Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hedwig von Arnim in Grunau v. 12.4.1832 (Wartensee)


F. an Hedwig von Arnim in Grunau v. 12.4.1832 (Wartensee)
(KN 37,4, Brieforiginal 2 ½ B 4° 10 S.)

An die Frau Majorin von Arnim-Bülow Hochwohlgeboren in Grunau b[ei] B[ayreuth]
Wartensee am Sempacher See im Kanton Luzern in d. Schweiz a. 12 Apr 32.


Hochwohlgeborne Frau,
Gnädige Frau;

Seit dem Bestehen einer Wartenseeer Erziehungsanstalt haben Sie nun wohl schon gar
Manches von derselben und über dieselbe gehört, doch daß auch so bald schon eine Stimme aus und
von derselben sich unmittelbar zu Ihnen wenden würde, mögen Sie dennoch wohl nicht erwar-
tet haben. Auch ich habe, seit ich von dem Bestehen einer Wartenseeer Erziehungsanstalt die
Rückwirkungen aus Deutschland und namentlich aus Keilhau hier in der Schweiz und auf
meinem einsamen Schlößchen, meiner Wartenburg empfunden habe, sehr viel von Ihrer
so wahren als warmen, selbst schützenden und pflegenden Theilnahme an dem Aufkeimen
dieses neuen Erziehungsunternehmens im Sinne und Geiste der Keilhauer vernommen,
dennoch habe auch ich nicht erwartet, daß ich so bald veranlaßt werden, mich veranlaßt fühlen
würde, mich von hier, von Wartensee aus und im Geiste und Zwecke dieser Tochteranstalt
Keilhaus an Sie zu wenden.
Doch ist es immer in dem wenigstens in meinem Leben: plötzlich wenden sich unerwartet
die Richtungen der Lebensthätigkeiten, nehmen eine Wendung von der kurz vorher keine
wahrnehmbare Spur im Gemüthe lag. Glücklich ist dann derjenige, welcher über diese ihm so un-
erwartete Wendung des Lebens nicht lange unthätig staunend steht, sondern schnell die neue
Lebensrichtung kräftig erfaßt ihr rücksichtlich ihres Geistes, Zieles und Zweckes prüfend
ernst ins Auge schauet und wann das Ergebniß dieser Prüfung der höchsten Ansicht des Lebens
entspricht, nun rasch die neue Lebensrichtung verfolgt um so in beschleunigter Geschwindigkeit
des Lebens Ziel zu erreichen. In meinem Leben waren diese Erscheinungen immer das Ganze
und Eine fest im Auge behaltend, und pflegend im Gemüthe bewahrend - von der fortbildendsten
von immer näher zum Ziele führender Wirksamkeit. Es führte dieß mich durchgehends und
bey weitem mehr und unmittelbarer zum Zweck und Ziele als die im Einzelnen lang aus-
gesonnenen und im Äußerlichen und Einzelnen lang pflegend verfolgten Pläne, welche fast
immer scheiterten, wenigstens, wenn sie endlich ja noch ausgeführt wurden, selten frische
kräftige Blüthen und Früchte, wohl aber fast immer beyde kränkelnd gaben. /
[1R]
Alles was mir als Lebensgestalt gelungen und jetzt frisch und froh ins Leben hinein wächst
blühet und fruchtet, ist mir als äußere Erscheinung so unerwartet auf meinem Lebenswege
entgegengesproßt, so schnell festgehalten und kräftig fortgepfleget worden.
Auch Wartensee, als ein erziehender Punkt, von dessen Wirksamkeit ob es gleich seinem Geiste
und Leben nach kaum noch irgend Jemand mehr als den engsten Freunden Keilhaus bekannt
dennoch wirklich schon so bestimmt Lebenvolles, und so ganz wesentlich Wohlthätiges ausge-
gangen ist, so daß sein Wirken für mich jetzt schon nachweislich gewiß durch mehrere Men-
schenalter in verschiedenen Kreisen auf das seegensreichste fortwirken wird, - ist auf
diese Weise entstanden, aber auch auf diese Weise festgehalten, fortentwickelt u. fortgebildet
worden.-
Darum bin ich auch in mir fest überzeugt, Ew: Hochwohlgeboren werden es natürlich finden,
ja nothwendig, wenn ich als Mitstifter und Mitvorsteher dieser Anstalt, in diesem seegens-
reichen Geiste, dem sie ihr Aufkeimen und bisheriges so frisches Fortbestehen verdankt, fort-
wirke; ja ich glaube Sie würden es unverzeihlich (finden) gewiß aber leichtsinnig finden, Geist
diesen Geist zu verlassen und in einem andern zu handeln, da dieser Geist in der höchsten und
einzig allgenügenden Ansicht des Lebens bestätigend sich wieder findet.
