinand, Wilhelm und Elise, War-
tensee als eine ächte Tochteranstalt von Keilhau mit begründeten.
Alle Bedürfnisse alle Forderungen Wartensees wären für eine
nicht unbedeutende Ausdehnung dadurch gesichert; Ferdinand und Wilh.
würden sich als Gegensätze im Leben und Wirken gewiß förderlich
und ersprieslich seyn und Elise als die von beyden achtend anerkannte
Gerechtigkeit und Ruhe immer Recht und Frieden zwischen ihnen waltend
machen; Eltern, Vater und Mutter, so meinte ich ganz unbefangen und /
[11R]
spreche es hier eben so offen aus als ich es mir selbst aussprach, könnten
für die Fortentwicklung und Fortbildung des Lebens ihrer Kinder ihrer
Söhne keine schönere Lage kein zweckmäßigeres Verhältniß denken
und wünschen, in einem höheren Sinn in einer höheren Bedeutung würde
hier des Vaters Wort und Wunsch wahr: ich gebe meine Söhne
nicht aus einander und ein hohes Bewußtseyn knüpfte sich mir an diesen
Gedanken das, Vater und Eltern von Kindern von zwey Söhnen zu sein
die gleichsam die ersten Grundsteine zweyer neuer nach dem hohen Ziele
reiner Menschenwürdigkeit strebender Erziehungsanstalten wären.
Ein weibliches Gemüthe aus dem Keilhauer Leben und Kreis muß den
Wartenseeer Heerd-nicht mit bauen helfen, denn er ist schon schön ge-
bauet in demselben Geschoß wo die Wirthschaftsstube und das Eßzimmer
ist - sondern mit besorgen helfen, sonst hört das hiesige Leben auf
eine Fortsetzung des Keilhauer Lebens zu seyn! Ich habe habe [2x] mir
nun die Stellung aller weiblichen Glieder in Keilhau prüfend vorge-
führt, da blieb mir nun für die Forderung der nächsten Zeit, nur
Elise heraus zu heben übrig. In demselben Maße nun als mich die
Nothwendigkeit d.i. die Lage der Umstände zu dieser Wahl bestimmten
ganz eben in dem Maße freute ich mich auch daß Wartensee
von einer so innig und einig in sich geschlossenen Geschwisterordnung
sollte begründet werden. Ich nehme aber willig meine Meinung und
mein Urtheil zurück so bald es unstatthaft gefunden wird. Daß
man sie im Hauswesen wenn auch Wilhelm und gar Ferdinand
aus dem Hause kämen so sehr vermissen würde als ich nun höre,
dieß will ich aufrichtig gestehen habe ich nicht gedacht und mir nicht
gesagt; soll ich nun freylich auf die Frage antworten die Du liebe
Frau an mich thust: wie meinst Du sollte der Verlust von Elisen
ersetzt werden soll und kann? - - so wird mir dieß wirklich
nicht leicht, es sey denn daß sich endlich ausführen ließe was auch /
[12]
Du Barop schon immer wünschtest, daß eine Deiner Schwestern nach Keil-
hau käme, oder daß man, indem man vielleicht die Bedingungen etwas
niedriger setzte, dem früherem Wunsche der Frau von Arnim entge-
gen käme und die Fräulein ich glaube von Schönfeld nach Keilhau
nähme, von welche[r] ja eben die Frau von Arnim wünschte und forderte
daß sie in alle häusliche[n] und wirthschaftliche[n] namentlich auch Garten-
Arbeiten eingeführt ja eingeweihet werden sollte, sich darinne einle-
ben sollte. Doch diese meine Gedanken nur weil Du, meine Frau!
an mich die Frage stellst, wie ich denn meine, daß Elise dem Haus-
wesen ersetzt werden könne. Ich will recht offen gestehen daß ich
mir die Nothwendigkeit ihres Ersetztwerdens gar nicht so klar gedacht
habe, die Hauptsache davon mag darinn liegen, daß ich mir ihr
etwa jetzt nöthiges Kommen hieher nach der Schweitz gar nicht
im Mindesten als eine lange noch weniger als eine bleibende
Trennung von Keilhau gedacht habe; ich dachte mir es mehr als eine
Reise hieher, so daß sie im künftigen Frühjahr durch eine andere
Hülfe vielleicht sogar durch Dich meine Frau ersetzt und so abgelöset
werden könnte; wie gesagt ich dachte mir dieß mehr als eine all-
seitige Verjüngung, Erneuung, Stärkung und Entwicklung der Kräfte,
ich hatte dabey keinesweges Wartensee und dessen Erhebung
als ein Neues allein vor Augen, sondern das Heilbringende für
das Ganze namentlich für das Ganze. In Beziehung darauf daß
ich Elise zuerst nannte hebe ich nochmals hervor, daß mich kei-
nesweges irgend eine persönliche Vorliebe für Elise bestimmte,
denn bey einem solchen Unternehmen wie das hiesige, da muß
sie schweigen wenn wirklich eine in mir lebte, wie denn deren
wirklich auch eine in mir lebt und sich zu deren Befriedigung hier
die bestimmtesten Wünsche hier aussprechen, daß Du, meine Frau
hieher kommen möchtest; was mich für Elisen zu erst zu nennen bestimmte /
[12R]
war, weil ich meinte es ließe sich mit und bey Elisen am ersten aus-
führen in Beziehung auf Keilhau, weil sie die freyeste Stellung in Keilhau
habe, in Beziehung auf Wartensee, weil ich meinte Elise habe besonders
im Verein mit ihren Brüdern hinlänglich Kraft und Einsicht ein solches
Leben mit begründen zu helfen und es wäre ihr heilsam ihre Kraft
einmal ordentlich zu messen, weil ich meinte Jugendmuth und Jugend-
kraft überwändte manche Schwierigkeiten die nothwendig mit der
neuen Begründung eines solchen Wirkens verknüpft sind; auf der
andern Seite stände ihr mehrseitig erfahrener und gebildeter weiblicher
Rat in Fräul. Salesie, in der Frau Schwytzer und Fr: Sonnenberg
freundschaftlich und freundlich zur Seite; auch dachte ich wohl daran
daß selbst die ausgebildeten Anlagen Elisens uns in den ersten
Zeiten vielleicht förderlich zu statten kommen würden; so sahe ich es.
Freylich weiß ich eben so gut und bestimmt daß sich alles dieß An-
und Ausgeführte reichlich übertragen ließ, wenn ich nur, ohne nicht
nach mehr als einer Seite hin unendlich mehr zu schaden als zu nützen,-
die Möglichkeit sähe, daß in der Kürze schon, wenn es das Leben
d.h. die Entwicklung und Vorbildung des hiesigen Ganzen es fordern
sollte, meine Frau hieher kommen könnte.
Nun ich habe Euch hier so offen als möglich und darum vielleicht weiter
weitläuftiger als es nöthig war das Ganze so vorgeführt wie
ich es in mir trage. Entscheidet nun ruhig selbst. Ihr seid Eurer
Zwölf zu Hause darunter sechs Frauen da wird es doch Möglichkeit
seyn die Wahrheit und das Rechte zu finden. Ich bescheide mich wenn
eine von Euch Frauen kommen will es sey welche es sei, ich be-
scheide mich eben so freudig und zufrieden wenn gar keine kommt,
denn im zweyten Falle habe ich zwar wohl größere und persönlichere
Mühe und Kampf, allein ich habe dann auch einen um so sichereren Beweis
daß der reine Geist es einzig ist, der wie er dem Ganzen sein Entstehen gab, /
[13]
[Bogen] G. so ihm auch sein Bestehen und seine Ausbildung, mit andern Worten
ob das Werk ein durch meine Willkühr gewordenes oder aus den
Gesammtforderungen aller Lebensverhältnisse hervorgegangenes
ist. Ich bitte Euch darum mir nur möglichst bald Eure bestimmte Ent-
scheidung zukommen zu lassen ob: im Fall ich sie bedürfen sollte
ich von Keilhau aus Frauenhilfe erwarten kann und wen, oder ob
nicht. Vergeßt aber bey der Entscheidung nicht, daß keine, für wen
auch etwa entschieden werden könnte, an Wartensee dadurch gebun-
den ist, wenigstens nicht länger als ein Halbjahr denn vergeßt nicht
daß Euch jetzt das Wartenseeer als eine Entwicklung und Fortbildung
Eures Lebens oder was eins ist, des Keilhauer Lebens in Eurer
Hand und in Euern Willen gegeben worden ist; ob ich es dann noch zu[-]
rück geben in Eure Hand zurück legen kann, das Wartenseeer Leben
zu einem wirklichen Töchterleben von Keilhau machen kann, wenn
die erste weibliche und häusliche Einrichtung durch ein anderes Leben
und Gemüth als ein Keilhauer hindurch gegangen sey, weiß ich we-
nigstens jetzt nicht.
Und nun nur andeutungsweise noch eines, was die besonders
örtlichen und eingewohnten Lebensverhältnisse betrifft, so giebt diese
ein erhöheter Lebenszweck eine erhöhetere Lebensansicht auch erhöht
und verklärt, darum verschönt, wieder, sonst müßte es ja einem
gar Leid thun die Erde die doch wirklich, wenn wir sie nur mit
rechten Augen und rechtem Sinn ansehen, so genügend schön ist,
einmal zu verlassen.
