Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 28.1./29.1./30.1./2.2./3.2./4.2./5.2.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 28.1./29.1./30.1./2.2./3.2./4.2./5.2.1832 (Wartensee)
(KN 35,1, Brieforiginal 8 B 4° 31 S., tw. ed. DDR-Gedenkschrift 1952, 102f. [aus 15V] - Das bei Heiland 1982, Nr. 225 notierte Zitat DDR-Gedenkschrift 1952, 75f. entstammt nicht diesem Brief)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Wartensee am 28en Jenner 1832.·.

Für reines Menschenleben innig Mitgeeinte, Geliebte und Freunde.

Nur noch wenige Tage und der Monat des Doppelblickes ist schon wieder in einem neuen Jahre durchlebt, irre ich nicht sehr so kommt dann nach meinem im vorigen Jahre für mich neu begonnenen und neu benannten Calender der Monat der Klarheit. Um nun auch seines Namens würdig, würdig der Klarheit die er mir und uns bringen soll, in ihn zu treten so laßt uns noch meine Geliebten und Theuern! benutzen die wenigen Tage dieses Monats um unsern Blikk noch einmal mit Ernst, Ruhe und Sinnigkeit nach rückwärts zu kehren um ihn zu stärken, zu schärfen und zu klären für das Vorwärts, damit weder das Licht uns blende, noch die Nacht und Dunkelheit die es durch sich und seine Natur um sich verbreitet, gleichsam aus sich ausscheidet, uns Finsterniß sey.
Zwar kehrt nun wohl alles und jedes was uns, und ganz besonders was nur immer mir jetzt begegnet und mich nur berühret meinen Blick nach rückwarts und nach innen und jedes auf eine so eigenthümlich zur Vollendung führende Lehrweise, daß ich nichts, auch oft nicht das Kleinste von mir lassen mögte, ohne in sein innerstes Wesen einzudringen und mir dessen Gesetze anzueignen; doch nicht einmal ich selbst mit dem ruhigsten und geöffnetsten innersten Sinn der ich doch alles selbst lebe bin im Stande es festzuhalten, geschweige daß ich jedes ja auch nur das Wichtigste schriftlich alles mittheilen könnte, selbst bey dem innigsten persönlich gemeinsamen Leben wäre dieß durch WortMittheilung unmöglich wo nicht eine solche in sich selbst gleiche sinnbildliche Lebensan- (und) Lebensein- (und) Lebensum- (und) Lebensübersicht und Lebensdurchsicht ausgebildet ist daß man mit einem Dipp, Wink und Blick ganze Lebensreihen andeuten und im Nu durchlaufen und durchleben kann. Dieses letztere ist nun zwar wohl möglich ist darum auch die nächst erste Stufe der Menschheitsfortbildung und meine Betrachtung der in Bewegung, Thätigkeit geschauten Körperraumsgesetze (dynamische Mathematik) und die Leb- Bewegungs- und Thätigkeitsgesetze im Körperraume besonders von der Kugel oder was gleich ist vom Punkt ausgehend - und die Ergebnisse dieser Betrachtung zunächst angewandt auf die Betrachtung der Festgestalten, der Irden, dann der Pflanzen und zuletzt erst auf das leibliche (physische), dann auf das geistige (psychische) Leben des Menschen u.s.w. dieß führt dahin. Dieß ist aber auch nur der einzig untrügliche, wahrhaft zum Ziele führende Weg - denn er ist der Weg der Weltentwicklung selbst - mit anderm Worte: - der Mensch muß sein Leben sinnbildlich schauen, und dieses Sinnbild muß möglichst /
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entgegengesetzt gleich der Gestalt seyn die sich der Geist und das Leben selbst gegeben hat, in der es unmittelbar erscheint. Das Gleiche also bey beyden ist also und muß seyn, daß beyde Gestalt und Bild aus einem und eben demselben Geiste und Leben hervorgegangen sind, das Entgegengesetzte, daß die Lebensgestalt unmittelbar an die Lebenserscheinung geknüpft ist, das Lebens- oder Sinnbild aber unmittelbar an die Lebenserkennung und aus derselben hervorgeht; aus der Wahrnehmung der ächten Gleichheit beyder geht dann LebensErkenntniß, LebensEinsicht und beyde wieder rückbezogen auf die Thätigkeit des Lebens auf die Bestimmung, Gestaltung des Lebens, geht Lebens-Weisheit her und wenn diese wieder das Leben ganz durchdringt Heiligkeit und Seeligkeit des Lebens u.s.w. hervor.
Dieses zuletzt genannte ist nun also wohl möglich, aber nicht das erstere nämlich die Festhaltung jedes Lebenstheiles; der darum nothwendig, recht beachtet, ins fortschreitende lebensentwickelnd ist, und dieses letztere das zu lange Festhalten jedes Lebenstheiles nämlich soll auch wohl nicht seyn, warum?-

Sonntag am 29en Jenner gegen Mittag. Grüß Euch Gott Ihr Lieben! Wie ich diesen Morgen denkend sinnend, und das innere und äußere Leben vergleichend beachtet zurückgezogen in mir verlebte so lebtet Ihr, veranlaßt durch die verschiedenen Kirchenvorträge welche Ihr anhörtet ein in Euch zurückgezogenes inneres Leben. Laßt uns jetzt wie sonst früher wohl, besonders von Remda aus in einem betrachtenden Gespräche nach Hause wandeln. Freylich kann ich nun nicht an das anknüpfen was Euch gerad beschäftigt und in Euch angeregt worden ist; doch Ihr könnt vielleicht für dieß einen Anknüpfungspunkt in dem finden was ich Euch mittheile und so ist dadurch immer die geistig magnetische Mittheilungskette (:Barop wird dieß erklären:) in sich geschlossen. So denn nun zurück zur Beantwortung der Frage mit welcher ich gestern schloß.
Die zu lange beachtende Festhaltung Eines Lebenstheiles nämlich soll wohl deßhalb nicht statt finden und findet wohl deßhalb nicht statt: damit man durch die schnelle Aufeinanderfolge der in der Erscheinung verschiedenartigen Lebenstheile zu der Ahnung - Empfindung - Erkennung - Anschauung - Einsicht und Wissen pp der Gleichgesetzigkeit, dem Gleichlebigen in jedem Einzelnen und in allem gelange.- Das Leben ist eigentlich so unendlich, so unerschöpflich reich, daß - streng genommen eigentlich nie ein- und ebenderselbe LebensMoment von zwey Menschen oder vielmehr eine und ebendieselbe Lebenswahrnehmung, genau eine und ebendieselbe Lebensanschauung von zwey Menschen zugleich wahrgenommen wird und werden kann; die Verschiedenheit wird freylich oft zuletzt eine unendlich kleine, für unsere Wahrnehmung, oft verschwindende Größe aber es bleibt doch streng genommen immer eine Verschiedenheit. Hierinn hat nun nach der schaffenden Seite, die immer stetig fortschreitende Erzeugung (Productivität) und nach der erkennenden Seite, die stetig immer fortschreitende Einsicht (Perfectibilität pp) ihren Grund. Hieraus geht nun ganz klar hervor daß es in der geistigen Welt außer der aufeinanderfolgenden Mittheilung (der successiven) es nothwendig auch einer für die Wahrnehmung gleichzeitige (momentane) Mittheilung geben muß. Du lieber Barop /
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wirst mich, nach Deinem Briefe zu urtheilen wohl am besten verstehen. Daß es nun auch wirklich ein solches Gleichzeitige der Geistesthätigkeit giebt, dafür haben wir dünkt mich nun auch alle einige gleichzeitige gemeinsame Erfahrung. Nach Euern Briefen zu urtheilen habt Ihr fast alle gemeinsam der Zöglinge Briefe an mich gelesen, so also auch den Brief Alberts an mich. Ist es Euch nun möglich so erinnert Euch den Inhalt desselben ...... Habt Ihr dieß, so leset nun meinen Ihm jüngst gesandten Brief mit wahrem Eingehen und mit persönlicher Anwendung auf Ihn, und ihr werdet darinne eine sehr klare Antwort auf seinen Brief finden u.s.w. Zweytens. Beachtet den Vorfall selbst und Langethals Auffassen desselben ..... Habt Ihr dieß, so leset meinen Brief an denselben mit wahrem Eingehen und Ihr könnet ohne daß mir irgend ein Äusserliches des Vorfalls bekannt war in demselben mein Urtheil über denselben lesen ....... Drittens. Ihr habt mir oder was ganz gleich ist Euch die Bank auf dem Steiger gemacht mit gewissen Beziehungen. Ludowika erzählt mir nur in einem Ihrer frühern Briefe kurz die Thatsache; wie ich sie dann in Briefen an die Kinder auffasse ist der gleich wie Ihr sie aufgefaßt habt und Barop und Middendorffen es mir andeuten. Viertens. Barop hat mir einen Brief geschrieben und in demselben Andeutungen über das Gleichzeitige des geistigen Lebens verschiedener Personen. Vergleicht nun damit theils das was ich im Briefe an Schnyder über den Geisterbund schreibe, besonders aber was ich in dem Briefe an Elisen über die Wechselwirkung des geistigen Lebens sage. Vielleicht habt Ihr ähnliche Bemerkungen über die Entwicklungen, Gedanken und Empfindungen in Eurem Leben und das Gleichzeitige Zusammentreffen gewisser Äußerungen und Gedanken besonders in und während meines Briefwechsels aus der Schweiz gemacht. Das gegenseitige Beachten und sich kund machen gleichzeitiger Geistes- und Gemüthsthätigkeit ist höchst wichtig, weil es das erste Element zur Erkenntniß und Einsicht in einen geistigen Verkehr ist welcher unabhängig von Zeit u Ort und wie Barop sagt, persönlich und unpersönlich zugleich ist.- Auch der an gewisse Zeiten gleichsam gebundene gleiche Charakter der Lebensbegegnisse - was in meinem Leben so wiederkehrend ist - so wie auch das was man Zufall (gleichsam zum All führend) nennt gehört wohl hierher. Dieses sich immer mehr bewußt werdende gemeinsame geistige Leben und die Pflege, Beachtung desselben - was auch besonders zur Eigenthümlichkeit unseres Lebens gehört, ist gewiß auch eine wesentliche und Haupteigenschaft der neuen Entwicklungsstufe auf die jetzt die Menschheit tritt. Diese Gemeinsamheit des geistigen Lebens ist wohl der wesentliche Charakter der neuen Menschheitsentwicklungsstufe, d.h. das Bewußtwerden, die Einsicht in diese Gemeinsamheit alles geistigen Lebens. Weltall und Natur bekommt dann für den Menschen die zunächst höchste Bedeutung - und die Fortentwicklung des Menschen wirkt so namentlich auf die Natur d.i. auf die Einsicht und richtige Erkenntniß ihres Wesens. Da nun die richtige Einsicht in jedes Ding, die richtige Erkenntniß jeder Sache in einer gewissen Beziehung immer entfesselnd für dieses Ding u diese Sache ist also von [{]einer / der} auf ihr lastenden Fessel in die Einsicht ihres Wesens lösend, erlösend - so kann man von dieser Seite auch sagen. Die neue Entwicklungsstufe der Menschheit - die Gemeinsamheit des geistigen /
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Lebens führt zur Erlösung der Natur, d.h. zur Ablösung der Binde welche noch bis jetzt auf der Einsicht in ihr Wesen ruht. (:Ich könnte gleich hier wieder Bemerkungen über die Vortrefflichkeit unseres (deutschen) Mutter-Sprachunterrichtes: Sprachübungen u Sprachanschauung machen, z.B. sucht Natur Erscheinungen auf: Schnee, Thau, Reif, Eis, Hagel, Regenbogen, Wasserfall, Schneesterne, Dampf, Nebel, Wolken pp pp alles nur - Erscheinungen, Erscheinungsarten des Wassers - doch dieß würde mich jetzt zu weit führen; es ist eine Blüthe des Wartenseeer Sprachunterrichtes:) Wer nun, welcher eine und welche eine mit diesen Gesinnungen mit dieser Ansicht und Aufnahme der Umgebung, der Natur, in der Welt, im All lebt, was kann es für einem [sc.: einen] solchen, für eine solche wohl in unserer deutschen Sprache wohl ein schöneres Wort geben als - - - ich bin - All-Ein das heißt und das ist ich trage das Ein und das All in mir.- +++ Aber schon bin ich fast mit einem Bogen zu Ende schon schreibe ich am zweyten Tage an diesen Mittheilungen und wenn ich darauf blicke sehe ich daß es doch alles gleichsam nur Einleitung zu dem ist was ich Euch aussprechen wollte als ich mich zum Schreiben setzte. Nun wie soll aber die Ausführung ihr Ende finden wenn schon die Einleitung kaum das ihre fand? Laßt sehen ob ich hier gleich das Ende in den Anfang zurückbringen, d.h. Mit dem Anfang auch das Ende sagen kann: Ich wollte nemlich sagen: Je mehr ich mein Leben und mein Wirken, meines Lebens- und meines Wirkens Ziel scharf und bestimmt in die Augen fassen um so klarer und einfacher unzweydeutiger schaue und erkenne ich, daß sich der Charakter meines Lebens und meines Wirkens rein das Ziel und der Zweck meines Lebens und Wirkens rein dahin aussprechen läßt: Umkehrung der jetzt im Allgemeinen bestehenden Welt- und Lebensansicht. In diesem Charakter, Ziel und Zweck meines Lebens hat auch alle Feindschaft, die unversöhnbare Feindschaft gegen mich und mein Leben ihren Grund. Nun werde ich mich wohl kurz fassen und mit einigen Andeutungen zum Ziele kommen können. Ich will ein entwickeltes, gleichsam gewachsenes Leben und um mich will alles und Jedes schlechterdings nur ein erbautes, gemachtes Leben, nur höchstens dadurch unterschieden daß die einen nach Grundrissen bauen und machen wollen und die andern gar nichts davon wissen und daß sich jene in der Einfachheit und sonstigen Vollkommenheit der Baurisse unterscheiden; ich aber will schaffen was keiner will d.h. entwickeln das Leben nach den Gesetzen die eins sind mit den Gesetzen (oder Gesetze) der Quelle alles Lebens in der auch es ruhet und nach welchen Gesetzen (oder Gesetze) es derselben entquoll. Jetzt kann ich fast mit einem Streiche mit einem Schlage, oder wenn diese Worte zu hart klingen mit einem Striche einer Linie die für und die gegen mich - die mir Feind und die mir Freund sind trennen. (Unter den ersteren können sich auch gar manche finden die sich sagen sie meinten es recht gut, gar zu gut mit mir ich sey nur blind u taub ja verstockt eigensinnig gegen das Gute das sie mir bringen und gegen den Himmel auf Erden den sie mir bauen wollen wie z.B. Herzog mir dieses aussprach als er fortzog; wo er mir noch überdieß sagte: er würde mir noch Beweise geben wie gut er es immer mit mir gemeinet und wie sehr ich in ihm meinen besten Freund verkannt habe pp pp) Feinde sind mir die - (auf mit welchen ich sonst wohl, diese Lebensansicht abgerechnet recht gut zusammen leben kann, und immer mehr wirklich in Ruhe mit und neben ihnen lebe) - welche /
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welche nur ein gemachtes erbautes Leben wollen; Freunde sind mir die, und wenn ich in gar keinen Lebensverkehr mit ihnen stände welche ein gewachsenes entwickeltes Leben wollen. Feinde können hiernach wohl freundlich und Freunde wohl feindlich werden. Wenn ich mit diesen Gedanken und Einsichten hinaufsteige oder wenn Ihr lieber wollt zurück kehren bis zu den frühesten Wahrnehmungen in meinem Gemüthe, so lösen, klären und bewahren sich mir meine frühesten Knaben- und Jugendgefühle und Empfindungen: es was [sc.: war] Haß, Feindschaft und Anstreben gegen ein gemachtes und erbautes, aber Liebe, Freundschaft Sehnsucht eines entwickelten gepflegten Lebens. Ja! wenn Ihr diese Bestätigung, Wahrmachung, Erfüllung und Bewährung der frühesten Jugendempfindungen mit mir fühlen und empfinden könntet, empfinden und fühlen könntet die Seelig das Glück und die Seeligkeit eines solchen Ganzlebens, so würdet Ihr nicht anders können Ihr würdet sagen müssen: ein solches Leben kann nur ein wahres Leben seyn, es muß entquollen seyn der Wahrheit und es muß sonach zur Wahrheit führen.
