Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v.15.3./16.3./18.3./21.3./23.3.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v.15.3./16.3./18.3./21.3./23.3.1832 (Wartensee)
(KN 37,1, Brieforiginal 4 B 4° 16 S. )

[Bogen] A.
Wartensee am 15en Tage im Monat des Treibens und Keimens
1832.
Ein gemeines Sprichwort sagt:
    Ein Dummer kann in einer Stunde mehr fragen als ein Kluger
    in einem Jahre beantworten kann.
Ich wende das Sprichwort und sage:
    Die Oberflächlichkeit, die Scheel- und Selbstsucht, der Neid und die
    Verläumdung, und wie die ganze Koppel von Bluthunden der Men-
    schen heißt, kann in einer Stunde mehr Gutes, Großes und Wahres
begeifern und zerreißen, als ein Edler, ein Reiner, ein
    Weiser in seinem ganzen aufopfernd hingegebenen Leben wieder
    reinigen und gestalten kann.
Weiter sage ich:
    Wer nicht treu und wahr in sich ist wie kann man von dem Treue
    und Wahrheit gegen andere erwarten; denn wie der Mensch in sich und
    gegen sich ist, so ist er gegen andere.
Endlich als Staffage, Vordergrund des Lebensgemäldes:
    der Vater, Sohn und Esel auf der Landstraße (: eine uralte Fabel :)
***

An mein in sich einiges Haus in Keilhau,
Der Lebenssicherheit Felsengruß zuvor.

Ohne daß ich dabey irgend eine andere Absicht zu haben [sc.: habe] als gewisse Gedan-
ken welche eben meinen Geist ganz fesselten ganz durch zu denken und Euch und mir mög-
lichst klar und in ungestöhrtem Zusammenhange auszusprechen – hat es sich nun bis jetzt we-
nigstens schon dreymal gefüget, daß ich Briefe oder Aufsätze mit Kartätschen Kugeln und
Knallsilber für mich geladen, eben erst dann in ihrem wahren Inhalte kennen lernte
als ich solche am Schluße meiner Briefe an Euch, und wo zum Postabgange nur noch wenige Stun-
den waren, Euch mittheilen wollte.
Auch das letztere mal gieng es mir, wie ich auf dem Beylagzettelchen bemerkt habe,
wieder so. Ich hatte berechnet ich würde dem Sch-schen [sc.: Schnyderschen] Brief vor Abgang der Post wenigstens
einen vollen Tag widmen können und doch blieben mir am Ende, wie Ihr selbst schon gesehen
haben werdet kaum 3 Stunden zum Lesen desselben übrig, wenn ich anders dem Körper für
die Berufsgeschäfte des kommenden Tages noch ein Paar Stunden Schlaf gönnen wollte.
In diesem letzten Falle nun wird mir recht klar und durch ihn auch bey der früheren, wie so wohl-
thätig die Nothwendigkeit ist, nur eben noch soviel Zeit zu haben den Briefen mit den abgeschlossenen Lebensdarstellungen und Ansichten, als nöthig ist die neue Lebensthatsache nur eben historisch
noch anfügen zu können. Die Briefe gleichen dadurch nicht etwa blos – was mir in diesem Augen-
blick des Schreibens erst entgegen tritt – im verjüngten Maaßstabe großen Welthistorischen
Begebenheiten, welche in einem und demselben Augenblick den Abschnitt einer früheren und den
Beginn einer neuen Lebensentwicklung bezeichnen – sondern es wird mir dadurch die so nö-
thige Zeit gegeben meinen Geist, mein Gemüthe ja mein ganzes Leben von dieser neuen
Lebensthatsache, diesem neuen Lebensereigniß durchwühlen zu lassen und es so bis in seine kleinsten Theile hin auf
<-> Wahrheit zu prüfen. Dieß Dieß [2x] ist aber bey höchster Erregtheit
des Geistes und Gemüthes mit einer gänzlichen Abspannung des Körpers verknüpft. /
[1R]
Alle Richtungen des Menschen Wesens, der Menschenkraft, der ganzen Menschheit
erheben sich gewaffnet wie freye Männer in meinem Geiste meinem Gemüthe, welche
beyde es nicht verstehen und nicht fassen können, daß Menschen und Männer geharnischt
und gepanzert mit verschlossenem Visir und eingelegter Lanze gegen des Menschen und der
Menschheit höchste Güter zu Felde ziehen können und ein Kampf gleich der Sempachsschlacht
beginnt innen wo es wenn auch unsichtbar der tiefen und schmerzlichen Wunden genug ge-
schlagen werden und wo der Ströme Blutes, ob sie gleich nichts sichtbares färben genug
fließen denn der Ausgang des Kampfes und der Schlacht ist immer gleich der „ob Sempach“.
Wer solche Kämpfe für Menschheits Rechte, MenschheitsWahrheit und MenschheitsWesen
in sich nicht nur ausgefochten hat und ausficht, sondern nicht müde wird sie auszufechten, wie
ich solche von meinen frühen Lebensjahren bis jetzt schon focht, ob ich sie gleich jetzt erst so klar
als wahr mir selbst bezeichnen kann und nie aufhört sie zu kämpfen, wie ich noch nicht aufge-
hört habe sie zu kämpfen und nie aufhören werde, der rede, sonst kommen mir 1 oder 8 oder
mehr Bogen lange Gegenbriefe wie die kecke Rede des vom Adel zu Herzog Johann vor oder
vielmehr zum Hasenburg [sc.: Habsburg] in Beziehung auf die freyen Schweizer.
Dieses Kampf[-] und Schlachtenleben im Innern begann nun in Beziehung auf den Sch-schen
Brief bald nach Abgang desselben an Euch, darum wollte ich eigentlich schon gleich an demselben Dienstag an welchem der Brief an Euch abgegangen war, mit diesen Mittheilungen darüber an
Euch beginnen, allein der Körper, Arme und Hand wollten nicht gehorsamen [sc.: gehorchen], denn alle Lebens-
kraft war nur auf das innere Leben gerichtet und wurde darauf verbraucht; auch gestern
wollte es noch nicht gehen; allein heut mußte ich damit doch wenigstens beginnen; damit das
Leben des Geistes und Gemüthes sich außer sich gestalte und so wieder und immer mehr
wahrhaft beruhige.
Denn immer mehr wird mir ja das Leben, mein Leben in seinen Erscheinungen und diese
in ihren Gründen, darum auch der endlose Schmerz meines Innern und so die große Reizbar-
keit meines Gemüthes und Geistes nach ihren Ursachen klar; daß ich nach ihrer klarer
Durchdringung hoffen darf sie werden mich endlich einmal und für immer verlassen. Wie
sind doch aber die Gründe und Ursache des Schmerzes ganz anderer Art als man meint; ob
nun gleich die Menschen meine große Reizbarkeit oft sehr empfinden ohne meinen innern
Schmerz zu kennen, so wenig kennen sie auch die Ursache dieses Schmerzes und fast meine
ich Ihr selbst noch nicht. Ihr könnet nur dieß gleich prüfen, wenn sich jeder ehe er weiter
liesest [sc.: lieset] dasjenige niederschreibt oder nur merkt was er als Grund und Ursache jener zerstören-
den Erscheinung in meinem Leben erkennt und dann mit dem folgenden vergleichet was ich
selbst darüber ausspreche.
Der erste Grund die erste Ursache meines Lebensschmerzes ist der: daß kein Mensch, obgleich alle Kinder einer und eben derselben ewig einen und einigen Menschheit, daß kein Mensch, obgleich alle
Knospen an einem und eben demselben Baume der MenschheitsEinheit, sich dennoch, dennoch nicht
zu der Ahnung, zu dem Glauben, zu der Wahrnehmung empor erheben kann: - es könne zunächst
wenigstens - (: von wirklichen Glauben des Seyns will ich noch gar nicht reden :) - einen Menschen geben
dem das Leben der Menschheit in ihrer Einheit höher stehe als sein Leben als einzelner [be]Sonderer Mensch
– daß es keinen Menschen giebt der es wenigstens ahne es könne einen EinzelMenschen geben
dem, welchem die Menschheit als Einheit und Ganzes höher stehe lieber sey als sein eigenes Einzelleben, und der willig die Fesseln, die hemmenden, ja in gewisser Beziehung tödtenden und vernichtenden
Durchgangspunkte seiner eigenen Lebensentwicklung und eigenen Lebenserscheinung ertrage,
damit nur einmal die unpersönliche, wohl freylich aber in jedem einzelnen Menschen individua-
lisirte Menschheit ihrer Fesseln entledigt, ihrer unwürdigen Sklaverey entlassen werde. –
Daß ich mir nun aber in den Menschen von Kindheit an gar keine andere als eben diese gezeichnete
geforderte Gesinnung – wenn einmal von Menschseyn wirklich die Rede sey denn in dem Menschen
als möglich dachte, mir diese Gesinnung, die ich stets im Leben gegen andere bewiesen, unzertrenn- /
[2]
lich von der Menschen Natur von Menschen erschien, das hat mir nicht nur Schmerz, sondern
Leid, Noth Druck und Kummer gebracht. Jetzt wird mir immer mehr alles klar und ich
überschaue in Ruhe und Frieden immer mehr mein ganzes Leben; denn weil ich das
eben Geforderte mit unerläßlicher Nothwendigkeit in den Menschen als Menschen voraus-
setzte, so legte ich keinen Werth, keine Wichtigkeit darauf wenn ich es, und daß ich es suchte,
so wie ich mich darum so leicht und gern überredete und durch Scheinumstände überreden ließ
es zu finden. Die, welche über diese Erscheinung spötteln ja sogar sie früher tadeln als sie
solche in ihren letzten Gründen und Ursachen aufgelegt haben die wissen nicht daß sie sich dadurch
selbst aus der MenschheitsEinheit ausstreichen. Und hieraus geht der zweyte Grund, die
zweyte Ursache meines Schmerzes hervor.
Es macht mir den größten Seelenschmerz Menschen zu sehen besonders solche welche sich in der
ganze[n] Fülle und Bedeutung des Wortes Männer nennen, und mir als solche entgegenzutre-
ten meinen, ohne daß sie selbst in sich eine Ahnung von der geforderten allgemeinen Men-
scheneigenschaft haben, ohne daß sie eine solche Ahnung in Beziehung auf sich haben. Dieser Schmerz
ist es nun besonders welcher mich bey dem Lesen von Briefen, wie der letzte Sch-sche wieder
ist, so gewaltig ergreift und wieder ergriff. Es ist mir der Schmerz - über die Vernichtung
der Menschheit im Menschen, mindestes die Erniedrigung und Verkennung, indem aber der Mensch
als Mensch und Mann sich recht in die Brust wirft und als solcher zu behaupten meint.
Diese beyden Ursachen und Gründe meiner Lebensschmerzen sind es nun von welchen ich mei-
ne daß sie eben so wenige Menschen ahnen als sie die Sache selbst ahnen und erkennen.
