Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hedwig von Guttenberg in Keilhau v. 8.12.1831 (Wartensee)


F. an Hedwig von Guttenberg in Keilhau v. 8.12.1831 (Wartensee)
(KN 32,5, Brieforiginal 1 B fol 4 S., ed. Hoffmann 1952, 96-100. Hoffmanns Edition folgt der Abschrift BN 459, Bl 1-2, die in Hoffmann 1952, 236 zu Nr. 55 und in Briefliste Nr. 493 fälschlich als "Entwurf" bezeichnet wird, daraus resultieren einige hier nicht angemerkte Abweichungen.)

11. An Hedwig.
Schloß Wartensee im Kanton Luzern in der Schweiz
Am 8en December 1831.·.


Meine sehr liebe Hedwig.

Schon zwey Briefe liegen von meiner Hedwig wie von meiner Ludowika
zur Beantwortung mir vor einer vom 28en Juny und einer vom 28en Oktober.
So sehr es mir nun aber wohl leid thut, daß ich Dich wie sie sehr lange auf Antwort
habe warten lassen müssen, so gestehe ich Dir doch auch gern, daß es mir große Freu-
de gemacht hat von Euch einen zweyten Brief erhalten zu haben ohne daß Ihr vor-
her eine Antwort auf meinen [sc.: Euren] ersten Brief von mir erhalten hattet; denn ich habe
nun dadurch einen um so größern Beweis Eures bleibenden liebenden Andenken[s]
an mich und Eurer öffeteren [sc.: öfteren] Erinnerung meiner bekommen Ja, mein Kind! diese
Sicherheit des Bewußtseyns in dem Andenken uns lieber Menschen bleibend fort-
zuleben ist selbst für den schon erwachsenen und erfahrenen, den schon gebildeten, selbst-
ständigen Mann bildend und erhebend, und wären selbst diese Lieben viel jünger und lebten
sie auch nur ganz still im häuslichen Kreise ihrem Berufe und ihrer Pflicht. Aber
auch ich habe oft und viel Deiner gedacht, und, wie Du mich zu Dir und Du Dich hieher
gewünscht hast so habe auch ich mich gar sehr oft zu Dir und ich Dich hieher gewünscht; be-
sonders jetzt wo auch Mädchen wie Du von mir Unterricht bekommen und mir durch ihren
Fleiß, ihre Aufmerksamkeit und ihr stilles sittiges Wesen mir so viel Freude machen.
Ja, meine Hedwig! wohl wünsche ich Dich da manchmal her zu diesen wackern klei-
nen Schweizerinnen, wenn nur nicht von kleinen Handlungen im Leben und selbst
nur schon vom Wünschen oft gar sehr viel in der Zukunft abhinge, daß oft das ganze
Leben eines und wohl gar mehrerer Menschen davon abhinge. Ein sprechendes Bey-
spiel ist gleich meine jetzige und so lange Entfernung von Euch, Ihr meine Lieben!
denn nur von dem Wunsche einmal meine ersten Zöglinge, die ich [hatte,] als ich vor
25 Jahren Erzieher und Lehrer wurde, wieder zu sehen und von der Ausführung dieses
Wunsches, welche, wie ich meinte auf das allerlängste mich 4 bis 6 Wochen
von Euch entfernen würde, bin ich nun schon über 6 Monate und fast noch zweymal
so weit von Euch entfernt als ich dort glaubte daß ich mich von Euch entfernen würde,
ja in einem Lande in welches zu reisen, nochweniger in welchem zu leben dort mein
Herz nicht dachte. Siehst Du, mein liebes Kind! so muß man schon mit der Nährung
seiner Wünsche und noch mehr mit der Ausführung derselben sorglich seyn.
Wie gern theilte ich jedes Angenehmes meines jetzigen Aufenthaltes z.B.
daß [sc.: das] der Gegend, der Spaziergänge und der mancherley Gegenstände umher mit
Euch ja es würde mir dadurch erst recht wahre und hohe Freude bringen; aber es ist
mit allen Vergnügen, wie mit den schönen Blumen, Gewächsen und Bäumen: sie haben
eine wunderschöne zum Himmel, zum Lichte, zur Klarheit gekehrte Krone; damit ist
aber immer auch ein einfacher, leerer Stiel oder ein rauher harter Stamm und sogar
in die dunkle Nacht der oft harten felsigen Erde gehende Wurzeln verbunden, und will /
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man das erste dauernd und lebendig fortbestehend haben, so muß man auch das
andere mit ergreifen, sonst verdorrt das erste gar bald und wird unscheinbar.
Dieses aber, mein geliebtes Kind! das Miterfassen des zweyten kann man nicht so
leicht Jedermann zumuthen und noch weniger andere in solche Lage bringen, daß sie,
verleitet durch das erste nun auch gegen ihren Willen das zweyte thun müssen; -
und wenn man es ja in Kindeslust und Kindes Muth in zu großer Erfülltheit
