Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 31.12.1831 (Wartensee)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 31.12.1831 (Wartensee)
(KN 32,24 Brieforiginal, 2 B 4° 8 S. + 1 Blatt mit Adresse).

32. An Wilhelmine Fröbel
Geschrieben in Wartensee in der Schweiz lebend in Keilhau in Deutschland
Im Jahre des Einklangs am letzten T. 1831.·.


     Mein innig hochgeliebtes Weib.

Wie freue ich mich auch um Deinetwillen daß ich mit dieser obgleich mir
sehr lieben, mir selbst viel Freude machenden Arbeit nun zu Ende bin, von
welcher dieser Brief an Dich, durch seine Bestimmung nun der würdigste und
schönste Schlußstein ist; denn auch Dir haben gewiß wie mir zum öfteren
die lieben Kinder und treugesinnten Zöglinge recht weh gethan, wenn sie bey
und nach angekommenen Sendungen von mir in ihrer kindlichen so gegründeten
als gerechten Erwartung nun doch endlich auch ein paar Zeilen von mir zu bekommen
immer und mehrmals wiederkehrend geteuscht wurden. Ich habe mich schon in dem
Briefe an die Söhne und Töchter darüber ausgesprochen kaum wiederhole ich darum
nochmals, es s war mir schlechterdings nicht möglich, die Briefe in ihrer Gesammt[-]
heit werden dieß beweisen; und von diesem Gesichtspunkt, nemlich von dem
Ganzen der Briefe aus möchte ich sagen: ich freue mich daß mir es nicht eher mög[-]
lich war, möge jedes Glied der jetzt briefempfangenden Gemeinsamheit diese Über-
zeugung mit mir theilen.
Mögen Euch nun meine Briefe als herzinnigen Dank für Eure Liebe und Treue
gegen mich im alten Jahre so besonders auch Dir mein trautes Weib ein recht
friediges und freudiges und wie man in der Schweiz sagt: Glückhaftiges
neues Jahr gebracht haben und bringen; ein Jahr in und während welchem
für jeden von Euch alles höchste Menschenglück und reinste Seelenglück haftet.
Was habe ich Dir meine Wilhelmine nun noch zu sagen? – nur das
habe ich Dir noch zu sagen, was ich [sc.: Du] in jedem der Briefe welche ich an jedem schrieb
schon gelesen haben [wirst] und noch lesen kannst; daß Deine Liebe und Dein Leben, die
Seegnungen Deiner Liebe und Deines Lebenes mich überall umgeben daß durch
Deine Liebe und durch Dein Leben mir alles wird und ich alles besitze, was
Deine Liebe mir wünscht, daß ich in nichts Mangel leide; es beruhigt mich
recht Dir dieß so aus voller Seele und mit wörtlich treuer Wahrheit schreiben /
[1R]
zu können, Dir meiner so treu sorgenden als liebenden Seele mit welcher das Leben
selbst zu theilen mir jetzt nicht möglich ist; ja Dir eben darum sagen zu können
wie mir gar oft ist wenn ich so die eigen günstigen und fördernden Lebensumstän[-]
de um mich walten sehe als fühlte ich nicht nur Deine Liebe Deine Gesinnungen
sondern sogar Deine Hand und Deinen Arm durch welchen mir alles wird. Wie
nun das alles so ist und so wird könnte ich sehr leicht dem nachweisen der mich
darnach fragen wenn er die Antwort darauf nichtalsbald in seinem Gemüthe
finden sollte als er sich nur wahrhaft in den Geist des Lebens versetzt. Ich
bin nun schon seit langer Zeit mit Ferdinand ganz allein dieß macht die gesagte
Empfindung um so lebhafter und wahrer, daß es mir immmer ist als geschehe und
würde mir alles durch Deine Sorgfalt Du selbst aber seyest nur eben in einem
anderen Raume des Hauses häuslich thätig und wirkend. Und so habe ich unter
anderm gar oft dasselbe Gefühl was ich wohl so oft in Keilhau hatte wenn
Du längere Zeit noch vom Tische abwesend warest, so wünsche ich michr Dich fast
bey jeder Mahlzeit hieher, mir sagend wie dann bey aller hier herrschenden Sorg-
falt, Ordnung, Reinlichkeit doch noch gar manches anders, wenigstens der lieben
eingelebten Gewohnheit angemessener seyn würde. Freylich muß ich sogleich
dadurch mit einsehen wie Dir eben diese hiesige doch ganz andere und eigene Leb-
weise, besonders bey der schwierigen (möglichen) Verständigung mit den Menschen
und sonst bestimmten Eigenheiten derselben – gar manche Unannehmlichkeit brin-
gen würde; unsere Art zu leben und das Leben einzurichten z.B. das Kochen dünkt
ihnen, wie die Schweizer sagen „g’spässich“.