Und so komme ich denn auch in diesem, das Leben vertrauensvoll erfassenden und richtig fortbil-
denden Geiste der hiesigen Anstalt zu Ihnen, verehrungswürdige gnädige Frau, da ich mich
dazu wirklich auf eine Weise aufgefordert fühle, welche mit der Ähnlichkeit hat, die, wie angedeu-
tet, dem Wartensee als erziehenden Punkt, selbst ihr Daseyn verdankt.- Doch zur Sache:
Mit der jüngsten Post habe ich Briefe aus Keilhau und unter diesen ganz namentlich auch
Briefe von den dießjährigen Confirmanden der Erziehungsanstalt erhalten, welche mir als treue
Söhne mit tiefem Ernst den sehnlichsten Wunsch aussprechen, ich möchte doch wenn es mir nur
irgend möglich wäre, zu ihrem Confirmationsfeste nach Keilhau kommen, um als als Vater
Ihnen bey diesem wichtigen Schritte zur Seite zu stehen; und einer besonders - irre ich nicht, so
ist es mein besonders sittlich strebender Karl Clemens - spricht mir aus: damit sie auch ihren
ferneren, nun neuen Lebensweg mit und nach meinem väterlichen Rath freudig betreten mögten.
Ob es nun gleich unmöglich war, den, wenn auch noch so kindlich und herzlich ausgesprochenen
Wunsch meiner Gegenwart während dieser festlichen Tage in Keilhau persönlich zu er-
füllen, so suchte ich es doch um desto erfassender und genügender im Geiste zu thun, indem ich
diesen meinen mir so theuren Pflegesöhnen, meine innerste Lebensentwicklung, wie sie
in diesem auch mir höchsten Lebensfeste, welches sie jetzt eben feyern, in einer gewissen
Beziehung ihren Angelpunkt hat - um ihnen Anhaltungs- und Vergleichungspunkte zur Prü-
fung ihres eigenen Lebens und gleichsam eine Mitgabe für und in ihr neues Leben zu geben /
[2]
überschickte. Ich übergab ihnen dadurch ein - wenn auch in der Darstellung selbst nur in Be-
ziehung auf die Entwicklung nach einer Seite hin ins Auge gefaßtes, doch beym Niederschreiben
in mir wieder nach allen Seiten der Lebensentwicklung durchlebtes - fast 50jähriges Mannes-
leben.
Irre ich nun nicht, so sind seit jenem meinem Lebens- meinem Confirmationstfeste [sc.: Confirmationsfeste] auch
schon 36 Jahre eines schicksals- und erfahrungsreichen Lebens verflossen, so daß ich nun klar
übersehe, welche Blüthen und Früchte ein Leben bringen kann und bringt, wenn es von je-
nem wichtigen Tage an richtig erfaßt und pflegend fortentwickelt und geleitet wird.
Diese wegen ihrer Wichtigkeit oft in mir wiedergekehrten Betrachtungen haben mich schon
immer die Tage der Confirmation meiner Zöglinge mit Bangigkeit und Sorge herankommen
sehen. Vierzig meiner Keilhauer Zöglinge, die dießjährigen eingeschlossen, habe ich nun schon
seit dem Bestehen der Anstalt auf diesen wichtigen Schritt vorbereitet zu demselben begleitet
das Leben aller dieser liegt, wenn auch nicht in seinen Einzelnheiten, doch in seinem Gesammt-
ergebniß vor mir; mit welcher Beruhigung nun auch dieß Ergebniß bey gar Manchem erfüllt
so sind doch keinesweges durch dasselbe die Gründe zur Bangigkeit, die Ursachen ächter väter-
licher Sorge, welche immer in dieser Zeit und besonders in diesem Tage mein Gemüth zunächst
für die Confirmanden meines Kreises und erziehenden Hauses erhoben, sondern viel-
mehr noch vermehrt worden, denn die meisten dieser Überknaben und Anjünglinge (:wie
sie ein Ihrer Gegend angehöriger Schriftsteller nennt:) - mußte ich früher aus ihrer so
eben sich zu erstarken begonnenen Bildung herausreißen, und noch zu schwach an Geistes-
Willens- und Thatkraft für den zu starken Lebenskampf, dennoch in denselben hineinführen <sehen>
ehe sie eigentlich dazu durch errungene Lebenseinheit und durch Erkenntniß und Überschauung
des Lebens nach seinen drey Hauptrichtungen: des Empfindens, Fühlens; Erkennens, Denkens,
Handelns, Thuns - wirklich reif waren.
