Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine F. in Keilhau v. 15.4. / 24.4.1832 (Wartensee)


F. an Henriette Wilhelmine F. in Keilhau v. 15.4. / 24.4.1832 (Wartensee)
(KN 37,7, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

[Bogen] A.
    Wartensee in der Schweiz am Palmensonntage 1832.·.


    Mein geliebtes, theures Weib.

Wie so gar viele Briefe sind doch seit einiger [Zeit] von mir nach Keilhau ab-
gegangen ohne daß Dich unter und mit denselben einer von mir begrüßet hat,
wie so sehr lange ist es doch her, daß ich mir nicht die hohe Freude machen konnte
an Dich meine Seele einen Brief bey zu legen; fast kann ich mich der Zeit meines
letzteren Briefes an Dich kaum erinnern, so viele Wochen vielleicht gar Mona-
te sind seit denselben verflossen. Mit jeder der darauf folgenden Sendungen
nach Keilhau glaubte ich meines innern Herzenswunsche genügen und Dir einen
Brief von mir mitsenden zu können; allein kaum blieb mir nur einmal zu
einigen Zeilen an Dich Zeit, so kurz und genau war sie mir immer bey dem für
jede Sendung bestimmten Mittheilungen zu gemessen, und doch hast Du Dich mein
gütiges Weib dadurch nicht abhalten lassen mich fast bey jeder Sendung von
Keilhau auch nicht nur mit einigen Zeilen sondern größeren Briefen zu
erfreuen, wie innig dankbar bin ich dafür! – Mehrere Briefe Deiner Liebe
liegen mir so zur Beantwortung vor und jeder ist dazu reich an wichtigem Stoffe,
doch erlaube mir, mein nachsichtiges Weib, daß ich zunächst die früheren Briefe
noch etwas zurück stelle und mich vorerst an Deinen letzteren lieben Brief und
die darinn mir mitgetheilten Seelenbilder halten darf, weil mir dieselben im Nu
des Lesens als wirkliche Lebensbilder und zwar als doppelte, als Lebensbilder von
allgemeiner und als von besonderer Beziehung auf mein ganz eigenes Leben ent-
gegen traten. Erlaube mir nun mein, die Klärung des Lebens so sehr lie-
bendes Weib, die mir mitgetheilten Seelenbilder in der angegebenen doppel-
ten Beziehung fest zu halten, denn Du weißt ja selbst wie so schwierig dem Men-
schen und dem Manne die Klärung des eigenen Lebens und des Lebens über-
haupt ist daß er keine Gelegenheit dazu vorbey lassen darf.
Ich glaube daß Seelenbilder eine sehr vielfache Bedeutung haben, und meine
darum, daß man sie in viel zu engen Beziehungen und Grenzen anschaut,
so daß sie eigentlich ihre wahre Bedeutung für das Leben bisher ganz verloh-
ren haben; ihre einseitige und aus dem Leben so ganz heraus gerissene Be-
trachtung hat ihnen diese wie für das Leben alle, Wahrheit genommen;
Und indem man sie so gleichsam entseelt hat, hat man sie dem Aberglau-
ben preis gegeben.
Seelenbilder sind Erzeugnisse der Seele, und können als solche nicht
außer dem Zusammenhang des gesammten Lebens dieser Seele stehen,
müssen sonach auch mit dem Leben dieser Seele wieder in Rückbeziehung
seyn; nur kann man die Rückbeziehung und so die wahre Bedeutung den
Seelenbildern nicht geben, sondern sie muß gefunden werden d.h. sie muß
ungesucht dem achtsamen Geiste entgegentreten; denn wer mag und kann
den engern oder weiteren Bereich eines Seelenlebens bestimmen. Ich
bitte Euch, beachtet in dieser Beziehung nur das Leben der Kinder, wenn sie eben
in etwas einen Sprachschatz haben durch welchen sie dann und wann Kunde
von dem Geben womit sich ihre Seele beschäftigt; meinen wir nicht oft sie
hänge an dem kleinen Spielzeug was die kleinen Hände bewegen und
doch bewegt die Seele, ich möchte sagen das Seelchen schon Gedanken die dem Nach-
sinnen des erfahrenen Menschen würdig und werth wären.
Doch es scheint ja nach dieser Einleitung fast als wollte ich eine Lehre der See-
lenbilder niederschreiben; allein darum war und ist es mir hier nicht zu thun /
[1R]
sondern hier nur um Rückmittheilung der Deutung der von Dir mir mitgetheilten
Seelenbilder. Ich sagte Dir aber oben, daß ich Dir das, was mir beym Lesen der-
selben augenblicklich entgegen getreten ist, und zwar besonders zur Selbst-
klärung für mich mittheilen wollte, da wirst Du mir nun mein gütiges Weib
wohl erlauben müssen, daß ich doch noch ein paar einleitende Worte sage.
