Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Salesie Hertenstein in Luzern v. 15.5.1832 (Wartensee)


F. an Salesie Hertenstein in Luzern v. 15.5.1832 (Wartensee)
(KN 38,2; Bl 3-11, hier: 9R-10R, Abschrift 1 B 8°2 S. Handschrift Ferdinand Fröbels. Die Briefabschrift ist Bestandteil des F.-Briefs an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 12.5./18.5.1832. - Durch diese ist der F.-Brief an Hertenstein erhalten, der sonst nicht archivalisch belegt ist. - Die Seiten des F.-Briefs v. 12.5./18.5.1832 und desjenigen v. 12.5.1832 an die >Keilhauer Gemeinschaft< sind fortlaufend foliiert, was darauf schließen läßt, daß beide Briefe in KN in einer Mappe liegen und zusammen verschickt wurden.)

Wartensee am 15ten May 1832.


Verehrteste Fräulein.

Gleich nach Empfang Ihres vorletzten gütigen Briefes vom 8ten d. Mon. wollte ich unmittelbar
denselben beantworten; allein Forderung höherer Pflichten, welchen der Mann von bestimmten
Lebensberufe immer seinen persönlichen Willen unterordnen muß, machten mir es
ganz unmöglich, und so kam es, daß auch Ihr letzter Brief vom 10ten d. Mon. Ihr güte[-]
voller Nachtrag zum vorigen, bey mir eintraf, ohne daß ich jenen noch hatte beant-
worten können. Da nun, verehrteste Fräulein! nach Ihrem eigenen Ausspruche beyde
Briefe zusammengehören, so dünkt es mich auch keine ungünstige Fügung, daß
die Beantwortung beyder sich hier in diesem Briefe in eins u in Weniges zu-
sammen fassen läßt; denn eigentlich braucht es ja gar nicht von mir erwiedernd [sc.: erwidernd] /
[10]
ausgesprochen zu werden, da es sich ja ganz schon von sich selbst versteht, daß wir, verehr-
teste Fräulein! Ihre bisherige, so gütige, als wesentlich förderlich Theilnahme an dem
hiesigen Erziehungsunternehmen immer nur reines Ergebniß Ihrer freien Willens-
bestimmung war, so natürlich auch Ihre fernere fördernde Theilnahme stets Ihrer immer
freien Selbstbestimmung überlassen, u so zur Beschränkung oder völligen Aufhebung
gänzlich anheim gestellt ist. Was ich aber dagegen als Zeichen u Ausdruck meiner hohen
Würdigung u innigst dankbaren Anerkenntniß, alles dessen, was durch Ihr ruhig nach-
gehendes Gemüthe, u Ihre pflegende Hand dem hiesigen Erziehungsunternehmen
bisher [zugute] kam, - Ihnen, verehrteste Fräulein! aussprechen kann u könnte, das würde alles
viel zu unbedeutend u gering gegen die Sache selbst seyn, deßhalb ich denn billig
u weit lieber davon u darüber so wie bisher, so auch jetzt u ferner, gänzlich schwei[-]
ge. Mögen Sie jedoch, Verehrteste Fräul! darin wenigstens eine leise Andeutung
meiner tiefen, das Ganze in seiner vollen Bedeutung würdigenden Gesinnung finden,
daß ich mit meiner nächsten Briefsendung nach Keilhau, im Einverständnisse mit Ih-
rem Wunsche die Gesammtheit Ihrer richtigen Wirthschaftsbemerkungen, dahin zur
Berathung mittheilen wird. Darum möchte ich auch von Seite der hiesigen Unternehmung
u wenigstens zu einigem Dank für das wesentlich förderliche, was durch Sie, ver-
ehrte Fräulein! derselben geworden ist, Ihnen eines bewirken können, es ist dieß:
Sie des Kummers wegen dem Fortbestehen der hiesigen Anstalt zu entheben. Möchte
es mir, - da es mir in dieser Verbindung nur möglich wird Äußerliches hervor
zu heben und aus zu sprechen - dadurch gelingen, wenn ich Ihnen die begründetste
Versicherung gebe, daß die Wartenseer Unternehmung in Keilhau nach jeder
Seite hin eben so ernstlich eben so <gründlich ? > u ebenso umfassend u erschö-
pfend in Berathung genommen wird als die Keilhauer Unternehmung nur
immer selbst. Ja eine solche Berathung war sogar der Grund dieser etwas verspä-
teten Briefbeantwortung, indem durch dieselbe der Postwechsel nachdrängte.
Darum nochmals, verehrteste Fräulein! können Sie sich für Ihre so gütevollen als wichtigen Wirth-
schaftsbemerkungen in Keilhau der <beachten[d]sten Prüfungsweise jedoch ? ? > u <in der> Entschließungen u
Bestimmungen der Keilhauer Gesammtheit <gewiß seyn, daß nach reiflicher> Prüfung des Rathes
der Frauen daselbst u so vor allen meiner Frau, schlechterdings von Keilhau aus in Beziehung
auf Wartensee nichts begonnen u unternommen werden wird, - (:meine Wirksamkeit hier-
bei immer nur vorschlagend:) - was nach menschlichen Einsichten bis zu dem vorgesteckten
Ziele nicht auch als durch- u ausführbar erkannt wird.- Deßhalb bitte ich Sie, ver-
ehrteste Fräulein! auf das herzlichste, mir ja auch in Zukunft unverkürzt Ihre gütigen
u einsichtsvollen Bemerkungen über das Ganze, so wie über das Einzelne u so ganz na-
<mentlich> auch <über> das Häusliche und Wirthschaftliche, <unter> <den / der> zu eignen Beachtung od.
weiterer Mittheilung zukommen zu lassen, weil bey meinem überwiegenden Gerich- /
[10R]
tetseyn auf das geistige u Innere, das Äußere nun gar zu leicht, doch nicht minder
wichtig, meiner Beachtung entgeht.- Sobald Sie von He  Schnyder über dessen
Rückkehr nach Frankfurt Nachricht erhalten haben, ersuche ich Sie ganz ergebenst mir
solche mit zu theilen; ich werde mich dafür auf das Dankbarste verbunden fühlen.
Gern, sehr gern würde sich mein Neffe, Ferdinand, die Freude gemacht u die Ehre gege-
ben haben, auf seinem jüngsten Spatziergange nach Alttorf bey Ihnen, verehrte
Fräul! vorzusprechen, wenn es ihm die Umstände vergönnt hätten; doch auf dem Hin-
wege mußte er schon Morgens um 7 Uhr auf dem Marktschiffe seyn u bey der Rück-
kehr hatte ihm das schlechte Wetter jeden Besuch unmöglich gemacht; dieß wird ihn ge-
wiß bey Ihren so nachsichtsvollen Gesinnungen entschuldigen.- Genehmigen Sie gü-
tigst, verehrteste Fräulein! nun mir u meinem Neffen den reinen Ausdruck so unwan-
delbarer als ausgezeichneter Hochachtung u Ergebenheit
Friedrich Fröbel.