Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Felix Minerow in Keilhau v. 8.12.1831 (Wartensee)


F. an Felix Minerow in Keilhau v. 8.12.1831 (Wartensee)
(BN 570, Bl 1-2, Abschrift von unbekannter Hand, 1 B fol 3 S., ed. Hoffmann 1952, 103-107. Diese Abschrift ist das einzige vorhandene Manuskript und wird in Briefliste Nr. 490 u. Hoffmann 1952, 237 zu Nr. 57 fälschlich als "Entwurf" deklariert.)

14. An Felix.
Schloß Wartensee am Sempacher See im Kanton
   Luzern in der Schweiz am 8t Dezember 1831..


Mein lieber Felix.

Ein, zwei, dreimal seyd Ihr mir im Monat Juni mit Sträußen und
Gesang entgegen gegangen und niemals bin ich gekommen; endlich am
dritten Tage hast Du Deinen Strauß auf den Weg gestreut, daß ich doch we-
nigstens, wenn ich noch käme, diesen mit Blumen geschmückt fände. Und -
nichts von allen dem hab ich vernommen, bin auch des Weges nicht gekommen
und habe sonach auf demselben die von Liebe gestreuten Blumen nicht
gefunden; - so war denn alles umsonst, denn käme ich auch noch jetzt des
Weges, wo wären da die Blumen!-- Ists denn wirklich so?- Wäre wirk-
lich alles so umsonst?-- Nein, keineswegs! Und käme ich nie jenes We-
ges wieder, wie ich nie mehr die von Deiner sinnigen Liebe gestreuten, wie die
von der sinnigen, treuen Liebe Deiner lieben Genossen gepflücketen und in
Sträuschen geordnete[n] Blumen mehr sehe, so ist dennoch nichts, gar nichts
verlohren. Wer mag wissen, wann und wo mir jene gestreuten Blumen in, um
am Lebenswege wieder aufblühen, um mich an demselben und während des-
selben zu erfreuen, wie ich alle jene Sträuße, welche mir Deine Genossen ge-
pflückt und mir in ihren lieben Briefen gleichsam abgemalt haben, in
eine Quelle gestellt habe, welche auch das kleinste sonst leicht verwelklichste Blüm[-]
chen in ewig unvergänglicher Schönheit fortblühend macht: es ist die Quelle
und das Wasser der Dankbarkeit und des Dankes der unvergänglichen Seele. Du mein Sohn
hast Deine Blumen auf den Weg gestreuet, daß, wenn ich ihn wandelte, diesen Steg,
ich sie, Deine Blumen fände. Ich sagte nur eben, wer weiß, wann und wo sie
mir am Lebenswege wieder aufblühen, und mich an demselben erfreuen;
ja, mein lieber Felix! sie sind sogleich wieder an demselben aufgeblüht,
und ich wandle noch ununterbrochen auf und zwischen ihnen; denn all das Rau-
he meines jetzigen Lebensweges wird mir zu durchwandeln nun leicht, und die Hin-
dernisse und Steine die man mir auf demselben in Weg wirft und wälzt, sind mir
zu überwinden nun ein leichtes Spiel, ich übergehe oder übersteige sie, oder
ich gehe unter ihnen hinweg wo man es selbst am mindesten meint, weil
man mir, da die Hindernisse oft eckig sind, so ganz gegen eigenen Willen
Durchgänge lassen muß. Dann schaue ich dann, und sch sehe immer die Blumen,
die dankbare Kinder und Sohnesherzen auf den Weg streuten, welche freilich
Niemand von denen die um mich stehen und nur äußere Augen haben, sehen.
So lasse Dich es denn nicht gereuen, mein Sohn! daß Du mir Blumen auf ei-
nen Weg streutest, von welchen Du meinen konntest ich sey ihnen nun
nicht entgangen. Denn des Menschen, und besonders des Mannes Lebensweg,
ist, wie oft ein breiter, größtentheils aber immer ein unsichtbarer Weg, u.
