Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Bock in Keilhau v. 8.12.1831 (Wartensee)


F. an Friedrich Bock in Keilhau v. 8.12.1831 (Wartensee)
(KN 32,7, Brieforiginal 1 B fol 2 S.; BN 388, Bl 1-2 Abschrift 1 B fol 3 S. von unbekannter Hand. Abschr. ed. Hoffmann 1952, 91-93, wird bei Hoffmann 1952, 236 und in Briefliste als Original klassifiziert.)

9. An Friedrich
Schloß Wartensee am Sempacher See im Kanton Luzern in der
Schweiz, am 8en Dezember 1831.·.


Lieber Friedrich.

Wohl anderthalbhundert Stunden sind wir, Du und ich jetzt von
einander entfernt; doch sehe ich die Gedanken und die Gesinnungen gleichsam
vor mir, welche beym Schreiben Deines lieben Briefchens vom Monat Juny
in Beziehung auf mich, in Rücksicht auf Dich und mich in Deiner Seele lebte[n],
ja, ich kann sogar die Worte hören mit welchen Du sie Dir aussprachest.-
Ist es daher schon eine herrliche, vorzügliche Sache um die Ton- und Wortsprache
so ist es doch noch etwas weit vorzüglicheres um die Buchstaben[-] und Schrift-
sprache, denn dadurch wird auch unter weit von einander lebenden Menschen
die Größe der Entfernungen zwischen ihnen fast ganz vernichtet. Und Du
der Du jetzt schon sogar in manchem Buche gelesen hast und noch liesest,
welches von Menschen gedacht und geschrieben worden ist die schon vor Jahr-
tausenden gelebt haben, Du also kannst dadurch nun schon noch in Dir emp-
pfindend und denkend wahrnehmen, wie durch die Buchstaben- und Schrift-
sprache sogar gleichsam alle Trennung durch die Zeit vernichtet wird, und
auf diese Weise der Mensch, selbst schon der noch ganz junge Mensch sich
mit Menschen und Personen aller Orte und aller Zeiten in Verbindung und
Gemeinsamheit setzen kann, welche durch ihre Gesinnungen und Denkart wie
wie durch ihr Leben und ihre Thaten seinem Herzen lieb und theuer, wie seinem
Geiste werth und schätzbar sind.
Deßhalb nun freue Dich, mein Sohn, ja preise Dich glücklich, daß Dein
lieber, sorgender Vater den Gedanken gehabt und bis jetzt noch immer bey
Deiner Erziehung und Ausbildung fest gehalten hat nemlich Dich, lieber Fried-
rich! nicht allein mit so vorzüglichem Schatze der Sprache und Sprachen be-
kannt, nein! Dir ihn, diesen Schatz, durch Sprachkenntniß und Sprachen Kenntniß
sogar zu Deinem freyen Eigenthume zu machen, so daß die schönen, frischen, und
duftenden Lebensblumen, welche schon in dem Gemüthe, Geist und Leben anderer
blüheten, von neuem und mit nicht geringerer Schönheit in Deinem Leben,
Empfinden und Denken, im Garten Deines Lebens aufblühn und nicht allen ihre
schönen Blumen sondern die, nun durch die Jahre, Jahrhunderte und Jahrtausende
der Zeit gereiften, süßen und gesunden Früchte, gleichsam in Deinen Schoos
schütteln.
Darum, mein Friedrich! sey für dieses köstliche Geschenk Deinem so lieben
und wohlmeinenden Vater und Deinen treuen lieben Lehrern, welche sogar Deine
Dich liebenden Freude sind, recht dankbar; beweise diese Deine Dankbarkeit
wie durch Deine Gesinnungen, so besonders auch durch die Achtsamkeit auf alles
was sie Dich lehren und namentlich durch Fleiß. Ich weiß schon, mein lieber /
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Sohn! daß Du diesen Wunsch Deines jetzt zwar äußerlich von Dir entfernten, aber
im Geiste und in Gesinnungen immer bey und mit Dir lebenden Pflegevaters gern
erfüllst, darum spreche ich ihn Dir auch recht gern und freudig aus[.]
Wegen Deiner Stille und Sittigkeit habe ich Dich, lieber Friedrich immer lieb ge[-]
gehabt und denke auch in weiter Entfernung noch immer gern an Dich. Nun weiß
ich zwar recht wohl, daß gar vieles davon in Deinem zarten Körperbau liegt,
den Dir Gott für Dein Erdenleben gegeben hat, aber eben deßhalb, mein Sohn!
weil Du dadurch klar und unzweydeutig einsehen und an Dir selbst wahrnehmen
kannst wie Geist und Körper, die Äußerung des Geistes und der Ausdruck des
Körpers, Thätigkeit des Geistes und Zustand des Körpers in so innigem Zu-
sammenhang und Wechselverkehr stehen; darum mußt Du wie immer acht-
sam auf Deinen Geist, so auch recht achtsam auf Deinen Körper seyn; da-
mit Du ihn durch nichts trübst und stöhrst; besonders mußt Du auch kör-
perlich ein sehr einfaches und geordnetes Leben in Beziehung auf alles führen
was nur immer mit dem Körper in Beziehung steht; denn das weißt
Du ja schon als Schönschreiber, Zeichner und Maler: je zarter und reiner
das Papier ist um so leichter ist es zu verletzen zu beschmutzen; aber das weißt
Du auch und nimmst es täglich bei Deinen Arbeiten wahr: so zart, rein und
weiß auch das Papier ist auf welchem und durch welches wir Schönes bilden und
gestalten so muß es doch immer zugleich auch fest und tüchtig in sich seyn. Laße
also, mein Sohn! durch die natürliche Zartheit Deines Körpers Dich ja nicht hin-
hindern ihn und dadurch Deinen Geist zu stärken; ja, indem Du Deinen Körper
immer mehr befestigest, Deinem Geiste auch immer mehr That- und Willenskraft
zu geben. Eine hohe Freude soll uns dann gegenseitig unser Wiedersehen ge-
währen, und ich hoffe es soll meine Abwesenheit nicht mehr so lang dauern
als sie bis jetzt nun schon gedauert hat.
Grüße Deinen lieben Vater, Deine liebe Mutter, Deinen alten Großvater
und Deinen Vetter freundlichst von mir; auch Deine lieben Nachbarn <Segmes>,
Wirth und Wächter sage ihnen ich dächte ihrer gar oft denn ich hätte auch
hier im Schweizerlande um meine Wohnung recht brave und freundliche Nach-
barn gefunden, die mich oft an sie und an alle meine lieben Keilhauer Mit-
nachbarn erinnerten, sie möchten mich auch nicht vergessen. Sage Deinen lieben
Eltern wenn sie gern wissen möchte[n] wo ich jetzt wohnte und besonders wie der
Ort und die Umgegend in der ich jetzt lebe aussähe so möchten sie mir Deine
lieben Freunde namentlich Herrn Middendorff bitten der werde es ihnen in
gar manchem Bildchen zeigen.
Nun lebe recht wohl, mein lieber Sohn! Meinen Dank für Deinen lieben
Brief und Deine schönen Gebilde. Auch Anderen, die Euch zwar nicht kennen
aber doch lieb haben, haben Eure braven Arbeiten Freude gemacht. Hast Du
Zeit und Lust so schreibe mir bald wieder einmal wieder einige Zeilen.
Immer verbleibe ich mit Liebe Dein treuer Pflegevater

Friedrich Fröbel. /
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9.
An
Friedrich Bock,
Zögling in Keilhau.