Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Xaver Schnyder von Wartensee in Frankfurt/M. v. 6./10.11.1831 (Wartensee)


F. an Xaver Schnyder von Wartensee in Frankfurt/M. v. 6./10.11.1831 (Wartensee)
(KN 31,2; Bl 1-14, datierter Entwurf 7 B fol 28 S., Bl 15-28 Abschrift 7 B fol. 28 S. von der Hand Ferdinand Fröbels und Barops (ab 22R), tw. ed. Widmann 1869, 58-68. Die Abschrift folgt inhaltlich vollständig dem Entwurf, daher nur Wiedergabe des Entwurfs).

Wartensee im Kanton Luzern vom 6en bis 10en November 1831.

Herrn Xaver Schnyder von Wartensee in Frankfurt am Main.
Lieber Schnyder von Wartensee.

Ich will es Ihnen nur gleich beym Beginn dieses Briefes zum Voraus sagen,
daß derselbe sehr ernsten Charakters seyn wird; er wird nemlich meine
Antwort und Erklärung auf Ihren vor mir liegenden jüngsten Brief vom 20sten
des vorigen Monats enthalten. Ich halte es für das gerathenste und zweckmä-
ßigste Ihnen dieselbe an der Hand Ihres Briefes, indem ich denselben Wort für Wort
nachgehe, zu geben; obgleich die Antwort dadurch ein wenig weitläuftig werden wird,
was aber nichts zu sagen hat, da überhaupt dieser Brief wohl der erste und letzte
seyn wird, welchen wir in dieser Ausdehnung, über diesen Gegenstand wechseln
werden; wenigstens wird mir von meiner Seite hoffentlich nichts mehr darüber
zu sagen übrig bleiben.
Nach dieser Einleitung nun zur Sache. – Sie schreiben: Frkfrt d. 20n 8br 1831”
„L.Frbl!” „Seit dem Abschicken Ihres Schreibens vom 13en dieses, werden Sie wohl das meinige
„vom 6en erhalten haben und daraus ersehen haben, daß ich Sie darinn auf den verruchten Auf-
„satz in der Appenzeller Zeitung aufmerksam machte.”
Ja, ich habe Ihren Brief eben in derselben Stunde erhalten, als ich den meinigen
schon abgeschickt hatte; denn dieselbe Post, von Luzern gekommen, welche meinen Brief
an Sie mitgenommen hatte, hatte den Ihrigen kurz vorher in der Postablage abgegeben.
Sie nennen den Aufsatz in der App. Ztg einen „verruchten”; da verstehe ich Sie
ganz und gar nicht, verstehe Sie noch weniger, je mehr ich Ihren Brief fort- und
zu Ende lese. Sie sollten ihn in jeder Hinsicht den günstigsten nennen, der je
in der Welt und namentlich in ganz besonderer persönlicher Beziehung auf Sie,
auf Sie und mich, und auf alle mit uns in Beziehung stehende Verhältnisse und
Verbindungen geschrieben worden ist und noch geschrieben werden kann. Andeu-
tungen werden Sie hoffentlich hierüber ins Klare bringen und Ihnen dann genügen.
Ein Lebens- Freundes- und Männerverband ist nicht minder wichtig und nicht
minder anderer Natur als das Verband der Liebe und der Ehe, und wirklich abge-
schlossen, ist es in allen seinen Folgen gleich den eines Ehebundes. Sehen Sie! Nun
kann ja nichts Heilsameres und Günstigeres geschehen, als wenn vor völligem
Abschluße des Ehebundes jedem Theile die Augen, das Herz und das Leben nach jeder
Seite hin geklärt werden, wenn auch wirklich das Mittel dazu ein wenig herb
seyn sollte. Sie erinnern sich aber doch laut unserer schriftlichen Übereinkunft,
daß unser eigentlicher gemeinsamer fester Verband erst mit dem Eintritt des
ersten Zöglings, und dann, doch erst auf sechs Monate, beginnt; und daß das
Nichteintreten von Zöglingen die Übereinkunft, wie schon an und für sich natür-
lich, die in sich selbst auflöset. Nun ist aber bis jetzt noch kein Einziger Zögling
eingetreten, also hat auch der Verband die Gemeinsamkeit gegenseitig noch keine bindende Kraft.
Da müssen Sie ja nun dem Herrn Verf. der e. W. in der App. Ztung recht herz-
lich und innig, ja Sie müssen sogar Gott danken, daß er Ihnen, durch denselben, /
[1R]
die Augen u.s.w. über mich geöffnet hat, ehe Sie noch in einen wirklich festen Lebensver-
band mit mir treten, welches Ihnen, nicht nur erst in der Ferne, sondern sogar schon
ganz nahe, so vieles Widrige u.s.w. zeigt.
Doch ist dieß bey weitem nur der geringste Nutzen, das kleinste Heil, welches aus
jenem Aufsatze hervorgeht, denn er, denn es ist ja nur persönlich. Ich muß mich mit
Andeutungen begnügen. Doch der Aufsatz selbst kommt mir ja zu Hülfe. Ein ganzer
Staat d.h. der Kanton Luzern, wird eben noch zur rechten Zeit, ehe das allermindeste
zu viel geschehen ist, auf den Charakter u.s.w. des Mannes aufmerksam gemacht,
welchen er, wenn auch nur möglicher Weise, einen so unberechenbaren Einfluß
auf die Erziehung und so das allseitige Wohl seiner Bürger einzuräumen Willens
war. Allein, dieß sogar ist noch wenig und kommt fast, gegen ein beyweitem Größ-
eres, kaum in Betracht. Haben Wir, habe ich nicht fast ganz Europa zur Theilnahme
an meinem Erziehungsunternehmen eingeladen? – Wie haben nun aber alle diese
hier angeregten Familien und Verhältnisse Gelegenheit und Mittel ein Erziehungsunter-
nehmen, welchem sie ihre Kinder doch nun einmal anvertrauen müssen, wenigstens
zu können vermeinen, bis in seine geheimsten Gesinnungen zu prüfen, selbst nur
den Charakter des Vorstehers, des Stifters, dessen Geist sich am Ende doch in allem
kund thut und geltend macht? –
Da ist es ja nun recht heilsam – (:keinesweges verrucht; nur die Gesinnung und
Absicht macht eine Sache verrucht; diese zu untersuchen, geht mich aber hier nichts
an, ich halte mich an das, was Gott dadurch höheres, bleibendes und allseitiges
Gutes ausführen und erreichen möchte:) – ja, heilsam ist es, wenn da einer ins
Feld tritt und eine solche Menge, mindestens vor Teuschung bewahrt. Welch’
möglichem Unheil hat nun die Appen Ztg vorgebeugt! – Sind Sie, Schnyder, Weltbür-
ger! so wenig Weltbürger sich darüber nicht zu freuen? – Ei, Schnyder; Ei! Schnyder!
Was nun dabey mich, meine Person und meine Verhältnisse betrifft, so habe
ich, bey meinem Thun, nicht mich, nicht meine Person und meine Verhältnisse vor
Augen; sondern daß überhaupt nur das Gute, Rechte und Wahre geschehe, wenigstens
zunächst erkannt werde, selbst mit Vernichtung meiner Person. Weil es nun
aber, bey aller Achtsamkeit auf sich, ungeheuer schwer ist sich selbst kennen zu lernen
und nichts leichter als sich über sich selbst zu teuschen; so muß es nun aber auch selbst
mir, wenigstens wenn die bezeichneten Gesinnungen in mir leben, lieb und dankbar
aufzunehmen seyn, wenn es Einer, wenn er sich so oder so, oder wenn er sich gar
nicht - übernimmt, mir selbst, wie vorher dem Publikum, über mich die Augen zu öff-
nen; ja mich, wenn ich gar nicht hören will, durch meine eigenen Gesinnungen
selbst zu vernichten; denn so verhindert er doch wenigstens, daß ich nicht [„nicht“ nur im Entwurf] in meiner
Verblendung noch mehr schaden könne.
Hierzu kommt aber noch ein Höchstes: daß der alte graue Menschenvater sei-
ne jungen Menschen, als seine jüngsten Kinder, besonders lieb hat – denn die alten
Väter oder Großväter lieben nun einmal das jüngste ihrer Nachkommen am
meisten –. Ehe er nun also ihnen einen Erzieher giebt, erzieht er diesen [sc.: diese] selbst,
und zwar nicht unterm Scheffel, denn er liebt das Offene, denn er ist ja zugleich
auch der Schöpfer der offen und klar vor uns liegenden Natur, – also so, daß /
[2]
es Jedermann sehen, ja mit Händen wenn er anders will greifen kann, er habe den Erzieher erzogen
und damit, wenn er nicht aus der Schule läuft, auch sonst seine Examen, Prüfungen
gut besteht, die Menschenväter, die Menscheneltern auch Zutrauen zu ihm haben können.
Also weder ein verruchter, noch heilloser, sondern ein die Wahrheit ruchbarma-
chender und darum heilsamer Aufsatz, selbst in und bey allseitiger Vernichtung meiner,
ist der Aufsatz, sind die e. W. in der Appenzeller Zeitung.
„Ich danke Ihnen aber sehr für die Mittheilung und ersuche Sie, mir sogleich, wenn etwas
„Wichtiges über unser Werk in den Schweizer Zeitungen erscheint, davon Nachricht zu geben.”
Wenn ich es erfahre, ja; doch wird dieß sehr selten der Fall seyn, da ich ganz ab-
geschieden vom Welttreiben und still nur meinem Beruf lebe. Die Theilnahme am
Welttreiben auch nicht für meinen Beruf für nöthig achte.
„Was hierauf zu thun ist, zu entscheiden, ist leicht und ich habe keinen Augenblick angestan-
„den folgendes als das Zweckmäßigste zu erkennen. Sie sind darinn fast ausschließend ange-
„griffen (die andern Seitenhiebe auf unsere Regierung auf mich u.s.w. sind unbedeutend:)
„und das auf eine Weise wozu Sie durchaus nicht stille seyn dürfen”
Erstlich hat es seinen ganz guten hinlänglichen Grund, daß der Aufsatz mich fast ausschließend angegriffen hat; wenn ich meine und
persönliche Ehre suchte, müßte ich mich dafür bedanken, denn hätte ich Ihren Brief eher bekommen und gelesen, als schon alles geschrieben, in der
Druckerey, ja schon gedruckt war, so würde mich derselbe ohne Zweifel bestimmt haben
„durchaus recht stille zu seyn.” Ja, ich würde eingesehen haben, daß ich nicht nur
durchaus still seyn dürfe, sondern durchaus still seyn müsse. Nun, jetzt ist alles an-
ders gekommen, so wird es denn auch sein Gutes haben; es haben ja gute, reine
Gesinnungen, gute, reine Absichten und Zwecke mich dabey geleitet; so wird es denn
auch alles zu guten, reinen Früchten geführt werden.
„Sie sind Ihrer eigenen Ehre, der Ehre Ihrer Familie, Ihrer Anstalt in Keilhau, Sie sind mir,
„Sie sind es unserer Regierung, Sie sind es allen Ihren Freunden schuldig nicht zu ruhen, nicht zu rasten,
„bis Sie urkundlich das Lügenhafte dieses Artikels widerlegt haben.”
Was ich mir und meiner eigenen Ehre schuldig bin, habe ich nur einzig und allein mit
mir abzumachen; meine Ehre besteht aber darinn, daß ich nicht meine Ehre suche. Wenn
ich ja sagen soll, daß ich eine Ehre suche, so suche ich diese Ehre der Wahrheit, des Rechten
und des Guten (oder wie man es sonst bezeichnen mag, denn auf die Worte kommt
es nie an, sondern auf die Sache) auch wenn man mich der Unwahrheit, des Unrech-
ten und des Schlechten beschuldigt. Wahrheit, Recht und Gutes bedarf nun aber
freylich mich nicht, um sich als solches zu beurkunden, d.h. mein Vertreten ihrer nicht,
darum will ich auch alles Dreyes ferner wirken lassen, und kein besseres Schick-
sal, und keine bessere Ehre als dieser Dreyheit, der Drey in Einem, selbst suchen u. vorlegen.
Was die Ehre meiner Familie anlangt, so muß die Ehre einer ganzen Familie
sehr schlecht begründet seyn, wenn ein einziges Glied derselben sie vernichten könnte;
und <-> meine Familie ist nicht nur seit Jahrhunderten eine achtbare Familie
in meinem Vaterlande, sondern noch jetzt, die auch zum größten Theil immer
der Menschenbildung und der Menschenerziehung lebte, so wie noch jetzt lebt. Einem
so tief gegründeten Familiengeachtetseyn, kann nun, so ein Wasserschoß wie ich,
eben keinen Abbruch thun. Übrigens dachte und denkt noch überdieß meine
ganze Familie über Ehre von jeher wie noch jetzt, wie ich, d.h. sie sucht nicht ihre Ehre. /
[2R]
[„] In Ansehung der Ehre meiner Anstalt in Keilhau. [“] Sehen Sie, Schnyder! wenn man der Ehre mei-
ner Anstalt in Keilhau etwas hätte anhaben können, so hätte man während der ganzen Zeit
ihres Bestehens, und besonders während der letzten fünf Jahre, genug Zeit gehabt sie zu unter-
graben, zu vernichten; denn es gab sehr viele, welche meiner Erziehungsanstalt gleich in
ihrem allerersten Entstehen, besonders aber während der letzten fünf Jahre, sehr unhold waren -
und jetzt besteht sie schon im 16n Jahre. Es geht meiner Anstalt wie gewissen Wiesenplätzen
im hohen Norden, das Gras grünt und wächst auch unterm Schnee; man mähet sogar unterm Schnee.
Übrigens ist meine Anstalt in Keilhau selbstständig, sie ist kein Kind mehr und Männer bil-
den sie und stehen ihr vor; so wird sie ihre Ehre schon selbst behaupten können, schon zu behaupten wissen.
