Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Albert Weimann in Keilhau v. 14.4.1832 (Wartensee)


F. an Albert Weimann in Keilhau v. 14.4.1832 (Wartensee)
(BN 686, Bl 10-11, hier: 11, Abschrift 1 Bl fol 2 S. mglw. Handschrift Barops oder Frankenbergs, ed. Hoffmann 1952, 123-125. - Der Bogen enthält 2 Abschriften v. F.-Briefen an Albert Weimann: v. 9.12.1831 [Bl 10] u. v. 14.4.1832 [Bl 11]; in Briefliste u. bei Hoffmann 1952 [237 zu Nr.60 bzw. 239 zu Nr.66] werden beide Handschriften fälschlich als "Entwürfe" klassifiziert.)

Wartensee in der Schweiz am Sonnabend vor Palmarum [sc.: Palmsonntag] am
14ten April 1832.·.


       Mein Sohn.

Wenn ich Dir Deinen früheren Brief in welchem Du Dich mit Vertrauen an mich wendest
bis jetzt noch nicht beantwortet habe, so hatte dieß keinesweges in einem Mangel an in-
nigem Antheile an Deinem Leben, an der Entwicklung, Pflege u Ausbildung desselben sei-
nen Grund. Konnte ich auch nicht Zeit gewinnen sogleich an Dich selbst zu schreiben, so theilte ich
mich doch in Beziehung auf Dich den jetzigen Führern der Keilhauer Erziehungsanstalt,
meinen u. gewiß auch Deinen Freunden mit. Und ich meine fast meine wenn auch we-
nigen Mittheilungen, so wie mein Schweigen mögen gleich viel zur Klärung Deines Lebens
u Verhältnißes besonders in Dir beigetragen haben. Ich halte es überhaupt für wesentlich dem
Menschen welcher bei einem ernsten (ernsten) Streben sich einen Augenblick in der rich-
tigen Auffassung der Lebenserscheinungen geirrt hat, Zeit zu lassen sich selbst zu finden;
daß Du nun ein mit Ernst nicht nur nach dem Bessern sondern nach dem Besten strebender
Jüngling bist, diesen meinen Glauben wirst Du mir gewiß durch Dein ganzes Leben be-
stätigen so wie Du mir auch jetzt nach Deinem Briefe leicht glauben wirst daß Du dort-
mals mehrseitig gefehlt hattest.
Doch jetzt kann ich nicht in diesen weit sich <verzweygenden / verwirrenden> Gegenstand eingehen denn
derselbe erfaßt gleich das ganze Leben in allen seinen wichtigsten Punkten u Verhält-
nissen dießmal nur ein paar Andeutungen:
Daß ich Dir nicht gleich antwortete hatte auch in derjenigen meiner Überzeugungen u Lebens[-]
ansichten seinen Grund, nach welchen ich glaube, man müße sich bei einem Kreise
zuerst an das Allgemeine wenden u dahin wirken, daß dieses sich finde kläre,
dann finde, kläre, befestige sich auch das Einzelne, aus dieser meiner Lebensansicht bin ich
noch so viel Einzelantworten nach Keilhau u selbst Dir zwei schuldig. Das Leben
selbst liegt nun zur Prüfung vor Dir zu entscheiden ob ich darin Recht habe; ich gestehe
offen daß ich es nach den vor mir liegenden Thatsachen meine. Darum bitte ich Dich habe
nur festes Vertrauen zum Ganzen u. zum Einzelnen zu jedem Einzelnen als
Glied dieses Ganzen mindestens, Du hast dann u. beweisest dann unmittelbares
Vertrauen zu mir, u wenn Dir auch dadurch wirklich scheinbar etwas wehe
geschähe, so ist dieser Schmerz kein Leid:
"Der Schmerz ist die Geburt der höheren Naturen" (Tiedge)[.]
Und willst Du nicht, strebst Du nicht daß Deine höhere Natur geboren werde?-
Mein Sohn! wer das höhere u sogar höchste Leben will muß den Schmerz fest[-]
halten. Du solltest einmal den Zustand meines Innern wahrnehmen können: ich
lebe vom Morgen bis zum Abend, von einer Nacht zur andern nur einzig
im Schmerz. Es ist dieß freilich in meinen gegenwärtigen äußerlichen Verhält[-]
nißen schwer zu glauben allein die Naturen sind verschieden u das Leben, ein
u dasselbe Leben macht auf verschiedene Menschen einen ganz verschiedenen Eindruck.
Ich würde jetzt Gefahr laufen nur noch unverständlicher zu werden wenn ich es auflösen /
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wollte; aber die Sache selbst ist so. Du kannst gar nicht glauben welche Mühe ich mir
gebe den Schmerz aus meinem Gemüthe u meinem Leben zu entfernen aber es
will kaum gelingen, ich muß um dieß in mir zu erreichen außer mir ein Riesen-
werk ausführen. Überhaupt ruhe nur nicht so mein Sohn! auf der Betrachtung be-
sonders des Wiedrigen Deines Lebens, gehe auch in die Betrachtung des Lebens
anderer, Erwachsener ein, die Geschichte giebt Dir ja dazu Stoff u. Veranlassung
genug u. das Leben aller der Männer welches uns die Geschichte aufbewahrt hat.
Ich kann dieß jetzt nur andeuten, denn Deine Briefe sind so reich umfassende Lebens-
betrachtungen daran anzuschließen daß ich fast ein Buch darüber schreiben könnte und
möchte.
Auch mein Leben, selbst mein jetziges augenblickliches hat vielleicht für das äußere
Auge viel Wünschenswerthes, mein Sohn! es ist ganz Dein Leben, es ist ganz das
Leben wie Du das Deine findest u ansiehest. Mein Leben liegt mehrseitig vor Euch
u so auch vor Dir, durchdringe es u. Du wirst vieles in demselben finden, was in
dem Deinen u. über das Deine Dich klagen macht, u. doch spreche ich mich hoffentlich
ruhig, freudig u friedvoll über dasselbe aus, wenigstens besonders in der Lebensdar-
stellung, welche Du so wie ich hoffe heute erhältst, u Euch morgen zu einem Ge-
meingute dargebracht werden wird.
Darum habe Muth, habe vor allem hohes Gottvertrauen, Du hast viel Ursache Gott für
Deine Lebensschicksale, wenn Du Dir den Schlüssel dazu verschaffen wirst dankbar zu
sein. Denke an den Äneas welcher klagend sein Vaterland nicht erkannte, so geht es
uns mit unserm Leben, denn wir können nie u. nirgends etwas anderes finden als uns
und den ewigen Grund u Quell unser[e]s Sein[s], dazu brauchen wir aber nicht, von der Stelle zu weichen:
denn uns selbst haben wir überall, können uns und Ihn also auch über[all] finden. Nimm
vor [sc.: für] jetzt mit diesen wenigen aber herzlichen Worten Deines Dich liebenden treuen
Vaters vorlieb.
Friedrich Fröbel.

Unser Leben unser Schicksal zu verstehen zu erfassen, u. was es will was wir
sollen mit Selbstwahl u. Selbstbestimmung zu thun, das ist unsere Freiheit giebt
uns Friede u Freude.
Fr.Fr.