Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 13.1./14.1.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 13.1./14.1.1832 (Wartensee)
(KN 34,2, Brieforiginal 3 B 4° 10 S. )

Schloß Wartensee am 13en Jenner 1831.·. [sc.: 1832]


Der lieben geeinten und einigen Keilhauer Gemeinsamheit
des Herzens Gruß zuvor,
Geliebte und theure Einige.

Mit ruhig klarem durch[-] und überschauenden Blick ruht mein Auge mit Freudig-
keit auf dem Ganzen und der Entwicklung desselben welche es veranlaßt durch die
Appenzeller Zeitung, besonders durch Euer Gesammt- und Zusammenwirken erhalten
hat. Zwar habe ich noch lange nicht alles gelesen was Eure Liebe, Treue und Sorg-
samkeit mir geschickt hat-, ob ich gleich nichts vermissen möchte und mir das
Wissen des Besitzens des Einzelnen wie des Ganzen sehr lieb ist, denn ich muß sehr acht-
sam und sorglich mit meinem Gemüthe und Geiste umgehen damit ich nicht stöhrend
in die Übereinstimmung und den Einklang meines schaffenden Lebens mit dem
Ganzen eingreife und ich besonders meinen Körper der für geistige und Lebenseinwir[-]
kung, obgleich physisch so gesund wie je, sehr reizbar ist, nicht überbiete - dennoch
so viel mir auch noch zu lesen übrig ist, so kann ich doch in dem was Ihr mir mittheilt
und von Euch nach jeder Seite hin geschehen ist nicht anders finden und ahnen als was
den Frieden und die Freude meines Gemüthes und Geistes und die Thatkraft meines
Lebens erhöht. Ob nun gleich weder irgend ein Einzelnes von Euch noch Eure Gemeinsam-
heit meines Dankes bedarf, so reiche ich doch von mir ausgehend, da Danken
dem erfreuten Herzen und Gemüthe Bedürfniß ist, jedem Einzelnen von Euch und
dem Ganzen dankend meine Hand, und mögen durch sie die Gefühle, Empfindungen und
Gedanken meines Dankes zu neuem schaffenden und so erfreuenden und beseeligen-
den Leben in Euch übergehen. Denn nicht lang darf die Hand in der Hand jetzt ruhen,
sondern muß schnell sich wieder trennen um frisch und rüstig das begonnene
Werk zu fördern um die Erregung des Lebens zur Gestaltung des Lebens nicht
ungenutzt vorüberfließen zu lassen. Wie so viel Hochwichtiges habe ich Euch zu sagen
wie werde ich es festhalten und zusammen drängen können, und doch hängt fast von
einem jeden die Beachtung, Erkennung, Festhaltung und fördernde Fortentwicklung des
Lebens ab. Vor allem macht Euch klar, daß das Wirkende im Leben nicht das
Äußere und das Materielle, sondern die Kraft und der Geist, das Leben selbst ist.
Hütet Euch auf eines von diesem [sc.: diesen] und ganz namentlich auf äußere Lebenserfahrungen
W als solche Werth und Bedeutung zu legen sie führen Euch unwiederbringlich [sc.: unwiderbringlich] auf den
Sand und auf Holzwege. Äußeres ist freylich der Träger des Innern und am Äußeren /
[1R]
und durch Äußeres thut sich wohl das Innere kund und muß sich daran kund thun, aber
eben nur um dieses Innern willen hat das Äußere Werth. Sagt nicht, warum sagt
uns nur Fröbel das immer von neuem wieder, es ist uns dieß längst ein bekann-
tes und altes; wie dem auch sey so ist es doch noch ein sehr Unerkanntes, denn im
allgemeinen ist der Satz sehr leicht begriffen aber seine Anwendung in jedem einzel-
nen Fall ist gar zu schwierig; das Innere ist nie ein absolutes, sondern nur stets
relatives oder bezügliches, ein beziehungsweises. Ich will Euch ein Beyspiel geben:
Seht den Stock eines abgesägten Baumes hier die Rinde, da, das Mark; hier ist
leicht entschieden welches ist Innerliches, welches ist Äußerliches; doch seht hier Holz
und Splint! Ist etwa der Splint das Äußere weil es näher dem Äußern, der Rinde
ist und ist das Holz das Innere weil es näher dem Innern ist?- Gerad umgekehrt:
Schneidet das Holz aus dem Baume aber laßt ihn [sc.: ihm] seinen Splint und er wird bestehen.