Es wäre auch sonst noch auf das höchste traurig, wenn die Ehre einer Erziehungsanstalt nur
durch und von der Ehre eines ihrer Glieder und selbst des Vorstehers derselben abhängen sollte;
eben darum, daß dieser Fall nie eintreten könne, ist es eine Erziehungs-Anstalt, eine in und
durch Gemeinsamkeit sicher ge- und fest begründete Veranstaltung zu und für Erziehung des
und der Menschen, deren Bestehen u.s.w. sonach nicht einem persönlichen Kommen und Gehen
preiß gegeben ist. -
„Sie sind mir” Nun das ist freylich etwas anderes, was ich Ihnen, Schnyder! schuldig bin. Da
haben Sie nun freylich ein Wort, und ein wesentliches zu reden. Aber sagen Sie mir
doch, Schnyder! was ich Ihnen schuldig bin? – – Habe ich in Frankfurt am Main nicht
10 (zehn) Wochen unter Ihren Augen gelebt und gewirkt? – Habe ich mich nicht in all
meinen dortigen Verhältnissen, bis in das Allerkleinste hin, gezeiget wie ich bin? – Sind
nicht sehr viele Wochen, von dem ersten Anregen des Gedankens eine Erziehungsan-
stalt in Wartensee zu errichten, bis zur Ausführung verflossen? – Waren Sie nicht mit
Personen in Verbindung die mich, in manchen Beziehungen, vielleicht besser kennen, als
ich mich selbst; unter deren Augen ich viele Jahre, ja noch die genannten 10 Wochen
ein Leben so offen lebte, wie es nur eine Blume leben kann, denn jeder Regung
gab ich mich hin? – Kennen Sie nicht Personen die Keilhau eben so kennen? – Wenn
ich auch Herrn Ackermann gar nicht erwähnen will, weil sein Aufenthalt in Keilhau
nur kurz war, und doch, was kann ein so erfahrener Mann wie dieser, nur im Vorbey-
gehen schon sehen? – Aber des pp. Schwarz will ich erwähnen. Nun der kennt Keilhau
an den und durch die Früchte; denn seinen Bruder hat er mehrere Jahre, durch seine freye
Überzeugung, der Anstalt als Zögling anvertraut. Dieser Mann kann fast über kein
Verhältniß Keilhaus ununterrichtet seyn. Ja, ich habe überdieß ja selbst die sprechendsten Be-
weise bekommen, daß man Keilhau und mich in Frankfurt am Main nicht weniger
mit Schwarz in Schwarz gemahlt [sc.: gemalt] und gezeichnet hat, als anders wo. Was nun mir bekannt
wurde, sollte Ihnen unbekannt geblieben seyn? – Wenn ich aber auch wirklich über mich
und all mein Leben weniger offen gewesen wäre, als ich es doch bin, konnte ich verhindern,
wenn Sie auf einigen oder auf allen der vielen Wege, die einem Mann wie Ihnen offen stehen,
Erkundigungen über mich einzogen? – Ein Kapellmeister Eberwein, ein Hofmusikus Müller
sind Ihnen gewiß nicht unbekannt! – Mir ist nun wohl ein solcher Gedanke, auch der leisesten
Ahnung nach, nicht in die Seele gekommen, doch Beweises genug, daß ich nichts zu fürchten und
zu befürchten hatte. Kurz, warum soll ich es einzeln noch durchgehen; mein Leben
lag ja offen, wie ein Buch vor ihnen, Sie brauchten ja nur die Blätter umzuwenden
und zu lesen. Ja, nicht einmal dieß brauchten Sie, man hat es Ihnen ja noch leichter
gemacht; man hat es Ihnen ja gesagt, Sie brauchten ja nur zu hören und haben ja /
[3]
[Rand: 2er Bogen] gehört; denn Sie selbst haben ja das Gehörte mir wieder gesagt. Enthält denn etwa die
App. Ztg etwas anderes als was Ihnen schon in Luzern über mich und meine Verhältnisse
gesagt geschwä[t]zt wurde? – Erkannten Sie nicht selbst, daß sehr harte, giftige Gegner in Luzern,
besonders gegen mich auftreten würden? – Daß diese nicht schweigen würden, war natürlich;
– Schimpfen und Beschimpfen, was ist leichter? – Und als alles dieß klar vor Ihnen lag,
waren ja noch ganz und gar keine Anzeigen von der vorhabenden Anstalt ausgegeben
worden. Das Ganze lag also dort, zur Wahl und Entscheidung, noch ganz in Ihrer Hand,
so wie übrigens, wie wir später sehen werden, noch jetzt. Wo ist nun etwas, was ich
Ihnen und Ihrer Ehre schuldig sey? – Wie bringt Sie nun der Appenz. Aufsatz so
auf? – ich will nicht mehr sagen. – Konnten Sie, als lebenserfahrener Mann, nicht das
Alles voraussehen? – Haben es doch andere. Der Herr Decan Siegrist zu Wohlhusen,
welcher von dem Luzerner Gerede noch gar nichts wußte, sagte, er habe dieß schon
bey unserm Besuche in Wohlhusen eingesehen, ja gesagt, es könnte nicht anders kommen.
Übrigens bitte ich Sie, Schnyder! außerdem auch gar nicht zu vergessen, daß ich Ihnen
in allen Dingen nur nachgegangen bin; kein bestimmender Schritt aber je von mir aus-
gegangen ist. Das Ganze lag immer nur einzig in Ihrer Hand, so wie es noch in diesem Augenblicke nur einzig in Ihrer Hand liegt. Auch ist jede Bestimmung, welches alle meine Frankfurter Freunde bezeu-
gen werden, von Ihnen zuerst ausgesprochen worden; oder ich bin, wie Sie sich erinnern
werden, von Ihnen aufgefordert worden, es doch auszusprechen; welches ich jedoch
immer nur erst dann gethan habe, wenn das Ganze, von Ihnen aus schon eine solche
Bestimmtheit hatte; daß mein Sprechen ganz unwesentlich war.
Unter und bey diesen Gesammtverhältnissen erklären Sie sich doch bestimmter, l.
Schnyder! was ich Ihnen und Ihrer Ehre schuldig bin; denn ich greife in ein Nichts, wenn
ich danach greife. – Dennoch, l. Schnyder! wenn Sie die Unehre, oder wie Sie es immer
nennen wollen, die Ihnen aus Ihrer Verbindung mit mir schon gekommen ist, oder noch
kommen könnte, gern an einen Andern abgeben und darauf Verzicht leisten wollen,
so wird es wohl welche geben, die solche Ihnen herzlich gern abnehmen.
„Sie sind es unserer (der Luzerner) Regierung schuldig.” Was ich der Luzerner Regierung schuldig
bin, will ich hier nicht untersuchen, gehört nicht hieher; die Luzerner Regierung wird
auch wohl ihre Schulden von mir einzukassiren wissen. Ich sage zunächst nur so viel
Erstlich: hat man sich von Luzern aus gescheuet, mich nur mit dem Artikel bekannt
zu machen. Zweytens. Alles, was ich nur bis in diesem Augenblick gehört habe, spricht
von der Zufriedenheit der Regierung mit mir, wenigstens nicht von Unzufriedenheit.
Haben Sie nun freylich dagegen andere Nachrichten bekommen, so thut es mir zwar
leid, doch ist noch gar nichts versäumt, und ich stehe jeden Augenblick der Regierung
Erklärung zu geben bereit. Drittens. Sind ja nun der Regierung mehrere Wege
gezeigt, wo sie jede beliebige Erkundigung einziehen kann. Ich bin nicht so von mir
eingenommen zu glauben, daß sie dem, was sie aus einer zweyten, meiner
Hand bekäme, Vorzug vor dem einräumen solle, was sie so spielend leicht, aus
erster Hand bekommen kann. Wie ich mich zum ersten nicht dränge, fürchte ich das
zweyte nicht, müßte ja sonst etwas zu fürchten haben. Setzen Sie sich selbst das Äußer-
ste, daß der Appenzeller Aufsatz mit sieben mal sieben Siegeln besiegelt und so-
mit bekräftigt würde, so krümmt mir dieß kein Haar: denn ich bleibe ich. /
[3R]
viertens dünkt es mich nicht ehrenvoll für eine Regierung, wenn sie ihre Handlungsweise
von einer Privatperson und noch überdieß einer so unbedeutenden wie ich der App Ztg bin,
gerechtfertigt sehen müßte. Also bis auf weitere Bestimmung, bin ich auch zunächst der Lu-
zerner Regierung nichts schuldig.
„Sie sind es allen Ihren Freunden schuldig.”
Nun, mit diesen will ich mich auch schon noch verständigen, sie sollen mit mir zufrieden seyn:
Wenn sie anders nicht Nam- sondern Sachfreunde sind, und wenigstens die kleine Probe
in die sie sich jetzt versetzt sehen könnten überstehen, so soll das Band durch den Appenzeller
nicht schwächer sondern fester werden, und wie der Aufsatz ein heilsamer war, so soll
er ein, zwar nicht Ehre gebender, aber das zu ehrende zeigender, und – außer Freunde
bewährender auch noch ein Freunde bringender seyn. Was würden meine Freunde
sagen, wenn ich ihnen eine Gelegenheit benähme, wodurch sie ihre Freundschaft für mich sich ihnen
und mir erproben und beweisen könnten ? - Sie kennen es noch gar nicht Schnyder,
welche Proben meine Freunde zu überstehen im Stande sind! –
Aber was bin ich denn nun eigentlich all den Genannten, nach Ihrem Briefe und
Ihrer Meinung schuldig? –
„nicht eher zu ruhen und zu rasten bis Sie (ich) urkundlich das Lügenhafte jenes Artikels wider-
„legt haben.”
Ja, eben deßwegen will ich nun, nach Ihrem Briefe, recht still ruhen und auf
das sorglichste rasten, nicht, damit dieß etwa erst geschehe, denn die Erscheinung des
Artikels wiederlegt den Artikel rein durch sich selbst, sondern damit es sich recht
ruhig und ungestöhrt heraus stellen könne.
Übrigens, Herr Schnyder! wissen Sie doch zum Überfluß noch, daß ich gar nichts
zu beweisen habe, sondern alle seine Aussagen mein Gegner? – er muß Zeug-
niß und Zeugen bringen, nicht ich. Wenn er seine Zeugen gebracht hat, ist es noch
immer Zeit die meinen, und zwar zu allernächst wenigstens mich selbst zu bringen.
Mich werden jedoch keine Namen und keine Aussagen der Zeugen erschrecken, die
Wahrheit wird schon auch ihre Zeugen, aber erst dann, wann es nöthig ist, bringen.
Jetzt ist also noch Zeit zu ruhen und zu rasten.
„Der Artikel erklärt Sie nicht nur für einen abentheuerlichen Schwärmer (:dazu könnten
„Sie füglich schweigen und blos Ihre Werke sprechen lassen; denn dieser Vorwurf könnte
„noch mit Ungleichheit der Ansichten entschuldigt werden. Es ist möglich, daß es Men-
„schen geben kann, ob wohl ich es bezweifle, die selbst den J. B. Engelmann daher
„für einen Schwärmer halten würden:) sondern für einen Lügner, Prahler, verschuldeten
„Abentheurer.”
Über das Wort Schwärmer brauchte ich nun eigentlich nichts zu sagen, denn Sie fühlen
selbst und beweisen es durch den Einschaltungssatz, daß dadurch nichts gesagt ist.
Um aber doch meine Überzeugung in dieser Hinsicht anzudeuten, will ich mich nur
auf Lessing, dem Feldherrn (Herzog) Heerführer der deutschen Denker, wie er genannt wird, be-
ziehen, und bitte in dessen Schriften über das Wort Schwärmer nachzulesen.
Er schildert dort einen, und dieser kalte, scharfe, ruhige Denker sagt: schade daß
kein solcher Schwärmer wieder kommen will; und von jenem scharf gezeichneten /
[4]
Bilde finden sich nun wohl ein paar leidliche Züge in meinem Leben und Charakter; denn
es kostet Lebenskampf so immer für sich selbst einzutreten. Ich könnte mich noch auf ein
anderes sehr gewichtiges Buch beziehen, welches Sie gewiß auch gelesen haben werden,
ich aber viel studirt habe, es ist aber schon mit dem Begriffe spaltenden Lessing genug.
Soll aber der Name eine Beschimpfung seyn, so widerlegt sie sich durch sich selbst:
denn ich mache und suche keinen Schwarm, habe nie welchen gemacht und nie gesucht;
es schwärmt auch kein Haufe um mich herum, sondern ich stehe vielmehr so ziemlich
allein; lasse auch alle und jede gern ihre Wege wandeln, die ihnen gut dünken;
ja ich will sogar, daß ein Jeder seinen eigenen Weg gehen solle. Wollen Sie
einen der sprechendsten Beweise und Urkunden darüber, daß ich es sogar mit meinem
trautesten Freunde so halte, so kann der verehrliche Herr Legationsrath von Holzhausen
Ihnen solche nachweisen. Dann ist aber auch meine Lehrweise aller Schwärmerey rein
entgegen, denn sie gründet sich auf Mathematik und auf mathematische Natur-
erscheinungen betrachtung, deren Thatsachen Ergebnissen Niemand wiedersprechen kann, welcher nur glatt
von rauh, gerad von krumm u.s.w. zu unterscheiden versteht. Sie erinnern sich doch auch
wohl, daß in dem Bericht an das fürstl Consistorium zu Rudolstadt von dem HE Commissär,
einem der kältesten ruhigsten Denker, von der Keilhauer Lehrweise gesagt wird:
„gedacht muß alles seyn” dieß riecht und schmeckt aber nicht nach Schwärmerey.
Doch, warum rede ich ein Wort; hören Sie doch alle meine Freunde in Frankfurt a/m,
welche sich mit meiner Lehrweise und somit Denkweise genauer bekannt ge-
macht haben. Und merkwürdig, hier in der Schweiz urtheilen die Gebildetsten nicht
anders, die sich bis jetzt die Mühe gaben, sich nur etwas damit bekannt zu machen.
