Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 4.11.1831 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 4.11.1831 (Wartensee)
(KN 31,1, Brieforiginal 5 ½ B 4° 23 S.)

Wartensee am 4en November 1831.

An meine liebe Keilhauer Gemeinsamheit.
      Des Herzens innigen Gruß zuvor!
Aber sagt mir nur wie könnt Ihr es eigentlich über das Herze
bringen und mich so lang ohne ausführliche Nachricht von Euch
lassen?- Heut vor 2 Monaten habt Ihr die letzten Briefe an
mich geschrieben und abgesandt. Bedenkt dieß doch! Denn Ferdi-
nands Zeilen, so sehr lieb sie mir waren und sind, mit den wenigen
angefügten Worten von Middendorff, soll ich doch wohl nicht rech-
nen? - oder soll ich?- Und gerad jetzt so ganz allein, so ohne alle
Nachricht von Euch wo sie mir, wo mir das recht lebendige erneue-
te Leben mit Euch so lieb gewesen wäre. Doch so ist es immer und
wird nach den großen Lebensgesetzen ewig so bleiben: des Lebens
kampf kämpft niemand für uns und des Lebens Vorkämpfer steht
immer allein und wird ewig allein stehen. In vielfach erhöhetem
Sinne möchte ich hier Schillers Worte in Anwendung bringen: "auf
sich selber steht er da, ganz allein!" Leugnen aber will ich auch nicht,
daß mir dieses rundum ganz abgeschnittene Alleinstehen und nicht
allein das recht lebendige Fühlen sondern auch das recht klare unzwey-
deutige Schauen desselben lieb, sehr lieb ist; und warum? - weil
wir für uns und für andere keinen anderen äußerlichen Prüfstein
der Wahrheit haben, als daß wir ganz allein mit ihr und für sie in
das Feld treten und den Kampf bestehen. Ich kann es gar nicht leb-
haft und bestimmt genug ausdrücken wie allein ich mich fühle und schaue,
ich gar es aber auch durch kein Bild oder Gleichniß bezeichnen, weil
man sonst denken könnte ich wollte mir dadurch etwas sagen; aber
wohl, sehr wohl, außerordentlich wohl ist mir in diesem Fühlen und Schauen /
[1R]
in diesem Wissen des äußeren Alleinstehens; denn immer hat man mir
vorgeworden daß sich mein Handeln auf Personen oder auf Verhält-
nisse bezöge. Jetzt kennt meine Seele keine Person auf welche sich mein
hiesiges Handeln bezöge, es ist niemand den ich dadurch mir verbinden
den ich dadurch mich gefällig erzeigen will; meine Seele kennt aber auch
hier kein einzelnes Lebensverhältniß welches es pflegend in sich trüge
denn alle sehen mich feindlich an und ich mag auch mit keinem einzelnen
Lebensverhältniß eben als diesem bestimmten Verhältnisse und weil
es dieses und kein anderes ist, ganz und gar nichts zu thun haben.
Weil man bisher die Schuld jedes scheinbaren Wiederverfallens meines
Wirkens in die Ungeschicklichkeit meines Handelns setzte, wie dieß
auch der Aufsatz in der A.Ztg thut, so will ich jetzt ein Werk und zwar
ganz allein bauen, das in so weit es sich entwickelt hat entwickeln wird, nie wieder in
sich zurück sinken soll. Übrigens ist dieß auch noch von keiner der von
mir gepflegten Pflanzungen, welche die Pflege angenommen hat, ge-
schehen. Das merke sich also nur ein Jeder der für etwas in das Feld
tritt, daß er mit sich selbst dafür einstehen muß. Schreibt doch Schny-
der
selbst an mich: "nun Sie werden sich wohl durchschlagen;" und so ist es
recht, recht ist es so!- Ich sagte Euch daß ich ganz allein bin, und wie
ich ganz allein bin, wie ein vom Fluße, vom See ausgeworfener
Kieselstein; aber offen liegt liegen vor mir die Bücher der Natur, der Ge-
schichte, der Kunst und des eigenen inneren Lebens, da wandeln
hohe und edle, große und gute, reine und feste, liebende und treue Gestalten
auf und ab und sie reichen einem nicht nur Hand und Mund, nein
sie tauschen Herz und Seele, Gesinnungen und Geist aus, dann ist es
einem so wohl, so innig wohl wie wenn man an einem heitern Mor-
gen oder klaren Abende auf einem der Kl Keilhauer Berge wandelte /
[2]
und wie man von da freudig und sehnend nach den klaren Höhen der
Gesangsberge, der Kirchenberge u.s.w. schauet, so schauet man
von der Erde wie von einem Berggipfel nach den Welten der Harm-
nonie und des Einklangs, des Geistes und des Lebens Innigkeit und
Einigkeit.
Ihr werdet aus diesem, Geliebte! nun wohl so viel ersehen, daß
mir der Appenzeller oder wer der Gesell sonst ist und wo er wohnt, bis
jetzt noch keinen Todtesstoß, was er nun wohl eigentlich wollte,
versetzt hatte, daß es kein Schlag zum ewigen Schlaf, sondern daß
es, was wohl nöthig seyn mußte, ein Wecker zum Leben war.
So ist es denn nun auch wirklich! Mehrseitig ist nun der An-
theil an Wartensee und selbst auch an Keilhau, aus welchen innern Gründen es sonst immer
sey rege gemacht worden. Das Ergebniß ist im allgemeinen
und bey der Mehrzahl dieses: man könne fast nicht besser em-
pfohlen werden als durch einen Angriff und Beschimpfung in die-
sem Blatte. Damit Ihr selbst ein kleines Pröbchen von dem Gei-
ste welcher in demselben herrscht bekommt lege ich Euch das
ganze Blatt in welchem sich der Angriff auf meine Person
und meine Unternehmungen befindet hier bey. Das Ganze
bekommt dann eher seine Bedeutung und rechte Würdigung
als wenn man den Aufsatz nur so einzeln lieset. Ich hätte
gern auch für andere Freunde in der Heimath noch einige Exem-
plare dieser Zeitung beygelegt, ich habe sie zwar zu diesem Zwek-
ke verschrieben aber noch nicht bekommen. Nehmt jetzt mit diesem
einem Blatte vor lieb, macht wenn es nöthig ist guten Gebrauch da-
von worauf ich zurück kommen werde. Es ist dasselbe Blatt durch
welches ich von dem Angriffe unterrichtet wurde.- Ich läugne es nicht /
[2R]
zuerst empörte mich nicht so wohl die Niedrigkeit und Gemeinheit
des Angriffes als die Schlechtigkeit der Handlungsweise derer die doch
nothwendig, wie nahe oder wie fern es auch sey, dabey mit im Spiel
seyn müssen; wenn ich daran dachte wie ich diese Menschen aufgenom-
men und behandelt hatte, was sie doch eigentlich alles Keilhau ver-
danken, so vernichtete und zermalmte mich das Ganze im Innersten.