vom gewöhnlich noch überdieß innern geistigen Anschauen der Dinge um sich her
thut - denn Du kannst schon leicht an Dir wahrnehmen, daß nicht nur Dein äußeres
körperliches Auge (nun) die Schönheit der Dinge sieht, sondern daß sie Dein inneres Auge
empfindet, daß nicht Dein äußeres Ohr den Einklang und Wohllaut hört, sondern
Dein für das Schöne empfängliche Gemüth dieses wahrnimmt - und dann der andere
aber alles anders sieht, und, weil sein Geist nichts wahrnimmt, sein Gemüth nichts
empfindet auch äußerlich und außer sich nichts hört und nichts sieht - Siehe
meine Hedwig! dann giebt man und hat man selbst Leid statt Freud, und Schmerz
statt Lust. Darum nun mein theures Kind muß man so sorglich seyn Wünsche
in Anderen zu wecken und noch mehr sie zur Ausführung der geweckten zu ver-
leiten; weil es überdieß, wie es schon nicht möglich ist Ihnen [sc.: ihnen] das geistige Auge
und Ohr für die geistigen Schönheiten des Lebens mitzutheilen, es noch weniger
möglich ist, ihnen die Kraft, den Muth die Ausdauer und die Entbehrung mitzu[-]
theilen die schon nöthig ist um es zu erlangen und noch mehr um es zu erhalten um
es fest zu halten[.]
Weil man nun also durch ein zu gutgemeintes Gutmeinen dem Menschen leicht
nur doppelt Schmerz statt Lust bringen kann; deßhalb mein Kind habe ich Euch bis
jetzt eigentlich auch so wenig von den Schönheiten der hiesigen Umgegend und der näch-
sten Umgebung geschrieben, denn - weil die Sache für das das Leben des Menschen selbst
in seiner frühesten Jugend gar zu wichtig ist, so wollen wir sie noch in einem und
dann wieder in einem Bildchen sehen - mit dem Wünschen, den erregten Wünschen
geht es auch wie mit den hingereichten Schmuck- und Busen Nadeln: eigentlich sollte
man sie wie die Blumen mit dem Stiele reichen und da verwundet und sticht sich der
zugreifende leicht in die Spitze; oder wie mit den Rosen: man muß sie in
der Nähe der Dornen pflücken, wenn man sie sich erfüllen will und da reißt und
sticht sich denn auch oft der Vorsichtige; oder die Wünsche gleichen dem Bande was
entweder als Schleife oder Masche den Hut oder die Haare schmückt oder als Gurt
den Leib glatt umschlingt oder von demselben lustig herab flattert: will nun
das Band so lustig und schmückend erscheinen, die Freude daran genießen und
nicht immer so schön glatt auf der Bandrolle im Kaufladen stehen, so muß es
sich hie und da drücken und wohl gar zerdrücken und stechen lassen. Nun möch-
ten wohl gar manche Menschen auch etwas von dem freyen und freudigen auch
wohl beachteten Leben der Bänder besitzen, wenn sie als Schmuck und Zierde
dienen, wenn es ihnen dann aber auch geht wie diesen Bändern dann klagen
oder murren sie, wie auch wohl das schmückend flatternde Band knittert, wenn
man es in seinem Haltpunkt bindet von wo aus es doch eigentlich erst Freyheit /
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bekommt. Laß Dir einmal durch Euern Herrn Middendorff in der Erzählung
"Das Habermuß" genannt, vorlesen, wie es dem armen Haberkorn erging
ehe es selbst, frommen Menschen zu einer den Körper stärkenden und den Geist
zu Gott erhebenden Speise werden konnte. So kann uns nun wohl jedes was
uns umgiebt, belehren, wenn wir es auf das Höchste, die Erreichung unserer
Bestimmung und die Erfüllung unserer Lebensaufgabe beziehen, ganz vor allem
aber die Pflanzen wegen ihrem so offenen, als stillen, so sinnigen als selbsttreuen
willkührlosen Leben. Deßhalb mein liebes Töchterchen freue ich mich, daß Ihr
die Gewächse und Blumen so sehr liebt und auf ihr Leben acht habt und so auch na-
mentlich Du; denn, mein theueres Kind! alles was Gott den Menschen als
Gabe gespendet hat, hat seinen sehr tiefen weisen Grund und so ganz vor allem
auch des Menschen und besonders der Kinder und kindlicher Menschen ursprüngliche
Liebe zu den Blumen und Gewächsen, sie sollen uns nicht allein erfreuen sie
sollen uns in der und durch die Freude auch weil ein einiger ewiger Geist, ein
einiger ewiger Gott sie schuf uns auch etwas bleibendes und ewiges geben:
nemlich Unterricht vom Einigen, vom Ewigen, vom Geistigen, von Gott; vom