Der dritte Grund meiner Lebensschmerzen ist als Erscheinung wohl von mehreren festgehalten
und wie es dann nur {war geschah gehörig gerügt und darniedergetreten, wenn auch nie in seiner
innern Lebens Ursache nachgewiesen worden; und doch liegt sie er klar in den so eben aus-
gesprochenen beyden Ursachen und folgt mit Nothwendigkeit daraus:
Es ist dieß die Forderung eines unbedingten Zutrauens und Vertrauens in mich und mein
Leben; diese Forderung so unzulässig sie vielleicht vielen erscheint, so zieht sie sich doch einmal wie
ich sehe wenn ich mein Leben ganz überblicke, wie ein Nervenbaum über mein ganzes Leben, wie
sie, wie ich schon so eben andeutete, unzertrennlich mit der Menschennatur und dem Menschen-
wesen zusammenhängt, daß derjenige eigentlich aufhört {mit Bewußtseyn mit durchprüfender Grundempfindung} ein Mensch zu
seyn der diese <-> Forderung nicht in sich und außer
sich zu machen sich getraut. Dieß ist der Punkt an welchen eine, ihres Zweckes ganz sicher seyn wollende
Erziehung – (: zum Menschen nemlich :) - vom ersten Auffunken des Menschenlebens an
ihr Erziehungsgeschäfte anzuknüpfen hat, wenn sie sich der Seegnung desselben entsprechen erfreu-
en will. Ich darf hier mit beystimmender Freudigkeit auf die Gesammtheit meines erziehen-
den Wirkens blicken. - (: Etwas tritt mir hier recht auffallend und merkwürdig ent-
gegen: die Forderung die ein gewisser 12 jähriger Knabe an seine Eltern machte als sie ihm
aussprachen daß sie wegen seiner Entfernung Schmerz gehabt haben, diese Forderung ist ihrer
Natur nach eigentlich ganz die eben ausgesprochene und bezeichnete – eines unbedingten Zu- und
Vertrauens. – Ich will es Euch nicht verhehlen daß ich mich über einen Fund wie
diesen so eben jetzt gemachten auf das höchste freue d.h. über einen jeden Fund wo ich die
Eigenschaften oder einzelne Eigenschaften dieses Menschenkindes, Menschenknaben (: denn
wie er zur die Reife seines Geistes und Gemüthes immer unzweydeutiger hervortrat nann-
te er sich Menschensohn :) – in der Menschheit, in der Einheit der Menschheit wieder-
finde. Mit jedem solchen Fund wird er mir immer mehr nicht nur, als was er bisher längst
erkannt, anerkannt und genannt ward – Erlöser der Menschen – sondern er wird mir
ein bey weitem höheres von welchem ich mich nicht und nie erinnere gehört zu haben daß
es erkannt, anerkannt und genannt worden sey – Erlöser der Menschheit,
*ich möchte ihn darum in dieser Beziehung Menschheitssohn nennen und ich fürchte nicht
daß er mir zürnen würde pp. und
welch unvergleichliches ist doch das letzte mehr als das erste. Und ja: -
unbedingtes Zutrauen und Vertrauen zum Menschen in so fern als er ein Kind der Menschheit, eine Knospe am
Einheitsbaume der Menschheit ist = Grundstein Grundfeste aller Menschenerziehung
. - :) /

[2R]
Freytag am 16en. Viel und Wichtiges liegt meinem Gemüth und Geiste zur Be- und
Verarbeitung und zur Mittheilung wieder vor; wie werde ich es erfassen, wie und
wenn das Ziel oder hier vielmehr das Ende davon erreichen? – Doch wozu dieß? jetzt vor
allem zur Fortsetzung des Gestern Begonnenen.
Mit dem was ich jetzt zu sagen habe und sagen werde, vergleiche nun ein jedes von <->
Euch sich und sein Leben in sich und sehe am <-> Ende zu welchem Ergebniß es selbst
und alle gemeinsam kommen. Sucht, wenn es möglich ist im Laufe, im Fortgang der Un-
tersuchung die Person und die Personen zu vergessen, damit wir vielleicht die Sache erfassen.
es will mir die Ahnung kommen als könnte und würde dieß für uns alle von der
größten Wichtigkeit seyn. Überhaupt bitte ich Euch – und macht es Euch gegenseitig recht
klar was ich damit meine mein Leben und die Mittheilungen aus meinem Leben gar
nicht anders zu betrachten als eine Netztafel wodurch ein Jedes von Euch sein Leben
anschauen, überschauen und in welche er wenn er Lust hat sein eigenes Leben einzeich-
nen könne. Das Hinstellen und Hingeben meines Lebens hat zunächst keinesweges die
Absicht nur mein Leben hinzustellen und hinzugeben daß es erkannt werde als das was
es ist; dieß kann wenn nicht die Anderen für die es hingestellt und hinge-
geben
wird, dadurch und damit ihr eigenes Leben erst erkennen und erfassen
wenig oder garnichts nützen denn ich bleibe und bin doch immer nur
der, der ich bin.
Dieses Verstehen und Erfassen des selbsteigenen Lebens eines Jeden Anderen nun ist zu-
nächst der Zweck dieses Hingebens – denn nur erst und in dem Maaße als dieß
geschehen ist kann mein eigenes und persönliches Leben verstanden und erfaßt

werden. Das Verstehen eines Anderen geht immer durch das Selbstverstehen
hindurch, denn nur in dem Maaße als man sich selbst verstehet versteht man an-
dere; darum kann einer welcher sich selbst sehr klar ist und verstehet, Andere die
sich minder verstehen und klar sind – besser verstehen als sie sich selbst.
Nun werden wir hoffentlich wieder gemeinsam auf derselben Stufe der inneren Lebens-
beachtung stehen auf welcher wir am Schluße der gestrigen Mittheilung standen; Ihr
werdet es mir schon verzeihen müssen daß ich mich selbst wieder dahin einleiten
mußte; denn für Euch die Ihr fortleset hätte es nicht bedurft; aber, während eines Un-
terrichtstages wälzet sich mir oft zwischen ein Gestern und ein Heut mehr als eine Welt,
wie dieß ganz namentlich heut der Fall war, welche ich dann entweder erst im Gemüthe
einstweilen wieder untergehen lassen, oder mit demselben, wie Mond und Sonne die
Schweizerberge übersteigen muß, ehe ich in der angeknüpften Mittheilung und ganz in
ihr (ganz) aufgehend – mich wieder hingeben kann.

Sonntag, am 18en Tag im Mon: des K. und Treibens. – Nein! es war mir vorgestern gar nicht mög-
lich fortzufahren, und auch gestern, wo ich doch schon am Nachmittage frey war, noch nicht;
Es drängte sich mir Gestalt auf Gestalt und Leben auf Leben, wie so oft im See sich Wogen
auf Wogen und Wellen an Wellen drängen; ich war nicht im Stande das Ganze in diesem
wogenden Auf- und Niedertreiben zu umspannen und für äußere Gestaltung fest zu halten.
Ihr werdet es selbst erkennen und einsehen wenn es mir, wie ich wohl sehr wünsche mög-
lich werden sollte Euch das Ganze in seinem innern Lebverbande vorzuführen, wo es dann
auch Euch als eine große in sich abgeschlossene Lebgestalt erscheinen würde. Ich theile Euch
mit gutem Vorbedacht diese Erscheinungen und Thatsachen der Entwicklung des Nachstehenden mit,
damit es wieder leichter in Euer Leben und in das Leben an und für sich eingreife; denn der nur
klar hingestellte reine Gedanke bleibt auch nur zu oft in seiner Reinheit klar geschieden
vom Leben dastehen ohne in dasselbe einzugreifen und dasselbe fort zu entwickeln. Ich habe
diese Empfindung schon sehr früh bey dem Tragen von klaren edlen Steinen in Ring und Band
gehabt; man freut sich am Ende ihrer auch nicht anders als wie sich das Kind seiner bunten Steinchen, und
der Wilde seiner farbigen Muscheln freut – man kennt den Sinn dieser Freude nicht, löset diese Freude nicht in /
[3]
[Bogen] B.
ihre hohe Bedeutung auf, deßhalb bleibt sie auch so ohne alle Wirkung im Leben, einzeln für
sich dastehen darum haben Steine in Ring und Band, ehe ich ihre höhere Bedeutung erkannte
nie Eindruck auf mich gemacht, ich nie Werth auf sie gelegt. Anders die Menschen die wollen
gern sogar die Gedanken, eigene und fremde sorgfältig geschliffen und gefaßt haben damit sie solche
am leichtesten am Finger und Arm, um Stirn und Hals, auf der Brust und auf dem Haupte, vor
dem Ohr und vor dem Busen tragen können; daher das Schreyen der Menschen nach gut geschliffener
Waare, sey sie nun ächt oder unächt. Ich habe dieß schon immer an dem Eindrucke wahrgenommen
welchen so häufig Vorträge, Reden, das Lesen von Gedichten und Aussprüchen auf Menschen machte.
Jedes Reine und Klare aber als irdische Erscheinung, soll es zu einem Zustand höherer Entwicklung
gelangen, dahin führen muß für einige Zeit gleichsam seiner Reinheit und Klarheit entsagen,
sich derselben entkleiden, damit es zu und für höhere Entwicklung aufgenommen werde. Wer
aber diesen trüben und trübenden Durchgangspunkt für sich oder andere scheuet, wird weder
sich noch Andere zu höheren Entwicklungsstufen führen; sondern er wird höchstens das Leben als
einen Schmuck edler Steine am Finger und Hals Arm, um Stirne und Hals, auf Brust und Haupt,
vor dem Ohr und dem Busen tragen – das Leben selbst wird Lebens leer seyn. Das Trübende
aber ist die Geschichte der Erzeugung, der Entwicklung, der Gestaltung und der Geburt des
Gedankens ist mit andern Worten die Geschichte des Durchgangs des Lebens durch den Tod
ist die Geschichte der Auferstehung. Wer den Tod scheuet wird auch das Leben nicht sehen.
Alle Liebe führt wenn sie wahr und ächt ist durch den Tod hindurch, darum führt aber auch
alle wahre und ächte Liebe zum Leben. – Nun diesen Satz wenigstens widerstreitet mir gewiß
Niemand. Darum ist aber auch das Lieben eine Kunst, wie das Leben eine Kunst ist.
Also nun endlich wieder an das am 15en Abgebrochene angeknüpft: - Die Forderung eines
uneingeschränkten Zutrauens und Vertrauens in mein inneres und innerstes Leben, Wollen und
Streben war es welches sich, wie ich jetzt klar sehe durch mein ganzes Leben hindurch zieht. -
Welche Erscheinung mußte aber eine solche Forderung in einem sich eben im Kampfe mit der Außen-
welt entwickelnden Knaben[-] auch wohl schon Jünglingsleben hervorbringen, da in der umgeben-
den Außenwelt auch nicht die Spur einer Bedingung lag, welche zur Erkenntniß, zur Einsicht in
diese doch ganz allgemein menschliche Forderung und dadurch und so zur Auflösung derselben hätte
dienen und führen können.