Keilhau hat mich hierinn nie verstehen wollen, und ich fürchte fast es versteht mich hier[-]
inn noch bis jetzt nicht in all seinen Gliedern. Euch hierinn gegenseitig und gemeinsam
zum Verständniß und zur Einsicht erheben müßt Ihr, wenn Ihr als ein Gemeinsames
Euer Ziel erreichen wollt, und Ihr könnt dieß und Euer Ziel wieder nur als ein Gemein[-]
sames erreichen, es ist aus Gründen welche hier auszuführen zu weitläufig ist, unmöglich
das Ziel dem Ihr anstrebt außer der Gemeinsamheit zu erreichen. Ihr könnt (wie das)
nach Eurer jetzigen Lebensstufe nur gemeinsam fallen oder Euch gemeinsam erheben
damit das letztere möglich werde fördert gegenseitig und gemeinsam Euer geistiges Leben.
Ihr seid wie ich vernehme jetzt auf das höchste arbeitsam, rührig, schaffend, dabey bis
aufs höchste mäßig sparsam, eisern in Ausführung aller in dieser Beziehung gefaßten Vorsätze
gut, recht gut. Aber hütet Euch - soll mir als Eurem Geeinten nicht dabey bange werden -
daß Euch dabey nicht ein stiller geheimer Wunsch nach Besitz - nach Bequemlichkeit, - nach
Genuß - nach Sorgenfreyheit pp leite - ist und wäre dieß und Ihr errängt dennoch äußer[-]
lich was Ihr wolltet, so - würdet Ihr nicht erringen was Ihr solltet. Wenn Ihr
dabey die Namen Besitz, Bequemlichkeit, Genuß, Sorgenfreyheit hört, so müßt Ihr da-
bey nicht eben nur an das denken, was der ich will keinesweges sagen Ungebildete, sondern
was der Halbgebildete, ja was eben der deßhalb sogenannte (ganz) Gebildete darun-
ter versteht; nicht etwa der Erfahrungslose und halberfahrene sondern eben der welcher
sich den recht Erfahrenen, den Erfahrenen an und für sich nennt. (Wie handgreiflich)
[Einfügung von 2R:]
Dann würde freylich aber auch wohl schwerlich Ihr und Keilhau sich zu der Stufe des Bewußtseyns
und der Selbsterkenntniß erhoben haben auf welcher es jetzt steht oder sich wenigstens erheben kann[.]
Hättet u habt Ihr das Wesen die Bedeutung die Forderung des Wortes Sorge erkannt
und Sorgen werden Euch verlassen, aber hütet Euch sorgen-frey zu machen ohne
ihre Bedeutung durch drungen und Euch im Leben aneigenet zu haben: Sorgen heißt sich die
innere geistige Lebenssonne aufgehend machen; s-or-gen heißt selbst horchen, d.i[.] /
[2]
selbst achten auf die Stimme das Wort und die Lehre im Innern wie im Leben. Glaubt mir
und prüft dieses mein Glauben, die Sorge wäre längst von Keilhau gewichen wenn Keilhau
ihre Bedeutung erkannt und sich zu dem was sie fordert emporgeschwungen hätte. Glaubt
mir, und prüft dieses mein Glauben die Vorsehung hätte längst die Sorge von Keilhau ge-
nommen wenn die Vorsehung nicht gesehen hätte daß lindestens gesagt - dann Keilhau
die in ihm ruhende Geisteskraft nach Maaßgabe der jetzigen Entwicklungsstufe der Mensch[-]
heit viel zu wenig entwickelt und gebraucht haben und in alle[s] das verfallen seyn würde
was damit zusammenhängt.- Leset den Satz nach den ich in der kleinsten meiner Schriften worinn
ich den Zusammenhang der drey ersteren andeute, also in der 4en, gleich Anfangs ausspreche, daß
die Schicksale eines Menschen in seinem Gemüthe bedingt sind; dem He. Dr Fleck selbst war
dieser Satz zu hart und stark doch er ist wahr, und nur von der Übereinstimmung des Lebens eines
Einzelnen mit diesem Satze d.h. von der uneingeschränkten Anerkennung desselben kann dem
Einzelnen wie jedem Ganzen Friede und Heil kommen. Laßt ihn uns auf Keilhau anwenden.
