Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an >Keilhauer Gemeinschaft< v. 6.4./7.4.1832 (Wartensee)


F. an >Keilhauer Gemeinschaft< v. 6.4./7.4.1832 (Wartensee)
(KN 37,3, Brieforiginal 2 B 4° 8 S.)

Wartensee am 6ten Tage im Monat des prüfenden Wechsels
1832



Meinem lieben Haus in Keilhau
des jetzt ringenden Geistes der Menschheit Gruß zuvor.

*
*     *
Eben als ich gestern mit dem beyliegenden Briefe für unsere lieben
Confirmanden zu Ende war, kam für mich auf das höchste überraschend
Eure gar freundliche Sendung vom 18en März an (: Sie ist wieder über
Frankfurt und also nahe 3 Wochen gegangen :) Was soll ich Euch wieder für
diesen neuen Beweis Eurer Liebe und Treue sagen und wie soll ich es
jedem Einzelnen von Euch aussprechen? – Ich weiß es zwar recht
gut daß es eigentlich dem Geiste der Menschheit der sich jetzt über[-]
all und in allem regt [entspricht], doch wendet Ihr Euch mit den Beweisen
Eurer Liebe und Treue gegen denselben an mich und so bin ich Euch
auch dafür meinen Dank schuldig. Jedes wahre Gute lohnt sich aber
durch die Wirkung die es hervorbringt und durch die Früchte die es trägt,
so empfanget denn zum Dank für Eure Liebe und Treue die Mittheilung
der Wirkung und der Frucht Eurer lieben Gaben in meinem Innern
in meinem Leben. – Ihr wißt – und Ihr bekennt [sc.: bekommt] – wenn Ihr Euch
anders den Antheil daran der Euch allen zugedacht ist, aneignen
wollt – in der Anlage dafür wieder einen neuen Beweis dafür
wie ich nicht nur die erste Zeit, ja den ersten Augenblick mei-
nes erscheinenden Lebens auf der Erde sondern auch die ganze
Dauer desselben mit der größten Klarheit und Selbstbewußt-
seyn zu erfassen mich bestrebe. Aber eben so beschäftige ich mich aber
auch viel damit, den letzten Augenblick meines irdischen Lebens
mit größter Klarheit voraus zu sehen. So suche ich besonders
jetzt – wie dieß auf den verschiedenen Geistesstufen immer
wenn ich bestimmten neuen Geistes- und Lebensentwicklungen, gleich-
sam wie neuen Lebensgeburten entgegen gieng der Fall war -
mir die nothwendigen Erscheinungen des Menschentodes recht
klar bekannt zu machen, so daß ich ihm wenn er mir einmal [naht]
eben so klar, bestimmt ruhig und hoffnungsgewiß wie seinem Bruder
dem Schlafe entgegen gehen könne, und ich habe darinne schon einige
mich sehr befriedigende Erfahrungen gemacht. Zu diesen gehört denn
nun auch die welche mir Eure jüngste Sendung bey immer größerer /
[1R]
Durchdringung der in ihr ruhenden Liebe und Treue und vor allem des
wahren und ächten Menschheitsgeistes – bringt: Es ist die, daß ich
nun jeden Augenblick freudig und in Frieden sterbe indem ich nun
das Bewußtseyn in mir trage daß die Keime ächten Menschheits-
lebens, welche ich durch mein ganzes Leben hindurch im Menschengemüthe
wecken und pflegen wollte, nun wirklich nicht nur in einem einzigen
sondern in einem ganzen Kreis strebender Menschen nicht nur
geweckt sondern durch hohe Gesammtpflege so ganz in sich er-
starkt, ja sich seiner schon so selbst bewußt geworden ist, daß
man die ganze rüstige wackere Welt nun glaubens- und ver-
trauensvoll in der von ihr, in ihrer Wahrheit und Wichtigkeit
erkannten dreyfachen Einigung sich selbst zur Fortentwicklung u
Fortbildung überlassen kann.
Also diese wichtigste Erfahrung von Lebenserfahrungen, dem Lebens[-]
ende in jedem Augenblick ruhig und freudig entgegen sehen, in jedem
Augenblick sterben zu können, nicht mit Verzichtleistung, sondern
mit sicherem Bewußtseyn und Schauen des Erreichten Lebenszieles
diese Lebensfrucht hat mir Euer Aller jüngste Sendung gebracht.
Möge diese Frucht, die ich Euch hier freudig in Euern Schoos lege, Euch
ein friedlicher Dank für Euer aller wiedergekehrten Lieben Gaben seyn.