Doch die Entwicklung des hiesigen Lebens scheint, wie ich eben schon
andeutete, auch ganz anders zu kommen als ich meinte, so daß
ich nun wenigstens noch länger, als ich beym ersten Beginn des Ge-
dankens glaubte, ohne eine bestimmte Führerin und Ordnerin des innern
Hauswesens werde seyn können; indem sich nemlich unser hiesiges Eer- /
[13R]
ziehendes Wirken mehr und eigentlich an das örtliche Bedürfniß der
nächsten Umgebungen anknüpfen wird um ihm ein inneres und wah-
res Fundament zu geben. Es scheint sich so ganz im Geiste und Charakter
meiner Erziehungs- und Lehrgrundsätze selbst zu entfalten nemlich
von der Mitte, von dem nächsten von dem erziehenden und lehrenden
Orte selbst aus; und durch diese Erscheinung und durch dieses Bedürfniß
scheint es mir so gleich den Beweis nicht eines wirklich Gemachten
sondern eines sich aus dem Gesammtzustand einer Gegend zu-
nächst mit Nothwendigkeit zu entwickelten zu geben. Darum
wegen dieser Erscheinung wird nun das was wir H. Schnyder und
ich zwar wohl im Auge hatten, aber erst als ein letzteres, nun
das erstere werden nehmlich die Ausführung einer Schule. Schon
von gegen 12 Kindern ist mir eine Liste gemacht worden, welche
an dieser Schule Antheil nehmen sollen und aus dem nahen Städtchen
Sembach [sc.. Sempach] ohngefähr so weit von hier als Schaala oder die Pörzmühle
höre ich wollen auch gern noch mehrere daran Antheil nehmen weil
ihnen bekannt geworden ist daß hier französisch gelehrt wird
und gelernt werden kann. Mir ist dieser Entwicklungsgang sehr
lieb denn so hoffe ich soll die Anstalt in und mit der Gegend und
der Umgebung gleichsam verwachsen und so einen festen Grund in sich
selbst bekommen; aus der Schule wachsen so ganz einfach Zöglinge her
vor ohne daß man sie als einzelne Erscheinung und als erstes
nöthig hat wenn nemlich auch Knaben einer größeren Entfernung
durch die Schüler der nächsten Umgebung aufmerksam gemacht
daran Antheil nehmen wollen und sollen.
So steht jetzt das Ganze und ich glaube wohl wenn ich es mehr be-
treiben wollte, daß ich schon mit dem ersten künftigen Monats
zu schulmeistern anfangen könnte; allein da das Bedürfniß ein-
mal da ist so wird es sich auch nun schon so wie lange erhalten /
[14]
bis alles zur allseitigen Befriedigung wird entwickelt seyn, mit wel-
cher allseitigen Befriedigung ich nun eben jetzt auf das thätigste
beschäftigt bin und wozu denn auch dieser Brief dienen soll welchen
ich Euch eben hier schreibe so wie auch die andern welche Ihr zugleich
mit empfanget.
Seht, Lieben! Laßt uns gegenseitig recht klar werden, damit
wir klar ein festes Werk begründen: darinn das [sc.: daß] Keilhau in der
Familie begründet wurde hat Keilhau einzig seyn Bestehen; darin
daß Keilhau nie recht mit den nächsten Landesumgebungen eigent-
lich verwurzeln konnte, weil alle Schulen gleichsam so in Pferch-
anstalten eingetheilt sind, von oben bis unten wo man denn
gleich meint wenn ein Knabe aus der Schule austritt es gehe
auch etwas Pferch weg, darinne hat Keilhaus kampfvolles
Bestehen seinen Grund; die Regierung hätte nur zeigen sollen daß
es ihr vorzüglich lieb sey wenn Knaben des Landes in Keilhau
erzogen würden o wie würde es dann bald um Keilhau anders
gestanden haben aber, Ihr Lieben sehet nur klar das Grenz- und
Mauth- und Zollwesen bis herab da mußte menschliches Leben
untergehen wie menschliches Handeln; ich bitte Euch sehet klar,
damit Ihr gerecht denkt und recht handelt. Nur ein Pröbchen
dieses Mauthwesens meint Ihr nicht Nachbar Wirth hätte [nicht] längst
seinen Sohn in der Anstalt wenn er nicht geglaubt hätte sich den
Schullehrer zum Feinde d.h. zum ungünstigen Nachbar[n] zu machen;
dieß ist aber höher hinauf begründet. Hier ist aber der Mensch
man sagt gewöhnlich das Volk, weil es der noch unbewußte d.i.
der Mensch ist welcher noch nicht klar weiß was er will und was
er soll, wie er es will und wie er es soll; aber die Regierungen
wissen nun einmal, die regierenden Herren, die Stadt weiß
und wissen nun einmal, das Volk, der Mensch hier heißt es das Land /
[14R]
im Gegensatz der Stadt, läßt sich nun nicht nur nicht wiedernehmen
was es einmal hat, sondern will noch immer mehr mit der Stadt
hinsichtlich der Vorrechte ausgleichen - (: so hat man um nur ein Pröbchen dieser Art zu sagen vor ein paar Tagen 6 Kanonen und 2 Haubitzen
nach Willisau aus Luzern aus dem Zeughause abgeführt, damit
auch das Land Kanonen und Waffen habe; so hörte ich mit dem-
selben Beysatz das [sc.: daß] auch überhaupt ein Theil des Zeughauses aufs
Land, namentlich auch nach Sursee, einem kleinen Städtchen 2 Stunden
von hier, kommen sollte:) - bey so bewandten Umständen wünscht
man nun in der Stadt wünschen die Einsichtigsten der Regierung
daß das Land gebildet werde, frey gebildet werde und doch wissen-
schaftlich, denkend, darum von Seite der Regierung aller Vorschub
einer solchen, d.h. eine solches bezweckenden Erziehungsanstalt wie
die unsere.
Aber selbst für das Bedürfniß der Stadt ist eine Anstalt wie
die unsere auf das Höchste willkommen eine Anstalt mit diesen
Leistungen bey diesem Geiste; ich könnte Euch eine Menge von Gründen
dafür an- und aufführen, doch sind diese immer nur die Form, das
Gepräge, darum ihre so große Menge und Verschiedenheit den
eigentlichen Werth giebt aber wie überall der Zufall das sind
die Leistungen und der Geist, denn die Leistungen machen es auch
nicht gar; manche Anstalt besteht noch in der Schweitz deren
Leistungen nicht übel (so sagt man immer in der Schweitz für gut) seyn
sollen, z.B. Fellenberg aber vom Geiste will man nichts wissen[.]
Darum regt sich überall in der Stadt selbst die Theilnahme und immer
neue Familien werden mir mit neuem Interesse an der Anstalt
genannt; es ist nur, daß einer den ersten Schritt wagt und es könnte dann wohl seyn, daß sich die Theilnahme sogleich mehrfach zeigte;
jetzt ist es mir sehr lieb, daß alles so langsam geht, ist mir sehr /
[15]
[Bogen] H lieb daß das That- und Sachinteresse von dem Lande ausgeht, so scheint
denn wirklich das Ganze in dem innersten wenn auch unbewußten reinsten Volksinteresse d.i. im innersten Menschenbedürfniß ge-
gründet zu werden, was ich immer so sehr für Keilhau ersehnte[.]
Denn hat einmal der Geist den Geist wenn auch nur zunächst erst
leise ahnend aber in einer gemeinsamen That gefunden d.h. der
freye, klare bewußte Geist meines Strebens, und der freye wenn
auch sich selbst noch unbewußte Geist der Menschheit in den Menschen
der Gegenwart und dieß durch die Anschauung eines und mehrerer
Zöglinge des freyen klar, bewußten Geistes der Menschheit wie
wir ihn zu erfassen streben, in Zöglingen die sich auch mit und
durch ihren klar bewußten Geist frey bewegen können, dann
ist unser Streben fest gegründet. Ich bitte Euch sehet klar damit
Ihr erkennet und schauet warum Keilhau kränkelt, damit Ihr
Niemand und Euch selbst nicht Unrecht thut, und damit wir endlich
gemeinsam die Krankheit heben. Sehet es ist das ewige Grenze Machen und Zerschneiden in Deutschland das ewige Ziehen von Mauth[-]
und Zolllinien nicht etwa nur im Gewerbe und Handel, nein
im Leben und Wandel, im Empfinden, Denken, Handeln; denn was
hülft es uns wenn wir einen tüchtigen Zögling haben, beschneiden
ihm nicht die Lebens- und Staatsverhältnisse alle Schwingen des
Geistes, des Gemüthes, der That, wenn er aus Keilhau tritt, wo kann
er sich frey bewegen im Denken, im Schaffen, im Wirken, in der That? –
Ihr selbst wißt es ja ohne Ausnahme was es Euch jeden an
seinem Platz und Ort für einen Riesenkampf kostete, sich zu er-
halten und fest zu stehen im Kampfe des Lebens. Welch schöne
Pflanzen Keilhaus haben die Ketten der Lebensverhältnisse zu
Boden gedrückt? Warum steht Leopold noch? - weil der Vater ihm
die Mitführung eines größeren Werkes übertrug in Margonin? - /
[15R]
ja da würde er schwerlich sich haben halten können (((: grüßt ihn bald
schickt ihm eine Anzeige, schreibt auf den Rand der Anzeige den Brief
wie ich es thue, grüßt ihn von mir und sagt ich würde ihm bald schreiben.))).
Seyd aufrichtig gegen einander wie es edeln offenen Menschen ziemt:
Sagt wie und wo willst Du Ferdinand, wie und wo willst Du Wilhelm
mit Deinem menschlich erstarkten Geiste mit Eurer gesunden Kraft
Euch im Leben halten, wenn es uns, ich will nicht sagen mir, nicht
gelingt, Euch Euern Kräften, Euerm Geiste nach angemessene Wirk-
samkeiten zu verschaffen? - Meint nicht, ich bitte Euch wir haben
viele Einsicht, große Kräfte, die vielfachsten Mittel, wir schlagen
uns durch; Glaubt mir ich bitte Euch darauf legt die Welt alles
keinen Werth, denn jedes was Ihr leistet ist als Einzelnes, faßt es
wohl auf, als Einzelnes vollkommener da als Ihr es leisten könnt
und eben darum weil es als Einzelnes Abgeschnittenes da ist kann
es die Welt leichter für ihre Zwecke gebrauchen, darum hat das Ein-
zelne für die Welt höheren Werth als das Geeinte, Einige.