Hier Freunde und Freundinnen habt Ihr aber auch zugleich und als Zugabe die Lösung der größten Teuschung, des größten Mißgriffes meines Lebens (von dieser Seite der Betrachtung, was von einer andern Seite der Betrachtung sich wieder löset) habt ihr die Anschauung die Vorführung der Quelle alles meines Mißgeschickes ja wenn Ihr wollt all meines großen LebensUnglücks und besonders die Quelle meiner tiefsten Seelenleiden: - Der Mensch der gleichsam als Naturproduct nur durch eigen- und Selbstbeobachtung aus sich hervorsteigt, zur Erkenntniß seiner selbst und der Dinge außer sich, der Außenwelt kommt, nicht aber auf dem Wege der Schule oder des durchgeführten, gegebenen Sinnbildes; dieser und ein solcher Mensch mißt alles und besonders alle Menschen nach sich namentlich und vor allem immer die Menschen auf gleichen Lebensstufen; also allem zuvor dem Lebensalter in welchem er zuerst sein Leben als hohes geistiges Leben fühlte in dem Jünglingsalter, in dem Jugendalter.
Leicht ist der Streit zwischen mir und der Welt entschieden, leicht die Quelle des unversöhnlichen Hasses u Feindschaft vieler Menschen gegen mich gefunden: ---- Ich war der ich war und der ich noch bin und der ich nie aufhören werde zu seyn: Menschen neigten, wandten sich zu mir wie war auf jener Lebensstufe mir anders zu denken möglich als sie wollten das Leben welches darzustellen mir Lebenszweck war mit mir entwickeln durch Pflege entwickeln - Sie aber wollten ich sollte entweder ein Leben was sie sich gedacht, wozu sie sich gleichsam einen Grundriß gemacht hatten - oder wohl gar ihr eigenes Leben wie sie es sich gedacht und sich gleichsam einen Grundriß davon gemacht hatten mit machen, mit erbauen helfen, da konnte nun nur MißVerständniß Hemmung - Druck - Verkennung - Fessel - Noth u.s.w. u.s.w. nach jeder Seite hin kommen und fühlbar werden - von edlen und sonst großartigen Naturen in meinem Lebensverhältnissen ist hierinn gefehlt worden.- So haben dadurch nun freylich alle die vielen ja unzähligen Vorwürfe die man mir in meinem bisherigen Leben schon machte, und die man mir zu machen nie aufhören wird einen gewissen Schatten vom Schatten der Wahrheit. Denn wohl z.B. zeigte ich jedem eine gewisse (Perspective) Aussicht ins Leben und Beachtung ihres Lebens aber - nicht auf dem Wege des Aufbauens, des Machens sondern auf dem Wege des Schaffens, der Entwicklung. Daher warf /
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und wirft man mir noch ja noch immer, selbst die die es mit mir und der Sache recht gut zu meinen meinen - jenes mein Sich-entwickeln-lassen-wollen des Lebens so bitter vor. Ich werde darauf noch in diesen Mittheilungen zurück kommen. Darum beschuldigt man mich der Lüge, der Teuschung der Unwahrheit pp und gar manche, wenn es nur sonst der Anstand oder die Verhältnisse erlaubte[n] (ich werde darauf wohl sehr bald zurück kommen) würden in dieser Beziehung gern mit Herzog gegen mich gemeinsame Sache machen; wenigstens fühle ich so etwas in meinem Herzen sie machen in ihrem Herze[n] mit Herzog in dieser Hinsicht gemeinsame Sache gegen mich. Von dieser Seite war es denn auch wo meinem Herzen die tiefsten, schmerzlichsten und lebensgefährlichsten Dolchstiche versetzt wurden und die wohl schwerlich aufhören werden zu bluten so lange ich in diesem Körper lebe.- Und hatte ich in meinem Streben, meinem Ziele, meinem Wege nach demselben Unrecht?- - Seit anderthalb Jahren - (ich habe es schon in Briefen, geschrieben gegen das Ende verflossenen Jahres erwähnt) - hat sich mein Leben zu lösen begonnen und es hat sich selbst unter den ungeheuersten Gegenkämpfen, ich erwähne nur Herzogs jüngstes Handeln, gelößt; würde sich nicht auch das Leben aller und aller die sich mit mir vereinten zu lösen begonnen und nun gelöset haben?- Es ist wahr, was sollte ich es leugnen, ich habe Nichts, und, um es ja nicht zu übertreiben, - wer mich fragen sollte: nun, wie wird Dein Leben im nächsten Halbjahr beschaffen seyn? dem weiß ich nichts, gar nichts zu sagen denn ich weiß selbst davon rein Nichts, aber - mangelt mir Etwas? - habe ich Sorge? - Noth? - Kummer? - Von den dunkeln wie von den schimmernden, von den festen wie von den schwankenden Gütern der Erde habe ich rein Nichts, aber - es mangelt mir bis jetzt auch Nichts - da der Mensch aber immer einen Druck hat so habe ich den, daß ich das was über das tägliche Bedürfniss mir immer gereicht wird ich nicht Euch weiter reichen kann - aber dagegen welchen bleibenden Reichthum, welche Eintracht, Einheit, Ruhe, Frieden (selbst bey den nie aufhörenden Kränkungen von Außen) welche Freude und Freudigkeit in meinem Innern lebt dieß vertauschte ich gegen alle Schätze und alle Reichthümer und Güter der Erde nicht. Würden wir nun als ein Gemeinsames in Gemeinsamheit jenen entwickelnden Lebensweg fortgegangen seyn, so würden wir mindestens jetzt dasselbe Ziel erreicht haben d.h. uns gefunden haben, reich in uns und doch ohne Noth, Sorge, Druck, Kummer; reich in uns dabey aber als Gemeinsames nemlich an solchen inneren Gütern, daß gar manche gern um sie zu theilen und mit zu genießen, mehr von den ihrigen uns abgeben würden als wir bey unserer sonstigen Berufswirksamkeit zu unserm Bestehen und geistig steigernd fortschreitenden Leben bedürfen würden.-
Es ist nun zwar wohl wahr daß der Mensch wie das Lebens jetzt steht sich frühe und als Knabe schon, daß die Knabenwelt sich schon in die zweyseitige Lebensansicht theilt, und daß wirklich manche Knaben (wie wir dafür mehrere Beyspiele in Keilhau hatten) für sich selbst die auferbauende Lebensansicht angewandt wünschen; doch kann und muß der Erzieher zunächst immer das Gegentheil vor aussetzen und darnach als Erzieher handeln, dieß müßt Ihr nun, beson- /
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ders auf Veranlassung des jüngsten Vorfalles mit Albert wohl beachten. Aber sehr merkwürdig bleibt immer die Erscheinung die aber auch sonst wohl im Leben noch vielseitig ihres Gleichen hat, daß der Mensch welcher in sich und für sich eine frey Entwicklung er- und anstrebt, außer sich eine gemachte, eine erbauende Bildung ausführen möchte, in Keilhau habe ich dieß bey den lehrenden Zöglingen fast durchgehend als Erscheinung gefunden; einen für alle hebe ich nur den Johann Sch. heraus. Aber was die allgemeinere Lebensansicht betrif[f]t ist besonders Ferdinand eine solche Natur. Seine Ansicht in einem seiner Briefe unmittelbar vor dem 14 Decbr ausgesprochen, sagt klar was ich meine. Auch er möchte überwiegend lieber ein erbautes und gemachtes Leben als ein entwickeltes. Er war darum oben auch bey der doppelten Andeutung dessen worauf ich weiter unten zurück kommen würde gemeint; und ich habe in mir keinen Grund zu zweifeln, daß er, - erlaubten es ihm sonst die Verhältnisse vielleicht auch eine gewisse innere Gutmüthigkeit, - in gar manchen Beziehungen und Ansichten mit Herzog wohl herzlich gern gegen mich gemeinsame Sache machte. Schon seine nur eben erwähnten brieflichen Mittheilungen sprechen ja fast wörtlich die der herzogischen gleiche Lebensansicht aus. Aber auch sein ganzes Leben beweiset mir die Richtigkeit meiner Ansicht seiner. Meinem gegen und bey Keilhau jetzt beobachteten Grundsatz getreu, wollte ich auch ihm hier alles auch das von mir Geschriebene mittheilen und so gab ich ihm denn auch meine, Euch über sandte Antwort auf Schnyders Brief, doch der Inhalt schien ihm nicht anzusprechen und der Brief mußte an Euch abgesandt werden ohne daß er ihn kaum zur Hälfte gelesen hatte. Vor ein Paar Tagen kann [sc.: kam] der hier in Abschrift bey liegende Brief Schnyders, worinnen er mir schreibt daß er eine sieben Bogen lange Antwort schon auf meinen Brief fertig habe. Bey dieser Gelegenheit äußerte Ferdinand: - "es möchte wohl auch nicht schwer seyn in meinem (den Euch mitgetheilten) Briefe an Schnyder bald eine Menge Widersprüche zu finden und, wenn er mich in den letzten Wochen nicht so anhaltend beschäftigt gesehen hätte so würde er mich schon auf mehrere darinne aufmerksam gemacht haben." Es mag seyn und ich habe zunächst nichts dagegen nur weiß ich erstlich daß in meinem Innern und in meinem Leben kein Widerspruch war als ich jenes niederschrieb, also können auch nicht eine solche Menge so leicht auf zufindender Wiedersprüche in dem Briefe selbst liegen. Zweytens weiß ich daß - wie ich ja oben klar nachgewiesen habe - Lebensansichten wie Ferdinands und die meinen sich nie durchs Wort ausgleichen, sondern auf diesem Wege nur immer zu größern Entgegnungen führen, daher setze ich mit jeder eintretenden Opposition das Gespräch nie fort. Nun weiß ich aber fast gar nichts gegen was Ferdinand nicht opponirte; daher haben auch alle unsere Gespräche nur das Äußerste des Lebens zum Gegenstand; ich wünsche aber nicht daß ihm etwas darüber geschrieben werde, denn es könnte und würde die Sache nicht besser wohl aber leicht schlimmer machen; denn sonst ist er rüstig in seinem Geschäfte, fördert so wacker das Werk und wir leben einträchtig, friedlich u freundlich und herzlich neben und mit einander. Denn seit dem die /
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in dem Bisherigen angedeutete Lebensansicht in mir sich ganz klar gemacht, und selbständig geworden ist; seitdem ich klar ein- und in allen Lebenserscheinungen bewährt sehe daß man, um ächter Menschenerzieher und Menschheitsfortbildner zu seyn, das Schlechte und Böse nicht so wohl bekämpfen, sondern ihm ruhig sein Wesen treiben und auf sich gleichsam beruhen, stehen lassen - gleichsam wie Festungen welche man in der neuern Kriegskunst auch ruhig an der Seite hat liegen lassen dagegen das Land selbst in Besitz genommen, also auch nur das Gute, Tüchtigkeite, die Tüchtigkeit der Menschen selbst nach Möglichkeit zu pflegen, keimen, wachsen, blühen und fruchten zu machen, so daß es endlich das Böse und Schlechte überwachse und dieß so verdorre. Im Kriege und Kampfe mit dem und gegen das Schlechte Böse, die Nacht und die Finsterniß gehen die edelsten, besten, größten Kräfte verlohren stumpfen sich wenigstens ab, schwächen sich und so bleibt schon zunächst gleich das Gute ungethan, das Böse erholt sich aber schneller leichter als das Gute, und so wird zuletzt das Gute und Tüchtige bey aller Güte und Tüchtigkeit überflügelt, überwachsen, in den Koth gezogen und in den Schmutz getreten;- seit dieser Zeit nun daß diese Überzeugung eins mit meinem Leben und gleichsam mein Leben selbst geworden ist, kann ich widrige Äußerungen und auch solche wie die von Ferdinand oft sind, mindestens ohne harte und fortgehende Entgegnungen von meiner Seite ertragen, ja ich sehe ein eine ächte Menschen- und Menschheitserziehungsanstalt muß als Ein in sich Einiges nach ganz gleichen Grundsätzen handeln.