Was kann mir nach alle diesem nun der Appenzeller Aufsatz wenn er mich Schwärmer nennt schaden ? – – –
Nun soll aber ja, abentheuerlicher Schwärmer, ein Schimpf oder eine Beschimpfung
seyn, welchen Sie, durch Ihren einschränkenden Zwischensatz, erst recht heraus heben
zu wollen scheinen, – der mich trifft und von mir auf Sie zurück fallen könnte,
vor welchem Zurückfallen Ihnen ja so herzlich bang ist; so sind Sie ja auch in dieser
Beziehung vor Beginn der Unternehmung darüber ganz klar gewesen; hat nicht
Börne in Badenbaden sehr ernst und bestimmt gesagt: „Der Fröbel ist Enthusiast?“ –
Ist dieß, sagt dieß, im gewöhnlichen Sprachgebrauche, etwas anderes als Schwärmer? – und habe ich
es, als Sie mir es selbst wieder sagten, verneint? – (:der Nachsatz jenes Urtheils
und jener Äußerung gehörte wohl auch auch noch hieher, aber er mag jetzt hinterm Vorhang
bleiben:)
„sondern als einen schlechten Menschen“
Was soll ich Ihnen, Schnyder, nur darauf antworten, daß Sie hier dieß noch heraus heben mögen, was selbst, hören Sie Schnyder!
etwas sagen was selbst so nicht einmal der Appenzeller Aufsatz sagt (:leider habe
ich das Blatt nach Deutschland geschickt und kann nicht nachlesen:) (:Ihr Brief ist über-
haupt anthropologisch und psychologisch höchst merkwürdig.:) Um Ihnen aber auf
die herausgehobene Stelle zu antworten müßte ich entweder ein ganzes Buch
schreiben, oder ich muß ganz schweigen. Eine Privatmeinung von mir will ich Ihnen
aber doch sagen, daß es nemlich mit einem Menschen nicht ganz sicher stehen
muß, der seine Unschlechtigkeit erst durch papierene Zeugnisse zu beweisen Ur- /
[4R]
sache hat. Ich halte überhaupt nicht viel auf das was man Zeugnisse nennt; das
hochverehrliche von Holzhausensche Haus, kann Ihnen das bezeugen. Denn ich war
5-6 Jahre als Erzieher in diesem Hause; fragen Sie, ob ich bey meinem Austritt aus
demselben ein Zeugniß über mein Leben gefordert habe, und doch trat ich wieder
ganz allein auf mich stehend, von da aus, in eine mir fremde Welt. Hätte ich aber
wirklich bisher einen Werth auf das gelegt, was man Zeugnisse nennt, so verginge
mir jetzt der Muth dazu; da mir ein Schweizer Bauer, in der Zeit des Angriffs
auf mich, sagte: „Herr Fröbel! wer und was läßt sich nicht schmieren und bestechen,
„was dadurch nicht erhalten.” Welchen Werth können bey solchen Ansichten, die in
nicht in ganz kleinen Ausdehnungen herrschend zu seyn scheinen, schriftliche Zeugnisse über
solche Punkte haben, was sie wirken? – Ich will lieber schlecht heißen, schlecht gel-
ten, ja selbst für schlecht gehalten sterben, als für meine Unschlechtigkeit Jemanden
wer es auch sey, ein papierenes Zeugniß abfordern.
„für einen Lügner”
Nun, Wahrheit stellt sich so bald heraus als Lüge; und es ist ganz bekannt, daß
diejenigen am wenigsten die Wahrheit sagen, die am meisten und schweresten
betheuern, daß sie die Wahrheit reden. Ich kenne eine Art Menschen, welche eine
Unsumme von Zeugnissen für die Wahrheit ihrer Vorgebungen haben, eben weil
sie fürchten es traue ihnen doch Niemand und es halte sie Jeder für Lüge. Zuletzt
wenn der Zeugnisse ihrer Wahrheit gar zu viele sind, dann suchen und wünschen sie
Zeugnisse, daß ihre Zeugnisse wahr sind, und so bis ins unendliche fort. Ich be-
greife Sie auch nicht, Schnyder! daß Sie dieß nur noch herausheben, aussprechen
und sogar schreiben möchten. Zweifeln Sie nicht, die Wahrheit meines Lebens
und Handelns ist tief bey und von allen denen erkannt, welchen daran liegt,
mein Leben zu erkennen. Die andern brauchen nicht in Betracht genommen zu werden.
„Prahler,“
Wie kann nur ein Schnyder dazu kommen auf solche Worte einen Werth zu legen;
ja, vielmehr Ihnen [sc.: ihnen] erst einen Werth geben zu wollen, dadurch, daß er sie
wiederholt. Lieber Schnyder! beweise ich [sc. : beweisen] denn nicht jede meiner Rede, meiner
Sätze, meiner Behauptungen jedem, der nur Lust hat die Beweise, die freylich
oft – (:dazu kann aber ich nicht, sondern liegt in den zu beweisenden Sachen
und in den Personen oft, welchen bewiesen werden soll:) – etwas weit aus-
holen. Nun, sind aber auch meine Beweise unvollkommen, so lege ich doch die That-
sachen immer selbst vor, die durch sich selbst sprechen und beweisen, prahle also
nie. Was kann es mir nun und irgend Jemanden Schaden, Schande u.s.w.
bringen, daß man mich Prahler nennt? - Ebenso wenig als wenn mich Jemand
Lügner nennt, denn die Wahrheit ist die Triebfeder aller meiner Handlungen u.s.w.
dazu gehört nun aber auch wirklich nicht viel dieß heraus zu anatomisiren aus meinem
Leben; und denn vor zwanzig und einigen Jahren fühlte dieß schon einer meiner Zöglinge
ein noch junger Knabe aus demselben heraus. Bitte Sie darum Schnyder! was wollen Sie
doch mit der Wiederholung all dieser Worte sagen? – Fürchten Sie denn,
ich hätte vor Ihnen gelogen, vor Ihnen geprahlt? – – Nun, gewiß! das /
[5]
[Rand: 3er Bogen] wollen Sie sich doch nicht selbst unversehens in den Rock werfen, daß Sie ohne die strengste
Prüfung in ein so wichtiges Verhältniß, in einen Verein für Menschenerziehung, dessen
Folgen unberechenbar sind, getreten wären? – daß ein Lügner und ein Prahler Sie
hätte hintergehen können? –
„und verschuldeten Abentheurer”
Nochmals, Schnyder! ich begreife Sie nicht. Was soll nur das Wiederholen von allem
diesen in Ihrem Briefe? – Können Sie sich denn nicht sagen daß ich dieß schon mehr als
ein Duzzend mal gedruckt gelesen habe und daß es hierauf eigentlich gar keiner Antwort
bedarf, verdient, weil die Sache so thautropfenklar vor Jedermanns Augen offen liegt? –
Ist es denn nur von mir der Mühe werth, darüber ein Wort zu sagen? – Wissen Sie
denn noch gar nicht, daß die Keilhauer Erziehungsanstalt ein Gesammt-Unternehmen
ist, wo Einer für Alle und Alle für Einen stehen? – Wissen Sie denn gar nicht, daß das
Gesammtvermögen der, auf das innigste geeinten Glieder der Keilhauer Anstalt,
überwiegend mehr als hinreichend ist, alle auf der Anstalt ruhenden Passiva zu decken?
Daß die Gelder jetzt nicht disponibel sind, das thut nichts zur Sache, wenn Sie davon
den Grund, den hinlänglichen Grund wüßten, würden Sie erstaunen. Genug, die Anstalt
besteht, besteht mit steigendem Zutrauen, mit steigend seegensreichem Wirken, mit stei-
gender Kraftentwicklung u.s.w. Sehen Sie nun, mit einem solchen Unternehmen, welches,
Posten für Posten nachweißlich 50.000 Rf prß Crt [sc.: Reichsgulden preuß. Courant] und mehr noch baares Geld in so wenig
Jahren in seine nicht reiche Heymath brachte, hat man nun, bey allen jenen Aussichten u.s.w.
schon Nachsicht. Die Sache spricht nur durch ihr Dastehen, so ganz und gar für sich selbst, man braucht
gar nicht einmal Menschen zu fragen. Wie braucht nun eine solche Thatsache eine einseitige,
persönliche oder papierene Vertretung? – Nicht zu fassen ist es, wie Sie so darauf los-
arbeiten können. Ein solcher Unternehmer, eines solchen Unternehmens, kann sich nun
wohl einen solchen Schimpf leicht gefallen lassen und dabei still seyn; er fällt tausend-
fach auf den zurück, welcher ihn ausstieß.
„Sie sind nicht blos wissenschaftlich, sondern bürgerlich und sittlich angegriffen”
Nun, das Angegriffenseyn schadet ja nichts l. Schnyder! ist es doch zuerst der Thatbe-
weis, daß ich da bin; dieß ist schon zunächst genug; wer nun mehr von mir wissen
will, wird schon Mittel und Weg finden, sein Wissen zu befriedigen; es wird es auch
wohl ein Jeder von diesen thun, will Niemanden vorgreifen.
„dazu dürfen Sie durchaus nicht schweigen”
Wenn das Ihr Ernst ist, sehen Sie, wie gut es ist, daß alles schon geschehen war, was
geschehen war, ehe Ihr Brief ankam; denn nochmals, ich bin fest in mir überzeugt, kam
Ihr Brief früher, hätte ich durchaus ganz geschwiegen, und zwar aus sehr klaren und
einleuchtenden Gründen, die auszusprechen, ich auch wohl noch irgend einmal Gelegenheit
und Ursache finden werde. Sie sehen also erstlich, wie so ganz unnöthig dieser Ihr
Brief d.h. sein Inhalt war; zweytens, wie er, kam er früher, ganz gerad das
Gegentheil von dem bewirkt hätte, was Sie durch denselben erreichen wollten u wollen.
Drittens, giebt er mir einen Beweis, welchen Sie aber noch nicht sehen, den ich aber zu seiner
Zeit, wohl auch nocheinmal offenkundig darlegen werde, daß ich nicht um eine Haaresbreite
und ständ das Leben, Ehre, Vermögen u.s.w. auf dem Satz, von meiner Überzeugung,
meinen Grundsätzen, von der Wahrheit weichen soll. /
[5R]
„Es ist auch gar leicht sich gegen solche Injurien zu rechtfertigen.”
Da bin ich ganz Ihrer Meinung l. Schnyder, denn der, der sie ausspricht muß sie beweisen.
„denn Sie brauchen sich ja blos Zeugnisse geben zu lassen, die man Ihnen nicht versagen kann.”
Eben weil man sie mir weder versagen kann, noch versagen wird, werde ich mir
keine geben lassen, werde ich keine fordern. Ich will mich schon durch mich selbst, mein
Leben durch mein Leben und mein Wissen durch seine Früchte rechtfertigen u.s.w.
„das muß aber sogleich geschehen
Lieber Schnyder! Das wird von mir, das muß von mir nie geschehen.
„und dieses muß Ihre dringlichste Angelegenheit seyn.” Mein l. Sch
Nein, l. Schnyder, ich habe dringlicheres zu thun; ich muß mich damit beschäftigen
wie ich meinen Beruf erfülle. Und nun haben Sie mir ja selbst ein dringlichstes
Geschäft gegeben, was aber damit ganz zusammenhängt: ich muß Ihren Brief beant-
worten; ich muß Ihren Brief und diese meine Antwort meinen, auf verschiedenen
Lebensstufen und in verschiedenen Lebensverhältnissen miterziehenden Freunden
mittheilen, denn die Erziehung des Menschengeschlechtes, auf die es ja nur ganz einzig
und allein ankommt, die uns, in ihrer höchsten Allgemeinheit, ja auch nur zusammen
führte, ist nicht an eine einzige Person, nicht an einen einzigen Ort, nicht an ein einziges
Land, ist nicht an eine einzige Zeit geknüpft, sonst müßte Gott wahrhaft wieder
in Person erscheinen, um sich des armen Menschengeschlechtes anzunehmen; – also
auch nicht an mich und meine Person, nicht an Wartensee und nicht an Keilhau,
nicht an den Kanton Luzern und nicht an Thüringen, nicht an gestern nicht an heute u nicht an morgen.
„Schreiben Sie an Schönbein, der, wie mir Schwarz sagt, ein ehrlicher Kerl ist!”
Gegen das letztere habe ich nichts; aber das erstere thue ich nicht: ich will von
keinem Menschen Zeugniß über mich, der mein Brot aß. Sie erinnern Sich
auch, was der Schweizer Bauer sagte.
„Schreiben Sie an ihre Rudolstädter Regierung”
Ich wüßte nicht was die zunächst noch sagen würde, wenn ich gleich zu ihr gelaufen
käme, wie gewisse Jungen, und schrie und rief: „Mutter, Vater! der und der hat
mich geschimpft.” Auf einen solchen Jungen halten wir Thüringer schon nicht viel, noch
viel weniger auf einen solchen Mann. Meinen Obern in Rudolstadt wird aber
vielleicht schon alles bekannt gewesen seyn, ehe Sie, l. Schnyder, mir nur schrieben,
denn, irre ich nicht, so habe ich Ihnen sogleich ím ersten Brief gemeldet, daß ich schon
vor Abgang des Briefes an Sie, weil die Post dorthin fast noch einmal so lange geht,
eine Abschrift des Aufsatzes in meine Heymath geschickt habe. Da bin ich denn immer
sicher, daß das Zweckmäßigste geschieht.
„An den Fürsten selbst”
Nein, da kennen Sie die Regierungsverhältnisse in meiner Heimath nicht; dieß würde
Fürst, Regierung und Consistorium mit Recht, sehr übel nehmen.
