Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Friedrich Clemens in Keilhau v. 5.12.1831 (Wartensee)


F. an Christian Friedrich Clemens in Keilhau v. 5.12.1831 (Wartensee)
(KN 32,2, Brieforiginal 1 B fol 2 ½ S., ed. Hoffmann 1952, 72-75)

1. An Christian Friedrich.
Schloß Wartensee im Kanton Luzern in der Schweiz,
am 5en Dezember 1831.


Mein Sohn.

Deinen mit Sorgfalt und Liebe mir am 26, 27 und 28sten Juny geschriebenen,
und deßhalb auch mir sehr lieben Brief habe ich dir in Gedanken schon recht oft
und ebenso mit Liebe beantwortet, als ich ihn oft mit Freude gelesen und wieder
gelesen habe. Du würdest darum, lieber Sohn! bisher schon gar manchen Brief von
mir empfangen haben, wenn ich alle meine für Dich gedachten Briefe, an Dich hätte
aufschreiben können, allein ich konnte nur im Herzen, in Gedanken nur immer gleich-
sam zu Dir kommen, und nur dann erst wenn ich selbst erst wieder von der Ar-
beit der Erholung bedurfte und da sahe ich wohl, daß ich Dir das, was ich so zu Dir
sprach, Dir kaum lesbar würde niederschreiben können, was doch geschehen mußte
wenn es ein Brief seyn sollte, so mußte ich denn das Schreiben des Briefes selbst
immer seyn lassen. Je weniger Du aber so einen Brief von mir bekommen
hast, desto mehr habe ich Deiner gedacht; ja ich habe Deine Nähe oft so lebendig
empfunden, daß es war als ständest Du neben meinem Schoße und wir
erzählten uns wechselseitig Etwas. Ich sagte unter anderem auch Dir dann
wie ich, wenn ich künftiges Frühjahr nach Keilhau zurück kehren werde - Dir
wo möglich gern alle Deine lieben Wünsche erfüllen und Dir die gewünschten
Vögel, vor allem aber einen Zeisig mitbringen würde, auch wenn es angeht
Steine und Saamen, oder wenigstens Gewächsknollen; denn ich habe hier
eine recht schöne Herbst-, ja Winterblume kennen gelernt, sie heißt
Martinrose, weil sie gerad um die Zeit des Martinstages, das ist An-
fangs November und später ja bis jetzt und länger noch blühet, es ist aber
keinesweges eine Rosenart, sondern eine sehr blätter- oder vielmehr blüthen-
reiche Scheibenblume, ähnlich der farbig blühenden und großblumigen Garten-
kreuzwurz. Im ersten Ansehen hat die Blume Ähnliches mit einer sehr gefüll-
ten, schmal- und langblättrigen Nelke; von Farbe ist sie theils dunkelroth, theils
goldgelb.
Ja, mein lieber Sohn! habe immer die Gewächse und die Blumen gern und
pflege sie, denn sie können uns oft das Leben sehr angenehm machen und wir kön-
nen auch sonst noch gar manches von ihnen lernen z.B. die Belohnung treuer
Pflege und Dankbarkeit Sorgfalt, also die Dankbarkeit. Ich kann Dir gleich
etwas dieser Art erzählen, nemlich niederschreiben, denn erzählt habe ich es Dir
schon gar manches mal. Ehe nemlich Ferdinand kam, war ich eine ganze Zeit
hier fast ganz allein, wenigstens ohne alle fröhlichen Knaben und Kinder die
ich lehren und pflegen konnte. Da fand ich dann einstmals in einer kalten Ecke
des Gartens in einem Blumenasche den Stock einer Monatsrose, der aber
ganz verkümmert war. Ich nahm ihn sogleich mit herauf in die Fenster meines
Zimmers, ließ ihn die schöne klare und warme Gottessonne bescheinen und /
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tränkte ihn wenn er es bedurfte; da wuchsen bald die schon etwas verkrüp[p]elten
Blätter so gut als es nur noch möglich war; schönere ganz fehlerlose trieb der
Stock nach kurzer Zeit aus frischen jungen Augen, und nach und nach brachte er mir
sieben schöne Rosen und fast mit einemmale drey und heute ist die letzte und
kleinste, schön aufgeblühet; allein sie blüheten nicht allein schön, nein, sie duf-
teten auch angenehm. Siehest Du wie schön das von dem Rosenstock war
und ist, da habe ich denn auch wohl dabey an meinen lieben Sohn ChristianFried-
rich und seine beyden lieben Brüder gedacht. Doch das Geschichtchen vom Rosen[-]
stock ist noch nicht aus. Weil nun so die Tochter des Hausmannes oder Haus-