Denn sterben muß der Mensch können, um seiner selbst willen
nicht mehr zu leben muß der Mensch können um wahrhaft
leben zu können, darum leben ächte Kinder und wahr[e] Greise
wahrhaft weil sie in jedem Augenblick sterben können ohne
Angst und ohne Furcht, wenn den ersteren nicht die Umstehenden
Furcht einimpfen. Kinder sterben so ruhig wie sie ruhig beym
und nach durchlebtem Spiel einschlafen. Leben und Tod ist die Pathen
Gabe
( Du lieber Bruder wirst es erklären) welchen die Menschheit jedem
Menschen reicht: - Schrift und Kopf oder Schrift und Wappen sind unzer-
trennlich; der den Thaler haben will muß beyde wollen wie der
der Mensch seyn will immer gleichzeitig Leben und Tod [ist.] Leben und Tod
sind Eins wie Lieben und Tod. Mit dem ersten Blick der Liebe sieht
uns auch der Tod ins Gesicht, wir wissen es nur nicht, und weil
es so wenige wissen, so wissen und verstehen auch so wenige zu lieben.
Und somit auch hier vom Tode durch die Liebe zurück ins Leben.
Was ich jetzt Euch vom und über das wirkliche Leben sage, laßt Euch /
[2]
nicht wundern: Ihr strebt in allem nach Wahrheit, Wahrheit zu hören
also müßt Ihr auch stark genug seyn sie zu hören, und so komme ich
denn Euch kurz und bestimmt meine Überzeugung vom Leben und
seiner Forderung auszusprechen und Euch unumwunden zur ruhigen
Prüfung vorzulegen. – Meine tiefste Überzeugung ist nun diese: -
Dem reinen Stand und Forderung der großen Gesammtlebensverhält-
nisse nach müßte eigentlich das ganze erziehende Keilhau für
diesen Sommer oder wenigstens für einige Monate nach
Wartensee; dieß ist eigentlich die bestimmte und klare Forderung
des Gesammtstandes aller Menschheitsverhältnisse in der jetzigen
Zeit. – Doch die Wirkung davon würde nach sehr vielen Seiten
hin davon viel zu groß seyn die Menschen würden sie viel-
seitig nicht ertragen können; auch scheint dieß gegen das Bestehen
von Keilhau zu seyn. Also von der Ausführung der reinen Forderung
muß abgestanden werden, wie das überall im wirklichen Leben
ist, aber keinesweges von der Ausführung der Sache an sich, diese
muß fest gehalten werden. Also zweyten[s:] von Keilhau müssen
für den nächsten Sommer u so bald als nur möglich so viele
nach Wartensee kommen als sich nur ausführen läßt.
Und wenn nicht auf einmal, doch auf zweymal. Die Er-
füllung dieser Forderung ist nach jeder Seite hin und beson-
ders für das Ziel und den Zweck von Keilhau so hoch wichtig
daß wer nur an der Forderung dem Ziele und Zwecke des
Keilhauer Lebens sey es für den Gedanken oder für eine Per-
son irgend ein Interesse nimmt sey es für jetzt oder für die Zukunft
für die Ausführung dieser Forderung sorgen muß; denn die
ungestöhrte naturgemäße Fortentwicklung Keilhaus hängt da-
von ab, von Wartensee als Wartensee ist dabey und braucht
dabey gar nicht im mindesten die Rede zu seyn. Es handelt sich hier
nur von der Ausbildung und Fortentwicklung des Gedankens; aber
hier in und um Wartensee ist auch alles dazu so vorbereitet wie
ein gutes Gartenbeet im Garten zur Saat von der lieben Schw: Hand.
