Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Rudolph "Titus" Pfeiffer in Keilhau v. 9.12.1831 (Wartensee)


F. an Rudolph "Titus" Pfeiffer in Keilhau v. 9.12.1831 (Wartensee)
(BN 592, Bl 10-11, Abschrift von unbekannter Hand, 1 B fol 3 ½ S., ed. Hoffmann 1952, 110-115. Diese Abschrift ist das einzige vorhandene Manuskript und wird in Briefliste Nr. 500 u. Hoffmann 1952, 237 zu Nr. 59 fälschlich als "Entwurf" deklariert.)

16. An Titus.
Schloß Wartensee am Sempacher See im Kanton Luzern in der
Schweiz, am 9en Dezember 1831.·.


Mein lieber Titus.

Daß Ihr, Du und Albert Euch durch mein Außenbleiben an dem zu meiner
Ankunft bestimmten Tage nicht habt abhalten lassen mir auch noch ununterbrochen
fort so lange entgegen zu gehen, bis Ihr durch die Ankunft meines Briefes gewiß waret
ich würde in jener Zeit nun nicht zurück kommen, hat mir in mehrfacher, zuvörderst
aber in zweyfacher Hinsicht sehr gefallen: einmal rücksichtlich Eurer Liebe zu mir,
dann aber ganz namentlich um Eurer selbst und Eures Ch[a]rakters willen. Denn der
Mensch und vor allem der Jüngling welcher nahe daran steht selbstbestimmend in
das Leben einzutreten, darf sich wenn eine mit wahrscheinlicher Bestimmtheit ein-
tretende Sache nicht sogleich nach Erwarten erfolgt, nicht auch sogleich den Muth neh-
men lassen, sondern muß vielmehr das Eintreten und Kommen des Erwarteten
so lang in sich selbst fest halten bis man von dem Nichterscheinen derselben in
sich ganz klar überzeugt, über dasselbe ganz gewiß ist. Ja, in dem vorliegenden
Falle war sogar selbst für mich die Rückkehr nach Keilhau in jenen Tagen so unbe-
stimmt, daß sich die Nichtabreise von Frankfurt oft erst in den letzten Stunden
vor dem Postenabgang entschied.- Ruhige feste besonnene Ausdauer ist es also wodurch
der männliche Geist und das männliche Leben zum Ziele, zu seinem Ziele gelangt und selbst,
wenn auch in irgend einem bestimmt vorliegenden Falle, wie z.B. der Eure war, das
gewünschte oder erwartete Ziel nicht erreicht würde, so gewinnt und erreicht der
Mensch dadurch ein vielleicht um vieles höheres Ziel, das, der Bildung seines Ch[a]rak-
ters, der ruhigen Ertragung fehlgeschlagener Erwartungen. Der Mensch erlangt da-
durch wenn er die äußeren Erscheinungen nach ihren nothwendigen inneren Bedingungen
und die daraus nach notwendigen Gesetzen hervorgehenden Folgen und Wirkungen
betrachtet, an wahrer Lebenskunst. Eine Kunst, die, ob sie gleich die Kunst zu leben zeigt und
lehrt, dennoch den sogenannten lebenserfahrenden Menschen zum größten Theil ganz fremd ist
weil sie die Lebenserscheinungen in ihren Gründen und Ursachen, wie in ihren Folgen und
Wirkungen, nur in Beziehung auf Äußeres, Einzelnes und Persönliches, aber nie in Beziehung
auf das letzte Innere, die Einheit und das Allgemeine beziehen. Darum muß der Mensch sich früh
bemühen durch Achtsamkeit auf die Erscheinungen und Begegnisse des Lebens und durch ihr Rück-
beziehen sowohl in ihren Gründen als Folgen auf die Einzelnheit, den Menschen selbst; auf die
Allgemeinheit, die Menschheit; und auf die Einheit die Quelle alles Daseyns und Lebens,
Gott, - die Lebenskunst zu erringen.- Die Lebenskunst, meine Lieben! ist zwar ei-
ne schwere und eine nur in einer sehr langen Zeit gründlich zu erlernende und in noch länge-
rer Zeit anzueignende Kunst, ohne deren Besitz, denn sie beruht auf einfachen festen Gesetzen, /
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der Mensch jedoch sich eigentlich gar nicht einen bewußten, so wahrhaft vernünftigen und voll-
kommenen, d.i. überhaupt einen wahren Menschen nennen kann. Deßhalb kann der Mensch
und vor allem in den Jünglingsjahren, in welchen diese Kunst überwiegend schwer zu er-
ringen und noch schwerer zu üben und festzuhalten ist weil er sich einer so großen Menge
äußerer Gegenstände hingeben muß ja ohne seinen Willen hingeben wird - gar nicht
früh genug anfangen jene große Kunst zu erlernen d.h. auf die Gesetze des Lebens, gelei-
