Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Xaver Schnyder v. Wartensee in Frankfurt/M. v. 21.12.1831 (Wartensee)


F. an Xaver Schnyder v. Wartensee in Frankfurt/M. v. 21.12.1831 (Wartensee)
(Autograph nicht überliefert, ed. Widmann 1869, 179-184, Anrede und Schluß fehlen.
Seitenangaben nach Widmann)

Wenn ich Zeit gehabt hätte, die Briefe, welche ich in der
jüngsten Zeit in Gedanken an Sie geschrieben habe, aufzusetzen
und an Sie abzuschicken, so würden Sie deren wohl seit mei-
nem letzteren Briefe an Sie schon wieder einige erhalten haben;
doch jetzt ist mir meine Zeit zum Briefschreiben sowie überhaupt
meine Freizeit auf das Höchste sparsam zugemessen; denn nur
eben abgemessen werde ich jeden Tag auch noch mit den Forde-
rungen jedes Tages, mit der Befriedigung der Forderungen
jedes Tages fertig. /
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Von des Morgens 7 ½ Uhr bis Nachmittags 3 ½ Uhr
bin ich durch den Unterricht so stark beschäftigt, daß mir oft
nicht, wenigstens kaum, Zeit zum Frühstück und Mittag bleibt;
oft gehe ich deshalb erst gegen Morgen zu Bette. Um 8 Uhr
geht, wie Sie schon wissen, der Unterricht zwar erst an; allein
eine halbe Stunde vorher nehmen schon die Anordnungen da-
zu in Anspruch, damit während der Stunde, d. h. des Unter-
richtes, alles ununterbrochen, stetig fortgehe. Ob wir gleich bis-
her schon einigemal sehr übles Wetter hatten und manche der
jungen Leute bedeutend von hier entfernt sind, so beginnt doch
der Unterricht fast immer mit dem Schlage. Den Unterricht
beginne ich, wie ich ihn in Keilhau begann und wie er noch
immer dort beginnt, mit einem Gebetliede. Ich freue mich, daß
ich zufällig "Gellerts geistliche Lieder," welche im Jahr 1809,
als ich mit meinen lieben Zöglingen und jetzigen Freunden
in der Schweiz war, für uns ein gemeinsames Geschenk waren
- bei mir habe, diese geben mir dann häufig dazu Stoff, so
wie andere ähnliche, welche mir noch von den Morgenandachten
in Keilhau gegenwärtig sind. Gesang war bis jetzt noch nicht
möglich einzuführen, weil es mir noch an einem Gesang-
führer fehlt.
Die erste Stunde von 8-9 ist dann Rechnen, wo ich
und mein Neffe uns in die Befriedigung der verschiedenen Be-
dürfnisse theilen. Im Ganzen sind zwei Hauptabtheilungen, die
meine, welche schon mit Ziffern rechnet, und die meines Neffen,
welche die Kenntniß der reinen Zahl betreibt, und sich noch an
Zeichen übt. /
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In der zweiten Stunde von 9-10 ist deutscher Sprach-
unterricht
. Auch hier zerfällt die Anzahl der Schüler in
zwei große Abtheilungen. Die erste und größere Abtheilung hat
bei meinem Neffen Rechtschreiben und schriftliche Ausarbeitung.
Die zweite Abtheilung hat bei mir Sprachübungen. Diese
Uebungen, die den schweizer, ich wollte sagen, den luzernischen
Schulen fremd zu sein scheinen, sind den Kindern eine wahre
Wohlthat, und sie treiben sie auch gern.
Von 10-11 hat die größere Abtheilung der Größeren bei
meinem Neffen Schweizer-Geschichte; bis Weihnachten hofft
er den ersten Zeitraum bis zum Beginne der Freiheitskriege zu
beendigen. Die kleinere Abtheilung der Kleineren hat bei mir
Lesen. Da jedoch die Verschiedenheit der Bildungsstufen hier
am meisten hervortritt, und um die Kinder doch alle gleich auf-
merksam zu beschäftigen, so betreibe ich in dieser Stunde zu-
gleich Linienziehen im Netz. Auch diese Uebungen, da sie zu-
gleich mit Sprechübungen verbunden sind, sind im Vereine mit
ihrem Einflusse auf Bildung des Auges und der Hand, für die
Kinder des hiesigen Landes höchst wohlthätig. Zwar macht
aller Unterricht den Kindern Freude, weil sie fühlen, daß wie
er ihr Leben weckt, so auch nährt, ordnet und so bildet - aber
doch besonders dieser, wo sie nicht allein fühlen, sondern auch
lernen, ihr Leben und durch ihr Leben gestalten zu können und
zwar Ebenmäßiges, Schönes.
Wie Sie sich nun aus meinen früheren Mittheilungen
erinnern werden, so war mein Vorsatz, den Unterricht am
Morgen mit 11 Uhr zu endigen; und mit dieser Stunde
hören dann auch meine Verpflichtungen gegen die Eltern auf.
Weil nun aber die Größeren die Lust der Kleineren an den
Zeichenübungen bemerkten und wie sie fast stündlich vorwärts
rückten, und es immermehr in Einheit und Mannichfaltig-
keit zu Einheit und Mannichfaltigkeit hervorwuchs, so weckte
dies auch die Lust der Größeren. Erst kamen nur Wenige,
welche um Zeichenstunde baten; da nun aber keine der für jeden
Tag bestimmten 5 Lehrstunden mehr frei war, so entschloß ich
mich, täglich noch eine sechste nämlich von 11-12 Uhr zu /
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geben, und zwar für das Zeichnen. Die Lust und die Fort-
schritte der wenigen Ersten zog nach und nach Alle an, so daß
auch an dem Zeichenunterrichte nun alle die Größeren Antheil
nehmen. Und ich habe hier schon einige Schüler, die mir, ge-
weckt, entwickelt und gebildet durch meine Zauberstäbchen, gar
wunderschöne Gestalten erfinden und zeichnen, so schön, wie mir
für diese Stufe kaum noch sonst welche erfunden worden sind.