Nun bringt aber im Gemüthe des Kindes im Innern des Menschen nichts eine nachtheiligere
Wirkung
hervor als wenn allgemein menschliche Erscheinungen an ihm als persönliche ge-
rügt (: gelobt oder getadelt :) werden eben so wie es auf die Umgebung einen abstoßenden
unfreundlichen ja wohl gar widrigen Eindruck macht, wenn das Kind oder der Mensch solche
allgemein menschliche Forderungen, die er als unzertrennlich von dem Wesen und der Würde des
Menschen erkennend in sich trägt – um sie gegen Darniederkämpfung von Außen zu schützen –
als persönliche Forderungen nicht etwa wirklich hinstellt, sondern nur hinzustellen scheint.
Ein Kampf und ein Krieg ist gegeben, welcher, so weit ich mit der Entwicklungsgeschichte der Mensch-
heit bekannt ist [sc.: bin], sich noch nie mit dem Leben eines Menschen endigte, ob ihn gleich der Tod so
oft endete und abbrach.
In diesen zwey Punkten nun: der nachtheiligen Wirkung jener Erscheinung auf das Gemüth
des Kindes und das Innere des Menschen, - und den widrigen Eindruck auf die Umgebung, habt
Ihr wieder von einer anderen Seite die ganze Geschichte, alle Bedingungen und den Schlüssel
zu allen Erscheinungen der Entwicklung meines Lebens; wie ich Euch deren schon gar manche gab.
Ihr seht nun daraus auch wieder wie das Leben des Kindes und Menschen, welches das Meiste
allgemein menschliche in sich aufnimmt, sey es nun der Mannigfaltigkeit oder der Einheit oder bey-
dem zugleich nach – nothwendig auch ein um so meist um so größer Krieg[-] und Kampf<wollen> seyn muß.
Ihr sehet ferner ein: ein solcher Mensch kann nur von sehr einfachen Kindesgemüthern, wenn
auch keinesweges erkannt, doch in einer gewissen Beziehung gekannt seyn und werden darum /
[3R]
mindestens von ihnen schonend und duldend getragen und gepflegt werden. Zu solchen Erscheinungen gehören z.B. in meiner ersteren Lebenshälfte mein verstorbener Bruder Christoph, mein Oheim
in Stadtilm und die Osteroder Familie.
Ihr werdet leicht empfinden, ja in Euerm Innern nachweisen, erkennen und einsehen können, wie
der Mensch je mehr er das Allgemeine, mehr oder minder bewußt, in sich trägt in und mit dem Leben
solcher Personen und Verhältnisse, Kreise, sein Leben zu leben sich bemühen ja suchen muß
weil eben die Kindesgemüther als dem Allgemeinen noch näher stehend auch der Entwicklung des
Allgemeinen näher und mehr nachgehen.
Mit der größeren umfassenderen Aufnahme des Allgemeinen in sich, mit dem größeren, ernste-
ren Festhalten es aus sich zu entwickeln kommt aber auch die immer klarere Wahrnehmung des
damit verbundenen Krieges, Streites und Kampfes denn natürlich die Darstellung des
Allgemeinen als solchen, vernichtet in einer gewissen Beziehung die Darstellung des besonderen
denn das Besondere erscheint nun nur im Allgemeinen zu bestehen; ja, das Besondere
selbst erscheint nur eben dadurch als Besonderes zu bestehen als es das Allgemeine auf einer
besondere[n], die Einheit, auf eine Einzelne Weise darzustellen sich bemühet.
Ihr sehet nun aber wohl ein, wenigstens könnet Ihr es einsehen, wie diese immer gewissere
Wahrnehmung eines unausbleiblichen Krieges und Kampfes im Leben immer mehr und inniger
mit der ausgesprochenen oder nicht ausgesprochenen Zu Forderung eines uneingeschränkten
Zutrauens und Vertrauens in Eines zusammen fällt; denn man ahnet und fühlet nur mit
unverkürzter Festhaltung der persönlichen Einheit und des eigensten Wesens kann des Lebens Zweck
Entwicklung des Allgemeinen im, am und aus, durch das Besondere erreicht werden.
Wie nun aber das Leben eines, die Allgemeinheit pflegend und für Darstellung pflegend in sich
tragenden Menschen, sich schon zu dem Leben von kindlichen Gemüthern hingezogen fühlt welche
sich des Schatzes den sie besitzen nur noch wenig bewußt sind; um so mehr muß sich das
Leben da gehalten fühlen wo das kindliche Gemüth sich sogar auf der Stufe des Bewußt-
werdens und des Bewußt geworden seyns erhalten hat.
Auch dieses Lebensverhältniß hat mich und habe ich in seiner ganzen Wirkung durchlebt.
Hier muß Bewußtwerden dem Bewußtwerden entgegen treten; darum müssen aber auch
hier die Erscheinungen des gemeinsamen Lebens gleich im Beginne mehr Kampf- und Kriegs-
voll seyn wie in den oben erwähnten Verhältnissen sie nur einzig Fried- und Lebensvoll waren.
Wie nun in diesen jenen oben gedachten Verhältnissen die Forderung des Zutrauens in keines Theiles Ahnung auch
nur leise kam, eben weil sie unverkürzt und unverkümmert da war, so mußte dagegen diese
Forderung in diesem jetzt zuletzt hervorgehobenen Verhältnisse um so bestimmter hervortreten.
Wie denn nun auch diese Forderung bestimmt und wohl wörtlich hervortrat als von einem
Gemüths- und Geistesbund für geeinte Darstellung des reinen Menschheitslebens die Rede war: Kann
Gemüth und Geist in Wankensloser Einigung
selbst durch den grausigsten Lebenskampf (die Hölle)
hindurch gehen, festhaltend das einmal gefaßte Zu- und Vertrauen, bis zum errungenen Ziel.
So erkannte ich als reifer Jüngling die Forderungen des Lebenszieles u Lebenszweckes, und sprach
sie aus.
So sprach ich dort, und wie ich mich jetzt genauer erinnere noch weit bestimmter sprach ich die Forderung
nicht zu wankenden Vertrauens zur gemeinsamen Erreichung des Menschheitszieles aus. – Viel-
leicht lag in der bestimmten Vorahnung das [sc.: daß] Gemüth und Geist diese Forderung nicht erfüllen würde[n], nicht
erfüllen könne[n], das so bestimmte Aussprechen derselben. Denn Gemüth und Geist erfüllte[n] sie meinem
Gemüthe und Geiste nicht und nie ist jene Forderung als Forderung wieder von mir ausgesprochen
worden. Doch erkannte ich, empfand ich wenigstens immer bestimmter und klarer die nicht einzu-
schränkende Nothwendigkeit jener großen Forderung zur Erreichung des Menschheitszieles und
so wendete ich mich wieder mit gänzlich hingegebenen Vertrauen und Zutrauen zur Natur.
Die Folge war mein Naturstudium in G-n [sc.: Göttingen] .- Wahr ist es und merkwürdig bleibt es, was ich
von unbeschränktem Zutrauen der Menschen zum Menschen erwarte, das gab /
[4]
mir dort mein hingegebenes Vertrauen zur Natur: denn die Gleichgesetzigkeit überall wo Leben
sey im All zeigte sich dort meinem Gemüthe und Geiste und entwickelte sich derselbe aus ihrem
ersten Grunde. Die Einheit, Übereinstimmung und Gleichgesetzigkeit alles Lebens welche bisher nur
mehr unbestimmte Gemüthsahnung gewesen war, trat nun als bestimmte klare, sich gesetzmäßig
und selbst in sich gleichgesetzig sich fortentwickelnde Geistesanschauung hervor und auf. So war
denn meinem Gemüthe und Geiste die größte der Lebensthatsachen zur Selbstwahrnehmung
im eigenen Leben geworden, die große wichtige Lebensthatsache: - daß uneingeschränktes unbe-
kümmertes Vertrauen zur Erkenntniß, Klärung, Sicherung des Lebens und zur Erfassung seiner
Gesetze führt. – Das Menschen- und Familienleben welches mich dort von Zeit zu Zeit umgab in O. [sc.: Osterode] war
in seinen Erscheinungen und Früchten ganz damit in Übereinstimmung: denn bleibend in ungetrübten natürlichen Vertrauen lebend entwickelte sich der Geist und das Gemüth stetig.
Von nun an geht die Forderung unverkümmerten thätigen Zu- und Vertrauens unzertrenn-
lich mit meinem Leben fort und in der ersten Anzeigeschrift „an unser Volk“ tritt jene Forderung
und ihre Erfüllung “Zutrauen zu sich, zur Familie, Geschlecht, Stamm, Volk pp.“ als die Grundbedingung
zur Erreichung alles dessen auf was der Mensch in allen seinen Lebensverhältnissen bedarf.
Es drängte sich mir dort jene Forderung hervor; ich wußte aber selbst noch nicht was sich in ihr mir
als äußere und innere Gesammtlebensforderung hervordrängte; dieß zu durch- und zu überschauen im wirk-
lichen Leben war mir dort noch zu groß; ich schauete und erkannte nur noch die geistige Wahrheit
davon an und für sich, d.h. Ich forderte etwas und mußte es vom Geiste aus fordern, als uner-
läßlich fordern, was ich aber, so wie ich es forderte, im Leben selbst noch nicht erfahren und erlebt
hatte. – Die oben angeführte Lebensthatsache bezog sich ja auf das vertrauensvoll der
Natur
hingegebene Leben; hier war aber nun von einem vertrauensvoll unter Menschen
sich fortentwickelnden Leben [die Rede].
Diese Thatsache des Lebens sollte Keilhau zeigen und zeigte Keilhau; durch sie wurde eine
ganz neue Entwicklungs- und Fortbildungsstufe für Keilhau hervorgerufen. Diese Ent-
wicklungsstufe begann im ehevorigen Jahre (1830) trat im vorigen Jahre als äußere
Erscheinung hervor und ist in einer gewissen Beziehung die Bedingung aller Fortentwicklung
bis auf die jetzige Zeit.
Diese Lebensthatsache gab dem Leben eine Lebensfülle, Lebenskraft und Lebenssicherheit, wel-
che es bisher so oft ersehnt aber als Lebenserscheinung noch nicht geschaut, noch nicht empfunden
hatte, denn ganz etwas anderes ist es mit dem was ich nur als wahr und nothwendig er-
kenne und mit dem was ich auch seiner Wahrheit und Nothwendigkeit als wirklich im
Leben daseyend empfinde und anschaue.