„und lassen Sie, wie Schwarz hier beyliegend schreibt und mit dem ich ganz einverstanden
„bin in Jena den Herzog durch den Pr. Martin (der bey dieser Geschichte gewiß nicht
„gleichgültig seyn kann) vornehmen, der ihn ein bischen in die Enge treiben und von ihm eine
„schriftliche Erklärung abfordern soll.” /
[6]
Der treue, aufrichtige Schwarz meint es herzlich gut und er soll treuen, aufrichtigen,
herzlichen Dank haben. Meine Freunde in Keilhau sind Männer und ich greife
Ihren [sc. ihrem] freyen Handeln nicht vor. Wir stehen mit den Eltern unserer Zöglinge
überhaupt in einem sehr freundschaftlichen offenen Verkehr, da wird es nicht
fehlen, daß auch der Herr Geh. Justiz pp Rath Pr. Martin davon erfährt; er
wird dann thun, was zu thun ist; und, da überwiegend mehr als nur ein erfah-
rener Mann und noch dazu Jurist ist, so erlaube ich mir darüber weder einen
Wunsch, noch eine Vermuthung. Was kommt, das weiß ich, das ist mir jeden-
falls recht und das beste.
„Ich fordere Sie also auf ernstlich und rasch alles gesagte zu thun, und wenn Sie dann alles
„Nöthige recht schön gesammelt und schriftlich beysammen haben, so benachrichtigen Sie
„mich sogleich davon, und dann wollen wir das Weitere berathen.”
Gegen Ihre Aufforderung, l. Schnyder! kann ich nichts haben, denn sie steht hier schwarz
auf weiß; aber gegen mein Handeln und Thun werden und können Sie
wenigstens auch nichts haben, denn es steht nun auch einmal im Leben wie es steht
und da kann denn nichts dazu und nichts davon genonnen werden. Was Sie nun in
und über diese Sache schriftliches von mir zu erwarten haben, werden Sie am Ende
dieses Briefes auch schön beysammen haben und ich erwarte dann ganz ruhig das Weitere
Ihrer Berathung und Entscheidung ab.
„Man sagt von Ihnen daß Sie sich nie um die Urtheile über Sie und Ihr Wirken in Keilhau be-
„kümmert haben, sondern im Bewußtseyn Ihres Werthes Ihre klar verstandende Bahn
„wandelten.”
Ja, l. Schnyder! so bin ich. Und wer Ihnen das von mir gesagt hat, kennt mich schon
in einem hohen Grade. Ich sage darum hierüber auch kein Wort mehr; ich empfinde
denke und handle und freue mich durch diesen Ausspruch still der Hoffnung doch
auch einmal zu seiner Zeit, zur rechten Zeit, ganz erkannt zu werden.
„Dieß ist schön, großartig und ich billige es sehr; allein ich will nicht hoffen, daß Sie jetzt bey ei-
„nem solchen Schmähartikel, der nicht blos negativ von Ihnen spricht, ihre [sc.: Ihre] frühere schöne Maxi-
„me befolgen”
L. Schnyder! wenn Ihnen das erste wahr und ernst ist, warum das zweyte? – Schmähung
ist Schmähung, da giebt es eigentlich keinen Grad; auch ist mir alle Schmähung als solche,
nothwendig positiv, eine negative Schmähung kenne ich nicht. Ja ich werde von nun an,
und ganz namentlich in Beziehung auf Wartensee, mit noch bey weitem größerer
Strenge als bisher, jene Maxime zu befolgen mich bestreben. Denn mich, in allen
meinen Lebensverhältnissen mag man mich nicht nur angreifen, ja, in den Staub u
Koth treten, aber die Sache soll man unangetastet und unbeschmutzt lassen. – Da
will ich Ihnen denn nun l. Schnyder! gleich noch auf eine andere Weise sagen, was
ich jetzt auf das Allerdringlichste zu thun habe: – mir nemlich im Gefühl, im Denken
und Handeln, im Wirken, Thun und Leben den Unterschied zwischen Person und Sache,
zwischen Wesen und Form, zwischen bleibendem und Vergänglichem u.s.w. u.s.w. recht
klar zu machen, damit ich nie eines mit dem andern verwechsele und nicht etwa zu
Gunsten der Person und Verhältnisse, zunächst meiner allereigensten, der Sache
dem Wesen selbst zu schaden. /
[6R]
„sondern einsehen werden, daß Sie in Deutschland und in der Schweiz verlohren sind, wenn Sie nicht
„rasch und sicher, durch gewichtige Zeugnisse die Appenzeller Lüge niederschmettern.“
Lieber, ruhiger Schnyder! Wie ereifern Sie sich denn so? – und so ganz umsonst und um
gar nichts. – Glauben Sie denn, daß mir so viel daran liege, wenn ich in der Schweiz
verlohren wäre? – Habe ich doch nicht, hat meine Seele doch nicht in der leisesten Ahnung nicht
an die Schweiz gedacht, als ich von Keilhau weg und nach Frankfurt ging. – Meinen
Sie denn, daß mir viel daran liege, in Deutschland verlohren zu seyn! - Bin ich doch jetzt
nicht einmal in Deutschland. – Hören Sie, fühlen Sie, denken Sie, ich will Ihnen meine aller-
tiefste, geheimste Überzeugung sagen: wenn ich in Deutschland verlohren gehen könnte,
könnte mir auch nicht viel an Deutschland liegen. Nun ist aber beydes rein unmöglich,
worüber ich ein zehnmal dickeres Buch schreiben könnte, als ich schon darüber geschrieben
habe, statt dessen ich aber jetzt hier nur vier Worte schreibe: – ich bin ein Deutscher!
Also über das Verlohrengehen in Deutschland, darüber bin ich beruhiget. Allein glauben
Sie mir denn, in Ihrer Ansicht und Ihrem Wortsinn fortgefahren, daß ich mir überhaupt
viel daraus mache, wenn ich in Europa und auf der ganzen Erde verlohren bin? –
Aber, was nennen Sie denn verlohren seyn? – Daß, und wenn es keine Keilhauer,
kein Wartenseer überhaupt keine durch FrFröbel gestiftete, begründete und
von demselben geleitete Erziehungsanstalt mehr gäbe? – Sehen Sie l. Schnyder das
ist mir nun all eins, hab ich eins, hab ich keins; – es ist mir nun alles einerley,
ob eine dem jetzigen Menschenbedürfnisse angemessene Erziehungsanstalt die War-
tenseer oder die Öder[sche], die Schnydersche oder die Schwarzische pp geheißen hätte oder
noch heiße; ob die freye Stadt Frankfurt oder die freye Republik Luzern oder sonst
eine so weise als freysinnige Regierung auf der Erde ihr eine Freystatt gegeben hätte,
oder irgend zu einer Zeit noch geben wird, - wenn nur die Sache erscheint,
und zunächst wenigstens, die Hoffnung dazu, unterhalten wird. Meinen Sie nun
l. Schnyder! daß ich so wahnwitzig sey nur zu meinen, zu glauben, wohl viel weniger etwa
gar zu denken die Wahrheit sey nur in meinem Kopf und mein Herz eingepfergt? –
Die Geschichte – das Leben – die Natur – die Steine, – die Pflanzen, – des Menschen eigenes
Gemüth und sein eigener Geist lehren und reden Jedem der es nur still und ruhig hören
will, was ich will; diese werden alle einmal, und klarer und bestimmter noch als
ich, lehren, was ich gern gelehrt hätte, nemlich was wahr ist und so nach den Forderungen
der Wahrheit, das Menschengeschlecht wahrhaft erziehen. Ächte Menschenerziehung,
zu deren Schutz und Verallgemeinerung ich zunächst nur Erziehungsanstalten will,
wird wirklich werden. – Und ob ich dann in Deutschland, oder der Schweiz, oder in bey-
den zugleich, oder wo sonst noch mehr verlohren d.h. doch wohl, hinunter gearbeitet bin,
ist mir höchstgleichgültig; mein Leben ist nun nicht mehr verlohren, über mich
über meinen Leichnam hinweg werden nun schon andere ausführen, was ausführen
wollend, mir, nicht gelang.
Doch eine andere, nicht minder wichtige Betrachtung ist diese: die Wahrheit und das
Handeln muß schlecht gegründet, muß schlecht und sehr oberflächlich gewurzelt seyn,
wenn, wie Sie es ja selbst nennen „die Appenzeller Lüge” es so in einem Hauch ver-
lohren machen kann; dann aber ist es auch recht gut, daß diese Lüge erschien, daß
eine noch größere Lüge, die Fröbelsche, die Keilhauer dadurch aufgedeckt, dadurch /
[7]
[Rand: 4er Bogen] vernichtet werde; dann wollen wir sie aber auch durch Widerrede nicht in ihrem guten
Werke stöhren, damit ein lügenhafter Fröbel und ein lügenhaftes Keilhau nicht länger
ihr lügenhaftes Werk treiben. Sehen Sie, so denke ich l. Schnyder.
„dieses erwarten und fordern mit mir alle Ihre hiesigen Freunde von Ihnen.”
Sagen Sie mir nur l. Schnyder! wer Sie, wie wir Thüringer sagen, so aus dem Häuschen gebracht
hat? – Lassen Sie doch Ihr Löschen Sie! Löschen Sie! Das Feuer ist vortrefflich; wer
wird auch das Feuer scheuen; ist das, was es brennt gut, gut! so wird es geläutert;
ist’s Gestrüp[p], wird’s verbrannt. Ich will also, da ich nur das Gute und Wahre, niemals
die Person, sondern ewig nur die Sache will, das Feuer ruhig brennen lassen: das Schlechte
kann nicht früh genug verbrannt, das Gute nicht früh genug geläutert werden. So viel
sage ich Ihnen l. Schnyder! noch persönlich von mir: – wenn mir Jemand für das, was ich
durch den Appenzeller in jeder Beziehung verlohren habe, fünf Lebensjahre mehr, als ich an
und für sich haben werde, geben und noch zu meinem Leben hinzusetzen könnte und wollte;
so würde ich sagen, ich mag die fünf Lebensjahre nicht, sondern will dankbar, noch nach
meinem Tode jene fünf Lebensjahre hindurch (und länger noch) mich des Verlustes
erfreuen, welcher der Appenzeller mir und meinem Wirken brachte.
„Beym ersten Lesen des Artikels kam mir schon vor, als sey er von <Trexler>; allein ich hielt ihn,
„nachdem er in Basel mir die allerschönsten Worte über unser Vorhaben sagte nicht einer
„solchen Niederträchtigkeit fähig.”
Wenn Sie, lieber Schnyder! so von dieser oder jener Person oder Verhältnissen
in Beziehung auf das Wartenseer Unternehmen mit mir sprechen, habe ich man-
nichmal meine stillen Betrachtungen gehabt, welche zu einem ganz anderen Resul-
tate führten als Sie hervorheben; da ich aber weder Personen noch Verhältnisse
kannte, was konnte ich sagen? – dachte aber auch: nun wenn das Ganze Recht, Wahr
und Gut in sich ist, so werden auch diese Verhältnisse, weil sie nun einmal sind,
auch zur Förderung derselben, wenn auch auf entgegengesetztem Wege, wirken u
beytragen; war also längst auf mehr Widriges als schon eingetreten ist, vorbereitet;
vertraute aber dem ewigen Bunde zwischen mir und der Sache, und daß keines
sich selbst und keines das andere verlassen würde. Und so mags ferner bleiben.
„Jetzt aber schreibt man mir von Luzern mit großer Bestimmtheit er sey der Verfasser und seine
„Denkweise ist darinn nicht zu verkennen.”
Mir ist es, so als Person, ganz gleichgültig, von wem der Aufsatz ist. Was ich aber in mir
und abgesehen von der Person darüber weiß, ist viel zu tief, als daß darüber so hier zu
sprechen wäre. Sie lehren mich ja so, über gewisse Dinge, zu gewissen Zeiten, schweigen.
„Dieser Vorfall mag aber doch unserer Anstalt eher nützlich als hinderlich seyn.”
Also das meinen Sie doch, l. Schnyder! aber dann weiß ich auch gar nicht zu was Ihre
Angst und Ihr Wehklagen im Bisherigen Ihres Briefes. Ich weiß es wohl, Sie können
es auch wissen, darum braucht es nicht ausgesprochen zu werden. Ich selbst will mich
jedoch nicht an Ihr „mag aber doch” pp sondern an mein Bewußtseyn halten.
„denn 1) erregt er die Aufmerksamkeit des Publikums mehr, als alles Gute was von uns
„geschrieben wurde”
Also l. Schnyder! warum Ihr angstvolles: Löschen Sie! lassen Sie es hübsch doch noch /
[7R]
ein Wenig brennen das Allarmfeuer. Ich Deutscher werde und würde sagen das Oktober-
Feuer, denn es hat am 1sten Oktober zu brennen begonnen und hat nach Ihrem Briefe
wenigstens so ziemlich den Monat Oktober hindurch gebrannt, also auch über den
18en Oktober hinweg und weiter. Der Monat Oktober ist überhaupt für uns Deutsche
in Kriegs- und Friedenszeiten ein merkwürdiger Monat, bey dem sich gar manches
denken, ja auch empfinden läßt; kommt mir fast vor wie der Wecker an der deutschen
Lebensuhr. Wollen weiter darüber nachdenken. Jetzt aber will ich nur noch erwäh-
nen daß auch ich, bey Erwähnung dieser großen Lebgesetze, noch gar viel und hoch-
wichtiges zu sagen hätte, auch mich in meinem Handeln u.s.w. durch Ihr eigenes
Wort und Überzeugung rechtfertigend, wenn ich überhaupt Rechtfertigung dieser
Art liebte. Leise, leise will ich nur andeuten, daß schon hierdurch herauf däm-
mert, wer auch mich in meinen Gesinnungen, Denken und Handeln rechtfertiget,
in Schutz nimmt und ich darf fragen, mich als Ich, sicher beschützt.
„2) Erhalten wir, als unschuldig Gekränkte, doppelte Theilnahme, wenn Sie die purifizirenden Zeug-
„nisse erhalten haben werden.”
