Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 12.5./18.5.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 12.5./18.5.1832 (Wartensee)
(KN 38,2; Bl 3-11, Brieforiginal 4 B 8°gr 16 S. - Die Seiten dieses Briefs und desjenigen v. 12.5.1832 an die >Keilhauer Gemeinschaft< sind fortlaufend foliiert, was darauf schließen läßt, daß beide Briefe in KN in einer Mappe liegen und zusammen verschickt wurden; der beiliegende Umschlag (Bl 11) ist nur an Middendorff adressiert. - Der Brief hat folgenden Aufbau: F. beschreibt zunächst drei Bögen (= Bl 3-8) mit normalem Brieftext, beginnend am 12.5., endend am 18.5. Der Brief setzt inhaltlich drei andere Briefe voraus, die Ferdinand Fröbel auf einem vierten Bogen (= Bl 9-10) abgeschrieben hat. Dabei handelt es sich um zwei Briefe von Salesie Hertenstein an F. v. 8.5. bzw. 10.5.1832 und um F.s Antwortbrief an Hertenstein v. 15.5.1832. F. nutzt dann den leeren Platz des vierten Bogens für ein Postskriptum seines Briefs.- Durch die Abschrift Ferdinand Fröbels ist der F.-Brief an Hertenstein v. 15.5.1832 erhalten, der sonst nicht archivalisch belegt ist.)

  Wartensee, am 12en May 1832.


     Meinem lieben Hause zu Keilhau
der Lebensklarheit Friedensgruß zuvor.

