Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Felix Minerow, Karl Clemens, Adolph Schepß, August Busse in Keilhau v. 6.4.1832 (Wartensee)


F. an Felix Minerow, Karl Clemens, Adolph Schepß, August Busse in Keilhau v. 6.4.1832 (Wartensee)
(KN 37,2 Brieforiginal 5 B 4° 20 S.,ed. Halfter 1926, 37-85 mit willkürlichen Kursiven und Majuskel-Hervorhebungen; Abweichungen Halfters in eckiger Klammer. Die Reinschrift vermerkt jeweils auf der ersten Bogenseite unten den Bogen A-E)

[Bogen A] Geschrieben Wartensee in der Schweiz im Monat des treibenden und keimenden Lebens 1832.


An
Felix Minerow, Karl Clemens, Adolph Schepß und August Busse. Zöglinge, und am Palmensonntage dieses Jahres Confirmanden
in
der allgemeinen deutschen Erziehungsanstalt in Keilhau.



Meine lieben, theuren Pflegesöhne.

In den Tagen wo Ihr diesen Brief von mir empfangt, habt Ihr, Geliebte! das
schönste und höchste Eurer Lebensfeste gefeyert, habt Ihr, mir meinen Freunden und
Mitarbeitern und meinem gesammten Hause nun schon seit mehreren Jahren zur
Erziehung - d.h. zur möglichst vollkommenen Entwicklung und Ausbildung Eures Gesammt-
wesens zu und für ein demselben würdiges, allseitiges Leben in Einheit des Fühlens
Denken und Thuns, in Einigkeit des Empfindens, Erkennens und Handelns, in Einigung
mit Gott, Natur und Menschheit - anvertrauten Söhne nun als heranreifende, ur-
theilfähige Jünglinge das Fest der Bestätigung Eures innersten und heiligsten Glaubens,
gefeyert: das Fest der öffentlichen Darlegung, des öffentlichen Bekenntnisses Eurer inner-
sten und lebendigen, so klaren als festen Überzeugung von dem dem Menschen Höchsten
und Heiligsten - von Gott und dem Göttlichen und dessen Erscheinung und Kundmachung im
Einzelnen und im Ganzen der Menschheit; wenn Ihr diesen Brief empfanget habt Ihr das
über allen Vergleich hochwichtige Fest Eurer feyerlichen Aufnahme in den Geistesbund
der Menschheit, in den Bund der sich bewußten Geisteswesen gefeyert; durch welche Auf-
nahme und welchen Bund das Leben des Menschen überhaupt und so auch das Eure insbe-
sondere erst zum Leben wird, in dem Maaße als Ihr diesem großen Bunde wandellos
treu bleibt zum wahren, zum seeligen Leben werden wird. ---
Ihr wißt, meine Söhne! wie darum dieses Fest und dieser Tag für uns alle immer zu den
schönsten, heitersten und seelenvollsten unseres gemeinsamen Lebens gehörte, und so war
es besonders auch immer für mich ein Fest hoher Freude, innigen Friedens und wahren Seelen-
lebens. Seit den mehr als 15 Jahren seit welchen nun unser erziehender Kreis als eine
große innig einige, erziehende Familie besteht, ist es in diesem Jahre das ersteremal
daß mein Haus und Ihr in demselben dieses Fest feyert ohne daß Ihr sehet und in mir
wahrnehmet wie Euer aller Fest auch das meine ist, ist es das erstemal, daß ich dieses Fest
ohne umgeben von der ganzen Familie zu seyn, feyere.
Wie ich nun also noch nie dieses Fest seit dem Bestehen unseres der Darlebung reinem Men-
schen- und Menschheitsleben gewidmeten Kreises ohne die Glieder desselben und seit den
langen Jahren die einige von Euch schon bey mir leben, ohne Euch feyerte, so kann ich es
auch in diesem Jahre nicht; sondern ich komme hiermit zu Euch um es mit Euch und unter
Euch mit ganzer Seele, vollem Geiste und innigem Leben zu feyern.
Zwar zweifle ich keinesweges daß Ihr in diesen Tagen meiner und meines Lebens
mit Euch meiner Liebe zu Euch und meiner Sorgfalt für Euch gedenket; eben so wenig zwei-
fele ich auch daß es Euch noch lebendig im Gemüthe leben wird wie dieses Fest des ganzen
Familienkreises und jedes Einzelnen von Euch, besonders auch immer wiederkehrend ein
Lebensfest für mich war. Es ist dieß zwar wegen der hohen Wichtigkeit dieses Festes für jeden Christenmenschen natürlich, ja nothwendig, doch hat diese persönliche Wichtigkeit für mich, auch
für mich, so wie überhaupt immer für jeden einzelnen Menschen seine persönlichen Gründe[.] /
[1R]
Ich erinnere mich nun aus meiner Jugend, daß ich immer Ggern die innersten, letzten
Gründe der höheren Lebenserregungen und Lebenserscheinungen Älterer, Erfahrener
und Einsichtiger, und besonders derer gewußt hätte, welche lehrend und erziehend durch
Wort, That und Beyspiel auf mich einwirkten; und so sagt mir nun mein Gemüthe, daß
es auch Euch wohl lieb sein würde zu wissen worinn es für mich Euern mehr- und viel-
jährigen Pflegevater seine besonderen persönlichen Gründe habe, daß er noch nach drey-
ßig und mehreren Jahren mit den immer von neuen heraufwachsenden Jünglingen sei-
nes Kreises immer mit gleich frohem Jugendsinn und mit gleich glücklichem Jünglingsherzen
das Fest der Glaubensbestätigung feyere. So laßt mich denn wenn auch räumlich und körper-
lich von Euch entfernt doch im lebendigen Geiste zu Euch kommen um auch das dießjährige und
dießmal besonders Euer Fest, das Fest Eurer Glaubensbestätigung nicht nur mit Euch zu feyern
sondern mit Euch gemeinsam zu leben, indem ich Euch von den Gesinnungen Kunde gebe
welche in dieser Zeit und an diesem Tage von meiner frühesten Jugend an mein Gemüthe
und meinen Geist bewegen; denn gemeinsam, innig gemeinsam lebt man doch nur ein und
sein Leben wo uns im traulich geschlossenen Kreise ein Leben klar mitgetheilt und ruhig aufgeschlossen wird, in welchem wir ruhig und klar und somit lebenvoll unser selbst eigenes
Leben wieder finden.
Nun so setzet Euch denn um mich Ihr geliebten Pflegesöhne! die Ihr in diesen Tagen das
vielstrahlige und vielempfangende, viellebige und vielsinnige Fest Eurer Glaubensbestätig-
ung feyert, und auch - wenn es Euch lieb ist - Ihr andern die wie [Halfter: wir] früher wiederkehrend
in persönlicher Gemeinsamkeit dieses Festes feyerten, setzet Euch um Euern wenn auch
persönlich von Euch entfernten doch im Geiste Euch nahen Pflegevater, Freund und Bruder -
damit er Euch erzähle warum dieß Euer erstes Glaubensfest ihm stets durch ein fast ein
Halbesjahrhundert das höchste Lebensfest war und ihm auch sein letztes höchstes Lebensfest
bleiben wird.-
Wie Ihr wohl schon wißt bin ich in einem Bergdorfe eines der höchsten Bergthäler des
Thüringer Waldes geboren. Es vergleichet irgendein Deutscher die hohen Thürme unserer
Kirchen mit Zeigefingern der Erde, der Mutter Erde die ihren Bewohnern, ihren Kindern
die Richtung ihres Lebensweges nach dem Himmel nach dem Unsichtbaren und uns doch
überall umgebenden Höheren deute. Besucht Ihr nun vielleicht in diesen Tagen den runden
Familiensitz welchen Eure Liebe und Treue zum sinnbildlichen Zeichen der steten innigen
Einigung Eures und meines jetzigen Wohn- und Lebeortes errichtet habt, so sehet Ihr in der
Mittagsgegend des Gesichtskreises gegen Abend zu den hohen Thurm der Kirche meines Geburts-
ortes aus seinem Dorfe im hohen Bergthale im gleichen Sinn zum Himmel deuten.
Ich habe einmal ein schönes Gemälde gesehen wo eine sitzende Mutter die kleine Schaar
ihrer lieben Kinder um ihren Schoos versammelt hat, die Mutter redet zu ihnen und die
Kinder nehmen achtsam jedes Wort ihr von den Lippen um es in ihrem Gemüthe zu bewah-
ren und zu bewegen. Der Künstler läßt die rechte Hand der Mutter um den Sinn und
Inhalt ihrer Rede anzudeuten, zum Himmel zeigen, wohin auch der Blick der Kinder
folgt; mit diesem lieblichen Bilde und dessen Sinn nun möchte ich den Punkt der Gebirgs-
gegend vergleichen nach welcher ich eben Euern Blick leitete. -
Doch meine Mutter konnte nie so zu mir reden, mir also auch nie so den Sinn ihrer Rede deuten, denn sie starb, sie sank eingeschlafen selbst in den Schoos ihrer, unser aller Mutter
noch ehe ich mein erstes Lebensjahr durchlebt hatte; allein der mit jedem wiederkehrenden
Frühling sich von neuem in hoffnungsvolles Grün kleidende Hügel ihrer Ruhestatt mit
seinen heiter strahlenden Blumen war mir nun noch mehr als der zum Himmel zeigende Arm
es war mir der seelenvolle vertrauende Blick nach oben mit welchem mich hoffnungs-
voll die einschlafende [Halfter: eingeschlafene] Mutter höherer Leitung, höherem Schutz übergeben hatte.
In diesem frühen Tod meiner Mutter verbunden besonders auch mit dem von ihr empfangenen /
[2]
Gemüthe fand ich frühe und finde ich noch bis jetzt den Mittelpunkt meiner Lebensschicksale;
denn meinem Gemüthe wurde so frühe die größte Aufgabe gegeben Leben und Tod, Einig-
ung und Trennung, Unsichtbares und Sichtbares zu einen; mein besonderer Beruf wurde al-
so dadurch die größten der Gegensätze, der Entgegensetzungen im eigenen Leben und durch das
eigene Leben in seine Widerspruchslosigkeit aufzulösen. Um diesen hohen Beruf nun
zu erfüllen um diese große Aufgabe, die Aufgabe für ein ganzes langes Menschenleben
zu lösen so wurde ich durch den Tod der Mutter zugleich der Natur und der Menschheit
zurück gegeben welche beyde jene höchsten Entgegensetzungen und Widersprüche in sich einen
und lösen.
Sollte, geliebten Söhne! das, was ich hier sagte selbst für Euer Gemüthe noch jetzt zu schwer
verständlich seyn, so bittet Eure Erzieher, Eure Freunde, daß sie es Euch in Euch selbst wahr-
nehmen machen, sie werden es gewiß auf verschiedene Weise und für einen jeden von
Euch eigenthümliche Weise zu thun im Stande seyn; ich konnte es hier, so wie auch das
noch folgende nicht übergehen um Euch das Menschenleben als ein Ganzleben um Euch
mein Leben, mein ganzes Leben als das zu zeigen was es nun einmal ist.
Mein Vater war in dem bestimmten Bergdorfe schon lange vor meiner Geburt und dann
noch bis auch zu seinem Tode erster Geistlicher oder Pfarrer. Mein Vater war aber
nicht nur Pfarrer eines einzigen Dorfes, sondern wie unser Herr Pfarrer in Eichfeld von
mehreren, und zwar von fünf geschlossenen Dörfern. Stieg man auf die Anhöhe hinter unser
Wohnhaus so lag das Hauptdorf in der Mitte der übrigen Dörfer. Dieß Hauptdorf war noch
überdieß das Kirchdorf, indem die vier andern Dörfer keine Kirchen hatten, sondern alle in
das Hauptdorf in die Kirche gehen mußten und noch müssen. Diese eingepfarrten Dörfer
nun liegen wie die 4 Ecken eines Gegengeviertes, wie 4 gleich entfernte Punkte in einem
Umkreise um das Pfarrdorf gleichsam im Mittelpunkte des Umkreises liegend - herum.
Kirche und Pfarrwohnung stehen wieder gerad in der Mitte des Hauptdorfes.
Die Pfarrwohnung lag der, auf einer kleinen Anhöhe gegenüber stehenden Kirche - zu
welcher ein breiter, klarer zu beyden Seiten mit unvergänglichem Grün begrenzter Weg
führte - gerad gegenüber, so daß der Blick aus unserm Wohnzimmer und von der gan-
zen vorderen Seite unseres Hauses immer Mitten und längs dieses schönen Weges hinauf
zur Kirche führte. Eines muß ich noch erwähnen weil ich den Eindruck davon noch jetzt
im Auge und Gemüthe empfinde: die Kirche, ein ansehnliches neues Gebäude lag mit sei-
ner Hauptseite gerad nach Mittag zu gekehrt, unsere Wohnung aber war seiner Lage
nach nach Mitternacht gekehrt, und hatte also den größten Theil des Jahres während des
ganzen Tages Schatten, während umgekehrt durch das ganze Jahr hindurch die Kirche im
reinen Sonnenlichte von ihrer Anhöhe die zu beyden Seiten des Weges grüne Gärten (Wiesen)
bedeckten, herableuchtete.