Seelenbilder können natürlich alle die Beziehungen haben, welche die Geistesthä-
tigkeit überhaupt hat und haben kann; also eine eigene und eine fremde; eine
allgemeine oder eine besondere persönliche; sie können sich beziehen auf Gegenwart
Vergangenheit
abr[sc.. oder] Zukunft; sie können sich beziehen auf inneres oder äußeres Leben,
u.s.w. welche Hauptverschiedenheiten nach den verschiedenen Rücksichten man
noch aufstellen könnte. Schon daraus geht klar hervor daß für die Auffindung
der Bedeutung eines Seelenbildes kein äußeres Gesetz aufgestellt, keine Regel
gegeben werden kann. Die Bedeutung kann deßhalb wie schon ausgesprochen worden
ist nur gefunden werden, d.h. sie springt im Nu bey einem Blicke vom Seelen-
bilde ins Leben – entgegen; wie man Ähnlichkeiten zwischen Personen oder zwi-
schen Gegenden findet ohne daß man darauf ausging, ja nur daran gedacht hat, wel-
che zu finden. Darum scheint es fast, Seelenbilder können für den Menschen um
so lehrreicher werden, je klarer, je geordneter, je ruhiger das Leben des Menschen
überhaupt, das besondere so wohl als das allgemeine desselben ist.
Weil also die Seelenbilder mit dem ganzen Leben des Menschen zusammen häng-
en, so kann auch die Bedeutung der Seelenbilder nur aus dem ganzen und
in dem ganzen Leben gefunden werden, und ist dieß darum so persönlich als
an den Augenblick gebunden, wie das Seelenbild selbst ein freyes an den Au-
genblick gebundenes Erzeugniß der Seele ist. -
Nun nach dieser mir selbst zu langen Einleitung endlich zur Sache.
Gedanken sind Seelenkinder, Geisteskinder der Menschen; der Mensch, beson-
ders der ächte denkend in sich gekehrte Mensch hat gegen seine Gedanken ganz
dieselbe Verpflichtung wie der Vater gegen seine Kinder, er muß sie pflegen und
erziehen; oder auch ächte, wahre Menschengedanken, ja besonders sehr oft die
unerwartetsten ungeahnetsten Menschen- und Mannesgedanken gleichen
den Augen – den Knospen – den Blüthen – gleichen den sich ansetzenden Früchten an
dem Baume, sie müssen geschützt, gepflegt, zur Reife gebracht werden. –
Gedanken sind Kinder die wenn auch nicht unter dem Herzen doch um so sorg-
licher und sinniger in dem Herzen um so denkender im Gemüthe genährt,
gepflegt, entwickelt werden müssen. Ich habe dieß auch einmal schon sehr be-
stimmt ausgesprochen, was aber wie es scheint keine Beachtung gefunden hat
wie wohl so gar Manches was nicht sogleich auf planer Hand lag, und was
darum auch; wegen seiner Geistigkeit, was es bedurfte suchte, ein ruhig aufnehmen-
des Gemüthe.
Nur von dem Menschenleben, sey es das Leben eines Einzelnen oder das Leben
einer Gesammtheit, wo die Pflege der Gedankenkinder Lebensaufgabe ist, wie
uns dieß unter anderen Maria klar zeigt, nur einzig von diesen Menschen und
von dieser Gesammtheit läßt sich Förderung der Menschheit, als eine bewußte
also wahrhaft menschliche erwarten; bey allen übrigen Menschen ist die
Förderung der Menschheit, ihres höchsten Zweckes mehr ein Naturereigniß,
der wie man auch in einer anderen Beziehung wohl sagt ein Zufall; da-
rum nun aber auch, weil dieß die gewöhnlichste Erscheinung im Leben ist, so
sind auch die Fortschritte der Menschheit als eine Gesammterscheinung so
fast unmerklich – der Mensch also welcher sich nicht Ggegen Gedanken
- (: auch wohl Gefühle :) – ganz so pflegend und erziehend verhält wie gegen
seine eigenen Kinder, dieser Mensch darf nicht mit Bewußtseyn sich als einen
Förderer und Fortbildner der Menschheit ansehen, wozu doch eigentlich jeder Mensch /
[2]
als solcher bestimmt ist.
Das geistige Leben des Menschen, die geistige Forderung an den Menschen
ich möchte sagen die Lebenspflichten und [-]Pflege, vielleicht richtiger noch bezeichnet,
die geistigen Lebensthatsachen zeigt nun die Seele gestaltet. – Hierinn liegt
mir nun die Lösung und Deutung der beyden mir von Dir mitgetheilten Seelen-
bilder.