Von dem Augenblick an als die Glieder von Keilhau durch die noch so dunkel, oder noch so
klar (das ist hier gleichgeltend) von mir ausgesprochene Idee und für dieselbe [sich] verein-
ten war Keilhau und wir alle Eine moralische Person geworden. Eine Empfindung
Ein Gedanke, Ein Gefühl, Eine Überzeugung Ein Wollen und Ein Wille, mit einem Worte
Eine Idee verband uns. Anstatt daß wir nun als eine ächt moralische, sittliche Person
vor allem hätten dahin streben sollen in ächter Einigung und Gemeinsamheit dahin zu wir[-]
ken daß diese Grund- und Einigende, {einenden / Haupt[}] Idee u.s.w. dem Ganzen wie jedem Einzel[-]
nen recht klar würde, daß sie nur zuerst als Idee einsichtig würde, meinte jeder
es handle sich zuerst um seine Einzeln u Neben Ideen. Aber anstatt sich entweder als eine wahr-
hafte moralische Person, ein mit Bewußtseyn und Freyheit geschlossenes Ein zu betrachten,
betrachtete der Eine das Ganze wie einen Steinhaufen an der Landstraße wovon jeder
Stein herunter und davon rollen kann wie er nur eben Lust hat, und man mußte diese[r]
rohe[n] Steinansicht zugestehen, daß er nur wenigstens zum Gefühl eines unsichtbaren Baues
kam. Ein anderer fühlte sich Gott weiß durch was in ein Joch gespannt, und damit er nur
hinlaufen konnte wohin er wollte mußte man alle edlen menschlichen Bänder
zerreißen und zerschneiden lassen, und man mußte diese den Menschen nur in seiner
rohen Thierkraft schauende[n] Menschenansicht zugestehen, bis die Zeit eintrat es gebe noch
etwas anderes als Zugsträ[n]ge um das Leben zu bewegen. Die Pflanzenansicht des
Lebens des Menschen ergiebt sich von selbst sie liegt zwischen beyden, sie meinte Sonne
und Erde gewähre wohl Nahrung u Wachsthum, B[l]üthe u Frucht und so vernichtete sie in sich selbst
den ursprünglichen Sinn für das zartere Band des angemessenen Climas. Wo nun das
zarte Band, ja wo nun die Ahnung, geschweige denn die Heilighaltung und gemeinsame Hervor[-]
förderung der - doch alle nur vereinte, alle geeinte Idee?- Eine durch eine Idee einen /
[2R]
Grundgedanken geeinte Mehr- oder Vielheit ist, wie eine moralische so auch eine physische
Person die Fehler des einen der geeinten müssen alle büsen: vertaut [sc.: verdaut] der Magen nicht
hat der Kopf Hirnweh, riecht die Nase nicht, hat die Nase den Schnupfen, so schmeckt die
Zunge nicht u.s.w. u.s.w. so gieng es auch uns, ging Keilhau es oft und viel und so geht es
teuscht mich mein gesammtes Lebensgefühl nicht, kann ich anders über die brausenden Ströme
und die sich erhebenden Berge hinweg klar und wahr empfinden, so geht es bey allem Guten
und Schönen und Wahren was Ihr mir von Keilhau schreibt u schickt dort wenn auch in
sehr geringen Maaße noch immer. Aber so soll es auch bis ins Kleinste hier nicht mehr
seyn: Widerspruch in den Organen, in dem Organismus zerstört wenn nicht den Orga-
nismus ganz, sondern so hemmt es doch wenigstens die Productive Thätigkeit dessel-
ben und nimmer ist Einheit davon die Frucht. Was aber von der Lebensthätigkeit
von der Nichtein- und Nichtgleichstimmung in der Lebensthätigkeit gilt, gilt ganz gleich
von den Lebensansichten, denn eines bestimmt das andere, (Ehe ich aber weiter gehe will ich
doch hier schriftlich noch etw das aussprechen was ich mündlich schon so oft sagte: nemlich daß ich alles das was
ich hier der Gemeinsamheit sage mir selbst möglichst eindringlich zur Einsicht bringe und ich recht gut
und wohl weiß, hätte ich vor 15, 16 Jahren auf der jetzigen Erkenntnißstufe, auf der Erkennt-
niß[-] und Lebensstufe gestanden auf welche und wohin ich Keilhau zu erheben mich jetzt be-
mühe, so hätte mir das und meinem Wirken und Werk das Nichtverständniß und Nichtein[-]
gehen des gesammten Keilhau eben sowenig etwas schaden sollen, als mir jetzt - so hoffe ich zu Gott [-] das Nichtver-
ständniß und Nichteingehen Deutschlands und der Schweiz schaden
würde. Weil ich nun aber so selbst weiß was alles vom Selbstverständniß und von der Selbst-
erkenntniß abhängt, so arbeite ich aber auch seit länger als einem Jahre mit unausgesetzter
Thätigkeit daran und Gott hat mir dazu seit fast 3/4 Jahren Verhältnisse gegeben, die so genü-
gend ich schwerlich wohl gewählt haben würde ob ich gleich in mir schon [{]früher / lange} daran gedacht habe
mich einmal auf einige Zeit von Keilhau zu entfernen.- Euch in Keilhau ist dasselbe geworden
wie Ihr so namentlich B., nein! nicht einer fast alle bemerkt daß meine Entfernung Euch
Zeit zum Selbstfinden gegeben habe und wie ich selbst Langethal ausspreche. Also seyd wei-
se, seyd achtsam, erringt was die Vorsehung Euch in dieser Zeit u[n]d durch diese Verhältnisse
erringend machen will;- vom errungenen Gemüthe und Gemüthsleben, erhebt Euch
aber zur Erstrebung des Geistes, des bewußten Geistes Leben. Denn wie ich zu Euch stand
so sollt Ihr nun als Eine moralische und intelligente Person durch mich zu einem größern
Kreise außer Deutschl Keilhau stehen, was nun so mein Zweck mit Keilhau war, daß [sc.: das] soll
Keilhaus Zweck durch mich für einen größeren, den größeren Kreis werden welcher
sich ihm jetzt immer klarer zeigen wird
). Nach dieser Einschaltung nun in dem oben abge[-]
brochenen weiter.
