Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Albertine Middendorff in Keilhau v. 25.12.1831 (Wartensee)


F. an Albertine Middendorff in Keilhau v. 25.12.1831 (Wartensee)
(BN 565, Bl 1-2, Brieforiginal 1 B fol 3 S. Die Numerierung deutet darauf hin, dass dieser Brief zu dem 18 Briefe umfassenden Weihnachtsschreiben an die Keilhauer Zöglinge bzw. und Großfamilie gehört.)

25. An Albertine Middendorff <1r>
Geschrieben aus dem Hause Wartensee im häuslichen Schweizerlande
am Christfeste 1831.·.


       Albertine!

"Eine glückliche, beglückte und beglückende Mutter; sitzend; den schlummernd
lächelnden Säugling auf dem Schooße; die Tochter, noch Kind und Mädchen in sich
einend, lauschend und fromm, des unschuldig heitern Brüderchen sich freuend, am
<Keim>; sinnend; das Bild und das Leben des Vaters und des Gatten, wechselseitig aus ihrem
und des Kindes Angesicht sich entgegenstrahlend;" dieß schönste der menschlichen Bilder
hast Du, Albertine! in Deinem Briefchen und den Zeilen mir gegeben, welche Deine Achtsamkeit
im schönen Sankt Johannesmonat dieses Jahres den lieben freundlichen Briefen der Keilhauer
Lebensgenossen an mich beygefügt hat, und von welchem man nicht weiß, in welchem man
nicht unterscheiden kann, ist er aus Deinem, Deines Sohnes, Deiner Tochter oder Deines Gatten
und Mannes Sinn, Leben und Gemüthe hervorgegangen, so ineinander gewachsen und
verflossen erscheinen sie darinn.
Ein so erhebendes, Frieden in die Brust senkendes, als schönes liebliches Bild ist es vor
allem dem Manne, welcher im Besitz der reichsten und allseitigsten, er- und umfassen-
sten Lebenserfahrungen; bey ruhig, festem, klaren Blikke in die Welt und das Leben
wie es in seinem Irren und Wirren, in seiner Nacht und seinem Grauße, seinem Wahne
und seiner Teuschung, in seinem Truge und seinem Kriege und doch in seiner Leere und Nichtig-
keit, wie es verführt und vergiftet durch die Klugheit, wie erdrückt und getödtet durch die
Äußerlichkeit, in der Wirklichkeit selbst unter denen ist die sich die Gebildeten Verständi-
gen und Einsichtigen nennen - dennoch die feste tiefbegründete Überzeugung in sich trägt:-
- es kann dem Menschen doch möglich werden ein unschuldiges, heiteres, ewig jugendliches
wie ewig schaffendes, ein ewig wahres wie ewig klares, ein völlig sich bewußtes und doch
reines Leben mitten in dem Leben zu führen wie es der That nach ist und in dem Berufe
den jeder sich giebt oder empfängt.
Und diese erhebendste der Überzeugungen, wollte ich da für das schönste der Lebensbilder
welches Dein Briefchen mir zeigt - denn würdig der Gabe würdig soll auch immer auch die Gegengabe auch
seyn - als das Köstlichste was das Leben mich finden ließ, dies zur Gegengabe Dir reichen./
[1R]
Doch, soll die Gabe Dir nützen und soll Dir das Leben erfreun, beachte ein Einzges und Eines, das viel-
fach gestaltet erscheint: - nie ruhe nur Dein Blick auf dem Äußern, nie halt' er das Einzle nur
fest. Denn dieser Blick wohl meint er, er habe handgreiflich ganz recht und hat doch handgreiflich
ganz Unrecht, bey aller Unwahrheit des Lebens hält er dasselbe für wahr. So meint er z.B.
um das Gesagte an einem Bilde deutlich und klar zu machen: alle wahrhaft senkrechten
Linien müßten nothwendig auch gleichlaufend seyn. Der Thor, alle senkrechten Linien
einen sich in einer Mitte sind darum nothwendig immer ungleichlaufend, ja eine zu-
letzt sogar gleichgerichtet; so meint er wohl weiter, weil alle diese Linien eine Viel-
