Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bernhard Bähring in Keilhau v. 7.12.1831 (Wartensee)


F. an Bernhard Bähring in Keilhau v. 7.12.1831 (Wartensee)
(BN 367, Bl 1-2, Abschrift 1 B fol 3 S. Handschrift unbekannt, ed. Hoffmann 1952, 87-89. Die Abschrift ist das einzige vorhandene Manuskript. In Briefliste Nr. 486 und Hoffmann 1952, 236 zu Nr. 51 wird es irrig als "Entwurf" kategorisiert.)

7 An Bernhard.
Schloß Wartensee am Sempacher See
im Kanton Luzern in der Schweiz, am 7ten
Dezember 1831.


Lieber Bernhard.

Dein freundlicher lieber Wunsch, den Du mir in
Deinem mir im Monat Juni geschriebenen Briefe
ausgesprochen hast: - daß ich immer und noch lange
gesund sein und bleiben möge, hat sich mir nun, Dank
sei es dem lieben Vater in dessen Hand alles steht
was uns begegnet! - auch bei oft sehr großen Anstrengungen -
bis jetzt immer noch erfüllt. So ist es denn etwas sehr
schönes um die freundliche Theilnahme der Menschen
und sogar auch der[er], welche weit von uns leben, wie z.B.
jetzt Du mein lieber Bernhard und Deine lieben
Genossen von mir hier in Wartensee. Die mensch-
liche Theilnahme erhebt das Gemüth des Allein-
stehenden es stärkt seine Kräfte und macht ihm so wie
im Geist und Gemüthe so auch am Körper gesund. Darum
habe ich denn auch Du mein lieber für Deinen freundlichen
Wunsch meinen herzlichen Dank. Ja, mein lieber Sohn!
das sollten wir recht früh einsehen lernen und im Leben
nie vergessen, wir sollten es nicht allein in allen unsern [sc.: allem unserm]
Denken und Empfinden, sondern auch in unsern Hand-
lungen und Thaten immer gegenwärtig und wirksam
sein lassen: - Der Mensch in der Thätigkeit und
Wirksamkeit seines Lebens ist bei weitem mehr als die nur /
[1R]
sichtbarlich vor Augen stehende räumliche und leibliche
Körpermasse. Nicht der Körper, nicht der Leib macht
den Menschen zum Menschen, sondern der Geist, und durch
den Geist stehen die Menschen in weiten Fernen unter sich
in Verbindung und wirken, auch wenn es scheint sie bekümmerten
sich gar nicht umeinander, als ständen sie zu einander oft ganz
fremd - bildend auf einander ein, wovon die Wirkung bald
angenehm bald unangenehm ist. Dir, welcher bei vortrefflichen, alles klar und lebendig machenden, nichts todt und dunkel
in dem Schüler liegen lassenden Lehrern nicht allein
Geschichte, vaterländische Geschichte hat, sondern sogar schon
seine alten classischen Schriftsteller u.s.w. lieset, Dir brau-
che ich so etwas gewiß nicht erst klar zu machen; denn Du weißt
nur zu gut, wie Du [sc.: Dir] dann und wann, wenn Du von dem u. jenem hörst
und ließest, warm oder kalt, bang oder und wehe, oder heiter und
wohl wird; wie Du wohl gar meintest in dem einen oder dem
andern, wenn Du nur erst auch so herangewachsen wäh wärest
wie er so in dem Buche dasteht einem guten Bekannten
und Freund, Lehrer oder Führer in ihm zu finden; - wie
sich das Gemüthe zu dem einen hin und von dem andern
hinweg wendet, und dieß sind doch Personen, die wer weiß
vor wie viel Jahrhunderten und Jahrtausenden lebten, und
doch entfernt uns der Geist entweder so schneidend, oder einigt
uns so innig mit ihnen; so mächtig wirkt der Geist auf den
Geist und das Gemüth. Oft brauchen wir von Menschen nur kleine
Züge aus ihrem Leben, ja nur ihren Namen zu hören, so ist schon /
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ihr Verhältniß zu uns bestimmt; und eine, wenn auch leise,
doch weiter wirkende Veränderung in unsern Gesinnungen, u. unserm
Wollen, so also in unserm Leben vorgegangen.
Daß dieses nicht weniger unter den noch lebenden, und sogar
sich achtenden, liebenden Menschen der Fall sei, dieß sieht ein
liebender und geliebter Sohn, ein liebender und geliebter Bruder
ein treuer und behüteter Schüler und Zögling, und so auch Du
mein Bernhard leicht ein; darum wollen wir die teilnehmen-
den Wünsche achtbarer Menschen, die entweder uns oder
denen wir werth sind, für uns nicht unbeachtet am [sc.: an] uns
vorüber gehen lassen; vornehmlich aber [nicht] die redlichen Wün-
sche sorgsamer Eltern, liebender Geschwister, treuer
Lehrer redlicher Erzieher und aufrichtiger Freunde, damit
wir uns der Wirkungen und der Seegnungen derselben nich[t] verlustig
machen.
Mögest darum auch Du lieber Bernhard Dich so stets der Wir-
kungen und der Seegnungen aller Wünsche derer, die an Deinem Woh-
le wahrhaft Antheil nehmen erfreuen, dieß ist mein Wunsch welchen
ich Dir auch [mit] herzlicher Dankbarkeit für den Deinen hier zurückgebe.
Laße mich bald einmal wieder etwas von Dir hören, besonders
von Deinem Erlernen der Geschichte und der classischen Sprachen,
namentlich aber vor allem von dem, welches unter Deinen Unter-
richtsgegenständen Dir das liebste ist.
Jetzt aber lebe recht wohl. Dir stets mit Liebe u. Treue zugethan.
Dein aufrichtiger Pflegevater
Friedrich Fröbel.