Es war nicht gut und war recht gut daß ich so ganz allein stand,
wem hätte ich auch hier den eigentlich innersten Zusammenhang des Ganzen
klar machen können, da mußte ich also das Ganze in mir verarbei-
ten, nun wurde ich wohl dadurch so angegriffen daß ich fast krank wurde
aber das schadete nicht. Das Leben nach allen Seiten hin, wie dieß hier schon
vorher, wie Ihr ja selbst wißt, der Fall war, wurde wieder von neuem
durch gefühlt, durch gedacht, durchgelebt und durch geprüft; das Er-
gebniß davon war: auf das Ganze zu schweigen, ein zweytes
war daß sich die Betrachtung mehr von Sch. und besonders H.- hin-
weg und auf den Schreiber des Aufsatzes selbst fiel. Ich las nun
den Angriff noch mehreremale durch; bey diesem Durchlesen nun
trat mir der Verf: nun gar zu erbärmlich entgegen und zu klein.
Es trat eine ganz andere Stimmung in mir ein gemischt von Selbstge-
fühl, Stolz, Würde, Verachtung und Spott, ohne Zweifel die rein entge-
gengesetzte Stimmung der vorhergehenden. Da strömten mir dann
wenn ich so den Angriff las bey jedem Worte eine endlose Menge
von Entgegnungen zu; ich schrieb sie nieder, mußte sie niederschreiben
und mein Vorsatz war sie als ein Echo, als einen Wiederhall und so
als Antwort der "einigen Worte "drucken zu lassen. Wie ich aber
an die zweyte und eigentliche Überarbeitung der Schrift kam sahe ich
daß sie, zu weil ich bey dieser Veranlassung eine Mehrheit von Zwecken /
[3]
zu erreichen wünschte - zu weitläuftig und ihr Druck für diesen Zweck
viel zu kostbar seyn würde; da ich auch in einer gewissen Art vom
Publikum wegen meiner Antwort gedrängt wurde, so wählte ich
dazu nur den Schluß jener Schrift im Ganzen genommen nur
in einer Aufforderung bestehend seinen Namen rc zu nennen und
die Zeugen seiner Aussage bey zu bringen. Ich habe diese Auf-
forderung in der jüngsten Nummer des Lyzerner Intelligenz-
blattes einrücken und davon noch mehrere besondere Abdrucke
machen lassen. Ich eile Euch angeschlossen 2 Exemplare des
L. I. B. und 25 besondere Abdrucke zu überschicken; weil Ihr dort
gewiß sehr verlangend seyd wie sich das Ganze weiter ent-
wickelt hat; Ihr werdet davon gewiß nach Euerm bestem Er-
messen und gegenseitiger Rücksprache Gebrauch machen. Es
kommt ja wohl überhaupt darauf an ob die Überwollenden einen
Grund gehabt haben ihre Handlungsweise bis in meine Heimath
bekannt zu machen. Auf jeden Fall erscheint es mir nicht nur
zweckmäßig sondern sogar nothwendig dem Herrn G. Sup: Zeh
mit dem Ganzen bekannt zu machen und ihm das ganze Stück
der App: Ztg, so den Angriff auf mich und dann meine Aufforde-
rung zu lesen zu geben, ja von meiner Aufforderung ihn sogar
mehrere Ex: zu überlassen, damit er von dem Stande des Gan-
zen völlig unterrichtet sey. Gegen den Hr: Dr Fleck dünkt
mich wäre auf gleiche Weise zu handeln, einmal als Haus-
freund und dann als Mitglied der Cassinogesellschaft, besonders
um durch ihn auch zu hören ob der Artikel auch in andere Zeitungen
übergegangen sey und in welche.
Noch ehe meine Entgegnung abgedruckt wurde, hatte sich schon /
[3R]
der Herr Prof: Fröhlich in seiner "der neuen Argauer Zeitung" meiner
und der Sache auf eine für mich ganz unerwartete Weise ange-
nommen. Der He. Prof ist so freundlich gewesen mir einige Exempl.
dieser Zeitung zu überschicken - ich lege davon 3 Ex: für Euch zum
Gebrauche bey. Ein Exemplar könnt Ihr zu Haus, gleichsam
bey den Akten behalten, eines könnt Ihr in Rudolstadt namentl. Zeh oder
sonst mittheilen, über den Gebrauch des 3en Exemplares werde
ich nachher aussprechen. Ihr werdet in dieser Zeitung dieselbe Meinung
vorherrschend finden die ich Euch oben als die hier herrschende be-
zeichnete. Freylich lebe ich völlig ein- und zurückgezogen, komme
von Wartensee ebensowenig nach Luzern als ich von Klh. nach Ru-
dolstadt kam doch kann man es im Allgemeinen doch an den Men-
schen sehen ich sehe überall nur persönliche Achtung und Achtung des Zweck-
kes (:über das verborgene Treiben werde ich nachher sprechen:) so
habe ich und zwar noch vor dem Erscheinen meiner Entgegnung einen
sehr erfreulichen und auf herzlichste theilnehmenden Besuch des Euch
bekannten He. Decan u Pf: Siegrist bekommen; er war sehr eingehend
in alles und schied mit dem ernstesten Willen ihm schon vorschwebende
junge Landburschen der Anstalt zu gewinnen um sie zu Landschulleh-
rern zu bilden.