Wie der Berg hinter des Vaters Wohnung gleichsam in der Mitte einer großen
Umgegend, welche man von da aus übersahe - lag; wie Dorf so in der Mitte des Pfarr-
spieles; wie die Kirche und Pfarrwohnung so in der Mitte des Pfarrdorfes; so lag
unser Wohnhaus wieder in der Mitte seines dazu gehörigen Landes, besonders seines
eingegrenzten Gehöftes fast rund um umgeben von Gärten: Gras-, Gemüß-, Baum-
gärten.
Außerhalb der Begrenzung des Gehöftes war für mich gleichsam eine andere Welt in
welche, ohne die bestimmte Anforderung eines Geschäftes dazu, einzutreten durch des Vaters
Willen verpönt war und welche so durch einen fast unübersteiglichen Wall obgleich in
der Wirklichkeit nur durch einen niedrigen Zaun, Mauer und Hecke vom elterlichen Hofe
geschieden war.
Ich hebe Euch dieß meine Söhne! alles herauf und hervor, weil ich während der ganzen
Zeit meines beachtenden Lebens erkennen muß, wie gerad die unbeachtetsten, ich möchte /
[2R]
sagen todten, wenigstens ruhenden, aber den Menschen in seinen ersten Lebensjahren
viel umgebenden, durch ihr festes Verharren wirkenden Gegenstände einen tiefen bleibenden
Eindruck auf das junge Gemüthe des Menschen machen, welcher Eindruck je einfacher und in seinem
Wesen allgemeiner er ist - sich später immer mehr bey einem sich stetig entwickelnden Leben
in die verschiedenste und lebenvollste Mannichfaltigkeit entwickelt. Darum nun, meine Söhne!
laßt es Euch, da ich mir vorgesetzt und Euch dazu vorbereitet und eingeladen habe nur von dem
innersten und nothwendigen Leben eines Menschen zu hören, nicht sonderbar dünken, daß
ich von dem alleräußersten und scheinbar darum auch so genannten zufälligen des Lebens
zu Euch zu reden beginne. Denn obgleich das Ebengesagte scheinbar nur äußerlich ist, so
wird doch Euer innerer Sinn darinn schon einen innern Zusammenhang mit dem angedeuteten
und Euch mitzutheilen versprochenen höheren Leben finden. Ja, ein zwar einfacher aber allgemein
wichtiger geistiger Gedanke drückt sich in diesem Alleräußersten und scheinbar Zufälligen
aus, es ist der: mögliche Einigung des in sich höchst Ge- und Verschiedenen; Einheit in der Man-
nigfaltigkeit; die schaffende Wirksamkeit eines Lebganzen in der scheinbaren unthätigen Trägheit
zerstreuter Einzelnheiten. - Ihr könnt nun, Geliebte! leicht erkennen das hervorgehobene
Äußere und Äußerste ist gleichsam die bildliche Darstellung und bildliche, sinnbildliche Lösung der
- wie wir uns oben bestimmt aussprachen - dem Menschen beym Eintritt ins Leben und durch das
ganze Leben hindurch bis wieder zum Austritte aus demselben gegebenen wichtigsten, ja eigentlich
einzigen Lebensaufgabe; so daß Ihr also, was für das Leben des Menschen auf das höchste wich-
tig ist Aufgabe und Lösung der Aufgabe zugleich gegeben sehet, und ob es gleich hier die Aufgabe zugleich gegeben sehet; und ob es gleich hier die Aufgabe
für ein ganzes Menschenleben ist, so könnt Ihr daran doch ganz einfach dasselbe wahrnehmen
was euch in jeder Aufgabe Eurer Lehrer aus der Zahl Form und Größe entgegen treten kann
nemlich daß die innere Lösung der Euch gegebenen Aufgabe schon in dem Äußeren derselben ange-
deutet liegt, daß aber Euer Gemüth und Geist sie darinn ahnen, finden, erkennen, schauen
lesen muß. Ich bin in mir überzeugt Ihr könnet mich in dem was ich hier sagte verstehen be-
sonders wenn Eure Lehrer als in der Lehre die gleichen Erfahrungen mit Euch theilend, Eurer Er-
innerung und der Zusammenstellung Eurer Schulerfahrungen ein wenig zu Hülfe ist kommen.
Ihr könnt aber bey nur einigem Nachdenken ferner wahrnehmen und einsehen wie so höchst
wichtig ein guter Lebenvoller Unterricht zur Erkennung und guten Führung des Lebens ist;
wie so innig eine gute ächte Lehrweise und eine gute ächte Lebensweise zusammenhängen, daß bey-
de garnicht von einander zu trennen, ja sie am Ende selbst eins sind, so daß man eigentlich
in der Schule nur das Leben lernt und im Leben nur die Schule übt, lebt.
Durch vorstehendes nun aufmerksam gemacht, ja aufgefordert beachtet darum auch Ihr mei-
ne Söhne! solche entweder nur bestimmt wiederkehrenden oder Euch stets umgebenden Erschei-
nungen Eures Lebens, denn wie ich einst Euch in mehreren Morgenbetrachtungen lehrte und
zeigte: - daß das dem Mensche oft und wiederkehrend ja stetig Umgebende, das, für
den Menschen zu erkennen gewiß wichtigste und nothwendigste sey; so können auch solche
Beachtungen wie Ihr eben sahet der Schlüssel zu Euerm ganzen Leben werden, Euch den Mit-
telpunkt Eures ganzen Lebens zeigen.
Doch was Ihr so eben äußerlich sahet, sollt Ihr gleich noch mehr innerlich schauen. -
Ich sagte Euch oben, daß mein Geburtsdorf wie zugleich das Pfarrdorf, so auch das nur
einzige Kirchdorf des ganzen Pfarrspiels war; ich sagte Euch daß die eingepfarrten Dörfer
wie die 4 Punkte zweyer sich rechtwinklich durchschneidenden Durchmesser einer Kreislinie
um das Kirchdorf und ganz besonders um die Kirche lagen: Tönte also Sonn- und Festtags
zum drittenmale im großen DreyEinklange das schöne volle Geläute vom hohen Thurme
bis zu den 4 Dörfern des Umkreises so zogen feyerlich und langsam in langen Reihen und
festlichem Schmukke die Bewohner derselben auf den geraden Wegen wie auf den Radien
zu der und in die Mitte des Umkreises zur Kirche dieser in sich geschlossenen Gemeinsam-
heit von wohl 5000 Seelen. - Der Älteste, das Familienhaupt Eures Kreises, welcher /
[3]
[Bogen B] als Bruder das gleiche Leben mit mir theilte, kann Euch dieß auf dem Blatte zeigen, welches
ihm Achtung und Liebe an einem seiner Lebensfeste weyhete.
Mit dem letzten Verhallen des Dreyeinklangs des Glockengetön[s] riefen sanftere Töne
aus dem Innern der Kirche die Herbeygewallten ins Innere derselben und empfingen sie
mit vielfach verschlungenen Dreyklängen, welchen der sinnvolle, geistige Gesang bald die höhere
Weyhe und Bedeutung gab, und bereitete Gemüth und Geist vor dieß ahnende Höhere als dem
Menschen nahe liegend, ja als sein Eigenthum seyend, zu erkennen. Da nun trat der
Vater auf in seiner hohen Mannes-, Menschen- und Geisteswürde und predigte zu der
Menge vom hohen innern Einklange des Lebens bey allem äußeren Mißklange; von hoher
innerer Einheit bey aller äußeren Verschiedenheit; von hoher innerer Einigung bey aller äußerer
Trennung; vom hohen inneren Frieden bey allem äußeren Krieg; von hohem inneren unver-
gänglichen Leben bey aller äußerer Vergänglichkeit selbst dem Tod. Von dem letzten Grunde
alles diesen von Gott; von dem klarsten sichersten Wege der zu dieser Einsicht führe, weil
er alles dieß im eigenen Leben kund thue, von Jesu; von dem Lichte und von der Kraft,
welche, diesen Weg zu wandeln, erleuchte und stärke, von dem heiligen Gottesgeiste;
und die versammelte Menge saß in vielfach wiederholten Kreisen: lebenvolle Jungfrauen,
thatenvolle Jünglinge, sinnigvolle Mütter, erfahrene Männer, ehrwürdige Greise, nur in sich
in lebende Matronen, und diesen allen zuvor eine Schar in sich zufriedener Kinder - in der
gesammeltsten Ruhe und Achtsamkeit zu hören diese Worte der Einigung, des Einklangs, der
Einheit, des Friedens.
Dieß war mir die Erscheinung der Aus- und Eindruck jedes Sonn- und Festtages durch das ganze
Jahr. - Welche Nahrung nun aber nicht nur Jünglinge und Jungfrauen, Männer und Mütter,
Greise und Matronen sondern auch das jüngste Knabengemüthe darinn fand, wie gleichsam
in diesem Umkreis höheren geistigen Lebens selbst das früheste Kindes- und Knabengemüthe
wie in dem, sein eigenstes Leben entfaltenden Elemente lebte, dieß spricht sich darinn aus,
daß es für mich gar keines besonderen Antriebes bedurfte das geistige Leben dieser großen
Gemeinsamkeit zu theilen, sondern wie ich es, so lang als ich mich nur erinnern kann gern jeden
Sonntag zweymal theilte, und ohne je Langeweile zu fühlen den Vorträgen sogar immer gern
wörtlich vom Eingang bis zum Schluß in mir folgte obgleich die des Vater[s] immer eine Dauer
einer vollen Stunde hatten.
Dieser Doppelantheil an den Kirchenvorträgen machte mich aber auch bald auf ein für
mich sehr wichtiges aufmerksam: Auf die Verschiedenheit der Eindrücke der Vormittags- und
der Nachmittagsvorträge, überhaupt des Vormittags- und Nachmittagsgottesdienstes ich fand
nemlich bald daß jener in mir mehr das Gemüthe, das Gefühl, und dieser mehr den Verstand das
Denken in Anspruch nahm. So lernte ich dadurch bald eine wichtige Verschiedenheit meines
eigenen geistigen Lebens kennen.
Doch höher gesteigert noch war mir das geistige Leben in den Wochen des Jahres, welche eben
jetzt auch Ihr durchlebt habt; für mich höher und wichtig denn ich sahe und hörte hier in dieser Zeit
das geistige Leben worüber dort die Größten die Erwachsensten schon Erfahrenen von dem Vater
belehrt wurden, von dem Vater dem Kindesgemüthe und Kindesgeiste näher bringen, und
wiederkehrend theilte ich dieses Leben, diese Lehre; denn als Pfarrer der ganzen Gemeinde
hatte natürlich mein Vater auch die Verpflichtung, welche in diesen Tagen auch unser treuer
Herr Pfarrer in Eichfeld an Euch erfüllte: die an Alter dazu vorgerückten Kinder der Gemeinde
zur öffentlichen Bestätigung ihres Glaubensbekenntnisses und zur Aufnahme in die höhere
Gemeinsamheit der Christen vorzubereiten.
Aber nicht 10 bis 20 sondern 80 bis 100 und mehr waren derer, deren oft nur noch sehr dunk-
le Gefühle vom Wesen und dem Berufe des Menschen und dessen Verhältnisse zu Gott und
dem Göttlichen, der Vater zu sichern Wahrnehmungen zu erheben und zu klarer Überzeugung
zu bringen sich bemühete, und welche der Vater vorbereitete mit Überzeugung Rechenschaft /
[3R]
zu geben von ihrer Einsicht in die hohe Wichtigkeit des Lebens, von ihrer Erkenntniß und
ihrem Unterrichtetseyn von dem Wege welcher in dem Leben, durch das Leben zum Leben führt.
Diesen ganzen langen Weg nun innerhalb sechs Wochen zu durchwandeln, sich zu jedem
einzeln bey einer solchen Menge nur täglich einigemal persönlich lehrend zu wenden da mußten
die Stunden gedrängt seyn, da galt es ruhige Achtsamkeit und so sahe ich diese Kinder, sonst
wohl tobend und wild, hier gegen das Ende des Unterrichtes täglich wohl 3 Stunden theils Vor-
theils Nachmittags, still und achtsam dem Vater zuhören wie ihre Eltern ihm in der Kirche [zu]hörten.