Ich komme dadurch auf einen Gedanken zurück welchen ich Euch schon in meinen letzteren Briefen aussprach: - Ihr müßt nach Möglichkeit jedes noch so kleine Zutrauen zu Euch und Euerm, oder zu Uns und unserm oder zu mir und meinem Wirken - was ja alles Eins ist - selbst mit Aufopferung pflegen und dieß immer um so mehr als das Zutrauen ein ächtes, ein im Innern im Gemüthe und Leben der Menschen begründetes ist. Ihr müßt dabey von der Lebensansicht und festen Überzeugung ausgehen: - daß das Zutrauen, ob gleich ein unsichtbares, geistiges stoff- und somit materiell wertloses Gut, doch in sich ein Wirkungs- und somit als Kraft wertvolles Gut sey. Man muß aber dabey für die Folge und Zukunft weder auf Dank noch auf Lohn von der Person rechnen d.h. (und dieß ist der schwierigste Punkt gleichsam der Verläugnung wenn man mit Menschen umgeht die sich bewußt und denkend rc nennen) d.h. also man muß das uns von Menschen werdende Zutrauen, weder in den Willen noch in das Bewußtseyn der Menschen setzen, noch weniger als eine ächt menschliche das heißt freye That behandeln sondern als eine That und Erscheinung die aus dem Geiste des Menschen nach dem [sc.: den] Gesetzen des Geistigen dem Menschen selbst ganz unbewußt hervorgeht. Wie solche Erscheinung die Kinderwelt soviel zeigt. Überhaupt muß man die Menschen zum überwiegend, weit weit überwiegend größten Theil und wären sie an Alter Männer und Greise als Kinder beachten die wie Rousseau so tief und wahr sagt - eitel und stolz auf Dienstleistungen werden, die man ihnen nicht erweisen würde, wenn sie wahrhaft Männer wären. Es klingt wohl hart, aber wahr ists, wahr ist es!!! /
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wahr ist es!!! Doch wir erwiedern ja das unbewußte Zutrauen unserer Kinder als wäre es eine Handlung der freyen Selbstbestimmung warum sollen wir nicht auch so gegen Kinderjünglinge, KinderMänner, KinderGreise handeln?- Wie wir nun dort den Dank und den Lohn unmittelbar in unserer Zutrauens Erwiederung und durch dieselbe finden, so müssen wir bis die Menschen sich auf eine höhere und die wahre Stufe des Bewußtseyns, des ächt und wahrhaft freyen Willens und wahrer freyen, selbstthätigen Selbstbestimmung erheben damit zufrieden seyn. Nur hüte sich ein Jeder dem die Ruhe des Herzens, das Glück seines Lebens, der Friede in sich u.s.w. lieb ist bis dahin bis einmal diese Zeit auf der Erde wenigstens unter Christen kommen wird mehr zu fordern mehr zu erwarten.
Denn das ist nun wohl wahr, ein zweyfaches ist nun wohl wahr erstlich wenn ein solches bewußtes männliches, Zutra gegenseitiges gleichbewußtes männliches Zutrauen mit freyer und freythätiger Selbstbestimmung unter Christen einmal eintreten wird, so wird, weil ein solches Zutrauen nothwendig ein productives, fortentwickelndes ist, in dem Menschengeschlechte nothwendig eine neue Entwicklungsstufe bedingt oder was gleich ist, dieses Zutrauen ist eine Erscheinung der neuen Entwicklungsstufe der Menschheit. Das Zweyte was wahr ist, ist das was ich auch schon in Keilhau mehrmal mündlich berührte, das Alterthum in welchem überhaupt auf seine Entwicklungsstufe der Menschheit, viel Großes heimisch war kannte solche Erscheinungen des Zutrauens durch freythätige Selbstbestimmung. Dem neuern Christenthume besonders, dem in sich unklaren, zerfallenen sich selbst mißverstehenden Christenthume sind diese Erscheinungen fast durchgehends fremd. Warum?- ist sehr leicht einzusehen wie sehr leicht zu beantworten: - man hat einen eigenen Begriff der Wirksamkeit des Geistigen des Göttlichen, man meint es könne durch alles ehe [sc.: eh] hindurch wirken, gleichsam in allem eher sich frey machen als im Menschen. Daher verlassen in irgend entscheidenden Fällen bey weitem leichter und fahren auseinander wie Spreu; vielleicht da oder dort gar meinend sie griffen Gott vor, welcher wohl sonst noch helfen würde oder könne wenn er sonst wolle. So entadelt und entwürdigt sich der Mensch selbst, statt sich zu einem Diener Gottes mit Bewußtseyn zu erheben der Grund davon ist der Mensch hat in sich alle Einsicht in das Göttliche und alles Urtheil über das Göttliche, alle wahre Erkenntniß des Göttlichen vernichtet.
Daher ist in allem Handeln wo es sich auf das Höchste und Göttliche bezieht (eben weil keine klare und geeinte Einsicht in das Göttliche und Erkenntniß vom Göttlichen unter den Menschen ist) - keine Sicherheit und kein Verlaß keine Gewißheit unter den Menschen. Ich bitte Euch seid in dieser Hinsicht besonders als ein Geeintes sorglich, sonst kommt Ihr in die größte Gefahr, seid besonders auch sorglich in der Meinung von und über Euch selbst. Freylich kann wohl am Ende nur jeder in sich selbst, in seinem Selbstbewußtseyn entscheiden ob er gegen Menschen ein oben bezeichnetes freythätiges Zutrauen durch Selbstbestimmung habe; allein er muß mit dem End-Urtheil darüber sehr sorglich seyn um weder sich noch den Andern, noch das Gemeinsame zwischen ihnen in Gefahr zu bringen. /
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Gefahr zu bringen.
Merkwürdig ist das immer und liegt als Thatsache dünkt mich sehr klar am Tage: - die Bösen und Schlechten und die Grauen halten bey weitem mehr, ohne Verabredung, ich möchte sagen ihrer Natur nach unter sich zusammen als die Guten und Tüchtigen und wenn einer dieser Classe und Art in Gefahr oder ins Gedränge kommt so nimmt sich der und ein anderer dieser Classe und Art gewiß seiner an, wenn er auch nichts von ihm wüßte als nur daß er zu dieser Classe und Art gehöre. Der Grund ist wieder leicht aufzufinden und leicht einzusehen, da jeder sein Bestehen nur in dem Andern begründet und festgestellt sieht, so nimmt er sich dieses andern sobald an als es geschehen kann um sich dadurch die Hoffnung zu geben, daß sich der Andere auch einst dann seiner annehmen werde, wenn er selbst in Gefahr komme. Thatsachen dieser Art dünkt mich zeigt die ganze herzogsche Geschichte so wie ihr völliges Aufblühen in der Schweiz bis in die aller jüngste Zeit hinlänglich genug!- Seht Freunde so sieht es noch mit den Menschen, unter den Guten und mit dem Einverständniß der Bessern aus. Möchten endlich doch wir weise werden und uns zu allseitiger freythätiger Selbstbestimmung erheben und alle unsere Kräfte in einem einzigen Punkte, dem einzigen Punkte bewußten, frey- und selbstthätigen gegenseitigen Zutrauens sammeln, und dann all das halbwahre und halbgare, halbblaue und halbgraue, Halbmeynen und Halbscheinen fallen und sinken lassen. Wenn werden wir wenn wird Keilhau endlich seine geeinte moralisch-intellectuelle-productivKraft erkennen!- - -

Was ich meine ist dieß; und ich rede hier ganz vor allem zu mir selbst, meine mich selbst, denn ich habe ganz vor allem nöthig daß ich selbst und für mich selbst festhalte was ich ausspreche: - Laßt uns aufhören uns mit irgend jemanden als uns selbst in Übereinstimmung und Einverständiß zu bringen, Freunde dem zu suchen was wir er- und anstreben, Freunde dem zu verschaffen was uns heilig und theuer ist, ja laßt uns fast jedem ersten und neuen Freunde der Sache mit Zagen die Hand reichen, denn indem wir diesem die Hand reichen ergreifen wenigstens drey feindseliggesinnte unser Theuerstes um es in den Koth zu treten ein Freund weckt unzählige Feinde. Und ehe die neuen Freunde durch die Noth bewährt der Sache wahrhaft Stützen werden haben die drey andern schon keck niedergerissen woran wir Jahre lang bauten und dieß mit so leichter Mühe wie das kleinste Geschwister im Nu vernichtet was das ältere erst nach langem sorglichen Baue ausführte; denn nur zu merkwürdig aber auch leider nur zu wahr: - dem Feinde giebt alle Welt gleich von vorn herein vom Anfange an recht und dem Freunde Unrecht, denn mindestens setzt man die Gründe seiner Beistimmung in Gutmüthigkeit, Neuheit, Unununterrichtetheit und Gott mag wissen worinn noch allen um nur den Werth seiner Beystimmung zu schwächen.- Es ist wirklich als könnte den Menschen nichts mehr ehren, und glücklicher machen als wenn nur das Gute vernichtet und in den Koth getreten werde. Aber wenn es möglich, wenn es nur irgend möglich ist laßt uns in Übereinstimmung und Einverständniß in uns, mit uns, und unter uns /
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kommen, damit unsere Lieben, Geliebten und Theuern die uns nachkommen, den Kampf mit der mehr als 1000köpfigen Hyder [sc.: Hydra] bestehen; es ist sonst - wenn sie es anders wahrhaft ernst mit dem Guten, dem Recht, der Wahrheit und der Schönheit die in sich selbst ruhet meinen - nicht möglich daß sie durchkommen. Die Feinde des Guten und der Wahrheit sind zu schleichend, zu unkenntlich, zu versteckt, zu gewaltig, und keine schaudervoller als die welche die Maske der Freundschaft lügen. Erlaßt mir für das Einzelne die Belege aus meinem selbst den jüngsten Leben, mein Herz, meine Seele erbebt, warum soll ich es nicht sagen, wenn es dieß Leben nur im Allgemeinen wieder durchlebt. Doch dafür, daß ein Freund gleich mehrere und wohl stärkere Feinde weckt nur eine schwache Andeutung. Eurem Briefe an Schnyder zu folge hattet auch Ihr eine Freunde daß der junge Prof. Fichte über mein und unser Streben sich öffentlich aussprechen wollte; in einer ähnlichen Ansicht wie Ihr, theilte ich es Ferdinanden mit, dieser aber machte mich als ein ächter Schüler Frieses darauf aufmerksam, daß dadurch unsere Sache nur Partheysache werden würde und so z.B. gleich die sehr bestimmte Opposition Frieses wecken würde, welcher wie ich aus Ferdinands Äußerungen schließen [muß] ein vielleicht so heftiger als stiller philosophischer Gegner meiner Bestrebungen ist; indem er vielleicht in meinem Wirken Anstreben zur Verwirklichung und ins Leben Einführung einer philosophischen Schule siehet die ihm verhaßt ist. Mich als einen sich selbständig ausgebildeten jeden zur Selbständigkeit - aber nicht zur Willkühr für sich und andere - erziehen wollenden anzusehen, zu erkennen kommt ihnen gar nicht in den Sinn.- Diese Menschen da sie nur Schulproducte d.h. Producte bestimmter philosophischer Schulen sind, nur solche um sich sehen, so meinen sie es könne auch gar keinen Gebildeten, wissenschaftlichen Mann geben, welcher nicht ein Ergebniß reiner Selbsterziehung sey. Sie meinen es könne keiner ein Mensch seyn welcher nicht zugleich auch ein Aner sey. Darum hat aber auch die Zeit keine NaturMenschen, keine classischen und ursprünglichen Menschen mehr aufzuweisen, denn wer kann sich dieser Matrosenpresse erwehren.
Den Menschen rein als eine Gottesoffenbarung anzusehen, als solche zu pflegen zu erziehen zu achten und zu betrachten kommt ihnen eben so wenig in den Sinn als bey der hohen Fichte die sie spalten, bey der Eiche die sie fällen, bey dem Korn das sie mahlen und bey dem Klee welchen sie ihrem Viehe vorwerfen. Aber wie jedes Gewächs fordert nur nach seinem Leben, auf seine Weise und nur nach seiner Natur beachtet und gebraucht zu werden, fordert so auch die Menschen in ihren verschiedenen Arten; welche verschiedene Arten ich schon seit mehr als 20 Jahren unter der Form von Steinmenschen, Pflanzenmenschen, Thiermenschen, MenschenMenschen andeute. Hebe ich nun wieder die PflanzenMenschen heraus, so giebt es wieder DistelMenschen, NesselMenschen, DornenMenschen, RosenMenschen, LilienMenschen, EichenMenschen, BuchenMenschen, LindenMenschen, KleeMenschen ErdäpfelMenschen, Hanf[-] und KornMenschen. Freylich darf ich darum so wenig mich be- /
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klagen daß der Distel- und der DornenMensch mich sticht als ich mich über das Stechen der Distel und des Dornes wenn ich ihm zu nahe komme mich beklagen darf. So mit den Steinen: Edelsteinen und Lehmpatzen; so mit den Thieren: Zeisig und Maulwurf. Diese Ansicht der Menschen und MenschenGesammtheit führt zur ächten Menschenkenntniß, ächten Menschenwürdigung, ächten MenschenErziehung. Wie wir uns nur in unserm Leben jeden einzelnen Naturgegenstand, jede einzelne Naturerscheinung als eine einzelne, sondere, individualisirte Gottoffenbarung uns zu erkennen bemühen und uns so die Natur und Welt zu einer heiligen Gottes Schrift, einer Gottesrede, einem Worte Gottes wird, so würde das einzelne und sondere, wie das Gesammte, Geeinte, gemeinsame und einige Menschenleben eben so eine Gottoffenbarung, eine Gottesrede, ein Gottes Wort werden. Wer vermag sich aber zu dieser Ansicht des Lebens zu erheben wo das Ganze des Menschenleben[s] mindestens einer reizenden Flur, einer anmuthsvollen Landschaft gleiche?- Freylich ist sonach das Leben ein großes, großes gesammt- und gemeinsames Erzeugniß und Ergebniß, und der Einzelne kann es wohl in sich tragen wie der Balletmeister das große sinnvolle Ballet z.B. Appelles? und Campesbe? oder Alexander oder die große Oper - oder das lebendige Gemälde - allein viele gehören zur Ausführung deßhalb forderte, oder wenn man richtiger will ersehnte meine Seele von jeher zur Ausführung des großen Leb- und Lebensganzen welche sie, ich möchte fast sagen vom ersten Augenblick ihres sich bewußtwerden in sich trägt - eine Mehrheit innig geeinter, freylich auch sich innig verstehender und darum innig einiger Menschen: Menschen die nichts einzeln und abgerissen nichts geschieden sehen, aber dennoch jedes Einzelne im großen Ganzen wieder finden. So war mein Leben und so wird es in Ewigkeit seyn, denn ich werde meines Lebenszweck u Lebensziel, eben so wenig mit dem Erden- und irdischem Tode verliehren, wie ich durch denselben mein Leben selbst nicht verliehre, ich werde vielmehr durch alle Ewigkeit hindurch mein Lebensziel, meinen Lebenszweck festhalten wie ich mein Leben selbst festhalten werde; ich brauche darum auch nicht mit der Ausführung zu eilen denn was schon mancher Menschengeist erkannte, erkannte auch ich: - ist doch die Ewigkeit mein.