Wie handgreiflich es Euch nun auch immer entgegen treten möge, daß und wie äußere /
[3]
Verhältnisse und Personen der Grund des sogenannten Verfalls von Keilhau war, so haltet doch
keinesweges in Euch und für Euch diese Ansicht fest, sondern dagegen felsenfest die Überzeugung:
hätten wir rein und kindlich treu das Grundgefühl, die Grundempfindung, den Grundge-
danken und wandel- und wankellos festgehalten in uns, welcher uns mit Fröbel
verband und nach Keilhau brachte, und hätten wir wie es natürlich und recht ge-
wesen wäre das Zutrauen und Vertrauen gepflegt als das Mißtrauen; hätten wir
allem zuvor uns zu der erhebenden und tröstenden Lebensansicht erhoben daß eben jene
erste Grundempfindung eine uns selbst nicht gegebene, sondern eine in uns entkeimte
und daher ihren Grund in der Allgemeinheit u Einheit habende sey, und uns so nothwendig
zur Allgemeinheit und Einheit und so auch zur Einzelheit und zu uns selbst führen
werde - so hätten wir und Keilhau und keines von uns durch die so harten Prüfungen
hindurch gehen müssen durch welche nun wir alle hindurch gegangen sind[.]
Nun immer wieder mehr und mehr auf den jetzigen Stand der Dinge und auf den Ausgangs[-]
punkt dieses Briefes zurück.
So müßt Ihr nun jetzt jedes nach Keilhau hinneigende Grundgefühl, jede solche Grundem-
pfindung und solchen Grundgedanken, der sich jetzt da oder dort in Menschen regt, auch ohne daß
sie sich (die Menschen nemlich) denselben gegeben haben - nach Möglichkeit pflegen und ihn zum
Bewußtseyn zu erheben suchen, damit diesen Menschen es nicht gehe wie Euch, sie so lange
herum tappen und anstatt dem Leben zu welchem sie neigen Freude zu bringen, ihm
Leid geben und bringen; aber freylich muß aber auch Eure Leben und Euer Herz nicht an Ihnen
hangen, damit, wenn sie es - was wohl natürlich und ihnen verzeihlich ist - vor Durchdring[-]
ung der Sache auch später einmal so machen wie Ihr es gemacht habt und dem Ganzen
den Rücken kehren, wenn auch nicht so eben außer sich, doch in sich, das Ganze dadurch
nicht in sich selbst zerfalle. Ihr habt recht was einer von Euch mir ausspricht: was sonst
in dem kleineren Kreise Keilhaus vorfiel, geht jetzt, wiederholt sich jetzt im größeren Lebens[-]
kreise außer Keilhau. Ihr selbst erinnert Euch wohl wie ich sagte: "Die Keilhauer Kämpfe
bereiten mich nur vor, stählen mich nur zu größern Lebenskämpfen["]; und ich hatte, ich fühlte
recht. Und so wiederholt sich in Kreisen höherer Ordnung auch das übrige Leben.
Personen die bisher Menschen die bis jetzt nur mir befreundet, meine Freunde waren sind die Freunde
Keilhaus geworden, ja statt Personen u Menschen möchte ich sagen ganze Kreise und Orte.
Pflege Keilhau nun, pfleget Ihr nun das innere geistige Leben dieser Orte u Menschen aber mit
so geistig kräftigen, als gemüthvoll eingehender Weise, wie Euer inneres Leben gepflegt wurde.