Ohne gehalten zu seyn an diesem Unterrichte Antheil zu nehmen, teilte ich ihn doch gern und
oft. Was die Kirche mit ihrem Gesammteindrucke mich frühe ahnen gemacht, was die Schule
die Dorfschule, welche ich theilte, mich lehrte gleichsam durch die drey Grundsteine welche sie mei-
nem innern Leben, in den drey Grundwahrheiten - welche fast den ganzen Grundriß meines
Lebens enthalten -: "trachte am ersten nach Gottes Reich" - "Schwinge auf dein Herz und und Geist
Göttliches zu lieben" - und "Es kostet viel ein Christ zu sein" – (: Zwei Lieder im alten Rudolstädter
Gesangbuche welche Ihr in diesen Tagen zu fernern gemeinsamen Sammelpunkten nachlesen könnt :)
- legte, das wurde hier meinem Gemüthe immer lebendiger, meinem Geiste immer
einsichtiger, das erschien der Möglichkeit nach meinem Knaben Gemüthe immer mehr
der Ausführung und Darlebung im Leben näher zu rücken, wie ich das Leben selbst durch das mich so
umgebende Leben in seiner hohen Wichtigkeit fühlte und erkannte. Wenn nun am Ende eines so ernst
und sorglich ertheilten so acht- und sorgsam genossenen Unterrichtes der Vater in seinem feyerlichen
Ornate und würdevollem Ausdrucke diese ganze Schaar je zwey und zwey geordnet, ihr wie ein
Hirt ruhig vorangehend begleitet von ihren Eltern, Vormündern und Taufpathen gleichsam der
besonders auch an diesem Tage in ihrer ganzen Größe sich zeigenden Gemeinde, daß selbst die große
Kirche die Menge kaum fassen konnte, zuführte; wenn nun nach geleisteter Rechenschaft und
abgelegtem Zeugnisse, wozu alle die an dem Leben dieser Kinder einen besondern innigen Antheil
nahmen sich herzudrängten, daß ihnen keines der Worte ihrer Lieben entgehen mögte - der Vater sie alle
in diese sichtbare große Gemeinsamheit und in die noch größere unsichtbare geistige der
Glaubenseinigung aufnahm und jedem einzelnen dazu den höchsten Seegen ertheilte und gleichsam als
sichtbares Zeichen dabey einen Lebensspruch ertheilte und ich wahrnahm wie diese Handlung mit
tiefer Rührung die ganze große Versammlung ergriff; wenn ich sahe wie nun der Vater die
ganze Schaar der nun zum größeren und höheren Leben Geweyheten eben so feyerlich in das
Pfarrhaus zurückführte und sie hier den Eltern oder deren Stellvertretern gleichsam den fer-
neren Vermittlern dazu übergab; wenn ich dann sahe wie dann alle die Kinder und jedes
derselben einzeln meinem Vater für ihren letzten Unterricht dankten; welchen Dank oft die Eltern
der Kinder oft mit Thränen in den Augen immer aber mit sichtbarer Rührung wiederholten; da
lernte ich das Leben nun noch mehr wie früher in seinem hohen Ernste kennen.
Wie man das Leben so in seiner ganzen Wichtigkeit zu erfassen und dem jungen
Gemüthe vorzuführen sich bemühete so gab man demselben auch Zeit es in seinem hohen
Ernste festzuhalten; darum war dortmals noch die Zeit der Confirmation und die des Antheils
an der heiligen Communion getrennt; ja diese letztere Zeit wurde wieder getheilt in den
Tag der Betrachtung des bisher verflossenen Lebens, in den Beichttag und in den Tag des An-
theils an dem heiligen Abendmahle, in den Tag der Weihung des eigenen Lebens dem höchsten
Zwecke des Lebens in Einigung mit Jesu.
An diesem ersten der beyden letzten Tage oder am Beichttage und vor der Beichthandlung
versammelten sich die Confirmanten abermals in des Vaters Hause, und der Vater ver-
sammelte sie wieder um sich ihnen in wenigen ein- und durchdringenden Worten die Wich-
tigkeit des Tages und der Handlung ans Herz legend. Nun trat jedes Kind dieser ganzen
Schaar einzeln zum Vater ihn, nach damaliger sinniger Sitte und in den einfachsten
aber herzlichen Worten des Landlebens, um Verzeihung, um Vergebung für alles das zu bitten,
wodurch es den Vater während seines bisherigen Lebens in der Schule und besonders wäh- /
[4]
rend der Zeit der Confirmationsvorbereitung beleidigt habe. Jedes Wunsch und Bitte wurde erfüllt
indem der Vater jedem einzelnen noch einige Worte sagte von welchem ich schon dortmals fühlte
wie so tief treffend sie oft waren. Und in noch tieferer Rührung als selbst am Confirmations-
tage, wenn auch ohne festliches Gepränge gieng nun an diesem Vorabende vor dem Communion-
tage der Zug wieder zur Kirche.
Nach diesem Tage des Überblickes über das ganze bisher verlebte Leben, nach diesem Tage der
Klärung des Gemüthes und des Fassens der besten, festesten Vorsätze für das kommende Leben
da kam nun erst der Tag der Weihe zum höheren Leben zum Leben nach der Lehre, dem Leben
und dem Beyspiele Jesu durch feyerlichen erstmaligen Antheil an dem heiligen Abendmahle.
So wiederholte sich bis zu meinem zurückgelegten zehnten Jahre das Leben jährlich um
mich und mit mir.
Wie mir so die Aufnahme des Lebens Jesu ins eigene Leben und die Darstellung jenes in
und an diesem und durch dieses frühe als der Mittelpunkt des Lebens erschien, wie dieser Gedanke
- da das Leben Jesu als Kind und Sohn dem Leben des Kindes, Knaben und Sohnes so nahe
liegt - natürlich auch der Mittelpunkt meines innern Lebens, (und) des Lebens im Gemüthe
und des Nachdenkens werden mußte so entwand sich um diese Zeit meinem Knabengemüthe
der Gedanke, die tiefe feste innere Überzeugung: ja es ist wohl dem Menschen möglich
das Leben Jesu aus sich im eigenen Leben wieder darzustellen; - denn ich mußte ja, durch
das Euch in Andeutungen vorgeführte, mich umgebende Leben (: wo ich Euch freylich noch viel von
des eigenen Vaters eigenen würdevollem Beyspiele im häuslichen und väterlichen Leben zu sagen
hätte: )- durchdrungen seyn von dem Leben des Menschen in Einigung mit dem Göttlichen,
durch welches Leben freylich das dem Gemüthe als Gedanke Entblitzte, sich nur als ein
Wirkliches denken läßt; wie denn diese Gesinnung Jesu auch der Mittelpunkt seines ganzen
Lebens war und ist.
Doch die Gedanken blitzen wie ich eben sagte in dem Gemüthe des Menschen besonders in dem
jungen Gemüthe auf, senken sich eben so schnell in dasselbe um gleichsam erst zu erstarken
oder den Menschen selbst und dessen Gemüthe erst dafür ganz erstarken zu lassen in dasselbe
zurück und erst spätere Umstände erinnern uns wieder daran und bringen uns jene Gedanken
wieder ins Gedächtniß zurück indem sie uns die Gesammtheit der früheren Verhältnisse und
Empfindungen vergegenwärtigen in und unter welchen jene Gedanken zuerst dem Gemüthe entstiegen.
So trat auch mir das Leben als Gedanke wieder zurück, da mir in diesem, in meinem
eilften Jahre ein Leben als ein als ein freythätiges Selbstleben auch nach Außen hin
aufging. Aus dem väterlichen Hause wurde ich nemlich von Geschwisterliebe das heißt von
der Liebe eines meiner Oheime zu seiner Schwester meiner früh verstorbenen Mutter
in das Haus dieses meines Oheims in einer freundlichen Landstadt versetzt. Dieses Haus gab
mir auf eine entgegengesetzt gleiche Weise fast alles wieder was mir das väterliche Haus ge-
geben hatte. Einiges nur laßt mich herausheben: auch hier war die Hauptseite des Hauses
gegen die Kirche gekehrt, doch lag diese vom Hause südlich als die vom väterlichen Hause nördlich,
also war auch der Blick von den Wohnzimmern dieses Hauses immer gegen Mittag gekehrt;
ich gieng hier auch in eine öffentliche Schule in der Nähe des Hauses meines Oheims wie dort in
der meines Vaterhauses, aber hier in eine Knabenschule, wie dort in eine Mädchenschule.
Hier saß ich frei unter der ganzen Schaar und bald da bald dort wohin mich die Fortschritte setzten
dort hatte ich fest meinen Platz unmittelbar bey dem Lehrer. Auch Hof und Garten waren
am Hause aber diese lagen hinter dem Hause. Ich hatte mein elterliches Haus wieder aber
hier umgab mich in meinem mütterlichen Oheim der sanftere und wärmere Lebensodem
dem freyen sinnigen Gemüthe war auch hier ein äußerlich freyes sich selbst ordnendes Leben gegeben.
Die Umgegend, für mich die Welt, stand mir offen so weit mein Fuß in jeder Freyzeit mich
trug, aber ich mußte überall so nah oder so weit ich gieng den Sinn und die Ordnung, das innere
Leben des Hauses auf das ehrendste und achtsamste in mir mit herum tragen, im Gemüthe /
[4R]
bewahren und ihm überall die strengste und pünktlichste Folge leisten, Fehler dagegen wur-
den ohne den geringsten Nachlaß gerügt; Hier herrschte gleichsam die Mitte, das Gemüthe
wie im Hause des Vaters der Umkreis, der Verstand das Gebietende war; alles entgegengesetzt.
Also freyes Jugend- und Knabenleben umgab mich und lebte ich hier ganz so wie Euch freyes
edles Kindes- Knaben- und Jünglingsleben in Keilhau umgiebt und Ihr zu leben Euch auf-
gefordert fühlt.
Wie die Liebe mich in dieses Leben, in diesen Kreis versetzte so umgab und leitete mich,
wie ich schon aussprach hohes menschliches und menschenwürdiges Vertrauen, wie Liebe und
Vertrauen Euch in Euern jetzigen Lebenskreis in Keilhau brachte und Liebe und hohes mensch-
liches und menschenwürdiges Vertrauen Euch in demselben umgiebt und leitet: Vertrauen
zu Euerm Gefühl, Vertrauen zu Euerm Willen, Vertrauen zu Euerm Handeln, Eurer That.
Ich durfte, überall den einen Willen und die Gesinnung des Hauses in dem ich lebte im Gemüthe
tragend und in eintretenden Aufforderungen dazu mein eigener Führer und Erzieher seyn; wie Euch
Euer jetziger Lebenskreis dahin zu erheben suchte und erhob, den Grundgedanken, die Grundgesinnung
und den Grundwillen desselben: Darlebung reinen menschenwürdigen Lebens - stets in Euerm Gemüthe
zur ununterbrochenen Ausübung [Halfter: Ausführung] im Leben festzuhalten, und so Euch selbst, die Euch nie verlassenden
treuesten Führer und Erzieher zu seyn.
Wie ich so in mir wieder in die Mitte des innersten menschlichen Lebens kam, so kam ich auch außer mir
wieder recht in die Mitte des eigentlichen Menschenlebens, des allgemein geistigen - des religiösen -
des menschlichen Lebens rein an sich.
Mein Oheim wie er als Superintendent, zugleich erster Geistlicher der bezeichneten Stadt war
und also so eines mehr in sich abgeschlossenen Ortes, so war er als solcher zugleich der Mittelpunkt um
welchen sich wieder das kirchliche und religiöse und Erziehungsleben ganzer um ihre Pfarrer
wieder geschlossener Kirchsprengel, (Pfarreien) drehete, in einem ähnlichen Verhältnisse
in welchem mein Oheim als Superintendent wieder mit mehreren seines Amtes und Standes in
höherer abhängiger Beziehung zu dem allgemeinen hohen Landes Consistorium, als höchster
kirchlicher, religiöser und Erziehungsbehörde des ganzen Landes stand.
Ich hebe dieses hier wieder hervor obgleich ich freylich als Knabe und werdender Jüngling und selbst
später es noch nie mit so trennend schauenden Bewußtseyn beachtet habe als jetzt, weil ich jetzt
in mir fühle und wahrnehme als Mann fühle und wahrnehme, daß dieß Leben - da ich es,
so weit es ein Knabenleben theilen kann, mehrfach theilte, [es] auch wohl in gewisser Beziehung
durch mich hindurch gieng - wenn auch mir unbewußt einen sehr tiefen und wohlthätigen
Eindruck auf mich gemacht haben muß, indem ich so in der Wirklichkeit in einem Leben,
ja selbst ein Leben lebte welches in seiner Grundform das Leben und die Gesetze eines ganzen Son-
nensystemes in sich trägt. Ja, indem ich dieß hier für Euch, meine theuern Pflegesöhne!
zum Verständniß Eures eigenen Lebens, niederschreibe thue ich - nach 20, - 30, - 40 Jahren -
Blicke in mein eigenes Leben, welche mich selbst nach 20, 30 und 40 Jahren erst, mein eigenes
gelebtes Leben in immer höherem Grade verstehen machen und mir zeigen, wie ich frühe
ja von Kindheit und Jugend auf gleichsam sinnbildlich und zum Voraus ein Leben in mir
und um mich lebte, das Leben in mir und um mich lebte, welches ich später als werdender
und gewordener Mann, die Seegnungen davon in mir und in meinem eigenen Leben selbst
empfunden und selbst erkannt habend, - aus mir und außer mir wieder darzustellen
mich bemühete, noch bis jetzt bemühe, und bis zu meinem letzten Lebenstage darzustellen
mich beeifern werde.