Doch was hilft hier wünschen und meinen, die Lebensforderung, die Lebensverhält-
nisse und das was dem Leben möglich ist und möglich wird, das muß entscheiden
und dann können wir frey und selbstthätig wie immer im Leben wählen ob wir
diesen Lebensforderungen nachkommen und nachleben wollen oder nicht. – Vor
jetzt will ich also davon schweigen, will die Entwicklungen des neuen Jahres
abwarten und Dir dann offen schreiben wie alles ist, jetzt wäre es ja so unnö-
thig.
Aus demselben Grunde und warum ich wegen der weitern Entwicklung und
überhaupt noch in Beziehung auf die Zukunft schreiben schweigen muß, aus demselben
Grunde mag ich eigentlich jetzt noch nicht kann ich eigentlich wirklich noch nicht nach /
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Berlin schreiben. Da mein Leben stetig innig einig mit dem Deinen fortlebt
so ist es natürlich daß ich auch unzählig oft der lieben Mutter und Tante
gedenke, so ist mir denn auch vor einigen Tagen der Gedanke gekommen
ob es nicht, da Du jetzt in Keilhau so viel Stoff und Material zu Mittheilung
hast, zweckmäßig wäre aus mehreren der verschiedenen Briefe einiges Wört-
liches heraus zu heben und dieß gerad wie es dort steht der lieben Mutter und
Tante mitzutheilen, vielleicht wäre diese Mittheilungsweise in welcher ich rede
und nicht reden würde sogar weit zweckmäßiger als ein unmittelbarer Brief
von mir in welchem ich gleich so bestimmt als ich reden muß, und dadurch viel-
leicht gleich zu bestimmt oder auch wohl zu unbestimmt rede. Wenn Du die Stellen
leicht bezeichnetest, so wäre wohl einer und der andere der lieben Pflegesöhne so freund-
lich sie abzuschreiben. Ich hatte schon bey den Sendungen der lithographirten Ansichten
Wartensees eine nach Berlin geschickt bestimmt leider hatte mir der Lithograph nicht mehr
sich meiner Bestimmung erinnernd, nicht genug Abdrucke überschickt. Jetzt habe ich
noch einen hier liegen, wollte ihn schon bey der letzteren Sendung beyfügen wurde aber
zurück gehalten, wie es jetzt geht weiß ich nicht. Sollte es mir dießmal auch nicht mög[-]
lich werden das Blatt beyzulegen willst nicht [Du] einen der schon gesandten Abdrucke
nach Berlin schicken? – Ich ersetze ihn herzlich gern und zwar bey Gelegenheit einer
der nächsten Sendungen die ich gleich erwähnen werde. Überlege doch meinen
Vorschlag liebe Wilhelmine. Auf jeden Falle füge Deinem nächsten Briefe nach
Berlin meine herzinnigsten Grüße an die theure Mutter und geliebte Tante bey
sage Ihnen [sc.: ihnen] , was ich schon aussprach, daß ich ihrer unzählig oft gedenke, daß ich darum ge-
wiß ihnen auch schon längst geschrieben hätte, wenn ich nicht erstlich das jetzt möglichst
Beste zugleich mitschreiben möchte, daß ich mich aber doch auch sehr scheuete etwas zu