Wenn Sie, l. Schnyder! dises schreiben konnten, wie konnten Sie denn nur das vorher-
gehende noch stehen lassen. Die Gewißheit der Purification, also die Purification
selbst, muß man in sich tragen und sie nicht durch, mit sieben Siegeln besiegelte Zeug-
nisse von Außen fordern. Wenn Sie nun aber jene Purification auch in Beziehung
auf mich und all mein Leben, nicht in sich tragen, oder sich nicht vorher über mich,
gleichsam zum Voraus sicher gestellt und, möchte ich sagen, purificirt haben, so sind
Sie freylich in Ihrem Verbande mit mir, sehr zu bedauern. Die ungeheuren Opposi-
tionen gegen mich und mein Leben waren Ihnen aber schon von Deutschland her be-
kannt, und, daß diese nicht schweigen würden, konnte sich ein so lebens- u. welter-
fahrener und noch dazu so belesener Mann wie Sie, wohl sagen. Also wegen der einst
nöthigen Purification mußten Sie in sich und außer sich, ganz fest und sicher seyn, ehe
Sie in einen Verband mit mir traten. Wer konnte aber auch unter den Gesammtverhält-
nissen wie wir, Sie und ich in Frankfurt einander kennen lernten, anders denken, wie
ich anders voraussetzen. Wenn nun aber jene Purifikation in uns, wie in mir,
längst geschehen ist, so ist ja die erste Hälfte Ihres Satzes auch schon so klar, als unum-
stößlich bewiesen; also nochmals, was sollte dann alles Frühere?–
„3) Ist es Weltordnung, daß am Ende alles Boshafte an einem guten Zweck scheidert [sc.:scheitert].”
Für diese Ihre Überzeugung, habe ich nun alles aufgespart, was sich mir bey No 1 und 2
schon aufdrängte. Sehen Sie, Schnyder! wenn dieser einzige Satz Ihre wahre volle Über-
zeugung ist, was braucht es dann nun noch überhaupt und vollends gar so
viele als Sie schon geschrieben haben und noch schreiben. Das Leben l. Schnyder, das Ver-
ständniß des Lebens, wie das Handeln im Leben ist leicht, ich möchte sagen für ein Kind leicht:
es braucht für den Menschen und besonders für den bewußten Mann nichts als Einen,
sage einen Einzigen festen, wahren Satz (für das Kind {Grundempfindung/Gefühl}) und daß
dieser Satz (diese Empfindung dieß Gefühl) in seiner Wahrheit und Festigkeit ganz mit
unserm Leben eins geworden ist; so führt und trägt uns dieser durch alle Verhältnisse
des Lebens hindurch. Es braucht dieß nicht einmal ein so großer und umfassender /
[8]
zu seyn wie der, welchen Sie eben aussprachen. Aber dieser nun gar. Wollten Sie also
nur diesen Satz, den Sie weil Sie ihn doch aussprechen darum auch gewiß für wahr haltend, recht
vertrauensvoll gewähren lassen; so würde Ihr Gemüthe, Ihr Denken und Handeln
so sicher, ruhig und fest als das der das heißt, als die Weltordnung selbst seyn. Wer kann aber auch ruhiger und fester, nach größeren und sicherern Gesetzen handeln wollen, als diese? -
Unsere ganze Kunst, unsere höchste Lebenskunst besteht ja am Ende nur darinn, daß
wir die Gesetze der Weltordnung erkennen und ihnen nachzuleben uns bemühen.
Wer kann, wer wird auch etwas gegen die Weltordnung wollen; wer das will, geht
ganz gewiß unter, das dünkt mich sehen wir auch täglich. Nur wer in der innigsten
Übereinstimmung mit der Weltordnung (:und wie man dieß sonst noch auf all
den Stufen der geistigen Wahrnehmung für Herz und Geist, Gemüth, Verstand und Ver-
nunft u.s.w. aussprechen will:) – etwas will und thut, der besteht und wird be-
stehen. In Übereinstimmung nun mit der Weltordnung zu erziehen, den Menschen
dahin zu führen, daß er in Übereinstimmung mit der Weltordnung (oder wie jeder sich
und seinem Verständnisse angemessen es immer aussprechen möge) - lebe, das ist der
einzige und ausschließende, alles andere, persönliche und selbstsüchtige Rücksichten,
ausschließende Zweck meiner Erziehungsweise. Erfülle ich, erfüllt meine Erziehungs-
weise diesen hohen Zweck nicht, nun so ist es gut, daß sie je eher, je lieber untergehe,
und daß man also gar kein Wartensee unter meiner Leitung erscheinen lasse.
Wollen also immer noch purificiren lassen, wenn die Weltordnung diese Purification
übertragen hat.
„4) Werden Sie durch einen solchen heftigen Überfall noch behutsamer werden und entdecken, daß
„Sie und unsere Anstalt die leidenschaftlichsten Feinde haben.[“]
L.Schnyder! Wenn Sie meinen, daß ich dieß jetzt erst entdecke, so irren Sie sich auf das
Höchste! Erstlich, daß ich die aller leidenschaftlichsten Feinde habe, die sich nur denken lassen,
weiß ich nicht nur sehr sehr lange schon, sondern habe es auch sehr, sehr lange auf die tiefest
eingreifendste Weise empfunden. WennSie einen Beweis dafür wollen, so dürfen
Sie nur den Herrn Legationsrath von Holzhausen fragen, welcher sich, da er einen gro-
ßen Theil, selbst meiner schriftlichen Verhandlungen über mein Wirken und dessen
Zweck gelesen hat, gewiß erinnern wird, daß ich schon vor einigen Jahren an eine
gewisse Behörde geschrieben habe: es handle sich selbst um eine Lebensverbesserung,
und daß meine Erzieh- und Lehrweise, dieses auf das ernstlichste bezwecke. Ja irre
ich nicht, so hat genannter Herr von Holzhausen, dieß sogar einem Ministerresidenten
bey der Schweizer Eidgenossenschaft ausgesprochen. Wer nun einen solchen Zweck
hat, der kann nur die leidenschaftlichsten Feinde haben. „Behutsamkeit” braucht
mir nicht empfohlen zu werden. Jeder Mensch hat nur seine ganz eigene, wie jedes
Thier seine ganz eigene Waffe hat. Eine gewisse hochverehrte Familie, die mich
so ziemlich genau kennt, wird mir wenigstens keine unüberlegte Voreiligkeit
zuschreiben. Der Beweis liegt auch gleich vor. Ehe ich mir der Gedanke einer Reise
nach der Schweiz und nach Wartensee angeregt wurde, war ich in mir schon auf
all diesen Kampf vorbereitet, weil ich dadurch nun aber wußte, daß wenn ich
einmal mein Ziel erreichen wollte, es nach den Gesetzen der Weltordnung, nur einzig
durch diesen Kampf hindurch gehen müßte, so ging ich mit der größten Ruhe in diesen /
[8R]
mehr als lebensgefährlichen Kampf, ganz hingegeben, ob ich dabey im Kampfe unter-
gehen würde oder nicht, aber fest entschlossen, das Ziel einer ächten Menschenerziehung nicht
aus dem Auge zu lassen.
Jetzt wird jener hochverehrten Familie in Beziehung auf mein Handeln und Leben
in jenen für mich so wichtigen Prüfungsmonaten gar manches sich aufklären; und
besonders auch, warum ich den Herrn Legationsrath von Holzhausen später in scheinbarem
Scherz zu meinem Archivar ernannte, wie ihm früher Briefe mittheilte, in welchen mein
allerinnerstes persönliches Leben, im lebenden Leben selbst, offen vorlag. Allein ohnge-
achtet meiner mir schon eigenthümlichen Behutsamkeit, soll dennoch Ihr freundschaftlicher
Rath noch behutsamer zu seyn, nicht an mir verlohren gehen d.h. damit ich keinem
Menschen, keiner menschlichen Seele, keinen Lebensverhältnissen wie sie auch immer
Namen haben mögen, irgend durch ungegründetes Mißtrauen wehe thun, was mich
ewig schmerzen würde – so will ich alles ruhig der Weltordnung anheim stellen, wie sie stets nur Eines behüten.
„Sie werden ruhiger, besonnener, weniger hastig sprechen, nicht 3-4 mal einen Perioden
„und jedesmal verschieden anfangen.”
Lieber, Herzens Schnyder! wie kann nur ein so ruhiger, besonnener, gar nicht hastig
sprechender, nie einen Perioden 3-4 mal und jedesmal verschieden anfangender
Mann wie Sie, ein so unterrichteter Mann wie Sie, ein Physiker, Physiolog und
Psycholog so reden? – Lieber Schnyder! ich werde stets und in alle Ewigkeit, wenn
man anders dort auch noch spricht, nach meinem innersten Wesen und Charakter,
nur so und nie anders reden können und darum reden wollen, wie es die jedesmaligen
Stufen meiner Bildung u.s.w., u.s.w. mit sich bringen. Die Gründe dazu auszu-
führen, so einfach und nahe zu liegen sie scheinen, würde hier viel zu weitläuftig seyn.
Nur das sage ich: meine Erziehungsweise ist eine entwickelnde und die will ich
zuerst an mir selbst erproben. Nun aber, nach den Forderungen einer solchen muß
ich die Individualitäten anderer und so zunächst die meine achten in welcher Unvollkommenheit, Verziehung u.s.w. u.s.w. <->
sie mir auch vorkommen, ja
die Unvollkommenheiten u.s.w., wenn ich einmal mit diesen Personen und so zunächst mit mir umgehen will, so
lange ertragen, bis ich der ganzen Individualität möglich gemacht habe, sich reiner und
vollkommener zu entwickeln; dieß geht aber ohne dieselbe zu vernichten was ich nicht wollen kann nicht so schnell
als man meint, auch nicht so leicht. Seyn Sie also zunächst wenigstens versichert,
ich wußte klar und bestimmt was ich wollte wenn ich weniger ruhiger, weniger besonnen
wenn ich hastig sprach, sogar wenn ich 3-4 mal einen Perioden und jedesmal verschieden
anfing und glauben Sie mir überdieß, ich hätte auf eine andere Weise nie erreicht, was ich
erreicht habe. Dieß kann und wird Ihnen und vielleicht manchem Andern der es hören
könnte, sonderbar vorkommen, allein es ist doch wahr. Der Beweis wäre aufs
Höchste leicht zu führen, gehört aber nicht hierher. – Achtung aller wahren Individua-
lität, selbst in ihren unvollkommenen Erscheinungen, denn - das kann Ihnen nicht
fremd seyn: eines schließt gar zu oft das andere aus! –
„Sie werden nicht mit Menschen, denen der Sinn dazu abgehet, über Geheimnisse des Lebens
„sprechen, die sie nicht verstehen können, und das Gesagte für Schwärmerey erklären.”
Die Frage vom und über das Maaß des Verstehenkönnens, ist in der Erziehungs- und Lehr-
kunst eine noch lange nicht erörterte. Ich habe darüber, nach meiner noch täglich /
[9]
[Rand: 5er Bogen] fortgehenden Erfahrung, meine ganz eigene Überzeugung und kann mir darum nie zutrauen
zu entscheiden, ob irgend Jemanden der Sinn für die Geheimnisse des Lebens abgehe. Im
Gegentheil meine ich ganz plan und einfach: weil das Leben ein Gemeingut sey,
weil es einem Jeden, auf welcher Stude der Bildung und Entwicklung er auch stehe stets
doch als ein Geheimniß erscheine, wirklich ein Geheimniß sey, so dürfe und könne da-
rum auch schlechterdings keinem einzigen Menschen der Sinn für die Geheimnisse des
Lebens abgehen; ein Jeder muß darum auch auf seine Weise nothwendig von den Geheim-
nissen des Lebens, in welchem hohen oder geringen Grade es auch immer sey, etwas ver-
stehen und durch gegenseitige Mittheilungen immer mehr verstehen lernen. Weil nun
der Mensch für etwas außer sich vielleicht nie das ganz rechte und richtige Maaß hat
und in vielen Fällen nie haben soll, was ich mathematisch beweisen zu können glaube
so muß man denn einen Jedem, von und zu einem Jeden über die Geheimnisse des Lebens
sprechen lassen, wie es die Weltordnung fordert: der Rabe krächzt sie, die Nachtigall
seufzt, die Drossel flötet und der Donner rollt sie; die Lilie duftet, die Brennessel brennt
und der Dorn sticht sie. Wir würden wenig von Weltgesetzen und Weltordnung wissen
wenn es um Nachtigallen oder nur Drosseln oder nur Lilien gäbe. Die Weltordnung
liebt die Geheimnißkrämerey, g[an]z besonders in Beziehung auf alles was Leben heißt,
ganz und gar nicht, denn die allerhöchsten Geheimnisse des Lebens legt die Offene Na-
tur offen vor uns alle hin. Also deßhalb wohl und weil wie gesagt das Leben ein
Gemeingut, weil es allen ein Geheimniß ist, sehen Sie l. Schnyder, so soll auch allen
Menschen, jedem auf jeder Lebensstufe nach seiner Weise, die Lebensgesetze klar
werden, dahin und dafür zu wirken, erkenne ich mit allen Wesen meinen einzigen
aber auch den mich ganz befriedigenden, beseeligenden u.s.w. Beruf. Ja ich bin ganz
fest in mir überzeugt, würden die Menschen mehr über die Lebensgeheimnisse oder
eigentlich richtiger und bestimmter gesprochen, über die Lebensgesetze mehr und offener
belehrt, so würde bey weitem weniger Selbst- und Eigensucht, Zank und Zwietracht, Lug
und Trug, Mord und Krieg u..s.w., u.s.w. unter den Menschen seyn, vielmehr Freude
Friede und Freyheit unter ihnen wohnen.
Eines muß ich doch als Anhängsel noch erwähnen, hätte eigentlich gleich oben hin
gehört, oft haben mich Menschen verstanden, denen ich keine Ahnung davon zu getraut
habe, und oft haben mich Menschen nicht verstanden und verstehen mich noch bis
jetzt nicht, obgleich mein Ich und mein Leben in mehr als hundert Formen und wie
mich dünkt (fast) für alle Stufen der menschlichen Fassungskraft vor ihnen liegt;
wie bleibt mir nun nach diesem allen anders zu handeln übrig als ich handle? – –
„und das Gesagte für Schwärmerey erklären.”