Siehe, Bruder! und seht Ihr Söhne! wenn ich so es recht bedenke,
so will es mich fast bedünken, als sey ich nur um Euretwillen
nach der Schweitz geführt worden. - Glaubt es mir, ich wiederhole
es nochmals, nicht zur Lust und nicht aus Willkühr und Übermuth,
auch nicht aus Arbeitsscheu oder Furcht für des Lebens Noth Druck
und Schmerz, denn dem Menschen ist auch hier das alte Bekannte, eben
weil es ihm bekannt ist lieber als das Neue, - bin ich nach der Schweiz
gereist, sondern aus dem tiefsten Gefühle aus der klarsten
Einsicht und der Gewißheit des Heiles für Alle, für das Ganze und
das Einzelne. Ich sagte eben wenn ich die begonnene Denkweise
fortsetzte so müßte ich fast die Überzeugung bekommen, als sey ich
nur um Euch beyden, Ferdinand u Wilhelm willen nach der
Schweitz geführt worden – und ich könnte vielleicht in dieser An- /
[16]
sicht noch fortfahren auch um meinetwillen, damit ich mein Werk
der Erziehung als ächter Erzieher und Pflegevater vollende
und Euch nun auch einen Raum, Beruf und Wirkungskreis errungen
habe, in dem, in welchem Ihr nun auch wirklich mit und durch Eure
Bildung selbstthätig in dem Geiste fortschaffen, fortwirken, Euch fortentwickeln und ausbilden könnet, in und durch und von
welchem Ihr erzogen seyd, d.h. dem reinen, bewußten
besonnenen sichern Geiste der Menschheit. Ähnlich wie Leopolds Vater ihm die Führung von <Lubischin> übertrug.
Seht Ihr geliebten Theuren! wenn es mir darum zu thun wäre,
wenn ich Zeit genug dazu hätte, so wäre es mir ein ganz Kleines
mein Hieher kommen und mein Hierseyn von so viel Seiten zu be-
trachten als Ihr Glieder und Personen seyd und nach jeder Seite und
Richtung hin wollte [ich] zu dem so wahren als klaren, zu dem so un-
widerleglichen als augenscheinlichen Ergebniß kommen, daß ich
nur einzig um dieses einzelnen Gliedes nur um dieser einzelnen
Person willen hieher geführt worden seye wie ich es schon oben an-
deutete, daß ich gleichsam um des hiesigen Landes willen hieher ge-
kommen sey und Ihr könnt gar nicht glauben was mir selbst in dieser
Hinsicht ausgesprochen worden ist; es würde thöricht seyn es zu wie-
derholen; denn seht das ist das Wesen und der Charakter jeder
ächten Sache, jedes wahren Werkes und Wirkens, jedes tief und
ächt erfaßten Wollens, daß es ganz gleich heilsam und erspries[-]
lich ist für jeden Einzelnen, auch dem entfernst stehenden wie
für das Ganze; sehet, schauet laßt uns einen großen Blick thun
wie er sich für Menschen ziemt die das Gute und Große wollen
- das ist es, was die Zeit sucht, dieß ist es was die Menschheit
seit Jahrtausenden bedarf und nach Jahrtausenden sich zu
erringen, jetzt zu erringen bestrebt: - Die Sicherung, die
Pflege des Wollens des Einzelnen in, bey und durch das
/
[16R]
Wollen des Ganzen. Seht, Geliebte Theure! weil die Menschen
dunkel Ahnen daß wir wenigstens im Kleinen zeigen und darstellen
werden, was die Menschheit bedarf und die Menschen mit so verschie-
denen Stufen der Klarheit suchen, deßhalb in einem Lande der wenigstens frey-
eren Geistesthätigkeit als in Deutschland dieß freudige Entgegen-
kommen unseres und meines Wollens und Zweckes. Nach wie
vielen Richtungen zieht mich jetzt die Betrachtung fort, was hätte
ich Euch in allen diesen Beziehungen zu sagen? Eine Sonne ist der
Punkt welchen ich eben berührte, sie, erstrahlt nach allen Seiten
hin; welche Richtung halte ich fest? - Die Richtung halte ich fest von
der ich ausgieng: Unsere Erziehungsanstalt in Keilhau wenn
auch nicht fortkränkele, doch ohne eigentliche Wirkung für Deutsch[-]
land seye und so lange nicht eigentlich wachsen, blühen, fruchten [möge],
als unsern Keilhauer Zöglingen nicht eine ihrer empfangenen
Bildung angemessene Wirksamkeit gegeben, verschafft, ja
mit Gewißheit zugesichert werden kann; dieß ist hier ganz an-
ders man sehnt sich hier nach deutscher Bildung (aber nicht deutscher Demagogie), nach Norddeutscher Bildung, wie man eigentlich die
rein menschliche und menschheitliche Bildung prägt und bezeich-
net welche die Menschheit jetzt überall bedarf.
Meint nun aber etwa nicht Ihr lieben Söhne es sey eine schlechte
geringe Wirksamkeit die ich Euch böte die der Schule, die des
Schulmeistern, vergeßt es nicht in allen Dingen steigen wir
zur durch Schule zum Meister, und die Stellung die ich Euch biete
halte ich für und in ihren Folgen so hoch wichtig, daß ich sie gern
den Erfahrendsten des Keilhauer Kreises, wenigstens den,
bey wahrer Mannes- und Geisteskraft ruhigst Nachgehendsten
übertragen möchte, denn nur That aber klare sprechende bestimmte
That, nur ja keine Wortmeinung; unsere Rede unsere Worte seyen unsre That /
[17]
[Bogen] I und unsere That ist allen lieb ist allen recht. Bis jetzt können wir nicht
sagen daß unser Wollen und Zweck und Streben Feinde habe, wenig-
ten keine zu fürchtenden, wenn, still verborgen welche da seyn sollten
denn selbst die gebildete Geistlichkeit haben wir, ich habe es ja schon
oft erwähnt für uns, denn sie fühlt ihre Zügel sind jetzt zu morsch den
rohen Haufen zu zügeln; sie beginnt einzusehen eine Bildung kann den
Menschen zum Recht zur Wahrheit zur Gottheit zur Religion zurück
führen. Wir haben so unendlich viel nach der Seite der Wissenschaft
der Kunst und des Lebens zu geben daß wir zur menschlichen
Erfassung des Menschen gar nicht mehr der Kirchenvorstellungen
bedürfen. Die Wahrheit wird sich schon frey machen sie ist stark
genug warum wollen wir armen schwachen Menschen für sie
ins Feld treten, geben wir ihr nur Waffen, bereiten wir ihr
nur einen schönen Kampfplatz. Lehren wir nur gerad ist nicht krumm
und krumm nicht gerad; aber gerad läßt sich krumm machen und
krumm nicht nur als gerad ansehen sondern auch gerad machen;
lehren wir nur was sich nicht trennen läßt nun gut, das soll
man nicht trennen, was sich so von sich selbst versteht und wogegen
keine Seele etwas hat [Randnotiz: * und die andern haben wir nicht zu fürchten. ** genug, nur eben das was wir in Keilhau lehren und wie wir es lehren; machen wir so Einsicht, Wahrheit, das Gute wachsen, so stirbt Dumpfheit, Unklarheit und das Schlechte und Fehlerhafte schon von selbst. Wie selbst Jesus sagt.] so haben wir gelehrt, wodurch die Seele alles
hat und der Geist alles bekommt. Keiner unserer Geistlichen hat sich
mit einer solchen persönlichen Wärme für mein Wollen und
Streben je ausgesprochen als alle catholische[n] Geistliche[n] mit welchen
ich jetzt in Verbindung kam; ich erwähne nur des Decans
Siegerist
.
Darum nun lieber Ferdinand habe ich gar nichts dawider,
daß Du wenn Dir die Sache in Deinem Geiste und Gemüthe er-
scheint wie mir, wenn Du Zutrauen zu mir in Dir trägst, wie
ich Zutrauen zum Werke zur Menschheit und zu Gott, zur Führung /
[17R]
Gottes im Leben des Einzelnen wie im Leben des Ganzen und zur Wider[-]
spruchs losen Einigkeit und Eintracht in dieser Doppelführung - daß Du
dann eine Besuch- und Versuchreise hierher machst, und zwar so bald
als Du willst und sich Dir die Umstände in Keilhau dazu günstig zeigen.
Ich betrachte Dich hier zunächst als Besuch; hat sich für mich dann schon
eine lehrende und erziehende Wirksamkeit eröffnet, so siehst Du Dir
Verhältniß und Wirksamkeit erst an und gehst nicht eher in beyde ein
bis Du glaubst in denselben ein Jahr oder wenigstens 1/2 Jahr wirken zu
können; so bald sich das Gegentheil entscheidet kehrst Du zurück. Bleibst
Du hier so theilen wir uns nach Umständen in die Führung und in den Un-
terricht der Kinder und unser beyderseitiges Sinnen und Streben geht dann
dahin daß unser höherer Lebens- und Berufszweck und das Bedürfniß des
Landes und Volkes gegenseitig in einander wurzeln. Bis Ostern ent-
wickeln sich dann die Verhältnisse klarer und wir sehen dann weiter
was zu thun ist. Wilhelm ist dann mit Gottes Hülfe auch gesund und
Ihr beyde könnt dann entweder wechseln, oder wenn die weitere Ent-
wicklung es giebt kann er dann auch noch zu uns kommen, entweder
allein oder mit der Schwester; doch warum vergeblich weitere Pläne
machen. Du Ferdinand schreibe mir nur mit wenigen Worten was Du
zu thun Willens bist, was dem Ganzen auszuführen möglich ist. Du
läßt Dir dann, damit Deine etwaige baldige Rückkehr nicht auffal-
lend ist einen Paß auf 8 Wochen geben. Dein Weg würde über Hild-
burghausen gehen (:Veilsdorf, hier könntest Du hören warum der mir
von HE. Cant: Carl vorgeschlagene junge Mann nicht nach Keilhau
gekommen ist, und ob nicht vielleicht für hier einmal ein Musiklehrer
für von dorther zu erhalten sey. :) Von Hildburghausen nach Schwein-
furt. Hier besuchtest Du den Buchhändler Beck welchen Du aus den
beyliegenden Zeilen des Emil Schwartz kennen lernst. Von Schweinfurt
gingst Du über Würzburg nach Stuttgard. Bey Stuttgard besuchtest /
[18]
Du die Erziehungsanstalt in Kornthal; etwas Näheres darüber findest
Du in Wetzsteins früheren Briefen (ich glaube v. Jahre 1829) an mich. Diese
Briefe werden in meinem Schreibtische im Brieffache links stehen.
