Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Kinder< v. 3.12./4.12./11.12.1831 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Kinder< v. 3.12./4.12./11.12.1831 (Wartensee)
(KN 32,1, Brieforiginal 4 B 8° 15 ½ S., ref. Hoffmann 1952, 71f.; tw. ed. Heiland 1989, 1-8 [mit Datierung 3.12.1831])

Wartensee im Kanton Luzern in der Schweiz am 3en Decbr 1831.


Meine innig geliebten Söhne und Töchter.

Ihr werdet es mir kaum glauben, daß ich, nach einer um fast siebenmonatlichen
Abwesenheit von Euch, jetzt erst so viel wahre, ruhige Freyzeit bekomme, Eurer
lieben geschwisterlichen Gemeinsamheit einen ordentlichen Brief schreiben zu können
und die freundlichen Beweise Eurer Liebe und Eurer Treue, Eures Fleißes und Eurer
Fortschritte die Ihr mir schon vor mehr als vier Monaten nach Frankfurt am Main
und einige von Euch später auch wieder hieher geschickt habt, mit dem Danke und der Liebe
zu beantworten, welche dieselben theils in meinem Gemüthe genährt, theils darum ge-
weckt haben und doch ist es wirklich so. Ob ich gleich seit meiner bisherigen Abwesen-
heit von Euch, geführt von hohem, festen Vertrauen zu dem Einen der aller Menschen
Schicksale und Begegnisse lenkt, immer so handeln mußte, als wüßte ich schon einige
Wochen und Monate ganz sicher voraus, was in und nach dieser Zeit kommen mir be-
gegnen und wie ich leben würde, so habe ich doch erst durch einen Brief welchen ich erst
gestern empfing über die nächsten Monate meines Lebens eine solche äußerliche Ge-
wißheit erhalten, als der Mensch überhaupt von und über seine künftigen Lebensverhält-
nisse und Lebensumstände etwas wissen kann; und durch diese Gewißheit, diesen Brief
wird es mir eigentlich erst möglich Euch den Brief zu schreiben, welchen zu schreiben sich
mein Herz und Gemüthe sosehr lange schon gesehnt hat. Aber, geliebten Söhne und Töchter!
wie viel lieber käme ich selbst persönlich zu Euch, als daß ich jetzt nur durch diesen Brief
bey Euch erscheine und wie viel lieber bliebe ich selbst persönlich ganz bey Euch, als ich doch
nach dem Schreiben und Lesen dieses Briefes noch persönlich immer von Euch entfernt bleibe.
Doch so gut soll und kann es mir jetzt noch nicht werden; denn zunächst werde ich nun wenig-
stens noch fünf Monate von Euch abwesend und von Euch entfernt leben müssen, hoffe aber
zu Gott wünsche und ersehne es, daß ich zwischen Ostern und Pfingsten künftiges Jahr nach
Keilhau zurück kehren werde.- Wie mich jetzt schon der Gedanke daran mit Freude und
Wonne erfüllt, kann ich Euch nicht aussprechen.- Wenn ich so, die ganze Zeit meiner Abwe-
senheit von Euch auf ein Jahr setze, so macht mich der Gedanke glücklich, daß schon mehr
mehr als die Hälfte der Zeit, davon verstrichen ist.
Ich will Euch nicht auffordern, daß Ihr diese noch längere Zeit meiner Abwesenheit
von Euch, noch recht wohl und gut zum Immer-besser-werden und zum steten Fortschreiten
in Einsicht und Erkenntniß, besonders aber zum Fortschreiten an Tüchtigkeit in Gesin[n]ungen
und Handlungen anwenden möget damit wir uns dann alle zur gegenseitigen unge-
trübten Freude, ja zur wahren Wonne unserer Herzen und Gemüther und in ächter
reiner Freudigkeit des Geistes wiedersehen können; denn Eure mir übersan[d]ten lieben
freundlichen Briefe und Eure wirklich schönen und mit Fleiß gearbeiteten Sachen, und
das was mir zum Theil Eure geliebte Pflegemutter zum Theil Eure lieben Freunde, Er-
zieher und Lehrer von und über Euch mitgetheilt haben, lassen mich dieses schon mit großer
Sicherheit hoffen. /
[1R]
O! es ist, meine Geliebten! schon an und für sich ein gar großes Gut, schon in seinen ersten
Jugendjahren das Bewußtseyn, ja die Überzeugung haben zu können, haben zu dürfen, nach
allen Seiten hin die wir kennen, nach allen Rücksichten die uns bekannt sind, nach allen Ver-
hältnissen hin von welchen wir schon etwas verstehen, sich brav und tüchtig zu wissen; denn
durch das Ganze Leben müssen wir hindurch müssen wir immer besser lernen d.h. an Einsicht
zunehmen um immer desto besseres thun und schaffen zu können; müssen immer um desto
besseres schaffen und thun um immer Vollkom[m]eneres und Klareres zu lernen und so selbst
immer besser und vollkommner zu werden und uns in unserm Wechselverkehr zu allen
Dingen und Wesen und so uns selbst immer klarer und besser zu erkennen.
Auch ich, meine Lieben! so alt ich schon bin, so alt, daß Du, lieber ChristianFriedrich
als ich noch in Keilhau war, mich oft das alte Männchen nanntest - und nun bin ich
doch schon wieder ein halbes Jahr älter geworden - auch ich muß noch täglich lernen.
Nun lerne ich zwar noch immer recht gern aber oft wird es mir doch auch sehr schwer, und
macht mir viel Schmerzen, daß könnt Ihr Euch nun wohl sagen wenn Ihr Euch nur
erinnern wollt wie ich in einem ganz fremden Lande und seit einem Vierteljahre
hier ganz allein lebe und ich eigentlich Niemand habe bey dem ich mich Raths erholen kann,
auch die, wie Ihr vielleicht auch schon gehört habt, welche uns Erwachsene lehren
wollen und sollen oft selbst unwissend, oft ungeschickt und sehr oft böswillig sind.
Darum meine herzlieben Söhne und Töchter, benutzt ja so viel als Ihr immer nur könnt
Euer jetziges gemeinsames Zusammenleben, durch Gemeinsamheit und Wechselhülfe
immer braver, besser und tüchtiger, immer vollkommner zu werden in allen Dingen.
Besonders und vor allem beachtet Euch selbst, betrachtet, beachtet die Eindrücke
die Euer Handeln, Eure Gesinnungen auf andere machen und bemerkt die Folgen davon;
seht, beachtet die Wirkungen, welche die Gesinnungen und die Handlungen anderer
in Euch hervorbringen, vergleicht beyde Eindrücke und beyde Folgen und laßt das Er-
gebniß davon und so sie selbst Euch dienen, Euch selbst und andere immer besser zu er-
kennen, damit Ihr in Euern Handlungen immer sicherer und freudiger, in Euern Gesinnungen
immer tüchtiger und fester werdet. Werdet so Euch selbst in Euch klar, damit es Euch
klar und hell außer Euch werde; denn das Innere, das Gemüth und der Geist des Menschen
ist der Spiegel, gleichsam der lebendige See in welcher sich alle Dinge der umgebenden
Welt abspiegeln und so erkannt werden können; darum haltet diesen Spiegel rein.