Gar mannichmal ist in Keilhau in Beziehung auf mich das Wort gehört worden: - was geht das
mich an da mag er dafür sorgen. Meint jetzt nicht etwa auch so was geht die Pflege dieser
Verhältnisse uns an, es sind [{] seine / Fröbels[}] Freunde, [{] seine / Fröbels[}] Verhältnisse. Eine solche Denk-
und Handlungsweise könnte Euch nur schmerzliches Wehe bringen; es sind menschheitliche /
[3R]
Verhältnisse. Ihr habt schon mehrseitig in diesem gemeinsamen Geist gehandelt und ich habe
mich darüber gefreut, doch muß ein solches Handeln zu einem gewissen bewußten Lebensorga-
nismus erhoben werden. Eure, d.h. der Kinder Worte an Fräulein Salesie werden mit
innern Lebenserfahrungen derselben zusammen fallen: in sich selbst, und persönlich wahr ge-
fundenes Allgemeine ist der Träger ihrer großen Achtsamkeit und Sorgfalt für das hiesige
Leben. Die von meiner l. Frau ihr geschriebenen Zeilen müssen, so vermuthe ich ihrem Gemüthe
und inneren Leben auch sehr zugesagt haben. Im Ganzen ist sie, wie sie mir schreibt von Eurer
Aufmerksamkeit gerührt worden.- Auch meinen Dank dafür[.]
Eben so ist mir Euer Brief an Schnyder lieb nur dünkt mich er hätte etwas geistig
kräftiger seyn können. Zu Gemüthvollen Menschen dünkt mich darf man keine zu gemüthvolle
Sprache führen. Aber freuen werde ich mich wenn Ihr mit Schnyder in einem Wechselver-
kehr bleibt, beachtet aber dann was ich eben sagte mich dünkt Ihr müßtet es in seinem
und meinem Brief an ihn und dessen Wirkung auf ihn bestätigt finden. Wäre nicht viel-
leicht für solche Briefe Barop am besten?- Überhaupt müßt Ihr nach außen geistes[-]
kräftig auftreten das Gemüth gehöre Eurem häuslichen Familien- und Freundschaftsleben
an.
Und nun bin ich endlich bei einem Hauptpunkte angekommen. Das Keilhauer Leben hat sich jetzt
zu einem Keilhau - Frankfurt - Wartseeer Leben ausgebreitet und muß als solches
beachtet u gepflegt werden. Frankfurt das in der Mitte liegende muß gleichmäßig von
Wartensee wie von Keilhau angeregt, es muß gleichsam den Einfluß dieser beyden
Pole ausgesetzt werden - die einzelnen Punkte sind Schnyder - Bagge - Emil Schwarz
das von Holzhausensche Haus - Dr. Gerth und vielleicht Kosel. Das von Holzhausensche
Haus ist der wichtigste Punkt und außer mit Dr. Gerth mit allen übrigen in Verbindung.
Wie sehr die Natur schon diesen Verkehr fordert geht mir theils schon aus Eurem Brief an Schnyder
dann aber auch aus dem Briefe der Fr. v. Holzh. an meine Frau hervor (Im Vorbeygehen
sage ich nur daß ich mich wundere wie eine so reiche Frau wie die Fr. v. Heyden nur 110 fl. uns
bieten kann; man muß solchen Leuten die gerne möchten, nur wollen nicht, zeigen was sie sollen.)[.]
Dieses Frankfurter Verhältniß hast in Beziehung auf die Anstalt und das von Holzhausensche
Haus besonders Du Barop zunächst zu pflegen. Du bist so seyd [sc.: seit] Deiner Verheyratung der Fr. v. Holz.
