Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Clemens in Keilhau v. 5.12.1831 (Wartensee)


F. an Wilhelm Clemens in Keilhau v. 5.12.1831 (Wartensee)
(KN 32,3, Brieforiginal 1 B fol 2 ½ S., ed. Hoffmann 1952, 75-78)

2. An Wilhelm
Schloß Wartensee im Kanton Luzern in der Schweiz,
am 5en Dezember 1831.·.


Mein lieber Wilhelm.

Nicht wahr, mein Sohn! es hat lange gedauert ehe Du auf Deinen lieben
Brief an mich von mir wieder eine Antwort bekommen hast?- Auch mir
hat die Zeit ehe ich an Dich schreiben konnte lang gedauert, und dieß um
so mehr, als mir Dein Briefchen vom Monat Juny viel Freude gemacht hat;
es hat mir so wohl Freude gemacht, daß Du ihn, den Brief, so gut geschrieben
hast, als es mir Freude gemacht hat darinn die Beweise Deiner Liebe zu finden
und zu lesen, besonders aber in den so blumenreichen Sträuschen mit welchem
Du mir am 21 Juny entgegen gegangen bist. Zum öfteren nun wenn ich Rosen
oder Kornblumen oder Kornraden, Federnelken, blaue Glocken und blaue Violen
in Zukunft sehe, werde ich mir sagen: mit diesen schönen Blumen gieng Dir
auch Dein Wilhelm entgegen um Dir seine Liebe zu beweisen als er mit
seinen Genossen glaubte Du würdest nach Keilhau zurück kommen. Siehst
Du, mein Sohn, ob ich nun gleich Dein Sträuschen nicht wirklich und selbst
bekommen habe, so blüht es mir doch unvergänglich in jedem Sommer wie-
der auf und entgegen und zwar immer gleich frisch und immer gleich schön.
So ist es, mein Sohn! mit jeder guten und schönen That und Handlung die wir
thun, entweder um andern zu nützen oder ihnen Freude zu machen, sie grünt
wächst und blüht unvergänglich fort. Darum, mein Sohn! brich und winde
Dir im Leben recht viel solche Sträuschen und Kränze, denn siehst Du, lieber
Wilhelm! wenn Du nun im künftigen Sommer wieder eine jener Blumen,
ja selbst jetzt im Winter eine Rose blühen siehest, - wie ja Barop auch solche
im Winter blühende Rosen hat, so kannst Du Dir sagen: mit diesen Blumen
wollte ich meinen lieben Pflegevater Freude machen wenn er wie wir ihn alle
erwarteten zurück gekommen wäre; aber er weiß es auch und wenn auch
er nun diese Blumen sieht, so denkt er an mich, denkt an mein Vorhaben und
freut sich. Und so kommt also durch diesen Gedanken eine doppelte und mehr[-]
fache Freude in Dein Gemüthe. So möge Dir denn auch, mein lieber Sohn!
das Bewußtseyn guter freudiger Empfindungen, Gedanken und Handlungen
immer vielfache Freude in Dein Herz und Gemüthe strahlen und es verschönen.
Deine gemalten Insekten, ich meine Deine Schmetterlinge, haben mich auch
sehr gefreut; fahre mit dieser schönen Beschäftigung fort; suche aber wo möglich
auch zu den Schmetterlingen die dazu gehörigen Raupen und Puppen kennen
zu lernen und dann vergleiche besonders ihre Form und Zeichnung. Auch sonst
bey den Schmetterlingen selbst, sey auf ihre Zeichnung sehr aufmerksam, sie
verändern sich oft bey einer und derselben Raupenart, ja bey einer und ebender-
selben Zucht - wie ich kürzlich in der sehr schönen Sammlung eines sehr sorglichen /
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Schmetterlingssammlers gesehen habe - so daß man gar nicht glaubt, daß sie
zu einer und ebenderselben Art gehörten. Vergleiche auch sonst die Gestalt
Farbe und Zeichnung der Raupen mit den Gewächsen von welchen sie sich nähren.
Die Insekten überhaupt sind auch sonst noch gar merkwürdige Thiere.
Während meiner jetzigen Abwesenheit von Keilhau habe ich gar schön und sorglich