Die achtzehen Gedanken, eigentlich EinGedanke hatte[n] Dich beschäftigt, als
Einer hatten sie sich in Deine Seele, Dein Gemüthe gesenkt. Den Gedanken ge-
staltete, wie ich eben andeutete in ruhiger Selbst- und Freythätigkeit die Seele,
der Gedanke ward Kind. Der Gedanke war Dir als Gegenstand klar, das Kind
erschien vor Dir. Du, Deine Seele hielt den Gedanken fest, Du hieltst das Kind
in dem Arme fest
; trugst es auf dem Arme, auf welchem Du von je her
Kinder trugst, welche Du besonders sorglich festhalten wolltest. – Jeder Gedan-
ke gehört dem ganzen Geschlechte an; das Kind erschien Dir geschlechtslos.
Alle Gedanken entquellen dem Ein alles Seyns und der Urquelle alles Lebens;
Du kanntest dem Kind keinen Vater. – Gedanken müssen erfaßt und festgehal-
ten, pflegend und erziehend aufgenommen werden wie sie sich in ihrer Eigenthümlichkeit
zeigen; mit dem ersten Halbjahre des Kindes tritt schon seine Eigenthümlichkeit kei-
mend hervor; das liebe zarte Kind war nahe halbjährig. – Du kanntest ihm
keinen Namen
; der Name jedes Gedanken, wie jedes Menschen ist Menschheit, ist Leben,
ist Seyn. – Du wandelst allein durch die Straßen Deiner Vaterstadt; jeder
wahre, ächte Gedanke als allgemeiner Menschengedanke versetzt uns in unsere
Heymath wo wir allein [sc.: ausschließlich], nicht allein sind. – Du lebtest in dem vollsten
seeligen Bewußtseyn, daß Du seine Mutter und Es Dein Kind war
; jeder
ächte und wahre Menschheits- und Lebens-Gedanke ist unser ganz eigenes
Eigenthum, kann darum auch, wie frey und selbstthätig in uns erzeugt, so
frey und selbstthätig aus uns wie in uns geboren werden. – Unbeach-
tend jede vorübereilende Erscheinung lebtest Du nur in diesem Bewußtseyn und
Gefühl
; wessen Gemüthe einen wahren, ächten Menschheitsgedanken aus sich ge-
boren und pflegend haltend tragend auf den Arm seines Lebens genommen
hat, den können vorübereilende Gestalten weder anziehen, noch weniger fesseln.
Glücklich lebt der Mensch in diesem Bewußtseyn und Gefühl, denn was bedarf
das so reiche Gemüth nun noch. – Es war wie Frühlingsbeginn; Mit dem
Geborenwerden und der Pflege eines ächten Menschheitsgedanken beginnt
ein neuer höherer Frühling, dem Einzelnen wie dem Ganzen, in der Mensch-
heit wie in der Natur, denn ein innerer höherer erkennender, empfindender Geist
durchdringt die Natur. – Es war Dir als ob Du zu Deinen Eltern eiltest; jeder
wahre und ächte Menschheitsgedanke führt uns zur Einheit alles Seyns zum
Grunde alles Lebens, und so vor allem auch in höherm Einverständniß
unsern Eltern zu. – Jeder wahre Gedanke ist Glied des großen geistigen Ein; ist mit
dieser Einheit als einem Lebganzen und zu einem Lebganzen schon ge-
eint
, hat so die Weyhe dieser Einigung schon bekommen aus dem Ganzen, der Ein-
heit
aus welcher es hervor gegangen ist, das Kind war getauft. - Vorher
hattest Du, Du weißt nicht von wem – ein wunderschönes Taufkissen geschenkt
bekommen, himmelblau mit silbernen Borden eingefaßt. „Wunderbar!“
sagtest Du bey Dir, da[s] Kind ist ja schon getauft und soll noch einmal getauft werden
? – aber Dein Herz hatte nichts dagegen
. Vorher hattest Du das Taufkissen geschenkt
bekommen aber Du weißt nicht von wem! - Bey dem Erscheinen des ächten Geisti-
gen in dem menschlichen Leben ist alles zu dessen Aufnahme vorbereitet, wir
wissen nicht durch und von wem, wenn wir nur still der Vorbereitung nach
gingen und nachgehen wenn nun auch gar Manches wunderbar und über-
flüssig, unnöthig erscheinen sollte. – Dein Kindchen sollte zum 2en male ge- /
[2R]
tauft werden; was geeinet, geweyhet und so gleichsam getaufet durch
seinen Ursprung seine Quelle ist, muß nochmals getauft, muß der Ein-
heit auch äußerlich wieder gegeben, muß äußerlich wieder geweyhet
werden der Erscheinung nach. - Dein Gemüthe gieng dieser wunderbaren
überflüssigen Forderung nach, so soll bey der Pflege eines ihm anvertraueten
Menschheitsgedanken der Mensch sinnig allen Forderungen desselben nach gehen
auch wenn er sie nicht gleich versteht – sein Herz soll nichts dagegen haben.