so habe ich denn auch Deine Blumen, auf meinem Lebenswege gefunden.
Und, da der Mensch auf der Erde wie auf einer Kugel geht, so erscheinen die Blumen /
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wie ich sie scheinbar immer hinter mir zurücklasse, immer von neuem wieder
vor mir in dem Wege, und fast will es mir scheinen, als habest Du mit Deinem
kleinen Strauße mir den ganzen Lebensweg mit Blumen bestreut, wie Dei-
ne lieben Genossen mit ihren wenigen kleinen Sträußen meinen ganzen Le-
bensweg mit Blumen bepflanzt, denn Ihr wißt vom Oktober- und Euren Herbst-
feuern, einen Feuerbrand mit kleinen Fünkchen schnell bewegt, giebt
dem Auge einen ganzen Feuerkreis, gleichsam feurigen Kreis oder
Friedensbogen. Nun schwingt sich ja, wie Du alter Erdkundner wohl weißt,
die Erde in 24 Stunden einmal um sich selbst, oder um ihre Achse, und bei ihrem
Umfange von 5400 Meilen, giebt es so für jeden einzelnen Punkt eine weit
größere Geschwindigkeit als jene Schwingungen des Feuerbrandes, und so bilden
dann auch Deine gestreuten Blumensträußchen wie die gepflückten einen ununter-
brochenen Blumenkreis und Weg auf der Erde und um die Erde.
Weil Ihr nun aber so rüstige Sträußepflücker und fleißige Kränzewinder seyd, daß Du
meintest, schon im Sommer würdet Ihr, wenn meine Ankunft länger ungewiß ge[-]
blieben wäre, dazu alle Gärten und Wiesen haben abpflücken müssen, so
muß ich nun schon meine Rückkehr nach Deutschland und Ankunft in Keilhau
bis auf künftiges Frühjahr verschieben, wenn ich auch noch so gern früher zurück-
kehrte, damit Wiesen und Gärten sich wieder mit frischen Blumen schmücken
könnten, und wenn ich auch wirklich, wofür ich mich dießmal hüten werde,
nicht gleich zur erst bestimmten Zeit wieder ankäme, Gärten und Wiesen
doch leicht frischen Bedarf liefern könnten.
Nun da habe ich dann schon wieder einen Beweis, welch herrliche Sache es,
wie ich schon an Deine beiden Genossen, die Namensbrüder Adolph schrieb -
um die Gärten und den Feldbau, überhaupt um die Landwirtschaft, be-
sonders für solche ist, welche sich und andern gern das Leben so froh und erhebend
als belehrend und bildend machen. Ja! wie frische Kräuter, duftende Blumen,
fruchtbare Bäume und ernährende Feldfrüchte unter der Hand des sinnigen
und beruftreuen Garten- und Landesbaum [sc.: Landesbauern] blühen, so keimen und wachsen,
blühen und fruchten um denselben auch Menschenfreunden, Menschenglück
und so wahres und ächtes Menschenleben und Menschheitsleben; ein Leben,
genügend dem Menschen als empfindendes und denkendes, wie als schaffendes We-
sen; genügend dem Menschen als lernend, lehrend, lebend wie genügend dem Menschen wie für Gegenwart, so Vergangenheit und Zukunft.
Alles was ihn umgiebt ist geist- und sinnvoll, besonders wenn auch sein Geist und
Sinn in der Schule der Alten gewesen, und in der ihrigen sich untergetaucht hat;
denn wie der Schmetterling, als das Bild der unsterblichen Seele, des unsterblichen
Geistes, von und aus Blumen zu Blumen sich hebt, und weit umherschweift,
so steigt hohes unsterbliches Leben, unsterblicher Geist aus den Blüthen und Blu-
men des Gartens, der Wiese und des Feldes auf, ruhend auf demselben, und