Es kann Euch nun durch alles dieses klar werden und Ihr könnet nun so immer mehr einsehen wie ich recht habe wenn ich sage: mein Leben und der Zweck, das Ziel meines Lebens besteht nicht wie man thöricht meint in einer Umkehrung der Lebensverhältnisse, wohl aber in einer reinen Umkehrung der Ansicht der Lebensverhältnisse, der Gesinnungen, mit welchen ein und eben das[s]elbe Leben betrachtet und beachtet wird; in der Wahrnehmung des Geistes und des Lebens, welcher sich in den Lebenserscheinungen kund thut und offenbart. Die Gänseblume wird keine andere Blume, wenn sie mir eine <Blüte> Sinnbild ein Maaß der Liebe einer innig einigen Mehrheit von Menschenfamilien, und darum innige[r] einiger Menschenliebe wird. Die Bitterwurz wird keine andere Blume wenn sie mir ein Wegweiser zur Himmelsfahrt (fahren = reisen, Fahrt = Reise) wird pp, pp, pp, aber - - - die Natur wird göttlicher und darum menschlicher, oder Menschlicher und darum göttlicher.
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(Weiter) Dem Leben geht es nun eben auch nicht anders als es, wie uns der Dichter sagt, der Kunst und der Wissenschaft ergeht, dem einen ist es eine gute Milchkuh, dem anderen eine hoheleuchtende, hehre Göttin. Diese letztere Ansicht steigt bey mir nur bis in die einzelnsten und kleinsten und untergeordnetsten Lebenserscheinungen herab, so hat dem einen das Handwerk einen guten fetten Boden, worauf Korn u O[b]st zur Lebens Nahrung u Notdurft in Genüge wächst und Vieh weidet zu Fleisch in die Töpfe und zu kräftigen Suppen; dem andern ist der Land[-] u Ackerbau ein gutes Hand-Werk; mir ist aber ein und jedes Handwerk wie Land- Acker- und Gartenbau die Wissenschaft und Kunst: - die göttlichen und geistigen, die Einheits- und AllheitsEigenschaften der Dinge zu entwickeln mittel- und unmittelbar; dieß ist mir nun jedes menschliche Geschäft seinen Zweck und erstem Ziele nach. Wird nun dieses Geschäft ruhig und sinnig u.s.w. betrieben, so giebt dieß ganz nothwendig und durch sich selbst Brot, und zwar wieder zweyfaches: inneres geistiges und äußeres räumliches körperliches; das innere macht, daß man des äußeren eben nicht mehr bedarf als eben nun nöthig ist, ja Entbehrung des äußeren giebt sogar inneres Brot und so kann denn der Mensch dadurch nicht nur einseitig und im gewöhnlichen [{]gemeinen / niederen} Sinne des Wortes reich werden, sondern im vielseitigen Sinne reich werden denn seine Kraft und sein Leben durchreicht und überreicht das Gebiet des Geistigen und des Körperlichen, wo hörte auch die Gesammtheit, Thum, das Gebiet, oder das Haus Domus auf wohin er durch und mit seiner Kraft reiche. Reichthum, und ein Reich-Thum um giebt ihn wohin er sich wendet. Jene Ansicht von Handwerk, Land[-] und Ackerarbeit lehrt und macht meinen Pflegesöhnen Euern Zöglingen und Schülern klar, sucht es ihnen klar zu machen ehe Ihr sie in ein sogenanntes bürgerliches Gewerbe einführt; dann werden sie mit Ruhe, Sicherheit und wahrhafter geistiger Befriedigung wählen können. In seiner Vollendung giebt es nichts was nicht in einer Beziehung Kunst wäre; Kunst heißt aber das Innere offenbaren, kund machen können; wie schön heißt, daß in aller Mannigfaltigkeit immer die Einheit, an und durch alles {Äußere / Körperliche} das Innere der Geist durchscheine, darum soll eigentlich auch alles was der Mensch thut zugleich schön seyn. Auch den Ausdruck des Wahren soll jedes was der Mensch thut haben d.h. das h. den Ausdruck: - daß die Gesetze die ihm zum Grunde liegen schon vom Urbeginn an waren.
In Beziehung auf die Handwerker habe ich schon einmal ganz frühe bey Hänolds den Gedanken angedeutet; ich hob dort zwey ganz gewöhnliche Handwerker rc. heraus.
Daß es nur die Ansicht, die Gesinnung also der Geist es ist welche dem Leben ihre Bedeutung geben, dieß könnt Ihr recht klar an Euern Spaziergängen an Euerm Genuße der Aussichten und des Anblicks der Gegenden sehen; wie ganz anders ist der Eindruck der Gegend, der Aussicht auf Euch als auf Hundert, Tausend anderer welche die Gegend vor- und mit und nach Euch sahen; ja wie verschieden der Eindruck ein und ebenderselben Gegend und Aussicht auf Euch selbst.- /
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Erinnert Euch nur der so oft unter uns wieder gekehrten Äußerung nach Rückkehr von unsern Spatziergängen: so schön wie heut war die Gegend, der Abend noch nie!- auch wohl der lächelnden Anmerkungen welche zu jener wiederkehrenden Äußerung gemacht wurden. Das eben Gesagte dünkt mich löset alles leicht: - Unsere innere geistige Ausbildung schritt und schreitet ununterbrochen fort, unsere Sinne für Wahrnehmung des Geistigen entwickeln und stärken sich immer mehr unsere Gesinnungen, unsere Lebens- und somit auch Naturansicht erhöhet und veredelt sich, wir können immer mehr die Einheit in der Vielheit schauen und empfinden u.s.w. darum denn der erhöhtere geistigere Eindruck der Naturerscheinung der Gegend.
Bey dieser Veranlassung will ich doch etwas erwähnen was mir nicht allein hohe Genüsse, sondern vor allem großen Erdenfrieden gieb[t] und was ich erst vor wenigen Tagen an sehr schönen Winterabenden wieder geübt habe.- Wenn nemlich Abende, soll heißen Tageszeiten oder Gegenden, Aussichten sehr schön sind, so versenke ich mich so in das Anschauen der Schönheit besonders durch u in Zartheit, Sanftheit, Farben und Duft, daß mir der Eindruck und das Gefühl die Wahrnehmung des Örtlichen ganz schwindet, denke mich dagegen auf einen andern Weltkörper z.B. Jupiter, Venus und sage mir dann: Ja! wenn unsere und meine Erde so schön wäre dann wollte ich wohl recht glücklich, ja seelig auf ihr leben; welches geistige Leben und Wohnen hier und welche Härte, Körperlichkeit auf der Erde, diesem Jammerthale; ja, wenn Du nur einmal das leere u todte Erdenleben hinter Dir hättest, wie sollte Deine Seele jauchzen wenn sie in dieser Wohnung der seeligen Geister wandelte, und denn [sc.: den] Ausdruck und Eindruck dieser Wohnung in mir festhaltend bringe ich mir alle Örtlichkeit um mir zum stillen Bewußtseyn, bringe mir sinnig die Wirklichkeit in der ich jetzt lebe zum Bewußtseyn, bringe mir zum Bewußtseyn oder halte vielmehr fest, daß diese Geisteswohnung meine jetzige Wohnung ist und wie beruhigt u zufrieden ist dann meine Seele mein Gemüthe nicht auf und nach höheren Welten sehne ich mich, ich fühle tief noch habe ich lange das hohe, geistige, seelige Leben dieser Erde noch nicht aus[-] und durchgelebt. Wenn nun dieß schon die Betrachtung der Natur mit erhöhterer Gesinnung giebt, dieses wahrhaft seelige Leben; was soll, was kann, was muß nun nicht erst die erhöhtere Betrachtung des Menschen, des geistigen Lebens selbst geben wenn der Mensch es mit erhöhteren, geistigeren Gesinnung und erhöhteren u geistigen Ansichten betrachtet und durchschaut?!- - Wo ist hier des Lebens Reichthums Ende? Doch eben hier ist die Quelle meiner Lebensleiden. Hier ist der Grund der Lebensteuschung dem mir so viele nächtliche und Todtes Gestalten entstiegen; ... Ich suchte und erstrebte immer erst innere Güter, so vor allem das innerste Gut der Einheit, Allgemeinheit, wähnend daß der Mensch, welcher nur nicht gerad ein böser und ein schlechter Mensch sey, und so bald ihm nur diese inneren Güter, dieses Gut der Einheit und Allgemeinheit vorgeführt und bekannt würden, er /
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er seiner geistigen und seiner Menschenansicht nach nothwendig auch gar nicht anders denken und handeln könne; wohl hegte (und hege ich noch, und werde sie in Ewigkeit hegen, wie Gottes Geist in und von Ewigkeit die Welt die Güter der Welt erschuf, sie aber selbst nicht bedarf) - durch diese und nach diesen innern Gütern, auch die Hoffnung ja Gewißheit äußerer Güter. Anders aber die Menschen um mich und zu denen ich sprach: Sie forderten und bedurften sogleich und zuerst äußere Güter und dann wohl die edleren und besseren unter ihnen durch diese und nach diesen äußern Gütern auch die inneren Güteren. Diese gegenseitige Teuschung (schon oben kam ich von einer anderen Seite her auf diesen wichtigsten Punkt der Lebenserkenntniß und Lebenseinsicht) brachte meinem Leben und mir die schiefesten Ansichten, die größte Mißkennung und mir die tiefsten Lebensleiden und Seelenschmerzen. Sie verleitete und verleitet noch Halbgebildete, Halbgebildeten, halbwahres auszusprechen. Welches Halbwahre eben durch und in dieser doppelten Halbheit um so verführender und nachtheiliger selbst für die Besseren wirkt und schleichendste und tödtendste der Gifte alles wahren Guten ist indem es eben vom Guten immer die Hälfte stehen läßt, bis zuletzt nichts mehr zu Halbiren ist, wie bey jenem Streite der Katze um die Halbirung des Käses durch den Affen auch nichts mehr übrig blieb. Zu einer solchen verführerischen und verführende[n] Halbrede, deren ich von den gebildetsten Männern z.B. auch von Dr. F. anführen könnte gehört die Rede des K.R.W. wo er sagt: "ich sey wohl zum Bahnbrechen gebohren aber zum Ausführen gehören ruhigere Naturen". Dieß kommt mir ebenso vor wie wenn man sagen wollte die Jahrhunderte der gothischen Münsterkirchen wären wohl zum Bahnbrechen dazu aber nicht zum Ausführen geboren gewesen, weil noch gar manche vielleicht alle großen Münster dieser Art unausgeführt sind, während dem unsere [sc.: unser] Garten gar manchen Abtritt in gothischen Geschmack aufzuweisen hat.- Haben wir spätern Kunstsinnigen Jahrhunderte hat das unsere ausgeführt was jenen unausgeführt blieb.- W.'s Äußerung kommt mir eben so vor als wenn eine große Land[-] u Heerstraße durch und an Felsen gebrochen würde, damit Spazierfahrende u Kinderwägelchen sie glatt fahren sollte[n] -, doch ich werde schon noch ein treffenderes Bild finden. Wer geboren ist zu irgend einer Sache die Bahn zu brechen, der war und ist auch geboren sie so weit als er sie in sich erkannt hat und erkennt, auszuführen. Kein Anderer kann sie wahrhaft weiter[-] und durchführen, denn kein anderer versteht die Brechmaschine zu handhaben, es sey denn, er lebe sich ganz in das Leben seines Vormanns ein, werde gleichsam dieser wieder nur für seine Zeit. Wenn W-s Rede wahr wäre so würde nicht nach jeder Seite hin so viel Großes, zu welchem von großen Geistern die Bahn gebrochen wurde unvollendet liegen. Aber warum liegt es unvollendet?-- Darum He. W. - weil es um es zu vollenden nöthig ist mich ganz in das Leben dessen der dazu die Bahn brach hinein zu versetzen, dazu aber, weil es mit meinem Willen, meiner freyen Selbstbestimmung geschehen muß, schon fast ein ganzes Menschenalter gehört, und nun erst kann mit Ruhe u Sicherheit an den Fortbau gedacht und gearbeitet werden. Seit vielen Jahren trage ich das Gefühl, ja das Bewußtseyn in mir daß ich mein Leben zum Ziele führen /
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den Zweck desselben erreichen werde; ich glaube in diesen Mittheilungen schon Beweise davon gegeben zu haben und hoffe ehe ich diese Bogen beendige noch einen sprechenden Beweis dem zu geben welcher überhaupt des Lebens Ziel und Zweck kennt. Ja ich trage ganz entgegengesetzt He. W.'s Lebensansicht meiner, die feste Überzeugung in mir, daß ich nicht nur im Stande bin das Harte und Ungefügige zu durchbrechen, sondern auch das Sanfte, Zarte, Milde, Weiche, Seelenvolle zu pflegen. Ich wüßte nicht was mich scheu machen sollte diese meine feste Überzeugung, wozu das Leben mir Zeugen genug giebt wenn ich sie aufzurufen nöthig hätte, - auszusprechen. W-s Äußerung kommt mir gerad so vor als wollte man der schon viele Jahrzehnte gewaltig strebenden Eiche die Pflege der zarten, schönen Fruchtblüthe absprechen, vielleicht gar deßhalb weil gar viele und manche wohl die gewaltige knorzige Eiche und die um ihr liegenden Eicheln als Schweinsfutter aber nie die zarte Blüthe gesehen und beobachtet haben. Oder es kommt mir vor, wie wenn Jemand der Aloe die nur alle 100 Jahre blühen sollte den zarten Blüthensinn und die hohe Blüthenpflege absprechen wollte, weil es die Blüthe 100 Jahre sinnig in sich pflegt ehe [sie] hervortritt; oder in Bildern die uns näher liegen: es kommt mir vor, wie wenn jemand dem dornigen und stachlichen Cactus den Sinn der zarten sinnigen Blüthenpflege absprechen wollte, das Stiefmütterchen aber weit über ordnen wollte weil dort nur selten eine Königin der Nacht und in die Nacht hineinblühet, dagegen das Stiefmütterchen vom frühesten Monat des Jahres bis zum spätesten nicht auf zu blühen hört.