Wie Ihr, meine Lieben! wie Jedes von Euch in Keilhau in Eurem jetzigen Kreise
wohl mit 30, 40 und noch mehreren Personen und Menschen in Verbi sichtbaren Ver-
hältnissen und Beziehungen steht, so steht der Erwachsene wohl leicht mit einigen
Hundert Menschen in sichtbaren und mit noch bey weitem mehreren in unsichtbaren
Verhältnissen und Verbindungen; allein in der kleineren Zahl und durch die kleinere
Menge der ersteren lernt man der größeren Menge der zweyten angemessen und
entsprechend leben; darum, meine Geliebten! laßt Euer jetziges höchst glückliches Ver[-]
hältniß, wo ein Jedes bey einem Jeden und über ein Jedes sich befragen und belehren
kann; wo Ihr alle untereinander als Freunde lebt, von welchen Ihr wißt, daß
Jeder schon für sich wünscht brav und tüchtig zu werden, so wie er auch den Andern
brav und tüchtig haben möchte; laßt dieses so einzig schöne und selten glückliche
Verhältniß in welchem Ihr jetzt lebt zur Vervollkommnung Eurer selbst, zur völligen
Tüchtigwerdung nicht unbenutzt vorübergehen. /
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Kinder, Geliebte! Wie ich Euch schon oben aussprach und wie Ihr ja gewiß selbst schon oft nach-
g gerechnet habt, ich meine auch aus Liebe und aus Sehnsucht nach Wiedersehen,- so sind es
nun schon sieben Monate, daß ich von Euch entfernt bin und da habe ich denn gar man-
ches Land und manches Verhältniß, selbst gemeinsame Leben kennen gelernt; allein
noch keines, welches sich mit Euerm gemeinsamen Zusammenleben in Keilhau, mit
Euern jetzigen Erziehungs- und Lebensverhältnisse vergleichen, was ich mit demselben
vertauschen möchte; deßhalb benutzt dieses Euer jetziges Leben ja recht zur Klärung
und Erstarkung Eures Innern, Eures Gemüthes, Geistes und überhaupt Eures ganzen
Lebens. Lernt es nicht nur fühlen und erkennen, nicht nur in Euch wahrnehmen
und beachten, sondern auch im Leben ausüben und anwenden, daß nichts reinere Freude
und höheren Frieden, nichts größere Ruhe und wahrere Wonne des Herzens und Gemüthes
giebt, als mit dem klaren immer still schaffenden Leben in der Natur, welches uns das
Wesen Gottes kund thut in Übereinstimmung und Einklang zu leben, und dieses Leben
und so das Wesen Gottes nicht nur im eigenen Herzen und Gemüthe, gleichsam in dem
von Gott uns dazu gegebenen geistigen Spiegel, sondern in unserem eigenen Leben auch
wahrzunehmen.
Es ist wahr meine, lieben Söhne und Töchter! ich habe wohl seit und während mei-
ner jetzigen Abwesenheit von Euch in Gegenden gelebt die in gar manchem Betrachter
viel schöner und mannichfaltiger, viel fruchtbarer und reicher, viel großartiger
und ausgezeichneter sind als unsere kleinen und einfachen Umgebungen unseres lieben
Keilhau; so lebe ich ganz namentlich jetzt in einer solchen Gegend, wie Ihr aus dem Euch
schon früher übersandten Steindruck, noch mehr aber aus den jetzt mit folgenden klaren
und umfassenden Zeichnungen Ferdinands sehen werdet; aber Ihr Lieben, wenn ich nun
so die Menschen und das Leben der Menschen, welche in diesen schönen und erhebenden Ge-
genden und Umgebungen wohnen mit diesen Gegenden und den Ausdruck derselben,
gleichsam der Lehre und dem Geiste, den Forderungen dieser Gegenden vergleiche, so
kommen mir diese Menschen und ihr Verhältniß zu den Umgebungen, das heißt zu der sie um[-]
gebenden Natur immer so vor, wie wenn man uns zwar Bücher mit schönen, großen
Bildern giebt die wir zwar durchblättern und betrachten können, von welchen uns aber die
Erklärung fehlt, der Sinn und die Bedeutung mangelt; oder wie wenn wir zum Geburts[-]
oder Weyhnachtsfeste Bücher bekommen haben, die wir aber, weil sie in einer uns noch
unverständlichen Sprache und Weise geschrieben sind, noch nicht verstehen, oder wenn wir Spielsachen
bekommen deren Sinn und Geist wir noch nicht fassen können und darum das Bilderbuch
bald überdrüßig und jähnend [sc.: gähnend] aus der Hand legen, wie das Geschichtenbuch todt und
unbeachtet im Schichte liegen und das Spiel gleichgültig überall herumpoltern lassen
und an und beym Besitz aller dieser schönen Sachen doch ohne Herzens[-] und Geistesthätig[-]
keit uns und andern zur Last herumtreiben und zuletzt aus gar zu langerweile ent[-]
weder leere nichtige Sachen treiben, oder gar noch in der schönsten Zeit der Thätigkeit ein-
schlafen oder wohl gar unnütze Sachen und Streiche ten machen.
Ich will es versuchen, meine Söhne und Töchter! noch in zwey andern Beyspielen und
Bildern Euch klar und deutlich zu machen, was und wie ich es meine.- Die Schweiz,
wenigstens die Gegend derselben in der ich jetzt lebe und in der ich früher schon lebte,
möchte ich das Land und die Gegend der rankenden Gewächse nennenen vor allem
aber das Land des Epheus. Überall rankt er sich in die Höhe und so hoch, daß man /
[2R]
oft sein Ende gar nicht mehr erkennen kann: an den kräftigsten Eichen, an den glattesten
Buchen, an den schlankesten Fichten und an den größten Obstbäumen, an den festesten Felsen
wie an dem urältesten Gemäuer, letzteres oft so be- und umkleidend, daß man meint
daß man glaubt die schönsten Lauben und Laubwände zu sehen. Da dächte man nun, in
einer solchen Umgebung, wo die Natur so klar spricht, da müßte auch ein kräftiges und
frisches Emporsteigen am Großen und Schönen der Natur, wenigstens eine wahre Beach-
tung und Freude an derselben zu Hause seyn; dagegen aber wenn man so das Leben ihrer
Bewohner beobachtet, muß man glauben die Natur ist ihnen ein Bilderbuch daß Ihnen todt ist
und sie unbeachtet liegen lassen, weil ihnen die Erklärung dessen mangelt was es eigentlich
in sich enthält. Man sieht in ihrem Leben das heißt in Gesinnung, Handlung und That
keinen Ausdruck von dem was ihnen doch die Bäume und Gewächse die Natur so klar
lehret: Achtung und Beachtung des Tüchtigen, Großen und Guten wo und wie es auch
entgegen trete um selbst als Person und im Leben dadurch und daran kräftig, tüchtig, groß
edel und gut zu werden, um gleichsam daran wie der Epheu ewig grün und ewig belebend
und das Rauhe und Todte mit milden Leben umkleidend, empor zu ranken.- Der Epheu
steigt an den alten, ehemals schützenden Mauern empor und schützt sie so selbst jetzt vor
dem Zerfallen; das sollte sie lehren den Geist und das Streben ihrer Vorfahren zu ehren
und das trug- und täuschungslos schützende Gut der Eintracht und des Friedens welches sie
von ihnen geerbt und bekommen (überkommen) haben unter sich zu erhalten und weiter
auf ihre Kinder, die Kinder ihrer Kinder u.s.w. fort zu erben und fort zu pflegen,
da[ge]gen befrieden und bekriegen sie sich, streuen Unfrieden und Zwietracht aus.- Gestern
Nachmittags (:heut ist der 4e Decbr ein Sonntag:) ging ich mit Ferdinand in einer der
nächsten Schluchten (hier Dopplisch genannt:) spatziren, da standen nun, was mir schon
früher hier als höchst eigenthümlich und beachtungswerth erschienen, die schönsten schlan-
kesten Buchen, neben den kerzengeraden, hohen s glatten Fichten und Tannen und die
Buchen nun so hoch wie wir wohl bey uns kaum welche sehen können, das fiel selbst
dem Ferdinand auf und er sagte: es scheine als lernten die Buchen hiervon, als ahmten
die Buchen den schlanken Wuchs der Tannen und Fichten nach. Seht, meine Lieben!