Nur bey der geringsten Mehrzahl von Zöglingen wurde es mir ganz möglich die Bildung
von diesem Tage an so durchzuführen, wie es nach meiner innersten und höchsten Lebensan-
sicht nach meinem Überblick über das wirkliche Leben, und nach meinen innern und äußern Lebens
erfahrungen für nothwendig halte und hielt.
Seit mehreren Jahren liegt nun aber auch das Leben dieser Jünglinge, fast junge Männer in
der Klarheit, Sicherheit in seinem Frieden in sich und außer sich bey kräftigem Eingreifen in das
Leben und die Weltverhältnisse, wie sie bestehen vor mir. Die Ergebnisse dieser Lebenserfassung
dieser Lebensführung beweiset mir nun die tiefbegründete Wahrheit dessen, was ich vom er-
sten Augenblick der Begründung meiner Erziehungsanstalt bezweckte.
Erlauben Sie mir, verehrteste gnädige Frau! obgleich im vorstehenden schon angedeutet, dieß
doch noch etwas bestimmter darzulegen. /
[2R]
Gott spricht zu den Menschen, erzieht die Menschen wie in ihrem Innern durch die Entwicklungen
ihres Gemüthes und Geistes, so äußerlich durch Sinnbilder in der verschiedensten Gestalt. Die Natur
ist das große Sinnbilderbuch, wodurch Gott die Menschen erzieht und belehrt; besonders von dem
Augenblicke an als der Mensch die Übereinstimmung der Ergebnisse seiner innern Entwicklung
im eigenen Geiste und Gemüthe mit den Ergebnissen und Lehren der sinnbildlichen Natur
wahrgenommen, lebendig empfunden, tief erkannt und im Leben treu beachtet hat.
Der Mensch ist zur Vollkommenheit geschaffen darum soll sich immer der Mensch das Höchste
zum Zwecke zum Ziele setzen.
Gott ist wie der erste so der ewige Erzieher der Menschen.
Auch der Menschenerzieher soll darum zuerst und immer Gottes Erziehungsweg zu erkennen
und ihm nachzuleben suchen.
Der Menscherzieher hat darum ein Zweyfaches zu thun: einmal muß er als eigentlicher
Erzieher im Gemüthe des Zöglings das wahre, höhere Leben wecken, entwickeln, pflegen; dann
muß als Lehrer all sein Unterricht sinnbildlich seyn, d.h. er muß entsprechend seyn, erstlich
den Gesetzen und Gang der innern Entwicklung des einzelnen Menschen; - zweytens den Ge-
setzen und innern Entwicklungsgang eines einzelnen Menschengeschlechtes; drittens der Entwick-
lungsgeschichte der Menschheit: - viertens der Naturentwicklung sowohl im großen Ganzen, als
auch wieder in jedem einzelnen Falle; fünftens mit den Gesetzen und Forderungen des wirk-
lichen äußern Lebens jedes Einzelnen; - sechstens mit den Gesetzen, Bedingungen und Forde-
rungen des bürgerlichen Lebens in jedem gesellschaftlichen Verhältnisse, welches man sich nun
so weit oder so eng begrenzen kann, als man will; endlich siebentens in Übereinstimmung mit
den höchsten Ergebnissen des reinsten Denkens und klarsten Fühlens; mit den Leb- Bildungs-
und Erkenntnißgesetzen an sich.
So muß die Schule, der Unterricht beschaffen, wenn es eine Schule ein Unterricht seyn soll, ent-
sprechend dem Menschen als Glied der Menschheit und Natur wie sich selbst als Einzelwesen;
entsprechend den in der Gegenwart wirklich bestehenden Lebensverhältnissen, Lebensansichten
Lebenswirksamkeiten, wie den früheren der Vergangenheit aus welchen diese hervorgegangen
sind, so wie genügend den späteren der Zukunft, welche aus diesen mit Nothwendigkeit hervor-
gehen werden; d.h. wenn es eine Schule ein Unterricht zur Förderung der Menschheit, zur
Erziehung und Bildung des einzelnen Menschen zur Vollkommenheit, eine Schule, ein Unterricht
genügend den bestehenden Lebensverhältnissen seyn soll, förderlich und fortbildend, seegens-
reich in sie eingreifend mit Erhaltung seines innern Friedens, seiner innern Freudigkeit
und äußern achtbaren bürgerlichen Selbstständigkeit.
