Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Barop in Keilhau v. 16.4.1832 (Wartensee)


F. an Emilie Barop in Keilhau v. 16.4.1832 (Wartensee)
(KN 37,8, Brieforiginal 1 B 16° 3 S.; ed. Reinhold Wächter (Hrsg.):
Keilhau in Vergangenheit und Gegenwart. Festschrift. Keilhau 1933, 4-6)

Wartensee in d. Schweiz am 16en T. im M. des prüfenden Wechsels 32.


Emilie!

Du und Deine liebe Hausgenossin Ernestine habt mir je-
de einen Blumenbrief geschrieben, mit treffendem Frau-
ensinn ahnend, was dem vielbewegten und wandernden
Leben des Mannes die ruhigen und so lebenvollen zu
Hause bleibenden, und doch überall gegenwärtigen Blu-
men und Gewächse sind.
Viel wohl sind die bunten Blumen den Kindern ihnen
das bunte Menschenleben zur Erfassung nahe bringend;
viel sind die duftenden Blumen und Pflanzen dem Jüng-
ling der Jungfrau, Leben sich zu und entgegen duftend;
aber wahrhaft nicht minder sind die sinnigen Blumen dem
Leben des Mannes dem sie Länder mit Land, Zeiten mit
Zeit und die Gefühle der getrenntesten Lebensblicke in einen
farbigen, duftigen, sinnvollen und so lebenvollen Kranz
friedlich und freudig zusammenwinden.
Ja ich meine fast man muß umgeben von, geeinigt mit
ihnen viel in Ort und Zeit und von lieben Menschen gelebt haben
um eigentlich das wahre sinnige Blumen- und Pflanzenwir-
ken und Walten, das Lebensband und Lebensgewand
aus Einem Stücke, in Einem Ganzen, welches sie weben, beleben,
ihm Formen und Farben der Schönheit geben – klar zu schauen
recht zu würdigen.
Oft habe ich dieß im Leben wohl schon empfunden aber doch
noch nie so stark wie vor ein paar Tagen. Vergönne mir
Emilie! Dir aus Dankbarkeit und zum Dank für Deinen
duftigen Brief, diese in der Wirklichkeit duftige Lebenser-
fahrung oder Lebensbegegniß mitzutheilen.
Vor einigen Tagen, ich glaube an einem Sonntage war /
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es, wenigstens wurde durch diese Erscheinung gleich Sonn-
und Festtag um mich, - komme ich früh in unser Zimmer.
Du erinnerst Dich vielleicht daß ich wegen meines jetzigen
Schlafzimmers und der halbunsichtbaren Treppe, jetzt von
[der] Decke gleichsam vom Himmel herab am Morgen immer in
dasselbe eintrete. Ehe meine Augen noch den Tisch treffen
konnten, kam duftig mir schon der köstlichste Hyazinthen-
geruch entgegen, doch bald findet auch der Blick die zarten
röthlich blauen Glocken denen der Duft wie sanfte Töne
sich entwindet, und wirklich war es für mich als umfingen
in dem Dufte und mit dem Dufte mich die liebsten Töne, als
vernähme ich dadurch und darinne Menschennähe. Im Nu
fühlte ich mich in einem ganz andern Leben; ganz andere
Umgebungen, ganz andere Verhältnisse den ganzen Kreis
meiner Lieben meinte ich wirklich um mich wahrzunehmen
so teuschend, daß ich meinte mein Auge sähe meine Hand fühl-
te sie, als spräche mein Mund zu ihnen und vernähme ich
ihre Stimme; eine der glücklichsten Empfindungen, der seelen-
vollsten Gefühle durchlebte mich. Nie habe ich etwas rein
geistiges so gestaltet und als Wirklichkeit wahrgenommen.
So wenig Du Dir es vielleicht sogleich deuten könntest,
so konnte auch ich mir es nicht sogleich deuten, doch bald
wurde es mir ganz klar: Gerad immer in den ruhigsten,
gesammeltsten, friedvollsten Zeiten meines Lebens, in den
Zeiten meines Lebens in welchen Herz, Gemüth und Geist am
geöffnetsten und so auch am geschicktesten waren umgebendes
Leben und umgebende Gestalt am reinsten und ungestöhrte-
sten in sich aufzunehmen, gerad in dieser Zeit wurden mir immer
in Keilhau und auch in Berlin viel duftige Hyazinthen ge-
schenkt, und mit dem mich so lange und in den friedlichsten
sinnigsten, lebenvollsten Zeiten umduften[den] Hyazinthen-
Leben, lebte sich mir auch das mich umgebende, durch die
Gabe mit ihnen einige Menschenleben und das Leben und
die Gestalt der einzelnen Menschen, lebenvoll im Gemüthe ein; /
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Und so dufteten auch jetzt die lieben Hyazinthen auf dem Tische
mir all den süßen Duft und mit ihm all die lebenvollen
Gefühle und Empfindungen entgegen welche mir so oft die vol-
len frischen Hyazinthen an meinem Lebensfeste entgegen
geduftet hatten, wie mir selbst die von Elisen durch ihre Zeich-
nung zwischen Eichen[-] und Lindenzweigen unvergänglich blühende
Festhyazinthe mir immer noch entgegen duftet. Gefühle
Verhältnisse und mit ihnen Leben und Personen brachten
sie wie ich schon erwähnte teuschend nahe, fast wurden
die Blumen mir Menschen, ihre Form und Farbe mir
Worte, ihr Duft mir Rede und so vernahm ich auch jetzt
in den und durch die röthlichblaulichen Glocken die Wor-
te welche vor sieben Jahren einige Liebe und innige Treue
zum Lebenfeste mir ausgesprochen, mit ihnen ausgesprochen:
„Nimm von des schwachen Weibes Herzen
„Heut noch die einz'ge Blüthe hin,
„Sie deute Dir der Liebe Schmerzen
„Sie deute Dir der Treue Sinn ;
„Denn wie hier beydes sich durchdringt,
„Das Eine nur das andre zwingt,
„Nur so des Geistes Balsam bringt
„So mag für unsern Bund auf Erden
„Die Blume forthin Bild uns werden.“
Wie hier die duftige Hyazinthe mir und meinem Le-
bens- und Seelenbund während und nach sieben Jahren, so
möge Deine rosige, knospende Rose während und nach
siebenmalsieben Jahren Dir noch immer Bild Deines
Lebens bleiben, Dir mit jedem wiederkehrenden Rosen-
jahr Dir Dein Rosenleben so bleibend entgegenduften,
daß wenn auch Dir die Rosen des Gartens zerblühen, Dir
doch nimmer die Rosen des Lebens verblühen; - dieß
für Euern blühenden Brief den geschriebenen von Dir Emilie
und den während des Schreibens gewundenen Deines Barop,
der dankende Wunsch Eures
FriedrichFröbel.