Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Elise Fröbel in Keilhau v. 17.2.1832 (Wartensee)


F. an Elise Fröbel in Keilhau v. 17.2.1832 (Wartensee)
(Reinschrift Gumperda, nicht nachweisbar, ed. Nohl 1931/32, 389-394)

Wartensee in der Schweiz am 17en Tage im M. des prüfenden Wechsels 1832.


Elise !

Dein lieber Brief - wie alle in dem lieblichen Gefolge, welche mit so
duftigen Blumen mich bekränzt und mein Leben erfrischt haben – hat
meinem Gemüth und Geiste innige Freude gebracht. Wie darum alle, so
habe ich auch den Deinen schon zum öfteren und wieder gelesen und
immer bringt er mir neue, erhöhtere Freude, denn immer klarer und /
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bestimmter zeigt er mir Dein Seyn und Dein Leben; -Wie freut mich
der bestimmte feste Charakter, welcher das Gesetz in sich und außer sich
gefunden hat und demselben nun mit Freyheit und Selbstwahl nach lebt,
der sich nur schon aus seinen Zügen ausspricht; die Klarheit und Sicher-
heit des Geistes, die er kund thut, die Freudigkeit des Lebens, die daraus
hervorgeht, und der Friede des Gemüthes, welcher über dem Ganzen
schwebt. Ein solcher Brief nur als Schrift, Wörter und Brief würde viel
sagen und wenn seine Worte wenig sagten; er gleichet dem Gespräche ver-
trauender, sich verstehender Gemüther über die einfachsten vorüber-
gehendsten Erscheinungen des äußeren Lebens, welches wenig sagt, und
welche sich dadurch doch die beseeligendsten Wahrnehmungen und Blüthen
des reinsten Gemüths und Seelenlebens gegenseitig kundthun.
Und doch, wie steht schon dieser äußere Ausdruck Deines Briefes doch
noch hinter seinem Inhalte zurück: -Wie aus einem klaren Bache das
liebliche blumenreiche Ufer, wie aus dem spiegelnden See die lebenvolle
Umgegend, so strahlt derselbe aus Deinem klaren Gemüthe verschönt und
erhöht, sinn- und bedeutungsvoll die Natur zurück. -Elise! wer ein solch
ruhiges klares und klärendes, lebenvolles und belebendes, empfindendes und
Empfindung weckendes, den Geist vernehmendes und zum Geiste redendes,
sinniges Gemüthe in sich trägt, der danke Gott, Gott als seinem Schöpfer
und Gott als seinem Vater und beweise diesen seinen Dank IHM dadurch
daß er es sorgsam bewahre, sinnig pflege, treu entwickle, im Leben schön
gestalte und wahr kundthue und offenbare: er bitte und bete, daß er den
Schatz seines Lebens erkenne und würdige, das Leben beachte, an und
durch welches er ihn kund thun könne nur einzig darum, daß er kund
werde, damit so das Leben, wie es einer stetig fortschreitend entwickelnden
Schöpfung gleiche, so ein steter Lobgesang wie ein steter Dank seye; denn
die frühe Bewahrung, Beachtung und Pflege der Lebenseinheit, wie sie
im Gemüthe sich offenbart und in der Natur sich kund thut, giebt dieß;
und wenn auch des Lebens schöpferische Einheit äußerlich zurückzutreten
scheint, so fügt sie doch im Leben alles so, daß wir uns immer in einem
in sich geschlossenen Ganzen bewegen, und uns stets ein in sich ge-
schlossenes also geordnetes und somit ein Lebganzes umgebe.
Die ganze Summe der jüngst wieder von Euch empfangenen lieben und
herzigen Briefe geben mir wieder einen recht gestalteten, redenden, blühen-
den Beweis dafür, denn jedes von Euch schrieb seinen Brief selbständig,
von dem anderen unabhängig, und doch bilden sie alle als Ganzes einen
durch Farbe und Schattierung, (Abstufung) so in sich verschlungenen
und geschlossenen Kranz, wo nur eben jede Blume diesen Platz haben
muß und keinen andern, als wollten sie die, in ihrer Mitte ruhende un- /
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sichtbare und doch wahrnehmbare Einheit - die EINHEIT des Lebens -
bekränzen.