dieß sollte nun wohl die Menschen lehren, wie sie sich gegenseitig, so verschiedenartiger
Natur und Lebensberufe, Lebensart, sie auch sonst seyn möchten, - zu heben, sich gegen-
seitig Beyspiel und Muster zu seyn sollten; aber dagegen suchen sie sich einander
nur gegenseitig zu verkleinern und herab zu ziehen. Wenn man das so siehet so
könnte man fast, wenn man damit oft seine eigenen Lebenserfahrungen und zwar
nicht bey verschiedenartigen, sondern bey ganz gleichem und ebendemselben Geschlechte
vergleicht, in Versuchung gerathen lieber ein Baum, eine Fichte oder eine Buche als
ein Mensch zu seyn; wenn der Mensch nicht den hohen Beruf und das edle Vorrecht habe
ganz selbstthätig nach GottesGesetz und unter GottesSchutz aus eignem Gemüthe und
Geiste hervor und empor zu steigen.- Eben so ist es eine große Eigenheit des Baum-
wuchses der hiesigen Gegend die ich sonst noch nie bemerkt habe und die mir darum
selbst auf das Höchste auffallend war: nemlich daß hier sehr oft zwey Bäume ganz
entgegengesetzter Natur wie Laub- und Nadelholz, hier immer Buchen und Fichten, ganz gleich-
zeitig und gleichstark fast wie aus einer Wurzel, so daß sie zu Zeiten unten fast wie
Ein Stamm aussehen, frisch hervor und kräftig in die Höhe wachsen, und fast scheint es
als fördere wirklich eines das Wachsthum des Anderen. Dieß sollte nun wohl auch
die /
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die Menschen lehren, wie auch sie in Verein und Einigung mit dem Entgegengesetzten doch ein
frisches und fröhliches, kräftiges und edles Leben führen könnten, wenn sie nur recht tüchtig in
sich selbst, vollkommen, allseitig und treu nach dem, durch Gott in ihrem lebenden und wir[-]
kenden Gesetz schafften u wirkten, empfänden und dächten, genug, lebten.- Da brauchte nun
nicht der eine zu knurren und zu brummen und Gott weiß was noch gar anderes zu thun
wenn der eine fröhliches breites Laub hinaustreibt zum Spiegel der Sonne und zum Fußbo-
den für die zwar unbedeutendsten aber doch, wegen ihrer Lebensweise, merkwürdigsten Thiere,
die Insekten, ja zu ihrer Nahrung so gar; während die Blätter des andern in sich zusammen
gezogen, fast so dick als breit sind und sollen nur andern zur Nahrung dienen; oder
wenn der eine im Herbste von Laub und Blättern sich ganz entblöset, sie zur Erde streu[-]
et, daß man sie nicht nur mit Füßen tritt, sondern sie sogar verfaulen, freylich zum Schutz
unsichtbarer Keime und zur Bereitung neuer nährender Säfte; während der andere
auch noch im Winter seine dichten Blätter, wie einen schützenden Pelzrock anbehält unter wel[-]
chem freylich wohl auch manches Thierchen und Thier vor hartem Winterfrost geschützt ist,
während der andere nackt im Winter zu Bein und Stein zu gefrieren scheint; - oder wenn der
eine nach überstandenen harten Winter dieser prophetischen Vorzeit einer neuen lebens[-]
vollen und seegensreichen Nachzeit, im gesang- und lustreichen Frühling, sein zartes Laub
auch lustig und heiter dem Lichte und der Wärme, den Farben und den Tönen, dem Leben und
Geiste, dem ewig jugendlichen Geiste der sich immer verjüngenden Natur entgegen haucht
während der andere kaum freundlich die Mine verziehet d.h[.] sein dunkeles Laub kaum
kaum einwenig hell und licht färbt. Aber wie ganz anders ist es, wenn man aus den
Bäumen hervor und heraus unter die Menschen tritt.
Mit einer solchen großartigen und reichen Natur und Umgegend wie die hiesige, nun die
unsere nächst Keilhau verglichen wie arm, wenigstens wie klein ist sie; aber dennoch
wißt Ihr nicht nur, sondern in Euern Leben ist gewiß auch durch Euere eigene Beach-
tung Euch schon vielseitig das für den Menschen, den Knaben und das Mädchen, den Jüng-
ling und die Jugend sinnbildliche und bedeutungsvolle der Natur so in den herausgehobenen
Bildern des sinnvollen Lebens des Sinngrüns und des Epheus wieder lebendig geworden.
Beachtet es also und vergeßt es nicht: so ist und hat doch Euer jetziges Leben, wenn
auch in einer kleineren und ärmeren Natur als die hiesige doch überwiegend mehr
Bedeutung und Reichhaltigkeit als das Leben der Knaben und Mädchen, der Jünglinge und
der Jugend des hiesigen Landes in so weit ich es bis jetzt kennen lernte und zu kennen zu
lernen Gelegenheit hatte. So machte ich vor einigen Wochen einen etwas größeren
Spatziergang, da sahe ich in der Hecke am Wege eine ganz herrliche Eiche an welcher
ein Epheustock sich weit oben in die Zweige und um dieselben gerankt hatte, allein
der Epheu war ganz dürr; ich ging näher um die Ursache davon zu suchen und ich sah,
daß nicht allein der Hauptstamm des Epheus, wohl armsdick, sondern auch alle Ne-
benranken desselben mit einem scharfen Beile oder scharfer Axt und durch Manneskraft
zerhauen waren; das that mir nun gar sehr leid und thut es mir noch, sobald ich nur
daran denke. Es mag nun gar wohl seyn, daß der besitzende Bauer dieß gethan hat,
weil er fürchtete der Epheu möchte der Gesundheit oder dem Wachsthume der Eiche schaden;
welche wie ich höre, hier in großem Werthe sind; doch kann ich mir das Schaden des Epheus
nicht recht denken, weil ich alle Bäume an welchen in [sc: ich] jetzt Epheu gesehen, auch
immer noch ganz gesund gefunden habe. Aber mich dünkt, wenn auch die Frucht [sc.: Furcht] des /
[3R]
Bauers wirklich gegründet war, so hätte er doch den Epheu frisch und Gesund sein freudiges
Leben wachsen lassen sollen um seinen Kindern und Knaben sichtbarlich daran zu zeigen:
wie das an sich Schwache, sich an dem Starken emporheben und emporranken könne und
müsse; wie die Beachtung und Nacheiferung würdiger Vorgänger und Beyspiele uns selbst
tüchtig mache, wie die Achtung des ehrwürdigen Alters die Jugend kräftige u.s.w. und
mich dünkt der Werth des Eichstammes und Eichbaumes wäre so dem Bauer durch die Tüch-
tigkeit seiner Kinder vielfach vergolten worden. Sehet, nochmals hervorgehoben, das ist
es, Ihr Lieben und Geliebten! warum Ihr Euer Leben und Eure Umgebung in Keilhau
und Eure jetzigen reinen menschlichen Verhältnisse, Euer jetziges rein menschliches Leben
ja recht beachten und zur Bildung Eures Geistes und Herzens benutzen sollt, damit Ihr
jenes Lebens so lange Euch erfreuen es genießen, es in seinem Werthe recht zu durchdringen
und Euch anzueignen sucht, bis Euch die Vorsehung, Eurer entwickelten Kraft angemessen,
einmal in ein Verhältniß und Gegend umgeben von großen und großartigen Gegenstän-
den führt, daß dann Euer Geist und Gemüthe geweckt und gebildet ist, sie in ihrer Sprache,
in ihren sinn- und bedeutungsvollen Leben und Erscheinungen nicht nur zu sehen und zu
erkennen, sondern in Euer eigenes Leben aufzunehmen. Denn, Geliebte! nur durch un-
sern eigenen Geist und unser eigenes Gemüthe nur durch eigenes Leben verstehen
wir das Leben der Natur, empfinden das Wehen und Leben des Gottes Geistes welcher in
derselben und durch dieselbe wirkt. Fast will es mir erscheinen, daß der Mensch
umgeben von einer sparsamen Natur, sich leichter mit ihr befreunde, und eine spar-
samere Naturumgebung den Menschen persönlich sinn- und gemüthvoller mache als
der Mensch umgeben von einer größeren und reicheren Natur werde. Der Mensch um-
geben von einer großen und großartigen Natur scheint nur das Massige, Rauhe
Rohe von ihr anzunehmen, dagegen der Mensch in einer kleineren, ärmeren Natur
von ihr das Geistige, das Sanfte, Milde, Bildende. Und so nochmals, preißet Euch
glücklich in Eurer sparsamen Natur - die Euch noch überdieß sinnvoll gedeutet
wird, die Ihr versteht und ich möchte sagen, die Euch versteht und welchen Ihr
nahe und vertraut seyd, preißet Euch glücklicher als die, welche zwar in ihrer
Jugend schon umgeben von größeren Naturleben sind, welches ihnen aber ungedeutet
und so bedeutungslos gegenüber steht.