Daß dieß nun alles sinn- und vorbildlich in dem Unterrichte liege, braucht jedoch keinesweges
dem Zöglinge, so lange er wirklich nur noch Schüler im engeren Sinne des Wortes ist, d.h.
bevor das selbstständige Urtheil nicht nur in ihm erwacht, sondern der Schüler sich dessen /
[3]
auch als seines eigenen Urtheils bewußt geworden ist - nicht bekannt zu werden, jenes soll ihm
vor allem und zuerst im Gemüthe, im Gefühl und in der Empfindung lebendig wahrnehmbar als
durch das Werk und äußere Verständniß klar werden; wenn nur der Unterricht selbst so klar
und bestimmt in sich geordnet, so lebenvoll betrieben wird, daß das Sinn- und Lebensvorbildliche
daraus auch so bestimmt als lebendig zum Gemüthe spreche, auf die Klärung des Geistes wirke.
Nicht einmal der Lehrer selbst braucht das Sinnbildliche des Unterrichtsgegenstandes im Ganzen
wie im Einzelnen, so wie des Unterrichtes überhaupt zu erkennen und noch weniger nachzuweisen
zu verstehen, wenn er nur um so weniger er es selbst weiß um so treuer dem gegebenen Gesetze
und der dadurch gegebenen Form des Unterrichtes nachgehet. Der Sinn, d.h. der Geist dieses sinn-
bildlichen, schaffenden Unterrichtes macht sich dann aus dem Unterrichte ebenso frey, wie sich der
Geist der Einheit, der Wahrheit, des Lichtes und des Lebens aus der Natur, wenn nur der Lehrer
überhaupt als Erzieher treu ist, d.i. weckend pflegend dem innern geistigen Leben des Schülers
nachgeht, oder dem Lehrer, dem nur lehrenden Erziehergehülfen ein solcher Erzieher zur Seite
steht, so wie überhaupt hier der Unterschied zwischen Schul- und Erziehungsanstalt, zwischen Lehrer
und Erzieher, zwischen Schüler und Zögling angedeutet ist. Die ächte vollkommene Erziehungsanstalt muß
also nothwendig die ächte Schul- und Lehranstalt in sich einschließen; doch das umgekehrte zeigt wenigstens
das Leben noch nicht.
Ist nun aber die Zeit der eigentlichen Schülerschaft beendigt und soll nun der Zögling mehr od. minder
selbstthätig und selbstständig ins Leben eintreten, mindestens mit mehr oder minderer Selbstständigkeit
sein eigenes Leben fortbilden, so bedarf es nun nothwendig einer vermittelnden Bildungsstufe, wo, um
kurz zu seyn, das Sinnbildliche des bisherigen Unterrichts für das wirkliche Leben gelöset und gezeigt werde.
Nur einzig wo diese Übergangs-, Bildungs- u Erziehungsstufe nicht übergangen, nicht verabsäumt wird,
nur da läßt sich mit Sicherheit vom Zögling einst Sicherheit im Leben und nicht nur einziges Durch- u.
Überschauen, sondern auch einstiges Beherrschen des Lebens,- soweit überhaupt der Mensch von einer
Beherrschung des Lebens reden kann - erwarten.
Keinesweges bewirken das hierdurch zu erreichende, die stetigen Rückblicke und Rückbeziehungen
auf das Leben, besonders auf das eigene persönliche Leben und die Verhältnisse des Schülers bey dem
früheren Unterrichte - welches sogar für den Schüler stöhrend und vernichtend wirkt in dem Maaße
als er selbst als Person noch nicht in sich entwickelt ist, nicht entwickelt seyn kann - denn sie wer-
den aus der so eben angedeuteten Ursache selten verstanden, noch seltener würdigend aufge-
nommen, weil auch das Leben selbst als ein Selbsterzeugniß ihnen noch zu fern liegt.
Sollen darum diese Rückblicke und Rückbeziehungen auf das wirkliche bürgerliche Leben in der
Schule und beym Unterricht nicht noch mehr beschränkt werden, als es der gute Unterricht schon an
und für sich thut, so muß das Leben des Schülers, als Zöglings zu einem Selbsterzeugniß erhoben, ja
er selbst fortbildenden, selbstthätigen Antheil an dem Gesammtleben überhaupt nehmen, welches
nun wieder nicht allein der Unterschied zwischen der Schul- und Erziehungsanstalt ist, sondern besonders /
[3R]
auch den Unterschied wieder zwischen der das Leben und den Menschen in der Gesammtheit seiner Lebens-
verhältnisse erfassenden, menschenwürdigen Erziehungsanstalt und der Erziehungsanstalt ausmacht,
welche den Menschen und Zöglingen nur nach einzelnen Lebensrücksichten und Beziehungen in die
Augen faßt und dafür erzieht und unterrichtet.