Von der Dorfschule rückte ich in die erste der drey Knabenschulen der Stadt und bald in
die erste Klasse derselben. Dadurch trat ich mit in die Mitte des kirchlichreligiösen also
des allgemein geistigen, allgemein menschlichen Lebens einer ganzen Stadt; ja dieses gan-
ze große Leben gieng nicht nur durch mein eigen Leben und Gemüthe wirklich hindurch
sondern ich mußte vieles persönlich und aus Schulpflicht - deren keiner ich mich, nach meines Oheims /
[5]
[Bogen C] bestimmten Willen entziehen durfte.
Ich will nicht darauf ruhen, wie ich eigentlich auch schon beachtend in meinem früheren Le-
ben noch beym Vater wahrnahm, daß der Mensch beym Eintritt ins Leben und beym Eintritte
in jeden wichtigen Lebensabschnitt den höchsten Seegen der Weyhe gleichsam zu immer [Halfter: innerer] höherer Be-
wußterer Einigung mit der Einheit und Quelle alles Lebens empfing. Nein, ich will nur
das eine herausheben, was immer wiederkehrend einen tiefen Eindruck auf mich machte und,
was ich so vielmal sinnend dort in mir durchlebte - es war der Austritt des Menschen aus
dem Leben auf allen Lebensstufen, indem die Schulpflicht auch von mir forderte jeden Verstor-
benen für welchen es gewünscht wurde, mit zu seiner Ruhestatt, zu seinem Grabe mit Gesang
zu begleiten, und so mag dieß in einem Zeitraum von wohl 4 Jahren oft genug von mir geschehen seyn.
Oben schon habe ich Euch, meine Söhne! gesagt wie ich bey meinem Vater die Wichtigkeit des
Lebens durch seine Einführung der heranwachsenden Jünglinge und Jungfrauen ins höhere allgemeine
Leben fühlen und erkennen lernte; hier bestätigte sich mir diese Wichtigkeit bey dem Austritte aus dem
Leben und Wege zum Grabe.
Doch auch das dazwischen liegende Leben mußte ich wie ich schon andeutete durch meine Schul-
pflicht, wie es dortmals die Kirchen- und Schulordnung war viel teilen.
Wenn mich die Ordnung traf mußte ich der Gemeinde zu Anfang des Nachmittagsgottes-
dienstes erhebende Psalmen vorlesen. Wenn mich die Ordnung traf mußte ich vor der versam-
melten Gemeinde den Abschnitt aus dem Catechismus hersagen über welchen gleich darauf folg-
end ein Theil der Gemeinde unterrichtet und geprüft werden sollte. Eben so hatte ich wenn
mich die Reihe traf der Gemeinde aus der Leidensgeschichte Jesu vorzulesen; wie ich ihr zu einer
anderen Zeit die drey christlichen Grundglaubensbekenntnisse vorzulesen hatte. Traf mich
die Ordnung, so mußte ich ihr wieder zu einer anderen Zeit das zu Augsburg übergebene
evangelische Glaubensbekenntniß wenigstens in seinen wesentlichen Artikeln vorlesen. Natür-
lich daß ich dadurch daß dieß alles einer versammelten Gemeinde vorgelesen wurde, die
selbst still und aufmerksam zuhörte, ob es gleich nur Knaben vortrugen, in mir immer
mehr auf die Wichtigkeit der Gegenstände des Vorgelesenen selbst aufmerksam wurde.
Wie ich mich nun noch ganz bestimmt mehrere einzelne male dieses Vorlesens erinnere,
so erinnere ich mich noch eben so klar [Halfter: sehr] und bestimmt, daß ich dieses Vorlesen stets mit wie-
derkehrender innerer Selbstprüfung und Selbstklarmachung gethan habe. Endlich erfor-
derte es auch die Schulpflicht wenn die Ordnung mich traf dienend als Altarknabe
Theil an der hohen Handlung zu nehmen, wenn die Gemeindeglieder durch die heilige
Communion sich von neuem zu neuem Lebenskampf stärkten und zu dieser Stärkung und
Erhebung sich mit dem Göttlichen einigten.
Welch' einen Eindruck bey einem solchen innigen Antheil an dem wirklichen Leben, nun
der Lebensunterricht, der Unterricht vom wahren Leben, der Religionsunterricht auf
Geist und Gemüth machen mußte, könnt Ihr Euch leicht denken, meine Söhne! zumal da
gleichsam zum Schlüssel und zum Spiegel dieses gegenwärtigen und Einzellebens wie wöchentlich
einmal in der Kirche so wie täglich in der Schule ein Theil der Entwicklungsgeschichte der
Menschheit wie solche in den heiligen Schriften aufbewahrt ist, uns vorgelesen wurde, und
da überdieß ein, das hohe Licht der Religion zu fassen und achtsamen Knabenseelen und
aufmerksamen Jugendgemüthern mitzutheilen geschickter Lehrer die Wahrheit vom Licht
und Leben uns vorführte.
Dem von uns Schulknaben der ersten Classe, welchen die Ordnung getroffen hatte zu An-
fang der Schule und des täglichen Religionsunterrichtes einen Abschnitt aus den heiligen
Schriften vorzulesen, dem war es auch erlaubt während des nun sogleich folgenden Religions-
unterrichtes hinter diesem Lesepulte sitzen bleiben zu dürfen; so also auch mir wenn mich
die Reihe des Vorlesens traf und ich erinnere mich, daß die klare lebenvolle Darlegung
des Lebens und der Gesinnungen, des Wesens und des Handelns Jesu, durch unsern davon ganz /
[5R]
(durchdrungenen Lehrer wiederkehrend den zerschmelzendsten Eindruck auf mich machte,
welchem ich dann, so durch den Pult vor Beachtung geschützt, mich auch ganz hingab.
Mit welchen Gesinnungen und innerem Leben ich nun so den Wochen meiner Vorberei-
tung zur Confirmation entgegen gieng, wie ich diese Wochen in mir selbst durchlebte beson-
ders aber die täglich dazu gewidmeten Stunden, daß [sc.: das] brauche ich Euch, meine lieben Söhne!
die Ihr dasselbe Leben eben jetzt in Euch durchlebt habt nicht erst an[zu]deuten. Nur das eine
hebe ich hervor: hatte den bisherigen Schulunterricht die Klarheit des denkenden auch wohl
forschenden Geistes begleitet, wie sich später mein Oheim selbst darüber zu mir aussprach,
so begleitete den nun folgenden vorbereitenden Unterricht außer diesen noch die Wärme
und das Leben eines sanften menschenliebenden fest im Glauben ruhendes Gemüthe.
So kam und rückte auch für mich der Tag der öffentlichen Glaubensbestätigung und
der feyerlichen Einseegnung heran. Es war wie bey Euch jetzt der Sonntag des Friedens und
der Freude, der Palmensonntag.
Ich stand nun vor derselben Gemeinde welcher ich öfter zur Erneuung [Halfter: Erneuerung] und Befestigung ihrer
Gesinnungen den Hauptinhalt des Glaubens vorgelesen hatte für welchen ich jetzt selbst aus
der tiefsten Überzeugung, Zeugniß ablegen sollte, welchen Glauben ich aus dem eigensten
Selbstempfinden und Selbstdenken als den meinigen aus freyer Überzeugung bekennen wollte.
Ich stand an demselben Altare an welchem ich so oft Zeuge gewesen war, wie denkende Männer
und Lebenserfahrene M Greise sich für Festhalten dieses Glaubens und zur Anwendung und
Durchführung im eigenen Leben versunken in Andacht neu gestärkt hatten, um zu eben einer
solchen Festhaltung und Durchführung dieses Glaubens im eigenen Leben, durchdrungen von
der hohen Wichtigkeit dieser Handlung hier im Angesicht einer ganzen Gemeinde und mehr
noch; das feyerliche Gelübde abzulegen. Mein ganzes Leben mit seinen frühesten und höchsten
Lebenseindrücken, mit den gleichsam ins Gemüth gesenkten, Euch eben in ihrer Auf- und Inschrift
angedeuteten drey Grundsteinen meines Lebens, mit dem Knabengedanken, welcher nun als
Gefühl, Gesinnung und Vorsatz zugleich das ganze Gemüthe durchdrang lag vor mir, und -
gleichsam durch dreyfache Liebe: die Liebe des Seelsorgers, die Geschwisterliebe und die
Liebe des Pflegevaters zum Pflegesohne - gesteigert empfing ich den Seegen meines Oheims
zur Bewahrung dieses Bekenntnisses, zur Erfüllung dieses Gelübdes. --- Wie konnte
so mein ganzes Leben und Gemüthe, Herz und Geist anders als in Eine Grundempfindung, Einen
Grundgedanken, Einen alles erfassenden Vorsatz; welches alles sich wieder in Einen Willen in
ein Einziges Wollen auflösete, aufgehen. - Ihr kennet nun dieß und habt es an Euch jetzt
selbst erfahren und so werdet Ihr, meine Söhne! mich leicht verstehen wenn ich Euch sage,
daß ob wir gleich mit, der Gemeinde zugekehrtem Gesichte vor der Gemeinde standen, mich
doch nichts abhalten konnte diesem Aufgelösetseyn des Lebens in ein Gefühl, einen Gedanken,
einen Vorsatz mich willig und ganz hinzugeben, daß sie innig und für immer eins wür-
den mit dem Leben.
Da mein Oheim von seiner Gemeinde gleich innig geliebt und hochgeachtet, ja als ein Vater
verehrt wurde und man mich als seinen Sohn betrachtete und nannte, so konnte es nicht an-
ders seyn, die Empfindung, die Erregung meines Gemüthes konnte der Gemeinde nicht
unbemerkt bleiben; als nun mein Oheim mit mir ins Haus zurückgekehrt, darauf
aufmerksam gemacht wurde sagte er: - Möge seine Erregung nicht nur vorübergehend,
möge er seinen Gesinnungen und Vorsätzen im Leben treu bleiben u.s.w.
Wie ich Euch schon oben sagte waren von diesem Tage an, nach dortmaliger Kirchenordnung,
bis zu dem Tage der Prüfung des bisherigen Lebens vor dem Geistlichen, dem Beichttage,
welche Prüfung bey den Confirmanten dortmals noch mit jedem Einzelnen statt fand, und
bis zu dem Tage der Theilnahme an dem heiligen Abendmahle noch einige Tage. Zu
dem ersteren, dem Beichttage war der Gründonnerstag bestimmt und die Tage vom
Palmensonntag bis dahin waren nun so der stillen Lebensbetrachtung geweyhete Tage. /
[6]
Am Charfreytage - dem Tage der Todesfeyer Jesu - war der Tag der innigsten Lebenseinigung
des eigenen Lebens mit dem Leben Jesu. - Was braucht es aber für den, der dieß so eben
wieder gelebt, wieder empfunden hat wie Ihr, meine Söhne! mehr als es eben auch nur aus-
zusprechen. - Doch dieses sich wieder einigende Hingeben an ein, für innige Einigung mit
dem Höchsten sich hingegebenes Leben an dem Jahrestage der Feyer dieser Hingabe ist noch
ein besonderes durchdringend einigendes Band, welches ich wohl schon allen unseren Con-
firmanten und so auch Euch wieder gewünscht habe, ob es gleich der bey uns eingeführte
Gebrauch nicht möglich macht.
Ihr, meine theuern Pflegesöhne! könnet nun schon in diesen Lebensmittheilungen klar finden
und sehen warum die wiederkehrende Feyer des Confirmationstages in unserm Kreise, auch
für mich besonders immer wiederkehrend ein Lebensfest seyn mußte und immer bleiben
wird, denn das schönste und wichtigste Jahr meiner Jugend das letzte meiner beglückenden
Schuljahre wiederholt sich immer in ihm, mit ihm, und mit und in ihm alle meine früheren
Lebensjahre, deren Inhalt ich Euch darum auch wenn auch nur andeutungsweise wie meine
späteren Schuljahre vorführte, so wie besonders auch das Theilen des allgemein menschlichen
Lebens während derselben. Ich halte diese Theilnahme an demselben zur Ausbildung für das
höhere allgemein menschliche Leben höchstwichtig, weßhalb ich es auch immer gern gesehen habe,
wenn auch Ihr in Keilhau das Leben der ganzen Gemeinde getheilt habt.
Doch keineswegs nur wegen des Eindruckes dieses Tages und wegen der Gefühle und Vor-
sätze an demselben, sondern wegen seiner Lebenswichtigen Folgen ist mir dieser Tag, den
auch ich jetzt abwesend von Euch doch in größter Gesammeltheit und Einigung mit Euch
wieder verlebe, ein Lebensfest.