Gleiches möchte ich hier von den Umgebungen der Geschichte, einer großartigen Ge[-]
schichte sagen. Hier wo man so oft die Felder und Gegenden der bedeutendsten Schlach-
ten und die ihnen zum Andenken errichteten Schlachtkapellen findet, wie die Kapellen
zur Erinnerung anderer rein menschlicher Großthaten, wie die Kapellen eines Tell
und anderer und wo man alles dieß immer im Munde hat, bemerkt man im Leben
selbst wenig Wirkung davon, höchstens scheint das Ganze nur wie auswendig ge-
lernte Geschichtchen und Gebete im Gedächtniß zu ruhen, aber man nimmt nicht wahr
daß die umgebende reiche Geschichte auch wirklich das Leben der Jugend auch nur
erwecke, belehre, erhebe und erwärme, geschweige denn ihr Leben einige und kläre.
Ja dieser Geist des Einklangs, der Einigung und der Einheit, welcher sich hier in
Natur und Geschichte, in dem Leben d.h. in den Kundmachungen der Natur und
der Geschichte offenbart; dieser Geist der erkannt und aufgenommen ins eigene
Leben, demselben die höchsten Seegnungen und schönsten Gaben reicht, der scheint ganz
von hier gewichen zu seyn, wenigstens ungeweckt in den Menschen noch tief und fest
 /
[4]
zu schlafen, so leicht er auch in allem, sowohl in der Natur als Geschichte zu wecken und zu
erkennen sey, der Mensch erscheint hier noch gar zu unempfänglich für diesen einigenden
und einen Gottesgeist zunächst in der Natur und Geschichte, so leicht sich auch hier der Mensch
durch die sprechenden Thatsachen der Umgebung davon durchdringen lassen könnte.
Ich glaubte ich könnte Euch nichts besseres, Euch nichts seegensreicheres in diesem Briefe, als
dieses sagen, damit Ihr nicht allein den Unterricht, sondern auch das Leben welches Ihr jetzt
genießet recht würdigen möget, der Unterricht seinem Gegenstande wie seinem Lehrgange
nach zunächst Euch dieses beydes die Einheit und den Einklang in der Natur und der Geschichte
lehrt und weiter, wieder die Übereinstimmung, Einheit und Einigung Eures eigenen Leben[s] damit;
so, daß Ihr Euer eigenes einzelnes Leben nur wie Knospen und Zweige, wie Blüthen
und Blumen an diesem großen Baume von und voll lauter Lebens sehet und wieder diese
Einheit beyder und des Lebens, Eures Lebens selbst, als den Ausdruck des einen leitenden
Gottesgeistes der in allen dreyen in Natur, Geschichte und Leben herrscht fühlt, erkennt
und im eigenen Leben wieder darlebt und kund thut.
Wenn Ihr, meine Lieben! etwas von dem was ich so eben zu Euch allen gesagt habe,
besonders Einzelne von Euch noch nicht ganz und klar verstanden haben solltet, so sind
wohl Eure lieben Lehrer, Erzieher und Freunde so freundlich und gütig gegen Euch, es
Euch zu erklären; denn außer der schon angedeuteten Ursache Euch den Werth Eures jetzigen
Lebens beobachten, erkennen und genießen zu machen, wollte ich es Euch auch noch deß-
halb schreiben, um Euch noch von meiner Seite Euch einen Grund eine Ursache anzugeben
warum ich auf den Antrag und Vorschlag eingegangen bin eine Erziehungsanstalt so
weit von Keilhau und gerad hier in der Schweiz und eben in diesem Kanton zu stiften und
zu begründen, es ist einfach dieser: unsere Lehr- und Erziehungsweise, welche den
Menschen in möglichst inniger Einigung mit der Natur, der Geschichte und den [sc.: dem] Leben,
und den Thatsachen, Gesetzen und Lehren das ist den Wahrheiten der Natur, der Geschichte
und des Lebens und so in Einigung mit Gotte dessen Wesen nur Geist sich besonders in den
beyden ersteren außer uns gleichsam uns gegen über betrachtbar, sichtbar, anschaubar
ausspricht, auch in einer Natur- und Geschichtsreichen Gegend in Anwendung und Aus-
übung zu bringen, damit der Mensch immer mehr in Übereinstimmung mit dem
was uns die Betrachtung der Natur und die Beachtung der Geschichte lehrt und so zur
Einigung mit Gott erzogen werde und in dieser Übereinstimmung und Einigung lebe.
Ob ich aber mein Vorhaben, meinen Zweck, mein Ziel hier erreiche weiß ich noch nicht;
denn ich werde immer mehr belehrt, muß immer mehr erfahren und einsehen, daß es
als ein herrliches, hohes Ziel auch sehr schwer und schwierig zu erreichen ist; darum soll
uns alles dieß lehren wie wir alle das, was wir in Keilhau haben was uns, und jedem
Einzelnen von uns Keilhau giebt, nicht nur recht treu beachten und zu unserem
Wohl und Besten anwenden, sondern ganz vor allem auch jeder an seiner Statt und
nach seinen Kräften, Einsichten und Mitteln pflegen und immer vollkommener ausfüh-
ren sollen und können. Darum sollen wir nicht die Fehler, die Mängel und die Unvollkommen[-]
heiten Einzelner, des Einzelnen und des Ganzen, der ganzen Anstalt oder Schule oder
des ganzen Kreises nur trübsinnig und unzufrieden immer als solche hervorheben nur um zu
tadeln und Gelegenheit zum Tadeln zu haben, noch weniger aber die schon zurück getretenen
Fehler Mängel und Unvollkommenheiten nur immer in gleichen Gesinnungen wieder
hervorzuziehen und aufzuwärmen, sondern da alles Irdische, selbst das Handeln des Menschen /
[4R]
ganz besonders durch Unvollkommenheiten hindurch gehen muß, [(:]weil eben die Würde und
das Wesen des Menschen darinn besteht, daß er, so wie er sie nur erkennt eine Un-
vollkommenheit einen Fehler nach den andern ablegen kann und soll:) - vielmehr die Grün[-]
de und Ursachen aufsuchen nach welchen, wegen der einmal nun bestehenden Umstände, Be-
dingungen und Forderungen jene Unvollkommenheiten Fehler und Mängel nothwendig
entstehen und erscheinen mußten und so hiernach nun die Gesetze aufzusuchen und her-
vorzuheben nach welchen sie - bey Festhaltung des Wesens, der Bestimmung und des Berufes
des Menschen in Zukunft zu vermeiden sind und bey festem im Auge behalten des Allge-
meinen, des Ganzen und der Einheit aller Dinge und Erscheinungen, die Wahrheiten
kund zu thun welche daraus hervorgehen und nun das Leben in Einheit, Gesetz und Wahrheit
auf einer neuen Entwicklungsstufe zu ergreifen und frisch und fröhlich mit dadurch er-
rungener Kraft und Klarheit, dasselbe dem ihm von Gott gesteckten Ziele entgegen
zu führen. Der Einzelne muß aber bey seinen einzelnen oft kleinen und unscheinbaren
Unvollkommenheiten, Mängeln und Fehlern auch, so bald er sie erkannt hat entweder,
was freylich das beste ist, durch Selbstbeachtung oder durch den Blick und Wink anderer,
auch nicht vergessen, wie diese oft stöhrend, ja vernichtend in ein großes Ganze eingrei-
fen können und sie also auch so bald und freudig als nur möglich ablegen und dieß
um so mehr als das Ganze und Gemeinsame sich bemühet ein Reine[s] und Klares
zu werden denn am schon Reinen und Klaren sieht man den kleinsten Fleck am leich-
testen und er kann dennoch zu spät bemerkt dem Ganzen großen Nachtheil bringen;
abb aber im Allgemeinen und durch das Allgemeine besteht nur das Besondere, wie
im Ganzen und durch das Ganze nur der Theil und vor allem in der Einheit und
durch die Einheit nur das, nur der, nur die Einzelne. Ich will (ich) das nur drey Zeilen
aufwärts gesagte Euch durch ein Beyspiel erklären. Ein zu spät bemerkter kleiner
Fleck oder Riß auf reinem klaren Papier kann mich bey einer sorglichen wichtigen Arbeit nöthigen
eine ganze Arbeit von neuem zu machen, wozu mir nun noch überdieß alle Zeit mang-
elt, so daß, wegen der Nichtigkeit der Arbeit dadurch vielleicht viel für mein Leben verlohren
geht, und dieß ist doch nur ein kleiner Fehler an einer Sache, wie viel mehr noch
bey Fehlern an Menschen. Ich könnte Euch hierzu die bedeutsamsten Belege aus dem Leben
geben, doch mangelt mir jetzt hierzu die Zeit, komme ich aber einst nach Keilhau
zurück, so will ich gern das hier schuldig gebliebene Euch nachholen.