Wer kennt die zarte Blüthenpflege meines Lebensbaumes und den Blumensinn des Herzpunktes meines Lebensgewächses?- Vor nun bald 26 Jahren sprach ich in Beziehung auf meinen Erzieherberuf aus: mein Streben sey Menschen zu bilden zu erziehen, die mit ihren Füßen in der Erde, in der Natur gewurzelt seyen aber mit ihrem Haupte zum und im Himmel ragten. Daß ich damit aber etwas sehr Großes bezeichnen wollte, wird mir hoffentlich niemand absprechen. Es wird mich aber auch Niemand so sehr Thor wähnen daß ich hohe Güter die ich andern zugedenke mir nicht selbst anzueignen mich bemühe, es wird also wohl Niemand meinen daß ich nur andere in und zu jener Höhe zu erziehen und zu bilden mich bemühe, selbst aber gleich Wegerig auf der Erde platt liegen bleiben würde. Nun aber tragen die Gewächse die Pflege des zartesten und edelsten bekanntlich nicht an der Rinde und nicht an der Wurzel sondern in der Krone, in den Zweigen und Knospen derselben; Es geht daraus nun freylich klar hervor wer die sinnvolle Pflege meiner Lebensblüthen sehen will muß selbst mit den Füßen in der Erde wurzeln, mit seinem Haupt aber zum und im Himmel ragen.
Freylich - wie es der Liebe Gott nun jeden nach seiner Weise einsichtig macht, - so hätten es diese Herren noch näher wenn sie beym Weintrinken an etwas anders dächten als höchstens den Ort, Erdenklos wo er wächst, das Jahr wann er wuchs und den Geschmack. Von der duftenden Weinblüthe sagte ein Dichter vor 25 Jahren, sie sey das zarteste was noch kein Dichter besungen; Wie es überhaupt solches Zarten noch so viel gäbe. Wie pflegt denn nun die gewaltige, Berge- Eis- und Bahnen-brechende Natur dieß ihr zartes Kind?- Wann geräth der beste Wein?- Wenn der Winter kalt ist, wenn Eis um die Reben friert und wenn die August und September Hitze den Wein kocht.- Jedes pflegt also auf seine Weise.
[oben links am Rand:] Die thörichten Menschen denken immer es ist mir um Err /
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Die thörichten Menschen denken auch immer es ist mir um die Errichtung von Erziehungsanstalten wie um Errichtung von Fabriken und Manufacturen zu thun, mir ist es darum zu thun daß der Mensch sich selbst, das Leben in sich und außer sich und so Alles finde; sie die Erziehungsanstalten sind nur ein in der Zeit und Gegenwart dazu gegebenes Anknüpfungs[-], Anspannung[-] und Erregungsmittel. Wie bey einem SaitenInstrumente nicht der Wirbel, der Steg und der Bogen oder die Taste, sondern die Saite die Hauptsache ist, so ist mir der Mensch an sich Hauptsache, Hauptsache ist mir daß er die in ihm ruhenden Töne und Harmonien erkenne und deren Einklang und Gleichgesetzigkeit der ganzen Kraft und Ton, bey dem Menschen der ganzen Geistes- und Lebenswelt. Sagt mir frey und offen Ihr Freunde und Freundinnen, Geliebte u Brüder! Wie hätte ich Euch ohne Erziehungsanstalt, die die doch fast alle ja der Erziehungsanstalt entwachsen waret, wie hätte ich Euch ja selbst die Vorsehung ohne Erziehungsanstalt zur [sc.: zu] der Lebenseinsicht und Lebensbeherrschung führen konnte [sc.: können] - mit einem Worte zu der Lebensweisheit die Ihr Euer nennen könnt so bald Ihr wollt?- Freunde und Freundinnen, Geliebte und Brüder! nehmt nur das noch im Entstehen begriffene Wartensee, die WartenseeerErziehungsanstalt aus unserm Leben heraus, und meint Ihr wohl Ihr und Keilhau wäre[t] geworden was es jetzt ist, ich wäre möglich gewesen Euch und Keilhau durch allen Schmerz und alle Leiden meines Lebens bey und mit Euch dahin zu erheben?- Und nochmals - dennoch steht eigentlich noch keine WartenseeerErziehungsanstalt. Ja Freunde, Freundinnen, Geliebte u Brüder: - Für uns braucht nun kein Wartensee mehr zu erstehen wir tragen die Blüthen und Früchte des Wartensee schon in uns, wie die Feigenblüthe welche nur eine Knospe erscheint und doch die herrliche Feige aus sich hervortreibt. Mehr als uns, als Ganzes und Einiges, Gemeinsames, diese acht Monate des Wartenseeer Keimensgeben, das können das können acht Jahre, ja acht Jahrzehende als Erzi des Wartenseeer Lebens und Wirkens als Erziehungsanstalt nicht der Mehr[-] u Vielheit geben; laßt uns alle dankbar erkennen und achtsam pflegen was uns allen Wartensee war, laßt uns zufrieden und dankbar seyn, das Ganze und jeder Einzelne wenn es uns auch gar nicht mehr gäbe, wir haben für manches Jahrzehnd Stoff zur Verarbeitung - Aufgabe zur Lebensdarstellung genug. Dieß aber uns und Euch zu geben war mir Aufgabe und darum mußte, weil es dazu nach unser aller Stehen kein anderes Mittel dazu gab, eine WartenseeerErziehungsanstalt aufkeimen. Laßt nun, Einsichtige, Einige! die andern sich um die Schaale zanken, sich daran wenn sie Lust haben die Zähne abbeisen, wir haben den Kern, und so wenn wir ihn pflegen Baum, Blüthen und Früchte ins Unendliche. Lernet die Wege der Vorsehung endlich als ein Gemeinsames, umsichtig Einiges verstehen und auf ihnen sinnvoll und ruhig zum Ziel der Menschheit wandeln.
Noch eine Aufgabe habe ich zu lösen, zweymal schon deutete ich sie in diesen Mittheilungen an es ist die größte dieses Briefes, wohl die größte des ganzen Wartenseeer Wirkens vielleicht sogar des ganzen, meines ganzen Lebens. Und heute soll wo möglich ihr Gelösetseyn noch ausgesprochen d.h. auf diesem Papiere ausgesprochen seyn und werden. /
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Was ich Euch zu sagen habe und sagen will ist selbst erst vor wenigen Stunden in meiner Seele und meinem Gemüthe, und zwar erst nach dem in mir vorgegangen, nachdem ich Euch diejenige meiner Naturansichten mittheilte, nach welcher ich mich um die Erdnaturerscheinungen recht aufzufassen und zu würdigen, gleichsam auf einen andern Weltkörper oder Planeten versetzt hatte; Ihr erfahrt also dadurch die neueste und jüngste meiner inneren Fortbildungen, meiner geistigen und Lebensentwicklungen, so zugleich auch den Faden an welchem, die Lebensansicht durch welche sie geschehen ist. Doch wie finde ich den rechten Übergang zur Mittheilung!- Ihr wißt, Lohn und besonders Strafe Übel in einem Jenseits - so wie sehr oft und häufig etwas außerhalb der Sache selbst liegendes - gebrauchen wir thörichteren als thörichte Menschen - um andere ja vielleicht uns selbst wenigstens die Jugend und unsere Kinder (vergleichet frühere Mittheilungen) zum Guten zu erwecken vom Bösen, Schlechten abzuhalten. Und doch brauchte es dieß für das kindliche Kind, den kindlichen Menschen gar nicht. Auch mich umgaben in meinem frühesten Knabenalter solche Teufelsbraterey Reden und Worte; aber es war auch die allerfrüheste That meines Geistes welcher ich mich an der Hand tief gefühlter Religion erinnere daß ich diesen Popanz ich will nicht etwa sagen wegwarf, nein mehr daß ich ihn in seinem Nichts und in seinem Sinn durchschaute und mit dieser That trat ich freudig und leicht und froh und entfesselt als ein freyer Mensch in eine höhere Weltordnung ein und noch fühl ich wie wohl mir da war und welch ein Himmel in mir und außer mir aufging. Wie wohl war mir als ich frühe einsahe daß ich einer solchen Seelenbraterey nicht ausgesetzt seyn werde, ob ich gleich zugleich mir klar erkannte sagte, daß jede meiner Handlungen daß jede meiner besonders fehlerhaften Handlungen unberechenbar endlos fortlaufende Folgen nach sich zöge. So geht man durch mißverstandene und kaum halbverstandene Bildersprache der feurigen Morgenländer nicht etwa blos mit der Zukunft ja mit einem Jenseits einer großen Menschenabtheilung um welche solchen hohen Lebensernst und tiefen Lebenssinn hat, daß ihr jedes Bild gleich zur Sache selbst wird als die Sache selbst nicht. Doch nicht allein mit der Zukunft und dem Jenseits von uns ruhigen sinn- und Gedankenvollen abendländischen Menschen, der ganzen Abendländischen Menschheit der still und tief fühlenden Abendländischen Menschheit geht man so freventlich um auch mit der Vergangenheit und dem Vorseits, denn ein Sündengebohrner soll der in reiner und durch reine Liebe empfangene Mensch, das Menschenkind seyn, das Geisteskind, das Kind der von Gott dem Menschen als Pfand seiner Liebe, mitgegebenen Liebe seyn. Tief empfundene und viel durchdachte Religion, strenge und unausgesetzte Lebens- und Naturbeobachtung ließen auch mich das Lebensvernichtende dieser Vorstellungsweise empfinden; fühlend und so durchdrungen von dem Adel, der Würde, ja dem seelenvollen, seeligen Leben des Menschen bestimmte ich mich als herangereifter Jüngling und beginnender Mann ohne daß ich es selbst wußte, ohne daß ich nur ahnete noch weniger wußte was ich wollte zum Erzieher, ja zum Menschenerzieher. Doch ein Drittes erkannt[e] ich noch nicht /
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ich noch nicht, und was ich auch darüber gesagt und ausgesprochen haben mag, so fühlte und empfand ich es noch nicht nahm es noch nicht in meinem ganzen Leben und durch mein ganzes Leben wahr das heißt im strengstens und eingeschränktesten Sinne des Wortes ich wußte oder vielleicht noch bezeichneter ich lebte es noch nicht. Dieses Dritte ist die Gegenwart oder das Dießseits, besser, strenger bezeichnender wohl noch das Jetzt die jetzt umgebende Welt. Mit meinem ersten Eintritt in Frankfurt tratt ich gleichsam zum ersten male in sie ein; mit meinem Eintritt in Berlin nach dem Feldzuge gleichsam zum zweytenmale, endlich zum dritten male in Griesheim oder Keilhau. Also ein langer 25jähriger Kampf ehe ich auch das Jetzt und die Gegenwart durchdrang, aber ein Kampf den man nur gelebt haben aber ihn nicht und nie schildern kann. Dem Jetzt und der Gegenwart geht es aber nicht besser wie der Zukunft, dem Jenseits und der Vergangenheit und dem Vorseits; die Vergangenheit u Vorseits ist eine Sündengebärerin, die Zukunft und das Jenseits eine mit Feuer u Schwefel strafende Hölle. Was kann nach dieser Lebensansicht die Gegenwart, das Jetzt, das Dießseits anderes seyn als eine Ernährerin Ausführerin und Ausbildnerin u.s.w. des Bösen und Schlechten und was darum für die anderen anders als ein Jammerthal, als ein Leben der Noth, des Druckes, des Krieges, des Kampfes, der Zwietracht und all der sündhaften und teufelischen Erscheinungen, welche die Vergangenheit erzeugt um die Zukunft zu bestrafen, weil sie die Gegenwart ausgeübt und ausgeführt hat. Diese Ansicht der Gegenwart und des Jetzt konnte ich aber bei meiner Ansicht der Vergangenheit und der Zukunft nicht theilen, für mich könnte es in der Gegenwart darum wohl Irrung und Mißverständniß und so Schmerzen und Leid, auch dadurch wohl Noth u Druck aber nicht eigentlich Böses und Schlechtes geben; für diese meine Lebensansicht konnte darum nothwendig etwas nicht daseyn, was aber ebenfalls deßhalb nothwendig ein Erzeugniß, eine Geburt jener Lebensansicht ist; so konnte ich also diese Erscheinung nicht läugnen und konnte sie doch nicht auflösen, (:und so mußte ich einen ungleichen blutigen Kampf um so mehr bestehen als ich meinen Feind nicht kannte, nicht einmal ahnete. An ihm und durch ihn sollte sich meine Lebensansicht bewähren und sie hat sich bewährt an ihm und durch ihn sollten sich meine Gesinnungen vom Menschen und vom Leben bewähren und sie bewährte[n] sich; denn eben jenes nicht läugnen Können und doch nicht auflösen können der Erscheinung machte mir unsäglichen Schmerz, und gestern noch erbebte davon nicht nur mein Herz nein mein ganzes Leben und ich sah mich noch auf einem blutigen Schlachtfelde umringt von den Gestalten des Luges und Truges. Jetzt sehe ich mich ruhig auf dem stillen Felde des Sieges, denn die Lug- u Trug und Schreckgestalten haben für mich die Schreckgestalt verlohren welche ihnen nur die Gesinnung ihrer Erzeuger leihet, das Lug- und Trughafte ihrer Lebensansicht denselben giebt, solche Gesinnungen sind nicht dem Menschenwesen als solchem eigen, solche Ansicht des Menschen Lebens ist nicht in dem Leben des Menschen, in des Menschen Leben begründet gehen nicht aus demselben hervor, geläutert, geprüft, geklärt, bewährt soll der Mensch vom Ganzen, von der Menschheit aus werden; der Einzelne wohl kann von seiner Sünder- und Höllenansicht aus wohl noch den Menschen belügen und betrügen, für den welcher die Menschheit, das Ganze in seinem /
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Wesen erkannt hat, hat Lug und Trug seinen Gift verlohren, was sie erzeugen sind ihm Prüfungen und so hat ihm denn auch wie Vergangenheit u Zukunft, so die Gegenwart, wie das Vor- und Jenseits so das Jetzt und Dießseits seine wahre Bedeutungs bekommen: das Jetzt und die Gegenwart ist ihm aus einer Ernährerin des Schlechten und Bösen, zu einer Prüferin und Bewährerin des Guten geworden. Das Gefühl der Entfesselung - Entlastung - Enttödtung; - dieses Gefühl wahrer und ächter Befreyung, ja ich möchte aus meiner Erfahrung wohl sagen - dieses Gefühl der Erlösung von des Lebensqual, war und ist dem gleich welches ich als Knabe empfand, als in und vor meinem Gemüthe die Höllenqualen in Nichts zerstoben; denn so zerstoben auch jetzt des Lebens Qualen. Was ich im Bilde erkannte und empfand, wie ich es im Bilde erkannte und empfand, heute erkannte und empfand will ich im Bilde aussprechen; in dem Bilde und der Lebensansicht, die ich oben als Naturansicht vorführte. Bild: Ich schaue und blicke an einem schönen Abend bey und nach heiterem Sonnenuntergang prüfend in mein Leben dieses Tages und sehe wie sich an und in den Erscheinungen desselben meine Gesinnungen meine Lebenansicht geläutert, geprüft, bewährt hat, ich verliehre mich in dieser Anschauung und wähne, versetze mich auf einen andern Weltkörper, den Planeten der Liebe, die Venus, und ich sage mir: ja! welch ein Leben ist hier, welch ein Leben der Eintracht, der Liebe zum Höchsten zum Besten zum Leben - alles was einen da umgiebt ist nur Läuterung, Prüfung, Bewährung des Guten Stärkung zum Guten; in Liebe und Eintracht führt alles zu Einem Ziele nicht nur zur würdigen Erkenntniß und Erfassung, sondern auch zur würdigen Ausübung des Lebens, ja wer hier lebte auf diesem Weltkörper, der könnte sich wohl seines Lebens freuen denn er könnte es würdig und würdevoll leben; und - mit dem hier und diesem Weltkörper fühle und sehe ich mich in die Gegenwart wieder versetzt, in der ich wirklich lebe, und - was ich in Beziehung auf einen andern Weltkörper sagte, gilt eben recht für unsere Erde, die Gegenwart und das Jetzt derselben. Und so sind nun nicht nur vom Verstande aus erkannt, nein! vom Gemüthe aus empfunden und vom Leben aus gelebt, des Lebensaufgaben gelöset; Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart; Jenseits, Vorseits und Dießseits, das Jetzt selbst liegen durch drungen, durchleuchtet wie durchlebt vor mir. und Ich beginne nun als reifer vollendeter Mann auszuführen was ich als Knabe ahnete, als Jüngling fühlte u empfand und als beginnender Mann dachte u erkannte. So weiß ich nun und Lebe nun, was ich längst ahnete und erkannte: Mann seyn kommt von Gott!- Nur wer in Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart - nur wer im Jenseits, Vorseits und Dießseits, - Jetzt zugleich lebt und leben kann der ist wirklich und wahrhaft Mann.- - -
Und so hat sich mir denn mein Februar als Monat der Klarheit von neuem bewährt denn was ich von den Worten: - "Was ich meine ist dieß." bis hieher niedergeschrieben habe habe ich heute am 2en Tage des Monats der Klarheit niedergeschrieben, er führte mich auf eine neue Stufe der Klarheit und Beherrschung meines Lebens; denn was ich gleichsam auf einem andern Weltkörper fühlte und empfand hat sich in meinen Gemüthe eingelebt, daß es nun auch für dieß Leben mein Eigenthum ist.