Blau war das Tauf-Kissen mit silbernen Borden, die Treue, durch die Treue des
Einzelnen [gegen] das Ganze gegen die Einheit, durch die geläuterte Klare Ge-
sinnung wie mit Silber verschönt wird das Einzelne dem Ganzen auch
in der äußeren Erscheinung und als einzelne Erscheinung wieder dargebracht.
Das Kindchen war schneeweiß gekleidet mit langem Kleidchen und weißem Mützchen; - jeder
ächte Menschheitsgedanke erscheint in einem klaren beweglichen Gewande. So eilest
Du fort. Plötzlich fiel Dir aufs Herz, die Luft ist ja wohl noch etwas rauh und Du hast
nicht einmal ein warmes Tuch für d. K. mitgenommen – doch tröstest
ich Du Dich es ist recht
warm unterm Kleidchen angezogen
. – Die zarten Geistes[-] und Gemüthskinder erschei-
nen leicht und zart bekleidet in der Welt, doch ein unsichtbarer Schutz umgiebt sie
der Sturm und die Kälte scheinet sie wohl erstarren zu machen, da erhebt sich plötzlich
in einfachen natürlichen Menschen die theilnehmende Gesinnung. Aber die Sorge
blieb Dir innig schlossest Du es an Dich und drücktest mit der linken Hand sanft sein
Köpfchen an Deine Brust um es durch Deine eigene mütterliche Wärme zu schützen
“Huschle Dich ein mein Engel, huschle Dich“ riefst Du ihm leise und innig zu es fest
an Dich schließend
. Die herzlich schützende Gesinnung erscheint als schützende Hand ein
Sprichwort sagt von der linken Hand: „sie kommt vom Herze.“ Diese Deine
Hand sucht dem Kinde Schutz dem Gedanken des Lebens Schutz gegen die Rauheit
des Windes und Wetters des wirklichen äußerlichen Lebens zu geben; das schützen-
de pflegende Gefühl Deines Gemüthes wurde eins mit dem geschützten, gepflegten
Gedanken; der Gedanke, das Kind, wurde mit all seinem Leben wieder in
dem Gemüthe aufgenommen. Und das dadurch erregte Klopfen des Herzens in
der Macht der mütterlichen Empfindung weckte Dich; die höchste reinste menschliche
That – die pflegende Aufnahme eines die Menschheit fördernden Grundgedanken, Leb-
gedanken in das mütterliche Gemüthe – war vollbracht und – Du erwachtest,
Weg war Dein Glück, aber der süße Nachklang blieb lange. Das äußerliche
Leben in seiner Leerheit erscheint, doch die Wonne des Gefühls, des Bewußtseyns
des pflegend, entwickelnd, schützend gleich aufgenommenen, in Gemüth und Geiste
liegenden aufgenommenen Lebgedanken, eines die Menschheit in erhöhterer Klar[-]
heit auf erhöheterer Stufe der Lebenseinheit darlebenden Gedanken dau-
ert fort wenn auch im Äußeren alles (: das Seelenleben :) geschwunden ist.
Dieß ist mir die allgemeine Bedeutung des ersten Seelenbildes.
Zweytes Seelenbild. Hier kann ich mit einigen Andeutungen das Ganze sagen
denn alles ist bey diesem Seelenbilde ganz umgekehrt dem vorigen: -
Hier gehst Du in einem abgeschlossenen bestimmten Raume, einem Garten, dort dagegen
in der allgemeinen Stadt. – Hier war schon herrlicher Frühling, alles grün u mild.