Mit diesem Tage, wie dieß ja gewöhnlich die bestehende Einrichtung unseres gesellschaft-
lichen und bürgerlichen Lebens mit sich führt, änderte sich auch bald ganz mein äußerliches
Leben, und ganz neue Lebensverhältnisse (und) das Leben, wie es gewöhnlich nicht nur be-
trachtet und angeschauet, sondern wie es wirklich so äußerlich hingelebt wird, umfing
mich, ihm selbst ganz hingegeben, und dennoch außer mir gar nichts habend, was mir,
gar Niemanden um mich habend, welcher mir mit leitend führender Hand zur Seite gestan-
den hätte als die Natur, welche sich überwiegend wieder aber mit geöffneteren reicherem Leben
zu mir wandte. Da galt es nun bald die Bewährung der geheegten Gesinnungen, da galt es
bald das Festhalten der gefaßten Entschlüsse.
Wie tief und erregend auch das höchste, allgemein menschliche Leben Herz, Gemüth und Geist immer
ergriffen haben mochte, welch einen lebhaften Antheil auch das persönliche, besondere Leben an dem
allgemeinen Menschenleben immer genommen haben mochte, das innere besondere persönliche
Leben stand doch in sich abgeschlossen dem äußeren allgemeinen Menschenleben, das Leben
des Herzens, Gemüthes und Geistes, dem wirklichen äußerlichen Leben als ein Geschiedenes,
Getrenntes gegenüber; denn das höchste allgemeine menschliche, das religiöse Leben hatte
eigentlich mehr noch in Gemüth und Geist hinein geleuchtet es er- und durchleuchtet, dasselbe
hatte eigentlich mehr noch in Herz und Gemüth hinein gewärmet, es er- und durchwärmet
als daß das Gemüthe und der Geist aus sich heraus in das äußere Leben hinein ge- und es
erleuchtet, als daß das Herz und Gemüthe aus sich heraus (und) in das äußere Leben hinein-
und es er- und durchwärmet habe und doch war dieß meinem Gemüthe inneres Bedürfniß! das persönliche Leben stand so persönlich dem allgemeinen
Leben als ein Zweytes, Getrenntes, Fremdes gegenüber. Ich möchte dieß wieder im Bilde
meines kirchlichen Lebens sehen und Euch daran deutlich machen; ja ich möchte mein häus-
liches und kirchliches Leben selbst als den vorgelebten sinnbildlichen Ausdruck desselben ansehen. - Im
elterlichen Hause war, wie mein häusliches tägliches, so auch mein kirchliches sonntägliches
Leben gänzlich von dem der Gemeinde persönlich getrennt, indem ich in letzter Beziehung an
der Feyer der Sonn- und Festtage immer in des Vaters ganz von der Kirche abgeschlossenen
Pfarrstand, einem wirklichen großen Zimmer (Sakristey) Antheil nahm; im Hause meines /
[6R]
Oheims war ich durch die Stellung und durch den Willen, die Gesinnung desselben und als Schulknabe in
der Kirche wieder durch das ganz in sich abgeschlossene Chor von der Gemeinde getrennt. - Und so
stand denn auch jetzt meinem Einzelleben das äußere {bürgerliche / wirkliche} Leben überall als ein Fremdes, Geschiedenes
gegenüber, aus welchem auch ich weder ein höheres Leben hervorleuchten, noch hervorwärmen, also keines-
weges daraus hervorleben sahe; dennoch war auch dieß meinem Herzen, Gemüthe und Geiste durch das bis-
her gelebte Leben hohes Bedürfniß. Da trat Mutter Natur zwischen mich, zwischen mein Inneres,
und das wirkliche äußerliche Leben vermittelnd, wie auch immer die Mütter mit ihrem um-
und erfassenden Gemüthe zwischen ihre Kinder und das wirkliche Leben vermittelnd treten.
Sie, die Natur, eröffnete mir nun in diesen meinen ganz neuen und ganz anderen Lebensver-
hältnissen in die ich nun getreten [Halfter: eingetreten] war, wie ich schon oben andeutete, viel weiter ihr großes
reiches Gemüthe, so daß mir aus demselben bald wieder das höchste Leben entgegenleuchtete
entgegen wärmte, entgegen lebte; damit auch einst das höhere und höchste menschliche Leben
aus dem eigenen bewahrten Herz, Gemüth und Geist in das wirkliche umgebende Leben hervorleuch-
te, hervorwärme, hervorlebe, daß dadurch endlich auch das Gesammtleben, eben als ein ganzes
Gesammtleben, dieses höhere und höchste Leben wieder ebenso aus sich hervorleuchte, wärme, strahle
aus sich hervorlebe. Also ein inniges Wechselleben des höchsten geistigen Leben[s] zwischen Einzelnen und Ganzen suchte ich.
Erfassender noch bezeichne ich vielleicht meine früheren und meine {neuen / jetzigen} Lebensverhältniße
in ihrer gesonderten Verschiedenheit so: - Ich hatte in meinem früheren und bisherigen Leben es
eigentlich nur damit zu thun die Aufgabe zu lösen: das höchste allgemein menschliche, das religi-
öse Leben in mich hinein scheinen, leuchten, wärmen, leben zu lassen und es in mir zu verar-
beiten, d.h. als mein eigenes höchstes Leben zu finden und zu erkennen, allein es war mir dadurch
noch nicht möglich geworden, es auch aus mir heraus frey- und selbstthätig zu entwickeln und
zu entfalten, zu bilden und zu gestalten; denn etwas ganz anderes ist es, das höchste allgemein mensch-
liche, das religiöse Leben aus sich selbst, aus dem eigenen Gemüthe freithätig heraus zu leben
als nach angeeigneten Lehren und Wahrheiten der Religion im äußeren, wirklichen Leben [zu] handeln;
und doch forderte dieß das Gemüthe, der Geist indem er die Wahrheiten der Religion ganz auch als
die in dem eigenen Gemüthe und Geiste ruhenden und lebenden, fühlte und erkannte.
Ein zweytes wesentlich Verschiedenes meines bisherigen Lebens und des {neuen / jetzigen} war wohl dieses:
Weil ich die Mittheilungen der höchsten Lebenswahrheiten, der Lehren und Wahrheiten der Religion bisher immer an ganze geschlossene Gesammtheiten gerichtet gesehen hatte, so hatte sich mir
natürlich unmittelbar dadurch, und mir so ganz unbewußt, die Überzeugung gebildet: die
Lösung der Religionsaufgabe, die Darstellung eines religiösen d.h. dem innersten Menschenwe-
sen ganz würdigen Lebens, sey nicht nur die Sache jedes Einzelnen, und etwa höchstens einer
Mehrheit von Menschen als einer Menge Einzelner, sondern es sey die Darstellung dieses, eines solchen Lebens, vielmehr die große Gesammtaufgabe zur gemeinsamen Lösung an alle
als eine in sich geschlossene, innig einige Gemeinsamheit; suche ich meine dortmaligen suchenden und
sehnenden unbestimmten Gefühle und Empfindungen jetzt in mir auf[zu]lösen und in ihrem inner-
sten Wesen zu erkennen, so finde und erkenne ich dieß als mein eigenstes, innerstes per-
sönliches Bedürfniß und Leben. Zur Lösung nun dieser vielfach verschlungenen und viel-
mehr wechselseitigen Lebensaufgaben führte mich die Vorsehung immermehr in den Reichthum und in
das geöffnete offene Leben der Natur ein. Hier in der Natur, so finde und erkenne ich es jetzt, -
sollte ich die große Lebensaufgabe der Menschen und des Menschengeschlechtes [:] Darstellung, Dar-
lebung eines des Schöpfers, Gottwürdigen Lebens durch innig einiges Zusammenwirken
als Ein großes Ganze gleichsam vor- und sinnbildlich ausgeführt sehen
. -
Die Natur wurde so mir wieder Kirche; die Pflanze, die gewaltige Ulme zuerst
mein Lehrer; die Vögel, die reinen frohen Sänger des heiligen Gesangs; der grüne blumige
Hügel zum Altar. Ich selbst lebte nun das Leben der Kirche mein kirchliches Leben in
der Natur und mit der Natur. Doch dieß alles sollte nicht dunkel und unbestimmt im Gemüthe ruhen bleiben.
Wie aber der Gedanke früher nicht bloßer Gedanke hatte bleiben, sondern sich zur Gesinnung und zum /
[7]
[Bogen D] Vorsatz hatte erheben sollen, so sollte auch jetzt alles klar und klares bestimmtes Eigenthum des denken-
den Geistes werden, was noch so tief im Herzen lebte und es doch so ganz ausfüllend bewegte; damit so end-
lich Gesinnung und Vorsatz auch zur Überzeugung und That werden möchte, Überzeugung und That sich aber
weiter zu Grundsätzen und Charakter erhüben und so zuletzt aus beyden aus Grundsätzen und Charakter
ein Wirken, Thun und Schaffen mit klarem Bewußtsein und freyer Selbstbestimmung hervorgehe. Da
galt es nun für ein Prüfen von allem was für das Leben wichtig ist an allem und durch alles was in das
Leben erregend und bestimmend eingreift, ein Prüfen an den verschiedensten und entgegengesetztesten
Lebensverhältnissen, also ein inneres und äußeres Selbstdurchleben der verschiedensten und entge-
gengesetztesten Lebensverhältnisse.
Wie mich ein geschickreiches Leben durch den frühen Tod meiner, meinem innern Leben innig ver-
wandten Mutter zu meinen bisherigen Entwicklungsstufen und durch dieselben hindurch führte, geführt
hatte, so sollte mich ein noch geschickreicheres (Leben) mich ganz auf und in mich selbst zurückdrängendes
Leben zu den folgenden Entwicklungsstufen und durch dieselben hindurch führen.
In der Mitte meines tief erregten Jünglingsalters und in dem Augenblick meines selbstständigen
Eintretens in das äußere Leben, freythätig eingreifend in das Wirken desselben, starb auch mein Vater.
Er war mir durch sein würdevolles Erscheinen, durch sein Leben, durch seine Lehre, durch den reichen Schatz
seiner Lebenserfahrungen, durch sein stetig fortgehendes, denkendes Beachten des Lebens und durch den
hohen Ernst mit welchem er das Wohl aller seiner Kinder auch äußerlich noch bey seinen Lebzeiten
fest zu begründen sich bemühete, wie ich Euch, meine Söhne! zum Theil schon oben andeutete sehr
viel; mit ihm starb äußerlich meine größte Stütze dahin, sämtliche Glieder der Familie waren
zerstreut, jedes derselben hatte überdieß mit der Durchdringung und Beherrschung des eigenen
Lebens genug zu thun, und so stand ich äußerlich denn wirklich ganz allein und recht eigentlich nur
auf mich selbst [gestellt] da. Dazu kam noch daß aus des Vaters Verlassenschaft mir nichts blieb was mir
auch sonst wieder eine äußere Stütze hätte werden können; doch die Wünsche der Eltern, der
Väter wenn sie aufrichtig und in ihren väterlichen Gesinnungen tief begründet sind, werden ge-
wiß den Kindern und an den Kindern erfüllt, wenn auch in der äußeren Form und Erscheinung
wohl mannichmal ganz anders als Väter und Eltern meinen, gewiß aber immer in einer
höheren geistigeren Gestalt.*
* So wie überhaupt dem Menschen gewiß alle seine in dem reinen Menschwesen gegründeten daraus hervorgequollenen Wünsche erfüllt werden, wenn auch der Erscheinung nach auf eine ganz andere Weise, als er sich vorgestellt hat, gewiß aber dann immer in einem erhöheteren vollkommneren Grade. Sehr oft geht es aber eben darum dem Menschen wie dem schiffenden Äneas: er erkennt weinend, sich beklagend sein Vaterland nicht. -
Ich sagte Euch mein Vater wünschte wie das Wohl aller seiner Kinder
so auch das meine, noch auf seinem Sterbebette bleibend zu begründen; wie er sich von demselben
selbst noch schriftlich an einen seiner ältesten Söhne darüber schriftlich aussprach. Auch mir, auch an mir
sollte des Vaters väterlicher, ernster Wunsch - denn nichts hatte in meinem Gemüth des Sohnes innige
liebende Einigung mit dem Vater gestört - wenn auch zugleich in noch tiefer begründeter und
höherer geistigerer Art erfüllt werden.