Es ist also hier ebenso wenig von einer Erweiterung, oder Aus-
dehnung die Rede als bey einer Knospe die blühet; es handelt
sich nur um das Ansetzen die Frucht im Innern. Keilhaus
Leben fordert nun – sollen die darinn angesetzten Körner ihre /
[2R]
ganze Fülle und Vollkommenheit zur weiteren Aussaat be-
kommen, [-] so bestimmt des hier angedeuteten Gedankens, daß
die Sorge dafür und mit der größten Wichtigkeit als eine
Regierungsangelegenheit hingestellt werden könnte. Doch
dieß fällt mir nicht ein allein ihr theilt mir so viel von
eingehenden Freunden der Anstalt mit, sind es nun wirklich wahre
Freunde und haben sie den Zweck u das Ziel Keilhaus für sich oder
die Ihrigen zum als den ihrigen gefunden, so muß mit diesen die Sache
auf das ernsteste und bestimmteste berathen werden. Wer von
Keilhau kommt, wie viele von Keilhau kommen, das überlasse
ich Euch so wie überhaupt die Prüfung des Gedanken[s] selbst ganz
Eurem Geistesauge: ich habe uneingeschränktes Zutrauen
deßhalb in Euch. Nur muß ich Euch nach meiner Überzeugung den
Vorschlag tun. Auf Barop kommt nun zuerst der Blick als Gast
in Wartensee zurück, denn an das Mannesleben muß des Mannes
Leben, wie Stein an den Stahl schlagen, daß es Funken gebe, für
Zunder oder Schwamm wird schon gesorgt werden, ich glaube,
schon gesorgt seyn; diesen kann Felix als Zögling begleiten; er hat noch
viel zu lernen u kann hier alles lernen was er zu lernen hat; das
heißt mit kurzem Wort ächte Vorschule fürs Leben in Mathem[atik] u
Naturbetrachtung, denkt an Leopold an Wilhelm: auch zur Ertrag-
ung nicht allein sondern zur Würdigung der Welt wie sie ist; so bald ich
kann schreibe ich an die Fr: v. Arnim. Ihr könnt ja aber auch schreiben,
Ihr habt hier Fingerzeige u aus dem Leben Erfahrung genug. Diese beyden
suchen nun vorerst möglichst bald die Reise mit den dazu nöthigen
Mitteln auch für den hiesigen Aufenthalt auszuführen. Mit dem
Titus würde sich bey der ersten Überkunft die Reise wohl nicht
möglich machen lassen; gieng es nun umso besser. – Den Wilhelm
Fröbel und die Elise lasse ich auch bei der ersten Reise weg weil
beyde sie nicht zu Fuß machen können. Wer überhaupt auch bey der
zweyten Reise seyn könnte bleibt Euch gänzl[ich] überlassen. – Elise
hebe ich hervor weil ich der hinlängliche Musik und Gesang zutraue
um unsere ersten Musikbedürfnisse die nur im Einüben ein- und 2-
stimmiger Lieder mit Hilfe eines Instrumentes, besonders für Mädchen
bestehen würde zutraue. Die Doctor Becker in Offenbach lehrt in der
Anstalt ihres Mannes einzig den Gesang und die Knaben sangen wacker. /

[3]
Am 7en Tage des benannten und sich hier gleich bestätigenden Monats.
Ich wollte gestern Abend, wie Ihr an den vielen Randanmerkungen
seht dieses Blatt abschneiden, ließ es aber mit Bedacht daran. Und
nun scheint es mir wichtig zu benutzen um Euch eine wenn auch an
sich kleine doch der innersten Bedeutung nach gewiß sehr zu beach-
tende Lebenserscheinung mitzutheilen. Gestern schrieb ich Euch
doch wie die Briefe der Keilh. Kinder an die hiesigen Schüler soviel
Freude gemacht hatte und wie der eine als ein gegenseitiges Friedens-
band es mit recht ansahe. Heute sehe ich nun statt Frieden Krieg, denn
um kurz zu seyn, die Eifersucht oder wie ich Euch schon früher schrieb der
Ehrgeiz fühlt sich beleidigt. Ihr habt in diesen zwey Tagen die Ge-
schichte Keilhaus. Ich glaubte, Frieden zu bringen, und brachte Krieg
wie die lieben treuen Keilhauer Zöglinge jetzt empfangen und wodurch? –
Dadurch daß ich nicht sogleich und gleichzeitig das Ganze er-
heben und tragen konnte. Denkt dieß weiter durch es ist höchst
wichtig in seinen Folgen und lehrreich für uns jetzt und für mich hier
in Wartensee werden ganz besonders in Beziehung auf das was ich gestern
schrieb. Soll Wartensee in seiner größeren Wirksamkeit in sich
und außer sich nicht wieder wie Keilhau statt Frieden Krieg brin-
gen, so muß ich die große Sorge tragen das Ganze was hoffend
und wünschend u.s.w. auf Wartensee
sieht zu erheben, zu tra-
gen; theilt nun Ihr, das Keilhauer Haus, ganz das hiesige Leben und
Streben, so muß es hierinn in diese Forderung eingehen. Mein
Haus in Keilhau muß sich beeifern die Erwartung um mich mit
mir zu erfüllen; d.h. wir müssen hier als ein ungetheilter [sc.: ungetheiltes]
zu erheben wie zu tragen hinlänglich starkes und kräftiges
Ganzes erscheinen. Wandellos in uns selbst ruhend dastehen
Nichts von Niemand fordernd und erwarten, daß Jedermann
sein Urtheil so frey bleibe wie Barops Urtheil in Keilhau
frey blieb und kurz also wir müssen gegen die große Umgeb-
ung dastehen wie ich und Keilhau früher gegen Barop.