Ist denn um dieses ein Schade? – Lesen Sie doch zunächst zum wenigsten alle
unsere deutschen Denker über die Geschichte und das Wesen, die Bedingungen und die
Erscheinungen der Fortbildung des Menschengeschlechtes; soll denn die Wahrheit
nur ewig in den Büchern stehen und nie herab ins Leben steigen und in demsel-
ben lebend und wirkend erscheinen? –
Übrigens zeigt auch oft das Leben die Wiederkehr der Fabel, daß mancher gern
ein Gut oder eine Sache schimpft und beschimpft, welches er gern selbst besäße. /
[9R]
„Ich hoffe, Sie werden nicht versäumt haben, von Keilhau die bewußten Quit[t]ungen von Herzog kommen zu
„lassen, welches um so nöthiger ist, da Herzog gewiß auf jeden Fall der Anleger der Mine ist. Sollten
„Sie aber wirklich noch nicht diese Empfangscheine in Händen haben, so fordere ich Sie auf, sogleich darüber
„nach Hause zu schreiben und ich bitte mich dann davon zu benachrichtigen.”
Sie nöthigen mich Herr Schnyder! hier als Vorsteher der Erziehungsanstalt in Keilhau zu
reden: das Ökonomische von Keilhau hat mit der Erziehungsanstalt in Wartensee
ganz und gar nichts zu schaffen. Wenn ich früher hierinn meinem persönlichen Gefühle
folgen wollte, so hat die Erlaubniß ja die Möglichkeit dazu seit dem Artikel in der
Appenzeller Zeitung und ganz besonders auch nach diesem Ihren vor mir liegenden Brief
gänzlich aufgehört. Ich muß nun als Vorsteher der Erziehungsanstalt von Keillhau,
welche wie Sie schon wissen, und ich schon ganz bestimmt aussprach, ein gemeinsames
Unternehmen ist, bey welchem alle Glieder eine Stimme haben, reden: wer ein Recht
hat sich mit ökonomischen Verhältnissen Keilhaus, so wohl im Ganzen, als in Bezieh-
ung auf einzelne Personen zu unterrichten, kann sein Recht dort suchen und gel-
tend machen. Es wird ihm, das weiß ich, Niemand das leiseste Hinderniß in den
Weg legen, damit demselben Genüge geschehe. Eine andere Nachricht können Sie l.
Schneyder! über diesen Punkt nun nicht mehr von mir erwarten. Nochmals aber gesagt
mir ist es ganz gleichgültig wer die Mine angelegt und wer sie abgebrannt
hat, wer Feuer! Feuer! und wer löscht! löscht! ruft.
„Anzeigen unserer Anstalt habe ich nach Hol- und England geschickt, und ich habe Gele-
„genheit einen Auszug davon in Holländische Zeitungen einrücken zu lassen, welches
„nützlich seyn kann, da die Holländer gern ihre Kinder in die Schweiz schicken sollen.”
Ist gut, l. Schneyder! Sie sind ein Mann, Sie werden ja wohl wissen was Sie thun
und gethan haben und für Ihre Handlungen als Mann einstehen. –
„den Tag darauf.”
„Gestern Nachmittage besuchte ich die Öde, brachte Ihre Grüße von Ihnen und erhielt wieder
„die freundlichsten für Sie.”
Ich gebe hier meinen aufrichtig hochachtungsvollsten Mannesgruß zurück.
„Ich zeigte diesen freundlich gesinnten den Artikel und alle, besonders aber der Legationsrath
„fanden, daß Sie durchaus bald die oben angegebenen Schritte thun müssen und gewiß gern thun
„werden.”
In einer Sache wie die vorliegende d.h. in einer Sache, welche den wichtigen Gegenstand
Menschenerziehung betrifft, da ist gar nicht davon die Rede, kann gar nicht da-
von die Rede seyn, was man gern thun werde; sondern nur von dem was das
innerste Wesen der Sache fordert, nur von dem, was man unerläßlich thun
muß. Denn wenn es auf mein Gern-thun angekommen wäre, so wäre ich
nie nach der Schweiz gekommen und wäre nie von einer Wartenseer Erziehungs-
anstalt die Rede gewesen. Aber eine ganz andere als menschliche und persönliche,
zeitliche und vergängliche Forderung forderte und diese wird denn auch schon wissen
was und warum sie forderte und ihre Forderung irgend einmal, aber das weiß ich,
gewiß zur rechten Zeit rechtfertigen. Jetzt mögen mir also alle jene innig, und
wahrhaft von mir Hochverehrten verzeihen, daß ich zunächst noch thue, was ich nicht
gern thue. Bitte sie aber alle, besonders meinen theuren Seelenfreund den Herrn /
[10]
Legationsrath, mein Leben und Wirken und all mein Thun immer mit seinem ruhigen
erfahrenen, klaren und scheidenden Weltauge zu begleiten, damit, wenn nicht Weltschritte
durchaus nöthig sind, ich mir denn seinen leitenden Rath erbitten darf; und es wird
der größte meiner Lebenstriumphe dann seyn, wenn öffentlich kund wird: der
Zögling ist mehr als sein Erzieher, der Erzieher vernichtete nicht die Individualität
seines Zöglings, sondern fügte sich ihr sogar als Mann.
„Nun zur Beantwortung Ihres ersten Briefes.”
Und ich zur weitern Beantwortung Ihres letztern.
„Mit großer Ungeduld habe ich auf des Anlangen des näheren Plans gewartet. Ich las ihn
„nur flüchtig durch und brachte ihn gleich der Familie, die ihn seit ein paar Wochen erwartete.
„Mit der Preisbestimmung bin ich ganz einverstanden, denn ich fand ja früher stets die Preise
„zu niedrig, und was Ihre Frau Ihnen darüber schrieb, sind Goldworte. Indessen bitte ich, doch
„ein Wenig mit dem Druck der Anzeige zu warten, weil ich sie doch noch reiflich überdenken
„will, wenn ich sie wieder bekomme.“
Auch ich eile ganz und gar nicht mit dem Abdrucke; wollen und ganz besonders aber ich
will alles erst sich klären und eine feste Gestalt gewinnen lassen, wozu auch dieser
Brief erst noch das Seine beytragen wird und soll, und dann ruhig, besonnen und kalt entscheiden.
„die Familie hat sie noch und wird mir denn ihren Entschluß mittheilen.“
Theilen Sie nur aber auch der Familie, damit wir sie ja nicht teuschen auch hübsch dasjeni-
ge mit, was die Appenzeller Zeitung über mich sagt und zwar originaliter, damit
nicht der hinkende Bothe einst hinderdrein komme.
„Vorige Woche besuchte ich Abends HE. Pf. Kirchner, dem ich unsern ganzen Plan mittheilte und
„der sehr bedauerte, die Sache nicht ein paar Wochen früher gewußt zu haben, indem er wegen
„zwey reichen hiesigen Knaben um Rath gefragt wurde, und, weil er wirklich keine gute
„Anstalt wußte, Schnepfenthal anrieth, wohin nun die Knaben abgegangen sind.”
Es sind ehrenhafte im höchstem Grade berufstreue Männer und Leute die Schnepfenthaler.
Mögen sie Freude an den Knaben erleben. Auch sonst freut es mich für sie, sie haben
auch ihre stille Noth.
„Er sey sehr häufig im Fall, Eltern in dieser Hinsicht rathen zu müssen. Er wolle uns gern
„empfehlen, da alle hiesigen Institute blos Speculationsanstalten seyen.”
Bitte Sie aber doch sehr l. Schnyder! für diesen Fall und so lang wenigstens ich noch in Warten-
see bin, der Herrn Oberpf. Kirchner mit den einigen Worten über mich in der App Ztg be-
kannt zu machen. Ich will gar Niemanden wissentlich, und am allerwenigsten einen
H. Pf. Kirchner teuschen. Da mich nun die Appenz. Ztg, was Jedem so schwer wird, mich selbst
kennen lehrt, so will ich das Ergebniß davon Niemanden, und, behüte Gott! am wenigsten
denen vorenthalten, welche den Gedanken fassen sollten mir ihre Kinder zur Erziehung anzu-
vertrauen.
„Sie sagen unsere Anstalt scheine sich langsam aber sicher zu begründen. Der Umstand, daß wir
„noch keinen Einzigen Zögling haben spricht allerdings sehr für das Erste, wie wohl weniger für
„das Zweyte.“
Erst erlauben Sie mir ein Geschichtchen zu erzählen: Als ich im November 1816 die jetzt in
Keilhau bestehende Erziehungsanstalt begonnen und so fast ein Halbesjahr gearbeitet
hatte ohne daß das Publikum mir einen Zögling anvertraute sandte und ohne daß also auch ein Mit- /
[10R]
arbeiter zu mir hinzu kam. Da sagten nun sehr kluge Menschen: „das soll ein Institut
werden? man sieht ja nichts, es kommt ja Niemand.” Sehen Sie l. Schnyder und
der Appenzeller muß selbst sagen, ohngeachtet die Anstalt zuerst nur auf 25
berechnet war, daß sie später 60 Zöglinge zählte, ja daß die Anstalt nach den
gewaltigsten Lebensstürmen nach 15 Jahren noch und zwar mit fast der ursprüng-
lich bestimmten Anzahl von Zöglingen besteht. Es scheint fast ich hätte etwas Eulen-
Augen; nun, ich will darüber nicht bös seyn, ist doch die Eule der Minerva, der Pallas
Vogel. Wenn mich nur die App. Ztg nicht etwas zu sehr ans Tageslicht ziehet, daß ich
nun erblinde. Doch auch hieher noch ein Geschichtchen weil ich eben beym Erzählen bin.
Es war so ohngefähr gegen das Ende des ersten Jahres, ich hatte schon einen Zögling vom Publi-
kum und auch einen Mitarbeiter, da fiel mir denn ein Jemandem aus Gutmüthigkeit,
wie mich diese so mannichmal anwandelt, einen Besuch zu machen und ihm meine Achtung
zu bezeigen. Es dünkte ihn aus guten Gründen wenn von Erziehung die Rede sey auch
sein gewichtiges Wort mitsprechen zu müssen. Ich war nach meiner Meinung ruhig,
war in meinen grauen Mantel gehüllt und mag aber wohl etwas hastig pp pp pp
besonders von Hoffnung gesprochen haben; genug der erfahrene Mann machte sich nach dieser Zeit oft und viel über mich lustig.
Nach einigen Jahren wurde dieser Mann wieder in mein Thälchen geführt, eben als ich
mit meinem Heerhäuflein aus der Mutterkirche heimzog; er sahe alle verwundert
vor sich vorüber ziehen, endlich als auch ich ihn traf, ich war der letzte, konnte er sich nicht ent-
halten zu mir zu sagen: Nein! man sollte doch nicht glauben was einem Menschen möglich
wäre; in Gedanken nach er aber wohl noch hinzugefügt haben, und besonders so einen
wie ich sey.
Doch nach diesen erholenden Abschweif und stärkenden Blick in die Vergangenheit,
zurück zu Ihren Satz.
Was ich nun aber l. Schnyder! aus diesen Satz selbst machen soll, weiß ich wirklich
nicht; denn zum Scherz ist er zu ernst und zum Ernst ist er zu unedel mindestens zu zwey-
deutig. Sehen Sie! ich will Ihnen nun die Wahrheit meiner Aussage, die Unzweydeutig-
keit und den tiefen Ernst derselben zunächst wenigstens, ob ich es gleich auch noch auf
gar manche andere Weise könnte aber dadurch beweisen, daß wir noch keinen Einzigen
Zögling haben
Sie erinnern sich doch Schnyder! in unserer eigenhändig untersiegelten, wie eigenhän-
dig unterschriebenen, vorläufigen gegenseitigen Übereinkunft und Punktation
den 12en und letzten §. welchen ich im Allgemeinen gleich Eingangs dieses Briefes
erwähnte und welcher wörtlich also heißt:
„Sollte sich jedoch zu der beabsichtigten und schon bereits öffentlich angezeig-
„ten Anstalt kein Zögling finden, so ist dadurch diese Übereinkunft und
„vorläufige Punktation für die betreffenden Theile derselben ohne alle
„bindende und weitere Kraft, und keiner der beyden Theile und Herren hat
„an den andern, wegen deshalb gehabten Mühen, Auslagen oder wie es sonst
„genannt werden könnte, eine weitere Ersatz- und Vergütigungsrechnung zu
„machen.“
Sehen Sie nun, Schnyder! wie gut es ist daß wir noch keinen Einzigen Zögling haben! Sehen
Sie Schnyder! wie dadurch nun schon die vorläufige Punktation gegenseitig ohne alle bindende /
[11]
und weitere Kraft ist. Sehen Sie nun, Schnyder! wie die Vorsehung oder die Weltordnung kei-
nen Schritt vorwärts thut, welchen sie wieder rückwärts zu thun genöthigt wäre und
dieß heißt doch wohl nach allgemeinem Sprachgehbrauch wie nach klarem Wortverstande
eine Sache, wenn auch langsam, doch sicher zu begründen? – – Oder meinen Sie, nicht? –
Ich will hier übrigens von dem Sehen meines geistigen Auges nicht weiter Gebrauch
machen, denn Sie selbst haben mir ja oben den beschränkenden Gebrauch desselben em-
pfohlen und Ihr Satz könnte fast den Schein geben, daß Sie recht hätten; also will
ich mich zunächst mit dieser Andeutung genügen.
„In Beziehung auf Ihre Anfrage wegen der Schule, bin ich ganz mit Ihnen einverstanden und
„stimme auch dafür, nur wünsche ich, daß Sie mir, ehe Sie darinn einen entscheidenden Schritt thun,
„den Plan und alle Einrichtungen in und außer dem Hause kurz aber vollständig mittheilen mögen,
„damit ich meine allfälligen Bemerkungen darüber Ihnen zu kommen lassen kann, welches von
„meiner Seite ohne Verzögerung geschehen wird.“
Nun so hören Sie denn so kurz und so vollständig als mir beydes möglich.