Wundert Euch meine Lieben! nicht, daß ich Euch in Euerm Alter das vorstehende
und besonders das obige schrieb, allein es ist in seinen Folgen gar zu wichtig für
das gesammte Leben: Denn eine falsche und trübe Ansicht der Erscheinungen und Be-
gegnisse des Lebens stöhrt nicht nur das frohe und gesunde Leben des einzelnen Men-
schen und bleibt etwa nur in dem Leben und Innern dieses Einzelnen wirksam, son-
dern, wie besonders als Nachtheilige, theilt es sich namentlich jüngern Gemüthern
sehr leicht mit und so wird wohl oft durch einen Einzigen, nicht nur das Leben einer
ganzen Familie, eines ganzen Geschlechtes sondern eine heraufkeimende neue(re)
seegensreichere Zeit eines ganzen Volkes nicht etwa nur getrübt sondern sogar
zerstöhrt; auch meine ich und bin nach den vor mir liegenden Lebenserfahrungen
sogar fest davon überzeugt daß die Einsichten und das Verständniß des angeregten
Gegenstandes wohl jungen Menschen Eures Alters meist schon zugänglich sey
wenn nur sonst noch Geist und Gemüth gesund und frisch und besonders von einseitiger
 /
[5]
und fesselnder Richtung frey ist.
Die gesammten bisherigen Mittheilungen sollen uns allen die wahre Würdigung des
Keilhauer Lebens möglich machen, und wenn wir alle diese erhalten, so will ich
solche gern durch eine jahrlange und wenn es nöthig seyn sollte, längere Abwesenheit
von Euch allen, eine so große Aufgabe mir dieß auch ist, erkaufen, jene Würdigung
ist nicht zu theuer erkauft. Euch, meine geliebten Söhne und Töchter! selbst aus
der Ferne dahin zu führen schien mir nun wie die höchste und beste so die seegensreich-
ste Gabe um Euch dadurch die feste Dauer meiner treuen innigen Liebe gegen Euch kund
zu thun und zu beweisen.
Daß die Umgebung von Wartensee nun auch wirklich so ist wie ich Euch das Schweizer
Land schilderte und Ihr es zum Theil schon kennt, werdet Ihr alle auch wohl schon auf den
kleinen Steindruck gesehen haben, welchen ich Euch zur freundlichen Erinnerung meiner
geschickt habe, denn der große hohe Berg rechts auf der Zeichnung ist der Rigi (französich
Righi) dessen höchste Spitze der Rigi-Kulm, welche auch Ihr auf der Zeichnung sehen könnt,
ist 4362.50 Fuß über den Luzerner See oder 5682 par: Fuß über dem Meere. Um Euch
nun einen deutlichen Begriff und ein klares Bild von der Höhe der Schweizer Berge zu machen
beachtet nur dieß, in der Tiefe des gebogenen Rückens des Rigi liegt ein im Sommer
bewohnter Gasthof Rigi-Staffel genannt, die senkrechte Höhe nun von Rigi Staffel
bis zur Höhe des Rigi-Kulms beträgt schon 480 par: Fuß, und wie unbedeutend
erscheint diese Höhe auf der Zeichnung und von der Ferne gesehen und dennoch ist diese Höhe
noch um 10 Fuß höher als die der höchsten Spitze der Geyersleite über den Hof vor dem
obern Hause in Keilhau welche nur 470 Fuß beträgt. Die Berge auf der erwähnten
Zeichnung über der Hangenweide rechts oder östlich vom Rigi, in größerer Ferne und mehr
weiß sind der Miten und Haken im Canton Schwytz und der mit ewigem Schnee be-
deckte Glarnisch. Der Berg welcher auf der Zeichnung noch mehr östlich oder links, über
den kleinen Häuschen mit dem Schornstein (dem Dörr oder Backofen) liegt - ganz dem
Rigi gegen über ist der Roßberg dessen höchste Höhe die Grypen-Spitz 3516 über den
Luzerner See oder 4836 par: Fuß über dem Meere liegt. Schon dieser Berg einer der
kleinsten an unserm Horizonte ist also wohl über 1500 Fuß höher als unsere höchsten
thüringer Berge. Ihr aufmerksamen Erdkundner könnt mich berichtigen wenn ich falsch
habe. Der Berg an welchem Wartensee, ohngefähr wie Keilhau am Kolm liegt und der
Menzenberg oder Rußwylerberg heißt wird wohl beynahe so hoch als der Oberweißbacher
Kirchberg seyn, denn er ist 2676 par: Fuß über das Meer. Wartensee liegt 1014
par: Fuß unter seiner Spitze also so tief darunter wie der Spiegel der Saale bey Rudol-
stadt unter dem alten Steiger, weil nun aber die Entfernung nicht so weit von Wartensee
ist, so muß man, da sich nicht einmal die Höhe gleich unmittelbar hinter Wartensee
erhebt oft recht wacker steigen wenn man auf seine Höhe will, und mehr das ist steiler als auf dem
gewöhnlichen Wege nach Blankenburg oben im Holze. Wartensee, das Schlößchen, liegt
also um fast 50 Fuß höher über dem Meere als selbst die höchsten Berge um Keilhau, der Rothe
Berg
hinterm Schützthale, dessen Spitze nur 1620 Fuß überm Meere liegt, Wartensee
dagegen 1622 par: Fuß.
Durch das so sehr günstige Wetter in den letzteren Tagen ist es dem Ferdinand möglich
geworden eine sehr klare und genaue Umrißzeichnung der Schnee- und Alpenberge, so
wie wir solche bey günstigem Wetter stets aus den Fenstern unseres Wohnzimmers /
[5R]
in dem Raum des Gesichtskreises ohngefähr von Ost gen Nord bis Süd sehen können.
Ich enthalte mich nun aller hieher gehörigen Mittheilungen, da Ihr durch die Gefälligkeit
Wilhelm Fröbels oder der Güte des Herrn Middendorff gewiß mit dieser Zeichnung und
deren Angaben bekannt werden werdet. Nur eines erwähne ich noch, daß der, wenn
auch erst zweithöchste Schneeberg dieses Horizontes - der höchste ist der Tödiberg 11,076 [Fuß]
über dem Meere - doch der erste und schönste Schneeberg in Hinsicht auf Form und
Schneedecke in unsern Gesichtskreise, daß der Tittlis Nolle, 10,710 par: Fuß übers
Meer zwar nicht aus den Fenstern des Schlosses, aber ohngefähr in einer Entfernung
von 400 Fuß Schritt in das Thal hinab, nächst dem See und auf den Wege nach
Sempach zu sehen ist. Dieser S schon durch den Sempachersee und dessen Umgebungen
reizende und noch dazu auf weichem Sande ganz wa[a]grechte Spatziergang, gewährt
auch eine reizende Aussicht auf die ganze Alpenkette vom Pilatus bis zum Rigi
und Roßberg. Der Tittlis Nolle soll in gerader Richtung von Luzern 6 Stunden
entfernt seyn.
Auch wird Euch einer der genannten beyden eine Zeichnung Ferdinands, eine
Ansicht von Wartensee aus Süden, ohngefähr in der Richtung von Breternitz Wiese
in der Priese gegen das obere Haus zu genommen mittheilen. So wie Ihr darauf fast
den ganzen See, der Länge und Breite nach sehet, so könnet Ihr auch darauf klar
die Lage Wartensees zu Sempach und der Sempacher Schlachtkapelle sehen, und
könnet Euch denken, wie dieses Denkmal hoher Vaterlandsliebe eines Mannes,
genannt Arnold von Winkelried, welcher in einer Schlacht, 1386, die Schweiz von
fremder Zwingherrschaft befreyte - gerad den, nach Osten gekehrten Fenstern
unserer Wohnung (genau genommen wohl nordöstlich) gegenüber liegt.