Von Stuttgard nach Tübingen, von Tübingen nach Schaffhausen (Rheinfall
Thurm oder Gebäude vor dem Rheinfall in welchem ein Maler wohnt welcher
sein Zimmer zu einer Camera obscura eingerichtet hat in welchem man
den schäumenden Rheinfall wie ein lebendiges Gemälde sieht. Bey diesem
Gebäude läßt man sich überfahren und steigt zu dem Gerüste hinauf
wo man dem donnernden Wasserfall so nahe ist daß kaum zwey neben
einander stehende Menschen sich verstehen pp.) Von Schaffhausen nach Zürich.
Von Zürich ist es eine mittlere, wenigstens leicht zurückzulegende
Tagesreise hieher. Von Zürich gehst Du nach Sempach; ohne Zweifel
über das Kloster Muri nach Muswangen, Heidegg (Hitzkirch)
Baldegg, Römerswyl, Hiltisried vielleicht dicht bei der Schlacht-
Capelle vorbey (um sie im Innern zu sehen meldet man sich beym Küster
hier Siegrist genannt) nach Sempach. Von der Capelle an hast Du
schon das Schlößchen Wartensee in die Augen bekommen. Von Sem-
pach führt ein schöner Weg nach Wartensee. Man muß sich aber
auf den Weg halten der längs den See hin führt; die größere Straße
welche vielleicht 7-10 Minuten von der Stadt entfernt rechts ab-
geht führt nach Neukirch. Zu fehlen ist [es] nicht das Schlößchen leuchtet
bey Tag und bey Nacht wie ein Pharus ohngefähr 200 paris. Fuß über
den See, 342 dergl. Fuß über den See von Luzern, 1662 dergl. Fuß über das Meer. Bist Du auf der Straße einige zwey Hundert Schritt vorwärts ge-
gangen so führt ein FuhrWeg links Dich zu einigen Bauerhäusern, an diesen
vorbey zum Schlößchen.
Nach zwey Karten, ich hatte nicht Lust die Meilen abzuzählen scheint
die gerade Entfernung 65 Meilen zu seyn; rechne ich nun den
Weg 140 Stunden und alle Tage im Durchschnitt 10-12 Stunden so könntest /
[18R]
Du die Reise ohngefähr in 14 Tagen zurück legen. Rechne ich nun auf
jeden Tag im Durchschnitt 1 Thaler so könntest Du mit 10 Brabanter
Thalern die Reise wohl antreten. Für die Schweitz ist dieß das Beste Geld
sonst sind auch 24 <Xrsch [sc.: Groschen]> und Spezrth. zweckmäßig. Es käme nun freylich
darauf an ob die Casse bey Euch so viel jetzt entbehren und uns
vorschießen könnte. Ist das nicht so muß ich erst Deine Antwort
erwarten um dann für das Reisegeld von hier aus zu sorgen.
Da eben die Landkarten, mit welchen ich in diesen Tagen viel beschäftigt
war, noch vor mir lagen habe ich einen Reiseplan gemacht als sey
die Reise selbst schon bestimmt, dieß aber hoffe ich wird Dich und Euch eben
so wenig bestimmen als es Euch bestimmen soll.
Ich komme nun nochmals und zum letztenmale darauf zurück,
daß wenn Ihr es in Gesammtheit und mit gegenseitiger freudiger
Zustimmung es nicht für zweckmäßig haltet ich mich eben so gern
und freudig jeder persönlich fördernder Theilnahme und Unterstützung
von Keilhau aus begebe; ich kann Euch gar nicht sagen mit welch einer
Ruhe und klarem Bewußtseyn ich dieses niederschreibe. Denn ich will
nur das, was in der Fortentwicklung des Menschengeschlechtes mit
Nothwendigkeit bedingt ist; dieses suche ich zu erkennen, diesem suche ich
nachzugehen fest in mir überzeugt daß wenn ich ruhig und sicher nach-
gehe auch jedes Unternehmende und Unternommene gewiß seinen
Fortgang haben wird. Darum nur mein Streben nach Einsicht in das Leben wie es in sich ist.
Wie nun der Mensch ehe er etwas beginnt nach Möglichkeit über
sein Wollen nach jeder Seite hin klar in sich seyn soll, so ist es noch mehr
nöthig bey Aus- und Fortbildung, bey einer ganz neuen Fortent-
wicklung eines schon in sich fest bestehenden geschlossenen Ganzen
klar zu seyn über dessen inneres und äußeres wirkliches Stehen.
Obgleich nun alles im Vorstehenden und Bisherigen Niedergeschriebenen /
[19]
[Bogen] K. nur den Zweck hat mein Stehen, das Stehen Keilhaus und das inner-
ste Stehen des Lebens überhaupt, so wohl jedes für sich als ganz beson-
ders aber in ihrer Wechselbeziehung zu einander und inneren Verket-
tung kennen zu lernen, so halte ich es doch für wesentlich nöthig in dieser
Rücksicht die Betrachtung Keilhaus noch selbstständig herauszu-
heben.
Keilhau hat, wie es jetzt da steht, in sich und außer sich eine völlig bestimm-
te und abgeschlossene Entwicklungsstufe erreicht; es kann sich in sich
und außer sich ausbilden, befestigen, klären; dieß kann es nicht nur,
sondern soll es und wird es auch; aber fortentwickeln zu dem Ziele,
zu dem Zwecke, zu welchem es gestiftet und gegründet wurde, kann
es sich, innerhalb der Stufe auf welcher es jetzt steht, nicht mehr; es stand
einmal auf der dazu nöthigen Stufe aber - weil es sie nannte,
ging sie verlohren wie, nach dem Mährchen ein Schatz wieder in die Tiefe sinkt, wenn
man, indem man ihn fassen will sagt: - ”ich hab ihn!” Aber Keil-
hau sollte eine höhere Stufe erreichen, sollte sie mit Bewußtseyn
erreichen, Keilhau soll überhaupt um seine große Bestimmung
und Aufgabe in der Zeit und für die Zeit zu lösen, alles mit kla-
rem Bewußtseyn thun; alles was von ihm ausgehet soll mit
ausgesprochenem klaren Bewußtseyn geschehen, darum schwand
jene Stufe, oder vielmehr die Bedingung zur Entwicklung,
ihm wieder; es ist - das Wurzeln im Allgemeinen, das Leben
im Leben der Menschheit
. Mit kurzem Worte: die Deutschen er-
faßten in ihrem Streben die Menschheit nicht, darum konnte auch
eine Erziehungsanstalt die sich die deutsche nannte, und doch Dar-
stellung reiner Menschheit
zum Ziel, einzigen Ziel und Zweck haben
sollte, als allgem: deutsche Anstalt nicht bestehen. Der Deutsche
will weder das Deutsche, noch das Allgemeine, weil er weder sein,
das deutsche Wesen, noch sich diesem in der Allgemeinheit seiner Natur, /
[19R]
wohl aber möchte ich sagen in der Unbehülflichkeit seiner Natur, erkennt.
So wird Keilhau als Keilhau und die Keilhauer Erziehungsanstalt
überall nicht nur geachtet, sondern ich darf sagen hoch geachtet wo sie
auftritt und bekannt wird, während dem man von dem Deutschen, noch
weniger dem Allgemein Deutschen und der allgemein-deutschen Erz.-Anstlt.
nichts wissen und nichts hören will.
Wodurch ich bey dem (Worte) Streben der Deutschen, Deutsche zu seyn,
und bey meiner Erkennung und Anerkennung des Allseitig Menschheit-
lichen im deutschen Wesen, hoffte Keilhau nicht nur zu sichern, sondern
zu heben, nicht etwa als ein einzelnes äußeres vorübergehendes Mittel,
sondern als in der Natur der Sache selbst liegend; dadurch habe ich ihm,
Keilhau für einige Zeit ich will nicht das harte Wort brauchen ge-
schadet, aber seine Entwicklung gehemmt, eben weil das Streben
der Deutschen ein Wortstreben war. Wir wären vielmal unterge-
gangen, wenn mein Streben und Wollen nicht nach zwey Seiten hin
tiefer, wenn es nicht ächt begründet gewesen wäre, wenn nemlich
nicht erstlich ich mein Wirken und Wollen durch die Entwicklung und
Ausbildung des allgemein Menschheitlichen innerhalb meiner eige-
nen Familie begründet und befestiget hätte, wenn ich nicht das All-
gemeinste Menschheit, an ein Besonderstes, Einzelstes Fröbelsche
Familie geknüpft hätte, gleichsam mit Übergehung, wenigstens
nicht Beachtung des dazwischen liegenden Deutsch[en] (: laßt uns dieß,
besonders Du Barop und Du Middendorff Dir und Euch ein Fingerzeig
seyn für Eure und für - andere Familien :) Und wenn Zweytens, dieß
ist nicht minder wichtig, - mein persönliches Streben nicht tiefer
als in diesem Wort- und Flackerstreben begründet gewesen, wenn
es gleichsam von diesem nur wie ein Schwefelhölzchen angebrannt
worden wäre, aber mein Streben das rein Menschliche lebte schon in meinem Gemüthe
ehe nur die französische Revolution herauf blitzte, lebte schon ehe Fichte /
[20]
seine Reden an die deutsche Nation schrieb, lebte mit Klarheit und Festig-
keit seines Zieles Weges und Mittels, ehe ein deutscher FreyheitsKrieg
uns, wenigstens mir sagte daß wir Deutsche seyen; durch alles dieses
wurde nicht etwa erst das Leben in mir hineingeworfen wie ein
Brand, sondern mein Leben was ich als mein eigenes Wesen in mir
selbst trug wurde höchstens dadurch entwickelt; ich ruhete in mir in
der Wahrheit meines Wollens und Strebens, aber nicht in ihm, denn
so wie ich das Streben außer mir für ein bewußtes hielt und auf
ihm ruhen wollte ging ich selbst fast unter. Seht Ihr Geliebten
Theuern! wir können über das Leben gar nicht klar genug werden;
wir dürfen gar nicht aufhören eine Decke nach der andern von un-
sern Augen zu nehmen, einen Vorhang nach dem Andern zu heben
um endlich zur Quelle des Lebens, wenigstens zum Lebens-
grunde der Lebenserscheinungen zu kommen. Was ich hier von und
über mein Leben andeutete wissen zum Theil einige von Euch aus
früheren Darstellungen meines Lebens z.B. v. der von 1807. Barop
die von 1827. Ihr könnt darum den andern bestätigen was ich aussprach.