Und, meine Elise! wenn Du Dir etwas im Leben denkst, welchem Du
den schönsten vollsten Kranz wie die lebenvolle Gräfin Leonore oder den
einfachsten zartesten Kranz wie die sinnvolle Prinzessin auf das Haupt
drücken möchtest - wer vor allem verdient im Leben diese Kränze als
des LEBENS EINHEIT.
Laß es mich versuchen, Elise! das was ich eben andeuten wollte und
wovon mein Gemüthe erfüllt ist Dir aus Deinem lieben Briefe deutlich zu
machen.
Du weißt, um mir selbst in dem klar zu werden, was von Jugend auf
mein Gemüthe bewegte, und was es zu erstreben ersehnte, um mir durch
darstellen im Leben darüber klar zu werden, habe ich mehrmal ver-
äußert was mir lieb war, und selbst gar vieles von dem Liebsten theilte
dieses Schicksal, mehrmals wurde mir aber auch vom Leben gerad zu ent-
zogen was mir sehr lieb war, entweder weil es mir als Sache zu lieb
oder so innig mit meinem Leben verwachsen war, daß es mir kaum ein
Mittel zw. Erreichung und Erringung höherer Vollkommenheit werden
konnte.
Schon oft nun habe ich aber auch dagegen gegen die Freunde die Be-
merkung gemacht und ihnen selbst ist sie entgegen getreten, wie jedoch
auch mit dem bestimmten Festhalten des Erziehungsberufes besonders
in der Ausführung als Familienaufgabe und Familienleben von dem von
mir früher darum hingegebenen gar vieles nach und nach entweder als
ganz dasselbe oder in einer etwas andern äußeren Form wiederkehrte,
in etwas anderem Gewande. In Griesheim fand ich z. B. mehreres unter
des Bruders Nachlaß wieder, als ich mich zur Erziehung seiner Kinder
dahinwandte, was ich früher um eben dieser Erziehung willen dahin
gesandt hatte. Vieles brachten die Freunde wieder, was ich ihnen kurz
vorher veräußert hatte um einen erziehenden Punkt zu gewinnen und zu
gründen. Gar manches treffliche Buch was ich früher selbst besessen
und Dein Vater auf meine Mittheilungen darüber sich angekauft hatte,
kam so durch seinen Eintritt in den Kreis, selbst in den Kreis, so brachtest
selbst Du und Deine Schwester Emilie mir werthe Bücher wieder u. s. w.
Wie aber so vieles von dem Geistes Leben des Lehrers, so kehrte auch
vieles von dem Gemüthsleben des Menschen und Erziehers wieder: die
Lilie wurde einheimisch in unseren Gärten, die Myrthe in unseren Woh-
nungen und Zimmern, und in dem jetzigen Briefkranze schreibt mir
Ernestine, wie auch die verschiedenen Mittheilungen der Christfeyer er-
wähnen, daß die Calla bey Euch jetzt so bestimmtes Anerkenntnis gefunden /
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hat, die Blume die mit ihrer einfachen einblättrigen Blumenkrone ein
vielgestaltiges mehrjähriges Gemüthsleben von mir umschließt, wie ich
dieß Ernestine als Gegengabe für ihren freundlichen Brief erzählte und
was bey der Klarheit, Offenheit und Gemeinsamheit Eures Lebens ge-
wiß auch bald Dir mitgetheilt werden wird. -
Doch Du erwähnst in Deinem lieben Brief eines Gegenstandes, welcher
der eigentliche Grenzstein an der Wendung meines eigensten innersten,
ich möchte sagen menschlichen Lebens ist: -es ist dieß das Bild des
Johannes gestochen von Müller in Dresden, welches jetzt Dein Eigenthum
ist und, wie Du mir liebvoll erzählst, jetzt über Deinem Klavier hängt. -
Mein Leben oder vielmehr mein Gemüthe hatte, wie ich wohl schon,
vielleicht zu oft erwähnte, das Eigene, das[s] es sein Höchstes, sein Ideal