wo der Mensch da wallt und wandelt, schafft und sinnet, da umgiebt ihn
der ewige, aus der Gebundenheit des Lebens durch den Tod zum hohen freyen
Leben sich empor geschwungenen [sc.: geschwungene] Geist der Natur. /
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Und so freut es mich den[n] auch daß Ihr Euch unter Barop mit den Insekten,
und so vielleicht auch etwas mit den Schmetterlingen, diesen geflügelten
Blumen bekanntgemacht habt; denn das Leben den[n] das Leben [2x] der Insekten
ist ein noch gar zu wenig wahrhaft bekanntes, und doch ein so vielseitig kunst-
und sinnvolles, stets arbeitsames vielseitig nützliches; wie in seinem Einzeler-
scheinen oft prachtvoll, so in seinem Zusammenleben, und den Erzeugnissen
dieses Zusammenlebens oft großartig, so daß man [von ihm] als Naturgegenstand be-
trachtet fast sagen kann möchte das Kleinste ist das Größte, das Verachtetste ist
das Belehrendste, wie es dem Menschen fast mit allem, mit alle dem geht, was
für ihn doch das wichtigste ist, so unter vielem auch mit der Arbeit und < ? > [Hoffmann: auch der]
Entbehrung; mit der Arbeit, welche ihn, wie die Entbehrung Gott ähnlich macht -
mit dem Feld- und Gartenbau, daß er ihm sogar als ein Fluch erschien. Und
doch findet sich der Mensch, selbst der edelste und gebildetste, der weiseste wie
der einsichtvollste in nichts so in dem Mittelpunkt des Gebrauchs aller seiner Men-
schenkraft als eben hier; allein es läßt sich darum auch wohl kühn behaupten,
daß fast keiner der bis jetzt entweder eines von beyden wie auch wohl
gar beides zugleich übt, eigentlich den Sinn und die Bedeutung davon
kennt, noch also weiß, daß es sich dabei weder um den Besitz handle, noch
auf den Besitz ankomme, ebenso wenig als auf irgend einen äußern
Zustand als solchen, und als dieses willen, sondern um den Besitz und
Zustand des Geistes, und ganz vor allem um den Reichthum und Zustand
des Gemüthes. Der A arbeitende Mensch muß also nicht nur schaffend, sondern
auch denkend; nicht nur denkend und schaffend, sondern auch empfindend seyn.
Empfinden[d] fühlen, denkend verstehen, und schaffend vergleichen also
leben, d.h. menschlich leben und menschlich seyn muß der arbeitende
(wie auch der entbehrende[)] Mensch. Eins allein - ist - Keins; Zweies allein
ist ein - Entzweies, ein Gebrochenes, aus welchem nie ein Ganzes wird.
Jedes ächte Ganze ist wie jedes ächte Ein, und also wie jedes ächte Leben
ein Ursprüngliches. Deßhalb kann die Ursprünglichkeit, wie die Einheit
und Innerlichkeit des Lebens nicht früh genug erkannt, nicht früh ge-
nug gepflegt werden. Möge ich Dich, mein Felix! daß Dein Name Be-
zeichnung Deines Lebens sey, irgend einmal, so Deine ganze Stellung
erkennend und ausfüllend, als Land[-] und Gartenwirth finden.
Grüße Deine treffliche Mutter, die Frau von Arnim. Hat Hedwig nicht
Zeit, so schreibe Du derselben was ich für sie in Hedwigs Brief ge-
schrieben habe.
Lebe wohl! Komme ich, so will ich, wenns möglich ist, auch schöne Lie-
der mitbringen.
Der hohe reine Sinn der Natur leite Dich, und der Geist, welcher nach den Al-
ten dem Menschen, wenn er stirbt, als Schmetterling entsteigt.
Immer, und auch noch als Schmetterling Dein treugesinnter

Friedrich Fröbel.