Überhaupt ist es sehr erfreulich wie sich von den Um- und An-
wohnern Wartensee alles zur Wartenseeer Schule, wie es
hier heißt drängt. Das Mädgen kommt fast nie von einem
Gang nach den etwas entfernten Höfen oder nächsten Orten zurück
wo sie mir nicht klagt sie sey schon wieder gefragt worden ob
denn die Wartenseeer Schule noch nicht bald anging. Ihr müßt
Euch dieß nämlich ganz anders denken als bey uns: die Dörfer sind /
[4]
verhältnißmäßig nicht groß, aber die Höfe der Bauern liegen
überall oft in weniger als 5 Minuten Entfernung oft auch in größe-
ren auf den Anhöhen in im Thal zerstreut, ohngefähr wie in Keil-
hau unsere Acker- Wiesen- und Holzstücke. Jeder Bauer hat dann
alles um sich.- In Sempach einem kleinen Städtchen, von Wrtsee
ein Wenig ostnordöstlich über dem See, ich gehe eine halbe Stunde
dahin, hier regt sich besonders ein sehr lebhafter Antheil an der
sog: Wrtseeerschule und von gar Manchen höre ich welcher seine
Kinder hieher senden will. Nun haben wir zwar wohl in Klh.
auch in anderer Beziehung etwas Ähnliches gehört aber so unter
dem Mittelmann wie hier war doch keine so allgemeine Theilnah-
me und wenn auch wirklich 3/4 und mehr abfällt, so wird uns
doch zum Anfang und für diesen Winter hier noch genug zu thun seyn;
Ich hoffe ja Ferdinand wird nun wie er mir schrieb unter Weges
seyn und sich nicht etwa durch den Appenz. Gesellen habe irre ma-
chen lassen. Recht erwartungsvoll sehe ich seiner Ankunft entge-
gen, denn wenn er mir nicht geschrieben hätte daß er oder Wilhelm
käme so hätte ich ohne Zweifel schon zu schulmeistern begonnen.
Die Knaben z.B. des Wartenseeer Bauern, erzählen mit Lust
daß sie in die SWSchule kommen. Ihr sehet aus diesem, wie ich
hier ganz anders als in Keilhau beginne, wie ich hier in das un-
mittelbare, immer von neuem sich erzeugende, Bedürfniß
zunächst einzuwurzeln mich bemühe, sind wir hier so wohl tief
als auch breit eingewurzelt so können wir sehr ruhig dem launischen
Handeln entfernter Eltern und Gegenden zu sehen, denn immer
sind wir dann von lebenden und sprechenden Erzeugnissen der
Anstalt umgeben; ruhig können wir dann die Theilnahme in der /
[4R]
[Schule] sich entwickeln, ruhig aus der Ferne sie ankommen lassen. Wenn
wir - Ferdinand und ich - uns nur einander gut verstehen, dann habe
ich die erfreulichste Erwartung von der Zukunft. Ich leugne es nicht es wäre
mir lieb gewesen wenn noch Wilhelm mitgekommen wäre; wir hätten
zu thun genug gehabt, doch so wird es nun auch wohl recht gut seyn
und ich bin so auch zufrieden. Wenn ich nur den Ferdinand recht
bald willkommen heißen kann. Er kommt eben zur günstigsten Zeit.
Doch ich wollte Euch eigentlich sagen wie es im Ganzen hier steht. Ihr
seht unter den eigentlich Erziehungsbedürftigen gut: sonst sind wie
ich Euch schon früher schrieb Partheien hier: Stadt- und Land, Junker
und Bauern, Aristokraten und Demokraten und noch eine dritte je-
doch minder selbststandige Parthei es ist dieß ein gewißer Theil der Geist-
lichkeit; zwischen diesen drey Partheyen steht eigentlich Wartensee oder
mein Wirken gleichsam wie der Mittelpunkt in einem Dreyeck in
der Mitte. Die Hauptabsicht scheint nun dahin zu gehen mich bey der
Volks- oder Landparthey zu verdächtigen, dieß geht auch aus meh-
reren [Stellen] des Aufsatzes hervor, wozu sie leicht ein Mittel in der Hand
haben weil Schnyder ein sogenannter Junker ist, und zu den Familien
der Junker gehört die man jetzt hinab zu arbeiten sich bemüht,
obgleich alle die Glieder seiner Verwandtschaft größtentheils auf
der Volksparthey stehen; darum hat man die Sage verbreitet:
die Junker hatten mich eingeschwärzt um ihnen gleichsam durch
Erziehung oder wie anders wieder aufzuhelfen. Geistliche der 2ten
Parthey haben ausgesprochen ich sey ein Junkernschmöker; und
ein Verwandter von Herrn Schnyder, auch ein Schnyder von Wartensee aber von
der Ultraliberalenparthey, Herausgeber des Eidgenossen in Sursee soll
gesagt haben: wenn ich ein Junkernschmöker sey, so müßte ich nothwen-
 /
[5]
dig hinunter, da könne mir nichts helfen. Ich schreibe Euch dieß alles
damit Ihr sehet, es hängt das Anerkanntwerden und Bestehen nicht nur
von den Leistungen, sondern von oft unsichtbaren Eingreifen unseres Wir-
kens in die uns eben so unbekannten Verhältnisse ab, ja von scheinbar
ganz unschuldigen sogar nach unserer Überzeugung sehr durchdachten
und lebenswerthen Handlungen. Ich nannte unser Keilhau aus
den reinsten und gedachtesten Gründen die sich denken lassen "die
allgemein deutsche Erziehungsanstalt" und dadurch stempelte ich
mich ohne daß meine Seele eigentlich nur davon wußte zu einem
Demagogen und das arme Keilhau zu einer Demagogenanstalt und
noch hat es die Folgen davon nicht überwunden; wie oft hat mir nicht
Schnyder schon in Frankf gesagt wie sehr ich Keilhau dadurch geschadet
hätte; deßhalb wurde nun viel und lang wegen des Namens der
hiesigen Anstalt berathet, er sollte recht gleichgültig seyn, keiner
Farbe und keiner Parthey wie sich Schnyder ausdrückte und keiner
vorherrschende Idee ausdrücken; was konnte natürlicher seyn
als die Benennung vom Orte also Wartenseeer Erziehungsanstalt.
