Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 12.5.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 12.5.1832 (Wartensee)
(KN 38,2; Bl 1-2, Brieforiginal 1 B 8° gr 4 S. Die Seiten dieses Briefs und desjenigen v. 12.5./18.5.1832 an die >Keilhauer Gemeinschaft< sind fortlaufend foliiert, was darauf schließen läßt, daß beide Briefe in KN als Einheit gesehen wurden, daher in einer Mappe liegen und auch zusammen verschickt wurden. Der beiliegende Umschlag (Bl 11) ist nur an Middendorff adressiert.)

       Wartensee, am 12en May 1832.·.


Des Seelenfriedens Gruß zuvor.

So durch und durch bis in meine innerstes Leben hat mich
noch wohl kaum ein Brief in meinem Leben erfreut
als Euer letzterer vom 4 d. Mon:; nicht etwa weil
er in meine Lebenspläne fördernd eingreift, nein! dieß
keinesweges, sondern weil mit und durch denselben
einmal der höchste und tiefste meiner Seelenwün[-]
sche erfüllt worden ist: daß nichts durchgeführt wird
wenn es gegen die Gesammtheit der äußern Lebens-
verhältnisse ist. Ich bin sehr glücklich, rein freudig so zu-
frieden in mir, wie ich seit Jahren nicht gewesen bin; ob-
gleich wohl fast ein jeder wenn er nach Eingang Eures
jüngsten Briefes mein jetziges äußeres Leben überschau[-]
en von demselben sagen würde daß es wie im Nu
zerfallen wäre. Die Zeit ist mir jetzt zu kurz um et-
was darüber zu sagen wenn ich nicht Mißverständ-
nisse häufen oder wenigstens wecken will. Genug!
der Eingang Eures Briefes bezeichnet zugleich den höchsten
Wendepunkt meiner Lebensverhältnisse oder der äußer[n]
Erscheinung oder der äußern Wirksamkeit meines Lebens.
Ich bin seit langer Zeit von Stufe zu Stufe darauf vorbe-
reitet worden, und ich habe, so viel ich mir bewußt bin
nichts versäumt um jeden dieser Vorbereitungsschritte
ganz zu benutzen, ganz zu durchleben. Jetzt nur die Mit- /
[1R]
theilung des nächsten Ergebnisses. Zu Barops Reise hieher
ist nun nach meiner Einsicht gar kein Grund. Felix
bleibt nun, auch wenn es seine Mutter (:was ich jedoch,
aus Gründen die in seinen Namen, wenn man ihn rück-
wärts lieset, und in seinem Geburtstag liegen, nicht glau-
be:) - ihm auf meinen Brief zugestehen sollte jetzt
nach Wartensee zu reisen, dennoch in Keilhau.
Ich selbst kehre, wenn es der Gesammtheit der Keilhau[-]
er Lebensverhältnisse nicht entgegen ist, und sonst die Vor-
sehung mein Lebensschicksal <es> nicht anders bestimmt,
um die Michaelis Zeit, gewiß nach Keilhau zurück,
bleibend dankbar gegen das Assyl Wartensee, wenn
auch nun wohl nie Erziehungsanstalt Wartensee;
denn es hat der Gesammtheit meines und unser aller
Leben als Mannigfaltigkeit und Einheit unaussprech[-]
liches, also noch mehr ganz unschätzbares gereicht.-
Alle inneren und äußeren Verhältnisse {der Erziehungsanstalt / in Keilhau[}]
bleiben, wenn es nicht eine höhere Bestimmung an-
ders fordern sollte ganz unverändert so, wie sie seit
meiner Abwesenheit sich gemacht haben und noch bis
jetzt bestehen. Eben so wenig wie ich in die Leitung der
Erziehungsanstalt noch in das Verhältniß der einzelnen
Glieder zu den verschiedenen Eltern mehr und anders
als während meiner Abwesenheit eingreifen werde,
ebensowenig braucht auch selbst die äußere Form
der Anstaltsführung die leiseste Änderung zu erleiden.
Ich aber, für meine Person, halte meine Lebensaufgabe /
[2]
mein Lebensziel und meinen Lebenszweck nicht nur
fest, sondern ich werde mich vielmehr auf das sorgsam-
ste bemühen das, was mir die Vorsehung reichen zu wol-
len scheint: Unabhängigkeit des höchsten innersten Lebens
Berufes und Zweckes von den äußern Lebensverhältnissen
nicht durch willkührliches, unachtsames Eingreifen zu trüben.
Ferdinands Leben hat auch bis dahin Zeit sich zu entwickeln
und ich will selbst nicht durch eine Meinung voreilig
in dasselbe eingreifen. Ebenso wünsche ich auch nicht daß
irgend eine Lebensansicht von mir in die Lebensfortent-
wicklung, d.h. in die äußeren Lebensbestimmungen der
beyden Pfeiffer und noch weniger irgend eines anderen
unserer Zöglinge einwirke.
Hätten sich die Bestimmungen von Keilhau nur
14 Tage früher machen lassen, so hätte ich Warten-
se[e] vielleicht schon in diesem Monat verlassen; dieß
war aber wie das Ganze mir vorliegt rein unmög-
lich, so wird nun das jüngst wieder begonnene Werk
bis Michaelis ruhig und wenigstens von meinem
Willen aus mit einem Eifer fortgesetzt werden, als
sollte die Wartenseeer Schule und Anstalt ewig be-
stehen; und so zweifle ich keinesweges wird auch von unserm
längeren Aufenthalt in Wartensee gewiß eine viel[-]
fach reiche Seegenswirkung auf Keilhau zurückkehren
wie dieß ja auch im so hohen Maaße bisher immer
der Fall war. Für den äußerlich berechnenden Sinn
wird dieß aber auch sehr nöthig seyn; denn obgleich bis /
[2R]
zum 1en May alle unsere Ausgaben gedeckt ja berichtigt
sind, so werde ich bey nun gänzlich veränderten Lebens-
verhältnissen, Keilhau wenigstens zur Rückkehr dahin
aber auch wohl zum Zuschuß auf die Dauer dahin in
Anspruch nehmen müssen. Doch davon in meinem
nächsten Briefe wenn ich selbst darüber klar bin. Ich
wollte dieß nur sogleich aussprechen, damit Ihr, wenn
zur Reise Geld zu Eurer Verfügung war; Ihr nur
nicht sogleich, ohne was ich aussprach zu berücksichtigen,
darüber disponiren möget.
Lasset Euch durch diese Lebenswendung nicht abhalten
mir noch oft zu schreiben; damit ich hier noch für
unser bald wieder gemeinsames Leben keine Gele-
genheit zu Lebenserfahrungen woran das Leben hier auch
als Lehrer so höchst reich ist, verabsäume[.]
Ferdinand wie ich grüßen Euch in Liebe und Treue
   Euer

FriedrichFröbel.