Dort nur Beginn des Frühlings; also auch schon in dieser Beziehung alles bestimmter
und somit äußerlicher; - Das Kind hier *erscheint zwar als verwand[t] doch nicht als eigen [*]
konnte schon gehenes war außer-
dem neben Dir
, - es hatte einen bestimmten Namen: - der anvertraute
Lebgedanke erscheint hier zwar dem Leben verwandt, aber nicht demselben Leben entsprossen;
er der Lebgedanke erscheint hier als ein äußerlicher, getrennter,
scheinbar selbstständiger; ein einzelner Personen Name, als solcher sonach äußer-
lich und vergänglich war ihm zu Theil worden, ein Name der scheinbar das
Bestehen dessen der i[h]n führt in sich-selbst sichert. Als es Zeit war nach Hause zu gehen. Auch hier
wirst Du zum Hause zur Einheit zurück getrieben, doch /
[3]
[Bogen] A [sc.: B]
noch nicht durch den innern lebenvollen Trieb, sondern durch ein Äußeres, die
Zeit. – Wollte der Kleine nicht von der Stelle weil es ihm vielleicht noch zu
gut gefiel
, der äußerlich gewordene Lebgedanke, als dieser bestimmte Gedanke
dem Äußerlichen hingegeben, preißgegeben, kann sich schwerlich von der Äußer-
lichkeit losreißen, kann schwerlich aus der Äußerlichkeit ihr preiß gegeben
zurück gezogen werden. Nicht Bitten, nicht Zureden, keine Besinnung half: der
höchste Lebgedanke von der Äußerlichkeit umklammert kann sich derselben
entwinden, kann sich von derselben losreißen; ein Beyspiel statt aller ist
vielleicht als Person B.[Bauer] in B.[Berlin] Du glaubst das Kind, es bey seinem Namen
gerufen und dadurch an Dich geknüpft habend – Dir folgend
; in dem äußerlichen
Genannt- und benannt- und dadurch an ein[e] Person geknüpftseyn eines Leb-
und Grundgedanken glaubt der Mensch das Bestehen dieses Grundgedanken[s]
gesichert. – (: z.B. Fichtesche Philosophie, deutsche Philosophie rc allgem: deutsche Erz.Anst :)
Du gehst, das Kind scheint Dir zu folgen; die von uns äußerlich hingestellten ausge-
sprochnen mit Namen bezeichneten und genannten Gedanken glauben wir
werden uns schon so ihr Bestehen in sich tragend, im Leben sich selbst entwik-
kelnd folgen, so daß es uns dabey vergönnt ist einem persönlichen Einzelzwecke
nachzugehen. Bald aber drängen sich zwischen Dich und das Kind fremde
Erscheinungen die [von] Dir etwas wollten, Du verliehrst das Kind
. Der von
den Menschen als ein Äußeres, Einzelnes, Benanntes hingestellte Gedanke
wird sehr leicht und fast immer durch sich dazwischen, zwischen uns und ihn
sich drängendes Fremdartiges von uns getrennt; doch so den Blick gegenseitig
auf das Äußere gerichtet, auf das gerichtet was von uns etwas will, was
uns etwas will, verliehrt man so sich leicht gegenseitig – der Gedanke in sei-
nem Fortleben uns und wir den Gedanken – aus dem Gesichte. Du kommst
nach Hause
. In der Heymath sammelt der Mensch sich wieder; - Du suchst zu essen
Es war Mittag
. Pflege der Gedanken ist dem Menschen Lebensgabe, besonders in
der Zeit wo der Mensch an Wendepunkten seines Lebens steht. – Du vermis-
sest das Kind
; Die Seele der Geist sucht die höhere Nahrung je höher die Sonne
am Mittage des Lebens steht, er vermisset jetzt sehr leicht den sich selbst
überlassenen und so preißgegebenen Lebgedanken; - Du suchst das Kind
Du suchst den Lebgedanken Dir wieder zu gewinnen. Jeden fragend ob ihm
nicht ein solches Kind begegnet sey und man sagt Dir – daß ein solches Kind wie
Du es beschrieben in das Wasser gefallen seyn soll
. – Solchen Antheil nimmt der
Mensch an unseren Lebgedanken <wie> ihren Verhältnissen überlassen, wenn
sie in ihrer lebendigen Farbentwicklung vernichtet sind, dann müssen die Menschen
davon zu reden [beginnen] – Du findest das Kind todt in den Armen des Todes; der sich
selbst überlassene Gedanke ist in der Äußerlichkeit welcher er hin- und preis-
gegeben war ertrunken unter gegangen
Dieß die allgemeine Deutung des zweyten Seelenbildes freylich nur in Andeutung.
Nun aber noch eine zweyte freylich auch näher liegende doch aus der vorigen
hervorgehende Deutung der Seelenbilder für Dich, für Euren und Deinen Kreis in K.