tet durch die oben angegebenen drey Beziehungen, welche aber immer geeint statt finden müssen,
zu achten, sie zu beachten und festzuhalten.- Ich weiß von mir selbst, daß ich in meinem frühen
Knabenalter geleitet durch einen eigenthümlichen Entwicklungsgang [Hoffmann: Entwicklungsgeist; das "s" ist aber deutlich gestrichen], in mir selbst auf nam-
hafte Thatsachen dieser Kunst und ihre Gesetze - denn in ihr ist alles so klares als einfaches
und festes Gesetz - aufmerksam geworden bin und sie beachtet habe, doch ohne freylich dort-
mals zu wissen worauf ich aufmerksam war und was ich beachtete, deßhalb traten aber
auch für mich die Ergebnisse davon und aus anderen Ursachen welche hier auszuführen zu weit[-]
läufig wäre, oft zurück, darum denn auch so viele widrige Erscheinungen in meinem Leben
und durch mein Leben hindurch und doch, wie so leicht wäre es möglich gewesen sie zu ver-
meiden, denn, die Lebenskunst so groß und schwer sie ist halb erfaßt und halb verstanden,
und als ein von außen in uns hinein zu erlernendes, so leicht ist sie ganz begriffen und
ganz erfaßt, d.h. als eine pflegend und sich entwickelnd aus sich heraus übende, und so aus
sich heraus bildende Kunst festgehalten, wie dieß wohl bey Menschen von einfachem Ge-
müthe und in ihrem früheren Lensalter öfter der Fall ist. - Doch, wohin wäre ich ge-
kommen und wohin würde ich noch kommen, wenn alle diese und jene widrigen Lebenser-
fahrungen sich bis ins Unendliche fort entwickelten; aber da herrscht denn in Gottes
Reiche das große und erhabene, das so göttliche als väterlich liebevolle Gesetz in ei-
niger Uebereinstimmung und Einigung mit des Menschen Lebensgesetzen: daß aller Nach-
theil und Verlust, alle Trübung und alles Widrige, bey fester Festhaltung des Zieles der
Wahrheit und Güte, des einzig ewig Einen sich in Vortheil und Gewinn, in Klarheit und
Förderndes auflösen d.i. daß sich aller Kampf und Krieg zum Sieg und Frieden entwickeln
und verkehren muß, wie erstickende Dünste zu erquickenden Regen.
Deßhalb nun sage ich Dir, mein Sohn! oben, daß, sich an ruhige, besonnene feste Ausdau-
er bey Festhaltung eines einzigen inneren Zieles und Zweckes zu gewöhnen dem Jüngling
ein großer Gewinn für seinen Charakter und so für sein ganzes Leben sey; denn wenn wir
immer als Einzelne und Besondere treu und ausdauernd das thun, was uns Gemüth,
Geist und Leben bey treuer Festhaltung der Einheit u Allgemeinheit als Pflicht zeigt, so
ist es, wenn wir so niemals aus uns und von der Allgemeinheit und Einheit weg[gehen], außer-
ordentlich wie dann das Ganze und Allgemeine, die Einheit und das Innere auch da-
hin wirkt, daß wir unser inneres, unser Menschenziel erreichen, selbst ein Ganzes
und eine Eins werden.
Hüte Dich darum, mein Sohn! für die nur äußere und Einzelbetrachtung der
Dinge; entgegengesetzt der anderen Betrachtung bringt sie Dir und andern Schmerz /
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und unsägliches Leid; doch Dir am meisten; denn dem, der die Sache innerlich betrachtet kann irgend
etwas nur darum Leid bringen, daß Du darüber Leid hast, und er Dein Leid nicht haben kann,
sonst ist er in sich frey und freudig. Du wirst dagegen bey einer nur äußeren und Einzelbetrach-
tung der Dinge und Erscheinungen Deines Lebens nicht froh, während dem andern doch unmög-
lich ist Deinen Geist zu erheben, zu erleuchten zu beleben. Bey all Deinem Sinn für Ordnung und
Sparsamkeit u.s.w. ohne lebendiges Fühlen und Wahrnehmen, Vernehmen der Einfachheit und Einheit
in Deinem Inneren, Deinem Gemüthe, gehört Dein Leben doch nur noch einer der niedern Natur an;
wie alles dieß Ordnung, Sparsamkeit, Klarheit und Gesetz der Steinwelt zeigt, die Festge-
stalt, und sie doch zu den niedrigsten Erdenerzeugnissen gehören. Während wohl der Stein und
die Festgestaltt ein Bild der Unverwüstlichkeit ist, ist der vergängliche Schmetterling ein
Bild der unsterblichen Seele, ein Sinnbild der Unsterblichkeit selbst.