Einigen, darum sind sie in sich und unter sich so sehr mannichfaltig; - vom
Ewigen, darum sind sie unter sich und besonders in ihren Blüthen so leicht vergänglich; vom
Geistigen, darum sind sie auch in ihren kleinsten Theilen noch immer so körperlich; - von
Gott, darum sind sie [in] großen Massen und Mengen, wie jede einzelne wieder ganz
für sich, und jede einzelne wieder in allen ihren einzelnen Theilen auch bei in [sc.: bis zu] der klein-
sten hin und ganz namentlich wieder in den Blumen und Blüthen immer schön,
d.h. daß das Einige, das Ewige, das Geistige und so gleichsam Gott d.i. göttliches
Wesen in allem durch, aus allem heraus und hervor scheine.
Wir sollen in ihnen den Gewächsen und Pflanzen, vorzüglich aber die noch reinen
unverdorbenen Kinder, in Freunde, nemlich Lehrer und Erzieher suchen und finden
deßhalb ziehen sie uns so mit fast unwiderstehlicher Liebe und Wonne an und
haben mit dem Menschen ob er gleich verständig und einsichtig ist, sie aber nur Blumen
sind, solche Geduld wie - was Du beym kleinsten Wilhelm im untern Hause noch
täglich siehst - eine Mutter mit ihrem lieben Kinde: lassen sich die Gewächse nicht
von dem Menschen pflanzen, wohin er will? - lassen sie sich nicht sogar pflücken
und in Sträußer und Kränze winden? - und was lassen sich nicht noch gar viel
schöne Sachen wie Du mich selbst gelehrt fast, und wie Ihr selbst, wie Ihr mir
schreibt, ja während meiner Abwesenheit geübt habt durch und aus den Pflanzen
und Blumen machen? - Warum denn wohl dieß alles? - doch wohl nicht nur
so zur vergänglichen Lust der Menschen? - das wäre ja schade um die Blümchen.
Nein! sie meinen und hoffen immer, und die Hoffnung kann ihnen - wie dem Men-
schen seine höchste Hoffnung gar nicht genommen werden - ja sie die Blümchen meinen
immer: einmal werde sie doch dabey der Mensch, ein Mensch, recht ins Auge
und ins Herz fassen, und all das Schöne, Heilsame und Seegensreiche, was Gott
durch sie seinen Lieben, seinen Menschen lehren lasse, in ih seinem Geiste und in
seinem Gemüthe wiederspiegeln [sc.: widerspiegeln] lassen, im eigenen Geiste und und Gemüthe so finden. /
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Allein dem allen ohngeachtet so viel sich auch die Menschen mit den Gewäch-
sen beschäftigen so lassen sich doch gar viele, viele Menschen nicht von den Körnern
und Kernen, nicht von den Blumen und Blüthen der Gewächse so sanft und still,
geduldig und unermüthlich sie auch lehren, belehren. Darum werden nun wohl
auch die schönen Gewächse noch oft keimen und wachsen und wieder sterben, und so
noch oft blühen und wieder verblühen müssen ehe der Mensch in ihnen seine ihm
ursprünglich von Gott selbst gegebenen äußeren Erzieher und Führer auf den oft
rauhen Pfaden und durch die Schluchten und Engen des Lebens, seine - Engel des
Lebens in ihnen erkennt und anerkennt, findet und empfindet und ihnen nachgeht.
Siehe, meine liebe Hedwig! weil Du mir zwey Briefe geschrieben und lange
auf Antwort gewartet hast, habe ich auch Dir einen so langen Brief geschrieben.
Deine gute Pflegemutter oder Herr Middendorff lieset ihn wohl mit Dir und
erklärt Dir was Dir etwa noch unverständlich seyn sollte.
Schreibst Du Deiner verehrten Frau Pathin, der Frau Majorin von Arnim so
grüße Sie [sc.: sie] von mir hochachtungsvoll und sage ihr: gar zu gerne hätte ich schon
längst einen Brief an sie geschrieben, allein ich hätte auch gar zu viel zu thun
und täglich bekäme ich immer mehr, daß ich oft nicht wüßte wie ich fertig wer-
den wollte. Es ginge mir mit dem Saamenkorne Wartensee genannt,
wie mit allen Körnern welche gesäet würden, es müsse auch erst in der dun-
keln harten Erde wurzeln, ehe es die Herzblätter an das klare Tageslicht erheben
könnte und die Fessel vom innern Leben sich lösete.
Lebe wohl, mein Kind! meine Tochter! Wirst Du in Gottes Blumen,
Gottes Engel sehen, so bist Du überall von Engeln Gottes umgeben und beschützt
und in dieser, durch diese Umgebung Deiner ist mein schönster Wunsch für Dich
erfüllt, der Wunsch
Deines Dich liebenden Pflegevaters

FriedrichFröbel.
[Adresse:]
11.
An
Hedwig Guttenberg
Pflegetochter in Keilhau.