Wie nun so Keilhau wirklich ein in sich abgeschlossenes Leben ist, so
muß es sich nun auch recht klar und bestimmt in seiner Abge-
schlossenheit und Eigenthümlichkeit kennen lernen. Wir haben
nun aber aus den eben niedergeschriebenen Andeutungen ge-
sehen wie die Kenntniß von Keilhau und die Einsicht in sein Wesen
abhängt von der Kenntniß seines Gründers und von der Einsicht
in das Wesen desselben in seinen Entwicklungsgang in sein
Wollen und Streben. Weil nun aber schon ein Mensch über
sein Wollen und Streben, über sein Werk nicht klar werden
kann wenn er nicht über sich selbst klar ist, so habe ich mich
zu verschiedenen Zeiten meines Lebens veranlaßt gesehen Skizzen
meines Lebens und dessen Entwicklungsganges, mehr oder minder /
[20R]
ausgeführet nieder zu schreiben; manche sind mir geblieben, manche
sind wie es scheint verlohren gegangen. Die Form war oft verschieden.
Fast nie habe ich eine solche Darstellung später wieder durchgelesen,
sie erreichten im Augenblick des Niederschreibens ihren Zweck, d.h.
sie machten mir meinen gegenwärtigen Bildungs- und Lebens-
zustand klar, sicherten mich mehr in mich selbst, gaben mich mir
selbst und erhoben mich dadurch zu einer höheren Bildungsstufe,
das ist die größerer innerer Einigung. Dieß war unter anderm
1807 wo ich den ersten Gedanken einer zu gründenden Erziehungs[-]
anstalt hatte der Fall; eben so 1816 doch scheint dieß verlohren
gegangen; weiter 1827 wo ich den Gedanken der Begründung
einer Volkserziehungsanstalt hatte. Auch jetzt in diesen Tagen
der eigentlichen Begründung Wartensees war dieß wieder der
Fall; und wie immer äußere Veranlassungen solche Lebens{denk/grenz}steine
setzten, so war und ist dieß auch jetzt wieder der Fall; aber eben dadurch
bekam dießmal die Lebensvorführung einen eigenen Charakter eine
ganz eigene Richtung; es war dieß vorwaltend die der Herzens- und
Gemüthsentwicklung; es scheint dieß, wie freylich wohl eigentlich das
letztere immer das Wichtigste sein soll, auch für mich eine der nothwendig-
sten Lebensthatsachen zu seyn; weil der Mensch nur dann nach
außen erst ganz klar, sicher und fest handeln kann, wenn er auch in
Beziehung auf die Forderung seines und Ausbildung seines Herzens
und Gemüthes ganz klar, sicher und fest ist, und nun so auch durch
diese dadurch errungene Klarheit meiner also das letzte Hemmniß
hinweg geräumt scheint, was mindestens dem gesunden freudigen
Empor- und Fortwachsen Wartensees, vielleicht Wartensees und
Keilhaus, noch hätte hindernd im Wege stehen können.
Der Mensch ist im kleinen, im einzelnen Handeln, recht ein Bild
des Großen, des Allgemeinen Handelns, so auch seines eigenen Gesammt- /
[21]
[Bogen] L. handelns: ich schrieb jene Lebensdarstellungen immer an Andere und
für Andere nieder, wie sie nur hätten an mich und für mich selbst nie-
dergeschrieben seyn sollen; wie es denn am Ende auch immer der Fall
war und ich möchte sagen der Zweck und die Forderung der Lebens-
führung zur Erreichung des Lebens Höchsten: Selbsterkenntniß.
Also wie frühere Lebensskizzen von mir, an und für bestimmte Perso-
nen niedergeschrieben wurden, so auch die letztere wieder; sie ge-
hört also nicht mehr mein, also auch nicht ihr Gebrauch, doch könnte
wohl auch noch daraus Mehreres weiter mitgetheilt werden; jetzt
lege ich blos, da besonders Du Middendorff gewünscht hast es zu
lesen die Skizze vom Jahr 1827 gehend bis zum Jahr 1816 bey;
wäre es auch zunächst zu keinem anderen Zweck als damit alle
Keilhau betreffenden Papiere wieder in Keilhau sich zusammen
fänden, um es so den Gliedern von Keilhau möglich zu machen
Keilhau in seinen Entwicklungsstufen und Schicksalen aus dem
Leben und den Entwicklungsstufen seines Stifters und Gründers
kennen zu lernen um es besonders jetzt in der bestimmten Stufe
seiner Abgeschlossenheit zu erkennen und zu würdigen.
Ich habe mehrere von Euch bey sehr vieler Veranlassung auf
die über alles wichtige Lebenserscheinung und Thatsache aufmerksam
gemacht, wie im Leben eine Sache und Erscheinung so oft ja vielleicht
immer das Entgegengesetzte von sich bewirkt (: Jesus macht ja
schon darauf aufmerksam:) z.B. Zwang gebiert Freyheit;
Freyheit erzeugt Zwang; Trennung bewirkt Einigung; Einigung erzeugt
Trennung; Schonung, Pflege erzeugt oft Undank, während Härte, Achtungs-
losigkeit Dankbarkeit bewirkt u. s. w. Die Beyspiele sind zahllos.
Dieses höchst merkwürdige, auf das höchste beachtungswerthe Gesetz
des Bewirkens und Erzeugens des Entgegengesetzten dessen was
man will scheint sich nun recht klar und bestimmt in Keilhau aus- /
[21R]
zusprechen. Da ich und im selbigen Maße wie ich eine allgemeine deutsche
Erziehungsanstalt wollte habe ich in doppelter Beziehung fürs Pub-
likum und für uns eine ganz besondere Keilhauer Erziehungsanst[alt]
erhalten, wie ja denn auch so wohl Ihr unter einander, als auch andere vorwaltend und fast ausschließend nur von einem Keilhauer Leben
sprechen. Laßt uns dieß nun fest halten, laßt uns nun weise und klug seyn
ersteres weil es einem tief gegründeten Naturgesetz entspricht: Gleich-
artiges ruft Ungleichartiges hervor, Gleichartiges stößt sich ab, Un-
gleichartiges zieht sich an pp. das zweyte weil es der äußeren Lebens[-]
erscheinung auch angemessen ist; laßt uns die allgemeine deutsche
Erziehungsanstalt ganz still nach und nach sinken und die Keilhauer
Erziehungsanstalt ans Licht treten gebt Achtung, so wird Keilhau
bald an Allgemeinheit, also nothwendig auch an Deutschheit gewinnen;
Seht, Ihr Lieben! dieß ist etwas unbedeutend Kleines und bewirkt viel-
leicht ich möchte mit Bestimmtheit sagen gewiß etwas Großes (: hier
habt Ihr gleich wieder unsern Satz {vom/des} Wirkens des Entgegengesetzten:
Kleines bewirkt Großes !:). Die allgemeine deutsche Erziehungsan-
stalt muß aber sobald man in Verbindung mit der Wartenseeer
Erziehungsanstalt von ihr spricht nothwendig zur Keilhauer Erziehungs-
anstalt werden; so wird also die allgemeine deutsche Erziehungs-
anstalt ganz still und ohne das [sc.: daß] Jemand dabey sich etwas denkt
nur eben weil die Wartenseeer Erziehungsanstalt in Verbindung, in
Einigung mit ihr aufgetreten ist zur Keilhauer Erziehungsanstalt, und
indem so nach jeder Seite hin der das Allgemeinere bezeichnende
Name sinkt, wird die, wird gewiß die allgemeinere Wirksam-
keit eintreten. Ihr habt hier ein Beyspiel, was ich meine nicht allein
wahr und recht handeln sondern auch mit Einsicht nach klar bewußtem
Gesetz handeln. Das letztere bringt und giebt uns das Leben in unsere Hand
in unsere Gewalt, denn je nach dem was wir wollen heben wir entgegen /
[22]
gesetzt das Allgemeine aber Besondere hervor. Ich will Euch allen sagen:
Seit ich jetzt von Keilhau weg bin, und dieses mein Weggehen von
Keilhau mit eingeschlossen, handle ich ganz nach denselben Gesetzen
wie wir in Keilhau lehren; zwar keinen Unterricht nicht ausgeschlossen
aber besonders, wie wir Zeichnen lehren; alles mein Thun ist eigentlich
nur eine Erweiterung und Anwendung jener Lehrgesetze, und zwar
mit der größten, wörtlichen Bestimmtheit (ich habe dieß schon auf in mei-
nen Briefen aus Frankfurt angedeutet), und darinne sehe ich einen
äußern Grund meines bisherigen Gelingens meines Unternehmens
aber auch die hohe Achtung des aufgestellten Unterrichtsganges
denn seine klärende und sichernde Anwendung hat für mich bis jetzt noch
kein Ende gefunden, vielmehr ist er mir ein wirklicher Elementar-
unterricht der Lebenskunst selbst, und ich bin felsenfest in mir über-
zeugt werde und würde ich ihm recht bestimmt im Leben nachgehen und
immer anwenden ich würde zur völligen Beherrschung des Lebens zur
freyen sichern klaren Ausübung der Lebenskunst gelangen wie dort
zur Zeichnungskunst u.s.w. Dieß besonders Dir Wilhelm und
namentlich Dir Ferdinand die Ihr das Leben wie die Zeichnungsgesetze
die Gesetze des Figuren- und Gestaltenerfindens noch in Eurer
Hand habt, d.h. ihre klare ungehemmte Anwendung.