Unter den hinterlassenen Papieren meines Vaters nemlich fand ich zwey welche mich ganz besonders
und persönlich angiengen und sich nicht nur auf mein allerinnerstes sondern auf mein ganzes Gesammt-
leben bezogen in dem besonders in dem einen der Eintritt in das Leben, der Inhalt und Geist des
Lebens selbst und der Austritt aus demselben (scharf) bestimmt gezeichnet war. Diese beyden
Papiere waren zwey sogenannte Pathenbriefe wie solche zur Zeit meiner Geburt noch den Kindern
nach der Taufe von ihren Pathen, zur bleibenden Erinnerung und steten Festhaltung der wichtigen Be-
deutung dieser heiligen Handlung, übergeben wurden. Der eine dieser Pathenbriefe war von
meinem Pathen, er war gedruckt, und sein Inhalt wenn auch für mich und mein ganzes besonders
äußeres Leben nicht minder wichtig als der des zweyten, jetzt unserer Betrachtung weniger un-
mittelbar nahe liegend. Der zweyte Pathenbrief war von einer meiner Pathinnen, er war
geschrieben und enthielt zu seinem Schlusse folgendes:
“Höre Sohn! Schaue darauf und halte Dich mit unbeweglicher Treue an Deinen
“besten Seelenfreund, der nun Dein ist, bis er Dich am Abend Deiner Tage zu
“seiner ewigen Ruhe rufen wird. Folge der treuen und wohlgemeinten Ver-
“mahnung Deiner Dich zärtlich liebenden Pathin." "F.K."
Welch' einen Eindruck, meine Söhne! dieses schon dortmals fast zwanzig Jahre alte Papier /
[7R]
jetzt wo ich gleichsam in einer anderen Beziehung wieder so hülflos und blos wie ein neugebo-
renes Kind da stand durch diesen seinen Inhalt auf mich machen mußte könnet Ihr so leb-
haft empfinden als klar denken. Zumal da mir dieses Papier jetzt bey meinen Aufgenom-
menwerden, bey meinem Eintritte in die äußerliche bürgerliche Wirksamkeit, das sogenannte
Leben, wie dort zum erstenmale bey der Aufnahme in den hohen Menschheitsbund und beym
Eintritt in die innerste geistige Wirksamkeit, das höchste geistige Leben gereicht wurde, und
zwar von einer längst Verstorbenen, am Grabe eines Verstorbenen. Wie das erstemal
bey einer Lebens-, so jetzt dieses zweytemal bey einer Todtenfeyer. Doch wie könnte ich Euch
auch nur alles andeuten was mir daraus hervorgieng, sich mir daran anknüpfte; allein
was bedarf es dessen auch für Euch die Ihr das meiste davon in Euerem eigenen Gemüthe
und Leben finden könnet. Genug dieser Brief wurde mir mehrfach und wahrhafter Lebens-
Brief wie er mir beym Eintritte ins Leben bey der Aufnahme in das höchste geistige Leben
und aus dem innersten Leben eines sorglich liebenden Gemüthes gereicht worden war;
denn er schloß mir ja auch wie das vergangene, so mein gegenwärtiges und kommendes
künftiges Leben auf. Darum werdet Ihr es auch natürlich finden und es Euch schon selbst ge-
sagt haben, daß dieser Brief von nun an unzertrennlich, und nun seit jener Zeit wieder über
dreyßig Jahre, alle meine Lebensschicksale mit mir theilte und ferner unzertrennlich von
mir, mit mir theilen wird. -
Ich lebte von nun an wieder, wenn auch unter und mit Menschen doch mehr noch in der
Natur und mit der Natur; lebte ich auch mit Menschen, so lebte ich mehr mit den Men-
schen der Vergangenheit, mehr mit den geistigen Menschen in ihren Schriften als mit
den einzelnen persönlichen Menschen, aber immer lebte ich mit Menschen die mit mir
die Natur geliebt hatten und liebten; ich möchte fast sagen ich lebte durch die Natur, ich
lebte durch die Natur mit ihnen, sie durch die Natur mit mir; die Natur oder vielmehr
das ursprüngliche geistige ungetrübte und unverkürzte Wesen war mein Band und Verband
mit den Menschen und das Band und Verband der Menschen mit mir, wie es mein Ver-
band mit der Natur und dieser mit mir war. Natur und ich lebten so ein inniges Wech-
selleben wie ich ein inniges Wechselleben mit einfachen natürlichen Menschen und Ge-
müthern lebte. Die Natur redete in ihrer ruhigen, stillen, gestalteten Sprache zu mir
und mein Gemüthe verstand diese Sprache lösete sie vielmal sich in bestimmte Worte
auf, so z.B. an einem schönen Abend: "je inniger wir uns an die Natur an schließen, je
reiner, desto schöner giebt sie uns auch alles, desto klarer und reiner".
So bildete, so gestaltete sich immer mehr in mir eine tiefe, feste in sich abgeschlossene,
Lebensquell, Lebensform, wie Lebensmannigfaltigkeit und steigerndes Wechselleben in sich tragen-
de Gesinnung; denn der Durchgangspunkt von der geweckten, sich entwickelten entfalteten zu
der befestigten ausgebildeten sich besonders bewußtwerdenden Gesinnung geht wie uns die
Entwicklungsgeschichte der Menschheit in den Beyspielen Abraham, Joseph, Moses, David,
der (Propheten) Seher, Johannes, Jesus und vieler anderen zeigt immer durch die Einkehr
Rückkehr zu und in die Natur hindurch, durch die innige Einigung mit der Natur. So auch
in meinem Leben. Immer aber bewährte sich der Satz als sich auch wie ein Lebensnerv
durch das Leben aller der genannten, wie durch das Leben aller derer hindurchziehend, welche die
Fortbildung der Menschheit mit Einsicht gefördert haben: Treue gegen sich selbst, d.h. gegen
das Wesen des Menschen was der Mensch sich nicht selbst gegeben hat aber das Bestehende,
Seyende des Menschen, also den eigentlichen Menschen selbst ausmacht, Treue des Menschen
gegen den Grund, die Quelle alles Seyns und alles Lebens, gegen Gott; Treue des Menschen
gegen das Göttliche, wo es ihm immer als ein einiges geistiges Wesen wenn auch in der Man-
nigfaltigkeit der Erscheinung, entgegen trete, also Treue gegen Natur und Menschheit als
ein innig einiges wenn auch in sich selbst wieder doppelseitiges Ganze, diese dreyfache in
sich wieder einige Treue führe den Menschen zu seinem Ziele zum Ziele der Menschheit; der /
[8]
Mensch erhalte sich so den Frieden in sich, außer sich und um sich, den Frieden mit sich selbst, in
sich selbst.
Doch die Gesinnung sucht sich, wie Ihr gewiß von Euch, meine Söhne! selbst wissen werdet
weil sie ja eben ihren Grund, ihre Quelle im Leben hat, ja eigentlich selbst nur Leben ist, mit-
zutheilen, und dieß um so mehr als sie einig, innig, lebendig, allgemein, erfassend,
durchdringend, - mit einem einzigen Worte liebend ist, wie Ihr wieder an Euch selbst,
besonders an Euern jüngern Genossen und ganz jungen Kindern sehen könnet. Die Gesin-
nung gleichet dem inneren wirkenden Wesen in einer Knospe, sie sucht sich frey zu machen,
gleichsam aufzublühen, auszuduften um sich so selbst zu verstehen selbst zu erfassen.
Alle ächte, lebendige, volle, durch ihren Durchgang durch die Natur in ihrer Allgemeinheit
und Allgenügenheit sich empfundene, sich gefühlt habende Gesinnung muß darum noth-
wendig wenn auch sich selbst noch auf das vollkommenste unbewußt hervortreten, sich
kund thun und aussprechen in einem erziehenden Streben, d.h. in dem Streben: wie sie,
wie sich der Mensch durch sie im Durchgang durch und in Einigung mit der Natur, - selbst
gefunden und erfaßt habe, so auch auf gleiche Weise dadurch andere sich selbst finden
zu machen, die so gesteigerte so eben wiederkehrend gezeichnete, zur eigenen Erfassung
nach Mittheilung strebende Gesinnung muß so nothwendig in dem (erziehenden) Streben
so wenig auch immer sich selbst bewußt hervortreten, sich aussprechen: - "die Menschen
(ihnen) sich selbst zu geben
."
So gieng es denn auch ganz mir und so trat meine innerste Gesinnung mir selbst unbe-
wußt hervor, sprach sich mir sogar so aus. Bald nun feyere ich den siebenundzwanzigsten Jahrestag dieser Zeit.
Wie nun aber, besonders von ganz gleichstrebenden Menschen nichts leichter erkannt
wird als die Gesinnung, so wurde auch meine erziehende Gesinnung von ächten Erziehern
leicht erkannt, und ich fand und erkannte mich selbst durch sie als Erzieher und wählte so
Erziehung wirklich zu meinem ausschließenden und so wieder auch mich selbst ganz er-
fassenden, ganz durchdringenden Lebensberufe.
Aus dem Leben in der Natur wurde ich eingeführt und sahe ich mich fast mit Blitzesschnelle ver-
setzt in das Leben der sogenannten Welt, aus dem Leben mit der Natur und den Naturgegen-
ständen in das Leben mit den Menschen und menschlichen Verhältnissen. Mit einem neuen
bestimmten meinem eigentlichen Berufe umgab mich auch eine ganz neue Welt; doch ich
- ich wußte dieß selbst noch nicht, ahnete es noch nicht, denn Menschen waren mir
nun eben Menschen und als solche Kinder Gottes und der Natur; darum meinte ich
gleichsam nur in eine höhere, sich bewußte und mich verstehende Natur einzutreten;
wo jedes mit Bewußtseyn nach Selbsterziehung strebt, andere erzieht, indem es sich erzieht
und umgekehrt. Allein anders ganz anders war die Welt als ich sie mir dachte; anders,
ganz anders die Forderungen derselben, als ich sie wähnte. Hier war es nun nicht und allem zu-
vor um eine Erziehung des Menschen zum Menschen und zwar zu dem bestimmten Men-
schen zu thun welcher der Zöglinge seinem bestimmten Wesen und der Gesammtheit seiner
Anlagen und Kräfte nach werden konnte und darum zu werden bestimmt war*,
* die, wie Ihr, Pflegesöhne einer solchen Erziehung! bis jetzt schon erfahren habt und im Fortgang Eures künftigen Lebens immer mehr erfahren werdet - die nicht nur der Würde des allgemeinen Menschenwesen[s] ganz genügt, sondern ganz namentlich auch zu jedem besondern Berufe und Verhältniß ganz geschickt macht.
sondern
um Erziehung zu und für einzelne äußerliche vorübergehende Zwecke und Verhältnisse
hier war es sonach nicht um eine entwickelnde Erziehung wie Ihr [sie] während Eures Lebens
in Euerm jetzigen Kreise Euch erfreut habt, d.h. nicht um eine Erziehung zu thun die den Zög-
ling das zu werden möglich macht, was zu werden der Zögling sich selbst möglich machen würde, wenn
er schon sein Wesen und die Gesammtheit seiner Lebensverbände selbst mit Bewußtseyn
überschauete, sondern es war zu thun um ein äußerliches Machen und Formen des Menschen
zu einer bestimmten äußerlichen Absicht, um darum in einer gewissen Beziehung nach einem
vorliegende[n] vorstehenden Bilde. - Da galt es denn nun ganz besonders was ich schon oben erwähn-
te Gesinnung und Vorsatz zur Überzeugung und That, diese beyden aber wieder zu Grund-
sätzen und Charakter zu erheben, daß daraus ein wahrhaft menschenwürdiges Wirken und /
[8R]
Schaffen mit klarem Bewußtsein hervorgehe.
Da fühlte und erkannte ich mich selbst wieder als einen der ersten der Erziehung bedürftigen
Zöglinge, als den geringsten zu belehrenden Schüler; da gieng ich wieder hin zu dem, welchen mein
Knaben- und mein eigenes Zöglingsleben mich als den ersten und größten der Menschenerzieher
hatte kennen lernen; da trat ich wieder zu dem, welchen meine Schülerjahre mir als den ersten
Meister zu lehren die Menschen gezeigt und ich in mir als solchen erkannt hatte und Er wurde
mir nun Freund und Bruder und beydes geeint indem er mein Führer wurde. Gesinnung
klärte und hob sich so an Gesinnung und bildete sich am Charakter zum Charakter; Überzeug-
ung stählte sich an Überzeugung und bildete sich an Grundsätzen zu Grundsätzen; die That
stärkte sich an der That und bildete sich am Wirken und Schaffen zum Schaffen und Wirken aus.
Um so als wahrer Freund und ächter Führer den empfangenen Beruf mich treu erfüllen zu
machen, zu bilden, zu erziehen nach den ewigen Gesetzen der Natur nach dem ewigen Gottes Willen,
durch Erfassung und Erkenntniß der Naturgesetze in Einigung mit Gott zu bilden und zu erziehen
die Menschen als treue Kinder der Natur und Geliebte des Vaters; so stieg Er, damit ich unter-
scheide das Gewordene vom Gemachten, um zu unterscheiden das Seyn von Schein, die Form und
Figur von dem Bilde und der Gestalt mit mir wieder zurück in die Natur, um mir in dem
großen Herz der Natur sein noch größeres lebenvolleres, in der großen Liebe der Natur
seine hingebende größere zu zeigen; Ihn zu schauen in der Natur und die Natur in Ihm
wie Er eins ist mit ihrem Schöpfer und dem Gottesgeiste durch den und in dem alle Dinge be-
stehen; denn nur ein Christenmensch, ein von der Einheit aller Dinge in Gott durchdrungener
alle Dinge aus Gott hervorgegangen, in Gott ruhend, lebend und bestehend, schauender Mensch
kann, wie Ihr das, meine Söhne! tief in Euch fühlet, nur das Wesen und die Bedeutung der
Natur erkennen.
