Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Theodor Martin in Keilhau v. 9.12.1831 (Wartensee)


F. an Theodor Martin in Keilhau v. 9.12.1831 (Wartensee)
(BN 558, Bl 3, Abschrift von unbekannter Hand, 1 B fol 2 S., ed. Hoffmann 1952, 117f.; ebd. 237 zu Nr. 61 u. in Briefliste Nr. 497 Handschrift als "Orig." angesehen)

18. An Theodor.
Schloß Wartensee am Sempacher See im Kanton Luzern in der
Schweiz am 9en Dezember 1831.·.


Mein lieber Theodor

Zwar kennen wir uns beyde noch nicht persönlich, doch kenne ich durch
Deine lieben Lehrer, Erzieher und Freunde in Keilhau manches von Dir und zu-
nächst genug, um mir die Freude zu machen auch Dir wie Deinen übrigen Genossen
wenigstens ein kleines Briefchen zu schreiben; denn Du übst ja wie ich vernehme
was ich so werth[-] und hochschätze: fromme kindliche Liebe der Eltern. Wie bist
Du, mein Sohn durch diesen Schatz reich für Dein ganzes Leben. Darum pflege
ihn, behüte, schütze und pflege ihn durch alles, was Du treibst lernst und thust; denn
er ist die Quelle des reinsten und höchsten Seegens. Was also nur immer in
Dir geschieht selbst Dein Empfinden und Denken beziehe auf diese Liebe
zu Deinen Eltern. Alles lasse gleichsam aus derselben hervorgehen.
Du hast, wenn auch Du mich gleich noch nicht persönlich kennst, doch wohl man-
ches von mir gehört wenigstens das, daß ich jetzt entfernt von Keilhau sogar
in einem fremden Lande bemüht bin Kindern eine solche Erziehung ein[en] solchen
Unterricht zu verschaffen, wie liebend sorgsame Eltern ihn gern ihren Kindern
wünschen, eine Erziehung und einen Unterricht dessen Grundstein
und Schlußstein dessen Ausganges- und Zielpunkt die Liebe der Kinder
zu den Eltern kindliche Liebe /
[3R]
ist. Ja auch dieses mein Handeln selbst geht wieder aus reiner wahrer Eltern-
liebe hervor, indem ich die Seegnungen davon in meinen eignen Leben empfunden
habe und noch empfinde und darum sie weiter zu verbreiten, bemüht bin
und so, genau erwogen sogar, daß selbst Du jetzt in Keilhau bist und lebst.
Gefällt es Dir also in Keilhau, geht es Dir daselbst wohl nimmst Du zu wie
an Kraft und Ausbildung des Körpers so an der des Geistes und Gemüthes
und daß so wie Dein ganzes Wesen erstarkt sich auch so all' Dein
Leben und alles was von Dir ausgeht und geschieht sich befestigt kläret,
ordnet, so verdankst Du alles dieß dem höchsten Gute und Schatze der
Kinder, welchen ich darum so gern allen Kindern zum Eigenthume
gäbe: - Kindes Elternliebe.
Möge Dir, lieber Sohn! diese Wahrheit durch Dein eignes Leben immer
klarer werden so wird nichts im Stande seyn diese ewig fließende
Seegensquelle, indem sie den Menschen mit Gott innigst eint - Dir
versiegend zu machen. Und dieß wünscht zum Neuenjahre Dir, wenn
auch persönlich unbekannt, doch mit aufrichtiger Lieber [sc.: Liebe] Dir zugethan, Dein
auch in der Ferne sorgsamer
Pflegevater
       Friedrich Fröbel