Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ferdinand Weißer in Keilhau v. 7.12.1831 (Wartensee)


F. an Ferdinand Weißer in Keilhau v. 7.12.1831 (Wartensee)
(BN 689, Bl 1-2, Abschrift 1 B 4° 3 S. Handschrift unbekannt, ed. Hoffmann 1952, 89-91. Diese Abschrift ist das einzige erhaltene Manuskript und wird in Briefliste Nr.489 u. Hoffmann 1952, 236 zu Nr.52 irrig als "Original" kategorisiert.)

8 An Ferdinand.
Schloß Wartensse im Kanton Luzern in der
Schweiz. Am 7ten December
1831.


Mein lieber Ferdinand.

Was ist es doch für eine Freude in Briefen seiner
lieben Pflegesöhne zu lesen: in der Sache z.B.
Malen bin ich bis dahin gekommen; in einer anderen
z.B. im Zeichnen bin ich bis dahin ge fortgerückt,
wieder in einer andern Sache z.B. in der
Erdkunde haben wir schon das nächstfolgende
angefangen und wieder mit etwas anderem z.B.
in der Sprache habe ich mit etwas Neuem begonnen.-
Diese Freude, diese reine Freude hast Du mir mein
Ferdinand mit den andern Deiner lieben Genossen
in Deinen lieben Briefchen vom 28 Juny gemacht:
worin Du mir alles und wie Du in Deinen
Lehrstunden fortgerückt bist, ebenso vorführtest, als
ich es mir zur Lust wiederholend hier zu Anfang dieses
Briefes getan habe.
Ja, mein Ferdinand! mit dem Weiterkommen und Fort-
rücken in allem ist es eine gar her[r]liche und /
[1R]
erfreuliche, freud[-] und lustvolle Sache. Da nun also der Mensch überal[l]
und in allem recht weit kommen und nach allen Seiten hin vor- und fort-
rücken möchte und er, weil er einen Körper und noch dazu einen schweren
Körper hat, doch nicht überall hin kommen kann, so hat der liebe Menschenvater,
Gott, seinen lieben Menschen vor allen Geschöpfen das große Vorrecht und
die außerordentliche Eigenschaft gegeben; - daß er [in] allen Dingen weiter, überall
nach jeder Seite hin vor[-] und fortrücken kann auch wenn sein Körper sich immer
nur auf und in einem kleinen Raume herum bewegt und darin
gleichsam wie die langen Staubfäden einer schönen duftenden Blume
sich hin und her bewegt, wenn der Mensch nehmlich seine vielseitige
Geisteskraft, wie seine vielartige Körperkraft recht entwickelt und ausbildet,
gebraucht und anwendet. Ja der Mensch, das kannst Du mir, mein Sohn!
glauben ist ein so irriges Wesen, daß wenn er nicht vorher still und
ruhig an einem Orte lebend in seinem Geiste durch Betrachtung, Lernen,
Thun und vor allem durch Vergleichung oft entgegengesetzter Gegenstände weit
vorgerückt und weiter gekommen ist, ihm später auch sein Weites mit seinem
Körper, z.B. durch Wandern oder Reisen, oder auf der Handelschaft auch nicht recht
viel hilft und da heißt es dann: es flog eine Gans wohl über den Rhein doch nur ein
Gigack kam wieder heim.
Deine freundlichen Lehrer oder Deine liebe Pflegemutter werden Dir dies Sprüchwort wohl
weiter deuten.- Da ist es dann recht gut und erfreuliche wer, während er in seinem
Lehr[-] und Erziehungshause, z.B. während er nur in Keilhau war in allem tüchtig geworden
und immer weiter[-] und fortgerückt ist.
Daß Du nun immer, mein lieber Ferdinand! mit jeder zurückgelegten Zeit, wie nun nach
dem jetzt bald wieder zurückgelegten Jahre, so wie in und bey jedem Briefe welchen
Du von Keilhau aus an Deine lieben Eltern oder auch bald wieder an mich schreibst im[m]er
wenigstens Dir aussprechen könnest: in diesem und jenem Lehrgegenstande, in dem
wie in jenem Nützlichen und Guten bin ich bis da und dahin wieder weiter fortgerückt /
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dieß ist mein herzlicher Wunsch welchen ich Dir auf Deinen lieben Brief zum Danke
zurückgebe; So wie [ich] Dir für die Erdbeeren die Du mir so gern gepflückt hättest wohl
gern wenn auch grüne doch süße Birnen und weiche Äpfel gäbe welche hier im
Garten gewachsen sind, wenn sie nur bei Dir in Keilhau wären, so wie ich Dir im
Herbste und all denen die gewünscht haben mir Erdbeeren suchen zu können
gern rothwangige saftige Pfirsiche für Eure rothen milden Erdbeeren gereicht
hätte; den[n] die Pfirsiche mußten leider! oft verfaulen weil ein Mund sie
nicht alle essen konnte. Mir that dieß oft leid und ich gedachte Eurer und Deiner
so siehst Du, mein lieber Sohn! wie der Mensch und selbst der edlere, sogar
im und beym Besitz und durch Besitz Schmerz und Leid haben kann, besonders wenn
er nicht Mittel und Wege hat das besitzende gut und zweckmäßig anzuwenden.
Wer also irgend etwas, was es auch sey zu besitzen wünscht oder wirklich schon
besitzt muß sich zugleich auch die besten Mittel und Wege zum guten Gebrauch
verschaffen.
Ich grüße Dich vielmal[s] und bin auch von Dir entfernt
Dein Dich liebender Pflegevater
         Friedrich Fröbel.