Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop u. Emilie Barop in Keilhau v. <29./30.>.12. 1831 (Wartensee)


F. an Johannes Arnold Barop u. Emilie Barop in Keilhau v. <29./30.>.12. 1831 (Wartensee)
(KN 32,22, tw. dat. Brieforiginal 1 B 4° 4 S. Datierung: F. datiert: „in den letzten Tagen des Jahres der Einigung 1831“. Der Brief gehört zum Briefzyklus an alle Keilhauer und trägt die Nummer 29, ist also später als der Brief Nr. 25 an Albertine Midddendorff v. 25.12. , also nach dem 25. und vor dem 31.12, wohl am 29./30.12. entstanden.)

29. An Johannes und Emilien Barop
Geschrieben aus Wartensee, dem Hause des Friedens, im Lande der
Sammlung in den letzten Tagen des Jahres der
Einigung 1831.·.


Geeinte Einige!

In Eurem lieben Doppelbriefe in welchem Ihr mir im freundlichen Vereine
mit der so theuern Keilhauer Gemeinsamheit Eure Lebensgrüße sendet erscheinet
Ihr äußerlich noch als ein Zweyes; in Eurem späteren lieben Brief an mich kommt Ihr
wie innerlich Einig so auch äußerlich geeint zu mir. Durch diesen Brief ist das
Alte Eures Lebens auch für mich vergangen und das Neue desselben herrlich nun
auch mir durch Euch, durch Eure Liebe und Euer Vertrauen zur Kunde gekommen.
So lasse denn auch ich das Alte sinken und erfasse das Neue, d.h. obgleich
dieser Briefkranz mir ein Rückglanz von der schönen Briefgabe ist welche mir
der schöne Rosenmonat aus der kleinen Welt in die größere brachte, so halte ich mich
doch bey dieser Rückantwort an Euch nicht an jenen ersten sondern an den später
von Euch gemeinsam erhaltenen einigen Einen. Als der Ausdruck und die Bestätigung
und als der Wiederhall dieses Eures Leben schreibt Ihr mir nun: "die Welt wird
schöner mit jedem Tag, man weiß nicht was noch werden mag."
Ja, Geeinte, Einige! So ist es immer und überall zu allen Zeiten, an allen Orten
und unter allen Verhältnissen, wo ächte Einung des wahrhaft Einigen statt findet, da
sind die Entwicklungen wie stetig erweiternd fortschreitend, so, ohne Absehen ihres
Endes in Wirkung und Gestaltung fortlaufend. Mit einem Worte: wo ächtes
wahres Leben ist, da ist das, was man Ruhe, Besitz, Haben nennt, ferne, kurz das
Leben schließt das feste, Todte bestehende, starre, wie das Todte aus: - wer im Leben
eines der drey Ruhe, Besitz und Haben, halten, d.i fest und erstarren machen will,
der wird nothwendig das Leben tödten. Nur eben das ewige geistige Schaffen und
Werden, Ausgleichen, Ebenen, das ist Leben und nur das allein ist das Bestehende und
Stehende, das Feste.- Niemals ruhen, immer neues wirken, heißt ewig ruhen; -
- nie besitzen, immer fahren lassen, ewig aufgeben heißt immer besitzen; -
niemals haben, immer stetig verliehren, das ist das einzig ewige Haben.- Diesen /
[1R]
Satz, die Erkennung, Freymachung und das Wirkenlassen dieses Satzes in meinem
Leben, - diesen Lebenssatz habe ich, wie man ewig nur durch den Tod zum Leben dringt,
mit einem mehr als tausendfachen wahrhaften Todt erkauft; denn dieser Satz ist
Quelle aller meiner Kriege, meines Streites und Kampfes, meines Unfriedens und
Mißverständnisses mit der Welt, aller Qualen meines Herzens, Gemüthes und Geistes
und Geistes die Niemand mir heben wollte und konnte; denn das Festhalten des
Wahren, der Wahrheit ohne Erkennung, Durchleuchtung und Beherrschen der Sache
des Gegenstandes giebt die so eben genannte Martergesellschaft; oder, wenn
Ihr lieber wollt, auch das umgekehrte: - das Festhalten der Sache, ohne Durchleuch[-]
tung und Einsicht der Wahrheit giebt das ebengenannte gleichfalls.