Also keinesweges nur vom Verstande erkannt oder von demselben ihm mitgetheilt, sondern gefühlt, empfunden, durchlebt, gleichsam im Innern ein-gebildet muß seyn, was des Lebens und für das Leben Eigenthum seyn und werden soll.- Guten Nacht; guten Morgen! /

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Am 3en Tage im Monat der Klarheit. Guten Tag, und - guten Abend; denn es ist wohl bald 5 Uhr. Irre ich nicht sehr so habe ich Euch in einer meiner früheren Mittheilungen ich glaube im vorigen Jahre von Frankfurt aus die Bewährung des Satzes: Mann seyn kommt von Gott. ausgesprochen, und Ihr habt Euch dessen vielleicht sogleich erinnert als Ihr diesen Satz auf dem vorigen Bogen laset. Es wäre mir recht lieb wenn Ihr es bemerkt und beachtet hätte[t] denn ich will Euch daran eine der allerwichtigsten Lebenswahrheiten anknüpfen, die ich sehr weit ausführen könnte, die Euch aber Ihr Freunde, Freundinnen Geliebte und Brüder, wenn Ihr sie auch nur zunächst in der Andeutung erfasset das für unsere jetzige Entwicklungsstufe der Menschheit allgenügende der Lebensansicht zeigen muß in welcher ich nur leben mag: die Wahrheit, die Lebenswahrheit ist diese: - Alles Wahre, Rechte, Schöne u Gute soll es für den Menschen ein wahres Eigenthum seyn muß von den Menschen nicht nur im Gemüthe gefühlt und empfunden, sondern auch im und vom Geiste verstanden und erkannt, zuletzt und vor allem auch im Leben des Menschen vom Menschen selbst durchlebt seyn. Wenn Euch die Äußerungen meines Lebens so im Gedächtniß waren als sie lebendig vor meiner Seele stehen, so würdet Ihr Euch erinnern wie ich schon oft in Hänolds Hause zu Euch aussprach: - Wenn ich Euch die Wahrheiten des Lebens ausspreche, so wird mir selbst bey ihrer furchtbaren Wahrheit und Gewißheit bange; aber demohngeachtet muß ich sie aussprechen. Ich glaubte und hoffte dort wohl zu Zeiten meine klare Geistes[-] und VerstandesEinsicht, klare Geistes[-] und Verstandeseinsicht überhaupt könnte und würde mich von der Durchlebung dieser graußigen Lebenserscheinungen und Lebensthatsachen befreyen, darum entwickelte ich meine Geistes- und Verstandeseinsicht so viel als so weit als nur immer in meiner Kraft und Einsicht stand hoffend dadurch einer Lebensthatsache zu entgehen die mich immer wie eine nächtliche Todtenhö[h]le umlagerte und an deren Rande ich immer stand in Gefahr jeden Augenblick hineinzustürzen; darum habe ich um nicht hinein zu stürzen die Begebenheiten, Erscheinungen und Schritte meines Lebens (nach meiner Weise) mit einer schneidenden Schärfe geprüft von welcher sich schwerlich ein Mensch einen Begriff machen kann. Ich erinnere mich keinen meiner Schritte mit eigentlicher Willkühr gethan zu haben, sondern alle an der Hand einer strengen Nothwendigkeit welcher ich aber mit Selbstbestimmung und freythätiger Ergebung und somit, mit Freyheit folgte. Was ich eben sagte und noch sagen werde könnte ich aus tausend Erscheinungen meines Lebens ja fast wohl aus jeder meiner Reden die uns noch gemeinsam gegenwärtig sind beweisen; so wie daß ich eigentlich nie in das Leben bestimmend eingegriffen, sondern eigentlich und streng genommen immer nur achtsam den Forderungen nachgegangen bin wie mir das Leben bestimmend entgegentrat.
In Berlin wo mir der Seelenfriede und das Lebensglück der Menschen aus den Steinen und aus den Natur- und Weltgesetzen entgegen leuchtete, und ich so den Entschluß faßte mich wieder der /
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Menschenerziehung zu weihen, da, möchte ich sagen trat mit jenem Lichte gleichsam als sein unzertrennlicher Schatten der dunkle gähnende Abgrund um mich hervor und umlagerte mich recht eigentlich immer wie eine Todeshöhle. Darum kämpfte ich schon mit der Ausführung des Gedankens fast ein Jahr, bis für die Wahl mir kein Zweifel mehr übrig blieb, wofür ich einen Sachbeweis führen könnte der die Wahrheit in sich selbst trägt, doch dieß gehört noch nicht hieher. Darum könnt Ihr ältesten Freunde Euch erinnern wie stumm und wortlos ich meinem Berufe entgegen ging. Und mehrere von Euch wissen mit welch' einer Zurück- auf mich selbst Zurückgezogenheit und Stille ich ihn begann und wie schwer und nur durch die durch die Nothwendigkeit bestimmt ich jeden Schritt äußeren Bekanntwerdens that; das größte Factum dieser Art ist gewiß daß ich 1816 meine Erziehungsanstalt factisch begann und erst 1818 nach mehrfachen Aufforderung von Rudolstadt aus um ihre Genehmigung einkam. Doch Einzelnes durchzuführen gehört nun nicht mehr hierher. Wie wäre es auch möglich ein solches Leben durchs Wort wieder zugeben -. Genug es kann Euch nun einsichtig seyn daß ich seit mehr und länger als 16 Jahren, 16 langen bangen Jahren ein Leben umgeben von steter Todesgefahr also in einem steten Sterbegefühl lebe; Es können sich darum gewiß einige von Euch erinnern daß ich wiederkehrend gesagt habe: "ich gehe immer mit dem Schwerde des Dionysius über dem Haupte."- Dieselben und andere können sich erinnern, namentlich wohl Du Middendorff daß ich gesagt habe: - "Zum Heile der Menschen muß immer das ausgeführt werden was eben das Schwierigste, das Härteste ist, einmal, seinen Sohn opfern, einandermal sein Leben geben; - in der jetzigen Zeit, sagte ich weiter und bestimmt, ist das bey weitem schwierigere für die Menschen, für seine Feinde und für das Gute, zum Heile und Segen der Menschheit zu leben."
Jetzt werdet Ihr mich erst verstehen was ich damit sagen wollte; so wie was Lebens Qualen sind die Qu und was es heißt und sagen will sich von des Lebensqualen erlöset und befreyet zu sehen. Ich könnte noch viel sagen doch ich will hier wenigstens schriftlich schweigen um nicht Mißverständnisse auf Mißverständnisse zu häufen denn eines Menschenleben der sich wahrhaft bemühet Mensch zu seyn, ist so vielfach verschlungen daß es für das gewöhnliche Lebensauge schwierig ist alles zu entwirren alles gehörig auseinander zu halten.- Erinnert Euch nur meiner früheren Mittheilungen wenigstens von hier aus wie ich durch das hindurch und zu dem hin mußte, gegen was mein persönliches Gefühl ganz anstrebte ich hebe nur mein Gehen nach der Schweiz heraus. Ich könnte Euch über dieses Vorgefühl die merkwürdigsten Thatsachen mittheilen, doch wer mag in dieser Zeit der Verwirrung und der Mißverständnisses darüber viel niederschreiben. Leset nur meinen Brief an Schnyder. Nur Eins Schnyders Verband mit mir ist nicht ein solcher den man in höheren und eigentlichen Sinn einen Freundschaftsbund und ein Freundschaftsband nennt, es ist die Frucht und Wirkung einer höheren Lebensnothwendigkeit; in einer gewissen /
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Beziehung möchte ich sagen einer moralischen Naturnothwendigkeit, wenn dieß nicht ein Widerspruch zu seyn schiene
. Hütet Euch und lasset Euch durch nichts verleiten die Sache anders anzusehen. Ehe der Mensch von einem Werkzeug der Vorsehung zu einem bewußten, freythätigen Diener derselben wird, dazu gehört sehr viel, gehören Bedingungen die man nur selten findet.- Ich hätte dieß eben so gut auch von der Naturseite und ebenso gut auch von der reinen Lebens- und Menschheitsseite aussprechen können, die Worte, die Ansichten wären zwar anders gewesen, die Sache aber dieselbe geblieben. Barop kann sich im Übersetzen üben.
Doch nach dieser scheinbaren Abschweifung zurück zur Hauptsache von der wir ausgingen daß es nicht genug sey Lebensthatsachen zu empfinden sondern sie auch noch außer dem durchdenken zu durchleben. Wenn der Geist sehr beschäftigt ist, ist auch oft die Phantasie sehr thätig besonders des Nachts. In der Zeit großer Geistiger Beschäftigtheit hier in W. und einige, ich weiß aber nicht genau mehr wie viel Zeit vorher ehe der App. Aufsatz erschien sahe ich mich einmal im Traume auf einer Richtstätte, auf einem Richtschämel oder Richtblocke mit einer solchen klaren, ruhigen Selbstbeobachtung, daß in mir kein Pulsschlag geschahe, den ich nicht wahrgenommen hätte; mit der ungestöhrtesten Besonnenheit saß ich so da, als eben der Schwerdstreich geschehen sollte oder geschah und ich ganz besonnen erwachte. Mein erster Gedanke war ganz einfach der: nun hast Du doch auch diese Todesangst empfunden und wortlos mag ich mir wohl weiter, gleichsam als Nachhall davon gesagt haben: nun wird doch wohl das Leben befriedigt seyn, doch - es war dadurch nicht befriedigt.
Doch für uns und Euch alle zum Ergebniß des Ganzen: Der Weg der ächten Erziehung und Bildung geht von der That zur Empfindung zum Gefühl, vom Gefühl zum Erkennen, zum Deuten zur Einsicht; wer diesen Weg geht dessen Denkergebnisse belebt leicht das Gefühl und das Gefühl gestaltet sie zur That die Kette der geistigen Fortbildung ist organisch geschlossen; doch wehe dem welcher vom erregten Thatenlosen Denken zum Pflegen des Lebens durch und mit Gefühl und zum Schaffen der That herabsteigen soll. Wollt Ihr also ächte Männer und Menschen, ächte Freunde u Freundinnen, ächte Väter u Mütter, ächte Erzieher u Erzieherinnen, ächte Lehrer u Lehrerinnen seyn; führt diejenigen die Ihr lieb habt seyen es <Menschen> Freunde, Kinder, Zöglinge Schüler durch diese drey Wege und wo möglich mehrmal hindurch, vielleicht entsprechen ihnen unter andern und vielen: Figurenerfindung - Gestalten und Farbengebilde. Genug die That ist die Hauptsache und alle Erkenntniß und alles Denken muß sich durch Empfindung und Gefühl aus der Thatsache der That selbst entwickeln und emporsteigen, dann steigt auch Erkenntniß und Denken durch das gleiche Vermittelnde zur That zum Schaffen herab. In der jetzigen Zeit steigt die Bildung von der Thatleeren Begriffserkenntniß zum Handeln im Leben herab, daher die gefährlichen und widrigen Erscheinungen im Leben. Ich sagte oben der Mann muß diese Dreyheit wie Zukunft Vergangenheit und Gegenwart zugleich gleichzeitig in sich tragen die große geschlossene Familie ist ein solcher vollendeter Mann; zu einer großen oder geschlossenen Familie zähle ich nämlich Kinder, Eltern, Großeltern; Kinder Gegenw. Eltern Zukft. GrßE. Verggenheit. /
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Wie nun so in einer solchen in sich geschlossenen Familie gleichzeitig Gegenw. Vrgght und Zukunft innig einig sind so sind auch wie ich wohl schon früher und öfter aussprach in ihr gleichzeitig einig die That, das Gefühl die Empfindung, das Erkennen und Denken; darum ist der Segen einer solchen sich verstehenden Familie unendlich.