gesammelte Insekten, besonders Schmetterlinge gesehen und hätte deren noch mehr
besonders seltene ausländische Schmetterlinge sehen können wenn ich noch mehr
davon verstanden hätte, so aber wollte ich dem Herrn der sie besaß nicht die
Mühe machen sie mir zu zeigen. Du siehst hieraus gleich, wenn man einmal
in der Welt, in der Fremde und auf Reisen gern vielerley Schönes und Gutes
sehen will so muß man sich vorher auch vielerley und vor allem gründliche
Kenntniß davon verschaffen; denn nur dem wird überall gern und freudig
etwas gezeigt, welcher davon auch etwas und je mehr er davon versteht.
Die schweizer Knaben scheinen wenig von der Natur zu verstehen, wenig von
den Steinen, von den Pflanzen und von den Thieren und hier wieder besonders
gar wenig von den Insekten, so viel auch davon in ihren schönen Lehr- und Le-
sebüchern steht und so viel Schönes sie auch von allen Arten der Naturgegen-
stände, wohin sie sich nur wenden, umgiebt. Allein sie scheinen gar wenig
darauf aufmerksam gemacht zu werden. So scheinen z.B. mehrere die Ver-
wandlung der Raupen in Schmetterlinge und so die Puppen gar nicht zu kennen.
Die Raupen nennen sie Graswurm; schon daraus kannst Du sehen wie
unvollkommen ihre Kenntniß davon seyn muß. Der Grund von allem
diesen scheint zu seyn, daß die Kinder und Knaben gar nicht auf die Selbst-
beobachtung der Natur aufmerksam gemacht werden, und so bleibt ihnen
unverständlich was sie im Buche lesen, als ihnen todt, leer und fremd
bleibt was alles Vortreffliches sie in der Natur umgiebt.
Laß Dich dieß, mein Sohn! zur wahrhaft dankbaren Betrachtung Deiner
jetzigen Lebensverhältnisse hinführen, daß es Dich im Leben immer still
froh und sinnig freudig mache und besonders allen Unwillen und Wider-
willen von Dir entferne, wenn Dir alle die Lieben in Keilhau, die Dich so viel
Schönes und Gutes lehren, etwas sagen besonders auch bey frohen gemeinsa-
men wirthschaftlichen und Feldarbeiten wo sich gar manche[s] Schöne beachten läßt.
Was ich Dir sonst noch von hier zu schreiben hätte, wirst Du theils aus
meinen großen Brief an Euch alle durch die Mittheilungen Deiner lieben
Lehrer und Freunde auch durch die liebe Mutter erfahren.
Nun lebe recht wohl, mein Wilhelm! hast Du Zeit und Lust so schrei-
be mir bald einmal wieder einen schönen Brief.
Sey in jeder Hinsicht gegen die liebe Mutter, gegen Deine lieben Erzieher,
Deine Freunde, und gegen Deine lieben Genossen recht brav. Sey in dem
Innersten Deines Herzens und Gemüthes wacker, rein, fromm. Liebe
Gott, damit Du auch empfindest wie er Dich liebe. Sey folgsam in dem,
sey achtsam auf das, was Du als Gottes Willen kennen lernest, damit
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[2]
Dir selbst immer mehr Gottes Wille bekannt werde. Denn Gottes Wille
muß wohl gut seyn, weil alles was durch denselben im Frühling und Sommer
und Herbst, ja selbst im Winter geschiehet und sich bildet wie das krystall-
helle Eis, der Reif und die schönen Schneesterne u.s.w[.] so schön und so klar
sind. Wer also auch nach Gottes Willen lebt, dessen Leben muß darum
auch wohl so klar und hell, so schön gestaltet seyn. Und wer möchte nicht
von seinem Leben wünschen daß es immer klar und hell, und schön gestaltet
sey. Auch ich wünsche ein solches Leben Dir als Dein Dich liebender treuer Vater
Friedrich Fröbel. /
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       An
Wilhelm Clemens,
Zögling in Keilhau.