Immer bleibt aber diese vermittelnde Übergangsbildungsstufe zwischen der Schule und dem Leben
nothwendig soll anders das Leben wahrhaft verstanden, erfaßt und nach jeder Seite hin förderlich
geführt werden und soll der bisherige Unterricht wahrhaft seegensreich auf das Leben einwirken.
Auf dieser Übergangs- und Vermittelungsbildungsstufe, handelt es sich nun nicht etwa um Mittheilung
von Gleichnissen, Auffindung und Anführung von Ähnlichkeiten, Analogieen, sondern um ein bestimmtes
klar durchgeführtes Schauen und Erkennen der Gesetze, der Einheit, der Gesetze und so nothwendig
der Gleichgesetzigkeiten und nach allen Richtungen der Lebensentwicklung; also auch um höhere Ent[-]
Würdigung und achtende Beachtung des Bestehenden wie es nun einmal ist und um die große Kunst,
um die Aneignung der großen Kunst das Bestehende, Gegenwärtige zu der höhern Stufe der Entwick-
lung und Ausbildung zu erheben, zu welcher es entweder selbst oder dafür zu wirken, bestimmt
ist, ja; sich nur selbst nicht ganz klar seyend dazu fortschreiten möchte.-
Jeder [sc.: Jeden] der meiner Erziehung anvertrauten Zögling[e] nun durch diese Übergangsstufe hindurch dem Leben zu und
in das Leben einzuführen war und ist stets der höchste meiner Wünsche, besonders bey denen, welche einst auf wahre und
vollendete Bildung als Mensch, Hausvater und Bürger Anspruch machen. Ja die klare Durchführung dieser Bildungs-
stufe in der Anstalt als eine bestimmte Abtheilung derselben liegt mit Nothwendigkeit in dem Plane der Anstalt;
nur waren bisher diejenigen Zöglinge in der Anstalt, welche wohl dem Alter nach zu dieser Bildungsstufe ge-
hörten, selten durch ihre Kenntnisse und ihren Unterricht dazu reif genug, weil sie erst im Alter und doch
nicht dem entsprechend an Kenntnissen sehr vorgerückt in die Anstalt als Zöglinge eingetreten waren;
andere, welche wohl durch das Alter bey ihrem Eintritte in die Anstalt und auch durch die schon erworbene
Bildung und Kenntnisse einst zu diesem Übergangsunterrichte geschickt und fähig geworden wären,
wurden der Erziehungsanstalt entrissen, ehe nur nochbey ihnen an diesen Unterricht gedacht, ehe er nur
mit ihnen eintreten konnte, und wieder andere, welche wohl durch Alter, Vorkenntnisse und Bildung
überhaupt dazu fähig und reif gewesen wären, wurden aus der Erziehungsanstalt durch nur äußerlich
geschaute Lebensverhältnisse genommen, eben da jener Unterricht hatte eintreten können, beginnen
sollen; denn es ist auf das höchste beachtens werth, gewiß hoher Bedeutung voll und für das ganze Leben
des Menschen wichtig, daß die eigentliche und wahre Zeit unserer Confirmation - ich rede hier nament-
lich von Jünglingen - mit der Zeit, mit dem Beginne des angedeuteten Übergangs- und Vermittelungs-
unterricht, ja sogar mit einer bestimmten Stufe der Körperausbildung und wirklich schaffender Körper-
kraft und Körperthätigkeit zusammenfällt, so daß hier die drey Hauptrichtungen der Entwickelung
und Ausbildung des Menschen: die Gemüths- Geistes- und Körperausbildung auf einer in sich und
unter sich ganz gleichen Stufe in Eins zusammenfallen, man könnte diese Stufe, wenn man sie mit der
Entwickelung eines Gewächses vergleichen wollte: die Zeit der Fruchtansetzung nennen. Aber auch
schon dieser Vergleich lehrt, wie wichtig es ist diese Bildungsstufe in ihrer ganzen Bedeutung aufzufassen
und festzuhalten. /
[4]
Nach diesem Allen brauche ich Ihnen, hochverehrte gnädige Frau! nun kaum noch auszusprechen,
wie leid es mir thun würde, wenn Ihr Felix ohne von mir durch diese vermittelnde Übergangs-
bildungsstufe geführt zu werden, schon aus meinem erziehenden Kreise aus- und in einen bestimm-
ten äußern bürgerlichen Beruf eingeführt werden sollte.