Von dem was der Mensch einmal als wirklich daseyend empfunden und wahrge-
nommen hat, läßt er sich (der Mensch) gern glaubend machen und macht sich (der Mensch) selbst
gern glaubend daß es auch zum zweytenmale da seye, zumal wenn er einsehen und
erkennen muß wie ganz unerläßlich wesentlich es zur Erreichung des allgemeinen
Lebenszwecke es ist. <Da> also auch mit der Erscheinung eines uneingeschränkten Zu- und
Vertrauens. Wie jedes Wahre, Bleibende und Lebenvolle nur darinn in ihm sein Ent- und Be-
stehen haben kann; so konnte, durfte und sollte auch die Erziehungsanstalt Wartensee nur
darinn ihr Ent- und Bestehen haben; in mehrseitigem, unverkürzten, so vollkommenen als wah-
ren Zu- und Vertrauen wurde darum der Gedanke dieser neuen Erziehungsanstalt wie
von mir ergriffen so von mir festgehalten. Wie im Vertrauen zu Vorsehung, Natur u.s.w. so im Zu- und Ver-
trauen zu Menschen und sogar dann noch hielt ich dieses Zu- und Vertrauen zu Menschen,
getragen und übertragen von dem Zu- und Vertrauen zu Vorsehung und Natur fest als mir
schien, daß das den Menschen nur Mittel zu einem Zweck sey, was mir Zweck an sich ist.
Die Wahrnehmung dieser Erscheinung selbst konnte mich wenig stöhren, denn das höhere, allgemeinere
übertrug das Persönliche, besondere; und so konnte ich leicht in mir wieder als Zweck sehen und zum
Zweck erheben was anderen nur Mittel war, ich meine die Erz. Anst.: die Erziehung in diesem bestimmten Geiste. /
[4R]
Ihr werdet es gewiß recht gut einsehen und mit mir scharf scheiden können wie der
Mensch hier, gleich dem Herkules, an einem Scheideweg der Ansicht seiner selbst und seines Lebens
stehet; er kann sich und sein Leben entweder nur als Mittel und Werkzeug in der Hand
der Vorsehung ansehen, oder als Diener und somit auch als Zweck im Plane der Vorsehung
ansehen. Dienen setzt Überschauung des Ganzen und besonders Durchdringung des Wechsel-
verhältnisses zwischen Einheit und Mannigfaltigkeit, Innerem und Äußerem voraus:
also Bewußtseyn, klare Einsicht mit besonnener schaffender Thatkräftigkeit. Der Diener findet
die Bestimmung zur Thätigkeit und Wirksamkeit auch in sich und durch seinen Blick auf und in das Ganze,
das Werkzeug wird nur in Thätigkeit und Wirksamkeit gesetzt.
Das Wesen des Dieners kann nur noch edler und für höhere Stufen und Verhältnisse entwickelt
werden wo nemlich der Diener gleichsam zu seinem besonderen Leben das allgemeine nicht nur als hinzu-
kommend aufnimmt, sondern wo ihm sein Einzel- und Sonderleben ganz im Leben der Einheit auf-
gehet und er sein Einzel- und Sonderleben nur im Leben der Einheit und durch dasselbe findet.
So wenig ich nun diese höhere und wohl höchste Lebensentwicklungsstufe hier näher bestimme
{und noch} benenne, so wenig rede ich eben jetzt schon von derselben. Ich habe hier nur den Zweck
von mir und meinem Leben klar auszusprechen, daß ich es bestimmt als ein dem Plane
der Vorsehung dienendes betrachte. Diese beyden Verhältnisse das nur wirkende und das die-
nende haben vielleicht nicht mehr und nicht weniger miteinander gemein als Quadratzahlen und
Quadratwurzeln.
Ihr seht nun ferner wohl ein wie recht wohl zwey Menschen wovon der eine sich und sein Leben
nur als wirkend, der andere aber das seine als dienend sich zur Ausführung eines Gemein-
samen verbinden können; sie können recht gut gemeinsam das vorgenommene Werk aus-
führen der Dienende muß nun nicht fordern daß sein Leben von dem Wirkenden andern als
auch nur als wirkend betrachtet werde; und der Dienende muß sich nie verleiten lassen
an dem nur Wirkenden (d.h. an dem der sein Leben nur als ein wirkendes siehet :) die Forderung
eines Dienenden zu machen, von ihm die Thätigkeit eines Dienenden zu erwarten.
Ihr werdet finden wie sich immer mehr die Lebensverhältnisse bestimmt scheiden und wie sich
der Überblick über das Leben klärt. Es hängt im vorliegendem Fall nun von einem Jeden
ab wie er sich und sein Leben finden will; nur ist es nicht genug zu sagen ich bin das z.B.
ich bin dienend, sondern ich muß es auch mit meinem ganzen Leben und Wesen der That nach seyn.
Ihr werdet gewiß auch finden wie das Lebe[n] Man muß sich nur durch das Laute Sagen:
ich bin das oder, das kann nicht seyn, das ist nicht; - nicht irre machen lassen zu prüfen
was der That und dem Geiste nach wirklich da ist. So und je vollkommener immer mehr
das Leben eine Gesammtaufgabe, Gesammtzweck wird, bekommt auch der Mensch die
Gesetze des Lebens und somit das Leben selbst in seine Gewalt.
Ferner werdet Ihr in Beziehung auf unser vorliegendes Leben finden, ist es eine sehr große
Verschiedenheit – gleich der eben in persönlicher Hinsicht angegebenen: ob ein erziehendes
Wirken und dessen Tüchtigkeit in Beziehung auf einen Ort und damit an diesem Orte
das gegenwärtig beste und Tüchtigste sey festgehalten wird, - oder ob man das erkannte und anerkannte Tüchtigste
an sich z.B. im gegenwärtigen Fall eine Erziehungsanstalt – festhält und {ihm ihr
einen Ort giebt damit es um so mehr sich in seiner Tüchtigkeit entwickeln und zeigen
könne. Im ersten Fall ist die Sache Mittel im zweyten Fall ist sie Zweck. Wohl läßt
sich nun auch bey dieser ganz verschiedenen und Doppelsachansicht ein Verband für Aus-
führung einer und ebenderselben Absicht Sache denken, nur muß dann, was die erste An-
sicht derselben als Mittel sieht – die zweyte Ansicht zum Zweck in sich erheben und stets
vor Augen haben.
Ihr sehet es ziehet sich auch hier wieder als Markröhre und Nervenstamm meines Lebens
die Forderung durch: wahres lebensvolles Zu- und Vertrauen und Ihr sehet wie die Forderung
ich möchte sagen negativ gewährt wird, nemlich Zu- und Vertrauen zu der Sache als der /
[5]
[Bogen] C.
besten für einen bestimmten Ort, für bestimmte Verhältnisse, zu einem bestimmten
Zweck.
Wie überschaut mein inneres Auge von diesem Standpunkte aus das Lebensganze und
wie durch- und überleuchtet es mein Geist nach allen Seiten und stellt es in allen seinen Ver-
hältnissen besonders in den Verhältnissen welche sich an Wartensee anknüpfen, klar dar.
Könnte ich Euch doch auch dieses Rundgemälde so vollständig, so treu so klar zeichnen als
es vor mir liegt. – Als Motto oder Mahlerzeichen könnte ich in die <Erde> setzen: - das Einzel-
ne im Zusammenhang geschauet führt zur Einheit; oder – dem Charakter vollen, der in sich selbst oder
auf dem höchsten Lebenszweck ruhet, erhebet zum Lichte und zur Klarheit was ihn sollte zur
Dunkelheit und zur Trübung niederdrücken, - oder: die einzelnen Lebenserscheinungen ihrer inneren
Ursachen nach verbunden führt [sc.: führen] zu allgemeinen Lebensansichten. -
Ein Zweyfaches war es, was die Idee, den Gedanken einer menschenwürdigen Erziehung nach
Wartensee brachte, in sich rein entgegengesetzt einmal das Streben und die Erwartung dem Gedanken
eine freyere Entwicklung zu geben dann die Absicht einem örtlichen und persönlichen Verhältnisse
durch das möglichst Tüchtige einen bleibenden Werth zu geben. Hier eine endliche Einzelabsicht,
dort ein unendlicher Gesammtzweck.
Durch dieses tritt mir nun der Grundcharakter des schweizer Landes und schweizer Lebens klar hervor
und das Verhältniß desselben zu meiner Volkes[-] und Lebensansicht.
In der Schweiz ist alles vereinzelt und sucht sich das Einzelne als solches, also getrennt gegen
das Einzelne zu erhalten. Daher gewinnt die Festhaltung des persönlichen Charakters hier
gleich den Ausdruck der Selbst- und Eigensucht und um den Forderungen derselben zu genügen
sogleich die Erscheinungen des Eigennutzes, der Ehrsucht und des Ehrgeizes, der gegenseitigen persönlichen Herab-
würdigung, der List, der Überlistung des Betruges. – Deßhalb die ungeheueren
und so unversönlichen Partheyungen, wo jede Parthey wieder in sich zerfällt. – Jeder sucht
daher mit der größten Sorgfalt seinen persönlichen Zweck und ist des andern Freund so lang
als er durch denselben seinen persönlichen Zweck zu erreichen sucht und hofft, wird aber sogleich des andern
Feind, sobald das nicht mehr eintritt.
Welch einen großen Dienst mir und uns die Verfasser der beyden Appenz.[eller] Aufsätze ge-
than haben indem sie uns und mir so früh und so bestimmt die Augen über die Schweiz
und das schweizer Leben geöffnet haben dieß ist gar nicht mit Worten auszusagen.
Vor einiger Zeit trat mir des Herzogs Charakter und persönliches Betragen recht deutlich
in einem unserer Zöglinge entgegen – ich charakterisirte Euch denselben mit den Worten: „Ehr-
trieb gut geleitet und Heftigkeit gut gezügelt können Ehre geben und Ehre erhalten“ – seitdem
ich diese Vergleichung fortsetze und ausbreite tritt mir Herzogs Charakter in allen Farben
in allen Stufen und Mischungen hier entgegen immer aber als Grundzug: Entwickelt nur
den Begriff des Einzelnen als Charakter und das Streben nun sich als Einzelnes nicht nur
zu erhalten sollte sondern sich auch zu überheben und Ihr bekommt den bestimmten Schlüssel
zu den Erscheinungen des hiesigen Lebens, so wie den Erscheinungen des hiesigen Lebens und
Charakters selbst.
