Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Fritz "Johannes" Pfeiffer in Keilhau v. 8.12.1831 (Wartensee)


F. an Fritz "Johannes" Pfeiffer in Keilhau v. 8.12.1831 (Wartensee)
(BN 592, Bl 4-5, Abschrift von unbekannter Hand, 1 B fol 3 S., ed. Hoffmann 1952, 107-110. Diese Abschrift ist das einzige vorhandene Manuskript und wird in Briefliste Nr. 491 u. Hoffmann 1952, 237 zu Nr. 58 fälschlich als "Entwurf" deklariert; zur Handschrift vgl. die Abschrift in BN 459, Bl 1-2 des Briefs v. 8.12.1831 an Hedwig von Guttenberg.)

15. An Johannes.
Schloß Wartensee am Sempacher See im Kan-
ton Luzern in der Schweiz am 8 Decemb. 1831.


Mein lieber Pathe!

Ganz recht hast Du, mein Sohn! wir sind durch unser Leben und durch un-
sere Gedanken auch in der, und gleichsam durch die Ferne hindurch vereinigt;
deshalb kannst Du Dir nun wohl sagen, wie oft ich in der Ferne, und nament-
lich auch an Dich gedacht habe; besonders da Du mir noch schreibst, wie jeder Ein-
zelne große Freude empfunden hat, an den vielen und schönen, sein- und ausdrucks-
vollen Arbeiten mit geholfen zu haben, die Ihr mir durch die Güte Eurer lieben Leh-
rer, Erzieher und Freunde im Monat Juny geschickt habt. Auch Du hast ja so wacker
daran geholfen, auch Du hast ja, wie es sich so klar als warm und lebendig aus
Deinem lieben Brief ausspricht, mit Lust und Freude daran gearbeitet; deß-
halb kannst Du nun wohl auch so lebendig als wahr fühlen, wie so sehr gern ich Euch
allen und Dir schon längst geantwortet hätte. Allein einen Einzelnen von Euch möchte
ich nicht antworten, denn welchen unter Euch hätte ich herausheben, welcher der letzte
seyn, und ich so nothgedrungen den einen oder den andern wehe thun sollen; also
Zeit mußte ich haben, um allen zugleich schreiben zu können; und nur so ein kahles
Wort an jeden zu schreiben, das konnte und wollte ich auch nicht; ich wollte zu jedem
von Euch nach so langer Zeit der Trennung einmal wieder mit ruhigem, vollem Her-
zen reden, und dazu gehörte so viel Zeit, als ich doch nicht zusammenbringen, d.h. über
welche ich nicht willkürlich verfügen konnte.
Zwar auch jetzt ist der ganze Tag den Seela Schularbeiten gewidmet, indem ich
jetzt schon 13 Schüler und solche habe, die einem nach jeder Seite hin genug zu thun
geben, so, daß ich oft etwas müde, besonders durch das anhaltende Sprechen et-
was erschöpft bin, wenn die Lehrstunde[n] vorbey sind.- (Nach denselben turnt wohl
Ferdinand mit ihnen, das heißt, er macht Lauf- und Seilübungen:) Aber am
Abend habe ich doch Zeit, und so sind denn auch alle diese Briefe größten-
theils am Abend geschrieben, nur heute konnte ich während des Tages etwas thun,
weil meine Schüler einen Festtag haben, und wenn sie zu rechter Zeit - damit sie
wenigstens das Neujahrsfest in Keilhau mit Euch feyern können, - fertig werde[n]
sollen, so [wird] noch gar manche Nacht dazu zu Hülfe genommen werden müssen.
Sehet, wegen allen diesem, liebe Söhne, mußtet Ihr zu meinem eignen Leide
so lange auf die Beantwortung Eurer mir doch so sehr lieben Briefe, und auf das Aussprechen
meines doch so wahren als warmen Dankes für alle das Liebe, Schöne
und Gute, was Eure Liebe, Freundlichkeit und Güte denselben beygefügt hat,
warten. /
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Nach dieser Erklärung wirst Du es gewiß über Dich nehmen, mich bey dem
einen oder dem andern Deiner lieben Genossen, wenn ihn mein so langes
Schweigen vielleicht etwas getrübt haben sollte, zu entschuldigen.
Was Du mir lieber Pathe! sonst noch von Deinem besondern und persönlichen
Leben geschrieben hast, hat mir alles Freude gemacht, besonders, daß Du noch
immer als ein treuer Sohn des Hauses nach jeder Seite hin helfend mit thä-
tig bist, und so Dich allseitig entwickelst, besonders stärkst und kräftigest.
Dieß ist aber auch für den Jüngling und jungen Mann, namentlich in der
jetzigen Zeit nöthig. Du siehest dieß an Ferdinand; kaum ist er von der Hoch-
