Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Carl Clemens in Keilhau v. 5.12.1831 (Wartensee)


F. an Carl Clemens in Keilhau v. 5.12.1831 (Wartensee)
(KN 32,4, Brieforiginal 1 B fol 2 S., ed. Hoffmann 1952, 78-81)

3. An Carl.
Schloß Wartensee im Kanton Luzern in der Schweiz; am 5en Dec. 1831.·.


Mein lieber Sohn Carl.

Du hast wohl mein bisheriges so langes Schweigen auf Deinen lieben Brief
vom 27 Juny Dir kaum deuten können, und - haben Dich nicht Deine lieben Lehrer und
Freunde namentlich Herr Barop, darüber belehrt, und willst Du Deine Gedanken
mir offen aussprechen, so bist Du deßhalb wohl gar ein Wenig mit mir unzufrieden
gewesen. Ja, mein Carl! wäre die Ursache des Schweigens Willkühr oder Nach-
lässigkeit von mir, so hättest Du wohl dazu guten Grund gehabt, denn Dein lieber
Brief und Deine braven Arbeiten verdienten wohl meinen Dank. Allein wenn
man ganz allein in einem ganz fremden Lande lebt und da ein so großes und wich-
tiges Werk, wie eine Erziehungsanstalt ist, begründen will, da bleibt uns selten
irgend eine Zeit, ja selbst die kleinste nicht zum willkührlichen Gebrauche übrig.
Ja ich, in diesem Falle, hatte oft so viel zu verarbeiten, daß ich sehr oft fürchtete
eines möchte um des anderen willen zu kurz kommen; arbeitend schlief ich ein,
mit dem Geiste arbeitend erwachte ich des Nachts und so stand ich wieder [auf] und oft
war mir was ich des Nachts mit so ganz ungestörtem Geiste oder vielmehr der
Geist ganz selbstthätig gearbeitet hatte, so klar und so wichtig daß sich dadurch
nur für den kommenden Tag meine Arbeiten nur noch vermehrten. Da dachte
ich denn, Ihr lieben Söhne, die Ihr meine Gesinnungen zu Euch kennt, würdet und
könntet mir es nicht übel deuten wenn ich Euch auf die Beantwortung Eurer
lieben Briefe etwas lang warten lassen müßte, wenn sie nur zu einer günstigen
Zeit bey Euch einträfe und dieß hoffe ich von diesen Briefen indem ich rechne daß sie
noch vor Schluß des Jahres bey Euch ankommen sollen[.]
Daß Du, lieber Carl! mit dem Mahlen nun auch bis zum Malen nach der
Natur gekommen bist, freut mich sehr; denn es ist zur Einsicht in das Wesen
der Natur nicht genug, wenn man sie und ihre Gegenstände nur kennt, nein!
erst wahrhaft lernen wir sie in ihrem Wesen kennen, wenn wir sie auch
außer uns bildlich darstellen, gleichsam wieder aus uns hervorschaffen
können. Wenn es uns aber schon bey der treuen Darstellung der Gegenstände
durch das Zeichnen nötig ist, daß nicht allein unser äußeres sinnliches Auge zur Auf-
fassung der Form und unsere Hände zur Darstellung derselben geschickt sind, son-
dern daß der innere Sinn, die inneren Augen, gleichsam die Augen des Geistes und
Gemüthes zur Auffassung des eigenen Lebens des Gegenstandes, und sey es der
kleinste und einfachste selbst z.B[.] nur ein Blatt, geschickt sind; - so dünkt mich
ist dieß noch bey weitem mehr, bey der Darstellung durch Farben nöthig,
und daß wir darum besonders hier in uns recht rein, klar empfänglich
und lebendig sind, damit sich der Naturgegenstand in unserm Gemüthe wie in
einem klaren Spiegel abbilde und einpräge, und so, lebensvoll von uns wieder
gegeben werden könne.- Die Bildung des äußeren, sinnlichen Auges und /
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der äußeren Hand und Finger ist zwar ein unumgängliches Mittel zur richtigen
Auffassung und Darstellung des Naturgegenstandes; allein nur einzig und al-
lein der innere Sinn, das gebildete klare und lebendige Gemüth faßt das Leben
auf und giebt durch Griffel und Farbe, durch Zeichnung und Mahlerey und auch
wohl durch körperliche Darstellung den Gegenstand wieder, ihn gleichsam wie-
der schaffend aus sich.
Darum, mein lieber Carl! erhalte immer rein an Geist, an Gemüth und
Herzen Dich, damit Du überall und durch jeden Stoff die rein und klar in Dir
aufgenommene Natur wieder rein und klar, ja durch das geistige Auge ver-
schönt - wie alles schöner erscheint was wir auf Klarem und durch Klares
sehen - außer Dir darstellen aus Dir und Deinem Gemüthe und Geiste leben-
voll wieder heraus schaffen kannst und so immer tiefer eindringen könnest und
eindringest in das Wesen der Natur selbst; denn je sinniger und inniger
unser Vertrautseyn mit der Natur ist um so tiefer und klarer werden
wir in alle Dinge, in das Wesen aller Dinge eingeführt sey es das Wesen der
Sprachen, der Geist der Form und Größe, der Mathematik, die Bedeutung
der Geschichte oder das Leben der Kunst. Denn alle Form und Gestalt ist über[-]
all nur darum da um Geist und Leben und um die Einheit, Eintracht und den
Einklang alles Geistes und alles Lebens zu erkennen.
Es ist nun wohl wahr, daß wir in der Natur durch Verbildung, Auswüch-
se und dergleichen auch viel lernen; allein wohlthätiger und erhebender ist
doch der Eindruck des ebenmäßigen Naturgegenstandes. So mag man nun wohl
auch viel durch ein Zerrbild, Carricatur lehren und lernen können; aber die
Auffassung und Darstellung der reinen klaren Gestalt ist doch gewiß immer höher.
Ich zweifle nicht, mein lieber Sohn! daß Du mich in dem, was ich Dir, ver-
anlaßt durch Deine so schön gemalten Rosen hier aussprach, verstehen
wirst, und sollte Dir ja noch manches unklar seyn, wo werden Deine lieben
Freunde und Erzieher Dir dabey gewiß gern zu Hülfe kommen und Dir
klar auseinander legen was ich Dir so gern, Dir recht angemessen sagen möchte.
Du darfst ja nur zu einem oder dem anderen einmal auf sein Zimmer gehen
um gemeinsam und ungestört mit ihm dieses Blatt zu lesen. Nimm es
als einen Beweis meiner aufrichtigen, väterlich liebenden Gesinnungen
zu Dir.
Schreibe mir bald wieder einmal einen Brief und lasse mir darinn ferner
die Beweise finden, daß nicht nur, nie Dir aus Deinem Sinn, Herzen und Ge-
müthe komme, was Du so manchmal mir mündlich und schriftlich ausgesprochen
hast: ein reiner, frommer, in jeder Hinsicht wackerer, tüchtiger Sohn und Mensch
zu seyn und zu bleiben. Dazu nun stärke Dich der Vater, von dem wir einzig
zu allem Guten Kraft und Einsicht bekommen; dies ist mein Wunsch für Dich,
der Wunsch Deines stets treugesinnten Vatters
Friedrich Fröbel. /
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[leer] /
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3.
       An
Carl Clemens,
Zögling in Keilhau.