Noch eins haben Eltern Erzieher und Lehrer vor allem zu merken: es ist die Entwicklung, Ausbildung, Erweiterung und Pflege das Ordnen der Einbildungskraft; sie muß durch das edle und veredelte Leben in all seinen Stufen, Nahrung, wie Stoffe erhalten; besonders auch durch die Anschauung des klaren, reinen Naturlebens u.s.w.
Nun noch etwas in besonderer Beziehung auf mich und mein Leben, welches jetzt einer so vielseitigen prüfenden Betrachtung unterworfen ist. Die meisten und fast alle prüfenden Beachter meines Lebens vergessen daß mein Leben von seiner frühesten Zeit an ein Naturleben, ein ursprüngliches, ein Selbstleben ist was Natur und Lebensbeobachtung aus sich selbst hervorgestiegen ist, ganz entgegengesetzt der bestehenden Bildung, Lehre u Erziehung welche von Begriffsmittheilung, Begriffsaneignung, Begriffsanlernung ausgeht, also in Krieg und Widerspruch mit derselben; indem ich so ein Finden meiner selbst erstrebte und errungen habe aus mir und durch mich allein; in so weit dieß nemlich in der jetzigen Zeit und mir nur möglich ist, während dem andere Menschen in der jetzigen Zeit gemacht und sich oft durch das g[an]ze Leben hindurch nicht finden. Dieser schon dadurch schwere Bildungsweg daß er der bestehenden Zeitbildung entgegen war, wurde mir noch dadurch erschwert doppelt erschwert, daß ich erst in mir selbst, für mich selbst und durch mich selbst (im Kampf widriger und stiefmütterlicher Lebensverhältnisse) die Selbstachtung in mir und außer mir erringen mußte und so steht mein Bildungsgang und Bildungsleben wieder im Gegensatze mit gar manchen Leben aus früherer und classischer Zeit welches an der pflegenden Hand persönlicher Achtung aus sich selbst hervorstieg und hierinn liegt das kaum abzudenken noch weniger aus zusprechen Schwierige meines Lebens, meines Lebensganges, nur die, fast mit meinem Selbstbewußtwerden wahrgenommene Übereinstimmung und Einkla[n]g zwischen und unter Religion Leben und Natur, nur dieser Harmonischer Dreyklang und Einklang meines Lebens konnte mich - mich fast immer ganz selbst überlassen und allein - auf dem wogenden LebensMeere nicht untergehen lassen, bis ich seyn Tosen und Wogen nun jetzt erst selbst auch in mir nicht mehr achte. In dieser eben angedeuteten Eigenthümlichkeit meines Lebens des frühe gefundenen Einklangs des Dreyklangs - ob ich gleich nach einem fast 50jährigen heftigsten und gefahrvollsten Lebenskampfe zu dessen klaren und vollendeten Einsicht und klarer Durch- Über- und Umsicht meines Lebens gekommen bin - liegt aber auch alle Wirkung und Bedeutung meines Lebens und wenn ich es sagen darf darinne und dieß selbst ist die Quelle des Seegens der auf meinem Leben ruht, aus demselben nicht vermindernd, sondern sich stets steigernd hervorgehen wird. Es ist auch der Schlüssel m. Lebens. /
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*** Seit den letzteren 6 Monaten habt Ihr viel von mir zu lesen bekommen, habe ich vieles niedergeschrieben und Euch gesandt. Der erste und Hauptgrund davon war keinesweges und ist es bis jetzt noch nicht, Euch eigentlich zu belehren, das thut der Mensch am liebsten und sichersten aus sich und durch sich selbst. Zweyfach war der erste und Hauptgrund, von welchem ich wirklich nicht gleich weiß, welcher Seite ich den Vorrang zugestehen soll: einmal war es der Grund, mein Leben in Euerm und durch Eures wie in einem Spiegel zu sehen. Dieses ist überhaupt - das Sehen und Schauen meines Lebens nemlich in dem Leben und durch das Leben anderer - seit dem Bewußtwerden meines erziehenden Lebensberufes wenigstens, und so wenigstens seit mehr als 25 Jahren, gleichsam ein stehendes Bedürfniß meines Lebens gewesen. Ferner hatte es noch den Grund mein Leben gleichsam vor und unter Euern Augen, oder, wenn Ihr lieber wollte, in Gemeinsamheit mit Euch auszubilden; damit Ihr immer sähet nicht nur was, sondern auch wie das Was in mir vorgehe. Denn ich halte dieß für das höchste Bildungsmittel für jeden, daß er sein Leben an und mit einen wirklich gelebten, vielleicht noch besser mit einem so eben in und zu seiner Zeit gelebt werdenden stetigen Ganzleben vergleiche, und so an dem und durch das andere Leben sich selbst finde und erkenne, sich finde und erkenne in seiner Ganzheit, seiner Stetigkeit und Einheit, oder vielmehr Einigkeit. In der ersten Beziehung sage ich selbst alles was ich sage und zuerst zu mir und ich suche es nicht nur selbst zur ferneren und weiteren Bearbeitung in mir, sondern besonders auch es auf das sorglichste in seiner ersten Entwicklungsform fest zu halten weil das immer die reichste an stetig fortgehenden Lebensentwicklungen ist, gleichsam selbst mit dem Leben am innigsten verwachsen ist. Deßwegen verlangt mich wohl selbst mehr meine eigenen Briefe zu meiner Selbstfortbildung und Selbstanschauung wieder zu lesen als Euch selbst wohl kaum sie zum ersteren male zu lesen verlangt, und ich selbst sehe dieser Zeit wie einer glücklichen Zeit meines Lebens entgegen. Meine Briefe sind mir von dieser Ansicht aus ein phisiognomisches Selbstgemälde, welches ich nur jetzt bis zum Selbstgebrauche in keinen sicheren Gewahrsam zu geben weiß, als Euch zu überschicken; bis es besonders mir noch einmal möglich werden wird auch mein äußeres Leben, ganz und als ein Ganzes zu vergleichen, was ich freylich jetzt schon in jedem einzelnen vorliegenden d.h. angeregten Fall so viel als es nur immer möglich ist thue, ja eigentlich mir für meine Person auch das wichtigste meiner Lebensgeschäfte ist um mir so vor allem auch die Herrschaft über das äußere Leben und dessen Erscheinungen zu erringen.
Der Zweyte Hauptgrund meiner so ausführlichen Mittheilungen an Euch, Ihr Lieben! ist daß ich daß Leben wie für ein Gemeingut, so dessen rechte Würdigung und Gebrauch für eine Gesammtaufgabe der Menschen achte, welche vollkommen zu lösen auch nur der und einer Gesammtheit, einer in sich innig einigen möglich wird, und so nur durch eine solche Gesammtheit es möglich wird die Seegnungen der Lösung jener Lebensaufgabe, der Gesammtheit zu bringen zu reichen; und daß darum eben, das Leben, zunächst wenigstens von /
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einigen Wenigen, möglichst gemeinsam gelebt werde.- Deßhalb nun denke ich in meinem Herzen auch gar nicht anders, als daß immer Einer oder Zwey von Euch alle diese Mittheilungen lieset, oder Ihr sie so unter Euch vertheilt, daß wenn auch nicht Einer oder Einige das Ganze lesen können, Ihr doch als ein Ganzes, das Ganze leset und dann nach dem Bedürfnisse des Einzelnen und des Ganzen jeder Einzelne aus seinem Gelesenen mittheilt was er eben für Einzelne oder das Ganze bedeutungsvoll hält, oder ihn wenigstens auf die bestimmten Stellen der Mittheilungen die es enthalten aufmerksam macht.

Am 4en Februar. Wie haben hier nun auch schon als Gemeinsamheit ein halbes Wartenseefest gefeyert. Verflossenen Sonntag war nemlich der NamensTag von Fräulein Salesien. Ferdinand hatte von der hiesigen Wohnstube das Fensterblatt nochmals und zwar mit möglichster Sorgfalt und Correctheit gezeichnet. Er sandte es der Fräulein mit einigen metrischen Worten, die er an irgend einer Stelle Euch auch wohl mittheilen wird, und die er auf dem sehr kunstreich nach seiner Weise geschriebenen Titelblatte den Gruß von Wartensee nannte. Auch ich füge nachstehende Worte bey, überschrieben:
Am Tage des heiligen Francicus Salesius 1832 von FrFr.
* * *
Seht, den Tag in hehrer Winterpracht!
Alles ruht in stiller Sonntagsfeyer,
Lichtgewandt hatt alles klar gemacht,
Engeln selbst scheint uns're Erde theuer
Sorglich war der Wald auf Schmuck bedacht,
In dem Innern sich bewahrend ew'ges Grün;
Alles deutet mir auf einen FestTag hin.-
Von den Augen fällt mir jetzt der Schleyer
Offen liegt vor mir des Tages Sinn:
Neuem Leben gilt des Tages Feyer.-
Heute feyert Ihres Lebens, Ihres hohen Namens Fest
Eine, deren Leben nur Ein Gott geweyhter Tag,
Ruhend in dem Einzig Einen ewig fest,
Treu der Stimme die schon früh Ihr im Gemüthe wach;
Engelmilde, Engelschonung, Engelgüte hegend,
Neidlos sich erfreuend And'rer Freuden,
Sinnvoll stets das höchste Leben pflegend,
Trachtend nur zu mildern fremde Leiden;
Edeldenkend, edel handelnd, edel nur empfindend,
Immer inn'ger sich dem Bleibenden verbindend.
Nicht noch länger sollst Du Lied der Edlen Namen meiden.
* * *
[am rechten Rand hochkant, mit Klammer bezogen auf die ersten 7 Zeilen des Gedichts:]
Möge Elise hier die Schilderung Ihres schönen Wintertages wiederfinden womit sie mich in Ihrem Briefe vom 28 Novbr 1831, (welchen ich einige Tage nach diesem Feste, nemlich am 31 Januar 1832 also nach vollzähligen Zwey Monaten empfing) - so innig erfreute. Möge sie darinn einen kleinen Beweis unsrer gleichen Empfindungs- gleichen Denkweise finden. /
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Sie hat mir darauf folgendes geschrieben: "Verehrtester H. Fr. Empfangen Sie und H. Ferdinand den innigsten Dank für die gütige Überraschung am verflossenen Sonntage. Wahrlich Sie haben mit dieser Sendung zu viel Ehre mir bewiesen. Und ich gestehe diese Freude trübt sich mir ein wenig bey der Reflection: wie wenig Zeit Ihnen übrig ist zu diesen Unternehmungen. Alle insgesamt im Hause haben an diesem Anblick sich erfreut. Und Ihrer Gemüthlichkeit verdanke ich ferner die freundliche Erscheinung des Wohnzimmers zu W.- ich vermißte darinn die verehrten Bewohner dieser Burg - aber weder schriftliche Arbeiten auf dem Tische liegend, noch den unbesetzten Stuhl oben am Tische, zeugten von diesen freundlichen Gegenständen."
"Gestern war große Mahlzeit gehalten worden bey dem Herrn Schultheiß Pfiffer" (: Herr Amrhyn ist nemlich seit Neujahr nicht mehr Schultheiß sondern an dessen Stelle der Euch bekannte Eduard Pfyffer erwählt worden. Fröbel) "durch Veranlassung eines angekommenen auswärtigen Ministers."
"Herr Schultheiß welcher meinen Onkel (:den Staatsrath, Präsidenten Schwytzer nemlich. Fr:) mitgeladen hatte, erkundigte sich nach Ihnen, und tadelte das unedle Verfahren von Herzog gegen Sie, zumal er aus Briefen von Herzog beweisen könne, wie verdienstvoll Hr. Frbl darinn geschildert werde." "Hat wohl die Regierung Ihrem Verlangen nunmehr entsprochen, und die Abschriften eingesandt?" - (Nein, bis jetzt habe ich die durch ein eigenes Schreiben an den Erziehungsrath, erbetenen beglaubigten Abschriften immer noch nicht erhalten, warum? - weiß ich nicht ist mir selbst ein Räthsel - welches mir vielleicht Schnyders anliegend abschriftlich beygefügter Brief beantworten würde, in welchem vom Grollen des Erziehungsrathes gesprochen wirde, wenn dieser Brief nicht die angeführte Äußerung von Schultheiß Pfyffer enthielte. Vielleicht löset sich das Ganze noch vor Absendung dieser Mittheilungen Frbl.)
"Ich hoffe im Verlaufe dieses Monats Sie besuchen zu können. Allerdings wird mir aber diese Freude (eingetretener Umstände halber) 8 oder 10 Tage später werden als ich glaubte. Genehmigen Sie u.s.w. "S.v.H." "Luzern am 31 Jenner 1832."-
Auch von He. Legationsrath Adolph von Holzhausen habe ich diesen Abend einen Brief erhalten. Ferdinand wird wohl so gut seyn und ihn abschreiben und so werdet Ihr in [sc.: ihn] in der Anlage abschriftlich ganz erhalten; so wie auch die Abschrift eines, einige Tage früher von Schnyder in Frankfurt eingegangenen Briefes. Jeder dieser Briefe ist in seiner Art für das Ganze wichtig deßhalb theile ich solche Euch in vollständiger Abschrift mit, damit Ihr das Ganze immer eben so vollständig in Euch traget als ich.
Doch, gute, gute Nacht für heute. Es ist schon Mitternacht vorbey und ich bin sehr müde. Morgen noch Einiges über des He. v. Holzhausen Brief.