Die beyden Appenzeller Aufsätze haben mein Schicksal, das Schicksal meines Erziehungsver-
suches und meiner Culturerscheinung in der Schweiz und namentlich im Canton Luzern
auf das klarste und schärfste zum Voraus gezeichnet, wenn die Selbstsucht, der Ehrgeiz
u.s.w. durch dieselbe nicht ihre Rechnung finden sollte. Und träte im letzteren Fall
wirklich das erstere nicht als mein Schicksal ein, so würden gewiß die Appenzeller
Aufsätze dieß mehrseitig bewirkt haben, vielleicht gleich dadurch, daß sich nun sehr bald
hervorheben mußte warum das Ganze ge- und in welchem Umfange das Ganze begründet
sey. Sonst könnten wohl gewisse Berge sehr leicht von einem Fröbel widerhallen der Großes
und Gutes versprach, aber auch nur versprach denn Gut ist was dem Eigennutz fröhnt
und Groß was dem Ehrgeiz huldigt. Werdet klar, Ihr Freunde u Geliebte! Das Gute /
[5R]
und Große, was sich Herzog von der Erz. Anst. in K. [sc.: Keilhau] versprach und was er darum meinte das
ich ihm versprochen, aber auch nur versprochen hätte ist eben – jenes Dienen des Eigennutzes
und jenes Fördern des Ehrgeizes. Werdet klar: Möchte ich schlecht und niedrig gehandelt
haben aber hätte ich dem Eigennutz und vor allem dem Ehrgeize entsprochen, so würde ich
für sie nicht nur Gutes und Großes versprochen sondern auch geleistet haben. – Große
und kleine schweizer Verhältnisse werden mir jetzt klar alte und neuere und ich bitte Euch,
folgt mir, streng und scharf meine Ansicht und Darstellung prüfend, denn ich lebe und wirke
in der Schweiz, will sogar ein ganz neues Leben in der Schweiz begründen. Pestalozzi
und Iferten, jetzt sehe ich es klar giengen nur in den leidenschaftlichsten und niedrigsten Kämpfen
des Eigennutzes und des Ehrgeizes unter. Schweizer bekriegten sich mit kurzem Worte gegen-
seitig um jene Preise; darinne liegt für mich alles. Hier nur gleich nebensächlich die Bemerkung
soll Wartensee bestehen, so muß es nur einzig aus lauter deutschen Mitgliedern bestehen
welche dem Eigennutze und dem Ehrgeize eine edle Brust entgegen tragen. Gleich die zwey-
te Nebenbemerkung gut, sehr erwünscht ist es daher für uns daß man selbst hier – viel-
leicht aus irgend einer unbewußten Mißgunst – wünscht daß nur Deutsche und Keilhauer
hierher kommen möchten. – Nun dritte Nebenbemerkung: Ihr Männer werdet sehen, daß hier
Manneswirksamkeit ist, denn das Leben muß hier dann immer mit bewaffnetem Arm
und mit Besonnenheit den Feind in die Augen gesehen, geführt werden.
Ist es nicht Eigennutz und Ehrgeiz der mich in dem Briefe des gelehrten Schweizerpädagogen
an Schn. [sc.: Schnyder] anfeindet? – Irre ich nicht sehr so hat er einmal eine Pestalozzische Gesangbildungslehre
(die sehr brav ist wir alle kennen sie) geschrieben; aber so etwas vergißt sich aber eine
Pestalozzische Lehr- und Erziehungsanstalt meint man dürfe doch so etwas nicht ignoriren
darinne nur der Grund warum die Nemesis die Ignorirung des Namens Pestalozzi
(um die Sache, den Geist, das Fortleben Fortwirken Fortentwickeln und Fortbilden dessel-
ben ist diesen Herrn wenig zu thun ) – mit Ohrfeigen straft. Denn neben einem Pesta-
lozzi
müßte dann doch auch ein Nägeli genannt werden u.s.w.
Seyd mir nun Freunde, Brüder und Geliebte! wegen der Wendung die ich nun nehme und wenn
ich sie etwa nach Eurem Gefühle nicht zart genug nehme nicht böse. Auch die größte Zartheit
ändert die Sache nicht, hier ist es aber um die Sache zu thun, und diese ist hochwichtig.
Schn.- [Schnyder]schreibt gegen das Ende seiner 8 ½ Bogen langen Entgegnung ohngefähr „von einem Fröbel
der etwas unternommen haben würde was er auszuführen nicht im Stande gewesen wäre.“ –
Freunde vergleicht diese Stelle die mir wörtlich nicht mehr gegenwärtig ist und Ihr habt Herzogs
Fröbel oder dessen Erz: Anst: die Gutes und Großes versprach, aber auch nur versprach; nehmt
ferner wie diese lange Erwiederung bey und in ihrem Ende und Abschiede sich in gewisser Beziehung
etwas darauf einbildet daß sie nicht die Sprache des H. – [Herzog] gegen mich führe die sie wohl habe
führen können. Wie möchte nur ein edler Mann diese Sprache gegen einen ander[n] Mann führen
auch wenn er sie führen könnte, Recht und Fug dazu hätte? - Wie mag nach meinem tiefsten
Gefühl in dem H-schen Charakter entgegengesetzter Charakter und Mann sich nur auf
eine solche Weise mit demselben in Zusammenklang wenn auch wirklich noch in Doppelklang setzen? – Was ist das Ergebniß davon: - Mildert die Äußerungen H-s mildert sie bedeutend, stei-
gert die Äußerungen Schn-s, steigert sie bedeutend. Den Schluß und die Folge davon über
lasse ich Euch selbst zu ziehen. *Ich könnte wohl auf beyde Seiten noch mehr übereinstimmendes legen;
eines nur hebe ich noch heraus, daß beyde Religionsphilosophen von Einem Ausgangspunkt sind. Wichtig bleibt sie auf jeden Fall, denn sie lehrt uns auf
das sorglichste achtsam, ruhig, besonnen seyn. In Schn- haben wir es nur mit einem
durch deutsches Leben und durch deutsche Philosophie (: Jean Paul :) gebildeten Mann zu thun.
Ihr seht wohl ein wohin sogar Egoism, Selbstsucht, zumal mit Lebenstrieb und Lebenslust gepaart
sich veredeln sich steigern könnte. Laßt uns wie Männer das Leben klar überschauen und
es nehmen wie es ist, und es gebrauchen wie es gebraucht werden soll.
Wie ist nun aber das Leben? – Wie soll es gebraucht werden? –
Das Leben ist und zeigt sich auch in dieser Erscheinung wieder als ein großes gesetzmäßiges Ganze. /
[6]
Die größten Gegensätze berühren sich. Das Streben nach Einheit und Gemeinsamheit betritt den Grund
und Boden der Einzelheit und Mannigfaltigkeit. Wo die Trennung wohnt, will sich die Einigkeit
niederlassen. Auf dem Grund und Boden der Selbstsucht und des Eigennutzes will die hin- und
aufgebende Liebe Wohnung machen. Sprecht nun diese Gegensätze nach beyder Sinn so edel
so rein aus als Ihr immer nur könnet immer bleiben es die größten strengsten, geschiedensten
Gegensätze. Die äußersten Endpunkte Einzelnheit und Einheit, Trennung und Einigung u.s.w.
berühren sich. Was kann, dieß herzlich beachtet und gepflegt dieß davon anders die Folge
und das Ergebniß seyn; - als daß erstlich und allem zuvor das Wesen und die Wirk-
samkeit eines jeden auf das klarste erkannt werde, und dann zweytens daß daraus
nothwendig ein klar gestaltetes, auch äußerlich wie in sich gesichertes Leben hervor
gehen müsse! Andere Gegensätze [wurden] schon in früheren Mittheilungen hervorgehoben und ausgesprochen. -
Die hohe Wichtigkeit der Verknüpfung der äußersten Gegensätze scheint thut wohl auch
das jüngste Leben und Entwicklungen der Ergebnisse desselben auf das unzweydeutigste
kund: - Welches Verständniß! – Welche Eintracht! – Welcher Friede! – Welche Wahrheit! –
Und welche Auflösung, welche Bedeutung könnte das Schweizerleben, der Schweizercharak-
ter durch Aufnahme und Anschauung eines ächt deutschen und Keilhauer Leben[s] gewinnen
Welche Bedeutsamkeit und welche Wirksamkeit die Selbstachtung und die charaktervolle
männliche Selbstständigkeit. Aber rein und frey müßte ein solches Kunst Leben und in sich
abgeschlossen wie ein großes Kunstwerk auf einem Granitfelsen - dastehen.
Immer mehr[,] Freunde werdet Ihr einsehen die Lebenskunst ist eine große, eine wichtige
Kunst nur im Besitz der Lebenskunst kommt die Menschheit zum Lebensziel, erreicht
den Lebenszweck – denn der Mensch ist ein bewußtes vernünftiges Wesen und das Menschen-
geschlecht soll mit allseitigem Vernehmen und mit vollstem Selbstbewußtseyn zu seinem Ziel
gelangen, seinen Zweck erreichen: - Aufhebung der Trennung, Vernichtung der Widersprüche
Einklang – Einigung – Einheit - Friede. Aber nicht nur im Geiste, im Bewußtseyn, im Ver-
stande von Seite der Einsicht und der Erkenntniß; nicht nur im Gemüthe, in der inneren Wahrneh-
mung, im Herze, von Seite des Gefühls und der Empfindung; sondern im Leben, in gleicher Achtung und
gleicher Liebe, in gleicher Lust, wie in gleicher Pflege des Lebens, im gemeinsamen Genuß Freude
des Schattens, der Blüthen, des Duftes u der Früchte des Lebens. Dieses letztere ist uns aber
noch das fremdere; werden wir aber auch was wir jetzt nur noch überwiegend im Geiste und
Gemüthe errungen haben auch im Leben auf gleiche Weise erringen, so werden wir nicht
nur das Lebensziel den Lebenszweck, sondern das Leben selbst errungen haben, wir werden im
Leben das Leben leben. Und dahin, unser Leben dahin zu erheben, darum also wohl
von der Vorsehung unsere Verknüpfung mit den so schneidenden, harten Gegensätzen.

Donnerstag Mittwoch, am 21en März, am 2en Tag des eingetretenen Frühlings. Als ich, Freunde
und Geliebte diesen Brief begann war mein Hauptzweck wenigstens in einigen Andeutungen die
Nichtigkeit der Sch-schen Erwiederungen auf meinen Brief, so wie diese Erscheinung dieses Verhältnisses
im inneren Zusammenhang mit meinem Leben und aus dem innersten Grunde desselben
zu entwickeln. So bestimmte, so ergab sich der Anfang des Ganzen wie er nun dastehet, mit
dem Streben nach Erfassung meines innersten Wesens, dessen Forderungen, dessen Bedürfniß. – Doch
bald entwickelte sich mir daraus eine so große Lebensumsicht, Lebensüber- und Lebenseinsicht
daß ich ohngeachtet mehrerer Tage der angestrengtesten geistigen Arbeit sie doch nicht um- und erfassen
sie doch nicht beherrschen konnte und noch kaum jetzt noch kann. Dennoch erscheint mir die klarste
Einsicht und die vollkommenste Beherrschung dieses unseres jetzigen gesammten Lebensverhältnisses
welches sich mir daraus ergiebt – für uns, unser Leben, unsere Verhältnisse und unseren Lebens-
zweck
das wichtigste was wir insgesammt jetzt zuerreichen suchen müssen.
Als erste Hauptthatsache tritt mir nun klar entgegen: daß mit dem Schluß des letzten
Briefes, vielleicht höchstens noch mit dem Beginne dieses Briefes, mindestens von meiner /
[6R]
Seite zur reinsten Klärung innigster Einigung und wechselseitiger Durchdringung und hoher Be-
seelung unseres Lebens alles geschehen ist was Geist, Gemüth und Lebensausdruck nur ersehnen
kann. Offen und aufrichtig, liebend und achtend, pflegend und aufmerkend ohne Hehl und ohne Falsch
in Klarheit des Gedankens, in Lebendigkeit des Gefühl[s] und in bestimmter Gestaltung der That giebt
sich mein Leben der ganzen Gemeinsamheit wie jedem Einzelnen derselben hin und ich bin in mir fest
überzeugt, daß die ganze Gemeinsamheit als solche wie jeder Einzelne nach Maaßgabe seiner
Lebensäußerung mindestens ebenso denkt, empfindet, handelt, - lebt.