Seht Geliebte in dem hier angedeuteten Geiste unserer Erzieh- und
besonders auch Unterrichtsweise, als durchschimmernde Schule und
Lehre der eigentlichen Lebenskunst - was sich nun freylich wieder
unmittelbar und sogleich wieder im Anschauen des Keilhauer
Lebens [zeigt] (hier habt Ihr schon wieder was ich oben sagte bestätigt) – darinne
hat die hohe fast einzige Anerkennung ihren Grund die ihre Vorführung
in ihrem reinen Geist und regen Leben überall erhält. Darum
soll man jetzt noch diese Unterrichts- und Lehrweise aber nur mit
und in ihrem Geiste und Leben, nicht als todtes Formelwesen festhalten. /
[22R]
Um nun aber eine Sache ganz und recht zu erkennen, ist nun aber nicht
allein nöthig, daß man sie oben und unten und nach allen Seiten, innen
und außen und so nothdürftig eben in seinen [sc.. ihren] nächsten Beziehungen be-
trachte, sondern es ist nöthig, daß man sie wo möglich in allen we-
nigstens in alle den uns zu denken möglichen und besonders der allge-
meinsten Beziehung betrachte, so z.B. jede Einzelheit in Beziehung auf
die Einheit an sich. Zu dieser Betrachtung werden wir schon zu der
Bemerkung geführt, daß die Wartenseeer Erziehungsanstalt die Allgemeine deutsche in Keilhau kurzweg nun zur Keilhauer Erziehungsan-
stalt macht; also Wartensee und Keilhau sind sich, zusammengehörige
Gegenpunkte; sie bedingen so eine ganze gerade Linie, einen Kreis, eine
Kugel, d.h. sie sind, sie erzeugen ein Ganzes recht behandelt; wie
bildet sich dieß nun gleich fort wenn Ihr unter einer Kugel einen Mond
denkt oder auch nur einen Stein auf der Erde? Oder W. und K.,
oder vielmehr K und W sind sich zusammengehörig wie Punkt u Öffnung
an einem Winkel; was geht daraus nun wieder alles hervor wenn
Ihr Euch einen Winkel in trigonometrischer Bestimmung denkt. -
Oder K. und W. sind sich entgegengesetzt wie Mittelpunkt und
Umkreis einer Zirkellinie; hier sind wir gleich wieder wenn
ich den Zirkel um seine Achse drehe bey der Kugel; hier bin ich
gleich wieder wenn ich die durch Mittelpunkt und Umkreis bedingten
Linie[n] ziehe bey unserer obigen trigonometrischen Bestimmung eines
Winkels.
Doch diese alleinige Betrachtung des gegenseitig fördernden Verhältnisses
zwischen K. und W. war es nicht was ich oben im Auge hatte als
ich sagte man müsse das Einzelne auch in Beziehung auf seine Einheit
betrachten es ist etwas anderes worauf ich unsere Betrachtung leiten
wollte: Das einzeln und einzig Vollkommene, und wenn es das Voll-
kommenste ist, das wirkt nicht. Keilhau und wenn es in sich den höch- /
[23]
sten Grad der Vollkommenheit erreicht hätte das wirkt zur Fort- und
Weiterbildung nicht; wir haben ja schon oben gesehen daß unsere besten
Zöglinge wenn die Umstände nicht sehr günstig sind, im Leben wie es ist
nicht bestehen können; daher sagt man uns immer: ihr könnet dieß
wohl, aber wir nicht unsere Verhältnisse erlauben dieß nicht, wie
ja dieß selbst mehrere von Euch gehört haben. Hätten wir lauter
Sonnen so kämen wir nicht zur Erkenntniß des Weltsystems, ja
wir selbst wären dann ohne Zweifel wie wir jetzt da sind, nicht da.
Zur Erkenntniß des Weltsystems gehören auch Erden (Planeten) Mon-
de und Kometen (Irrsterne). Eine 1e oberste Classe (Wandelsterne)
in einer Schule kann für sich nicht bestehen es müssen auch Classen
nach unten herabsteigend seyn; dann ist es aber merkwürdig daß
untere und obere Classen sich wieder wechselseitig heben.
Dieß hat mich schon früher bestimmt eine Bildungskette von Osten nach Westen
anzulegen. Die Helbaer Erziehungsanstalt wenn auch jetzt nur
auf dem Papier verdankt diesem Gedanken mit ihr Entstehen
wenigstens ihr Festhalten; und Helba würde eben so gewiß aufge-
blühet haben wenn der Herzog seine erste Stellung pp zu mir was
so ziemlich dem vom H. Schnyder zu mir ähnlich war festgehalten hätte.
Doch die H. G. v. Consistorium schlugen durch ihre {Mauth- / Duanen-} und Zollinien
das Ganze schon in seiner Geburt in Fesseln. – [Randnotiz*-*] [*] Würden dagegen die H. G. v. Consistorium zu Meiningen, wie es der bestimmte Wille des Herzogs war und wie es hier der Fall ist, die Sache sich frey entfalten und entwickeln lassen, ja würden diese Herren ihre Freude an dem Wirken und Bestehen, an dem Aufkommen der Anstalt gehabt haben, so würde Helba erstanden seyn und bestanden haben. Doch ist das Begründen und Bestehen von Helba gelöst; denn ich sage ja in der Anzeige: in Keilhau beginnt die Unternehmung, die Volkserziehungsanstalt gewiß - und die erste Abtheilung von Keilhau hat ja wirklich dadurch ihr Entstehen. Jetzt kann von mir nichts gefordert werden, das Consistorium hat 20 Zöglinge für Helba als Anfang festgesetzt. Gut, wenn diese da sind, so löse ich mein Versprechen [ein*] Du, Barop wirst
Dich erinnern daß ich Dir jeden Gedanken vor Deiner Reise 1830 nach
Westphalen mittheilte. Jener Gedanke war mit bestimmend als
ich den Vorschlag Schnyders wegen Wartensee gleich so wankellos
festhielt und daß ich doppelt Recht hatte hat sich mir auch in der
Stimme des Publikums ausgesprochen unter mehrerem unbestimmt Hieher[-]
gehörigen wurde mir auch mit Bestimmtheit auf meiner Reise hieher gesagt und von einem
Manne welchen ich zwey anderer tiefer Äußerungen wegen sehr achten
muß: - eine Anstalt thut es nicht, {es/sie} müssen mehrere {angelegt werden/anlegen} /
[23R]
und ich würde vielleicht noch eine vielleicht noch zwey Erziehungsanstalten
in nicht minder schönen Gegenden, eine Kette von Anstalten von
Keilhau bis Wartensee angelegt haben, wären nicht früher Mehre-
re dem Keilhauer Leben untreu geworden oder wie ihr [sc.: Ihr] es nennen
wollt. Jetzt würden sie es vielleicht nicht weil sich ihnen sichtbar
eine Aussicht zur Fortschreitung der Bildung zeigt. Doch vielleicht sind
sie die Kometen (die Irrsterne) des Keilhauer Lebens.
Doch noch eine andere Ansicht ist es wodurch Keilhau in seiner
wahren Stellung zur Zeit und in der Zeit und zur Einheit, zur Mensch-
heit, erkannt werden kann und erkannt wird.
Freyheit, Friede, Eintracht so heißen die großen Losungswörter der
Zeit! Man sucht die Küste, das Land, das Volk, den Ort, das Haus
wo man meint daß sie wohne, daß sie zu finden sey. Man lauschet
des kleinsten Punktes wo man hört daß sie wohne, meinend, glaubend
ersehnend, und ganz mit vollem Rechte meinend, ersehnend, glaubend,
daß wenn sie auch nur in dem allerkleinsten Erdenräumchen,
und sey es auch wirklich nur eines einzigen Menschen Brust und
Leben ihre Wohnung aber ihre sichere feste Wohnung aufgeschlagen
habe, daß dann ihr, sich doch einmal verwirklichtes Erscheinen
auf der Erde, bald seine wärmenden und leuchtenden, seine ge-
staltenden seegensreichen Strahlen auch weiter verbreiten werde.