noch einen Brief schuldig. Du weißt sie nahm an Deinem Trauungstag besondern Antheil
indem an demselben Tag in ihrem Hause Gesellschaft war, daß so Dein Trauungstag in Frank-
furt gefeyert wurde habe ich Dir schon geschrieben daß er aber auch gefeuert wurde habe ich
Dir noch nicht gesagt. Eine Kerze ergriff nemlich im Nebenzimmer die Trapperie des Fensters
da gab es denn ein lustig wandelndes Feuer hinauf u herab, freylich zum Schreck der Da-
men, doch wurde es bald gelöscht; doch die Frau v. Holzhausen sagte mir ich möchte Dir schreiben
daß sie feyerlichen Antheil an Deiner Hochzeit genommen habe; ich sagte ihr so ginge es immer wenn
man an feurigen Menschen Antheil nehme, man würde verzehrt; wäre es doch Deiner Braut auch nicht besser ergangen. /
[4]
Nun das letztere gehört nun zwar wohl nicht hierher nemlich daß es gut seyn wird wenn
Keilhau als geeintes Familienganze oder Erziehungsanstalt in Wechselverkehr mit dem
von Holzhausenschen Hause bleibe und daß Du Barop das Angedeutete vielleicht dazu
als Veranlassung nehmen kannst. Kannst wenn Du sonst willst, wegen der späten brieflichen
Einkehr d.h. wegen der Kunde vom Feuerwerk alle Schuld auf mich schieben, indem ich Dir
jetzt erst davon geschrieben habe.- Laßt Ihr vielleicht zu Ostern wieder eine kleine
Anzeige von dem Fortbestehen und dem Unterricht in Keilhau drucken und Euch vielleicht meh-
rere besondere Abdrücke davon machen was vielleicht gut wäre, so theilt entweder
Dr. Bagge unmittelbar oder ihm durch Em: Schwartz einige mit. Dr. Bagge will Keilhau
sehr wohl.
Keilhau, Frankfurt und Wartensee hat überhaupt ein sehr zu beachtendes Wechsel-
verhältniß.
KeilhauMonarchischFrankfurtRepublik u Monarchisch (deutsche B.)SchweizRepublik.
   "Protestantisch   "Protest: Katholisch   "Katholisch.
Thüring.Ein Katholik (Herzog)
im Protest.
   "Ein Protest[.] (ich) im Kathol.
KeilhauGeeinte Freunde   "Ein Vorsteher (Schnyder) und Freunde   "Ein Vorsteher.
   "Gemüthsleben   "Praktisches Leben.(Wartens:)Geistesleben.
   "Norden   "    "Süden.
   "Alte Schüler u Zöglinge   "Alte und neue Schüler u Zöglinge   "Nur neue Schüler u Zögl
Solcher polarische Verhältnisse lassen sich vielleicht noch mehrere aufstellen, ich muß jetzt um
die Wichtigkeit und Pflege dieses Verhältniß (anzudeuten) zu zeigen mich nur mit Andeutungen genügen
so ließ sich z.B. noch sagen: Keilhau Erziehungsanstalt - Frkfurt. Erz: Anst: u Schule. Wartensee (jetzt) nur Schule.
Frankfurt muß als eine Erziehungsanstalt von mir und, weil ich da früher Lehrer an einer
Schule war auch als noch eine Schule von mir betrachtet werden. An der Schule in Frankfurt
haben sich, eigen genug unter den Lehrern u Schülern noch Sagen von mir erhalten, wovon ich
selbst nichts mehr weiß; aber charakteristisch sind sie, und sie tragen so das Gepräge der Wahrheit.
Dieses dreygeeinte Verhältniß muß nach meiner Überzeugung ordentlich studirt, und
den daraus folgenden Ergebnissen gemäß auf das sorglichste gehandelt werden; erinnert
Euch dabey was ich sagte, ehe ich von Keilhau abreisete ich, meine Abends vorher, be-
achtet dabey was ich in der einen meiner Lebensdarstellung[en] über meinen erste[n] Eintritt in Frank-
furt schreibe. Von meinem jetzigen Eintritt u Leben daselbst hätte ich freylich viel noch
mitzutheilen doch habe ich jetzt dort erzogen u gelehrt: Im Holzhausenschen Hause, Kosel
Schwarz u.s.w. Barop der Naturforscher muß dieß bearbeiten, kann selbst mich belehren.
Außer diesem drey geeinten Verhältniß müßt Ihr Euch, d.h. Keilhau mit den
vertrauenden Eltern: Dr. Martin.- Fr v Arnim - Fr: v. Ahlefeld - Leopold
Teske
- Gustav v. Bischoffhausen u seine Großm: Fr. v. Wedemeyer - vielleicht Königsee pp [vertraut machen / auseinandersetzen.] /
[4R]
Dieses Ganze müßt Ihr als ein in sich (bezüglich und einstweilen) abgeschlossenes Sonnensy-
stem
betrachten (da giebts auch Irrsterne u Cometen) der Geist, das Leben, die Person
des Stifters und Begründers dieser drey Erziehungsanstalten und des Schöpfers (aus dem
Brunnen und der Quelle alles Geistigen herauf- und hervor schöpfenden) dieses Gemeinsamen
Ganzen - dieses Dreyes muß wieder bleibend das bindende dieses Ganzen bleiben[.]