schreiben was nicht gleichsam schon da gewesen d.h. in Erfüllung gegangen wäre, die
Lebensverhältnisse auch der gesicher[t]sten und besten, zu welcher Art ich auch die Warten-
seeer mith großem Vertrauen zählte, - aber doch immer einen langsamen Gang
gingen und dieß vielleicht um so mehr als sie die so eben gebrauchten Beywörter
verdienen. Du kannst Dich als Bürgin meiner reinsten und thätigsten kindlichen und
Sohnes Gesinnungen freudig einsetzen, ich werde Dich eben so wenig im Stiche lassen
als es der Bürge in Schillers Bürgschaft wurde. Gott erhalte Ihnen [sc.: ihnen] beyderseits
noch viele Jahre hindurch die Gesundheit mindestens, welcher sie sich und wir mit Ihnen [sc.: ihnen]
uns erfreuten /
[2R]
uns erfreuen.
Ich sprach eben von einer möglichen folgenden Sendung. Ja der Luzerner Litho-
graph zieht uns mit der zweyten Ansicht Wartensees so lang hin, daß ich sie
leider, wie ich sicher hoffte wieder nicht mitschicken kann. Dagegen bekommt Ihr
wieder zwey schöne Blätter von dem Fleiße und der Liebe Ferdinands gezeich-
nete Blätter, es ist ein treues Spiegelbild unserer jetzigen Wohn-, Arbeits-,
Lehr-, Speise-, Gesellschafts- und Frühstücks Stube und außerdem allem noch Vorraths-
Kammer und sogar grünes Gewölbe (Dresden) oder Silberzimmer. In alten Zeiten
war es auch die Schatzkammer der Edlen von Wartensee; sie ist aber leider schon
vor unserer Ankunft geleert gewesen und ist jetzt zu nichts mehr davon zu sehen
als die eiserne Thüre, welche in der Thürzeichnung rechts an dem X zu erkennen ist.
Jetzt ist dieser Raum das Bücher<schicht> der Kinder.
Auf eben dieser Zeichnung unten links in dem Schranke ist unsere Vorrathskammer
für die Materialwaren. Auf der <höheren des> Ich habe schon Wunder geglaubt
was ich schon alles von dem Panorama unserer Wohnstube ausgesprochen habe
und doch habe ich wirklich noch das Schönste vergessen nemlich daß es auch unsere (Dresdner)
Gemälde Gallerie ist und welche Gemälde enthält es? Darstellungen von allem
was ein ganzes Jahr enthält, und was kann ein Jahr in seinen vier Jahreszeiten
nicht alles enthalten? - - Eines hebe ich nur herauf es ist das schönste Raphaelsche
Gemälde unserer Gallerie, es ist nemlich des Schreibers dieses liebes Pathchen, All-
wina, gezeichnet als kleine, sich ihrer schönen Früchte freuenden Pomona. Nun so
viel bin ich doch gewiß ein Maler in R. hätte sie mir um theures Geld nicht leicht
treffender nach dem Leben gemalt als dieser Mahler, wohl 100 Jahr früher ehe sie lebte, sie mir
unentgeldlich gemalt hat. Daß mein Gemälde treu ist sagen schön die Äpfel und die Freude im Gesicht darüber.
Unser grünes Gewölbe und Silberzimmer ist der Schrank rechts auf der Fenster[-]
zeichnung, sich auszeichnend durch sein schönes Schnitzwerk, Uhr u.s.w.