Nun weiß ich zwar gar nicht, welche Bestimmung Ew: Hochwohlgeboren in Beziehung auf die allernächste
Zukunft Ihres Felix entweder schon gefaßt, oder auch wohl schon ausgesprochen haben, auch habe ich
gar kein Recht und keine Veranlassung dazu mir deßhalb irgend eine Vermuthung auch nur leise
zu erlauben; doch selbst auf den Fall, daß Sie entschlossen wären, denselben noch einige Zeit in
Keilhau zu seiner ferneren Ausbildung zu lassen, so würde dieser Ihr dem Felix zwar gewiß
immer auf das höchste wohlthätiger Entschluß, mir aber die Aus- und Durchführung meiner Ihnen
im obigen, wenn auch nur andeutungsweise, dargelegten Erziehungsansicht und Erziehungs-
planes bey demselben dennoch nicht möglich machen, indem ich wie die Verhältnisse in diesem
Augenblicke hier in Wartensee stehen - wenigstens vor Michaelis d. J. nicht nach Keilhau
werde zurückehren können.
Ich komme daher mit diesem Briefe, Ihnen gnädige Frau! einen Gedanken zur Prüfung vorzu-
legen, welcher sogleich in meiner Seele aufblitze als ich, durch das bevorstehende Confirmations-
fest in Keilhau veranlaßt, besonders auch Felixens Bildungsstufe und die bestehenden Lebens-
verhältnisse fest ins Auge faßte.
Dieser Gedanke, welchen ich gewiß nur noch Worte zu geben brauche, weil er schon klar ge-
nug aus dem Ganzen hervorgeht, ist der: - den Felix noch, wo möglich ein Jahr als Zögling
hierher nach Wartensee zu senden und zwar unter denselben äußern Bedingungen, unter
welchen er als Zögling in Keilhau lebte.-
Die hier schon bestehenden und jetzt eintretenden Lehrer- und Unterrichtsverhältnisse,
würden nicht nur möglich machen, mit dem Felix alle den in Keilhau begonnenen Unter-
richt fortzuführen, sondern es würde mir dann besonders Aufgabe und Geschäft seyn, dem Felix
persönlich den oben angedeuteten höhern Unterricht in Mathematik - Naturgeschichte, Geschichte
Menschenkunde sowohl nach der Seite der praktischen Lebenseinsicht, als auch gleichmäßig nach der
Seite der Lebens- und Berufsführung zu geben; so würde er auch das Französische als Sprache
zu üben, hier viel Aufforderung haben, indem hier das Französische ein mit dem Deutschen fast
ganz gleichberechtigter Unterrichtszweig ist und selbst im Leben viel gefordert wird. Auch
für die Übung der äußeren schaffenden besonders landbebauenden Thätigkeit würde sich hier
Gelegenheit finden, da es ganz wesentlich auch mit in dem Zwecke u. Plane der hiesigen Erziehungsanst. liegt.-
Doch noch auf ein anderes. Sie, gnädige Frau, aufmerksam zu machen erscheint mir als Pflicht.
Der Mensch auf der oben bezeichneten Bildungsstufe, auf welcher nun auch mit ganzer Vollständig-
keit Felix jetzt steht; - strebt erstlich gern seine Kraft an dem Neuen, Fremden, Unbekannten
zu prüfen, dann aber auch besonders, gleich dem Epheu an den Eichen und Felsen, gleich dem Weine
an den Ulmen, sich so an großartigen Gegenständen nicht nur des geistigen Lebens, sondern /
[4R]
namentlich der Natur emporzuheben, daran immer mehr männlich nach jeder Seite des Lebens hin
zu erstarken. Und welche Veranlassung dazu giebt die Schweiz; giebt besonders die Lage von
Wartensee in dem Eingange der sogenannten classischen Schweiz, ja schon in derselben lie-
gend und fast in der Mitte, wie in der Schweiz selbst, so auch in der Mitte der menschlichen und
männlichen schweizerischen Großthaten.