Einung in Allem macht Leben zum Leben – Einung im Leben kann Frieden nur geben.
Diese errungene LebensEinung der Gemeinsamheit nun durch und in der Lebens Einheit ist die erste der jetzigen Lebensthatsachen.
Die zweyte Lebensthatsache hat sich mir entwickelt und entwickelt sich mir nun
immer mehr aus dem erördernden Briefe Schn-s und an der Hand desselben; denn durch den-
selben tritt mir immer mehr und immer klarer der Charakter der Außenwelt entgegen
und immer geschiedener unser Verhältniß zu derselben, besonders das meine zu ihr.
Trennung, Vereinzelung und darum Selbstsucht mit allem was davon abhängt: Ehrgeiz u.s.w.
sind die Erscheinung[en] der Außenwelt also ihrem Wesen und Charakter nach rein entgegengesetzt
unserm Leben und seinen Verhältnissen. Dieß nun ebenfalls klar zu wissen ist zur Erreichung unse-
res Lebenszweckes auf das höchste, ja unerläßlich nothwendig; zumal da er von uns im voll-
sten Bewußtseyn errungen werden soll.
Laßt Euch das erstere durch die Lebenserscheinungen selbst recht anschaulich machen; Herzog wie
er nur Selbstsucht, Ehrgeiz, Eigennutz besonders aber die ersteren in sich trägt, sucht auch diese
nur einzig gegen mich zu erregen, sein Terrain und den Charakter der Zeit ihren Egoismus sehr
gut kennend; alles ist nur darauf berechnet, alles einen Fürsten, ein Land, Obere u.s.w. alles
hebt er recht in der Persönlichkeit hervor und stellt die meine als sie kränkend, die ihrige als durch mich ver-
letzt werdend ineinander gegen über. Es ist erstaunend welche Einheit von dieser
Seite der Betrachtung in dem Ganzen ist, man könnte es berechnet nennen, wenn nicht das
volle Leben in einer Sache eine solche Erscheinung hervorbringen müßte; deßhalb sagt Sch-
von H. – „er ist klug, er hat Verstand“. Darum möchte ich sagen fürchtet ihn Schn- der mit
ihm in gleicher Lebensansicht steht; mit ihm auf gleichem Grund und Boden ficht. Seht nur
wie eines das andere, Einer den Anderen hebt und klärt.
Hier habt ihr noch einige andere Lebenserscheinungen zur Prüfung und weiteren Aufklärung.
Wie ich Euch schon in meiner letzteren Mittheilung schrieb, so hat sich eine gewisse Fräulein Hart-
mann ersuchend an mich gewandt; ich wies sie, weil ich den letzten Punkt ahnete an
die Fräulein von Hartenstein; diese schreibt mir nun folgendes von ihr und über sie: „Als nun
diese Person erfuhr, daß jetzt nur noch Schule gehalten werde, und eigentlich noch keine Kinder der Anstalt
übergeben worden seyen erwiederte sie: “ “Sie (ich) würden doch noch etwas zu warten haben, nem-
lich bis der Erfolg dieses Unternehmens sich bestätigen würde.“ “ „ich sagte: aber der Eintritt der
Zöglinge in die Anstalt bestimmt deren Fortbestehen.“ - Ferner schreibt Fräulein Salesie: “Bevor sie
(die Hartmann) in dieser Angelegenheit zu mir gekommen ist (nemlich Haushälterin in Wartensee zu werden und
zum Anknüpfungspunkt zwey verwahrlosete Knaben von 16 und 12 Jahren der Anstalt zu Zöglingen vorzuschlagen ) – habe
sie sich zuerst an Jemanden anders gewendet, und dort hat sie zur Antwort bekommen: “ “Herr Frbl.
ist halt ein Deutscher!
“ “ Ich frug was man damit meinte, sie wollte sich jedoch nicht aussprechen.[“]
Warum führe ich nun dieses an? – Um zu zeigen wie der Mensch immer nur in der Einzelansicht lebt und wie das erste was er rügt - wenn er auch gar nichts anders hat mindestens das Nichtschmeicheln
und Nichtanerkennen der Selbstsucht und des Ehrgeizes ist. Denn was geht aus dem ganzen anders hervor
als der Tadel, daß ich mich nicht Einzelzwecken wie sie auch Namen haben mögen hingeben, sondern
den Einen einzigen Hauptzweck: „Darlegung der Einheit, Einigung im Leben“ fest im Auge behalte, in
dem jenes nur zu noch größerer Trennung und Vereinzelung führen würde. – Ihr habt in diesen
Äußerungen, verknüpft mit früher mitgetheilten so ziemlich das gesammte Stehen Luzerns gegen
Wartensee. Ihr seht, wie eine H-sche Unzufriedenheit sich durchzieht, die sich leicht in H-schen Äußerungen auflösen kann. /
[7]
[Bogen] D.
Nun sehet und prüfet selbst ob sich in den nachstehenden Äußerungen in Beziehung auf ihren
innersten Grund nicht etwas ähnliches durchzieht wie in denen des Herzogs. Ihr müßt sie frey-
lich der schönen gefälligeren Form entkleiden. Fräulein Salesie schreibt mir am 16en März: - „Ein
soeben vom HE. Schn- aus Frkf. erhaltener Brief schreibt uns: “ “wie sehr sich HE Schn- nach Nachrich-
ten aus Luzern sehne; selbst auf H. Fröbels Briefe müsse er verzichten; und nur durch eine dritte
Hand habe er erfahren, welche gut gelungenen Arbeiten von den Schülern aus Wartensee schon
nach Keilhau abgegangen seyen.“ “ Als ich hierauf der Fräulein [S. v. Hartenstein] antwortete so erwiederte sie
mir am 20en März darauf: „Übrigens hat HE Sch- nur ein Verlangen geäußert nach Ihren
Briefen, als er schrieb: “ “selbst auf H. Fröbels Briefe müsse er verzichten“ “ und dieser Bemerkung
fügte er scherzend bey, sich beziehend auf die gelungenen und verabfolgten Arbeiten der Schüler zu
Wartensee von welchen er von einer dritten Hand Kunde erhalten: “ “er als Mitstifter fühle
sich nun fähig im Glauben statt im Schauen.
“ “ Ich hoffe, verehrter HE Fröbel, diese Zeilen werden
Ihnen ein Lächeln abgewinnen indem Sie [sc.: sie] Ihnen Herrn Sch-s heitere Laune vergegenwärtigen werden.“
- - Haltet den Grund und die Absicht recht fest warum ich auch dieß mittheile und warum ich die
Folgen daraus ziehe welche ich daraus ziehe; diese Absicht ist: zweifellos klar und bestimmt das Verhält-
niß der Außenwelt, der Menschen mit welchen wir und ich in Verbindung stehen und der jetzt herrschen-
den Lebensansicht zu mir und uns einzusehen, festzuhalten und dem erkannten Stande der Dinge
nach unerschütterlich treu zu handeln. Haltet den Charakter, das Wesen der neu zu erringenden
Entwicklungsstufe der Menschheit fest; - was der Mensch, die Menschheit ihrem Wesen nach
werden und seyn kann, soll er mit klarem Bewußtseyn seiner selbst und mit Einsicht in
den Zusammenhang aller Dinge und mit Festhalten und in Einigung mit ihrer nothwendigen
Einheit werden
. Also, was eigentlich gar nicht ausgesprochen zu werden braucht, mit innerer Freyheit werden. Davon müßt Ihr immer ausgehen, darauf müßt Ihr alles zurück beziehen. Um dieses zu-
nächst Euch allen als ein Ganzes, als ein Ein dieses recht einsichtig und im Leben festhaltend zu machen
darauf beziehen sich alle meine Mittheilungen und jeder Einzelzweck ist nur hinzu kommend. – So
nun auch in dem vorliegenden Falle: Es ist der Kampf der Einheit gegen die Einzelheit, der Einigung gegen
die Trennung, des Strebens nach Allgemeinheit gegen die Selbstsucht wie sie in all ihren Abstufungen und
Erscheinungen heißen mag; es ist der Kampf der inneren Freyheit und Selbstbestimmung gegen die Äußere
Willkühr; es ist der Kampf des sich selbstthätig entwickelnden Werdenden gegen das eigenmächtig zu
bauende machende, gemachte Leben welchen wir kämpfen, und in diesem Kampfe sehe ich nun
auch Sch-er, in welchen gefälligen und launigen, humoristischen Formen es immer sey, auf der
andern Seite stehen. – Es mußte so kommen und mußte so werden. Ihr selbst habt es schon oft
bemerkt, der Kampf welcher erst in unserm engsten innigsten Leben statt fand um uns in der
ursprünglichen Einigung unseres Gesammtlebens zu finden zu erkennen und im Leben festzuhal-
ten als ein Gemeingut
, daß dieser Kampf in größeren Kreisen außer uns sich wiederhole, hier
aber von unserer Seite mit größter Ruhe, Besonnenheit und [um] mit der Prinzessin in Torquato [Tasso] zu reden
mit Grazie geführt werden müsse. Nun seht aber gleich die gereitzte Persönlichkeit, ich sage kurz
weg Selbstsucht in den Worten: er als Mitstifter.....statt im Schauen...... O meine Freunde
wie lange muß nur ein Stifter, der sich doch ein Mitstifter mit der Einheit, d.h. im großen
Entwicklungsgange des Ganzen zu seyn überzeugt fühlt – seelig im Glauben, statt im Schauen
seyn. Warum will es denn nun der äußerliche Mitstifter gleich besser haben? – ich kann
es doch nicht besser geben als ich es selbst bekomme? – sehet hier einen Grund der ewigen An-
feindung u Bekriegung meiner. Wer nun Gleiches mit mir sey und genießen will, muß doch wohl
auch Gleiches mit mir entbehren? – Ist diese Anforderung ungerecht? – ja kann ich selbst sie ändern?