Am 5. T[a]ge des gen. Monats. Guten Morgen, und Euch allen und jedem Einzelnen einen ächten Sonntag. Herr A. v. Hozh. schreibt nun: - "die tro[t]z Ihrer Abwesenheit stets fortdauernde Einigkeit und Einheit mit Ihren Keilhauer Freunden giebt das beste Zeugniß für Ihr Streben." Ihr sehet hieraus und fast ganz Gleiches geht auch aus der Anerkenntniß unseres He. Doktor Martin hervor: - Eintracht und Einigung, Einigkeit und Einheit, das ist das Wunder was sie anstaunen; und alles dieß nun /
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unter gesunden, jugendkräftigen, freyen, einsichtigen und kenntnißreichen, unabhängigen strebsamen Menschen, dieß ist ihnen, den Menschen freylich ein Wunder, und ja wohl ist es freylich auch ein Wunder, denn es thut wie eine Wunde, das Innere, ja Innerste des Lebens kund, macht es offen und bar daliegend. Diese Eintracht und Einigung, die Einigkeit und Einheit ist aber wel auch der Fels, an welchem alles Leere und Nichtige was sich auf dem LebensMeer umhertreibt und auf demselben umher getrieben wird von dem Wehen des Lebensgeistes wie mürbes Erdgeschirr, Thongeschirr zerschellen wird und zerschellt. Aber dieser Fels ist auch nicht das Werk der äußern Anhäufungung [sc.. Anhäufung] und Aufbauung sondern der innern Anziehung und Kraft Geist und Lebensentwicklung. Aber ich bitte Euch um und bey diesem hohen Gegenstand selbst willen: macht andern mach[t] Residenz nicht die Cour und laßt Euch von ihr nicht die Cour machen oder wie wir deutsch sagen hofirt andern und der Residenz nicht und laßt Euch von ihr nicht hofiren. Es liegt einem jeden, Ihr wißt noch gar nicht warum, so tief, tief liegt der Grund - gar zu viel daran - daß sie sagen können: - "sie sind auch wie wir" - oder wie Christian Langethal für mich immer so charakteristisch sprach wenn er von seinen jenaischen Verhältnissen redete: - "sie sind auch von unsern Leuten" Hütet Euch vor jenen auflösenden auf der Stelle vernichtenden Süd- und Mittagswinden (Samum und Sirocco) sonst zerfällt Euer Felsenhaus wie ein Kartenhaus und Ihr sucht umsonst nach einem andern Grunde. Vergeßt es nicht die stärksten Festungen werden die größten Macht wird durch Verrätherey besiegt: der Türken- und der Pohlenkrieg Varna und Warschau liefern sie nicht die Beweise dazu. Schmeicheley ist das feinste der feinsten Gifte und in alle Gestalten verwandelnd verrätherisch zum Verräther zu machen. Nichts als das starke Festhalten der reinen Wahrheit kann dafür schützen also stete Wachsamkeit und Achtsamkeit im Leben sonst keine Bildungsstufe. Es soll einmal jemand den, mich dünkt fürchterlichen Satz aufgestellt und behauptet haben: - Jede Tugend sey zu bestechen, es käme nur auf den Preis an welchen man ihr böte. Dieser Gegenstand wäre nun wohl wichtig genug ihn ausführlich und erschöpfend zu behandeln, auch habe ich die Überzeugung daß er sich in seiner großen Scheinwahrheit sehr genügend und ganz genügend erschöpfend behandeln lasse, doch jetzt muß mir mit dieser Aufforderung zur Achtsamkeit genügen Auf jeden Fall aber ist das sicherste, gerathenste und beste das rein umgekehrte Verfahren, nemlich Um sich diese Achtsamkeit und Wachsamkeit zu erhalten muß man vor allem diese große Lebensthatsache, die ein jeder wenn er nur aufrichtig und wahr gegen sich und andere seyn will, in seinem eigenen Leben vielfach nachweisen kann - fest im Auge behalten: man bemühet sich im Leben unter dem Vorgeben für das höchste und beste und die heiligsten Güter des Menschen zu sorgen überwiegend mehr, selbst die sogenannten Edleren, Besseren, Gebildeteren und Erfahreneren, Bande der Einigung und Eintracht aufzulösen, als aus diesem Daseyn, dieser Erscheinung der Einzeleintracht, und besonderen Einigung, die allgemeine Eintracht und Einigung zu entwickeln, giebt sich nach der beliebten thüringischen Weise mehr Mühe Eichen zu köpfen und zu behauen, als aus einem Eichkern eine neue junge, gesunde und durch deren Eichkerne viele neue Eichen und einen ganzen Eichenwald zu erziehen. Auch jene alle bestehende Einigung auflösende /
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Handlungsweise läßt sich leicht nachweisen. Ihr sehet aber auch daraus wieder an einer recht schlagenden Thatsache wie meine Grundsätze, mein Leben und mein Handeln wieder ganz umgekehrt die der äußeren Welt- und Lebensansicht ist, denn wo mir wahre, innere Einigung entgegentritt, da beuge ich und beugte ich von jeher meine Knie, was wie ich hoffe jeder durch mich und von mir in seinem Leben erfahren hat und darinn nachweisen kann.
Um nun also auf jeden Fall der Verführung innerer Auflösung zu entgehen, ist das gerathenste und beste eben die umgekehrte und entgegengesetzte Handlungsweise der Welt, daß man jedes besondere Zutrauen, jede einzelne Eintracht und Einheit pfleget um es zum höheren, allgemeinen Zutrauen zur höheren, allgemeineren Eintracht zu erheben, ganz vor allem aber, daß man jedes auch das kleinste Zutrauen sogleich zur Einheit und zum Ganzen, mit der größten Sorgfalt pflege. Ich komme hier auf einen Gegenstand zurück welchen ich schon in einem meiner früheren Briefe erwähnte der aber zu wichtig, ja für das wirkliche äußere Leben das wichtigste ist, was ich kenne: Wie ich stets suche die größte, klarste Einigkeit und Einheit in mir zu erlangen; wie wir als ein Gemeinsames dieses erstreben; wie Ihr dieses wieder in Euerm obern und Euerm untern Hause und in und mit beyden gemeinsam zu erstreben Euch bemühet, so pfleget nur jedes kleine Zutrauen was Euch in Einheit und Eintracht mit dem Dorfe setzen kann, je unbemerkter desto besser, laßt Euch darum durch Barop den Physiker belehren, daß es sehr oft und fast meistens auf dem Wege der entgegengesetzten Gleichheit überhaupt einer solchen Entgegensetzung leichter und sicherer geschiehet als auf dem Wege der Gleichsetzung. Von der errungenen Einigung im Dorfe, wobey natürlich auch immer das Geistige und Bleibende das Bindende und Belebende seyn muß, - schreitet fort zur Einheit und Eintracht mit dem Thale; von diesen zur Umgegend; von da zur Landschaft und endlich zur Einheit und Eintracht mit dem lieben deutschen Vaterlande. Ein Großes ist uns für diese Staffel der Fortschreitung geworden, nemlich daß ich und wir als Schulmeister, welche jetzt fast in allen Ländern in Widerspruch, und im mehr oder minder offenem Krieg mit der Geistlichkeit leben mit der bessern versteht sich schon in Frieden und Eintracht leben wirken, ob wir gleich fest unsern eigenen Weg wandeln. Ihr werdet mir hierauf wohl antworten könntet es wenigstens: - "weißt und siehest Du denn nicht, nimmst Du in Deiner Schweiz denn nicht wahr, wie dieß schon mehrseitig der Fall ist, war doch manches schon zu Deiner Zeit und seit Du weg bist hat sich noch gar manches friedlich und schön entwickelt." - Weiß das alles lieben Freunde, wenn es nicht schon zum Theil das wäre, so könnten wir als ein Gemeinsames nicht darüber sprechen nur über etwas was in einer gewissen Beziehung schon da ist läßt sich in Gemeinsamheit reden; aber vergeßt darum nicht es ist noch lange, lange nicht genug, daß eine Sache da ist, sie muß auch als daseyend allgemein erkannt, darum gepfleget und befestiget werden; dazu gehört aber wie Ihr Euch noch von oben erinnert ein drey- und doch einfaches: der Gegenstand muß nicht nur als Thatsache für die äußern Sinne da seyn; er muß auch in seinem Daseyn wirken und in diesem Wirken vom Gemüthe empfunden und aufgenommen, und vom Erkennen und Denken festgehalten vom Geiste in seiner innern Wahrheit erkannt werden. Wenn Ihr einen /
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wenn wir einen solchen Fels in unserm kleinen Thal, einen solchen Fels ein solches Rund auf einem unserer Berge, ja für unsere ganze Umgegend so weit unser Auge reicht auf unserm Königsberge dem Kunitz errichtet haben, so mögen immer die Felsen am Uhuberge einstürzen und unser ganzes Thal mag davon erschüttert werden unser Wirken wird es nicht erschüttern, selbst wenn die Felsen mein Grabhügel würden.- Einen solchen Fels ein solches Wunder in der Welt hinzustellen wäre aber wohl noch der Mühe werth.- Noch ein paar Bilder fallen mir bey mit welchem sich das Zutrauen, die Eintracht, Einigung und Einheit vergleichen läßt. Nachbar Levi<n> in Osterode hat oft zur Lieben Großmutter gesagt: - ja, ja, Frau Nachbarin und Muhme, die ersten Tausend Thaler wurden mir schwer und sauer zu verdienen, die andern kamen geflogen ich wußte nicht woher ich brauchte nur den Beutel auf und wieder zu zumachen; ernsthaft, - so ist es ganz mit dem Zutrauen, der Eintracht, der Einigung; - das erste Zutrauen zu erringen im Kampfe sich bewähren machen und im Leben ungetrübt, frisch heiter gleichsam in ewiger Jugend festzuhalten das kostet das Leben, die Frische u Heiterkeit ich möchte sagen mehr als einer Jugend, ist aber nur das erste so errungen, so bewährt, so festgehalten dann pflanzt es sich mit froher Achtsamkeit gepflegt leicht von Jugend zu Jugend zum Seegen und Heil zum Frieden und zur Freude vieler Geschlechter fort.- Zweytes Bild: - Das Zutrauen die Eintracht, Einigung gleicht dem Corallenrief welches einen ganzen neuen Welttheile - Neuholland wie uns die Naturforscher berichten - sein Daseyn gab. Das erste Corallenthierchen glich vielleicht kaum einen Wassertropfen, das kleinste Seethier konnte es vernichten; - Es vervielfältigte sich aus sich; die Vervielfältigungen vervielfältigten sich aus sich und so in fortschreitender Vervielfä[l]tigung weiter der Corallenfels stand da, ein neuer Erdtheil war geboren; was soll ich nun vom Charakter und der Bestimmung dem Gebrauche dieses neuen Welttheiles sagen!- Beachtetes, gepflegtes einträchtiges und einiges Leben so klein es in seinem ersten Erscheinen ist entwickelt sich zuletzt zur Beachtung und zur Pflege des höchsten Lebens des Lebens wie aus, so durch und in der Einheit an sich.
Nun noch eines aus dem Gebiete dieser Mittheilungen und dann soll es hoffentlich für dießmal geschlossen seyn, denn ich leugne nicht, daß ich alles was wieder vor mir liegt gern in Euern Händen und zu Eurer Kenntniß wünsche.
Der He. Leg. R. A. v. Hlzh. schreibt weiter in dem abschriftlich beyliegenden Briefe: "Die Erklärung Ihrer Freunde habe ich deßhalb hierbei nicht genannt, weil ich mir ein Urtheil darüber nicht erlaube, ob diese in den Augen der mit Ihren Verhältnissen und Ihrem Gesammtleben weniger Bekannten, als völlig unbefangen erscheinen möchte."
Solche Reden und Urtheile, der sich recht vorsichtig meinenden Weltvorsicht und Klugheit sind es die ich mit mehreren die auch so häufig in Schnyders Briefen vorkommen - verführend und am Ende verrätherisch nenne. Wie soll ich nun kurz und bündig genug ausdrücken was und wie ichs meine: - der gewöhnliche ganz vorzüglich aber der sogenannte einsichtige, erfahrene gebildete Mensch mag das Ideal und Ideale nicht, weil es an ihn die Anforderung macht  /
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sich auch zur Idee zum Ideal und Idealen zu erheben; dieß habe ich nun schon recht oft und ehe ich es im vorigen Jahre recht klar erkannte zu meinem größten Nachtheile in meinem Leben erfahren. Das Festhalten der Idee, des Ideals und des Idealen in meinem Gemüthe und Leben und das Nichterlauben daß man es nur vernichte und zur Gemeinheit herabwürdige hat mir, jetzt sehe ich es, in meinem Leben die gefahrvollsten Kämpfe gekostet. Ich muß hier nochmals erwähnen, was ich schon in einem meiner früheren Mittheilungen in Beziehung auf den ersten Bericht der Rudolstädter Regierung und der Äußerung Herzogs und Anderer darüber, aussprach: - wer nicht an die Ausführung des Vorzüglichen und Tüchtigen sein Leben setzen mag, der mag auch dessen Vorführung nicht.- Nur der welcher das Ideale in sich trägt und im eigenen Leben darzustellen strebt kann die Darstellung des Idealen und die ideale Darstellung ertragen.
Die Meinung des He. A.v.H. oder vielmehr das was ihr im Hintergrunde liegt kommt mir eben so vor als wenn jemand meinen könnte die in cararischen Marmor ausgehaue[n]e Büste Schillers sey der leibhaftige Schiller; oder wenn ein anderer verlangen wollte um ein recht treues Bild von Schiller zu bekommen müsse man ihn aus recht natürlicher Fleischmasse kneten; oder wenn sich jemand recht treu und nach dem Leben gemahlt werden sollte und man forderte es müßten nun nothwendig alle zufälligen oder sich durch eigene Schuld im Gesichte oder sonst während des Lebens gemachten Schmutzflecken, die größtentheils schon längst abgewaschen sind, auch mit abgemahlt [werden], sonst sey es ja kein treues Bild nach dem Leben. Ich mag mich weder von diesen Menschen mahlen lassen noch mag ich sie mahlen, noch mag ich mich von [ihnen] in Stein hauen lassen noch sie in Stein hauen, denn sie wissen die aller erste Erfahrung nicht, daß nemlich einem Menschen - versteht sich einen denkendempfindenden - nichts unähnlicher sieht als daß in den Gipsabguß seines Gesichtes - abgedrücktes Abbild, obgleich man darinne jedes Härchen sieht und findet, aber eben man sieht darinne nur den Menschen in der Kleinheit auch wohl Kleinlichkeit augenblicklicher Erscheinungen, aber nicht in der Größe seines Wesens. Von solchen Menschen mag ich mich nur durch den Gegensatz und Contrast erziehen lassen; man sieht aber auch welche Erzieher sie für sich, für ihre Kinder, für ihr Zeitalter fordern.- Wehe! wehe! wehe! meinen armen Menschen, und der Größe der Gottähnlichkeit ihres Wesens! --- Stille! Ruhe! Stille! - Leise! Stille! Leise!-
In Liebe und Treue Euer
FrFr.