Unter den Um- und Anwohnern von Wartensee, wünschen außer dem Bauer von
Wartensee noch zunächst die Gastwirthe zu Eggerswyl und im Seehüsly und dann
einige Familien in Sempach – (von welchem Orte überhaupt die Sage geht, daß sich daselbst
viele für Theilnahme für die Wartenseer Schule ausspreche; ob aber etwas an der Sache ist,
dafür stehe ich nicht ein) – ja, wie Joseph Meyer sagt, selbst welche aus Eich, daß ihren,
zum Theil schon sehr herangewachsenen, zum Theil noch jüngeren Kindern Stundenun-
terricht von hier aus gegeben oder wie es hier allgemein heißt, Schule gehalten werden
möge. Wie denn hierherum überhaupt nur von der Wartenseeer Schule gesprochen wird.
Ganz allgemein wiederholen alle diese das, was Ihnen auch schon in Luzern ausgespro-
chen wurde, daß Mädchen und Töchter in diese Schule aufgenommen werden mögten,
daran Antheil nehmen könnten. Weil sie sagen, die französische Sprache sey ihnen
allen nöthig und doch schickten sie ihre Töchter wegen der Gefährtung ihrer Sittlichkeit
höchst ungern nach Welschland. Diese Wendung der Forderung liegt nun so ganz außer
dem Plane welchen ich für die Wartenseeer Erziehungansanstalt machte, daß ich mich Anfangs
sehr bestimmt gegen das Eingehen in diesen Wunsch und die Erfüllung desselben erklärte; da
fing denn auch gar bald die Theilnahme an der hiesigen Unternehmung in der Umgegend
zu stocken an, denn man schien unangenehm zu fühlen, daß es doch nicht, was sie gehofft,
einem von ihnen doch so tief empfunden werdenden Bedürfnisse entgegen käme. Auch scheint
hier fast unter Männern der Wunsch herum und herauf zu dämmern: die Frauenwelt
im hiesigen Lande möchte mehr gebildet seyn, mehr gebildet werden. Ob ich aber hier-
inn recht habe, will ich keinesweges verbürgen, da dieser Gegenstand ganz außer
dem Kreise meiner Beachtungen lag. Genug, so wie ich aber nur leise auf die Befriedig-
ung des genannten Wunsches und Bedürfnisses einzugehen schien, so war auch sogleich
wieder bis weit hin das. Allgemeine Interesse warm und rege.
Es ist nun aber meine ganz felsenfeste und unerschütterliche Überzeugung, daß
jedes Wirken zum Wohle der Menschen, soll es ein bleibendes und seegensreiches
werden, sich eng und innig an das innerste Geistes- und Gemüthsbedürfniß, im
gewöhnlichen Ausdruck an das Lebensbedürfniß anschließen müsse, sonst bleibt
alles ein angeleimtes Wesen und hölzern und todt. Um also das Werk bleibend fest /
[11R]
zu begründen, wird schwerlich etwas davon befreyen in das so rege allgemeine Bedürfniß,
ihm begegnend, einzugehen.
Der Unterricht welchen man, selbst für die erwachsenen Töchter wünscht, so sprach sich
zunächst der Gastwirth von Eggersweyl gleichsam im Namen aller aus, – ist: außer Lesen
Schreiben, Rechnen, deutsche Sprache und schriftliche Darstellungen Aufsätze, auch etwas Erdkunde,
schweizer Geschichte, Zeichnen, letzteren vor allen aber französisch. Wie es scheint könnten
es im Ganzen vorläufig gegen 12 seyn, aber ungleichen Alters, die daran Antheil neh-
men aber ungleichen Alters, doch mehr älter, als jünger. Unterricht würde wohl 3
Stunden am Vormittag u. 2 Stunden am Nachmittag ertheilt werden müssen und zwischen
beyden so viel Zeit, als zum nach Haus gehen und Wiederkommen der Kinder nöthig seyn
mögte, also in Rücksicht auf Sempach wohl 2 Stunden. Da nun aber doch auch wohl
ganz junge Kinder wie z. B. die von Joseph Meyer daran Antheil nehmen würden
[Der folgende Abschnitt *-* nach der Abschrift, da im Entwurf schwer lesbar]
[*] so ist der HE. Decan und Pfarrer Siegrist zu Wohlhusen, welcher vor Kurzem hier war, in mei-
nen ihm schon vorher schriftlich und mündlich mitgetheilten Vorschlag eingegangen und hat bestimmt als
seinen eigenen Wunsch aus eigener Überzeugung den Gedanken ausgesprochen, daß zunächst wenigstens
ein junger sittlich und geistig tüchtiger, hoffnungsvoller, sich der Elementarschulsache widmender
junger Mann hieher kommen möge, damit er lernend und lehrend sich hier ausbilde. Da nun
der Herr Decan für die ernstliche Ausführung dieses Gedanken selbst thätig und wirksam seyn und
sich bemühen will, einen solchen jungen Mann aufzufinden, so käme, wenn der Gedanke sich
verwirklichen sollte, dadurch bald für den ersten Elementarunterricht der Schule ein Hülfs-
lehrer. Wenn sich später nach und nach die eigentliche Erziehungsanstalt ausbildete, so könnte
diese Schule immer noch nebenbey, als sehr mannichfaches Gute leistend und gleichsam als unsichtbare
Grundlage derselben fortbestehen. Der Anstalt fehlte es dann nur an Bildungsstoffe und mir
an Ergebnissen ihrer Erziehungs- und Lehrkunst. – Diese sogenannte Schule könnte sich nach und nach
als eine Übungs- und Vorbereitungsschule für solche ausbilden, die sich dem Landschullehrerberufe
widmen wollen und so weiter. Ein solcher junger Mensch zahlte der Anstalt blos den Unterhalt.
Der Unterricht könnte zunächst in der bisherigen Eßstube ertheilt werden, oder machten es sonst noch die Umstände nöthig,
so könnte noch die kleine Stube, der Küche gegenüber genommen werden.
Ich füge nur noch hinzu, daß, ohne daß das Wirken der hiesigen Anstalt in der allgemeinen Stimme des Publikums be-
gründet wird, wegen des, wenn auch nur geheimen, doch gewiß ernstlichen und gewaltigen Partheykampfes, gar nicht
an ein Bestehen desselben zu denken ist. Aus Gründen, die in der Natur der Sache selbst liegen, wird uns jede Parthey,
als der Parthey der Gegner zu- und beygesellt betrachten und so nothwendig die Unternehmung von allen Seiten niederge-
kämpft werden. Es muß also bey dieser Schule und der späteren Übungsschule nur auf das politische Bestehen
der eigentlichen Erziehungsanstalt gesehen werden, keinesweges auf das ökonomische; denn der jährliche Betrag
für jeden Schüler würde immer im Ganzen nur unbedeutend seyn. Das ökonomische Bestehen muß durch
die Zöglinge gesichert seyn, aber der stetige Eintritt von Zöglingen muß durch bleibend und stets
aufweisbare tüchtige Schüler
gesichert werden und fest stehen u.s.w.[*]
Ehe Sie aber daran denken über das vorstehende Ihre Bemerkungen mitzutheilen
lesen Sie jedoch erst den Brief zu Ende und erwägen Sie vorher den nun ganz neuen Stand
des Verhältnisses:
„Warum die Zürcher Zeitungen über uns schweigen, da sie doch so belebt auf das was ich sagte eingingen
„kann ich nicht verstehen und werde sogleich darüber nach Zürich schreiben. Gewiß liegt auch
„da ein Geschwätz zum Grunde.“
Daß die Zürcher Zeitungen schweigen würden habe ich in dem Briefe gelesen in welchem
Sie schrieben, daß sie sprechen, reden würden. Wie gehört nicht hierher. Aber doch
wie, die Zürcherzeitungen wenigstens eine, ob ich gleich nicht erfahren kann, welche? –
hat ja geredet, sie hat nemlich und zwar – was merkwürdig ist, fast ganz gleich-
zeitig den Artikel, aus der Appen. Ztg, gegen mich, wie sie sagt aufgenommen.
„Dem Kosell [Abschrift: Kosel] ist das große Unglück geschehen, daß seine Frau in folge einer, jedoch guten Nie-
„derkunft, vor ein paar Wochen wahnsinnig geworden ist. Sie kam in ein Irrenhaus und die taub- /
[12]
„stummen Kinder sind auseinander.”
Kosell [sc.: Kosel] ist ein Mann welcher in jeder Hinsicht die größte und beste Unterstützung verdient;
wer ihm auch nur das Kleinste seyn und reichen kann, <hindere> [in Abschrift „säume“] nicht, denn es kann
kein Mensch wissen was dem andern groß ist.
„Alle Ihre hiesigen Freunde schicken Ihnen Grüße.”
Sie sollen herzlich bedankt seyn. Schicke ihnen allen wieder welche und sage denselben,
sie sollen meinetwegen ganz ohne Sorgen seyn; und da ich hoffte, daß sie meine
ächten männlichen Freunde wären, so könnten auch sie hoffen und erwarten, daß
ich wie ein ächter männlicher Freund immer handeln würde.
„Schreiben Sie mir doch öfter und ausführlich wie Sie in Wartensee leben.”
Ich habe gleich l. Schnyder Ihren Freundes Wunsch erfüllt, Sie können hier mein Leben
seit vielen Wochen und Monaten recht ausführlich sehen, und so wenn Sie Lust haben
darinn zugleich weiter vor u weiter rückwärts.
„Sie können leicht ermessen, daß ich im Geiste nur bey Ihnen lebe und mir jedes Wort ein
„Wünschhütlein ist, was mich nach Wartensee zaubert.”
„- der Wunsch ist in des Mannes Gewalt...”
„Haben Sie noch Herrlichkeiten gesehen?“ -
Ja, alle die kostbaren Herbstherrlichkeiten dieses herrlichen seltenen Herbstes, wel-
che sich von meinem Schreibtische – dem schwarzsteinernen Eßtische aus vor mir
über den See, und zur rechten hin gegen den Wald und über die Muttergottes-
kapelle weg, so eben sehen ließen.
„Was ich Ihnen von hier aus zu sagen weiß, kann Sie nicht so interessiren, wie Ihre Briefe mich.”
Mein l. Schnyder! ich habe in diesen Tagen einige Kleinigkeiten von Frankfurt gehört die für
mich bleibend das größte Interesse behalten werden. Man glaubt gar nicht, wie klein
die Sachen seyn können, welche im Leben Großes, und wie vergänglich die, welche Unver-
gängliches bewirken.
„Ich hoffe also auf mehr und ausführlichere Nachrichten als bisher.”
L. Schnyder! da haben wir es gleich: die Feder ist ein so kleines und todtes Ding, kommt doch
obendrein von einem Thier von dem man doch meint, es würde sich doch leiten und
führen lassen; aber, nicht einmal eine Feder schreibt wenn man will; gäb oft viel,
ach, gar viel drum, wenn sie`s thäte, aber da liegt sie wie Bley; ein andermal
meint sie, ich müßte durch die Lüfte mit ihr, durch die klaren, wie eine Schneegans
nach den warmen, ewig grünen, ewig klaren Quellen fliegen, die kein Schnee und kein
Eis, die kein Winter je decken kann. Ich merk’ es wohl, s’ist nun einmal die Zeit der Freyheit
was will man da machen. – Habe übrigens aus eben diesem Briefe in welchem
Sie vorstehendes schreiben vernommen, daß ich Ihnen früher mit zwey Worten, schon zu ausführlich
geschrieben habe.
„Und Sie sind ja ein so schreibgewandter Mensch.”
Ja, lieber Schnyder! Sie haben besonders seit meinem Aufenthalte in Wartensee
recht, da hat mich denn gar manches Schreiben bald rechts, bald links gewandt,
um zu sehen und herauszufinden, ob ich denn nur auch wirklich ein Mensch sey;
mir zum Heile aber bis jetzt noch keines Kopfüber.
„Grüßen Sie Fräulein Salesie, an die mein erster Brief nach Luzern gerichtet seyn wird.”
Fräulein Salesie ist noch hier in Wartensee, wird vielleicht noch 8-14 Tage hier bleiben, /
[12R]
sie hat Ihren Brief bekommen und wird Ihnen demnächstens antworten.
„Grüßen Sie alle meine l. Verwandte in Luzern.”
Bisher schickte ich alle Ihre Briefe wie ich solche empfangen hatte in das so schätzbare
Haus HE. Prof. Schwytzer, würde es auch ohne Zweifel mit dem jüngst von Ihnen em-
pfangenen gethan haben, wenn derselbe nicht seit 14 Tagen und besonders in der letzten Zeit
immer sehr bedenklich krank darnieder gelegen hätte; jetzt geht es aber nach gestrigen
Doppelnachrichten bedeutend besser.
„Und seyn Sie gegen die Appenzeller Zeitung nicht saumselig. Ich erwarte bestimmt, daß Sie bis
„in 6 Wochen alle nöthigen Zeugnisse haben werden.”
„Ihr”
„X. Schnyder von Wartensee.”
Also nur erstlich nochmals und zum letztenmale: wenn dem ächten Manne über-
haupt eine nun einmal mit Überlegung und Bewußtseyn geschehene Sache leid
thun könnte, so würde und möchte ich sagen, es thut mir fast leid, daß ich gegen die
Appenzeller Ztg nicht noch saumseliger gewesen bin. Wohl ganz gewiß wäre es
geschehen, hätte ich Ihren Brief früher bekommen; weil es durch und nach demselben
fast den Anschein gewinnen will und soll, als sey ich um äußerlicher, persönlicher,
vergänglicher Verhältnisse willen ins Feld und auf den Kampfplatz getreten.
Nein, behüte! Und die Wahrheit, welche ja die Menschen erst selbst frey macht, nun
die wird wahrlich nicht erst der Menschen bedürfen, um sich frey zu machen.
Erwarten Sie also zweytens l. Schneyder! weder in 6 Wochen, noch in 6 Mona-
ten, noch in 6 Jahren u.s.w. etwas weiter in und über die vorliegende Sache
von mir. Die Sache ist der Öffentlichkeit verfallen, so soll sie auch der Öffentlichkeit
von nun an angehörig bleiben und, wenn es nöthig, öffentlich verhandelt werden,
welches ich mit freyem Willen bestimmen und festhalten kann, da nur ich persönlich
angegriffen worden bin, wie Sie ja selbst auf das bestimmteste aussprechen.