Und doch ist er so spielend leicht einzusehen dieser Satz, so daß man ihn
durch den Schlaf verstehen kann; - die Zeit ist das ewig ruhende, eben weil es [sc.: sie]
das ewig fließende ist. Wir ruhen wahrhaft in der Zeit, wenn wir in keinem
größten oder kleinsten Theile derselben, - heiße er ein MenschenLeben, ein Lebensabschnitt
oder ein Jahr, ein Monat, Woche, Tag, Stunde, Minute oder nur ein Lebensaugenblick
- eben mit unserm Leben länger verweilen als er selber verweilt; so ruhen wir
wahrhaft auf der Zeit, wie wir stetig von ihr getragen werden. (:Ich kenne ein Spiel
welches dieß sehr schön zeigt, das sogenannte Schwimmen oder Fliegen. Ja diese Hand[-]
lungen selbst beweisen was ich sagen will, denn sie selbst werden nur einzig dadurch
möglich:) wir besitzen wahrhaft die Zeit weil wir jeden Augenblick, aber keinen
Augenblick um einen Augenblick länger besitzen, als er selbst lang ist.- Wir haben also die
Zeit und halten die Zeit fest, eben weil wir keinen Augenblick derselben festhalten
weil wir willig den Augenblick (:Tag, Woche, Monat, Jahr, Lebensalter, alles =
Augenblick gegen die ewige Zeit an sich:) von welchem wir wohl wissen was er brachte
hatte und gab, willig gegen den hingeben von welchem wir noch nicht wissen was er
bringen und haben wird. Wer dieß einsieht und festhält der feyert den ewigen Geburts[-]
tag seines Lebens, dem wird Leben und Welt schöner mit jedem Tag, er weiß nicht und
will nicht wissen was noch werden mag. Nur der Liebende weiß es, liebt es wenigstens
freylich gewöhnlich kurze Zeit genug, der Lebende gewöhnlich vergißt es; der Lebende will
die Liebe binden und festhalten und tödtet sie und doch ist Lieben und Leben eins es sind nur
zwey Richtungen einer Grundthätigkeit im Menschen. Weil wir Lieben und Leben trennen
haben wir Leben und Lieben erschlagen. Die Kunst zu lieben ist die Kunst zu leben; ich /
[2]
habe es vielartig ausgesprochen, doch - ich will hier keine einzel Bemerkungen machen
sie ergeben sich dem der sich ihnen hingiebt bestimmt genug. Nur ein Liebender kann des
Lebens Bedeutung wieder finden und wenn er zu lieben versteht dem Leben die Bedeutung
wiederbringen, selbst und eigenthätig wiedergeben. Wie blüht mir immer wieder und immer schöner
Menschheitsleben und Geschichtsbedeutung vor meinem Sinn auf, ja wohl, das Leben, die
Welt wird schöner mit jedem Tag man weiß nicht was noch werden mag. Und alles
dieß lehrt uns die Beachtung der Zeit, ein Augenblick Zeit. Ihr werdet Euch wohl ei-
ner Morgenbetrachtung ja mehrerer von mir erinnern, wo ich den Satz durchführte:
- was dem Menschen am öftesten begegne sey für den Menschen gewiß zur Betrach[-]
tung und Beachtung das Wichtigste, eben weil es das allgewöhnlichste sey
was ihm begegne; Ihr werdet nun die Wahrheit des Satzes leicht einsehen, denn
was begegnet ihm dem Menschen häufiger öfterer als die Stunden und die Minuten; welche Begeben[-]
heit ist also wiederkehrender allstündlicher als die der nie bleibenden, ewig kommenden
und ewig schwindenden und so ewig bleibenden Zeit?-
Wie dieser Satz, so werden sich einst alle vom Leben ausgesprochenen Sätze
ewig und bleibend wie das Leben selbst ist bewähren und bestätigen.