Ich hoffe wenigstens unsere Stube wird sich durch ihre Architektur dieser vielfachen Würden
würdig zeigen; nur dürft Ihr sie Euch freylich keinesweges so klar denken
als sie die Zeichnung nur geben kann, sondern wie ich schon schrieb dunkel trüb
nußbraun, vielleicht besser rauhgrau; Ihr würdet Euch sonst beym Eintritt in
dieselbe etwas unangenehm geteuscht fühlen. Vor mehr Jahrzehenden als die beyden
jetzigen Bewohner zusammen zählen mögen aber auch die verbrannten Lichter ihr malendes
Andenken zurück gelassen haben. Mit all diesem kontrastiren nun aber auch um so köstlicher /
[3]
die freundlichen Aussichten in die klare frische, ewig junge, liebliche und erhabene Umgegend.
Allem diesen zuvor freue ich mich aber bey Übersendung dieser beyden Blätter, daß
Du Dich nun in Gedanken in mein Lokal versetzen und [mich] in demselben aufsuchen kannst;
denn wie Du aus seinem angegebenen Gebrauche siehest lebe ich von Morgens früh
bis tief in die Nacht darinn. Von ½ 8 – 8 wird gefrühstückt. Mein Platz ist auf dem
oberhalb des Tisches angegebenen Stuhle. Um 8 Uhr gehen die Stunden an; ich beginne
sie an demselben Platze. Von 8 – 9 Uhr ist Zahl. Meine Classe, die größere und vorge-
rücktere sitzt an dem angegebenen Steintische, welcher aber dann noch durch einen Aus-
zug um die Hälfte vergrößert wird. Die anderen Schüler sitzen an zwey anderen Tischen
welche aber um das Zimmer rein zu erhalten auf der Zeichnung so wie all die Stühle nicht an-
gegeben sind. Schlag 12 Uhr wird gegessen; mein Platz der bezeichnete. Von 1 – 2
habe ich wieder mit den Größern und der größern Classe an diesem Tische französisches Schön-
schreiben. Nach den Lehrstunden, um 3 Uhr geschlossen, führt große Lernlust mir drey
Schüler zurück, zweyen gebe ich an diesem Tisch Zeichenunterricht und einem im Rechnen;
unter den ersten beyden ist die fleißige kleine Christina. Nach 4 Uhr wird an diesem
Tische im wörtlichen Sinne vieruhrbrotet. Von ½ 9 – 9 wird gewöhnlich zu Nacht
gegessen mein Platz immer derselbe. Jetzt ist mein und Ferdinands Schlafzimmer ge-
rad über der Wohnstube. Da wird dann durch das schon früher erwähnte Treppchen
hinter dem Offen [sc.: Ofen] auf- und abgestiegen, was ganz eigen anzusehen ist, weil es mit
ganz eigenen Kunstgriffen geschehen muß.
Hoffte und wünschte ich nicht Du könntest und würdest in der Mittheilung dieser vielen
Einzelnheiten und scheinbaren Äußerlichkeiten den gewissen Beweis finden wie so herz-
innig lieb mir das Bewußtseyn ist Dich in jeder Zeit um mich bey und mit mir zu
wissen ich könnte mir selbst dieselben nicht verzeihen; so aber hoffe ich liebreich
Verzeihung von Dir deßhalb. Nun aber doch genug zumal da Dir Ferdinands Brief
gewiß auch bekannt werden wird, und dagegen zurück zum Ganzen welches sich durch diesem
Brief in sich selbst schließt. Schön einen und schließen sich Anfang u Ende, Dein Brief d.h.