Gedanken wurden, und wie einer von Euch sehr wahr sagte: Ein Grundgedanke
ward und wird Euch wohl jetzt oft ausgesprochen; Ihr zur Pflege auf Euren stärk-
sten Arm und zu pflegen mit Eurem stärksten Arm[;] der Grundgedanke gehört
dem Allgemeinen, der ganzen Menschheit an, ist also geschlechtslos. – Durch sein
Hervorgegangenseyn aus dem Allgemeinen aus der Einheit hat er seine
höchste Weyhe schon erhalten, ist er getauft. – Als erscheinend in Deinen in
Euerm in unsern Kreis - soll er getragen von der ruhend auf Treue und Klar-
heit und Reinheit der Gesinnungen seine besondere zweyte Weyhe für das Leben
der Erscheinung erhalten. – Dieser eine Grundgedanke als ein rein geistiger, mensch-
heitlicher, erscheint zart, leicht bedeckt und obgleich durch sein Wesen von einem /
[3R]
unsichtbaren Schutz unmittelbar umgeben, so soll er doch als eine menschliche Er-
scheinung und erscheinend in Euerm und unsern äußern menschlichen Leben, ge-
gen die Rauheit des äußeren Lebens, aufgefordert von Euerer unmittelbar
menschlichen Empfindung gepflegt werden, er soll gepflegt werden durch die äußer-
lich schützende Hand des Lebens und der Lebensverhältnisse, so wie ganz vor
allem durch schützende und pflegende Aufnahme in Euer eigenes Herz
und Gemüthe; werdet Ihr das thun, so werdet Ihr die höchsten und reinsten
der menschlichen Freuden – die mütterlich pflegenden empfinden und wie Euch
auch wenn Ihr mit aufgeschlagenem äußeren Auge in das Euch umgebende
äußere Leben schauet und Euch das leer erscheinet; so wird – wie auch Euer
Glück äußerlich geschwunden scheint doch der Seegen des süßen Bewußtseyns
menschlich treu und menschlich wahr gehandelt [zu] haben Euch durch Euer langes
Leben bleiben. Ein Mensch, besondern welcher einen ächt menschheitlichen, einen rein
Dieß die Andeutung Deutung des zweyten Seelenbildes für Euch und den Kreis
geistigen Gedanken pflegend, schützend, erziehend und an und durch sein Leben ge-
staltend in sich trägt, kann so zur Förderung der Menschheit und Hunderter
von Menschen beytragen, mehr wirken, als Hundert andere deren jeder eine ganze
Familie leiblicher Kinder aufwachsen macht.*
[Rand*-*]* Jeder ächte, treue somit wahre Menschengedanke kann aber zu einem Grundgedanken, entwickelt, gesteigert erhoben werden, so wie sich aus jedem Punkte Kreise ziehen lassen; wie jeder Punkt zum Mittelpunkt einer Kugel erhoben werden kann. [*]
Die Seegnungen wirken noch lange fort
wenn dann das Leben als äußere Erscheinung längst aufgehört hat.
Dieß die Andeutungen zur besondern Deutung des ersten Seelenbildes für
Dich für Euch für den Kreis. -
Würdest Du würdet Ihr aber, den Gedanken (aber) als einen und diesen bestimmten
Gedanken außer Euch hinstellend und hingestellt, meinen, weil er nun dieser be-
stimmte, so seyn Bestehen in sich tragende, auch in Euch und Euern Kreise gedachte, und
nach dieser klaren in sich selbst ruhenden Selbstständigkeit von Euch benannte Gedanke
seye, Ihr ihn nun so sich selbst, seinem eigenen Schicksale gleichsam überlassen
könntet, und Euch der zerstreuenden und trennenden Beachtung anderer persön-
licher Einwirkungen überlassen und hingeben wolltet, - so würdet Ihr wenn Ihr
glaubtet genießend an dem Ziele Eures Lebens zu seyn, im Augenblick des Ge-
nießen wollens daselbst den Gegenstand vermissen welcher als ein Lebge-
danke höher ist als alles was das erscheinende Leben zum Genuß bieten kann. Allen äu-
ßern Genuß würdet ihr nun verschmähen und den verlohrenen
Grundgedanken im Leben aufsuchend in dem, unter den Erscheinungen dessen was man
Leben nennt aufsuchen; nur daß man ihn in <?> in seinem Streben nach Klar-
heit und Leben sich selbst überlassen untergesunken zu finden habe denn die Er-
fahrungslosigkeit im Gebiete der Erfahrung hätte ihm Leben und Klarheit gezeigt
wo bodenlos Unsicherheit Unhaltbarkeit (Wasser) war, das äußere Leben
in seinem Lebensschein und Lebenstrug hat die Lebgedanken erschlagen und nichts
ist möglich ihn ins Leben zurück zu rufen, zurück zu bringen; selbst ruht der
Gedanke ruht der Entschluß heraufzusteigen aus dem Schein und Trug des Scheinlebens.
Der Mensch im Augenblick dieser Wahrnehmung mag wohl erwachen, aber
unter welchen Bewegungen.[?]
Dieß die Andeutungen zur besonderen Deutung des zweyten Seelenbildes.
Nun die dritte besonderste, aber nicht minder aus dem Ganzen einfach her-
vorgehenden Deutung Deiner Seelenbilder, für mich persönlich und auf mein eigen-
stes Leben.
