Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Bähring in Keilhau v. 7.12./17.12.1831 (Wartensee)


F. an Emilie Bähring in Keilhau v. 7.12./17.12.1831 (Wartensee)
(BN 367, Bl 10-11, Abschrift 1 B 4° 4 S. Handschrift unbekannt, ed. Hoffmann 1952, 82-85. Die Abschrift ist das einzige vorhandene Manuskript. In Briefliste Nr. 487 und bei Hoffmann 1952, 235 zu Nr. 49 wird es irrig als "Original" kategorisiert.)

5. An Emilien
Schloß Wartensee im Kanton Luzern in der Schw:
Am 7ten Dezember 1831.·.


Meine Emilie.

Sehr lieb war mir Dein kleines Briefchen vom 27en Juny, denn
ich wurde durch dasselbe recht lebendig wieder nach Keilhau und in un-
sere gemeinsamen Lehrstunden versetzt, in welchen es mir immer so viele
Freude machte, Dir Unterricht zu ertheilen, weil ich nicht nur sahe Du
gabst Dir Mühe Deine Aufgaben zu lösen, sondern Du hattest
selbst auch Freude wenn Dir dieses gelungen war. Denn wo bey einem
gemeinsamen Geschäfte reine Freude herrscht da geht es nicht allein immer
gut von Statten, sondern da ein solches Geschäft nothwendig auch ein gu-
tes Geschäft ist, so schafft auch die Erinnerung daran immer Vergnügen[.]
Möge darum frohe, freudige Erinnerung an die schönen Lehrstunden der
Kindheit und Jugend Dich immer heiter durch Dein ganzes Leben geleiten.
Hier in Wartensee habe ich auch schon sechs Mädchen und neun Knaben
zu Schülern und Schülerinnen; da gehen die Lehrstunden nun auch schon
nach Keilhauer Weise und Sitte recht froh und heiter mit täglichem
und stündlichen Fortschreiten von Statten. Die Söhne und Töchter, denn
manche sind schon erwachsen, können oft gar nicht die Zeit erwar-
ten bis die Lehrstunden angehen; und kommen immer fröhlich in den /
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Unterricht, obgleich manche wohl so weit wie von Schaala nach Keilhau
Vormittags kommen und Nachmittags dahin zurück kehren müssen.
So ist denn das Keilhauer glückliche Schulleben von dem kleinen Schaalthale sogar
nach der Schweiz verpflanzt; und die Erwachsenen scheinen sich nicht weniger darüber
zu freuen als die Kinder; denn gar manche kommen schon und wollen es sehen
und gehen immer wenn sie sich belehrt haben wie Ihr in Keilhau in der
Zahl, im Zeichnen, in der Formen[-] und Größenlehre, im Schönschreiben und
in der Sprache u:s:w: unterrichtet werdet ganz besonders darüber froh fort, daß
nun auch für die Kinder der hiesigen Umgegend, oder wie hier gesagt wird,
des hiesigen Kantons eine solche Unterrichtsweise zu beginnen anfängt.
Weil Du mit so viel Liebe zu Keilhau neigst, [durch] Dein Briefchen auch so
viel Liebe zu mir aussprichst so wollte ich Dir dieß schreiben um auch
Dir dadurch eine kleine Freude zu machen, was ich so sehr wünsche.
Nun wirst Du aber auch wohl gern etwas von den Kindern selbst
hören wollen. Was erzähle ich Dir denn nun gleich von ihnen?-
- Ja, dieses! - Eine gar schöne Sitte haben die Kinder hier selbst ein-
geführt: jedes reicht nemlich wenn es kommt und wenn es geht mir und den [sc.: dem]
Ferdinand - der wie Du gewiß weißt jetzt hier ist und hilft - fröh-
lich die Hand. Ich glaube auch Dich würde es freuen wenn Du es sähest.
Es besuchen mich jetzt öfters Freunde; so war denn vor einigen Tagen
auch ein Mann hier, eben als die Lehrstunden aus waren, da sagte
er zu unter mehrerern zu mir: wie freut es mich die Liebe dieser Kinder
zu ihren Lehrern zu sehen. Ich dachte, käme der Mann nur nach
Keilhau, wie würde er erst dort Gelegenheit und Ursache haben, sich darü-