Keilhau ist - welche Unvollkommenheiten es auch noch immer
in sich trage, wie ja selbst der edelste Mensch noch nicht mit sich
zufrieden seyn, sondern immer nach größerer Vollendung streben
soll, Keilhau nun ist was die Zeit jetzt zu ersehen zu erschauen
erstrebt ein Ort der Freyheit, des Friedens, der Eintracht und mehr
noch wenn es ein Höheres Mehreres giebt welches nicht schon darinne begriffen
wäre. Seid alle so gerecht als wahr gegen Euch wie gegen jeden
unter Euch: Zwietracht herrscht nicht in Euerm Inneren, mit Freyheit /
[24]
und Selbstbestimmung steht Jedes von Euch wo es steht und Friede
wohnt in Eurer aller wie in Jedes Einzelnen Brust denn Ihr habt
alle das freudige hohe Bewußtseyn daß Ihr mit Hingabe des Liebsten
die Darstellung und Verwirklichung des Höchsten und Besten gewollt
habt und noch immer wollt. Darum magisch, wie ein Zauber, wie
ein electrisches Wort wirkt Keilhau wenn es in seiner Bedeutung
und im Zusammenhang seines Lebens ausgesprochen wird; darum schau-
en alle die von Keilhau etwas gehört haben auf Keilhau so unbe-
deutend es ist, wie auf einen aufgehenden Lebensstern hin; deß-
halb sagst Du Wilhelm in Deiner Liebe und Treue zwar in Beziehung
auf Wartensee, doch auch hier anwendbar: “Wenn aber ein
” Werk wie dieses eines seegensreichen Gedeihens sich erfreuen
” soll, so deucht mir muß man es besonders in seinem Beginne
” rein darzustellen und alle Trübungen und Widersprüche daraus
” fern zu halten suchen.” Nun werden gewiß Manche von Euch
meinen, wenn ich wirklich Keilhau so schaue wie ich es schaue
so sollte ich still seyn und es so ruhig in sich fortleben ohne ein stöh-
rendes auf- und in sich blicken, aber Ihr Geliebten Theuren daß [sc.: das]
ist eben das so sehr Schwierige des jetzigen Wirkens, daß es
sich ganz und gar nicht darum handelt daß die Sache da ist, auch
selbst nicht der Friede, die Eintracht die Freyheit pp. sondern daß
sie mit klarer Einsicht und Bewußtseyn das heißt kurz auch
geprüft da sind, nur die geprüfte Tugend ist Tugend; deßhalb
Ihr Theuern haben vielleicht alle die Prüfungen durch die Ihr habt
hindurch gemußt und durch die Ihr noch hindurch müßt eine
überaus und bey weitem höhere Bedeutung als Ihr bis jetzt
noch gemeint und erkannt habt: die Prüfungen Ihr Treuen waren
wohl nicht, um Euch Druck, um Euch Noth, um Euch Schmerz pp. zu machen
sondern um eine geprüfte Tugend d.h. eine geprüfte Freyheit, einen /
[24R]
geprüften Frieden, eine geprüfte Eintracht und wie alle die hohen
und höchsten Lebensgüter heißen durch Prüfung errungen in Prüfung
festgehalten auch Andern zu zeigen Seht Geliebte! damit die
Welt ein Zweyfaches und wohl Mehrfaches noch, sehe, einmal daß
Friede Eintracht Freyheit Güter sind die des Lebenskampfes werth
sind, zweytens daß sie im Lebenskampf errungen und drittens
daß sie im Lebenskampf festgehalten werden können und viertens
daß man sich ihrer im Lebenskampf freuen, ihrer im Lebenskampf
Noth und Druck u Schmerz froh werden könne u. s. w.
Seht hier den Werth die Wichtigkeit und die Bedeutung von Keilhau in
der Zeit und für die Zeit, darum achtet Keilhau, pfleget Keilhau
achtet Euch selbst und achtet Euch gegenseitig! -
Aber wie klein ist Keilhau, wer kennt Keilhau? - Wer vom
Munde zu Mund davon sprechen hört. Was will jenes Dörfchen
im obersten Winkel des unbekannten Thälchens, was will es in seiner
Unbedeutendheit gegen den ungeheuren Raum auf welchem man
nach Eintracht Freyheit Frieden strebt? - Eine große Anschauung
muß dem großen Landstrich gegeben werden: - Eine Linie,
eine Richtung, eine Wirkung des Friedens, der Eintracht der Freyheit
die nicht nur getrennte Punkte Eines Landes, sondern die sogar
getrennte Länder vereint: - Eine Friedens-, Freyheit- und Ein-
trachts-Linie von Deutschland nach der Schweitz von der Schweitz
zurück nach Deutschland. Eine Linie des Friedens der Freyheit
und Eintracht wie die Fluß- und Stromgebiete beyder Länder
der Elbe und des Rheins friedlich frey und einträchtig ihre Arme
in einander schlingen. Ein solches Lebensbild dessen beyde
Ende[n] das eine in Keilhau, das andere in Wartensee liegen,
das kann und wird gesehen werden, diese Linie und Richtung das
kann, das wird die Magnetnadel, die unverrückt zeigende /
[25]
Magnetnadel, die untrügerische Magnetnadel seyn welche die Menschen
auf dem jetzigen stürmischen Lebensmeere die ihr vertrauen wollen, sicher
in den Hafen den sie suchen führen wird. -
Man fühlt, man weiß vielseitig daß das Neue kommen und was
in seinem Gefolge seyn muß: Freyheit, Eintracht, Friede!
Man weiß es in Deutschland wohl, man weiß es in der Schweitz.
Aber in der Schweitz will man es auch das Neue und will seyn Gefolge;
deßhalb muß wohl mit Nothwendigkeit der eine Pol, das eine
Ende, des dahin führenden Lebensmagnetes in der Schweitz, der
andere in Deutschland liegen, und wir mußten darum, aus vielleicht
noch bey weitem tiefer liegenden Gründen, als wir jetzt schon ahnen,
unser Wirken an die Schweitz anknüpfen. Also lauter Auffor-
derung zur größten Sorgfalt zum ruhigsten unpersönlichsten
umsichtigsten Handeln.
Man weiß so recht wohl und gut was seyn soll, man weiß
es in Deutschland, man weiß es in der Schweiz, aber Niemand
hat den Muth zu beginnen. Aber in Deutschland hat man nicht ein-
mal den Muth Jemanden beginnen zu lassen und verfährt da-
bey höchstens nur so eben leidlich duldend, daß man kümmerlich
sein geistiges Leben fristet; in der Schweiz wenigstens freut
man sich doch, wenn nur Jemand den Muth hat zu beginnen, und
geheime Hemmnisse sehe ich wenigstens bis jetzt nicht; da kann man
doch einmal wieder frey athmen und seine Kräfte, wäre es wirklich
auch nur für einige Zeit, wieder frey gebrauchen, in der Hoffnung,
daß ihr Gebrauch zum Ziele führt, und durch diesen Gebrauch sie
stärken.
Es ist wahr, es ist hier im Ganzen und Allgemeinen wie überall:
man hofft den Beginn, jeder hofft den Beginn des Neuen des Besseren
wo Anders her, von Außen; Jeder möchte das Gute, das Rechte, das /
[25R]
Bessere für das Allgemeine und an und für sich aber er meint nicht er, son-
dern der Andere müsse damit beginnen; aber eben so wohl ist das zweyte
entgegengesetzte Streben allgemein daß ein jeder sucht seine eigene äußere
Lage, seine eigenen äußern Verhältnisse, seine eigene äußere Wirksam-
keit zu vergrößern, doch ist es thöricht ihm zu zu rufen oder wohl gar ihn be-
lehren wollen: indem du das Allgemeine hebst, hebst du dich, indem du
für das Allgemeine sorgst, sorgst du für dich: man predigt ewig tauben
Ohren man drischt ewig leeres Stroh. Allein Ihr Lieben! laßt uns dieß
alles einmal recht ruhig und ganz so betrachten, wie es ist; haben wir
dadurch nicht gefunden ist uns dadurch nicht gegeben und geworden was
wir längst suchten: Die Schweiz sucht ihr letztes Heil (Bildung) wie und
wo man überall sein Heil sucht: von Außen, aus der Fremde, Ferne. -
Wir kommen von Außen, aus der Ferne, Fremde. - Die Schweiz sucht ihr
Heil ersieht ihr Heil aus Norden, wir kommen aus Norden. - Die Schweitz
was zeigt daß sie sucht, sieht, denkt, vergleicht, sieht ihr Heil in Nord-
deutscher Bildung; wir bringen Norddeutsche Bildung. - Sie wünschen
daß der Andere innerhalb ihres Kreises beginne; wir sind die Andern
welche innerhalb ihres Kreises beginnen. - Sie wünschen und fordern, daß
ihr äußeres Verhältniß gepflegt werde; wir können an ihre äußern
Forderungen an ihre einzelnen Bestrebungen z.B. Französisch anknüpfen
und so von dem Äußern, wenn auch nicht bey dem Einen und Jeden, doch
im Ganzen und nach und nach zum Innern, vom Einzelnen zum Allge-
meinen empor steigen; so ist hier mathematisches, geometrisches
architectisches, naturhistorisches Bedürfniß an welches wir anknüpfen
können und ich könnte wohl noch mehr anführen, z.B. noch Gesang und Musik
wenn es nicht schon mehr als hinlänglich wäre.
Wir aber können nun so ganz wie wir unserm Berufe, unserer Bestimmung
[nach] sollen, selbst unserm Streben nach Wollen, an und mit uns selbst beginnen,
freythätig und selbstentwickelnd aus unserm Innern empor steigen, /
[26]
wir brauchen nun keine Hülfe von Außen von Andern zu erwarten,
wir können uns dadurch, daß wir den Einzeln- und Außerbedürf-
nissen entgegen kommen, sie aber zum Innern und Allgemeinen
zum Ganzen führen, uns selbst helfen indem wir so zugleich un-
sern Beruf erfüllen und erreichen, immer steigend schöner erreichen.