Diese Stunde muß ich immer mit Gewalt abbrechen, die Ge-
walt des bildenden und Kunstelementes wirkt wie ein Magnet
aus dem Arbeitstisch (dem großen steinernen Speisetisch) heraus,
so daß die Schüler wie daran festgehalten sind. In dieser
Stunde herrscht ganz besonders vom befriedigten Gemüthe
der Kinder und Schule aus
eine sehr eigenthümliche, eine
sehr wohlthätige Stille unter allen. Doch der Mittag fordert
auch seine Rechte, und es muß 10 bis 7 Minuten vor Schlag
12 Uhr ab- und aufgebrochen werden; nur einer, welcher ein
Zeichner und Maler werden will, schenkt mir auch nicht eine
Secunde von der Stunde. Statt der 10 oder 7 Minuten weni-
ger giebt er sich, wenn es möglich ist, gern noch einen Schwanz
von 7 oder 10 Minuten mehr.
Schnell werden nun die Hände gewaschen. Ist's möglich,
so werden noch einige Vorarbeiten für den Nachmittag gemacht,
wenigstens alles dazu vorbereitet. Nun geht's zu Tisch. Die
schönen Birnen müssen nun gar manchmal ungegessen vom Tische
getragen werden, ja oft ist gar nicht einmal Zeit, sie aufzu-
setzen; denn die Zeit geht schneller als die Zähne; um 1 Uhr
soll schon wieder der Unterricht beginnen, und noch manches ist
vorzubereiten, d.h. noch gar mancher Buchstabe und manches
Wort vorzuschreiben. Lange spielt schon die muntere Schaar
im Garten "Kristi," eine eigene Art Fangspiel und wartet des
Rufes: "Kommt herauf!" Bücher und Tafeln, Feder und
Griffel, alles liegt in Ordnung. Fünf oder sieben Minuten
mag es wohl so über 1 Uhr geworden sein; doch nun geht auch
die Arbeit eben so rasch und munter, aber ruhiger von Statten
als vorher das Spiel, denn die erste Stunde von 1-2 Uhr
haben die Größeren und sonach auch die größere Abtheilung bei /
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mir französisches Schönschreiben; die Kleineren bei Fröbel d. J.
Linienziehen auf freier (netzloser) Tafel, die zweite Hauptstufe
des Zeichenunterrichts.
Von 2-3 Uhr haben die Größeren bei Fröbel d. J. fran-
zösische Sprache und die Kleineren bei mir deutsches Schön-
schreiben. Auch das Französische fesselt wieder sehr. Endlich
sind die Nachmittags-Lehrstunden auch beendigt. In den Tagen,
wo es sehr schön war, ging es nun in den Garten, und es
wurden, da noch keine anderen Zeuge zu Körperübungen vor-
handen sind, Geh-, Lauf- und Springübungen gemacht, die
Letzteren auf dem dazu schon früher bestimmten Raum zwischen
dem Holzhaus und Schlosse, die Ersteren in den Wegen des
Gartens, wo sie sich wegen der eigenen Biegung der Wege,
wenn sich die Knaben gut halten, sehr gut ausnehmen. Die
Mädchen schauen dann den Uebungen ihrer Brüder, denn es sind
fast immer Geschwister, zu. Wegen des feuchten und darum
kothigen Wetters konnten in den letzten Tagen keine Uebungen
gemacht werden. Fröhlich geht nun die Schaar nach Hause,
ein Theil durch den Thorweg, der zweite Theil durch das kleine
Pförtchen. Wie sehr gut beaufsichtigte und geleitete Spiele und
Körperübungen den Menschen entrohen und gewandter machen,
habe ich schon in diesen wenigen Wochen bemerkt; ich möchte
sagen, sie bringen den Menschen - so tritt es mir nämlich,
wenn ich meine jetzige Jugend im Auge habe, entgegen - von
der harten, schroffen, eckigen Steinnatur, der sanfteren, weiche-
ren, beweglicheren, rundlicheren Pflanzennatur zunächst näher.
Wäre es noch nöthig gewesen, mich über die Vorzüglichkeit
und Naturgemäßheit der Keilhauser Unterrichtsweise zu belehren
und mich von ihrer tiefen Begründetheit in der Menschennatur
zu überzeugen, so hätte ich diese Belehrung und diese Ueberzeu-
gung in den fünf Wochen seit ich nun Schweizer Jugend unter-
richte und ich darf hinzusetzen - erziehe (weil ich täglich die
erziehenden Früchte der Lehrweise sehe) in reichem Maße
hier gewinnen können. Doch so klar ich auch darüber belehrt,
so tief ich auch davon schon überzeugt war, so hat doch die mir
wieder hier gewordene Belehrung und die hier gewonnene Ueber- /
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zeugung das Ganze jener Unterrichts-, Lehr- und Erziehweise
als eine lebendige Menschengestalt anschauen und durchschauen
gemacht, ich möchte sagen, sich mir selbst in der Gestalt eines so
er- als umfassend entwickelten und gebildeten Menschen gezeigt. [Text bricht ab]