(Ich habe ja schon früher darüber gesprochen) nun heißt aber diese Schny-
dersche Familie von Wartensee, und alle solche Prädikate sind
jetzt als aristokratisch verpönt, wie Ihr selbst in der die Anstalt
betreffenden Zufertigung sehen könnt, da macht man gleich aus der
Wartenseeer Anstalt (vom Orte) eine Wartenseesche Anstalt
(von der Person oder der Familie) Grund genug die Wartenseeer
Anstalt zu einer Aristokraten- oder JunkernErziehungsanstalt
zu stempeln. Ihr werdet daraus sehen welch ein guter Genius über Wartensee gewaltet hat, daß der sehr
ernsthafte Gedanke mir von Luzern Zöglinge, natürlich nur aus Junkerfamilien zu geben, sich wieder zerschlagen hat. Vieles könnet Ihr hieraus, und besonders Wilhelm
lernen, um wessen willen ich eigentlich so weitläufig schreibe,
Erstlich das Reine, Gute und ächt Menschliche mag sich wenden /
[5R]
und nennen wie es will es wird angegriffen und von da an angegriffen
wie es sich nennt, also jeder welcher das Tüchtige will mache sich nur gleich
vom ersten Beginne an auf Krieg gefaßt. Zweitens hat das Han-
deln und Wirken in einer Republik den Vorzug vor dem unter einer
souverainen Regierung daß gleich alles frisch wenn auch sonst in
vieler Beziehung sehr unlöblich ausgesprochen wird, man erfährt
doch dadurch leicht wie alles um einen und worauf und wie man
selbst steht. Ich bin darum jetzt keinesweges bös auf den Appenzeller
oder wer oder wo er sonst ist, - ob ich ihn gleich einen schlechten Gesellen
nenne, denn die Gesinnung und Absicht bey den Handlungen macht den
Menschen schlecht, - weil er gar bleibend Gutes zu Tage gefördert
hat und noch zu Tage fördern wird. So las ich z.B. dem Herrn Decan
Siegrist
einiges aus der gedachten Schrift vor. ja wirklich sagte
er man muß den Appenzeller (so heißt er nun einmal wer er
auch sey) Dank wissen so erfahren wir doch auch mehr vom Frö-
bel und von Keilhau. Wenn nun auch wirklich diese Bogen nicht
gedruckt werden sollten, so sollt Ihr solche wenigstens so bald
überschickt bekommen als sie mir Ferdinand abgeschrieben haben
wird und ich hoffe Ihr sollt in mancher Beziehung auch so sagen
wie der Herr Decan. Nehmt nur gleich den Gedanken zu Eingang
dieses Briefes daß der erste, widrige, der zweyte, spottende und
der dritte der auffordernde Gedanke welche gleichsam jener
Angriff in mir hervorrief sich wie positiv, negativ und Indiffe-
renz [*Zeichnung*:
  + o - ] verhalten (:werdet es wohl einander deutlich
machen:) was ist nicht durch diesen Satz, durch dessen Anwendung auf's
und in das Leben, für das Leben gewonnen; wenn auch zunächst
zu weiter gar nichts um daran zu sehen wie tief eingreifend
allgemeine Naturgesetze in die Lebenserscheinungen sind. Dieß /
[6]
besonders für Barop und Wilhelm und alle die welche recht gern sehr
klar über die Erscheinungen des Lebens wären. Ja Freunde und Brüder
Ich sehe die Lebenserscheinungen und Lebensgesetze jetzt in einer hohen
Klarheit und ich fühle und trage mein Leben in einer tief begründeten
Sicherheit in mir (wie gesagt der Appenzeller hat auch seinen Theil daran)
daß wenn es möglich wäre diese Gesetze nur so einfach mitzu-
theilen und zum stillen sinnigen Nachleben sich zu einen das Leben
selbst gewiß einen hohen Grad von Klarheit und Sicherheit und der
Mensch selbst einen hohen Grad von Bewußtseyn Freudigkeit und
Freyheit gewinnen, erringen würde. So viel ist mir schon ganz
klar, daß von dem was der Mensch wirklich als Erdner zu wissen
braucht und darum als Geist in dieser Form und Gestalt der Er-
scheinung auch nur zu wissen eigentlich verlangt und ersehnt
ihm gar nichts unbeantwortet bleibt. Aber eines ist dazu uner-
läßlich nöthig es ist die innere Betrachtung der Dinge, wozu
unsere Formen- und Körper-, aber auch die von mir angebahnte
Sprachbetrachtung besonders der deutschen Sprache führt.
Bey dieser Gelegenheit will ich doch gleich noch etwas lustiges er-
wähnen was ich oben vergessen habe. Ihr wißt wie ich so gerne
mit den Namen spiele z.B Frob und Brop (Fröbel u Barop) so
ist es nun doch ganz lustig, daß sich ein Fröh, eines Frö, das h.
ein Fröhlich eines Fröbel angenommen hat; dem Herrn Professor
Fröhlich
ist gewiß dieser Silbeneinklang noch nicht eingefallen
wenigstens ist es er gewiß nicht der Grund des sich-A[n]nehmens mei-
ner, er wird ohne Zweifel einen wichtigern haben, welcher vielleicht in der
Person meines muthmaßlichen Gegners liegt. Ich weiß auch wei-
ter nichts davon und sage auch nichts dazu, als - daß sich etwas dabey denken
läßt, und der Mensch ein denkendes Wesen ist.-
läßt /
[6R]
Nun wie nimmt aber Freund Schnyder die Sache?- Fast hätte ich von
ihm aus Frankfurt die erste Nachricht von dem erhalten was in
der Schweiz gegen mich im Schilde geführt ward, denn kurz vorher
hatte mir der Bauer von Wartensee (d.h. der Bauer welcher das
eigentliche große Gut Wartensee gekauft hat und jetzt besitzt, wovon
Schnyder nur noch das Schloß und einige Länderey als Eigenthum
hat) das Zeitungsblatt gebracht.
Schnyder schreibt nun:
"Frankfurt am Main am 6n 8br 1831.

          "Lieber Fröbel!"
"Mein Ihnen jüngst zugeschicktes kurzes Schreiben werden Sie wohl er-
halten haben. Ich sehne mich auf eine Beantwortung desselben."