welchem es anstrebte, personifizierte, und daß es so sein eigenes Streben
idealisierte und personifizierte zugleich. Ein Verfahren meines Gemüthes
und Geistes welches auf deren Aus- und Fortbildung den allergrößten
Einfluß gehabt hat. - Du schreibst mir, wie der ruhig heitere Ausdruck
des hohen Gottvertrauen Dich so oft erhebt: auch mich erhob er und
hob er einst hoch; ja alles was meinen Geist und mein Gemüthe, mein
ganzes Leben bewegte fand und las ich einst - mehr als 20 Jahre mögen
es seit der Zeit wohl her sein - in ihm ; ich erblickte mein Leben, vor
allem aber mein Streben verschönt, erhöht, verklärt in dem klaren Spiegel
des seinen; und wie am krystallenen See so oft Bild und Wirklichkeit in
eins mit unkenntlicher Grenzmarke und Scheidungslinie zusammenfällt,
so floß mein innerstes, reinstes, geistiges Leben mit dem seinigen in
Eins zusammen, oder anders ausgedrückt: mein Leben und Streben
knüpfte sich an dieses Bild, und - Geistes-, und Gemüths- innere
Lebenseinigung war meiner Seele zur Erreichung des Lebens höchstem
Ziele und Zweckes immer tiefersehnte Bedingung - so ward jenes Bild
zugleich Träger und Ausdruck einer solchen ersehnten wenn auch nur
vermeinten Geistes- und Gemüthseinigung, wie mir - : ich hab' es glaub
ich schon in irgendeiner früheren Lebensdarstellung erwähnt, ist es Dir
noch nicht bekannt, so kann es Dir Barop oder Middendorff kurz mit-
theilen: -das Verschenken des Bildes später der schneidenste Ausdruck
der Gemüths- und Geistestrennung oder was der Wirkung nach für
mich ganz gleich und damit ganz gleichbedeutend war : Gemüths- und
Geistestäuschung. Hiermit begann der höchste, der gefährlichste Lebens-
kampf, welchen ich je gekämpft habe, der Kampf wo das Herz und
Gemüth von jedem geistigem Lebensverbande losgerissen nur einzig auf
sich selbst ruhen soll; der Kampf von welchem Pfeffel für mich immer
so tief ergreifend singt: /
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"Ja es kostet bitt're Thränen
"Eh das Herz sich anzulehnen
"An sich selber zitternd wagt.[“]
Ein langer, mehr als zwanzig jähriger Kampf, unter den verschieden-
sten Formen beendigt, unter andern und den verschiedensten Formen
erneut, begann; Verzichtleistung und Erfüllung unkenntlich verschlungen
wie das jetzt frische Erdensinngrün mit seinem blauen Blumenhimmel über
ihr, beendigten den Kampf; Gewährung und Entsagung sich innig durch-
drungen, wie in der zarten Himmelsblume sich Leben und Tod zur Frucht
durchdringen, brachten endlich den Frieden; denn wie aus dem Tod
das Leben hervorgehet, so gehet aus der Entsagung die Gewährung her-
vor. Bewährt es nicht gleich Dein Brief? - Jetzt nach einer langen
vielprüfenden Entbehrung erscheint mir nun auch das Bild welches mir
einst so viel war in Keilhau wieder, und Du, Du wirst es Dir wohl er-
halten, denn Du schaust Dein eigenes Leben doppelt darin, und so wird
es auch dem Keilhau wohl verwahrtbleiben. So ist es also immer und so
bleibt es, es ist immer die Verzichtleistung welche giebt, nur giebt sie
gewöhnlich anders als wir erwarten, giebt oft so daß wir die Gabe, uns
doch nahe, gar nicht sehen, wenigstens nicht erkennen, ja schon einmal
besessen habend, nicht wiedererkennen. Gesegnet ist der welcher sich nicht
nur dieser Einsicht erfreut, sondern sie vor allem zum stetigen Prüfstein
seiner Lebenserscheinungen, der Begegnisse in seinem Leben macht.