Geist, Leben u Person muß auf- und abwägen, geklärt, gedeutet werden. (:Wenn ich
einen allgemeineren Geist personifiziere so darf Euch das nicht stöhren; alles Wirken
geht durch das Persönliche u die Person hindurch und - so lang bis der Geist erkannt
und erfaßt ist
bis er freythätig im Leben sich kund thut muß die Person festgehalten
werden.[)] Alles dieses sind freylich Sachen worüber ich gleich Bücher schreiben könnte wenn ich mit
diesen Wahrheiten in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit hineinleuchte. Jetzt haltet sie aber
nur fest um unser kleines gegenwärtiges Leben zu erleuchten, zu verstehen, recht zu pflegen pp.
Der Augenblick muß festgehalten werden; der Augenblick ist der Erzeuger alles Großen pp
habe ich es schon geschrieben thut nichts die Wahrheit ist so wichtig, daß man sie den Menschen
nicht genug zurufen und im Leben nachweisen kann. Der Augenblick ist jetzt in Beziehung
auf die bezeichnete vermittelnde Person höchst günstig den dürft Ihr wollt Ihr Euer
Leben und Keilhau gründen u fördern um alles in der Welt nicht unbenutzt verstreichen
lassen und sollte es scheinen als gingt ihr [sc.: Ihr] vor lauter Arbeit zu Nichte. Denn wenn der
Mensch von etwas Interesse fassen soll so muß es allein und fast hilflos dastehen,
es muß mit Füßen getreten, und am besten gar nicht mehr seyn es muß gestorben
seyn. Dieß habe ich alles dreyes schon lang gewußt - (die Zeit soll erst noch durch uns ge-
boren, d.h. geboren ist sie, aber allgemein geboren werden wo der Mensch, am organi[-]
schen Gliede eines großen Ganzen, am gesunden u lebenden ächte Freude hat) - Jetzt ist die
Zeit für mich eingetreten ich stehe ganz allein - (meint nicht es sey anders es ist nur so) ich
bin mit Füßen getreten - ich bin für viele gestorben z.B. selbst sogar für den Dr. Martin
in seinem Zeugnisse. Nun ich habe gegen alles dreyes da der physische Schmerz von allen
dreyen nun überstanden ist gar nichts und je schärfer es auf gefaßt wird desto lieber
ist es mir desto seegensreicher wirkt es für das Ganze. Aber nun laßt den Geist
wogen und wirken; theilt den Kindern u besonders den Eltern und alle denen (wie
Ihr im ganz richtigen Vorgefühl schon so oft gethan habt; denn da muß schon die Sache
sey[n] ehe man darüber sprechen sie klären und bestätigen kann) die an Keilhau antheil
nehmen von meinen Lebens-Ansichten u Grundsätzen, Lehren u.s.w. mit was sich nur
jetzt an die Tages Geschichte anknüpft aus meinen Briefen, theilt sie selbst mit
nur das Persönliche u die Person hat Interesse. Deutet u klärt das Ausgesprochene
entfesselt den Geist der darinne lebt. Die Briefe an die Kinder ich meine meine jüngsten
Briefe an die Kinder werden Euch auch Gelegenheit dazu geben. Jetzt muß das /
[5]
Werk [2x] frisch gefördert werden, jetzt gilt kein Feyern; aber alles still und ruhig. Was
nach der einen Seite hingeschieht davon muß die andere Seite oft nichts wissen. Wo
dann das erste Erzeugniß Ergebniß errungen ist, das muß dann der schwächern Seite zum
Muster aufgestellt zur Erhebung u Bekräftigung mitgetheilt werden. Alles nach den hohen
Gesetzen der Chemie u Physik. Und alles im Stillen daß der Neid die Tücke es nicht ve[r-]
nichte. Wo mein Geist, der Geist des Allgemeinen bekannt ist, da müßt ihr [sc.: Ihr] die
Wirkung[en], die Wirkung[en] im Leben aussprechen u bekannt machen z.B. Du Barop Mit-
theilungen aus Deinem jetzigen Selbst u Geeinten Einigen Leben nach Frankf[urt] an die v. H.
Familie - es kostet Überwindung, ja glaube es, es lebt sich besser still allein aber
Freund durch den Tod muß alles hindurch gehen ehe es zu höherm Leben aufersteht.
Ihr müßt ein geistiges Ferment (Erregungsmittel) verbreiten und dieß nicht so wohl um
Euch sondern um Eurer Kinder (auch der noch ungeborenen willen, und um Eurer Kindeskinder
und die Kinder Eurer Geschwister willen. Diese bekommen genug zu thun, haben ein gutes
Gebäude aufzufahren, haben Saamen zu streuen deren Pfahlwurzeln - wie geistige Ei[ch-]
kerne tief in die Erde gehen, da muß ihnen ein breiter Grund gelegt, Ihnen [sc.: ihnen] der Boden und
Acker gut bereitet werden. u.s.w.