Wenn es durch die Gesammtheit der Lebensverhältnisse und
durch die Verschiedenheit der Lebensansichten nicht möglich seyn
sollte und werden könnte, daß Keilhau in meine Vorschlä-
ge beachtend eingehe, so müßte ich auf das höchste meine /
[3R]
Kraft hier conzentriren, um aus und durch mich ganz al-
lein zu erreichen was nöthig ist. Denn was ich begonnen,
muß ich durchführen, ich muß Wartensee durchführen
damit ferner jede Trübung von Keilhau, das jetzt so klar
dastehende Keilhau entfernt bleibe. – Das Nichtdurchführen
von Wartensee würde nachtheilig auf das Bestehen von
Keilhau, das Nicht Zielerreichen in Wartensee, nachthei-
lig
auf das Zielerreichen in Keilhau wirken.
Ich hoffe Ihr versteht mich; erscheine ich Euch persönlich
so vergeßt nicht daß ich nicht immer die Zeit habe es in seiner
großen unbezweifelbaren Allgemeinheit durchzuführen.
Erinnert Euch womit ich so bedeutungsvoll die eine Schrift schloß
Was persönlich ausgesprochen worden, prüft und
beachtet der Allgemeingesinnte. (Durchgreifende Erziehung)
Ihr seid so klar und rein da stehende Allgemeingesinnte,
erhaltet Euch in dieser Eurer Reinheit.
Nun noch eins. – Leodegar Bachmann ist ein wackrer
Jüngling, ihm kann einmal wohl einer schreiben, guter Zeichner
in schriftlichen Aufsätzen sich Mühe geben[d], von einem klaren
Erscheinen im Leben - Christina Siegrist ist die wacker-
ste in den schriftlichen Aufsätzen, Charaktervoll u gediegen
im Leben, im französischen so wie in allem die größte Mühe
gebend. Ich habe gedacht Elise könnte ihr einmal ein Paar
Worte schreiben, vielleicht ans Französische anknüpfend
so wie dort Johannes ans Zeichnen anknüpfend. Melchior
Bühlmann
ist von Charakter und Leben vielleicht am ähn-
lichsten dem Adolph Müller. Auch Ferdinand Weißer dünkt
mich wäre ein guter Genosse für ihn; er ist wacker fast in
allem giebt sich Mühe im Schreiben, Zeichnen, Sprachübungen
Lesen und nur selten muß ich ihn in dem Unterrichte ermahnen.
Nun lebt nochmals wohl bald mehr. – Schreibt auch mir recht
bald. Ich halte es für gut wenn vielleicht nach dem Bedürfniß und
dem Verständniß, dem Verhältniß eines jeden der Confirmanden
bey den meisten nur Auszüge aus dem großen Brief gemacht
werden um zu vermeiden daß die Zöglinge nicht zu früh mit sich
u der Welt in Widerspruch kommen.
Euer immer scharf und hart wie ein Fels da stehen müssender Fr. Fröbel.

[1V]
[Randbemerkung]
Ich habe den Brief an die lieben Conf.[irmanden] nicht
nochmals durchsehen können Ihr werdet ihn schon verbessern.
[1R]
Ferdinand ist sehr wohl, grüßt Eltern Geschwister, Geschwisterkinder, Freunde,
Genossen, Basen, nur wollte sich heute kein Räumchen zu einem Briefchen von ihm mehr finden.
[4]
Nochmals für das erste Gesangsbedürfniß hier halte ich Elise ganz
genügend und wir blieben dadurch für fremder Beimischung ver-
wahrt. Ich würde darum unbedenklich Elisen zur ersten Reise-
gesellschaft zählen könnte ich hoffen und erwarten daß sie
mit dieser die Reise machen könnte.
Was nun die zweyte Reisegesellschaft betrifft so meine ich
damit eigentlich Dich meine liebe Frau, wenn anders die beyden
Versorger Deiner beyden lieben Pflegetöchter, Hedwig und Ludowika
sich bestimmen könnten, Dir diese wenn auch nur zu einer Besuchs-
reise nach Wartensee, anzuvertrauen. Wilhelm Fröbel
könnte dann der Führer und Schutz dieser zweyten Reisegesell-
schaft werden. Elise könnte sich nun zur ersten oder zur zwey-
ten Reisegesellschaft schlagen, was meinen singlustigen Mäd-
chen das Liebste wäre läßt sich leicht entscheiden.