heit von Enden hätten, so konnten sie nicht auf eine Einheit sich beziehen, in einem Einzigen
zusammen kommen ja aus einem Einzigen einer Einheit hervorgehen. Der nicht geringe-
re Thor, eben weil sie in einem Einzigen zusammen kommen wie daraus hervorgehen so
bilden sie die größtmöglichste Menge verschiedenliegender Ende[n]. Darum weiter, so wie Dein
Blick nicht nur vom Äußern zum Äußern gehe, so gehe er auch nicht einzig von Außen nach
Innen, nicht einzig von Innen nach Außen, vom Innern zum Äußern; dreygeeint sey immer
Dein Blick vergleichend sey seine Mitte. Vermeide die Klugheit, welche nur auf dem Äußern
und Einzelnen ruhet und darum eigentlich Unklugheit ist; freylich leichter scheint es in jenem
Sinne klug, als weise zu seyn; doch weise seyn ist dem leicht, der Weisheit in sich findet
und diesen Schatz vor Störung und Trübung bewahrt.
Ich schreibe Dir dieß und schreib es Dir gern, daß wie ich schon aussprach der Gabe die
Gegengabe entspreche; denn schön ist es wohl und viel eine beglückte und glückliche Mut-
ter, jetzt beglückende Mutter zu seyn, doch mehr mehr und schöner noch ist eine glückliche
Mutter glücklicher, beglückter und beglückender Kinder, Kindes-Kinder und Nach-
kommen und dieß mit Wissen und Einsicht zu seyn.
Ich schreibe Dir dieß und kann und darf es Dir schreiben, weil uneigenützig ich's schreibe;
denn laß' ich Erwartung und Wünsche still schweigen, halte ich das Leben in seiner Entwick[-]
lung nur fest, so ist es ungewiß wann und ob ich nach Keilhau zurückkehre; das heißt ob ich, kehre ich
auch für einige Zeit wieder nach Keilhau zurück dann gänzlich dort
bleiben werde. Denn ich suche und erstrebe ein Leben, ein Menschenleben - warum soll ich
länger zurückhalten es ganz plan auszusprechen - welches höher steht als alles was ich um mir
erreicht und dargestellt sehe, ein aus einem innern geistigen Lebensquell zu einem unver-
gänglichen bleibenden Lebensziele lebensvoll fortlebendes Menschenleben, ein fühlend
bewußtes, sinnigschaffendes Menschenleben, als ein geistiges sich verstehendes und darum
widerspruchsloses Ganzleben. Das Menschenleben suche ich, welches auszuführen und dar- /
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zustellen Aufgabe und Ziel ist und darum auch mir, als jetzt bewußt in der Menschheit
lebend. Ein Leben ist mir so Aufgabe und Ziel welches aber selbst dem Keilhau als ei-
nem Ganzen noch nicht einsichtig ist, noch nicht zur friedlich klaren, wahrhaft menschli-
cher Einsicht kommen will, weil es außer ihm darzustellen noch nicht möglich wurde
noch es in sich darzustellen und durch sich, wenigstens weder Vertrauen noch Muth
hatte, ja man darf fast sagen Willen; und gegen seinen Willen kann Niemanden
etwas gegeben werden.
Doch pflegt nur, beschützt nur das Innre, bewahrt nur, entwickelt das Leben, so
wird Innres und Leben Euch wahrhaft aufgehn, Ihr werdet's zu würdigen verstehen,
die Gesetze desselben werden Euch einsichtig werden, Ihr werdet mit ihnen und durch sie
wirken. Inneres und Leben wird dem Keilhau wird in Keilhau als Ganzem aufkeimen
wachsen, blühen fruchten ächt menschliches Leben um Euch alle, durch Euch alle und für
Euch alle, so auch für Dich, um Dich und durch Dich und dann ist mein schönster und
höchster Wunsch für Viele, für die Deinigen und für Dich mir erfüllt.
Lebe recht wohl, Albertine! küsse und grüße Deine lieben Kinder von mir der
ich Euch in Lieb und Treue immer gleich ergeben bin;
Von Deinem Oheim

Friedrich Fröbel.