"Ich bin schon wieder veranlaßt Ihnen eiligst zu schreiben."
"Die Polemik ist in ihrem stärksten Grade gegen uns, hauptsächlich
"aber gegen Sie, da, und ich will Sie hiermit darauf aufmerksam
"machen, wenn Sie es noch nicht wissen sollten. Lassen Sie schleunigst
"die Doppelnummer 153.154 vom 1n 8br der AppenzellerZeitung
"wo der entsetzlichste Angriff auf Sie sich befindet, in der Absicht uns
"auf einen Schlag todt zu machen, - sich bef kommen. Sie werden sich wohl
"durchschlagen.
"Vorigen Sonntag ist meine Oper bei beispiellos gedrängt vollem
"Hause mit großem Beifall gegeben worden, trotz einer (wie man
"sagt durch Guhr) verabredeten Kabale im Parterre.
"Senden Sie mir bald die in meinem letzten Schreiben begehrten
"nähern Bedingnisse der Wartanstalt, gestiftet von Ihnen und
Ihrem Freunde
X. Schnyder
"An Frl. Salesia und meine theuren
"Luzerner Anverwandte viele Grüße."
"Sollte in der AppZtg nicht Niederer oder Krüsi gesteckt haben? Oder
"gar selbst Herzog?- /
[7]
"Noch ein Einschiebsel. Mein Freund He. Pr: Fichte, Sohn des Philosophen
"will Ihre Erziehungsmethode darstellen, und verlangt zu dem Zweck
"so bald wie möglich alle Ihre Schriften. Ich habe sie nicht mehr, denn
"man hat sie in Luzern behalten. Schicken Sie mir selbe sobald wie
"möglich zu."
"Wenn Sie dem Appenzeller antworten, so ereifern Sie sich nicht,
"bleiben Sie ruhig, besonnen, schreiben Sie kurz, klar, mild und über-
"zeugend.- Sie sehen daß ich über den App: lache."
Ehe ich weiter gehe will ich den Middendorff bitten, oder auch den
Barop, wer am besten Zeit hat, daß er die gewünschten Schriften
bald an Schnyder nach Frkf. besorge. Die Wohnung wißt Ihr aus
der Anzeige. Kennst Du Middend: den jungen Fichte nicht persönl.?-
Nun in den Kriegsnachrichten weiter. Ein Brief von Schwarz.
"Meinen herzlichen Gruß zuvor!"
"Da Du weißt - lieber Fröbel - wie sehr mich jede gute Nach-
"richt von Dir stets erfreut, so wirst Du mir glauben daß jeder
"Angriff auf Deine Person mich schmerzen müsse. Und dieß war
"denn auch der Fall, als mir der unbegreifliche Auffsatz in der Appen-
"zeller Zeitung zu Gesicht kam.
"Daß Troxler der Verfasser jenes Aufsatzes sey, kann und mag ich
"noch nicht glauben.
"Wäre dies aber dennoch der Fall, so könnte Tr. nur durch Briefe
"von Herzog zu dieser Art von Berurtheilung Deiner gekommen seyn.
"Das kürzeste wäre dann, den Herrn Geh: O. App: GRath Martin
"in Jena mit Zeh's Bericht an das fürstl. Consist in Rudolstadt
"über die Anstalt in Keilhau zu versehen und zu bitten:
"den Herzog zu sich zu entbieten und ihn (in Folge der Hin- /
[7R]
"weisung auf ihn in der Appenz. Zeitung) zur Rede stellen, und ihn am
"Ende seine schriftliche Erklärung über die ganze Sache pp geben zu lassen[.]
"Wenn Du He: pp Martin ein Exemplar der bewußten Appenzeller
"Zeitung übersendest und ihn von Allen (vielleicht persönlich durch
"Middendorff) in Kunde setzen lässest, so bin ich überzeugt, daß
"derselbe für die Ehre des Erziehers und Lehrers seines Sohnes
"sofort einstehen und sich verwenden werde!-"
"Ein Brief von pp Martin könnte den Tr. über seinen Irrtum aufklären[.]
"Später könntest Du dann auch Zehs Erklärung in die Appenz:
"Zeitung aufnehmen lassen.
"Correspondire doch mit Martin Distelli in Olten an der Aar
"über Mr Herzog und desses Charakter; er kennt ihn wie keiner
"- und folglich auch besser, als Tr."
          "Dein"
"aufrichtiger und treuer"
          "EWSchwarz"
"Frkfrt a/m"
"18 Octbr 1831."
"N.S. Anzeigen von der Wartenseeer Anstalt sind nach Norwe-
"gen, Frankreich, Dänemark und allen Seiten von Teutschland
"abgegangen."
So weit der alte, treue Schwarz.
Ihr lieben Freunde seht hieraus klar wie Schwarz die Sache ansieht
und was er wünscht. Diese guten Freunde vergessen aber dabey
immer daß das Ganze aus wirklich schlechter, böser, hämischer
scheelsüchtiger Absicht hervorgegangen, und also keinesweges
"ein Irrthum" ist, der sich "aufklären" läßt. Weil man ja nur
das Trübe und Unwahre will, warum sonst falsche Namen
schiffern u.s.w. Doch habe ich im Allgemeinen gegen die Ansicht, /
[8]
und den Vorschlag des ehrlichen Schwarz nichts. Denn es dünkt mich
es ist und wäre endlich einmal hohe Zeit daß man sagen könnte,

"die Freunde des Guten, vereinigen sich zum Guten!"
Es wäre dünkt mich es wäre einmal Zeit daß man gegen die Eigen-
und Schleichsucht, gegen die Scheel- und Schmähsucht, gegen die offen
bare Lüge einmal offen ins Feld träte, und ein Mann wie Ihr
mir den Herrn Geh: Just: und Ober App. G. S. Martin schildert, wie
er sich mir selbst in seinem Briefe an mich und den an Euch zeigt wäre
darum wohl ein Mann dazu und könnte zum Schrecken jener Schlangen
und Lügenbrut die gar nicht einmal weiß was sie durch ihr Ge-
wäsch für Böses und wie viel sie <des> Bösen stiftet, auftreten[.]