Es waren nun wohl von einer Seite der Betrachtung her, die Un-
terstützungen die wir von Rudolstadt aus empfingen uns recht
wohltätig; denn sie sicherten uns in dem harten Kampfe in wel-
chem wir uns und einander finden sollten, unser Bestehen; denn
ohne Zweifel wären wir in diesem Kampfe untergegangen, d.h.
man hätte uns in Rudolstadt untergehen lassen, wenn man nicht
gefürchtet hätte die Unterstützungssummen zu verliehren, welche
wieder zu erlangen man doch so lang Hoffnung hat, als Keilhau
wirklich besteht; allein - wenn nicht vor allem zuerst jenes innige
unzertrennliche und innige Sich-selbst-finden, Sich-selbst-erkennen,
Sich-selbst-festhalten Keilhaus als Eines Ganzen, als Einer Einheit
nöthig gewesen, zu erreichen nothwendig gewesen wäre – so
wäre es doch ein großer Mißgriff bey der menschlich ganz freyen
Stellung die wir unserm erziehenden Wirken, die wir unserer
Erziehungsanstalt, die wir Keilhau geben wollten, ein großer
Mißgriff gewesen, jene Unterstützungen, die jedoch zu unserm
Heil und Glück auch nichts anderes sind als andere Capitalvorschüsse
auch - zu fordern. Genug als äußere Ursachen und Mittel betrachtet
ist es ein Glück für uns daß jene Vorschüsse nicht eigentlich hingege-
bene Gaben und Unterstützungen waren; denn hätte man sie einmal
verlohren-gegeben so hätte man auch Keilhau aufgegeben. Aber
ein so rein menschlich erziehendes Wirken, eine so rein menschliche Erzieh-
ungsanstalt, welche den Menschen zur innern und äußern Freyheit
zum innern und äußern Frieden, zur innern und äußern Eintracht wirk- /
[26R]
lich erziehen will, muß selbst[-] und freythätig ohne fremdartige äußere
Mittel und Unterstützung zu fordern, aus sich hervor steigen, damit
die Anstalt selbst als ein Ganzes ein vorleuchtendes Beyspiel und
Musterbild für seine Zöglinge, seinen Zögling sey. Hierzu und hierfür
ist nun die Stellung des Wartenseer Unternehmens gleich von Be-
ginn an nach jeder Seite hin ganz vorzüglich; man kann hier durch die
Gesammtheit der Umstände freyttätig, selbstständig, wie es ein er-
ziehendes Beginnen und Werk fordert unumgänglich fordert, aus sich
hervor steigen. Darum nun dünkt mich gehören Keilhau und W.
jenes wegen dem Geiste den Mitteln und der Erfahrung, dieß
wegen den äußern Umständen, der Möglichkeit und dem Bedürfnisse wie
zwei Hälften eines Ganzen zu einander; und es läßt sich darum freudig
erwarten es werde sich bestätigen, das [sc.: daß] Wartensee um Keilhaus
willen gefunden und festgehalten worden, wie denn letzteres von
meinem Handeln her schon gewiß ist.
Deßhalb dünkt mich nun müsse Wartensee von Keilhau aus
so festgehalten werden, seine Entwicklung und Fortbildung, als wie
die Vorsehung uns Keilhau in Noth festgehalten und erhalten
hat. Wartensee und Keilhau müssen nach meiner festen Überzeugung
innig so in sich und unter sich zusammenhalten als Keilhau in sich
selbst zusammen gehalten hat. Vergeßt nicht was ich über das Ver-
hältniß und die innere Beziehung von Mutterland und Colonie an-
deutete, und sucht Euch dieses Wechselverhältniß in seiner Reinheit
Wahrheit Bedeutung und Wirksamkeit selbst noch recht klar zu
machen.
Ihr seyd zusammen jetzt in Keilhau Zwölf Glieder von beyden
Geschlechtern von verschiedenen Alters- und Bildungsstufen, von den
verschiedensten Lebenserfahrungen in Beziehung auf das äußere
in Beziehung auf das innere Leben; wenn es einem solchen Kreise /
[27]
[Bogen] M. wenn es in solchem Verhältnisse nicht möglich seyn soll das Wahre und
die Wahrheit, das Rechte und Richtige, das dem Einzelnen wie dem
Ganzen gleich Gesunde, gleich Zuträgliche, das wirklich Gute so zu
finden, dann weiß ich nicht wo es eine Mehrheit, einen Kreis von
Menschen geben kann, welcher als ein Ganzes das Wahre, Rechte
und Gute finden könne.
Eurer Zwölf seyd Ihr! Ohne daß ich kaum noch daran dachte ist
was ich früher, was ich längst einmal wollte und wünschte mir nun
erschienen. Es erinnern sich vielleicht einige von Euch namentlich
wohl Du Middendorff daß ich früher zum öftern geäußert habe:
“wenn wir nur erst unser zwölf wären!” oder "wenn wir unser
zwölf einmal sind dann haben wir gewonnen!" Mir selbst ganz
unerwartet sehe ich jetzt das erste erfüllt, möge das Zweyte
auch wahr seyn. Über dieß sind davon gleichviel dem Herz und Ge-
müth, gleichviel dem Kopf und Geist angehörend, 6 Frauen 6 Männer.
Möge dieß um so mehr meine Erwartung und Hoffnung rechtfertigen.
Noch von einer anderen Seite her erscheint aber diese Zwölf bedeu-
tungs- und sinnvoll, sie gleichen den zwölf Sternen auf dem Petschaft
Keilhaus; und viel läßt sich ja bey jedem ächten Sinnbild (Symbol)
denken und dieß um so mehr als es ein gefundenes wie dieß und
kein gemachtes ist. Achtet überhaupt, ich bitte Euch, das Sinnbild
nicht gering; es ist unglaublich was es dem Menschen geben und
werden kann, wenn er es zu würdigen und zu behandeln versteht:
wenn er es mit Geist betrachtet und den Geist desselben auf sich
einwirken läßt; der Mensch steigt dann an dem Sinnbild und
dieß sowohl in Beziehung auf Gemüths- wie auf GeistesEntwick-
lung und Ausbildung wie das Kind an dem ächten und ächt behan-
delten Anschauungsunterricht, von einer Stufe zur andern empor.
Das Sinnbild ist für den Menschen = (gleich) der Natur, denn es ist ja /
[27R]
ein Theil der Natur; seine Betrachtung führt, wenn es ein Bild voll
ächten tiefen Sinnes ist, ein ächtes tiefes Sinnbild wie das Betrachten
der Natur immer weiter und weiter, höher und höher, was nothwen-
dig ist, denn das Kleinste trägt ja das Wesen des Größten in sich und im
Größten ruhet ja auch das Kleinste.
Tief begründete, allgemein, vom Kleinste[n] bis zum Größten aus[-] und
durch geführte, allgemein, vom Kleinsten bis zum Größten ange-
wandte Symbolik macht ja das ganz eigentliche und eigenthümliche
Wesen und den Charakter unserer Unterrichts- und Lehrweise[.] Da-
rinnen liegt seine auffallende oft schlagende Wirksamkeit; das
Sinnbild eint als solches als Bild Geist, Gemüth und That, das was
das Leben in seiner Erscheinung und als erscheinend wieder zu einen
strebt. In dieser stillen und noch unerkannten Verwandtschaft zwischen
dem Suchen des erscheinenden Lebens und dem Geben unserer Erziehung
liegt das unsichtbare Getragenwerden des Letzteren vom Ersteren.-
Aber das Leben des Menschen, der Menschen selbst soll wieder
sinnbildlich werden, es selbst strebt nach Sinnbildlichkeit im
weitesten Sinn. Die Kunst ist ja von einer Seite der Betrach-
tung und selbst in ihrer tiefsten Bedeutung sinnbildlich; darum
wird auch so die alte Zeit der alten den Menschen so tief erfassen-
den als tief beglückenden Kunst wiederkehren. In einem und durch
ein ächt symbolisches Leben wird wie in einem und bey einem
ächten Kunstwerk Gemüth, Geist und Thatkraft gleich in An-
spruch genommen. Wenn darum das Leben der Menschen wieder
sinnbildlich geworden ist, so hat es eine ganz neue Bildungsstufe
erreicht, hat es die Bildungsstufe erreicht, die es bedarf, die es
sucht, die einer dritten Vereinigung, Verbindung durch das Leben
(= erkannte Natur). Der Mensch stieg von der That, Natur, durchs
Gemüth zum Geiste, hier fand er sich; sich gefunden habend gab er /
[28]
der Mensch das Gesetz wie ein Vater den jüngern Kindern das Gesetz.
Der Knabe wenn er den Willen des Vaters erkennt und ausführt wird Sohn, der Sohn erkannte im Gesetz die Liebe, das Gemüth des Vaters;
jetzt steigen wir zur Quelle des Sich-selbst-Findens pp. zum erkannten
sinnbildlichen Leben, zur erkannten sinnbildlichen Natur zurück.
Somit habe ich mich Euch nun Ihr Geliebten und Theuren! Zwar
nach jeder Seite hin zunächst aber in Beziehung auf Keilhau und
Wartensee ganz so offen gegeben wie ich mich in mir selbst
und in meinem Handeln finde; leset den Brief Jeder für sich,
alle gemeinsam und dann entscheidet!
Eines noch: des Menschen Inneres scheint harter, steiniger Boden zu
seyn, was nicht in den Zeiten des Krieges und gleich nach demselben
gesäet wird, scheint darinn nicht, zum Saat bringen aufzugehen.
Darum laßt es uns einmal versuchen in einem Lande kriegerischer Un-
ruhen zu säen, wenigstens den Acker zu bereiten, damit wir wenig-
stens mit Beginn des Friedens säen, wenn auch nicht gleich ärndten
[sc.:ernten] können.
Und noch Eines: Einmal schon hat mich Schillers Geist, 1803 bey mei-
nem Dienstgesuche, nicht verlassen als ich im Motto desselben mit ihm
sagte: “Du mußt glauben, Du mußt wagen denn die Gottheit leiht kein
Pfand” (Sehnsucht von Sch.); er wird mich ja auch jetzt in seinem “Co-
lumbus” mir eine Votivtafel des Lebens, nicht verlassen. -
Nun lebet denn Alle mit den Eurigen recht wohl! -
Gott mit Euch und mir! Gott mit uns!
Immer Euer

    FrFr.
Geschlossen am Michaelistage 1831.

[28R]
(vakat)