schule nach Hause, so wird er schon wieder in die, in eine weit größere
Welt, ja sogar außer Deutschland gerufen, und wäre Wilhelms Gesund-
heit fester gewesen, so würde dieser entweder seinem Bruder vorangegan-
gen seyn oder [ihn] begleitet haben, oder ihm folgen; doch der kräftigere ergriff
den Preis, wenn man anders eine Aufforderung zur, eine Aufforderung
der Arbeit so nennen kann oder kann will. Und, mein lieber Pathe! ich will es Dir
nur auch ganz offen gestehen: hätte ich nicht in Beziehung auf Kraft, Ausdau-
er Gewandtheit und Beherrschung der Gegenstände des lehrenden und erziehenden
Lebens fürchten müssen, Dich, oder Deinen Bruder oder beyde einer zu star-
ken Probe, einer gewagten Prüfung auszusetzen, so hätte ich vielleicht wohl
eine ähnliche Frage, wie ich an Wilhelm gethan habe, auch an Euch gethan, wel-
che Ihr dann in Rücksprache mit Euren theuern Eltern und lieben Freunden
mir hättet beantworten können. Vor jetzt hat es sich nun noch ganz anders
gefügt, und ich glaube, daß es für Dich und Euch so am gerathensten und zu Euerm
Wohle am ersprießlichsten ist. Aber Ihr beyde kommt nun immer mehr in das
Alter, wo das Leben auch den Jüngling ruft und seine Thatkraft zum Wohl der
Menschheit, in welchem Berufe und Fache es auch sey, ob erst selbst noch lernend
oder lehrend lernend fordert. Also haltet Euch nur immer eines solchen
Rufes auch einmal, wenn auch nicht eben hieher oder durch mich - von woher
oder wohin er auch komme, gewärtig. Allein das Leben fordert jetzt schon
in dem Jünglinge, in welches Verhältniß er auch in demselben eintrete,
männliche Kraft und männlichen gesetzten, ernsten und festen Charakter
und, wenn auch keinesweges Unempfindlichkeit gegen die widrigen Erschei-
nungen und Eindrücke des Lebens, doch eine solche Bildung und Beherr-
schung des Geistes, daß die Empfindungen nicht als Empfindlichkeit, oder
wohl gar als gereizte Empfindlichkeit heraustrete. Mich dünkt, als habe
das Leben in allen seinen Erscheinungen und Forderungen kaum noch je-
mals einer so ruhigen und ernsten Behandlung bedurft und sie gefordert
als jetzt, weil alle Lebensverhältniße jetzt in einem so unnatürlichen /
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gespannten Zustande erscheinen, daß man kaum sich genug in Acht nehmen kann,
andere zu erregen, zu reizen; und wieder kann man sich nicht genug in Acht nehmen
daß die Erregung durch andere in uns, ich möchte sagen, kaum von uns selbst beachtet werden.
Mache Dir dieses, mein lieber Sohn u. Pathe! mit Deinem lieben Bruder zu
Euer beyder Nutzen und Frommen, recht klar, und laßt, was Euch da davon
dünkt in Euer Leben einfließen; dann wollen wir, wie das Leben sich überhaupt
wendet, Euer Leben vielleicht durch Eures Vaters Bestimmung sich schon
gewendet hat, uns gegen künftige Ostern hin weiter einander mittheilen.
Da ich so schon in irgend einem Briefe aus Keilhau gelesen habe, daß Euer lieber
lieber Vater Euch während meiner Abwesenheit geschriebe[n] habe, so wird es mir
sehr lieb seyn, wenn ich vielleicht schon in Euerm nächsten Briefe an mich etwas
von und über Eure weitere Lebensbestimmung höre.
Für die Pflege meiner Beete, Blumen und Bäume danke ich Dir noch be-
sonders; ob ich mich gleich schon im Briefe an die Gesammtheit dabey aus-
gesprochen habe, so will ich hier daran doch noch die Bemerkung knüpfen, daß
ich glaube, man kann von nichts einen so sichern Schluß auf einen künftigen
Bürger und Mann machen, als von dem sinnigen, häuslichen und wirtlichen
Leben eines Knaben und Sohns in seiner Familie.
Jetzt lebe recht wohl, mein lieber Pathe, es wird mir Freude seyn, bald wie-
der einen recht ausführlichen Brief von Dir zu erhalten.
Sey fest in Dir versichert, daß ich die Sorge für Dein Wohl in meinem Herzen
trage, und bey den Erscheinungen und Begegnissen des Lebens stets vor Augen habe, als
Dein aufrichtiger und treuer Pathe

FriedrichFröbel.