ber zu freuen. Aber noch etwas von der kleinen Christina. Der Brief
wird freylich ein Wenig lang, doch jetzt kommen ja die schönen Fest[-]
tage, da hast Du wohl Zeit ihnen zu lesen. Unter den Mädchen habe
ich nemlich auch eine kleine Schülerin, die eben genannte Christina, sie ist /
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nun zwar wohl ein Wenig größer und älter als Du; allein sie macht
wie Du, immer ihre Arbeit ruhig und still fort, bringt ihre Aufgabe er-
füllt mit in die Stunde und ist dabey immer heiter und froh, ihr Auge ist
klar wie ihr Gemüth, freudig kommt sie, freudig geht sie, denn sie bewahrt
sich immer das Bewußtsein, daß sie während des Unterrichtes aufmerk-
sam war. Da denke ich denn oft auch an Dich. Du könntest ihr wohl einmal ein
kleines Briefchen schreiben und ihr eine schöne Figur, oder Gestalt eine Gebilde
oder sonst etwas von Deiner Arbeit schicken. Sie hat aber jetzt erst das Linien-
ziehen angefangen, aber sie giebt sich doch Mühe. Mit dem Schönschreiben geht
es zwar auch noch ein wenig schwach, aber, wie ich sagte, Mühe giebt sie sich.
Dabei geht sie, wenn sie zu Haus ist - sie wohnt so nah an meiner Wohnung
als in Keilhau das untere Haus bey dem obern Hause steht - wie ich höre
ihrer Mutt[er] wie Du im Hause auch waker [sc.: wacker] an die Hand, wartet und pflegt
besonders ihr kleines zweyjähriges Schwesterchen.
Daß Du mir gute Nachricht von Deinen hochgeschätzten Eltern und all den
lieben Deinigen geschrieben hast dieß hat mich besonders gefreut, grüße
auf das herzlichste von mir. Wie geht es denn meinen lieben Pathen,
Deinen Wilhelm?- Wenn Du mir wieder schreibst erzähle mir auch et-
was von ihm.
Deine kleine Ottilie kann nun gewiß schon recht wacker laufen, nicht
wahr?- Auch der kleine Wilhelm in Keilhau soll, so höre ich, schon
seine Füßchen recht brav fortsetzen. Nun, wenn ich da noch länger verhindert
werden sollte zu Euch nach Eichfeld und nach Keilhau zurück zu kehren,
wohin ich mich doch so sehr sehne, so werden mir wohl alle die, die ich
als kleine Kinder sah verließ, schon als große, und noch dazu ver-
ständige Leute entgegen kommen, so groß werden sie in dieser Zeit
gewachsen sein.
Ja, Emilie! Es ist um das Wachsen und mit dem Wachsen eine /
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gar schöne Sache, besonders wenn man wie am Körper so auch am Geiste,
an Gemüth und Verstand, vorzüglich in guten Gesinnungen, Ein-
sichten und Thaten wächst. Daß auch Du, meine Emilie so gewach-
sen sein mögest, wenn ich Dich wiedersehe, wünsche ich von Herzen.
Für Deine lieben Blumen meinen freundlichen Dank. In der Blume se-
he ich immer wenn ich sie anschaue, die liebe Emilie die sie pflückte und
ordnete wie in einem Spiegel.
Lebe nun wohl, mein Kind! Hast Du Zeit und Lust so schreibe mir
gelegentlich wieder einige Zeilen[.] Der Engel, der guten Kinder Engel
begleite und schütze Dich immer. Dieß wünsche ich Dir; denn auch
in der Ferne höre ich nicht auf zu seyn
Dein Dich liebende[r] Pflegevater

         Friedrich Fröbel.

Nachschrift am 17ten Dezember. Weil morgen endlich diese Briefe
an euch abgehen können so will ich Dir doch noch sagen, daß
sich die Zahl meiner Schüler seit ich das vorstehende schrieb, wie-
der um zwei vermehrt hat; unter diesen ist ein sehr liebes Kind,
das kleine Bärbchen, die Schwester der lieben Christina von welcher
ich Dir oben schrieb, ein munteres siebenjähriges Mädchen.