Herr Middendorff hat wohl die Freundlichkeit gegen diejenigen von Euch,
welchen diese Geschichte noch nicht, oder nicht recht mehr bekannt seyn sollte zu er-
zählen. Ihr Älteren könnet Euch vielleicht die Groß- und Edelthat dieses Mannes
durch das Lesen der Rede ins Gedächtniß zurückrufen, welche in diesem Jahre, wel-
che in diesem Jahre am Jahrestage der Schlacht auf dem Schlachtfelde gehalten wor-
den war und welche ich Euch schon früher zu diesem Zwecke überschickte, aber irre ich
nicht vergessen habe diese Absicht dabey auszusprechen.
Auch müßt Ihr Herrn Middendorff oder Wilhelm Fr: bitten daß einer derselben
Euch, in Rücksicht auf die Umgebungen von Wartensee, Manches aus Ferdinands
Briefen an die lieben Seinigen mittheilt.
Auf meine so eben ausgesprochene Anregung macht sich auch Ferdinand sogleich
darüber eine treue Abbildung der Arnolds Kapelle, d.h. der Sempacher Schlacht-
Kapelle für seinen Schwager Arnold abzuzeichnen.
So bekommt Ihr denn meine Lieben durch Ferdinands Fleiß und Kunstfertigkeit
gar manches so wahre als klare Bild der hiesigen Umgebungen wie ich es Euch
nicht zu geben im Stande gewesen wäre. Drum übt alle wacker das schöne Zeich-
nen, was sich so herrlich durch die Freuden welche man seinen Freunden und Lieben
dadurch bereiten kann belohnt.
Nun werdet Ihr auch gern etwas von den hiesigen Leben und Unterrichtsstunden
wissen wollen. Das äußere Leben ist hier jetzt noch gar viel anders als in Keilhau.
Zöglinge wohnen hier noch ganz und gar keine im Hause, sondern da die Schüler und /
[6]
Schülerinnen nicht sehr weit von hier zu Hause sind (:höchstens vielleicht bis nach Schaala, ge-
wöhnlich aber bis nach Eichfeld oder der Porzmühle:) oder bey Freunden in der Nähe woh-
nen, so kommen sie am Morgen, gehen Mittag nach Hause oder essen bey Bekannten nächst
Wartensee, kommen Nachmittags wieder wie sie nach den Schluß der Stunden wieder
gehen. Wie Du lieber Friedrich es in Keilhau auch machst.
Die Unterrichtsgegenstände sind bis jetzt Lesen, Schönschreiben, reine Zahl, Ziffern[-]
rechnen, Sprachübungen, Sprachanschauung, Rechtschreiben, Sprachdarstellung
Zeichnen, oder vielmehr Linienziehen im Netz und im Freyen, Schweizer Geschichte
und Französisch. Für die Erdkunde welche eigentlich auch mit auf dem Unterrichtsver-
zeichnisse steht können wir bis jetzt noch keine Zeit finden.
Schüler und Schülerinnen haben wir jetzt zwölf, sechs Knaben und 6 Mädchen, wel-
che beyde aber zum Theil schon sehr groß sind. Nun Ihr werdet sie auch gern mit
Namen und alter [sc: Alter] kennen lernen wollen also höret, der jüngste ist wohl Joseph
Widmer
von Voglisberg 8 bis 9 Jahre alt; dann Moritz, Joseph, und Christina
Meyer
Kinder des jetzigen Besitzers des Gutes Wartensee, eines Bauern, 8-9
und 11 Jahre alt;- weiter Nikolaus Fischer aus Sempach 13 Jahr alt; weiter
Maria und Verena Korner aus Eggerswyl 12 und 13 Jahre alt; - dann
Ursula und Jakob Amrein aus Lippertsrüdy 11 und 15 Jahre alt; weiter
Christina und Xaver Sigrist aus dem Seehüsly 13 und 16 Jahre alt; endlich
Kathari[n]a Birrer eine Verwandte der Geschwister Korner 16 Jahr alt. Im Gan-
zen sind alles brave junge Leute. Wacker erscheinen bis jetzt namentlich die zwey
Geschwister Meyer, Moritz und Christina. Moritz ist, wie er bis jetzt fleißig lernt
so auch ein frischer Turner wie er überhaupt ein sehr gesunder kräftiger Junge ist;
und Christina dessen Schwester erscheint bis jetzt, wie ein sehr sittsames, gutartiges
und sanftes Kind so auch recht fleißig. Du liebe Hedwig könntest ihr einmal
ein kleines Briefchen schicken, müßtest Dir aber mit dem Schönschreiben recht Mühe
geben, denn auch Christina giebt sich Mühe. Du liebe Ludowika könntest s an eine
der andern Töchter oder an die übrigen Töchter zusammen schreiben, sie sind wie ich schon
sagte alle wacker und geben sich Mühe aber allen zuvor ist doch Christina Sigrist
die geistig thätigste aber auch die beyden Schwestern Maria und Verena sind fleißig
und liefern schon gute Aufsätze, jetzt Erzählungen welche ihnen vorher erzählt
worden sind. Du lieber Herrman oder Wilhelm könntet an den Moritz schreiben
Du Felix vielleicht an den Jakob, Du Titus an den Xaverius, Carl an den Nikolaus
nur dürftest Du nicht von Deinen Homerischen Helden erzählen, oder wie jeder
sonst Lust hätte. Ihr könntest [sc: könntet] ihnen etwa einen Tag, eine Woche Eures Keilhauer
Lebens beschreiben; oder sie auch nur erst ganz einfach, da Ihr gehört hättet, daß
sie meine Schüler wären zu einem Briefwechsel auffordern; oder von Euern
Spielen im Freyen und im Zimmer; oder ganz allgemein über Euer Leben in
Keilhau, oder ihnen Glück wünschen daß sie Schweizer seyen und daß sie von einer
so bildenden Natur und Geschichte umgeben wären, und wie ihr wäret ihr in ihrem
Falle dieß für Euch und Euer Leben benutzen würdet. Doch alles wie ihr in Euch selbst
Lust fühlet, nur müßte es wohl in Bild und Ausdruck etwas stark, kräftig und kernig
kurz geschrieben seyn, wie diese jungen Leute überhaupt mehr K körper- und geistig
kräftig als körper- und geistesgewandt sind, wie schon ihre Handschriften klar zeigen,
 /
[6R]
welche ich Euch deßhalb hier beylege. Nur Nikolaus macht von dieser Schweizernatur
wie auch dessen Handschrift beweiset eine Ausnahme; Wollt Ihr jüngeren, an
die jüngeren besonders an die Knaben nicht schreiben so könnt Ihr Ihnen ja nur
eine Figur, eine Gestalt ein Gebilde oder sonst etwas Gezeichnetes oder Gemahltes
mit Eurer Namensunterschrift, welche aber gut geschrieben seyn muß schicken.

(:Sonntags am 11 Decbr: Seit dem ich das vorstehende niedergeschrieben habe, hat
sich die Zahl der Schüler schon wieder um einen vermehrt, um den Alois Widmer
aus Neuenkirch - diesen Ort könnt Ihr auf der Schweizerkarte finden, er liegt
an der Straße von hier nach Luzern.- Dieser Knabe mag zwischen 13 und 14 Jahr alt
seyn, ich glaube daß ich mit ihm zufrieden seyn werde, er hat besonders Lust am Schön[-]
schreiben und am Zeichnen zu welchem er auch namentlich Anlage zu haben scheint.
Es ist ein aufgeweckter Junge mit klaren, strahlenden Augen. An diesen könnte
vielleicht Felix oder weil er das schöne Schreiben so sehr liebt, August schreiben.