Darum und deßhalb meine ich nun ganz einfach so: Einer
von Euch welcher dem Her[r]n S. T. Martin am nächsten steht und sonst
auch die Sache am lebendigsten und zugleich klarsten in sich trägt, viel-
leicht Barop, doch ist mir die Person ganz gleich, teilt persönlich
demselben keinesweges etwa nur den Angriff in der AppZtg: son-
dern ganz kurz und nur in Andeutung die Geschichte der Entstehung
und Gründung Wartensees mit, theilt die Freundschaft und Offen-
heit mit mit welcher Herzog besonders aber auch <Schg> [sc.: Schönbein] in die An-
stalt aufgenommen wurde u.s.w. u.s.w. wie ja jeder von Euch
die Thatsachen weiß. Das Urtheil vom jetzigen He. G. Sup. Zeh be-
darf ja ein Mann wie Martin nicht, will er es aber lesen
so weiß ja Barop wo es in der Allg: Schulztg und Isis steht und
diese ist gewiß sehr leicht in Jena nachzuschlagen. Nun läßt
man einen so erfahreren und kenntnißreichen Mann wie H. pp
Martin selbst wählen. Privatmittheilungen an Tr. dünken
mich gar nicht amPlatze, will Hrr pp M. etwas thun, so geschehe /
[8R]
gleich das Kürzeste, Entscheidenste Beste, als dieses dünkt mich der
Hrr pp. Martin sende eine Erklärung über den jetzigen Stand
der Anstalt, über ihre Leistungen zu aller Zeit, wovon ja so oft
die Universität Jena und noch ganz jüngst Zeuge war über mei-
nen persönlichen Charakter, alles nach fester klarer Über-
zeugung des Herrn pp Martin entweder an den Kleinen Rath
zu Luzern oder an den Erziehungsrath daselbst mit der Bitte
diese Erklärung in das Luzerner Cantons[-] u Intelligenzblatt
aufnehmen zu lassen; die weitere Verbreitung wird sich dann
leicht finden. Wie gesagt ich bedarf das nicht, ich will schon
für das wofür ich aufgetreten bin, auch ins Feld treten, wer
mir hieß aufzutreten wird mir auch alle Kraft zum Kampf
geben wenn ich auch den Sieg nicht erleben sollte, deß Sieges
bin ich fwie meines Lebens gewiß. Keilhau und Ihr bedürft
das auch nicht wer mag Euch ein Haar zu krümmen, das habe
ich auch nach Frkfrt geschrieben, aber für die Wahrheit muß
der Wahre, der wahre Mann ins Feld treten, für die Güte und
das Gute, der Gute und der gute Mensch u.s.w. u.s.w. Da dünkt
es mich nun wären Person und Gegenstand hier in Beziehung
auf den He. Geh JR. pp Martin und den Zweck das Ziel und das
in Keilhau schon Erreichte einander würdig, ganz würdig
an Kraft und Charakter, Gesinnung u. Leben. Stellt es Ihm so dar
und laßt Ihn entscheiden.
Mit d[em] He. Gen: Sup. Zeh oder auch dem He Dr Fleck kann ja einer
von Euch wer sich in sich dazu aufgefordert fühlt auch ein offenes
bestimmtes Wort reden. Wahrlich Keilhau und wir alle haben
doch gethan daß man darauf ein Urtheil für die Welt gründen kann,
 /
[9]
aber was Ihr thut, nur nichts Halbes, laßt mich dann lieber ganz
allein streiten, tritt man mich auch nieder, kommen schon einmal
welche, welche über mich hinweg den <Luz> [sc.: Luzerner] pp in die Flucht schlagen.
Vielleicht ist es auch gut die Frauen v. Ahlefeld und v. Arnim mit
dem Angriff auf mich bekannt zu machen und jeder eine Auffor-
derung und Erklärung von mir zu schicken. Schickt doch auch eine
Anzeige der Wrts: Anst: und eine solche Aufforderung gelegentlich,
vielleicht bey Übersendung von den Unterrichtsvertheilungen an Leopold
Teske
in Lubischin, nebst herzlichen Gruß. Vielleicht schicke ich Euch
nächstens einen Brief dazu.
Nun einen Brief von Schnyder an mich, welchen ich in diesem Augen[-]
blick selbst zum ersterenmale
lese, ja eigentlich erst lese indem
indem ich ihn
, da die Zeit zu kurz ist, sogleich abschreibe.
"Frankfurt den 20n 8br 1831"

"Lieber Fröbel!"

"Seit dem Abschicken Ihres Schreibens vom 13' dieses, werden Sie wohl
"das meinige vom 6en erhalten und daraus ersehen haben, daß ich Sie
"darin auf den verruchten Aufsatz in der App: Zeitung aufmerksam
"machte. Ich danke Ihnen aber sehr für die Mittheilung und ersuche Sie
"mir sogleich wenn etwas Wichtiges über unser Werk in den Schweizer
"Zeitungen erscheint, davon Nachricht zu geben. Was hierauf zu thun
"ist zu entscheiden, ist leicht, und ich habe keinen Augenblick angestanden
"folgendes als das Zweckmäßigste zu erkennen. Sie sind darinne fast
"ausschließlich angegriffen (:die anderen Seitenhiebe auf mich, auf
"unsere Regierung u.s.w. sind unbedeutend), und das auf eine Weise
"wozu Sie durchaus nicht stille seyn dürfen. Sie sind es Ihrer eige-
"nen Ehre, der Ehre Ihrer Familie, Ihrer Anstalt in Keilhau, Sie sind /
[9R]
"mir, Sie sind es unserer Regierung, Sie sind es allen Ihren Freunden schuldig,
"nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis Sie urkundlich das Lügenhafte die-
"ses Artikels widerlegt haben. Der Artikel erklärt Sie nicht nur für
"einen abentheuerlichen Schwärmer (dazu könnten Sie füglich schweigen
"und blos Ihre Werke sprechen lassen; denn dieser Vorwurf könnte noch
"mit Ungleichheit der Ansichten entschuldigt werden. Es ist möglich daß
"es Menschen geben kann, obwohl ich es bezweifle die selbst den J. P.