Überhaupt ist es schon seit langer Zeit meine so klare als feste Überzeugung, daß
alle Verhandlungen über sogenannte PrivatErziehung und PrivatErziehungsan-
stalten der Öffentlichkeit angehören, denn das letzte Ziel, die letzte Bestimmung und der
letzte Zweck aller Erziehung ist jetzt – für die Öffentlichkeit zu erziehen.
Drittens. Nun das Ergebniß des Ganzen, und hier zuerst wieder mein eigentliches
Bekenntniß über den Aufsatz in der AppenzellerZtg; oder, da dieß schon aus
all dem vorigen hervorgeht, die Quintessenz, den letzten Erziehungspunkt dessel-
ben. – Es wird Ihnen erinnerlich seyn, wie meine Anzeige der Wartenseeer
Erziehungsanstalt beginnt und wie der Aufsatz in der App.Ztg, welcher sie
und mich, sie durch mich in den Koth zu treten sich bemühet, beginnt. Nun, die
Absicht dieses Aufsatzes, die Gesinnungen mit denen er geschrieben wurde, das habe ich
schon gesagt, geht alles mich nicht an. Aber so viel geht daraus und aus allem un-
zweydeutig hervor, ist dadurch gewiß: die ewig wandellose, ewig feste Über-
zeugung, daß das Leben und somit die Schicksale des Menschen in der Hand der
Vorsehung ruhen. Das ist die Mitte meines Lebens der Ausgangs- und Rück-
beziehungspunkt all meines Ahnens, Glaubens, Wissens und Schauens, alles
Handelns, Thuns und Wirkens; oder mit andern Worten der Glaube an Gott /
[13]
[Rand: 7er Bogen] in der Geschichte, der Natur und dem Leben und an das Wahrnehmen, Finden desselben in allen die-
sen und im eignen Gemüthe, im eignen Geiste. – Ja, der Verfasser der e.W. in der
App. Ztg. giebt mir, indem er darüber lustig zu machen sich erkühnt, und ich möchte
fast sagen, indem er so verwegen ist es in den Staub zu treten, einen recht deutlichen
Beweis dafür; einen Beweis, wie es nur einen äußerlichen und Thatbeweis dafür
geben kann. Hören Sie, l. Schneyder!
In der Zeit als in Frankfurt der Gedanke mit Ihnen, Schnyder! in der Schweiz und
in Wartensee eine Erziehungsanstalt zu gründen einige Selbstständigkeit zu
gewinnen anfing, wurde natürlich da und dort von Bekannten und weniger Be-
kannten davon gesprochen; da wurde mir denn auch einmal in dem tiefsten Ernst
gesagt: - „glauben Sie oder Du, oder Du oder Sie (was hier gleich ist) daß Schnyder
Dich oder Sie versteht? – ich glaube es nicht, ich bezweifle es.” Nun können die mich
ziemlich genau kennenden Glieder der verehrlichen, freundlich gesinnten Familie Ihnen
sagen, daß schon kein Wort, nicht einmal eines Kindes, unbeachtet in mein Ohr fällt;
wie viel weniger also eine mit solcher Wichtigkeit ausgesprochene Rede; doch
was konnte ich anders thun als schweigen; denn in eine, in der ersten Entwicklung
begriffene Sache willkührlich eingreifen, halte ich für die allergrößte der mensch-
lichen Verirrungen. Später wurde ich mehrmals in Frankfurt auf das gewagte,
ja gefährliche meiner Schweizerreise und namentlich der Gemeinsamkeit unse-
rer Unternehmung auf das eindringlichste aufmerksam gemacht. Auf der Reise
selbst wurde ich noch darauf aufmerksam gemacht. So ruhig ich nun alles dieß be-
achtete, so ruhig ließ ich auch die ganze Entwicklung fortgehen, mich meiner
Gesinnungen, meines Zweckes und meiner Mittel klar bewußt; mir klar
bewußt, daß, da alles dieß in meinen Handeln und in meinen Werken so
klar und unzweydeutig ausgeprägt sey, daß da ein Nicht- und Mißverstehen
ganz unmöglich, mich sonst aber nach dieser meiner Lebensansicht und Überzeug-
ung einer höheren Fügung fügend, nicht zweiflend, nicht grübelnd und nicht
versuchend.
Da kommt nun ein Unbekannter noch dazu Vermummter aus einem mir
selbst unbekannten Winkel der Schweiz und wirft den Stein: – „schwarz
oder weiß?” – „Tag oder Nacht?” – Sie kennen gewiß dieß Kinderspiel
l. Schnyder! und nun wird wirklich dieser Stein zu einem Stein des Anstoßes,
zu einem Prüfstein und fast scheint es für mich, zu einem, das Verborgene
kund thuenden, talismannischen Steine der Weisen. Nun kann es nicht länger
verborgen und zweydeutig bleiben, wie wir beyde denn wirklich zu einander
stehen. Ob ich Ihnen nun gleich vom ersten Augenblick unseres sich Zusammenfindens
Ihnen meinem Charakter, meine Gesinnungen und Überzeugungen, ja mein Leben
so klar hingegeben habe, daß es mich dünkt, es wäre ganz leicht mit Händen zu greifen;
so habe ich dennoch, damit man mich ja nicht eines hinterm Berge Haltens beschuldige,
alles dieß in der jetzigen Beantwortung Ihres jüngsten vorliegenden Briefes
so bestimmt und mich dünkt, einfach ausgesprochen, als ich glaube daß es nur einem
Menschen, wenigstens mir, möglich ist. Von diesem was ich sagte, weiche ich nun aber auch
nicht den kleinsten denkbaren Theil einer Haarbreite ab. Ich gebe recht gern /
[13R]
zu, daß mit einem Mann solcher Denk- und Handlungsweise nun zu leben, oder
gar gemeinsam zu wirken, nicht nur keine kleine und geringe Sache, sondern viel-
mehr eine sehr schwere Lebensaufgabe ist; ich fordere es darum auch von keiner Seele,
selbst von keinem Manne, denn alles was dem Menschen nur immer im Leben
werth, lieb und theuer ist, steht immer im Leben dabey auf dem Spiel, darum
prüfe sich denn auch Jeder ehe er einen solchen Schritt thut; darum mache ich auch
nie einen längeren Bund als sich ein Anderer, der Andere gebunden fühlen, gebunden
wissen und erkennen will; oder ich mache vielmehr gar keinen Bund, ich liebe kein Band;
– Es giebt nur einen Bund, den Bund der guten Menschen, es ist der ächte Menschenbund,
dieser aber schließt sich ohne allen Bund und somit ohne Ketten, ohne Fesseln und ohne Band,
er schließt vielmehr Bund und Band gänzlich aus. Für diesen trete ich auf den Plan,
für diesen in den Kampf. Er, nur er ist der Menschen, wie der Menschheit Heil;
von ihm kommt Friede, Freude, Freyheit und Seegen dem Einzelnen wie dem Ganzen.
Deßhalb sind aber auch meine Mitarbeiter freye Männer, wie ich ein freyer Mann bin.
Ich binde keinen, wie mich keiner bindet. Jeder stehet auf sich und für sich. Aber damit
ist auch schon Gefahr genug verknüpft, denn die Folgen der leisesten gemeinsamen
That wirken lang fort und unter denen, die der Geist bindet, kann kaum einer ganz
abgeschieden und in größter Form die kleinste That thun, ja nur Gefühle und Gedanken
hegen und nähren, die nicht auch auf den andern einwirken, in dessen Leben eingreifen.
Darum wer es wagt geleitet vom Geiste, wer es wagt an der Hand der Vor-
sehung, geführt von Gott in der Geschichte, der Natur und im Leben, zu wandeln,
der prüfe sich. Ich muß diesen Weg gehen, ich kann nicht anders; ich will diesen Weg
gehen, ich gehe ihn gern. Wer nun sogar diesen Weg gemeinsam gehen will,
der prüfe sich noch bey weitem mehr. Diese Gesinnungen sind nun aber nicht etwa
nur eines mit meinem Leben und Denken, nein, sie sind mein ganz eigenstes Denken
und Leben selbst. Darum nun, lieber Schnyder! können auch Sie ganz ruhig und
einfach sagen: entweder schwarz, oder weiß; entweder Tag oder Nacht! mir
ist ganz all eins; allein grau und Dämmerung giebt es nun nicht mehr, giebt
es wenigstens für mich nicht mehr.
Sehen Sie nun hier wieder, Schnyder! wie so gut es ist, daß wir jetzt auch noch
nicht einen Einzigen Zögling haben. Was wäre das eine unsägliche, kaum uns
auszudenken[de] häßliche Sache, wenn wir jetzt auch nur einen Einzigen Zögling
hätten. Ja welch einer Verlegenheit müßten Sie, müßte ich, müßten die armen
Eltern u.s.w., u.s.w. seyn. Wie schwankend hätte so wohl unsere als meine
Unternehmung dagestanden, welches schnelle und leicht vergängliche Treibhausge-
wächs wäre unser, wäre der Unternehmung, wäre mein Wirken gewesen und
nun, sehen Sie! wie sicher und wie tief, wenn auch sehr langsam die Vorsehung
oder der Gott in der Geschichte u.s.w. jede ächte Erziehungsunternehmung, mein
Erziehungsunternehmen, jede Veranstaltung zur Menschenerziehung, meine
Anstalten zur Menschenerziehung d.h. die Erziehungsunternehmungen, die Er-
ziehungsanstalten, welche wenigstens zunächst durch mich angeregt werden
sollen, begründet, wenn sie es auch noch viel, viel langsamer thäte, als sie
es wirklich thut; ja wenn sie selbst gar keinen Zögling, wenigstens so lang /
[14]
nicht nach Wartensee schickte, bis ich wieder friedlich und freudig in meinen friedlich
und freundlichen, vom Geklirr und Gekreisch des Weltlebens und Welttandes
freyen Keilhau bin.
Darum möchte ich den Verfasser der e. W. in der Appenz. Zeitung für mich
und für alle ächte Erziehungsanstalten einen Engel nennen; und wenn es dadurch auch mög-
lich wäre den Appenzeller Aufsatz ganz ungeschehen und ungesehen zu machen und
Alles ja den Vvorigen Stand wieder ganz herzustellen, so kenne ich keine Reichthümer
und keine Gabe des Lebens der Erde, welche mich vermögen könnten, darein einzuwilligen
Wie wir, Sie Schnyder und ich schon an und für sich ganz freye Männer in uns
sind und ewig bleiben wollen und bleiben werden, so macht uns auch, ich möchte fast
sagen, zur überflüßigen Vervollkommnung unseres Lebens, der schon zweymal
angeführte §12 unserer Übereinkunft noch überdieß auch in Beziehung auf alle
äußerlichen Verhältnisse zu ganz freyen Männern. Knüpft sich nun an meine
Person, an meine Verhältnisse, an meine Gesinnungen und meinen Charakter, an
meine Denk- und Handlungsweise für Sie das leiseste Unangenehme, oder wie
Sie es sonst fühlen oder denken mögen, so trete ich gern wie eine Erscheinung, gleich
einem Schatten und weniger noch in den Hindergrund zurück. Wissen Sie von mir und
über mich, für sich und Ihren Zweck noch nicht genug, so stehen Ihnen ja alle nur denk-
bare, privat und öffentliche Wege, zur Klarheit über mich zu kommen, offen.–
Ihr Wunsch ist erfüllt: – eine Wartenseer Erziehungsanstalt steht vor
dem größtmöglichsten Publikum eröffnet da. Für alles, was das Publikum von
einer solchen Anstalt fordert, finden Sie, wenn Sie es bedürfen Lehrer. Selbst hier
im Kanton hat sich schon einer und der andere, unverheyrathet und verheyrathet,
dazu gemeldet; letzterer mit großen den bestimmten Versprechungen – die Appenzeller Zeitung
war schon ihre vollen vier Wochen im Cours gewesen – durch seine Verbindungen,
namentlich durch die seines Herrn Schwiegervaters, Zöglinge aus allen Orten nach
Wartensee zu bringen. Die Anstalt trägt überdieß nicht meinen Namen. Sie
brauchen sich gar nicht weiter zu rechtfertigen. Wer wird sich auch zu rechtfertigen
brauchen, wenn Jemand seinen Oberknecht oder Oberkellner ziehen läßt; höchstens
beziehen Sie sich gelegentlich auf die Appenzeller Ztg, fügen ein paar Druck- und
Schlagschatten hinzu, so ist alles gethan. Wer nimmt nicht Antheil an einem
Geteuschten u.s.w. Der Antheil, der lebhafte Antheil an der Wartenseer Erzieh-
ungsanstalt kann gar nicht fehlen, auf mein Schweigen können Sie sicher rechnen,
es versteht sich überdieß, so ganz von sich selbst.
Sie wissen, Schnyder! daß ich mich gleich Anfangs, wenn sich nicht früher
Zöglinge fänden, nur bis Martini (was verflossen ist, indem ich diesen Brief schrieb)
bestimmte hier zu bleiben; Sie wissen, daß ich selbst mit der häuslichen Besorgung
zunächst nur bis dahin Verabredung getroffen habe. Also, lieber Schnyder!
entscheiden Sie schnell, ganz bestimmt, klar und entschieden; zumal da, durch den
früheren Stand der Sache veranlaßt, ein junger Mann, ein ehemaliger Zögling und
Lehrer in Keilhau, ein Verwandter von mir aus Keilhau, mich zunächst zu besuchen,
in diesen Tagen vielleicht nach Wartensee kommt. Sein Aufenthalt hier, hängt natürlich nur
einzig von meinem Verhältniß zur hiesigen Anstalt ab, und dieser Aufenthalt kann /
[14R]
eben so natürlich, da er zu kostbar wäre, besonders auch in dieser Jahreszeit, auf
das Unbestimmte hin, sich nicht lang hinaus schieben, nicht von langer Dauer seyn.
Als ein durch Gesinnungen und Charakter durch Grundsätze und Leben, wie durch
Verhältnisse und Vorsehung freyer Mann sage ich Ihnen dem freyen Manne:
Leben Sie wohl.

FrFröbel.