Nochmals die Begleitung von Titus ware mir auch lieb, wenn sie
sich möglich machte, besonders wenn Barop bald nach Keilhau zurück
zu kehren gedächte.
Machte es das Leben nicht möglich, daß Du liebe Frau mit Die-
nen zwey Pflegetöchtern die zweyte Reisegesellschaft theiltest
so könnte diese dann auch nur aus den noch übrigen, Wilh.
Elise und vielleicht Titus bestehen. Übrigens glaube ich daß,
besonders aus Gründen die in der Sache selbst liegen und daß zu
viel des Gereichten oft Überdruß macht - die Reise für die
Hedwig sehr heilsam seyn könnte.
Mich beherrscht der Gedanke so und ist mir dabey so zu Muthe
in meinem Innern wie es mir immer bey der Ausführung meiner
wichtigsten und wahrsten vielseitig gegründeten Gedanken ist.
Darum meine ich muß die Ausführung dieses Gedankens mit
dem allergrößten Ernste und der weitesten Umsicht betrie-
ben werden. Es handelt sich kurz um das Große: um Hin-
stellung eines reinen schon gebildeten Lebens, zur Weckung
und Belebung des Bedürfnisses eines reinen, schaffenden
Menschenlebens. Ich glaube daß viel des Bedürfnisses dafür
hier unter den Menschen schlummert. Nicht um des Gewichtes mehr
in die Wagschale zu legen, sondern nur um es auszusprechen sage ich:
Vergeßt nicht was Wartensee dem Keilhau schon gereicht hat. Auch /
[4R]
ökonomisch könnte ich den Vorschlag rechtfertigen, denn es muß
nothwendig, wenn einmal alles dazu vorbereitet ist, wieder
ein großer Lebensverkehr durchs Druckwort eintreten, sey es
nun nach wenigen oder mehreren Jahren und welches Material
dazu lieferte Wartensee. Doch ich will nicht durch Anhäufen von
Einzelnheiten den großen reinen Geist des Ganzen trüben. Ihr tragt
ja alle das gleichwahre treffende Urtheil in Euch was brauchts
nun weiter. Darum nur um baldige Mittheilung Eurer Ansicht bitte
ich –
Den lieben Söhnen und Töchtern sagt für ihre Liebe und Treue meinen
Dank treuer Liebe. In den Osterferien hoffe ich allen und jedem
einzelnen ein kleines Briefchen schreiben zu können.
Euch Ihr Freunde, Freundinnen u Geliebte danke ich besonders für
die Mittheilungen aus Eurem innersten Leben. Viel sehr viel reichten
sie mir; ich bitte Euch auf das herzlichste mich immer von Zeit
zu Zeit damit zu beschenken und zu erfreuen. Viel, viel
neues weckt jede derselben. Und viel mir Neues hätte ich
Euch schon wieder aus meinem Leben mittheilen können erlaub-
te es Zeit und Raum.
Die Schüler hier waren sehr über die Briefe ihrer lieben
Keilhauer Genossen erfreut. Moritz seine Briefe in die
Höhe haltend ist nach Hause Gejutzket (so erzählte man
mir) rufend, er habe „aus Deutschland eine Verehrung, d.h.
ein Geschenk bekommen.“ Alle übrigen fühlten sich glücklich
auch die waren erfreut die keine Briefe erhalten haben und
Nikolaus meinte es wäre doch schön wenn ein Briefwech-
sel zwischen ihnen hier und Keilhau entstände; ich sagte
daß ich gern Postmeister seyn würde.
Von Friedrich finde ich ja keinen Brief, wie kommt das? –
Herr Schnyder ist erst am letzten März über Nürnberg u Pilsen
nach Prag gereist und geht nach einigen Wochen über Eger und
Bayreuth nach Frankfurt zurück.-
Daß Ihr die Abdrücke von Arau noch nicht hattet wundert mich, nach
den benachrichtigenden Briefen sind sie am 1en März nach K. abgegangen.
In dem Osterfest wird viel in Liebe u Treue Eurer gedenken

Euer FriedrichFr.

[4V]
[Randbemerkung]Barop sowohl als Middendorff hat doch jeder meine Sendung an ihn bekommen? - Barop, Dein Brief mit dem Festspiel von Fastnacht v.J. ist noch hier, sollst ihn nächstens bekommen.
[4R]
Du meine herzliebe Frau sage jedem der Lieben namentlich meinen Gruß wie auch Dich mein Herz besonders grüßt.