"Engelmann dahier für einen Schwärmer halten würden:) sondern
"für einen schlechten Menschen, für einen Lügner, Prahler, verschuldeten
"Abentheurer. Sie sind nicht blos wissenschafltich, sondern bürgerlich
"und sittlich angegriffen. Dazu dürfen Sie durchaus nicht schweigen. Es
"ist aber auch leicht sich gegen solche Injurien zu rechtfertigen, denn Sie
"brauchen sich ja blos Zeugnisse geben zu lassen, die man Ihnen nicht versagen
"kann. Das muß aber so gleich geschehen, und dieses muß nun Ihre dring-
"lichste Angelegenheit seyn. Schreiben Sie an Schönbein, der, wie mir E.
"Schwarz
sagt, ein ehrlicher Kerl ist, schreiben Sie an Ihre Rudolstädter
"Regierung, an den Fürsten selbst, und lassen Sie, wie Schwarz hier
"beyliegend schreibt, und mit dem ich ganz einverstanden bin, in Jena
"den Herzog durch den He[r]rn pp Martin (der bei dieser Geschichte gewiß
"nicht gleichgültig seyn kann) vornehmen, der ihn ein bischen in die Enge
"treiben, und von ihm eine schriftliche Erklärung abfordern soll.
"Ich fordere Sie also auf, ernstlich und rasch alles Gesagte zu thun, und
"wenn Sie dann alles Nöthige recht schön gesammelt und schriftlich bey
"sammen haben, so benachrichtigen Sie mich sogleich davon, und dann wol-
"len wir das Weitere berathen. Man sagt von Ihnen, daß Sie sich
"nie um Urtheile über Sie und in Wirken in Keilhau bekümmert haben,
"sondern im Bewußtseyn Ihres Werthes ruhig Ihre klar verstandene /
[10]
"verstandene Bahn wandelten. Dieß ist schön großartig und ich billige es sehr;
"allein ich will nicht hoffen daß Sie jetzt bey einem solchen Schmähartikel,
"der nicht blos negativ von Ihnen spricht, Ihre frühere schöne Maxime
"befolgen, sondern einsehen werden, daß Sie in Deutschland wie in der
"Schweiz verlohren sind, wenn Sie nicht rasch und sicher durch gewichtige Zeug-
"nisse die Appenzeller Lüge niederschmettern. Dieses erwarten und
"fordern, mit mir alle Ihre hiesigen Freunde von Ihnen. Beym ersten
"Lesen des Artikels kam mir schon vor als sey er von Troxler; allein
"ich hielt ihn, nachdem er mir in Basel die allerschönsten Worte über
"unser Vorhaben sagte, nicht einer solchen Niederträchtigkeit fähig. Jetzt
"aber schreibt man mir von Luzern mit großer Bestimmtheit, er sey
"der Verfasser und seine Denkweise ist darin nicht zu verkennen. Die-
"ser Vorfall mag aber unserer Anstalt doch eher nützlich als hinder[-]
"lich seyn. Denn 1) erregt er die Aufmerksamkeit des Publikums,
"mehr als alles Gutes was von uns geschrieben wurde 2) Erhalten wir
"als unschuldig Gekränkte doppelte Theilnahme, wenn Sie die puri-
"fizierenden Zeugnisse erhalten haben werden. 3) Ist es Weltord-
"nung daß das Ende alles Boshaften am guten Zwecke scheitert 4.) 
"Werden Sie durch einen solchen heftigen Überfall noch behutsamer
"werden und entdecken, daß Sie und unsere Anstalt die leidenschaftl-
"lichsten Feinde haben. Sie werden ruhiger, besonnener, weniger hastig
"sprechen, nicht 3-4 mal eine Periode und jedesmal verschieden
"anfangen. Sie werden nicht mit Menschen denen der Sinn dazu ab-
"gehet über Geheimnisse des Lebens sprechen, die sie nicht verstehen können,
"und dann das Gesagte für Schwärmerei erklären.
"Ich hoffe Sie werden nicht versäumt haben von Keilhau die be-
"wußten Quittanzen von Herzog kommen zu lassen, welches um so /

[10R]
"nöthiger ist da Herzog gewiß auf jeden Fall der Anleger der Mine ist.
"Sollten Sie aber wirklich diese Empfangscheine noch nicht in Händen haben,
"so fordere ich Sie auf, sogleich darüber nach Hause zu schreiben, und ich
"bitte mich dann davon zu benachrichtigen."
"Anzeigen unserer Anstalt habe ich auch nach Hol- und England geschickt
"und ich habe Gelegenheit, einen Auszug davon in Holländische Zeitungen
"einrücken zu lassen, welches nützlich seyn kann, da die Holländer
"gern ihre Kinder in die Schweiz schicken sollen."

"Den Tag darauf"
"Gestern Nachmittag besuchte ich die Öde, brachte die Grüße von
"Ihnen und erhielt wieder die freundlichsten für Sie. Ich zeigte diesen
"freundlich Gestimmten den Artikel, und alle, besonders aber der Lega-
"tionsrath, fanden, daß Sie durchaus bald die oben angegebenen Schritte
"thun müssen, und gewiß bald thun werden."
"Nun zur Beantwortung Ihres ersten Briefes[.]"
"Mit großer Ungeduld habe ich auf das Anlangen des näheren Planes
"gewartet. Ich las ihn nur flüchtig durch und brachte ihn sogleich der
"Familie die ihn seit ein paar Wochen erwartete. Mit der Preis[-]
"bestimmung bin ich ganz einverstanden, denn ich fand ja früher stets
"die Preise zu niedrig, und was Ihre Frau Ihnen darüber schreibt, sind
"Goldworte. Indessen bitte ich noch ein Wenig mit dem Drucke der
"Anzeige zu warten, weil ich sie doch noch reiflich überdenken will,
"wenn ich sie wieder bekomme. Die Familie hat sie noch und wird dann
"ihren Entschluß mittheilen. Vorige Woche besuchte ich Abends den
"Herrn (Ober) Pfarrer Kirchner, dem ich unseren ganzen Plan
"mittheilte, und der sehr bedauerte die Sache nicht ein paar Wo-
"chen früher gewußt zu haben: indem er wegen zwey reichen hiesi- /
[11]
"sige Knaben um Rath gefragt wurde, und, weil er wirklich keine gute
"Anstalt wußte, Schnepfenthal anrieth, wohin nun die Kinder abgegangen
"sind. Er sey sehr häufig im Fall, Eltern, in dieser Einsicht rathen
"zu müssen, und er wollte uns gern empfehlen, da alle hiesige In-
"stitute blos Spekulationsanstalten seyen. Sie sagen, unsere An-
"stalt scheine sich langsam aber sich zu begründen. Der Umstand
"daß wir noch keinen Einzigen Zögling haben spricht allerdings sehr
"für das Erste, wiewohl weniger für das Zweite.- In Beziehung
"Ihrer Anfrage wegen der Schule, bin ich ganz mit Ihnen einver-
"standen und stimme auch dafür, nur wünsche ich; daß Sie mir, ehe Sie
"darinn einen entscheidenden Schritt thun, damit ich meine den Plan
"und alle Einrichtungen im und außer dem Hause kurz aber vollständig
"mittheilen mögen, damit ich meine allfälligen Bemerkungen darüber
"Ihnen zukommen lassen kann, welches von meiner Seite ohne Verzögerung
"geschehen wird."