Auch die Mittheilungen Deiner Fortschritte in den Stunden und [im] Unterricht haben mich ge-
freut. Ja, mein Sohn! der Jüngling der jetzt in der Welt selbstständig und nicht nur in sich
geistig wahrhaftig frey auftreten, sondern auch seine innere Geistesfreyheit äußerlich fest-
halten und nicht verlieren will, der kann nicht in seinem Fache Kenntnisse zuviel,
sie nicht zu gründlich und sie zu freythätig besitzen. Gründlichkeit, Umfang und Beherr-
schung, Gewandtheit der Kenntnisse in Beziehung auf Leben und Anwendung, gehören
jetzt dazu um ein ächt menschenwürdiges Leben zu führen, aber vor allem Reinheit
der Gesinnungen in Beziehung auf Zweck und Gebrauch. Sogar ein Schweizer Land-
mann, welcher mir heute den Eintritt seines 14jährigen Sohnes in die hier soge-
nannten Wartenseeer Schule anzeigte (: nun der 14jährige Schüler, dieß Wort für Söhne
und Töchter zugleich gebraucht :) - sogar dieser Schweizer Landmann [sagte], daß die Gesinnungen mit
welchen der Mensch von seinen Kenntnissen Gebrauch mache, erst den Kenntnissen des Men-
schen ihren wahren Werth und Bedeutung gäben. Und da es sich im Laufe des Gespräches
und bey der großen Theilnahme dieses Mannes für meine hiesige Unternehmung fügte,
daß ich ihm Eure Arbeiten zeigte womit Ihr mich in Frankfurt erfreut habt, so war
es - was fast mir selbst auffallend war - vor allem die Gesinnung, der Ausdruck
der Gesinnungen w mit welchen sie gearbeitet worden sind, welche er hervorhob;
so daß er - ich führte ihm alles von den einfachsten Figuren an immer auf und vor - sich
nicht enthalten konnte, mir mehrmals zu sagen, keinesweges nur um seinet oder
seines Sohnes willen freue er sich dieß alles gesehen zu haben und so meines hiesigen
Wirkens, sondern, wie er sich wörtlich ausdrückte, um des Allgemeinen d.h. hier um
des Kantons willen, und sagte er es müsse nothwendig dahin gewirkt werden, daß
diese Lehrweise ins Leben steige und im Leben eingreife. Er selbst hatte dafür einen
sehr bezeichnenden Schweizerausdruck, der mir aber leider entfallen ist.
Du siehst daraus, lieber Titus! wo die obengenannte Vier, Kenntniß, Gründ-
lichkeit, Gewandheit und Gesinnung zusammen ist, und vor allem aber die Gesinnung
der Liebe, der Brüderlichkeit und Bescheidenheit überhaupt der Allgemeinheit oder vielmehr
der reinen sinnigen Menschlichkeit, da wirken die Erscheinungen so todt sie scheinen,
freudig belebend, das macht, sie sind aus freudigem Leben hervorgegangen und Freude /
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erzeugt ja Freude, wie Leben, Leben.
Wenn Du dieß, mein Sohn! Deinen lieben Genossen und Genossinnen, gleichsam Deinen Keil-
hauer Brüdern und Schwestern mittheilst oder mittheilen läßt; wie ich hoffe, daß auch sie
Dir ihre Briefe mittheilen und sie so auch als das erscheinen, was sie so an und für
sich schon sind: - ein brüderliches und schwesterliches Gemeingut, ein Ganzes in sich, wie
sie aus einem Leben und aus einem Grundgedanken hervorgegangen sind, so mögen sie,
so magst Du mit ihnen darinn auch einen freudigen Dank und Gegengabe für die
Mühe und Sorgfalt, ja aber auch für die Freude und Lust finden, mit welcher jene Ar-
beiten gefertigt sind. Ich hätte noch manches Beyspiel dieser Art aufführen können;
doch ist es an diesem einzigen und jüngsten G genug.
Gar manches schrieb ich Dir wohl gar gern noch, doch die Zeit eilt und ich habe
zunächst noch einige Briefe zu schreiben.
Die mitkommenden Zeichnungen Ferdinands können Euch alle lehren, welch' ein
gar freundlicher Besitz und liebe Kunst das Zeichnen ist; denn der, der sie besitzt
kann sich dadurch gleichsam die Geliebten und theilnehmenden Entfernten so nahe
bringen, daß sie fast zugleich mit ihm in der Gegend leben, wohin sein Beruf ihn
forderte. Ja lieber Sohn! erst später in den mannigfachen Verkettungen und Er-
scheinungen des Lebens werdet Ihr erst einsehen, welche große Gaben, ja Schätze
Euch die Keilhauer Erziehung und Lehre reichte und Eure Freude wird mich er-
freuen der ich so ich auch sey nie aufhören werde Euer und so auch Dein vä-
terlicher Freund zu seyn.
Friedrich Fröbel.