Ich komme hier auf einen während unseres gemeinsamen Lebens oft erwähnten
Gegenstand zurück, er ist eigentlich, ich weiß es wohl, der Stein des Anstosses und des Ärger-
nisses an mir und meinem Leben. Mögte es endlich das letztemal seyn daß ich diesen
Gegenstand zu berühren genöthigt bin, denn ich bin müde ihn zu besprechen: - Ich war
von dem Zweck und Gegenstand meines Lebens und Strebens wie noch jetzt so immer ganz erfüllt, gieng /
[7R]
ganz darinn auf wie ich noch jetzt in meinem Innersten ganz darinn aufgehe. Ich hatte darum
durch mein ganzes Leben hindurch nur Ein Ziel, nur Einen Zweck, dieß dünkte nun mich und dünkt
mich noch jetzt dieß habe ich durch Wort und That, wie durch Ausdruck meiner innersten Gefüh-
le
und Empfindungen so klar außer mir ausgedrückt und ausgesprochen, daß darüber nie-
manden der leiseste Zweifel seyn konnte. Wenn ich andere Zwecke als diesen Einzig Einen
Entwicklung alles dessen was dem Menschen wichtig lieb und theuer ist aus seinem eigenen
Inneren in steter Einigung mit der Einheit und im Einklange mit der Allheit - wirklich beachtete
und pflegte, so betrachte ich diese nur als Strahlen aus dem Einzig einen hervorgehend, oder
als Speichen (Speichen) welche auf die Einheit zurückführten darinne ruheten. Ja, jeder Neben-
zweck hatte nur in so fern Werth und Bestehen für mich als er eine dieser Eigenschaften hatte,
als er sich entweder mit einem Strahl oder einer Speiche vergleichen ließ. Wenn ich nun aber
auch irgend einen Nebenzweck in diesen beyden Anschauungsformen sahe, und welchen wahren
ächtmenschlichen Zweck sollte man nicht so anschauen können, ja jeden menschlichen Zweck
eben als einen menschlichen Zweck muß man als einen Strahl aus der großen Eins des Men-
schenlebens nothwendig ansehen, dann, ja dann sprach ich freudig und zuversichtlich aus, was ich freu-
dig klar und unzweydeutig in der stetigen Lebenseinigung erkannte, daraus ablas: - auch
frisches gesundes Gedeihen des Nebenzweckes: wie ein gesunder Stamm zuversichtlich gesunde
Nebenzweige frisch u freudig jeder an seinem bestimmten Ort hervortreibt und so also auch mit
Zuversicht unter der erfüllten Bedingung: rastlos gesundes Streben versprechen kann.

So war mein Leben und ist es noch.
So nun auch nahm ich das Leben eines Jeden welcher sagte: Er eine sein Leben mit dem meinen
zu und für gleichen Zweck. So nahm und stellte ich auch nun in dem jüngsten und letzten Fall
wieder den Schn.[yder]; ich würde ihm und mir wehe zu thun geglaubt haben wenn ich ihn anders gestellt hätte, nur
mit dem Unterschied in Beziehung auf frühere Verhältnisse daß ich jetzt ruhig prüfend
den äußeren Lebenserscheinungen nachging ob sie denn auch wirklich den nothwendig innern Vor-
aussetzungen entsprachen und auf den Fall daß dieß wieder nicht Statt finde – ich die größte Sorg-
falt darauf wandte mich dann wenigstens mir selbst in reiner Treue zu bewahren. -
Ihr seht nun hoffentlich wohl leicht ein wie natürlich und nothwendig von mir die Forderung und die Er-
wartung war: wer den Zweck will muß auch die Mittel wollen und daß ich die Anderen nicht mehr
ehren konnte als mindesten[s] für den Zweck von Ihnen zu erwarten was ich leistete, daß ich aber
auch in mir keine höhere Achtung keinen Beweis höherer Achtung ihrer kannte als daß ich sie, in Bezieh-
ung auf die ganze Lebensansicht und die darauf bezug habende Handlungsweise – mir ganz
ebenbürtig stellte
. Dieß ist ein Beweis von Achtung und Vertrauen welcher die Zukunft erst noch
in seiner Größe, Hohheit und Würde entwickeln wird, daß ich die, die sich zu mir neigten, die sich mir zu-
neigten mir ganz ebenbürtig hielt; doch was bedarf es der Zukunft ein Kind sieht es ein, und 8 jährige Knaben haben es von mir schon verstanden daß man den Menschen nicht höher achten ehren kann als ihn
als Mensch zu achten. Was thut man mir nun dafür? – man schlägt mich ins Gesicht und wirft mich mit Kot.
Ich hätte freylich bei jeder ZuNeigung immer fragen sollen: - hast du Ausdauer – Muth – Selbstverleugnung
u.s.f. u.s.f. doch ich legte nie auf alles dieß was ich meinem Zweck zum Opfer brachte einen Werth
fand dieses Opfer so natürlich daß ich es nie zur Bedingung machte. Mein Gott! – wenn ich dieses
Opfer als Bedingung der Einigung hätte voraussetzen [wollen], so hätte ich ja Trennung voraus gesetzt und so
eine Ver-einigung bezweckt, da ich immer Einigung voraussetzte – um all das hohe
selige Leben der Einigung daraus zu entwickeln, daraus hervor{keimen wachsen, blühen und fruchten
ja endlich reifen zu machen. Ihr einigen Freunde, Geliebte und Brüder dankt Gott daß ich jene
Einigung als sich menschlich nothwendig von sich selbst verstehend voraus setzte, sonst
hätten wir des Lebens Einigung nie gefunden, nie erkannt, nie wäre sie unser Lebenseigen-
thum geworden; prüft was ich sage! prüft es streng!
„Nur der, der sich selbst vergessen kann um der Menschheit zu leben, ist derselben würdig“ schrieb man mir
schon 1805 in Iferten ins Stammbuch; aber diese Menschen haben alles auf dem Papier aber nicht – im Leben. /
[8]
Wenn ich nun einen Menschen darum und dadurch der Menschheit würdig achte, daß er sich selbst vergessen
kann um der Menschheit zu leben kann ich ihn höher achten, höher ehren, höher würdigen. Diese Forderung
des Sich-selbst-vergessens machte ich darum immer, muthete es jedem zu welcher sich zu mir neigte,
mir zu neigte, fest in mir überzeugt daß der der mit mir in dem Zwecke des Ganzen lebe sich
selbst wiederfinden und so auch mich in der Nothwendigkeit dieser Forderung verstehen würde –
nun aber das Wichtigste: - wer vorgab mit mir den Zweck des Ganzen erfaßt zu haben, und so also
meinen Lebenszweck zu den seinigen gemacht zu haben, von dem erwartete und forderte ich auch
weil er als Mensch den Zweck der Menschheit in sich gefunden hatte, daß in ihn als Mensch
kein Zweifel wider und gegen die Erreichung dieses absoluten, dieses nothwendigen Menschheits-
zweckes seine Seele in sein Gemüth komme. Nochmals: - denn es ist der wichtigste Lebenspunkt
der Stein des Anstoßes in meinem Leben mit andern Worten ausgesprochen, fällt aber mit dem
Anfang dieses Briefes zu dessen Abrundung völlig in Eines zusammen: - Wer sich meinem Lebens-
zweck als dem nothwendig allgemein menschlichen zu neigte von dem forderte und erwartete
ich stillschweigend ganz als sich wie Nichts von sich selbst verstehend - daß er die sichere
Erreichung meines menschheitlichen Lebenszweckes -, eben weil er ein in seiner Nothwendigkeit
erkannter allgemein Menschheitlicher sey – ganz und gar und wenn die äußeren Verhält-
nisse auf das schreiendste dagegen wären nicht an dessen Erreichung zweifle. Also noch-
mal, wer sich zu mir neigte um des allgemeinen nothwendigen menschheitlichen Zweckes willen
von dem forderte ich daß in dessen Seele und Gemüth kein Zweifel gegen die Erreichung des nun ge-
meinschaftlichen Lebenszweckes und kein Zweifel kein Wanken in meinem Lebenskern
als diesen Lebenszweck in sich gefunden und bisher entwickelt und gepflegt habend – in dessen Herz
und Gemüth kommen dürfe – nicht kommen könne. Genug, ich forderte unbewußt, mit einfachem
Worte, wenn selbst die Welt mich als Teufel malte, wenn sogar ein Schauder dafür die eigene Brust
ergreifen wollte, daß man dennoch um der Wahrheit des Zweckes willen u.s.w. nicht an
meiner Person, meinem Wollen, meinem Leben der sicheren Zielerreichung irre werden und
zweifeln sollte. Ja vor jedem der mit mir den neuen Argonauten Zug nach des Lebens goldenem
Schatz und Schirm begann, von jedem der mit mir das Schiff zur Entdeckung des Landes wahrer
Freyheit betrat von dem erwartete forderte ich daß er die Gesinnung des Columbus
von Schiller in sich trage: „Steure muthger Segler immer nach Westen, dort liegt die
Küste und läg sie nicht dort so trät’ sie aus dem Meere hervor, denn mit des Genius
Kraft ist die Natur im ewigen Bunde was dir [der] eine verspricht hält auch die andre gewiß.“
- - - Eine große, scheinbar harte Forderung von einem Menschen gleich und weniger als die anderen
aber, Freunde, Brüder, Geliebte, innig Geliebte! Nichts konnte uns von der Erfüllung dieser For-
derung erlösen wenn uns, wenn unsere Nachkommen, wenn der Menschheit endlich geholfen
werden sollte. Keilhau hat wie ich glaube diese Forderung erfüllt, freuet Euch wenn es
so ist ich will Euch nun auch das scheinbar harte, abstoßende der Forderung lösen. Ihr
werdet nun finden wie sanft wie anziehend sie ist: - es ist dieß nemlich die Forderung des
Glaubens an die Menschheit in persönlicher individueller Erscheinung; Ihr müßtet den
Glauben an die (individualisirte) Menschheit in Euch selbst aufgeben, wenn Ihr jenen
so hart u abstoßenden Glauben erscheinenden Glauben in Eurem Eigenen Gemüthe nicht pflegen
sollt Also hört: - Die Erfüllung der so hart so abstoßenden Forderung giebt Euch, Euch
selbst den Glauben an Euch selbst, das höchste was der Mensch erlangen kann, geprüf-
tes
bewährtes Zutrauen zu sich selbst. Ist es hier nicht sanft, nicht anziehend? -
Nun zum vorliegenden Fall. – Selbst auf den Fall hin, daß alle Beschuldigungen der Appenzeller
Zeitung die er nicht durch sich selbst negiren, vernichten, nicht durch sich selbst erkennen konnte, also nur äußere Beschuldigungen
waren, wahr gewesen wären, selbst auf den schlimmsten aller
Fälle hin erwartete ich, daß diese Beschuldigung[en], die noch dazu sich in der Form ihrer Erscheinung so ganz
in ihrem innersten Grunde und Wesen charakterisirten, daß diese Beschuldigungen einen Schnyder
weder für sich, noch für mich, noch für andere erregen sollten, wenigstens nicht in dieser Form, denn /
[8R]
was auch der Appenzeller gesagt hatte: das Ziel mußte klar, der Zweck rein, der Weg
gewiß, die Mittel sicher seyn. Nun war er [sc.: es] nur darum zu thun dieß im neu begonnenen
Leben zu zeigen. Ich meine z.B. so. In den Bergwerken des Harzes wird Silber gefunden;
Silber ist es, das ist gewiß aber es ist mit Schwefel, Bley u.s.w. vererzt ja dieser Bleyglanz
mit todtem Gestein Quarziger und Thoniger Art vermengt; im Zentner reinen Bleyglanz selber
finden sich nur 8 Loth Silber höchstens; aber es ist nun einmal doch Silber darum giebt man
sich Mühe ob es gleich nur den 400sten Theil des Ganzen ausmacht, dieß ab- und auszuscheiden.
