Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 14.11.1831 (Wartensee)


F. an Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 14.11.1831 (Wartensee)
(KN 31,3; Brieforiginal 1 B 8° 2 ½ S., untere Hälfte des 2. Teil des Bogens (=S. 3 u. 4) abgeschnitten, 1 Abschnitt über Keilhauer Zöglinge ed. Hoffmann 1952, 70)

Wartensee am 14 Novbr 1831.


Mein Herz und mein Leben, mein geliebtes Weib.

Gestern Abend in demselben Augenblick als ich der Frl Salesie vorrech-
nete wie ich mir Ferdinands Reise dächte und daß ich ihn morgen d.
ist nun, heute erwartete hörte ich seine Stimme vor der Stubenthür die
ich sogleich erkannte. Du kannst Dir meine freudige Überraschung denken.
Er kommt eben zur rechten Zeit und durfte nicht wohl länger bleiben [sc.: weilen] ,
denn alles drängt hier; er wird wohl darüber an seine Eltern schreiben
und ich bitte Dich bey einem Besuche im untern Hause Dir seinen Brief mit-
theilen oder durch die Freunde hinauf bringen zu lassen. – Er ist ganz ge-
sund angekommen, wie er mich gesund getroffen hat. –
Meine erste Frage war nach Briefen von Dir, wie beglückte mich die Ant-
wort, daß er mir welche brächte, wie noch mehr beglückte es mich als ich Deinen
so innig lieben Brief und alle die Briefe der Lieben las. Jedem meinen herz-
innigen Dank dafür. Besonders haben mich Middendorffs etwas ausführliche Zeilen
gefreut. Daß mir Langethal gar nichts vom Ganzen, vom Einzelnen, von den Kindern
geschrieben hat, hat mich etwas befremdet, denn wann will er denn wieder eine so
wohlfeile u günstige Gelegenheit dazu finden? – Und ich lebe so viel mit den Zöglingen
sage so oft jeden einzelnen guten Tag u gute Nacht, nenne so oft jeden beym
Namen. O! wie so gern hätte ich schon längst jedem einzelnen geschrieben. Aber
das Leben selbst giebt oft gar zu schwierige Aufgaben für Kopf und Herz und we-
nigstens für schriftliche Arbeit , daß ich oft nicht weiß fertig zu werden. Meine
ja Niemand daß ich hier ein angenehmes Leben führe, ich bin oft genug unglaublich
durch die Verarbeitung des Ganzen Lebens in Anspruch genommen. Wie oft , wie so-
oft sehne ich mich nach Keilhau. Tage der Erholung würde mir jetzt das Keilhauer
Leben gewähren. Wie so herzinnig sehne ich mich nach Dir. Wie wirklich erquickt
hat mich Dein muthiger Gedanke wenn es nöthig wäre selbst hierher zu
kommen; ich habe lang lang gewußt daß dieß das beste u gerathenste inner-/
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lich auch für hier seyn würde. Jetzt will ich nicht weiter darauf eingehen
nur fürchtete ich die Unmöglichkeit in Keilhau erstlich und hauptsächlich in
Beziehung auf die Theuern in Berlin, da Du doch in Keilhau so viel näher bist.
Dann zweytens wegen der beyden Töchter Lud[owika] und Hedw[ig] welche eigentlich
doch Dir übergeben sind. Wäre nun von Berlin aus Zusage mögl. könnten
Lud u Hed: mit Dir kommen, so wäre Deine Hieherreise gegen das Frühjahr
in ernste Berathung zu nehmen. Ich hatte wohl auch schon den Gedanken
ich möchte aber Keilhaus Einnahmen nicht durch den Abgang der Erziehungs-
gelder von Lud u Hedw. schwächen und doch würden diese doch dann nothwendig
hieher fallen müssen. Damit Dich später nichts übereile prüfe vorläufig den Ge-
danken ich kann jetzt nur sagen daß er mich beglückt, denn was in Deinem Herzen
lebt u vorgeht, geht ganz in dem meinen vor. Du kannst alles Dir schon selbst sagen
wenn Du nur willst deßhalb sage ich Dir gar nichts. Mein Gemüth wie Geist
und mein Leben sehnt sich sehr nach Dir. Sobald sich erst das hiesige Leben was in Beziehung
auf Schnyder ein Wenig erregt durch die App. Zt. scheint, fest gestaltet hat schreibe
ich Dir wieder. Meine Antwort auf Schnyders Euch schon mitgetheilten Brief sollt
Ihr baldigst haben, wollt Ihr bis dahin alles ruhen lassen, so bin ich gern dafür;
Hier im Kanton scheint nun der Aufsatz eben so aufgenommen und gewürdigt [sc.: gewirkt] zu haben [sc.: worden zu sein]
wie Ihr [vermuthet]. Alle Deine Gesinnungen, Grundsätze und Handlungen in Beziehung auf Wartensee sind
ganz die meinen. Handle immer fest u ruhig nach Deiner Überzeugung und lasse Dich in Dir
nicht stöhren. Jedes Wort von Dir macht mir Freude Trost Beruhigung. Ich lebe mein Leben
mit Dir. Ludowikas und Hedwigs Briefe haben mich innig gefreut: sage Lud: an
meinem Rosenstock habe eine wunderschöne Rose mit 2 mal drei Blätter [Zeichnung] geblühet,
die hätte ich trocknen und ihr schicken wollen für den schönen Myrthen Zweig, später
habe mich das Röslein, daß [sc.. das] ich brechen solle so gedauert da habe ich es lieber
abblühen lassen. Sie möchte nun sich sagen daß es in jeder Rose ihr von neuem auf[-]
blühe. Hedwig besonders meinen Dank für Ihre [sc.. ihre] Sehnsucht nach mir.- Ebenso sehr sehne
ich mich nach ChrFrdr: wenn Sachen geschickt würden bitte ich ihn mir zu schreiben u alle.
Die Sehnsucht meines Herzens nach den Jünglingen ist unaussprechlich. –Fast mögte
ich fragen und fragte schon: Warum mußte ich nur von Dir und den Kinder[n] weg? - /
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Auch Ernestinen für Ihren [sc.: ihren] Gruß meinen Dank. Jeder persönliche
Gruß ist mir immer ganz besonders lieb.
Was ich Dir wegen der Reise mittheilte, theile zunächst noch nicht
weiter mit, sobald sich alles geklärt hat schreibe ich Dir meine
innerste persönlichste Lebensansicht. Was Dein Leben vom Leben er-
sehnt, ersehnt auch das meine. Ich will nur das Rechte, das Wahre
das Beste das reinst Menschlichste, nicht ein Lebensverhältniß
ausschließend also nicht die reinste Ehe, nicht den treuesten
Gatten. Ich bin Dein und will in diesem Sinn nur Dein seyn
Dein

        FrFr.

[1R]
[Randnotiz] Nach Berlin habe ich noch nicht geschrieben. Tausend herzige Grüße an alle. Dem Langethal besonders meinen Dank für seinen innigen Brief.
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[Adresse]
Meiner lieben Frau