Alle Lehre und alles Wort Jesu wurde mir in ihrer Wahrheit klar in dem klaren wahren Spie-
gel der Natur, Wahrheit lehrte sie mich trennen von Meinung, Weisheit von Klugheit, Ver-
nunft von Thorheit, Inneres vom Äußeren, Frömmigkeit von Frömmeley, das Leben von der Form.
Er der sich, um die Menschen nie von sich und ihrem hohen Zwecke und Ziele: Darlebung
reiner Menschheit, zu trennen fast nur ausschließend den Menschensohn nannte, Er zeig-
te mir, ließ mir so in der Natur schauen, was die Menschen wieder so, in inniger Einig-
ung mit ihrem Schöpfer, in Übereinstimmung mit der Natur als Gottes Werk, in Ein-
verständniß mit sich als Brüder als Kinder Gottes und Kinder der Natur, werden könnten,
werden sollten, wenn sie es nur wüßten, gewiß werden mögten, werden würden. Denn die
Eine Liebe waltet in Allem und durch Alles ausgehend von der Einheit - hindurchgehend durch
alle Mannigfaltigkeit um alle Einheit in ihr wieder zu finden und so von der gefühlten,
empfundenen Einheit durch die durchlebte Mannigfaltigkeit hindurch zu der erkannten, klar
bewußtgewordenen Einheit zurückzukehren, Liebe ist da die Richtung - Freude die Trieb-
feder - Friede das Gesetz aller Thätigkeit und alles Wirkens. Es sind dieß die drey
Grundrichtungen des sich selbst gefundenen, sich selbst erkannten, bewußt gewordenen
Menschen- und Menschheitslebens.
Daß ein solches Menschheitsleben als wirkliches Menschenleben endlich erscheine
{ersehnten/erstrebten} längst Viele. - In dem Streben nach Darstellung dieses reinen Menschheits-
lebens, sahe ich das Ziel und den Zweck aller Entwicklungs- und Durchgangsstufen der
Natur; - in dem Streben nach Darstellung dieses Lebens lösete sich mir der ganze große
und ernste Erziehungsgang auf welchen Gott das Menschengeschlecht bisher geführt hat;
In dem Streben nach Verwirklichung dieses Lebens erkannte ich nun das Streben des
ersten und größten Erziehers der Menschen; in dem Streben nach Darlebung und Ausü-
bung dieses Lebens erkannte ich mein erstes Knabenstreben wieder. - daß nun
Menschen die von gleicher Sehnsucht nach gleichem Leben, - durch gleiche Freude an gleichem
Leben getrieben, - deren Leben den Frieden als Gesetz sucht, - und deren Streben die Liebe die /
[9]
[Bogen E] Richtung giebt, für sich und für die die ihnen theuer und werth sind wie ihr eigenes Leben einen
Sammelpunkt fänden, weckte die Liebe, hieß die Liebe den erziehenden Kreis sprossen und
wachsen von welchem Ihr nun schon längere Jahre so liebende als geliebte, treue Glieder seyd.
Hatte ich nun aber schon früher wo ich nur Unterarbeiter am Erziehungswerke anderer war Mühe
Kampf und Streit gehabt wie viel mehr jetzt wo ich selbst eine Erziehungsanstalt in dem reinen und klaren
Geiste veranstalte, welchen ich früher nur noch unbestimmt und dunkel geahnet hatte, wie viel mehr
jetzt, wo ich eine eigene in sich selbst ruhende Anstalt hinzustellen suchte und hinstellte, zur Erziehung
des Menschen in Einigung mit Gott, im Einklang mit der Natur und im Einverständniß mit sich
selbst; eine Anstalt, die es sich zum Zweck und Ziele macht die große Aufgabe zu lösen: Darlebung eines des Schöpfers,
Gottwürdigen Lebens durch innig einiges Zusammenwirken Al-
ler als ein in sich stetiges, ungetheiltes Ganze.
Dennoch bestand und besteht diese Anstalt, sogar als ein Äußeres nun schon so lange, daß als das
jüngstverflossene Jahr sich neigte, sie den 15en Jahrestag ihres äußeren Bestehens feyern konnte;
denn die Lehren und Wahrheiten Jesu bewährten sich auch {jetzt/hier} in den innern und äußern, lauten
und schmerzvollen Lebenskämpfen, wie früher in dem Stillleben der Natur; das Leben und Beyspiel,
die Gesinnungen und Forderungen Jesu erschienen immer klarer und bestimmter als das was
sie sind: entsprechend dem Menschen, genügend seiner Bestimmung, und der Menschheit würdig;
wie hervorgegangen aus der ganzen Entwicklungsgeschichte derselben und im Einklange mit der
ganzen Naturentwicklung, so in Übereinstimmung mit den Selbstwahrnehmungen des Menschen
sich dadurch findend und erkennend als Glied der Natur und der Menschheit wie als Kind Gottes;
also entsprechend, genügend und würdig: des Menschen in seinem dreyfachen Einigseyn, in seinem
Einigseyn mit Gott; mit der Natur und mit der Menschheit; als alles hervorgegangen aus Gott,
und einig in Gott. Wie denn überhaupt die dreyfache Kund- und Offenbarmachung des Einen
in sich einigen Göttlichen sich stets als der Grund- und Prüfstein aller Erkenntniß, sowie als
die Richtschnur alles Handelns bewähret.
Immer mehr that sich so auch in unserm erziehenden Leben, was Ihr, treue und achtsame Pfle-
gesöhne desselben wohl in Euch und Eurem Leben selbst wahrgenommen habt - das stille
Walten und Wirken eines großen, einigen, geistigen Lebens kund, als das stille Walten und Wirken
des einen Gottes Geistes der in allen Dingen lebt und in welchem alle Dinge leben und bestehen
auch der Mensch nur lebt und bestehet; welches klare Wahnehmen und leise Beachten dieses alles
durchdringenden göttlichen Wirkens und das stetige Nachleben nach demselben im Einzelnen -
wie im Gesammtleben Jesus als eine frohe Kunde, fröhliche Nachricht verkündigt, verkündet
als die Zeit der erkannten Wirksamkeit des Göttlichen in allem und durch alles und eines damit ganz
in Übereinstimmung stehenden Lebens. Dieses so lebendig empfundene als klar erkannte Wirken
des einigen Gottesgeistes in Allem vergeistigte - wie die Erscheinungen der Erde, so die Erscheinungen
der ganzen Natur, erhob das Erdenleben gleichsam zum Himmel und lehrte das geistige, gött-
liche Wirken in den äußeren und einzelnen Erscheinungen der Natur und des Menschenlebens
schauen, senkte so gleichsam den Himmel zur Erde, kundmachend überall und in allem den
Einen Zwecke - Darlebung des Göttlichen; kundmachend der Menschen und der Menschheit
Beruf und Bestimmung: Darlebung des Göttlichen in allem, mit Bewußtseyn als ein Gemeinsames.
Also nicht nur die Erkenntniß des höchsten menschlichen Lebens, als des religiösen Lebens, als einen
Gesammtzweck, sondern auch die Ausführung dieses Lebens als die gemeinsam zu lösende Gesammtaufgabe.
So sahe ich sich nähern die Zeit der innigen Geistes- und Menscheneinigung, den Geistes- und
Menschheitsbund, zu welchem Er in den Menschen das Bedürfniß wecken, zu welchem Er die
Menschen führen und welchen Er den Menschen zum Bewußtseyn bringen wollte, den Er
eben als einen Bund, eine Einigung, wo nur der Geist gebiete, der Geist Gottes welcher in alle
Himmel und durch alle Himmel reicht - das Himmelreich nannte d.h. ein Reich in welchem
nur das Innere, das Klare und Reine, das Wesen, der Geist herrsche. Dieses Erscheinen auf
der Erde und im All, nannte er auch noch das Gottes Reich, das Reich Gottes, d.h. das gleich /
[9R]
lebendige Durchdrungenseyn von dem Wirken Gottes in Allem, das sich selbst davon durchdrungen
fühlen, als klares Schauen desselben - und ein darum gesichertes, festes Wirken darnach und da-
rinne mit Selbstwahl und freyer Selbstthätigkeit, Selbstbestimmung.
So erfüllte sich mir nun mein Knaben Ahnen, mein Jünglings Glauben, mein Mannes
Schauen und mein sehnendes, suchendes Streben durch mein ganzes Leben, welches Ihr Euch meine
geliebten Söhne nun alles theils aus den vorstehenden Lebensandeutungen, theils aus den Wahr-
nehmungen in Euern eigenen Innern und Leben während der mehreren Jahre in welchen Ihr mein
Leben, das Leben meines und unseres Kreises als innig einige Glieder desselben theiltet – zu-
rückrufen möget; und so könnet Ihr ahnen und in Euch selbst wahrnehmen mit welchen Ge-
fühlen und Empfindungen ich immer das Fest der Confirmation unter Euch und mit Euch
mit welchen Hoffnungen und welcher Freudigkeit mit welchen Gesinnungen und Gedanken
ich nun besonders in diesem Jahre wenn auch von Euch entfernt dieses Fest und das Fest
der innigen Einigung mit Jesu, das Fest der heiligen Communion überhaupt das Fest der höchsten
Geistes- und ewigen Lebenseinigung zum höchsten geistigen und ewigen Lebenszweck - mit
Euch feyern mußte.
Euch, meinen theuern Söhnen! das Vorstehend nun, diese innersten Lebensmittheilungen zur innig-
sten Mitfeyer Eures höchsten Lebensfestes auszusprechen, war nun wohl Bedürfniß und For-
derung meines Euch liebenden auch nach des Lebens Gemeinschaft mit Euch sich sehnenden Herzen[s] wenn
auch schon in steter geistiger Gemeinsamheit zur Erreichung des höchsten Lebenszweckes mit
Euch lebenden Gemüthes; es war mir aber noch weit mehr als nur Bedürfniß und Forderung
meines Herzens was mich zu diesem Briefe zu diesen Lebensmittheilungen bestimmte, es
erschien mir als hohe, unerläßlich gegen Euch zu erfüllende Pflicht; denn wie und wodurch
soll auch, selbst die edelste und beste Jugend, durch alle die zu durchlaufenden Euch vielseitig ange-
deuteten Lebensstufen sich zu dem ihnen entsprechenden und genügenden Leben und Wirken
erheben als an der Hand des erfahrenen Mannes, als durch Mittheilung der Ergebnisse dieser
Erfahrungen zur Selbstprüfung im eigenen Gemüthe, zur Selbstprüfung am eigenen Leben
was ja selbst Gott durch die Natur so bestimmt als seinen Willen kund thut, indem
er jedem Kinde, jedem Sohne und Jüngling einen erfahrenen Mann zum Vater gab
einen das Leben, des Lebens sich bewußtgewordenen Vater, zur Vermittlung zwischen ihm und Jesu, wie
er den, das Leben in sich tragenden Jesum, zum Vermittler gab zwischen den Menschen und
Gott, wie dieser als Vermittler zwischen beyde trat. -
Ihr, meine Geliebten! habt aber als sehr eigene Lebenserscheinung fast sämmtlich keinen
Vater mehr - Gottes Wille, dessen hohe Weisheit sich Euch einmal kund thun wird, fügte es
so - mich dagegen gab er Euch zum geistigeren, zum Pflegevater, Euch gab er mir zu liebenden
treuen geistigeren Söhnen, zu Pflegesöhnen, denn dieses geistigere, pflegende Verhältniß
macht nothwendig auf ein höheres geistigeres Bewußtseyn Anspruch, wie es dasselbe auch be-
wirkt, entwickelt und fördert.
So nun erfüllte und erfülle ich denn am heutigen Tage diese meine höhere und höchste Va-
terpflicht gegen Euch, meine Pflegesöhne, Euch meine so tiefsten und innigsten als feste und
ewigen Überzeugungen auszusprechen, damit ich Euch so durch Euer ganzes Leben hindurch
und zur Erreichung Eures höchsten Lebenszweckes, zuführe Ihm dem Heile Aller,
Euch zum Heile, zum Heile aller derer die Ihr schon Euer nennt und einst Euer nennen werdet.