Ich glaube, gnädige Frau! Ihrem alles beachtenden, ein- und durchdringenden Lebensblick
dieß nur andeuten zu dürfen; mir wenigstens scheint es z[.] B. auf Keilhau - von welchem ich
jetzt aus Deutschland höre, daß man ihm gern zugestehe Gutes sey von ihm ausgegangen,
wie es noch immer ununterbrochen von ihm ausgehe - nicht von geringem Einfluß gewesen
und noch zu seyn, daß sein Stifter und Vorsteher mehrmal und jetzt zum drittenmale in
der Schweiz, d.h. überhaupt in einer großartigen Natur lebte und lebt; mich deucht neml[ich]
es möchte dieß leicht nachweislich auf den Charakter von Keilhau, dessen Wirksamkeit, ja sogar
dessen Bestehen im harten Lebenskampf beygetragen haben. Denn der Mensch, besonders
der Mann nun einmal zum Kampfe geboren und bestimmt, lernt so seine Kraft ihn zu bestehen
des Lebens harten Kampf kennen, ich möchte sagen, der kräftige Geist bekommt so auch
einen kräftigen Willen und dazu kräftigen Körper. Darum glaube ich, es ist eine
treffliche Vorbildung für das einstige kampfvolle, hindernißreiche, bürgerliche Berufs-
und häusliche Leben, auch einige Zeit von der hemmenden und dennoch erhebenden großen Natur
umgeben gelebt zu haben, gelebt zu haben umgeben von der hemmenden und doch erheben-
den Größe der Natur, es bildet, diese Lebenszeit mit sinnigem Bewußtseyn festge-
halten den Charakter und übt die Kraft nach jeder Seite hin.
So viel mindestens versichere ich Sie, gnädige Frau! hätte ich die Mittel ich würde keine
anderen Männer und Mitarbeiter für die höheren Stufen meiner erziehenden Wirksamkeit
wählen, als solche die auch einige Zeit in einem Lande gleichsam der ewigen Erstarrung
gelebt haben, denn dadurch kommt dem Menschen die Ahnung und die Nothwendigkeit das scheinbar
Todte, Erstarrte mit seiner alles durchdringenden Geisteskraft zu beleben; um so mehr
lernt aber auch der Mensch das schon Lebenvolle und (Cultivirte) Bebaute auch in seinen klein-
sten Erscheinungen an den Menschen wie in der Natur beachten u. pflegen. Würde ich darum
die Mittel haben, so würde ich jeden meiner Mitarbeiter für die höheren Erziehungs- und
Lehrstufen mindestens einige Zeit in einem hohen Alpen- - einem Eis- Stein- und Wasser-
lande, einem klaren, kalten Ätherlande leben lassen; denn wie dieß, wie schon ausgesprochen
den Charakter und die Thatkraft bildet, so klart und bildet es auch die Gesinnung. Diese drey
geeint soll aber ganz vor allem der Erzieher besitzen, denn er soll sie in dem Zöglinge
wecken, pflegen, bilden, weil tief und lebendig von Gesinnung, edel und fest von Charakter
und voll bildender ausführender Thatkraft der Jüngling seyn muß, welchen jetzt der Erzieher
dem Leben und dessen Pflichten zuführt.- /
[5]
Dieß alles legt sich nun Ew: Hochwohlgeboren in Beziehung auf Felix durch Vorstehendes offen
zur Prüfung dar.
Da aber nicht viel Zeit bis zur Ausführung übrig seyn würde, so erlaube ich mir auch über
diese sogleich hier noch etwas zu sagen, denn so wie mir, von meinem Standpunkte aus alles
zusammenstimmend für die Verwirklichung des gemachten Vorschlages spricht, so scheint mir auch
seine Ausführung - wenn anders überhaupt Ihr Lebensplan mit Felix demselben so noch ein Bil-
dungsjahr in meinem Erziehungskreise zugedacht hat - leicht.
Auf jeden Fall wird mit dem nächsten Monat eines von den Gliedern und Mitarbeitern in
Keilhau, ohne Zweifel zu Fuß hierher reisen; mit diesem könnte wohl die Reise verhältnißmä-
ßig mit geringen Kosten ausgeführt werden; wegen der späteren Übermachung der nöthigen
Kleidungsstücke und Wäsche würde sich auch wohl die zweckmäßigste Anordnung treffen lassen;
da sie in Keilhau doch schon einige Erfahrung darüber haben.
Sollten nun Ew. Hochwohlgeboren in die Ausführung meines Vorschlages einzugehen für
zweckmäßig finden, so würde es wohl wegen des leichteren und schnelleren Verkehres am ang-
messensten seyn, das Weitere mit den Führern der Keilhauer Erziehungsanstalt schriftlich zu
besprechen, weil denselben alle Verhältnisse so wie von Keilhau, so auch von Wartensee offen vorliegen.
Eines will ich nur noch bemerken: Von meiner Seite weiß Felix nichts von diesem Vorschlage, doch
glaube ich nicht, daß dessen Ausführung mit seinen Lebenswünschen in Widerspruch seyn würde.
