Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Albert Weimann in Keilhau v. 9.12.1831 (Wartensee)


F. an Albert Weimann in Keilhau v. 9.12.1831 (Wartensee)
(BN 686, Bl 10-11, hier: 10, Abschrift von unbekannter Hand, 1 B fol 2 S., ed. Hoffmann 1952, 115-117. Der Bogen enthält 2 Abschriften v. F.-Briefen an Albert Weimann: v. 9.12.1831 [Bl 10] u. v. 14.4.1832 [Bl 11]; in Briefliste u. bei Hoffmann 1952 [237 zu Nr. 60 bzw. 239 zu Nr. 66] werden beide Handschriften fälschlich als "Entwürfe" klassifiziert.)

17 An Albert.
Schloß Wartensee am Sempacher See im Canton Luzern in der
Schweiz am 9en Dezember 1831.


Mein Sohn.

Schöne Gebilde, frische Blumen, frohe Lieder und ein klares Bild der ganzen
lieben Gegend von Keilhau sind der vielgestaltige Brief u. Gruß Deines treuen,
liebenden und kindlichen Sohnes Sinnes. Aber welch einen Brief u Gruß, soll
ich Dir nun auf einen solchen Brief schreiben u schicken? da ich außerdem
sonst gar kein Wort von Deinem damaligen und gegenwärtigen Leben habe
an welche ich (die) meine Gesinnungen für Dein Leben in Worten anknüpfen <könnte>.
Ja mein Sohn! zu der väterlichen Liebe in welcher ich Deiner, wie al-
ler Deiner Genossen so oft und dankbar gedenke, gesellt sich bei Dir im-
mer eine stille leise Besorgniß, indem ich von Dir gar nicht weiß wie es
mit Deinen Lebensverhältnißen steht und wie sie sich zu entwickeln scheinen
oder vielleicht gar schon entwickelt haben. Und doch wünschte ich fast vor
allen [sc.: allem] von Dir über den Stand Deines Lebens möglichst klare, bestimmte
Auskunft zu haben, um wenigstens ahnen zu können, wo und wie Dein
Leben an dem großen allgemeinen Lebensbaume einmal hervorwachsen,
blühen und fruchten wird. Ich gestehe es Dir unumwunden, daß es vor
allem Dein Leben es ist und die Entwicklung desselben, welche mich mit
einer sehr fühlbaren Bestimmtheit nach Keilhau zurückzieht, denn ich wünsche
nicht daß wir d.h. die Anstalt mit Dir als Ganzes in Beziehung auf die
rechte Erfassung u. Pflege der Forderungen Deines Lebens irgend etwas
verabsäumen möchten.
Eben so wenig aber möchte ich hier durch irgend eine zufällige mir ganz un-
schuldig erscheinende Äußerung störend in Dein Leben eingreifen, und doch kann
ich auch von meinem Leben eben so wenig Dir etwas mit solcher Bestimmtheit
mittheilen als ich wohl wünschte; denn (es ist) von einer Seite betrachtet ist
[in] Rücksicht meines Lebens zwar wohl wahr: Vieles ist wieder geschehen, vieles
ist neu begründet worden, vieles hat sich schon in den, gerad am heutigen Tage
sieben Monatten, seit welchen ich von Keilhau entfernt bin, wenn man
es mit dem vergleicht, was wohl sonst im Leben in sieben Monaten ge[-]
schiehet - neu entwickelt und neu gestaltet. Aber sehr, sehr wenig ist in
dieser langen Zeit, so dünkt es mich, geschehen, wenn ich das Geschehene mit
dem vergleiche, was den äußern Umständen nach, wie sie mir klar u. plan vor-
liegen, hätte geschehen können. Wenn ich nun Ursachen u. Gründe davon auf-
zusuchen mich bemühe, so finde ich es sind dieß das unter den Menschen
so höchst schwer herzustellende Einverständniß u Vertrauen u das
dagegen durchgängig herrschende Mißverständniß u Mißtrauen. Forsche
ich aber hier wieder nach den Gründen davon so muß ich als solche /
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erkennen, weil die Menschen das Leben nur äußerlich in Masse, das
Leben nur nach seiner Massenform nicht aber nach dem im Innern dessel-
ben herrschen[den] und bestimmenden wenigstens in ihm, ruhendem Geiste
u. dessen Gesetzen betrachten; weil die Menschen nach jenen innern Gesetzen, nach den Gesetzen des wirkenden Geistes weder ihr eignes Leben
erkennen noch darnach einrichten u. ausbilden wollen; daß der Mensch
so sehr selten in ganz klaren [sc.: klarem] Einverständniß mit sich u. dagegen in
sich in vielseitiger Unklarheit, in vielseitigem Mißverständniß ist.
Klares Einverständniß aber zunächst in sich u mit sich, u Entfernung
der Mißverständniße aus sich u seinem Leben, dieß ist die erste u
Hauptbedingung in Einverständniß mit andern außer sich zu kommen
u. wenn auch ja dieß Einverständniß von seiten der Andern nicht
zu erreichen u zu erringen sein sollte, wenigstens das Mißverständniß
und alles was daraus folgt in sich u außer sich ruhig zu ertragen.
Wie nun lieber Albert! das Einverständniß, oder in der Gemüths-
form ausgesprochen, die Übereinstimmung u. der Einklang in Farben u Tönen
selbst in all den verschiedenen Abstufungen wie mir Deine Gebilde u Dar-
stellungen aussprechen, zu dem Leben Deines Gemüths gehört, so halte sie
diese Übereinstimmung u diesen Einklang auch für das Leben Deines Geistes
u. Deines Handelns, u so allseitiges Einverständniß Dir selbst, in Dir
fest; so mag sich dann auch Dein Leben in der äußern Form entwickeln wie
immer es will, so wirst Du es leicht verstehen u immer würdevoll
führen. Kraft u Mittel trägst Du dazu dann überall u immer in
Dir. Dieß wünscht mit wahrer väterlicher Sorgfalt
Dein erziehender Freund

         Friedrich Fröbel.