der Brief an Dich in den und an [den] Brief an unsern ChristianFriedrich von welchem ich
ja fest hoffe daß er sich noch immer werth und immer werther zeigen wird Dein
Sohn und mein Sohn und unserer Liebe würdig zu seyn. Du findest geliebtes Weib
hier gleich durch die Thatsache ausgesprochen was ich eben durchs Wort thun
wollte daß das Ganze Briefganze welches Ihr nun erhalten habt ebenso aus dem
Lebensganzen [hervorgegangen ist.] /
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All die vielen Briefe nun an alle und an jedem Einzelnen welche Ihr in diesen
beyden letzeren Sendungen von mir erhalten habt, alle und jeder einzelne ist an Dich mit ge-
schrieben Du empfangest sie und ihren Inhalt mit, sie gehören Ihrem [sc.: ihrem] Inhalte nach
ganz Dir nur meine Wilhelmine und dieß von Rechts wegen, denn was sie sind
ihrem Inhalte und ihrer Form nach d.h. was sie in beyder Beziehung irgend etwas Gutes
sind, sie sind mit aus Deinem Leben, dem Schmerze und der Liebe Deines Lebens
und Deines treuen, festen Vertrauens zu mir hervorgegangen, denn ich sehe nicht
ein, ich kann nicht einsehen wie das Leben welches sie enthalten sich sonst ohne Dein
innig liebendes, schonend tragendes und doch so schmerzvolles Theilen meines Lebens sich
hätte so entwickeln können und doch muß ich Dir sagen daß ich [in] dieser Entwicklung
meines Lebens alles gefunden und jetzt in der wahrhaft einsiedlerischen Zurück[-]
gegangenheit immer noch mehr, ja eben in derselben alles erst recht wahrhaft finde
was mein Gemüth u Geist früh zu finden anstrebend; jetzt aber auch es in sich gefunden
habend ganz beruhigt ein eben so friedliches als freudiges Leben ist. Darum gehören
nun nicht etwa blos alle diese Briefe ihrem Inhalte nach Dir, sondern das Leben
aus welchem sie hervorgegangen sind, mein Leben, und ich freue mich herzinnig und,
ich weiß, unvergänglich dieses Angehörens.
Was nun aber diese sämmtlichen Briefe davon immer enthalten mögen, so
ist es doch nur unbedeutend gegen das so wohl Einzelne und Besondere, als
Allemeine und Ganze was ich Dir noch von meinem Leben meinem, inneren und
innersten Leben zu sagen hätte; die Entwicklungen wie die Begegnisse desselben
(: auch das innere und innerste Leben hat seine Begegnisse :) sind so reich, daß ich
bleibend sitzen und schreiben könnte und sie dennoch nicht alle außer mir mit-
theilen könnte, denn ehe ich mit der Mittheilung des Alten zu Ende wäre
würden sich mir dadurch schon mehrseitig neue Entwicklungen gezeigt haben und stets ze[i]gen
welche ich eigentlich nur schon wieder mitzutheilen hätte ehe ich nur noch mit der
Mittheilung des Alten zu Ende wäre u.s.w. So ist es mir nun zeither [sc: seither] bey
meiner eigenen Selbstmittheilung vielgegangen, so daß ich sehr oft fürchtete
die Summe der geistigen Entwicklungen in mir, auf in mir zu bearbeiten und für mich festzu[-]
halten. Eines ist aber das Ergebniß von Allem: Es ist mir dann immer als
lebte ich in einem geistigen und wahrnehmbaren Lebensverbande, wie der
Fisch im Wasser, der Mensch und besonders der Vogel in der Luft; - diese Mitthei- /
[4]
lung mußmir jetzt genügen. Sie kann mir genügen denn Dein Gemüth theilt ja von dem früh[-]
esten Zeiten an mit mir gleiche Lebens-Wahrnehmungen:
Willst Du schau’n das gleiche Wesen.
Kinderpflege hat sich’s früh erlesen.
Willst Du seinen Namen wissen
Frag den Säugling auf dem Kissen
Dem es Hemd ihm hat gebracht
Und ihm lieblich Dank gelacht,
Les’ ihn in der Mutter Blicken
Die ihm Dank und Liebe nicken.