Gestern ist mir nun noch für morgen abermals ein neuer Knabe, Namens
Xaver Bühlmann [angemeldet worden], ist aus Wengen bey Willisau im Kanton Luzern; er mag 13
Jahr alt seyn und wird bey Bekannten nächst Wartensee wohnen. Endlich ist
ohngefähr vor einer Stunde noch ein junger Mensch, Leodegard Bachmann aus
Eggerswyl vielleicht 16 Jahr alt, von mir gegangen, welcher auch von morgen
an, an dem hiesigen Unterricht Antheil nehmen will; diesem nach werden also
morgen noch zwey junge Leute als Schüler eintreten, so daß dann die Anzahl
derselben 15 seyn wird. Dieser letztere junge Mensch hat mir so auf den ersten
Blick vorzüglich gefallen, er scheint still, bescheiden und doch kräftig. Du Johannes
könntest ihm wenn Du wolltest einmal einen Brief schreiben. Dieß beym Ab-
schreiben als Einschiebsel vom heutigen Tage[.]:)
Schon lange war mein Gedanke Euch eine ausführliche Beschreibung meiner Be-
gegnisse und meines Lebens seit meiner Abreise von Keilhau bis zu diesem
Augenblick zu geben, doch die Zeit mag mir wohl jetzt, so wie wohl überhaupt wäh-
rend meiner muthmaßlich noch dauernden Abwesenheit von Keilhau dazu zu
kurz werden; denn ich wollte darum versuchen Euch zu zeigen wie es auf einer
solchen Reise und unter solchen Verhältnissen bey solchen Begegnissen und Zwecke
in eines Mannes Herz und Kopf, Gemüth und Geiste zugeht, wenigstens wie
es in den meinen auf meiner letzten Reise und bisher zugegangen ist, weil ich
meinte es könnte dieß für Euch alle für Euer künftiges Leben von Nutzen seyn.
Darum will ich es Euch aber doch schuldig bleiben, bis ich wieder zu Euch nach Keilhau
komme. Die schönen Frühlingsabende welche dann schon eingetreten seyn werden,
werden mir es möglich machen Euch dieß auf [der] lieben Bank am Kolm oder
sonst wo zu erzählen. Hier muß ich aber doch auch gleich lieber Johannes und
Titus Euch meine Freude darüber bezeugen, daß Eure Pflege der einen Birke
auf dem Kolme, durch das Forkkommen [sc: Fortkommen] derselben belohnt worden ist. Ob ich sie nun
gleich noch nicht gesehen habe, so danke ich Euch doch dafür, und Ihr könnt versichert
seyn, so oft ich mich in Zukunft dieser Birke erfreuen werde, werde ich dabey Eurer
Liebe und Sorgfalt gedenken. Doch will ich Euch darauf aufmerksam machen, daß
die Birken sehr oft noch im zweyten Jahre absterben, wenn sie verpflanzt worden sind;
so daß also auch unsere Birke am Kolm künftiges Jahr immer noch einiger Pflege  /
[7]
bedürfen wird.
Auch die Nachricht, daß am Kolm und namentlich auch um meine Bank auf demselben
die Blumen so schön gepflegt gestanden haben hat mich recht sehr gefreut. Laßt Euch,
wenn Ihr der Sorgfalt gedenket die Ihr denselben gewidmet habt, ja nicht etwa,
weil ich alles dieß nicht mit meinen leiblichen und sinnlichen Augen wahr genom[-]
men habe, den Gedanken kommen als sey nun, Eure eigene Freude, und die Freu-
de Anderer darüber abgerechnet, alle jene Sorgfalt und Pflege umsonst und in
Beziehung auf mich also ohne Folgen und Wirkung gewesen; Ihr würdet Euch,
wenn Ihr diesen Gedanken Raum geben wolltet gar sehr irren. Ich kann Euch gar
nicht sagen wie oft ich mich, wenn ich an Keilhau gedacht habe der Gewißheit ge-
freut habe, daß, ohngeachtet ich nicht da sey und persönlich davon gar nicht ge-
nießen und wahrnehmen könnte, dennoch bis in das kleinste hin alles was mir
lieb oder werth sey treu und sorglich gepflegt würde. Ihr werdet es einmal
wenn Ihr größer werdet und in eine ähnliche Lage kommt erfahren, wie ein sol-
cher Gedanke eine solche Gewißheit selbst in großer Ferne ermuthiget, frisch und
fröhlich in seinem Berufe macht welcher einen so lange vom Haus und Herde,
Hofe und Garten, Besitz und Eigenthum entfernt; und wie umgekehrt der ent-
gegengesetzte Gedanke entmuthigen und trauernd machen könnte und würde.
Doch Ihr selbst könnt dieses schon recht gut in Eurem Eigenleben wahrnehmen
wenn Ihr bey einer kürzeren oder längeren Abwesenheit Euer Gärtchen, Beet
oder was Euch sonst lieb ist, der Pflege eines Eurer Genossen anvertraut.
Doch es machet auch sonst noch weit hin, aus noch andern Gründen, einen gar schlechten
Eindruck auf Andere und nachtheilige Rückwirkung, wenn das Eigenthum eines Ab-
wesenden von den Zurückgebliebenen achtlos behandelt wird, so wie umgekehrt eine
höchst vortheilhafte mindestens sehr freundliche Rückwirkung auf die achtenden
Zurückgebliebenen fällt und, wie es auch ganz recht ist, überwiegend größer noch
Ihr Gewinn von der achtungsvollen und sorgsamen Pflege ist, als der des Abwesen-
den selbst, wenn er gleich kaum äußerlich wahrnehmbar, sondern sich nur in
geistigen Verhältnissen und Wirkungen kund thut. Was während meiner Ab-
wesenheit in Keilhau und auf dem Kolm u.s.w. geschehen ist, haben gar viel
Augen beobachtet, Ihr habt sie freylich nicht gesehen, denn sie waren gar nicht
in Keilhau, aber - es klingt freylich ein Wenig sonderbar und doch ist es wahr
: - die Pflege, Eure Pflege meines Kolms in Keilhau und ganz namentlich
der Blumen und Gesträucher um meine Bank daselbst haben mir Warten-
see mit gründen und stiften helfen; ja ich will noch weniger sagen sogar die Pfle-
ge meiner lieben Myrthe, selbst wenn sie auch meine Rückkehr nicht erleben sollte.
Ja, meine Lieben und Geliebten! Es ist um das menschliche Leben, um den menschlichen
Geist und das menschliche Gemüth, um die menschlichen Gesinnungen etwas
gar großes und lebenvolles, das macht der Grund dazu ist aus der Quelle
aller Liebe und alles Lebens hervorgeflossen. Wenn Ihr einmal größer
und einsichtiger wahrnehmender werdet, könnet Ihr das alles selbst erfahren;
doch Ihr könnet so jung Ihr auch sonst immer noch seyn möget dieses alles jetzt
schon selbst erfahren wenn Ihr nur recht ruhig in Euren Innern und sinnig beachtend
in Eurem Leben seyn wollet. /
[7R]
Bey diesen meinen Gesinnungen zu Keilhau und namentlich zu Euch, könnt Ihr Euch
nun wohl leicht denken daß ich mir Mühe gegeben habe genau ausfindig zu
machen nach welcher Gegend hin und in welcher Richtung bestimmt Keilhau von
hier aus liegt; da haben wir denn seit Ferdinand[s] Ankunft gefunden und wir
glauben, daß Keilhau von unserer Wohnung und von unserm Wohnzimmer aus
ganz gerad dem Blicke gegen über, über die Sempacher Schlachtkapelle hinweg
in der Richtung nach der Capella schaue; wenn ich also an meinem Arbeitstische
(:zugleich wie Anfangs in Griesheim und Keilhau unserm Eßtische:) sitze und meinen
Blick über den See, bey Sempach vorbey, nach der Schlachtkapelle und über
alle Berghöhen hinweg schweifen lasse, so ist mein letzter Ruhepunkt gerad auf
dem Steiger wo Ihr, wie Du herzliebe Ludowika mir schon in Deinem lieben Briefe
geschrieben und Ferdinand mir nur noch bestimmter gezeichnet hat - eine Ruhe-
bank gemacht habt. Wenn Ihr nun dagegen von dort ohngefähr über die Mark-
tanne auf der Barichauer Höhe, über Eisfeld und Vei[l]sdorf, Stuttgard, Schaff-
hausen Zürich u.s.w. hinweg schauet, so könnet Ihr, wenn Ihr scharfes Geistes[-]
auge habt über die Spitze der Schlachtkapelle hinweg gerad durch unser Drilli[n]gs[-]
fenster hindurch in unser Wohnzimmer und mich, Eurem Blicke begegnend,
am Arbeitstische sehen. Wenn es sehr schöne Abende sind, denke ich mich mir
Euch öfters auf dieser Bank, und dann trifft sich gerad Blick in Blick, Aug
in Aug und möchte sich dann auch Herz in Herz und Sinn in Sinn treffen und
finden.