Und so sey das Ganze von mir der höchsten Leitung anheim gestellt.
Als ich das letzteremal die Ehre hatte, Ihnen gnädige Frau! zu schreiben, konnte es mir nicht
in den Sinn kommen, daß mein nächster und erster Brief an Sie aus der Schweiz, und noch weniger
daß er eines Inhaltes wie der vorstehende seyn würde; so schnell und unerwartet ändern sich
die Lebensverhältnisse, und dennoch thäte ich Ihnen vielleicht noch einen zweyten Vorschlag, wenn
sich Ew: Hochwohlgeboren Vorhaben, die Fräulein von Schönfeld vor länger als einem Jahre nach
Keilhau zu thun ausgeführt hätte. Die Begründung von Wartensee nämlich fordert zu sei-
nen fortbildenden und ausführenden Gliedern nothwendig Menschen, welche mit dem
Geiste des Keilhauer Wirkens vertraut, ja in den Geist desselben eingelebt sind,
und doch ist besonders bey den Frauen die Verpflanzung so schwierig. Kaum bleibt
bey der gesammten Frauenwelt in Keilhau, wie der Stand der Gesammtverhältnisse da-
selbst jetzt ist - eine übrig, durch welche sich der Gedanke, die Wartenseeer Wirtschaft
zu führen, ausführen läßt. Zwar ruht natürlich der Gedanke in dieser Beziehung zuerst
und zuletzt wieder auf meiner Frau; doch so innig gern sie nun wohl selbst zur Erreichung
ihres eigenen Seelenwunsches hierher zu mir nach Wartensee käme, wenigstens um nur /
[5R]
selbst als Hausfrau und Hausmutter das Ganze hier zu ordnen, so stellen sich hier doch große
Hindernisse entgegen. Ich selbst - so selbstständig auch Keilhau in sich steht - wünsche gleich und
zuerst nicht, auch meine zweyte Hälfte von dort hinweg zu nehmen; es ist dieß - so lange ich
selbst noch nicht wieder nach Deutschland und Keilhau zurückkehren kann - ein Band zwischen
mir und Keilhau, welches Keilhau ebensowohl als Wartensee zur Fortentwicklung und
Ausbildung seines innern Lebens noch sehr bedarf.- Das zweyte Hindernde ist das innige Band
zwischen meiner Frau und ihren Pflegetöchtern, worüber mir meine Frau noch ganz kürzlich
schreibt. Nun bin ich zwar wohl in mir ebenfalls überzeugt, wenn auch hier aus andern und bey
jeder einzelnen aus verschiedenen Rücksichten, doch für beyde eine solche Lebensveränderung
derselben recht gut für einige Zeit seyn würde, und ich glaube das Wohlthätige spricht sich auch
leicht aus dem Charakter einer jeden aus, um für die Zukunft höhere Lebens- und Charakterfestigk[ei]t
und - wenn ich Sie gnädige Frau! anders einmal wegen der kleinen Hedwig richtig verstanden
habe - Berufssicherheit und Fertigkeit zu begründen - doch möchte dieß immer wohl schwieriger
als in dem zur Prüfung vorliegenden Falle auszuführen seyn. Da nun würde ich mich vielleicht
- früher oder später, wenn ich Sie anders auch hier in Ihren früheren Äußerungen richtig aufge-
faßt habe - auch wegen Fräulein von Schönfeld in Beziehung auf die hiesige Wirtschaft an Sie,
gnädige Frau! vertrauend gewandt haben.
Doch jetzt steht nun alles, wie es steht und so mag den[n] auch ruhig die weitere Entwicklung in
dieser Beziehung der Zukunft überlassen bleiben.
Mögen mir Ew: Hochwohlgeboren nun diesen so gar langen, vielleicht zu weitläuftigen Brief
verzeihen; allein ich kann besonders in diesem Augenblick meiner Geistesthätigkeit unmögl[ich]
auch das einzelnste Leben und Verhältniß anders als in dem großen ganzen Lebenszusammen-
hang anschauen und so auch vorführen.
Mögen Sie jedoch die Länge dieses Briefes nicht abhalten Ihre Entscheidung nach Möglichkeit
bald meinen Keilhauer Freunden auszusprechen.
Genehmigen Sie, verehrungswürdige, hochverehrte gnädige Frau! meinen so warmen als
bleibenden Dank für Ihre leben- und seelenvolle Theilnahme an meinem Leben und seinem
Wirken und die Darbringung meiner so wahren als ausgezeichneten Hochachtung und
Ergebenheit.
FriedrichFröbel.