Eigen, sehr eigen ist es daher - und dieß ist eigentlich der einfache
Grundgedanke welchen ich in diesem langen Briefe aussprechen wollte
und zu welchem ich mir durch einen so langen, dichtverwachsenen
Lebens Wald erst den Weg bahnen mußte -: ja merkwürdig ist es mir,
wie sich seit einiger Zeit in Keilhau, in Eurem Leben und um Euch, so
vieles, ich kann wohl sagen das Wichtigste von dem eint, was in ver-
schiedenen, besonders in den wichtigsten Epochen meines Lebens er-
ziehend, mich erziehend eingriff oder vielmehr an welches sich meine
mich am meisten erziehenden Lebensverhältnisse und Lebensschicksale
anknüpften. Viele der, meinem innersten Leben verwobenen Lebensbegleiter
und ich darf wohl gerad zu sagen Erzieher meines Lebens aus der
Natur- Kunst- und Idealwelt einen sich jetzt als Wirkliches um Euch;
ich möchte so fast sagen, die Genossen (Zeugen) meines Lebens, sie
kommen immer mehr zu Euch, bleiben bey Euch, und ich -ja ich
bin allein, bin einsam mit meinem Leben, mit meinem Gemüth, und mit
meinen Idealen, mit einer Seele voll Leben und Sehnsucht nach Leben bin
ich allein im Leben! Was mag davon die Bedeutung seyn, was ist davon
die Bedeutung? ---
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Die Genossen, die Gespielen, die Freunde und Theuren und so die
Zeugen meines Lebens sie sammeln sich um Euch, in ihrer ewig blühenden
Jugend kommen sie gastlich zu Euch; Ihr erzählt mir von Euren freund-
lichen Gästen und Ihr wißt nicht, von wem Ihr mir erzählt, wißt nicht,
was Ihr mir erzählt und ahnet nicht, was Ihr durch Eure Erzählung
in meinem Gemüthe hervorruft.
Wie Jugendgenossen sich nun gern von ihrer Jugend erzählen, um so
ihr frisches freudiges Jugendleben noch einmal zu leben, so kommt mein
Gemüthe zu ihnen, spricht zu ihnen, und wie man zu späteren Freunden
gern von früher, von Freunden und Lebensverbanden erzählt, damit das
ganze Leben ein Gemeingut werde, so komme ich so doppelt veranlaßt
zu Euch und erzähle Euch, was früh und viel mein Leben bewegte und
wie es dasselbe bewegte; was irgend ich wohl Euch schon andeutend
einmal im Leben erwähnte, erfahret Ihr so in seiner innersten Lebens-
verwobenheit, wie in seiner innersten Lebenseinheit.
Und so also löset sich jene Frage durch diese Antwort: - Ich soll
einsam seyn, muß allein leben um Euch, zu denen des Lebens, meines
Lebens Mannigfaltigkeit kommt, zunächst dieses mein Leben ungestört
als ein stetiges Ganze, als das stetige Ganze, als welches es das ruhige
Gemüth, der still beachtende Geist erkennt, vorzuführen, damit Ihr
in diesem und durch dieses Eures und des Lebens Einheit überhaupt
immer mehr findet und erkennt, damit so durch Euch wieder weiter und
so immer weiter des Lebens beseeligende Einheit immer mehr, immer
klarer und vollständiger erkannt werde; so spricht denn diese zur Erkennt-
nis der Lebenseinheit nur führen sollende Erscheinung unzweideutig
und klar des Lebens hohe Einheit selbst schon wieder aus.
So lasse sie uns denn, Elise, im Leben und für das Leben festhalten
die ewige Friedenstifterin wie Friedensgeberin und Freudebringerin:
Im Gemüthe lebt sie
Dem Gemüthe entschwebt sie
Auf! sie mit des Lebens schönsten Blumen zu umkränzen
Dann schmückt sie das Leben uns mit ewig frischen Kränzen.
Nimmer verlasse mindestens die Ahnung derselben Dich, Elise ! und alle
die, welche Dir lieb und theuer sind; doch, durchdringt sie Dich ganz, und
Du sie innig, so tritt der Geist und das Wesen, welches Dein Gemüth
und Geist in dem Gemälde über Deinem Klavier liest und beide erhebt, was
mein Leben leitete und worin es ihm so hohes Vorbild war, - in Dein
Leben, eint sich mit Deinem Leben, tritt in das Leben und eint sich mit
dem Leben aller derer, die Dir, Elise! lieb und theuer sind, und so ist für
Dich, Elise! und für alle, die Du Dein nennst, der schönste und seelen-
vollste Wunsch erfüllt
Deines
Friedrich Fröbel.