Um die Erkenntniß und Anwendung dieses einzigen Satzes kann der Mensch willig sein
halbes Menschenleben hingeben, denn in der zweyten Hälfte welche er behält kann er so
ein mehr als vierfaches Leben führen. Und doch brachte mir dieser Satz wie alle die
anderen den Krieg der Welt weil alle diese Sätze den Verlust höher stellten als
den Besitz, ja den Verlust erst eigentlich zum wahren Besitz erhoben und so daher
die herrschende Lebensansicht rein umkehrten, wie dieß überhaupt der Grundcharakter
meines ganzen Lebens und Strebens ist d.h. mit kurzen einfachen Worte das innere
unsichtbar Leben höher stellte und stelle, achte und achtete als das äußere sichtbare.
Doch wer von diesen beyden Lebensansichten das Leben wirklich, erfaßte, verstand
und beherrschte und beherrscht, dieß wird das sich selbst ewig lebende Leben und so in
Ewigkeit kund thun.
Darum war es auch thöricht, mindestens kindisch von mir, bey dieser meiner
der bestehenden Weltansicht rein entgegengesetzen, ihr den Krieg ankündigenden,
sie vernichtenden Weltansicht zu hoffen mit der Welt die nur ihr huldiget in
Frieden zu kommen in Friede zu leben.
Möget nach diesen Mittheilungen, Ihr Geeinten Einigen mir nur glauben daß ich /
[2R]
Euch ganz in Eurem Leben verstehe und fasse; denn mein Leben ist gleich dem
Eurigen ist auch ein ewig geeintes, innig Einiges liebendes.
Es ist bey solchen Lebenserfahrungen welche jeder Mensch einmal im Leben
zu machen vermeint fast unbegreiflich wie man nun so die Güter des Lebens
des ewig beweglichen in das Todte und in das Beharrende hat setzen können. Es
ist fast gleich unbegreiflich, wie man in der sich nie halten und aufhalten lassen-
den Fortentwicklung des Lebens hat am Beharrenden festhalten, das Beharrende
selbst halten wollen. Aber so ist der Mensch in seinem Wahne und er soll so seyn
daß er durch Selbstlehre sich das Wahre finde.- Wird nicht der klare starre
Krystall durch sein Zerfallen zum Lebenden Gewächs, dieses in seinem Vergehen zum
lebendigen Thiere, und die Thiere wieder, welches ist das geistigste, der in der Erde
wühlende Maulwurf, - der auf der Erde kriechende Igel oder der beweglich wan-
dernde. Das wandernde, wandelnde ist immer das Höchste, so selbst wie der der ge-
wanderte gereißte Mensch, und der Mensch d.h. der große, ganz große, das Men-
schengeschlecht hat auch die Zeiten die bestimmten Zeiten seiner größeren Freywer-
dung d.i. seine Übergänge, seine wandernden, vom Steine zur Pflanze, von da
zum Thiere u hier vom kriechenden zum fliegenden, hat nemlich seine Wanderungen[.]
Wir leben jetzt wieder in einer solchen Zeit geistiger Wanderung; ich habe das
frühe geahnt, frühe gewußt; man erinnere sich wie ich in Keilhau und für die
Keilhauer so allgemein auf das Erlernen lebender Sprachen drang, doch wir woll-
ten uns nicht vom unsichtbaren Geiste führen lassen. Ich sprach dieß nur aus
und lasse es nun einmal ausgesprochen, stehen um auf den wahren Geist
aufmerksam zu machen der
in dem Ganzen lebt,
über ihm schwebt;
der es durchdringt,
Mit ihm nach dem Höchsten ringt,
daß wir künftig stille <sinnig> leise ihm nachgehen
bis wir endlich lernen innig ihn verstehen.
Ja an dem Verstehen und Nachgehen dieses großen Zeit und Weltgeistes arbeite ich nun
für Keilhau so lang Keilhau steht und bey den einzelnen Gliedern fast so lang als ich jedes
kenne, wollen wir denn nur immer folgende Kinder, nie gehorsame, hörende Söhne u Töchter wer-
den?- Doch was rede ich, ich rede vom alten Keilhau und kenne das neue nicht, welches sich hat[.]
Von dem Leben zu der Lieb emporgeschwungen - Mit der Liebe ist zum Leben durchgedrungen
Und mit Lieb und Leben hat die Noth gezwungen - darum hat es Lieb und Leben auch als Preiß errungen.-
Weil so, lieblich sich gleicht unser Leben - Laßt in Lieb und [{]Treu die Hand uns geben. / Treue uns die Hände geben.} FriedrichFröbel.