Der Grundgedanke meines Lebens ist ganz allgemein, geschlechtslos: Ihn in mir
findend habe ich ihn in mir gepflegt, ausgebildet, geboren, ich habe ihn nicht empfangen
nicht bekommen, ich habe mir ihn nicht von Außen angeeignet. – Sein Wesen, seine Eigenschaf-
ten, seine Weyhe und so seinen Namen seine Taufe hat er aus seiner Quelle. – Durch
das Getragen werden von der Treue umfaßt von der reinen klaren Gesinnung, be-
kommt er seine Eigenschaften, sein Verhältniß, seine Weyhe, seine Taufe, seinen Namen /
[4]
in den Erscheinungen. Als ich sahe daß der Sturm, die Rauhheit, die Kälte, die dem Ge-
danken bey seiner Hinstellung im Leben und ins Leben frühe begegnete[n], ihn
tödten würde[n], so wurde er auch in dem Maaße frühe und immer tiefer
und tiefer von mir wieder ins pflegende Gemüthe aufgenommen, das
äußere Glück zerfiel und zerfällt, doch das erhebende Bewußtseyn und Gefühl
des pflegend in sich tragenden Lebganzen kann auch durch die Leerheit des
äußeren Lebens nicht vernichtet werden. – Dein erstes Seelenbild.
Das Vertrauen auf die in mir lebenden, in mir wirkenden Gesinnungen
als die Gesinnungen einer ganzen Familie, als die Gesinnungen einer
großen erfahrungsreichen wie denkenden bewußten Familie, ließ mich
den Gedanken als ein äußeres selbstständiges hinstellen, ihn den Gedanken
gleichsam ihn als ein Eigenthum der jungen Familie vertrauend zu Schutz
und Pflege hingeben. Doch würde der Einzelne hier einzeln durchführen
was es durch sich selbst spricht, jeder zu dem Markt des Lebens drängte sich
zwischen mich und den so auch in äußerlich benannter Selbstständigkeit hinge-
stellten Gedanken; nicht leise Winke, nicht der bestimmte Ruf doch der inner-
en geistes Einigung zur eigenen Erhaltung und Erstarkung, zum eigenen
Wohle zu folgen, konnten, wie auch der äußere Schein war, wirken, der
dem Äußeren hin[ge]gebene Grundgedanke gieng im Äußeren unter. Mehr
ließe sich noch dieses Seelenbild im Einzelnen durchführen, doch es sind diese An-
deutungen hinlänglich. – „Unter welchen Bewegungen würde ich erst
aus des Lebens Traum erwacht seyn hätte ich nicht des das erhebenden, alles
übertragenden Bewußtseyn und Gefühl in mir gehabt das Wesen des
Gedankens stets unverkürzt pflegend tief im Gemüthe behalten und ge-
tragen zu haben, es frühe bey der Widrigkeit u Rauheit der Lebenserscheinungen
wieder im Gemüthe aufgenommen zu haben. [“] -
Du siehst hieraus, obgleich nur Andeutungen, wie Deine Seelenbilder, be-
sonders das zweyte, in mir schon eine hohe Klarmachung meines eigenen Lebens
bewirkt haben und immer mehr bewirken werden, denn ich werde sie zu ei-
nem Gegenstand der wiederkehrenden Lebensbeachtung machen, zumal
sie auch überdieß in ihrer ganz allgemeinen Bedeutung mit den beyden Ge-
dichten Selbstständigkeit und Rettung zusammenfallen, welche ich Dir und Euch
irre ich nicht in der Lebensdarstellung überschickt im verflossenen Herbste – mit-
getheilt habe; und ganz recht hast Du darum mein geliebtes theures
Weib wenn Du zu den Hamletschen Worten:
Träume sind Luft ohne Wesen
noch dann die hinzufügest:
Aber nicht ohne Weisung.
Weiter hast Du mein treues Weib, durch diese beyden Seelenbilder und
deren Mittheilung auch den schönen freundlichen wenn auch an sich un-
nöthigen überflüssigen Beweis, wie sehr mein Leben die Grundgedan-
ken meines Lebens als des eigenen Leben[s] in Dir in Treue getragen
und umschlossen vom klaren Gemüthe gepflegt wird. Du hast ferner dadurch
den Beweis wie unser beyderseitiges Leben gegenseitig sehr ergänzend
ist, so wie sich noch gar vieles Erfreuliche daraus ableiten ließe; unter an-
dern auch der Satz: daß zu einem ächt einigen Gemeinsamen Leben eben
nicht auch ein äußeres einiges Beysammenleben nothwendig ist.
Die beyden Seelenbilder zeigen ferner dem Ganzen die innere und äußere
Stellung meines ganzen Lebens klar und wird dieß ein jeder des Kreises
zu seiner Belehrung und Nachachtung sich weiter aus- und durchführen können
wenn Du anders - zur gewiß auch höheren allgemeineren Klärung diese /
[4R]
Deine beyden Seelenbilder in der Allgemeinheit wie ich es hier gethan habe,
vorführen willst.