So meine ich nun in Beziehung auf mich und mein Leben wie es die Appenz. Ztg. hinstellt: -
Silber ist darinn das empfand das Herz, das erkannte der Geist, das zeigt das Leben, aber die App.
Ztg. stellt es als stark vererzt hin mit Schwefel u Bley; also auf! – laßt das Silber aus-
scheiden
; was hilft das Abwaschen von Außen, auf gebt ihm Verhältnisse Gelegenheit, daß es im
Kessel des Lebens durch einen Silberblick (: der Bruder als Harzer kann dieß erklären :) sein
Wesen kund thue. Was das Abwaschen betrifft so schlagt in (meinen) Aussprüchen des rei-
nen Herzens und der philosophirenden Vernunft den Titel „Wahrheit“ auf dort steht: Ein-
mal wurde die „Wahrheit“ besudelt und so getötet vergraben, nach 100 Jahren fand man sie wieder;
da wusch man sie ab, begrub sie feyerlich wieder und setzte ihr den Leichenstein: hätten wir zur
Zeit unserer Väter gelebt, wir wären nicht wie sie schuld am Tode dieser Gerechten.
Also nicht um Reinigung der Wahrheit handelt es sich sondern es handelt sich um Wieder-
belebung der Wahrheit um Einführung ins Leben: Belebt nur die Wahrheit, führt sie
nur ins Leben ein, sie wird sich schon in ihrer Klarheit Sonnen (Silber) blick zeigen.
– Man ruft mir zu auf! hilf dir! rette dich! wehre dich! – Gut, ich habe mir geholfen, ich habe
mich gerettet ich habe mich gewehrt wie ich mich ununterbrochen dessen zu erwehren suche wer
und was mich hernieder ziehen will: ich lebe, lebe in mir! – Aber ist dadurch den andern
geholfen? – nein! Drey große Dinge sind der Preis des Lebenskampfes, des LebensSieges, sie stehen
äußerlich angeschaut schroff und getrennt einander gegenüber einander gegenseitig aufzu-
heben, zu vernichten möchte ich sagen, und doch kann der Mensch von keinem einzigen dieser
Dreye sich lösen wenn er auch meint sich los zu reißen, so scheint sein Loos zu seyn: ewige
Qual oder ewige Vernichtung diese geschiedenen Drey sind: einzelne persönliche} innere Freyheit –
Einklang, Übereinstimmung mit der Allheit – stete Einigung mit der Einheit;
Wer löset hier den Streit? - - Die (innere) Wahrheit also nicht eine Person, nicht einem
Persönlichen Zweck gilt der Kampf: - denn der hat keinen Theil an des Kampfes Preis des
Sieges Lohn welcher den Kampf nicht theilt!
Aber mein Gemüthe, mein Herz hat die Einigkeit jener großen Drey jene ewige Dreyeinigkeit in
sich gefunden, der Geist sie festgehalten erkannt, dieß Eigenthum kann ich meinem Herzen nicht nehmen, es gebührt ihm darum auch sein Lohn, - wer will ihn theilen, wer beneidet das Herz darum? -
Es ist der Lohn des Arnold von Winkelried: alle Speere der Ritter der Selbst- und Eigensucht
alle ihre Pfeile sind gegen dasselbe gerichtet, treffen es, zerbohren es und so drückt es die
Speere zu Boden, wie es die Pfeile in sich sammelt die nun andern nicht schadeten; aber auf! –
Benutzt diesen Umstand, erkämpft die innere Wahrheit, den innern Frieden, die innere Freyheit
die Wahrheit, den Frieden, die Freyheit an sich, erringt sie über mich hinweg, sobald wird Euch dazu nicht
wieder eine solche Gasse gemacht, auf! Erringt der Menschheit ihr Eigenthum wieder, daß Ihr
würdige Kinder, Söhne und Töchter der Menschheit werdet und in diesem Gedanken seelig seyd,
lasset die Speere, die Pfeile gegen mich gerichtet seyn, aber schlagt die Selbstsucht für immer in die Flucht aufs Haupt.
Ihr sehet auch das Sinnbild hat tief ergreifende Lebenswahrheit, denn im Leben ist nur Wahrheit.
Ich wollte Euch viele Andeutungen für die Nichtigkeit der Schn-schen Erwiederung geben doch ich kam vor
aller Einleitung nicht zum Buche. Ihr schriebt auch wohl das Buch am liebsten Euch selbst. Eines kann ich doch
nicht übergehen: der Knabe der in der W-schen Anstalt ein Menschenbeglücker hätte werden können u.s.w.
Sollte er es werden, müßte er es jetzt, mit Bewußtseyn werden; da er u die Eltern nun die App.Ztg. nicht
durchschaueten, war es gut, daß er nicht nach W. kam, denn hier in diesen Eltern und Kindern war kein Streben im Geiste der hiesigen Anstalt pp.
Noch muß ich doch erwähnen, daß HE Schn- seyn sollender Scherz über den Glauben
des Mitstifters, mich auch über manches alte Verhältniß aufklärt: hätte ich z.B. Herzog und pp. 1) /
[8R]
[Rand] 1) Schönbein und Wesselhöft pp. die Mitsäulen, die Mitpfeiler, oder auch nur titulär, es war doch immer ein Titel, die Mit Arbeiter an der
Keilhauer Erziehungsanstalt, an meiner Erziehungsanstalt, oder gar an der allgemein deutschen genannt; potztausend wer weiß, was geschehen wäre! 2)
[8V]
[Rand] 2) Nun will aber das Werk nicht Säulen und nicht Pfeiler, denn ich selbst liege ja wie wir eben sahen am Boden gestreckt, sondern das Werk will wie der Weltenbau, dessen Gesetz sein Grundgesetz ist, in sich selbst ruhen. Arbeiter braucht es wohl, aber keine titulären. Ich 3)
[7R]
[Rand] 3) will das Wortspiel oder wie ich es nennen soll nicht weiter fortführen, man könnte meinen
ich wollte häkeln; kommt mir aber nicht in den Sinn. Am 17en oder 18en dieses Monats ist HErr Schnyder, nach einem Briefe vom 10en von Frankfurt in Angelegenheit eines Fr[an]kfurter Hauses, ich glaube, des Speierschen 4)
[7V]
[Rand] 4) nach Prag abgereiset; da wie Ferdinand meint der Weg über Erfurt und Waimar, Gera geht, so ist entweder Herr Schnyder schon bey Euch gewesen oder geht auf seinem Rückweg über Keilhau. Ich habe ihm gestern geschrieben und dazu – weil er längst schon Keilh zu sehen wünschte – aufgefordert 5)
[6R]
[Rand] 5. Ihr werdet wohl diesem Briefe anfühlen und durchfühlen, daß er in keiner so innerlich gesammelten Stimmung geschrieben ist wie die früheren. Ich selbst fühle mich aber auch ganz anders. Ich fühle mich wieder herausgetrieben ins Leben, gleichsam um alles Erkannte nun auszuüben, darzustellen. 6.

[6V]
[Rand] 6. Ob es gleich kaum 14 Tage ist daß ich Briefe von Euch erhalten habe - (: heute ist Freytag der 23e, Sonntag, den 25en soll dieser Brief von Luzern an Euch abgehen :) – so sehne ich mich doch gar sehr nach Briefen von Euch; besonders auch, um zu hören: ob und wer von Keilhau nach Ostern hieher kommen kann. 7.)
[5R]
[Rand] 7) Und wie Ihr meinen jüngsten Vorschlag wegen Barop aufgenommen habt; ich muß noch immer in mir dafür stimmen, so wie daß es gut wäre wenn ihn wenigstens Einer z.B. Felix begleiten könnte. 8.
[5V ]
[Rand] 8. Die Festhaltung und Ausbildung von Wartensee – ob ich gleich Barops Gedanken kein äußeres Ziel und Zweck zu suchen in seiner tiefen Wahrheit fühle – dünkt mich aber doch zur inneren Ausbildung von Keilhau sehr wichtig. Wartensee ist gleichsam die hohe, die {Welt Lebensschule für Keilhau. 9.
[4R]
[Rand] 9. Ich kann nicht finden daß ich es schon geschrieben habe, will es daher lieber zweymal als gar nicht schreiben: - auf Veranlassung des Staats R. Schwytzer habe ich 12 Ex. des Aarauer Abdruckes an das Sekretariat des h. Erziehungsrathes zur Vertheilung an die sämtlichen Mitglieder, gesandt. 10.
[4V]
[Rand] 10. Im Ganzen habe ich jetzt 31 Ex: davon ausgegeben. - Mit unserm Leben geht es ruhig fort wie es Euch bekannt ist. Dieß wird wohl für Darlegung meiner Lebensansichten – wie ich fühle für lange mein letzter Brief sein. – So bald ich kann schreibe ich den Kindern. 11)
[3R]
[Rand] 11. Jetzt grüße ich die Kinder, Söhne und Töchter, so wie Groß und Klein auf das herzlichste. Am Palmsonntage werde ich nur mit den Confirmanten und Euch leben; könnten letztere an diesem Tage einen Brief von mir haben, so würde es mich sehr freuen; wenn möglich, schreibe ich ihnen an diesem Tage. 12.
[3V]
[Rand] 12. Barop hat doch meine letzte Sendung erhalten? – Wie ich dazu komme diesen Brief an Dich Middendorff, abzuschicken, weiß ich selbst nicht recht; vielleicht weißt Du es besser. Grüße Deine Frau, Deine Kinder, gib ihnen einen Lebenskuß. Grüße Bruder und Schwester und all die übrigen. 13.
[2V]
[Rand] 13. Besonders grüße meine liebe theure Frau, Eure treue Hausmutter; sage ihr heute habe ich hier aus dem Garten rothe gefüllte Märzblümchen, dieß habe mich innig gerührt und mein ganzes Leben nach Keilhau geführt, wo ich immer mit so voller Seele die ersten Knöspchen dieses Blümchen[s] gepflückt 14.
[2V]
[Rand] 14. Wegen der, wie mich dünkt sehr großen Wichtigkeit für unser ganzes Leben und unsern ganzen Zweck hebe ich es nochmals hervor: Herzog spricht es in seinen Briefen an Euch bestimmt aus, daß er nur von der Persönlichkeit ausgeht – nur die Person, Persönlichkeit zum Ziel hat; - er sucht nur persönlich 15.)
[1R]
[Rand] 15.) zu erregen; seine ganze Kunst sein ganzer Zweck geht dahin überall die Selbstsucht gegen mich aufzuwiegeln, aufzubringen; und zwar dieß vom ersten Anfang an bis jetzt in allen Verhältnissen. Selbst Schnyder faßt die Sache nur rein persönlich; darum seine Wichtigkeit, die er auf Herzogs Opposition legt. – Dieß zeigt uns des Feindes Schwäche. 16
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[Rand] 16 Nun lebet wohl; es grüßet Euch alle Ferdinand; es grüßet Euch in Liebe, Treue, Einigkeit und Innigkeit Euer FriedrichFröbel. Schreibet bald. -