Menschlichkeit wird es genannt,
Edlen Seelen wohl bekannt.
und in unserm gemeinsamen Leben die gleichen Lebenserfahrungen. Wohl waren
sie schmerzvoll und herb diese Lebenserfahrungen; doch ich spreche jetzt mit dem
Taucher in Schillers Gedichten – welcher Taucher mich schon vor mehr als 20 Jahren so hoch-
wichtiges lehrte, und Du sprichst es gewiß auch für mich mit: - „es war mir zum
Heile, es riß mich nach oben,“ und hoffentlich noch Viele mit mir; mein Gemüthe
sagt mir so Viele, als in dem Becher in meiner Rechten, mit welchem ich Lebenswasser
aus der Tiefe schöpfte Tropfen des Wassers sind. Doch freylich auch wohl
Gar
Manchmal stieg ich hinab
In des Lebens finsteres Grab,
Und von des Lebens tief unterstem Grunde
Bracht’ ich empor uns des Lebens Kunde;
Denn in des Lebens grausiger Nacht
Seh’ ich wie Leben und Liebe erwacht.
Sah’ sie im Tod und im Hasse pflegen,
Lernte vor’m Tod u vor’m Hasse sie fragen. -
Hab’ auch erworben die liebe Gestalt,
Hab’ mir den schönsten der Preise errungen;
Nimmer wird Leben und Liebe mir alt
Sind auch längst Liebe und Leben verklungen! - /
[4R]
Und diese gleichen Lebenswahrnehmungen und Lebenserfahrungen, diese Einheit und
Gleichheit unseres Lebens müssen Dir den unleugbarsten und schönsten Beweis auch
unseres stetigen innigen Geistigen Eins seyns seyn; unseres Einsseyns in Liebe und im Leben.
Leben und Liebe sind ewig verbinden
Lindern sich wechselnd die den schmerzlichsten Schmerzen
Heilen sich wechselnd die tiefsten Wunden,
Führen in’s Innre von allen Dingen,
Lehren uns den Geist verstehn,
Achten auf sein gleiches Wesen
Machen dem Leben das Leben entschwingen
Wohnen ja beyder im nemlichen Herz.
Ja mit diesem treuen Herzen in welchem ein immer höher sich hebendes im[m]er
fried- und freudvolles Dir gehöriges Leben und die immer innigere Liebe Deiner
wohnt sage ich Dir, meine Wilhelmine! alles, was sich verstehende einige Seelen
sich in den letzten Augenblicken eines scheidenden und vor der Pforte eines eben
hervortretenden neues Jahres wo und wie wir eben jetzt stehen sich sagen.
Lebe wohl! lebe wohl! muß mir seyn all einschließender Ausdruck hier seyn
Ewig
       Dein

               FriedrichFröbel.

Spätere [zu] lesende Anmerkung. Auch für diesen Brief war ein rein geistiger Inhalt bestimmt, der Gedanke dazu auch schon gefaßt
das Saamenkorn gesäet, es drängt sich auch im Briefe wohl selbst schon hervor; allein es konnte ihm nicht
die Zeit gegeben werden sich zu entfalten und doch bedarf auch das Höchste zu seiner Entwicklung zu seiner Gestaltung der Ruhe, der Zeit, was freylich der Mensch noch immer so sehr wenig verstehen will. Doch ich werde auch wohl noch einmal Zeit gewinnen das Saamenkorn sich entfalten zu lassen. Hab wohl schon gar
mannichmal einen Gedanken pflegend durch Jahre hindurch in mir getragen und so kann ich es auch wohl noch jetzt. Eins bleibt darum ewig wahr,
Eins nur erfaßt die Liebe, das Leben;
Weil’s aber gebunden an Tod und an Hassen
Will’s Niemand erfassen; -
Es ist aber die Lieb und das Leben. - /
[5]
[Adresse] 32
        An
Frau Wilhelmine Fröbel
      in Keilhau.
[5R]
[vakat]