Deine, zu den Hamletschen Worten hinzugefügten sind tief begründet; denn
das Leben ist Ein inniges großes Ganzes, nichts steht darinn einzeln, nichts
ist darinn nachtheilig, nichts ist möchte ich sagen im Leben böswillig – wie
auch der strafende Ernst der Väter nicht – nur will uns nicht immer gleich das
Verständniß des Lebens kommen. Ja ich glaube z.B. von den Vätern sagen
zu dürfen, sie verstehen sich sehr häufig in ihren strafenden Forderungen selbst
nicht, ebensowenig als man sagen kann, das Leben verstehe sich; könnte
man aber Väter und Leben sich selbst verständlich machen so würde sich
bald zeigen daß sie eben dem entgegen sind was sie doch beyde selbst wollen
und wünschen. Der schwierigst zu begreifende Satz im Leben aber ist der, daß wir
alle durch das Entgegengesetzte belehrt und erzogen werden, so belohnt uns der
Tod am Besten über die Lehre das Leben, den Verlust, die Entbehrung über den Besitz.
Auch durch die Mittheilung Deiner beyden Seelenbilder hast Du mich über beyde
sehr belehrt, mein theures Weib! sie haben mir das auch im Bilde gezeigt,
dem [sc.: das] ich lange anstrebe: - die Pflege des sein Wesen, seine Weyhe u.s.w.
durch seine Quelle in sich selbst tragenden Grundgedanken, still im lebenvollen
eigenen Gemüthe. Ja Ihr als einiges Ganze, so wie jeder Einzelne von Euch als
Glied dieses Ganzen und als selbstständige Person kann gewiß nach diesen Andeutungen
der Deutung viel aus Deinen beyden Seelenbildern lesen und lernen; denn fast
will es mir erscheinen daß wenn der Mensch der sich im Besitze eines Grund-
Lebgedanken weiß, in seinem Leben die Forderungen und Weisungen
Deiner beyden Seelenbilder in Anwendung bringet, - er dann in Sicherheit, in Freude
und in Frieden sein Lebensziel erreiche. –
Wir sehen also beyde und alle, mein trautes Weib! wieder wie wirksam
die offene freye Mittheilung im Leben ist, wenn das Verständniß und die Er-
fassung des Lebens ein gemeinsames Ziel ist
, wir dadurch was als Einzeler-
scheinung uns mit Furcht rc erfüllt, im Ganzen angeschaut seegensreich und
eine Einzelerscheinung [des Ganzen] wird. Man wollte mich in diesem Punkte in Keilhau
nie verstehen, man wollte wohl mit mir das [sc.: daß] die Schreckgestallt schwinde,
aber man wollte daß die Gestalten wechselnden [sc.: wechseln] und an die Stelle der Schreckge-
stallt die Engelsgestalt erscheine, so aber ist es wenigstens nicht auf Welten
die Erden sind: - Die Gestalt die wir jetzt Schreck- wie Todesgestalt nen-
nen, bleib[t] auch im nachher, nur der durchleuchtende Geist ist es der sie in eine
Engels- und Freudengestalt umwandelt, ein und ebenderselbe Baum ist es
der uns im Spätherbst seine Blätter lebenlos um sich streut – dessen schwarze
Äste im Winter mit eisiger Rinde umschlossen ist u welcher nun im Frühjahr
mit den süßduftenden rosigen Blüthen, im Sommer mit den schwellenden
leuchtenden und im Herbste mit den reifen, rothwangigen Früchten erfreut.
So habe denn mein geliebtes Weib! für Dein Gebendes Vertrauen meinen
innigen Seelendank, der Ausdruck dieses Dankes sey die Deutung der Bilder wie
sie der Seele entgegen trat. – Komme darum zurück von dem Gedanken
Deine lieben Briefe könnten mir nicht mindestens eben so viel seyn als die Briefe
jedes der übrigen.

Am 24en April. Eben bin ich im Begriffe diesen Brief nach Luzern zur Post zu tragen.
Lebe darum für dießmal recht wohl mein theures Weib. Seit einigen Tagen haben wir
sehr schönes Wetter, bey dem klaren Sonnenauf- und Sonnenuntergang habe ich Deiner und
Eurer aller viel gedacht. Grüße alle die Kinder jeden einzeln mündlich von mir.
Ein Brief an alle steht schon in meiner Seele, ständ er auch auf dem Papier, so an Jeden Einzelnen.
Beyliegende Briefe an die Frauen giebt Deine Liebe wohl ab. Hast Du einen Brief von Mutter
und Tante durch Barop erhalten? Kam ein Brief an die Confirmanten zur rechten Zeit? - Fer-
dinand grüßt. Das Leben ist das Euch bekannte. – Meine Seele lebt stets mit Dir und mein Geist umarmt
Dich. Ewig Dein FriedrichFröbel