"Warum die Züricher Zeitungen über uns schweigen, da sie doch so be-
"lebt auf das was ich sagte eingingen, kann ich nicht verstehen und
"werde sogleich darüber nach Zürich schreiben. Gewiß liegt auch da
"ein Geschwätz zum Grunde."
"Dem Kosel ist das große Unglück geschehen, daß seine Frau in
"Folge einer, jedoch guten Niederkunft vor ein Paar Wochen wahnsinnig
"geworden ist. Sie kam in ein Irrenhaus und die taubstummen
"Kinder sind auseinander."
"Alle Ihre hiesigen Freunde schicken Ihnen Grüße. Schreiben Sie
"mir doch öfter und ausführlich wie Sie in Wartensee leben. Sie
"können leicht ermessen daß ich im Geiste nur bei Ihnen lebe,
"und mir jedes Wort ein Wünschhütlein ist was mich nach Warten[-] /
[11R]
"see zaubert. Haben Sie noch Herrlichkeiten gesehn?- Was ich Ihnen
"von hieraus zu sagen weiß, kann Sie nicht so interessiren wie Ihre
"Briefe mich. Ich hoffe also auf mehr und ausführlichere Nachrichten
"als bisher, und Sie sind ja ein so schreibgewandter Mensch - Grüßen
"Sie Frl. Salesia an die mein erster Brief nach Luzern gerichtet seyn
"wird. Grüßen Sie alle meine lieben Verwandte in Luzern, und
"seyn Sie jetzt gegen die App:Ztg nicht saumselig. Ich erwarte be-
"stimmt daß Sie bis in 6 Wochen alle nöthigen Zeugnisse haben werden.

"Ihr"
      "X. Schnyder v. Wartensee."
Wie ich Euch Anfangs dieses Briefes sagte, las ich ihn erst indem ich,
ihn abschrieb, und gestern sind schon Abdrücke meiner Aufforderung
nach Frankfurt a/m an Schwarz abgegangen, und durch diesen auch an
Schnyder. Meine Antwort auf Schnyders Brief werde ich Euch auch
gelegentlich zukommen lassen. Es ist mir recht lieb daß ich diesen Brief
selbst ehe ich ihn gelesen bis zuletzt aufgespaart habe und Euch schon
alles rein wie ich es denke, wie ich es empfinde ausgesprochen
habe. Ihr seid ja Männer genug in Keilhau, und habt Männer
in Rudolstadt und in Jena zur Seite und könnt so nach offener
klarer Berathung entscheiden. Aus Euren Briefen leuchtet großes
Zutrauen zu Herrn pp Martin hervor. Er ist kenntnißreich, erfahren
er ist Jurist also mache sich einer einen Weg zu ihm, lege alles offen
treu ihn vor und höret seinen Rath. Mich soll Niemand in keiner
Hinsicht schonen
, aber man soll sich um der unangenehmen Rück-
wirkung willen hüten die Wahrheit zu verletzen. Die Wahrheit wird
mich und alle freymachen die Wahrheit ist von Gott. Ich kann
kann in mir recht gut Person und Sache, Wesen Wahrheit und
 /
Erscheinung unterscheiden. Nur mich nicht geschont mich richten nicht
Menschen sondern Gott mich richtet nicht die Gegenwart sondern
die Zukunft - Ich habe nichts gar nichts mehr zu sagen als schreibt
mir doch bald, recht bald einige Zeilen. Was Ihr thun wollt
thut bald und schreibt mir doch recht bald wenn auch nur ein
paar Zeilen. Keine Person <achtet> bestimme Euer Handeln wer
sie sey, ich oder ein anderer; Nicht auf das Bestehen eines bestehen-
den oder Bestehen sollenden seht, ob Wartensee bleibt oder
untergeht daran ist wenig gelegen ist eben so wenig gelegen ob ich
bleibe oder untergehe. Ein Schnyderscher Brief bestimmt mich nicht und soll Euch nicht be-
stimmen. Aber für die Wahrheit wollen wir einstehen, und das kleine Keilhau soll sich nicht fürchten. Aber macht tretet als Männer auf
und ein daß endlich die Wahrheit siege damit Eure Kinder
die gebornen und ungebornen ein Leben der Wahrheit führen
können.
Ich mag kein Wort mehr schreiben.
Alle grüße ich, grüßet mir alle von
Eurem
FrFr.

Bald hätte ich es vergessen, ich will ja diese Gelegenheit benutzen
Euch einige Lithographien Wartensee darstellend schicken. Weil
nun alles schon so geordnet ist, will ich auch nichts daran ändern.
Wird auch vielleicht sein Gutes haben. 1 bestimmte ich der Frau.
1 an Langethl. 1 an Barop 1 in das untere Haus 1 für das Allgem:
für die Zögl. zur Erinnerung an mich irgend wo fest zu machen. 1 könnt
ihr Zeh oder wem Ihr sonst wollt mittheilen oder auch zur Bestimmung
noch liegen lassen. Die Ansicht ist von NW. ohngefähr so wie
man vom Kolm herab kommt. Die herzinnigsten Grüße an alle! alle!
FrFr.

(:Empfinde liebe Wilhelmine meine seelenvollsten Grüße:)