Da ich noch vorhabe jedem von Euch auf seinen lieben Brief besonders zu antwor-
ten, so bin ich um wo möglich noch zur rechten Zeit fertig zu werden genöthigt,
diesen Brief an Euch als Gesammtheit zu schließen. Aber vorher sage ich Euch
allen noch meinen recht herzlichen freundlichen Dank nicht allein für Eure mir so
sehr lieben Briefe und Eure schönen Arbeiten sondern noch besonders für die so sehr
schöne Bewillkommnung welche Ihr mir am 21 Juny bereitet hattet. Ob ich nun
gleich alles dieß veranstaltete Schöne auch wieder nicht mit leiblichen Augen
gesehen und leiblichen Ohren gehört habe, so hat doch mein Gemüth und Geist alles
vernommen und unvergänglich, treu und lebendig ist alles in demselben aufbe-
wahret, da noch überdieß Eure Liebe, Treue und Ausdauer mir besonders davon
so sehr schöne Zeichnungen und die Blumensträuße so sehr schön gemalt über-
schickt habt; mich dünkt, - es hat sich Jeder nach Verhältniß seiner Kraft, so
gleichviel Mühe gegeben, daß ich keinen auch nicht leise vor dem anderen
hervorheben darf, denn die Zeichnungen zeigen so viel Liebe und Genauigkeit
mit welcher sie gemacht gefertigt worden sind als die Mahlereyen. Darüber aber, und
über die mir sonst von Euch noch anvertrauten Arbeiten, die ich Jedem mit Dank,
in seine Hände bald möglichst zurück geben werde, muß ich Euch aber doch noch,
zur Selbstwürdigung Eurer eigenen Arbeit und damit Euch das ineinander-
greifende Zusammenwirken der menschlichen Thätigkeit frühe schon recht
klar und einsichtig werde; damit Euch durch Euer Leben lebendig und klar wer-
de, wie auch eine noch schwache und an sich kleine und geringe Kraft und noch
überdieß durch ein leicht vergängliches Werk zu einem großen und bleiben-
den Werke beytragen könne, so will ich Euch noch und in Verbindung mit dem
schon oben /
[8]
schon oben darüber ausgesprochenen noch das sagen: - freylich wohl bin ich es welcher
hier und sonst noch erziehendes und lehrendes Wirken neu begründet hat, daß
aber eigentlich auch Eure verschiedenen wackeren Arbeiten dazu mit den Grund
gelegt haben. Ihr könnet und werdet daraus sehen wie sorglich auch der klein-
ste und jüngste Mensch, auch bey Vollbringung seiner Arbeiten und bey und
mit dem Gebrauche seiner Kräfte seyn muß, wie so sehr leicht er sonst etwas
Gutes wenigstens hindern, als aber auch das Tüchtige und Wackere im Gegentheil
fördern kann. Denn wie es auch in Zukunft immer hier kommen möge, so hat
meine Abwesenheit von Keilhau, mein lehrendes und erziehendes Wirken in dieser
Zeit und besonders auch die Begründung von Wartensee, wenigstens zunächst für
uns alle großen, unvergänglichen Nutzen. Eure lieben Lehrer, Erzieher und Freun[-]
de werden gewiß im Stande seyn Euch allen und Jedem auf seine Weise dieß
recht klar, verständlich und leicht einsichtig zu machen. Und Ihr werdet so gewiß
in Euch wahrnehmen, welche seegensreiche sich weit unabsehlich weit verbreiten[-]
de Wirkungen aus einem einträchtigen, gemeinsamen Zusammenwirken her[-]
vorgehen selbst wenn die Kräfte der Einzelnen wie schon erwähnt sogar noch schwach
und unvollkommen sind. Ihr solltet z.B[.] nur die frohen Gesichter und freund-
lichen Augen sehen mit welchen die Wartenseeer Schüler und Schülerinnen kommen
und gehen; mir selbst war dieß noch gar nicht einmal aufgefallen weil ich
dieß von Euch allen immer so gewohnt bin; aber Männern welche gerad beym
Kommen und Scheiden gegenwärtig waren war dieß so sehr erfreulich, daß
sie nicht unterlassen konnten laut ihren Beyfall darüber auszusprechen. Ich
habe einige Knaben die in der Schule sonst immer Ursache zu ihrer Bestrafung gege-
ben haben sollen hier sind sie fleißig und wir sind so ziemlich mit einander
zufrieden wenigstens haben sie in den drey Wochen welche sie nun bey mir sind
keine Strafe und auch keine Schelte bekommen. Da könnet Ihr nun mit gutem Ge-
wissen die Überzeugung in Euch tragen daß Ihr durch Eure freudige Tüchtigkeit schon
dazu beygetragen habt daß einige Knaben, anderthalbhundert Stunden von
Euch entfernt (so weit mag ohngefähr Wartensee von Keilhau seyn) nun einige
Wochen ohne Strafe und ohne Schelte in die Schule gegangen sind nun wißt
Ihr ja wohl was das für ein fröhliches Gefühl ist. Noch gar manches andere hierher
gehörige könnte ich noch erzählen ganz namentlich auch für Euch Größere, denn
Ihr seht wie so viele im Alter schon vorgerückte, die Unvollkommenheit, besonders
das Todte ihres bisherigen Unterrichts fühlen, alle diese führt Ihr also dem freudigen
Gefühle entgegen welches Ihr selbst habt wenn Ihr recht in das Leben des Unter-
richtes, eines Unterrichtsgegenstandes eingedrungen seid.
Möge Euch dieß nun dahin führen nicht allein Euer Einzelnleben eigenes
einzelnes Leben, sondern auch das Leben an sich in seinem Wesen, in seiner Be-
deutung und in seinen Wirkungen zu erkennen, zu beobachten, zu pflegen
und zu gebrauchen.
Nun lebt in friedlicher und einträchtiger Gemeinsamheit als ächte Geschwist-
er recht wohl!- Hat eines oder das andere von Euch einmal wieder etwas
Zeit mit [sc.: mir] einen Brief zu schreiben, so wird es mir sehr erfreulich seyn.- Gott
gebe, daß ich Euch noch alle in Keilhau gegenwärtig finde, wenn ich zurück /
[8R]
komme; es würde mich sehr schmerzen, wenn eines oder das andere, einen oder den
anderen die Lebensverhältnisse und Forderungen, früher von Keilhau rufen sollten
als bis ich dahin zurück kehren kann; auf diesen Fall würde ich, wüßte ich es
vorher mir es möglich zu machen suchen, früher nach Keilhau zurück zu kehren
als es sonst wohl geschehen möchte. Denn es thut mir z.B. sehr leid, daß Gustav
von Keilhau weg ist, ohne daß ich ihn noch gesehen, ja ohne daß ich ihn auch nur
für seine fleißigen Arbeiten meinen Dank gesagt habe. Schreib ihn [sc.: Schreibt ihm] etwa einer
von Euch, so theilt ihm dieses nebst meinen besonders herzlichen Gruß mit.
Nun nochmals, meine lieben Söhne und Töchter! lebet alle gemeinsam und
jedes Einzelne recht wohl. Gott behüte Euch nicht nur in der Gemeinsamheit
und im Einzelnen vor allem Nachtheiligen, sondern stärke, kräftige und erleuch-
te, belebe Euch zu allem Guten und so führe er Euch gleich jetzt mit Vaterhuld
und Liebe aus dem alten in das neue Jahr und lasse Euch beyde Lebensjahre
für Euch Jahre unvergänglichen Seegens seyn; dieß wünsche ich von Grund
meines Herzens
       als
Euer Euch aufrichtig und innig liebender Pflegevater und Freund
FriedrichFröbel.