Nun werdet Ihr wohl auch ein Paar Worte von der Wirkung Eurer Mühe hören wollen.
Noch ist aber nicht viel zu sagen. Daß sich das was mir Fräul[ein] Salesie in dem Euch mitge-
theilten Brief schrieb auf Eure Sendung<en> bezog werdet Ihr leicht vermuthet haben, und
mehr kann ich fast jetzt noch nicht sagen. Der Sekretär des Erz. Rathes schreibt ihr unterm 10'
Jenn[er]
der Erz. Rath habe über den Empfang Eurer Sendung besondere "Freude bezeugt daraus neue gün-
stige Zeugnisse für Her[r]n Fröbel zu erhalten, die das Zutrauen der Regierung rechtfertigen
"[.]
Aber dennoch höre ich, daß der Erz. R. die Zeugnisse nicht selbst der Öffentlichkeit übergeben
will warum?- Wer kann es wissen: ich weiß wohl etwas, aber es dünkt mich doch auch so schwach
als häßlich, deswegen mag ich keine bestimmte Vermuthung aussprechen. Ich habe nun gleich den zweyten Tag
darauf die 3 Dokumente wie ich sie von Euch erhalten habe an meinen trauten Freund
den Legationsrath v. Holzhausen geschickt mit dem Bemerken daß der Innhalt dieser
Papiere den sämtlich[en] Freunden [in] Frankfurt mitgetheilt werde, ja daß ihnen sogar der Druck
desselben verstattet sey. Eure Abschriften bat ich He. v. H. für sich zu behalten und nur 2e Ab-
schriften davon zirkulieren zu lassen.- Gestern habe ich der Fr. v. Holzh. geschrieben und ihr
für ihren Sohn gesagt daß der Erz. R. nicht für angemessen hielt selbst öffentl[ichen] Gebrauch
davon zu machen. Zugleich habe ich ihr gemeldet wie unsere Schüler in allem Fort-
schritte machen und es sich ausspreche daß Gottessegen auf dem hiesigen Werke ruhe.
- Ganz gleiches habe ich an He. Schnyder geschrieben und ihn aufgefordert daß er sich
von Euern Dokumenten deren Inhalt ihn [sc.: ihm] He. v. Holzh. bekannt gemacht haben würde -
zu seinem Gebrauche beglaubigte Abschrift vom Erz: Rath kommen lasse. Ich selbst /
[5R]
habe vorgestern an den Erziehungsrath geschrieben und mir "zu meinem Handgebrauch"
beglaubigte Abschriften mit dem Beyfügen daß diese Dokumente zu meiner Rechtfertig[ung]
eingesandt worden und daselbst ad acta gelegt seyen - erbeten. Was ich dann wei[ter]
thun werde, werdet Ihr bald hören. Daß diese Zeugnisse beym Erz. R. eingetrof[fen]
sind läuft schon im Volk umher.
Wir sind wohl. Ferdinand nur hat stark den Schnupfen. Wir haben Frühlingswe[tter]
seit 5, sage fünf Tagen haben wir nicht eingeheizt.- Die Kiste ist noch immer nicht
angekommen wenn auch gleich jetzt da ich dieß schreibe der 14' Jenner ist.- Nun zu
nächsten Winter kommt noch alles früh genug werden wohl die Herrn Spediteure den[ken]
weil wir, wie es scheint in diesem Jahre nun keine bekommen sollen.
Unsere letzte Sendung mit Briefen u Zeichnung unter Deiner Addresse liebe Frau, a[b-]
gesandt am 7en Jenner von Luzern wird hoffentlich zu gleich mit diesem Brief bei E[uch]
eintreffen.
Ich habe noch immer keinen Brief v. Schnyder doch ist er wie ich von Luzern höre woh[l.]
Theilt mir bald mit, was die Fr. v. Arnim thut.- Habt Ihr noch nicht den Hesp[e-]
rus gelesen?- theilt mir doch Abschrift davon mit ich meine von dem was He. v.
Holzhausen erwähnt.
Nun Gott befohlen, Gott mit Euch und mir. Tausend Grüße an alle
in Inniger Liebe, Treue u Wahrheit stets
Euer
Friedrich Fröbel.

(Noch zwey Sache[n] hätte ich zu schreiben doch jetzt ist die Zeit zu kurz[.])