wartes welche uns zugleich Speisen bereitet und die Stube besorgt sahe, daß
mir die Blumen so lieb seyen und daß ich sie so sorglich pflegte, so brachte sie
mir einmal ein Zwergrosenstöckchen, es hatte zwey ganz kleine Knöspchen
eines davon ist auch schon aufgeblühet; weiter brachte sie mir ein anderes
mal ein kleines Stöckchen von dem so sehr schön feuerroth blühenden Heerings-
geranium was auch schon Knospen hat. Dieses freuet mich gar sehr weil ich
eben solche Stöcke in Keilhau oft blühend hatte. Sieh diese beyden Blumenäsche
verdankte ich nun auch noch meiner ersten Monatsrose und ihrer Pflege.
Aber das Geschichtchen vom Rosenstock ist noch nicht aus. Weil nun Maria
so heißt des Hausmanns Tochter sahe daß mir blühende Blumen so Freude
machten, so brachte sie mir einmal wie ich eben sehr, sehr viel schreiben mußte
und gar nicht nach dem Garten konnte ein Blumenglas voll schöner Blu-
men, es war gerad um die Zeit des Martintages und die meisten
der Blumen waren die oben schon genannten Martinrosen. Sieh da lernte
ich nun durch das gerettete Röschen auch diese Blumen kennen, und da mir Maria
versprochen hat mir für Dich [Knollen zu geben], wenn ich künftiges Frühjahr nach Keilhau reise,
so verschafft mir das gerettete und gepflegte Röschen wohl gar nach länger
als einem halben Jahre - im Monat August mag ich es wohl in mein Zimmer
genommen haben - die Freude, Dir meinem lieben ChristianFriedrich eine
neue und schöne Blume in Dein Gärtchen zu bringen. Und gar manches
andere hat die Martinrose noch mir gebracht. Wer hätte das wohl gedacht
mein Sohn als ich das arme Röschen aus der kalten Gartenecke in das war[-]
me Sonnenlicht des Stubenfensters trug, daß das Röschen dafür so dankbar
seyn könnte! Wäre ich nun ein Mädchen so wünschte ich, daß ich Röschen hieß
oder wenigstens genannt worden wäre.
Auch von den Vögeln habe ich gar Schönes und Gutes gelernt. Leider!
aber sehe ich, daß der Brief an Dich schon so lang geworden ist; auch erin-
nere ich mich daß ich doch auch daran denken muß an Deine lieben Brüder
und an Deine lieben übrigen Genossen zu schreiben. Du siehest aber daraus
wie gern ich mit Dir rede, und wirklich ungern spreche [sc.: breche] ich mein Gespräch mit
Dir ab. Bitte aber die gute liebe Mutter, daß sie Dir sonst noch von hier
und mir erzählen möge, was die übrigen Briefe die ich an die liebe, gute
Mutter und sonst nach Keilhau schreibe, für Dich verständliches enthalten; /
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denn ich hoffe, daß Du immer ein guter, frommer, der Mutter folgsamer Sohn
seyn wirst, so daß es ihr Freude machen wird, Dir mancherley zu erzählen.
Ja, mein Sohn! folge der lieben Mutter in allen Dingen, auch wenn Du es nicht
immer einsehen solltest, warum sie es und etwas von Dir fordert; denn eines
dabey ist doch immer das letzte: die liebe Mutter will Dich zu einem gesunden
und tüchtigen reinen und frommen Knaben erziehen; und dieß zu werden,
ist ja das Höchste und Beste, was wir werden können; und das Bewußt-
seyn es zu seyn giebt die reinsten Freuden, und die liebe, liebe Mutter will
daß wenn wir uns einmal wieder sehen, wir uns beyderseits recht unse-
res Wiedersehens freuen sollen. Darum nun folge auch Deinen lieben Lehrern
und Freunden wie Deiner Mutter und sonst allen Lieben im Hause deren
Liebe zu Dir, Dir etwas sagt.
Der große Brief von mir ist auch noch mit an Dich geschrieben, obgleich
schon dieser Brief lang genug ist. Doch, da auch Du mir einen so langen
Brief geschrieben hast, so soll Dir auch ein langer Brief von mir, meinen
Dank bringen.
Lebe nun recht wohl, mein geliebter Sohn! Gott sey mit Dir, wie ich hoffe
daß auch Du gern mit Gott und im Andenken Gottes lebst.
Schreibe mir bald einmal wieder.
Mit treuer Liebe bin und verbleide ich immer Dein wohlmeinender Vater

Friedrich Fröbel. /
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      An
ChristianFriedrich
Zögling in Keilhau.