Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann Teske in Keilhau v. 5.12.1831 (Wartensee)


F. an Hermann Teske in Keilhau v. 5.12.1831 (Wartensee)
(BN 671, Bl 2-3 Brieforiginal 1 B 4° 3 S., BN 671, Bl 2-3 Abschrift 1 Bl fol 2 S., ed. Hoffmann 1952, 81f.)

4. An Hermann
Schloß Wartensee am Sempacher See im
Kanton Luzern in der Schweiz, am 5ten December
1831.


Mein Hermann.

Wahre Freude hat mir Dein liebes Briefchen vom 28ten
Juny gemacht; denn es hat mir klar gezeigt, daß Du seit
meiner Abwesenheit von Keilhau schon bis zu der eben
genannten [Zeit] in gar manchem weitergekommen warest.
Seit jenem Briefe sind nun aber schon mehr als 5 Mo-
nate verflossen. Wie wirst Du nun schon wieder in allem
fortgeschritten sein. Gieb mir recht bald davon wieder
in einem Briefe Nachricht und Beweise.
Daß Du auch körperkräftiger geworden bist, ist mir
auch Freude, denn in einem gesunden, kräftigen und
gewandten Körper, da wohnt auch gern ein gesunder,
gewandter und kräftiger Geist, wenn die lieben
Knaben ihn nur schützen, bewahren, pflegen nähren
wollen, diesen ihren Geist. Daß Du dieß mein lieber
Hermann willst, bin ich von Dir überzeugt; denn wie
Du selbst gern Freude hast, so machst Du auch gern Freu-
de[.] /
[2R]
Dieß lese ich ja klar in Deinem Briefchen, und es
ist für Eltern, Brüder, für Erzieher, Lehrer und Freun-
de eine gar große Freude, wenn aus ein Paar frischen
und glänzenden Augen, in einem gesunden blühen-
den Gesichte ein klarer und frischer Geist und eine
solche gesunde Seele, heiter und froh heraus leuch-
tet und strahlt. Und so werden wir einmal gegen-
seitig wahre Freude haben, wenn wir uns mit
Gott! einmal wiedersehen.
Ich denke jetzt gar oft an Dich, denn unter mei-
nen Zöglingen oder Schülern habe ich einen Knaben,
er heißt Moritz, einen Jungen mit einem vollem
runden Gesicht, der aber auch gar wacker lernt,
und in der Stunde meist so acht sam ruhig sitzt, als
habe er allen Muthwillen einstweilen in ein Säckchen
gesteckt und bei Seite gelegt. Weil Du mir nun
sagst, daß Du schon gar manchen Deiner Geno-
ssen nun schon im Ringen bezwingen kannst,
so möchte ich wohl wissen, ob Du auch diesen bezwingen
könntest. Ein kleiner Bär ist er, freilich wie Du eben
gesehen hast: ein freundlicher, aber mit einer wahrhaften
Bärenstimme. /
[3]
So wenig er nun zwar in allem vorgerückt ist, so hat doch
keiner eine Schande sich in Rücksicht auf Fleiß u.s.w.
mit ihm zu messen, und auch Du, wäre es Dein Genosse, wür-
dest es gerne thun; denn es ist ein Knabe ohne Falsch.
Siehst Du nun lieber Hermann, so habe ich hier immer
einen wackern Knaben, bei welchem ich Deiner gedenke
und Dir wird dieß recht lieb seyn, denn Du wirst dadurch
Aufmunterung bekommen, es nihe dahin kommen
zu lassen, daß Du, der wirkliche Hermann,
hinter seinem Bilde hier bei mir in Warten-
see zurückbleibe[st]. Ich freue mich sehr darauf, Dich
wieder zu sehen und all Deine Fortschritte, von wel-
chen Du mir geschrieben hast, persöhnlich zu schauen.
Bis dahin Lebe wohl!
Schreibst Du in diesen Tagen an Deine liebe Eltern,
Deinen lieben Bruder, so grüße ihn und sie auf das her-
zlichste von mir. Deinen Bruder grüße von mir als seinen
treuen Freunde. Gott sei mit Dir in allen Deinem Thun, und
auch Du bleibe ihm treu als Deinem lieben Vater;
wie auch ich Dein sorgender Pflegevater Dir immer
liebend treu bleibe
Friedrich Fröbel.