Denn Er ist das Heil, wie in Ihm, der das ganze Wesen der Menschheit in Vollendung
in sich eint und darlebt, nur Heil ist und Er nur zum Heile führt d.h. in seiner Gesinnung,
im und durchs Erwecken Seiner Gesinnung in sich, im und durch das Festhalten und Ausübung
seiner Gesinnung im eigenen Leben; Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben
und führt den zur Wahrheit und zum Leben der Ihm folgt. - - -
Fraget Ihr nun, meine Söhne! wie wohl, weil es in der Sache selbst liegt, zu erwarten
ist, nach den einzelnen, äußeren Erscheinungen dieses meines, Lebens in Beziehung auf seinen /
[10]
höchsten Lebenszweck Euch, wenn auch nur andeutungsweise vorgeführten Lebens, so
findet Ihr, wie ich oben, gleich zu Anfang dieser Vorführung darauf hinwies den Grund-
riß davon in den, wie ich sie nannte, drey Grundsteinen meines Lebens, welche demselben
gleichsam mein erster Eintritt in die Schule, meine Schulzeit in der Dorfschule legte; wie
es noch jetzt wohl der Gebrauch ist, daß man bey aufzuführenden großen Gebäuden in das
Innere der Grundsteine derselben unter mehrerem anderen, der Nachwelt wohl zu wissen
Wichtigen, auf den Fall daß entweder der Bau nicht vollendet oder derselbe zerstört
werden sollte, auch einen Riß des aufzuführenden Gebäudes legt. Diesen Grundriß, oder
wenn Ihr ihn lieber so nennen wollt Aufriß meines Lebens findet Ihr nun besonders
in dem einen der drey Euch genannten Grundsteine, in dem angeführten Liede des Euch
bekannten Rudolstädter altem Gesangbuche: "Es kostet viel ein Christ zu sein." -
Habt Ihr nun dieses Lied noch nicht nachgelesen, so thut es jetzt, es wird Euch nun doppelt
bedeutungsvoll seyn.
Es war nun in meinem Leben wirklich so wie das Lied sagt und wie ich Euch schon
oft hier aussprach, ich mußte in meinem äußern Leben besonders viel Druck, Kampf
Schmerz und Noth ertragen und glaubte ich eine Schwierigkeit ein Hinderniß wäre besei-
tigt und überwunden, gleich stand wieder ein neues und größeres vor mir da; ich that viel
viel Mißgriffe und erlitt dafür viel Strafe, denn ich mußte alle mir nur bekannten Irr-
wege des menschlichen Lebens und alle Lebensansichten um sie in ihren Wesen und Folgen
kennen zu lernen, selbst durchleben, weil viele davon mir als Lichtwege entgegen ge-
führt und gezeigt wurden mir aber fast alle als die wahren Lebenswege entgegen traten;
damit ich kennen lernte Weltsitte, Weltlehre, Weltlockung, daß ich unterscheiden lerne
den Kern von der Schaale, das Lebenvolle von dem Lebenleeren; damit ich besonders un-
terscheiden lernte Weisheit von Klugheit, Vernunft{einsicht/leben} von Verstandesansicht, Ver-
nunftleben von Verstandestreiben, Frömmigkeit von Frömmeley u.s.w. Doch wie gesagt
wie ich viel mißgieng und mißgriff so wurde ich viel gestraft, um frühe, vom ersten Auf-
funken und Aufblicken meiner Denkkraft selbst denkend gehen zu lernen den Lebensweg
des Menschen. Mit kurzem Worte [:] die Welt verfuhr mit mir wie wohl Erzieher
mit ihrem Zöglinge, sie strafte mich um die Fehler die ich von ihr annahm, ja sogar
für die von welchen es nur den Schein hatte daß ich sie von ihr annehme, sie die Welt
strafte mich um so empfindlicher als sie ihr eigen Bild sich selbst in mir zu erblicken
meinte, sie strafte mich auf der andern Seite mich wieder um so rücksichtsloser, als sie
vorher gemeint hatte, ihre Wege würden die meinen seyn, und sie nun unzweydeutig
sehen mußte, daß ich nur die Wege der Wahrheit, der Klarheit und des Friedens wan-
deln wollte. Ganz vor allem aber muß ich Euch das aussprechen: wie ich mich, von
dem wiederhallenden Geschrey vom Markte des Lebens angesteckt, die Angst des Lebens,
die Angst des äußeren Bestehens ergreifen ließ, und mich an Fremdes, Äußeres fest-
hielt, eben um zu bestehen um nicht zu fallen, da sank ich eben, sank durch das Fremde
und das Äußere an welches ich mich kaum anlehnete weil ich glaubte es achte und ehre
das Innere, und nur das Festhalten des Innersten Eigensten selbst und am Innersten
Eigensten konnte mich vor dem Fallen schützen. Wie ich mich von dem Geschrey
der Thoren die Weise und Erfahrene seyn wollten, bethören ließ, erfaßte ich den
Schein und ich würde in das bedeutungslose Leere gefallen seyn, hätte mich nicht das
Wissen im innersten Sein wieder hoch über das Nichtige empor gehoben, empor-
gehalten. Darum war das Strafen der Welt für mein oft nur leises, oft von mir
sogar selbst kaum beachtetes Hinhören auf sie; für mein, wenn auch oft nur leises
Beachten ihrer, ihr rücksichtsloses Strafen dafür das Beste was sie thun, das Heilsamste
und Seegensreichste was mir geschehen konnte was aber sie freylich dadurch mir kei-
nesweges reichen, keinesweges verschaffen wollte; denn um so wandelloser hielt /
[10R]
ich auch nun die eigne eine Gesinnung fest die mich nie verlassen und mich auch zu dem Punkte
geführt hat, von welchem ich nun den Weg zum Ziele der Menschheit klar, für mich zweifellos und unzwey-
deutig vor mir liegen sehe; wenn auch der Weg - wie ein früheres Natur- und Lebensbild (ihn mir), kurz
vor dem Betreten desselben als besondern Berufs- und Erzieherweg ihn mir zeigte - oft scheinbar verwor-
ren im Äußeren, das Ziel in der Wirklichkeit oft verdeckt ist , doch ist im Innern der Weg klar und gerad
und licht und unverdeckt <dageeint> leuchtet daselbst das Ziel steht.
Viel hat sich, meine Söhne! wie Ihr aus dieser Lebensdarstellung, wenn Ihr sie auch nur mit Euern Lebenser-
fahrungen vergleicht in den Lebensformen in Beziehung auf Lebensweg und Lebensziel seit den mehr
als 30 und 40 Jahren geändert, seit ich denselben denkend betrat mit Bewußtseyn zu diesem Ziele strebte;
die Formen sind lockerer geworden, der Weg undeutlicher, das Ziel verschwimmender, doch das Wesen und
der Geist des Lebens bleibt, (: von den verschiedenen gleichnamigen Entwicklungsstufen aus selbst der äu-
ßeren Erscheinung nach : ) in seinem Wege und Ziele wandellos in sich, wie das Leben in sich selbst ewig ist.
Je mehr nun aber die äußeren Bande und Formen des Lebens – ( : wegen der jetzigen Fortschreitung
des Menschengeschlechtes oder vielmehr der ganzen Menschheit zu einer neuen Entwicklungsstufe :)
jetzt schwinden, um so mehr muß - eben als erste Forderung der zu erringenden neuen Menschheits
stufe - der ewige innere Geist desselben festgehalten werden, um so mehr muß das geistige Band
des Geistes, das sich Hingeben an den gleichen ewigen Geist des Lebens, an Gottesgeist wie er sich
in uns und um uns kund thut innig seyn; weil die Formen den Menschen nicht mehr halten und bin-
den, um somehr muß der Geist den Menschen in sich und mit dem Bleibenden, Ewigen in den Men-
schen und der Menschheit einen.
Darum aber, weil dieser der Lebensweg zum Lebensziel, indem keine äußeren Schranken ihn mehr
so scharf außer uns bezeichnen, schwieriger zu finden, schwieriger zu gehen ist, so laßt uns den Weg
um so klarer und sicherer in uns und zum Voraus schauen, das Ziel um so fester in uns im Auge be-
halten und sinnend bey dem Wechsel der Formen nie das bleibende, ewige Wesen aus dem geistigen
dem Seelenauge verlieren, damit wir so gemeinsam des Lebens wandelloses Ziel sicher erreichen.
Und es wird gewiß erreicht dieses Ziel, wir selbst werden es gewiß erreichen, je inniger nur
das Festhalten der einen einigenden Gesinnung, je reiner die Klarheit des Gedankens und
je kräftiger, unfehlbarer die Wirksamkeit des Handelns, so wohl eines jeden Einzelnen
für sich als der Gemeinsamheit zusammen genommen seyn wird und je inniger sich alle drey [:] Gesinnung, Gedanke, Handeln in dem Einzelnen wie in der Gesammtheit zu Einem darstellenden Leben
durchdringen, je klarer und inniger dieser dreyeinige Bund.
Möget Ihr darum, meine theuern Söhne! zur zweifelslosen Sicherwerdung auch Eures Lebensweges
zur lichten Klärung auch Eures Lebenszieles nun die Wahrheit dessen was Euch in diesen Tagen
die Kirche lehrte, die Wahrheit dessen was fünzigjährige Lebenserfahrung Euch hier aus-
sprach an der Wahrheit dessen, was Ihr in Eurem eigenen Gemüthe wahrnehmt und immer klarer
und bestimmter durch Euer ganzes Leben hindurch finden und erkennen werdet - prüfen: dieß Euch
zu einem dreyfachen in sich einigen, sich nicht widersprechenden Beweis; denn Ein Gottes Geist ist
es, der in Allem, Alles wirkt. -
Mögen wir uns, meine Söhne! nun auf diesem Lebenswege noch oft begegnen, oder uns doch ge-
wiß einst, und dieß um so freudiger und friedvoller am Ziele der Menschheit wieder finden
als uns alle das Bewußtseyn zu einander leitet: für Erreichung dieses Zieles treu gearbeitet
die Darstellung des höchsten allgemein menschlichen - des religiösen Lebens - als gemeinsa-
mes Werk und als treue Söhne und Glieder der Menschheit mit Hingabe und Treue ge-
fördert zu haben.
Daß dieß Bewußtseyn auf Euerm ganzen Lebensweg Euch Freud und Friede, uns aber
gegenseitig beym einstigen früheren oder späteren Wiedersehen zu unser aller unver-
gänglichem Heil und Seegen, ungetrübt entgegen leuchte, dieß erflehet besonders am Tage
Eures höchsten Lebensfestes von Gott unser aller Vater Euer, wenn auch jetzt äußerlich von
Euch getrennter doch zu gemeinsamer Lösung der Lebensaufgabe im Geiste mit Euch
treugeeinter Pflegevater und Seelenfreund FriedrichFröbel.
(: Geschlossen am 6en Tage im Monat des prüfenden Wechsels 1832 :)

[Randnotiz] Meine Geliebten! Eben, da dieser Brief abgehen soll, empfange ich Eure letzteren Briefe an mich. Eure Bitte und Sehnsucht bewegt innigst mein Herz. Aber wie Gott guten Kindern Ihre künftigen Wünsche schon zum Voraus erfüllt und in einem Maaße wie sie es gar nicht denken, so ist auch hier Euer Wunsch und Bitte auf eine so vollkommene Art erfüllt 1.
[10]
[weiter Rand 10] 1. daß ich selbst nicht einsehe wie es besser möglich war, denn ich bin hier wenn auch nur äußerlich schriftlich doch mit einer solchen Ruhe und Vollständigkeit zu Euch gekommen als es bey meiner Gegenwart in Keilhau nimmer möglich gewesen wäre. Macht Euch dieß recht deutlich, und seyd dankbar gegen 2.
[9R]
[weiter Rand 9R] 2. Euren Vater im Himmel, der es so fügte. Ist Euch dieser Brief lieb, so macht Euch Auszüge daraus in so weit er Euch jetzt klar ist. In Keilhau kann man den Brief selbst bewahren, und so kann er Euch mit dem Fortschritt Euerer Einsicht nach und nach ganz mitgetheilt werden, damit Ihr nicht etwa durch mein Wohlmeinen 3
[9]
[weiter Rand 9] 3. sonst zu frühe mit Euch oder anderen in Widerspruch kommt. Ich mußte jetzt so schreiben, weil ich auch für Eure Zukunft schrieb. Eure Freunde und Erzieher werden Euch schon erklärend und helfend zur Seite stehen. Am Palmsonntag bin ich mit gesammeltem Geist und Gemüthe bey Euch und drücke Euch seegnend an mein dem Höchsten geweihetes Herz. .-.
[1]
[Randnotiz 1] Daß Du mein, mir sehr lieber theurer Adolph Müller auch unter der Zahl der dießjährigen Confirmanten bist erfahre ich jetzt erst da dieser Brief abgehen soll durch Deinen lieben Brief; ich freue mich sehr darüber; ich hoffe, Du verstehst mich vielfach in diesem Briefe welcher nun auch für Dich mit geschrieben ist. Gottes Seegen sey mit Dir jetzt und immer.