Man soll der Vorsehung auf das höchste dankbar seyn, daß wenn
uns Unerwartetes, welches hemmend und für den Augenblick widrig
und stöhrend in unser Leben eingreift, begegnen soll und muß
sie uns dasselbe nicht in einzelnen langsam aufeinander folg-
enden Gaben, sondern wo möglich in einem Moment zum
Erfassen und gleichsam wie eine Arzeney in einer Dosis zu
nehmen reicht; denn wenn auch die Wirkung auf das Innere et-
was gewaltsam und stärker ist, so ist doch dann auch mit dem
Überstandenhaben der ersten Wirkung auch mit einemmale
alles überstanden und man fühlt sich so wohl und glücklich wie
ein Kind, welches durch die wohl herb und bitter schmeckende Ar-
zeney doch gesund geworden ist.- Dieß war denn nun auch beym
Eingang und Empfang Eures jüngsten Briefes - durch Dich Midden-
dorff an mich geschrieben, - der Fall; denn ganz zugleich mit
demselben traf auch ein Brief von der Fräulein an mich ein,
in welchem sie mir ihre veränderte Stellung zur Warten-
seeer Unternehmung anzeigt. Ja, nach Berechnung des gewöhn-
lichen Brieflaufes glaube ich sicher, daß Euer Brief schon Tags
vorher auf der Postablage angekommen ist und er dort gleichsam
erst seinen zweyten Gesellschafter erwartet hat um so gleich als
ein Ganzes zu erscheinen. Doch zum Wesentlichen.
So unendlich oft ich nun auch in meinem Leben bisher den Wechsel
der Lebensansichten und der daraus hervorgehenden Handlungsweise
der Menschen tief empfunden habe, so habe ich doch jetzt in diesem
Falle auf eine für mich wirklich ganz unerwartete Weise wahr-
nehmen müssen, daß der Eindruck davon auf mich dennoch wieder
ein gewaltiger wah war.- Der Grund hiervon mag jedoch in diesem
letzten Falle - (:was freylich bei aller vermeinten wahren Lebens[-]
einigung, wenn auch in verschiedenen Formen immer Statt findet:)
- der seyn, daß ich aus vielen Lebensäußerungen mit klarer Be-
stimmtheit schließen mußte: - Der Zielpunkt des gemeinsamen Wir-
kens und Strebens sey der höchste des Lebens und das daraus folgende /
[3R]
Handeln darum ein gesichertes, festes, beständiges; denn es fällt dem
Menschen, der sich als Mensch fühlt und als Mensch zu handeln vor-
nimmt, doch gar zu schwer sich von dem Glauben, oder soll ich mehr
wahr, lieber sagen Wahne? - los zu reißen; daß auch unter, sonst
vom Leben und den Verhältnissen noch nicht verbundenen Menschen
ein höchstes Lebensziel einig und einigend festgehalten werden könnte.
Für diesen vorliegenden Fall nun die eben erwähnten Lebensäuße-
rungen, zur Erläuterung und Rechtfertigung dieser allgemeinen An-
deutungen hier wörtlich mitzutheilen, liegt ganz außer den Grenzen
dieses, so wie jedes Briefes, doch spricht die Thatsache der bisherigen
Lebensförderung ihren Geist sattsam, aus und das jetzt als Gegen[-]
satz oder mindestens Beschränkung des früheren Ausgesprochenen,
jenen Geist klar aus. Genug dort volles Vertrauen jetzt getrübtes
gestörtes Vertrauen. So wenig ich mir nun erlauben mag über diesen
Punkt hier etwas auszusprechen, so kann doch das Ganze sehr klar vor
Euch liegen, wenn Ihr die Kirchenverschiedenheit beyder Theile bedenkt
u.s.w., u.s.w. Allein wozu diese lange Einleitung, zur Sache.
Angeschlossen empfanget Ihr die beyden letzteren Briefe der Fräulein
an mich, und so vor allem also auch den, welcher mit dem Eurigen
zugleich bey mir eintraf. Wenn Ihr nun denselben leset, so werdet
Ihr vielleicht kaum, wohl gar nicht begreifen können, wie ein so geschrie-
bener Brief einen solchen Eindruck auf mich machen könne. Ich sage
darauf bloß: - Freunde, es macht es nicht der Brief, noch die Art sei-
nes Geschriebenseyns, sondern die Gesinnung, der Zustand im Innern, im
Bewußtseyn des Menschen.
Durch diese Briefe und die Forderung derselben, besonders des letzteren
werdet Ihr nun in die einfachen häuslichen, wirthschaftlichen und öko-
nomischen oder worauf es hauptsächlich ankommt in die pecuniären
Verhältnisse des hiesigen Erziehungsversuches klar eingeführt.
Aus den beykommenden Briefen der Fräulein ersehet Ihr es handelt sich
dabey und eigentlich nur um die Beantwortung der Frage: -
"soll, darf, kann der Erziehungskeim, das Erziehungspflänzchen
"Wartensee länger bestehen? - soll darf kann es darum ferner
"gepflegt oder soll es gänzlich seinem Schicksale überlassen werden?["]
So hochwichtig gewiß - (:worauf ich noch zurückkommen werde:) - diese
Frage ist, so habe ich für meine Person schon entschieden und einfach
darauf geantwortet: - wie die Frage äußerlich aufgefaßt, wie sie äußer[-]
lich hingestellt wird, habe ich keine Mittel es zu pflegen, keine es zu erhalten. /
[4]
Wartensee ist mit meinem vorigen Briefe an Euch von mir für
mich als erziehende Wirksamkeit gänzlich aufgegeben, und
nichts ist im Stande meinen Entschluß zu ändern. Wenn Ihr
die Gesammtheit meiner Lebensentwicklungen und dessen
letztes Ergebniß so weit auch solches nur aus meinen bisheri[-]
gen schriftlichen Mittheilungen an Euch, Euch vorliegt, in
Euer Gedächtniß zurücke ruft so wird hoffentlich nur eine sehr
einfache Andeutung nöthig seyn um Euch einsichtig zu machen
daß ich zur Erreichung meines Erziehungs Zieles, zur Ausführung
meines Erziehungszweckes weder einer Erziehungsanstalt
zu Wartensee noch zu Keilhau und ich überhaupt weder ein
Wartensee noch ein Keilhau bedarf.- Es ist Lebensaufgabe
des einzelnen Menschen als Menschen d.h. als eines zum Bewußt-
seyn bestimmten vernünftigen Wesens, daß der Mensch
seinen Geist, seine Seele, sein eigentliches Leben unabhängig
und frey mache von seinem Körper, seinem Leib; was nun
von dem Menschen gilt in Beziehung auf seinen Geist, das gilt
auch von dem Menschen in Beziehung auf sein reinstes geistiges
Wollen und Streben, auch dieß soll er unabhängig machen
von seinem Körper seinen Leib das heißt von Zeit, von Ort, von
Verhältnissen.- Ich erkenne und finde es in Beziehung auf mich
als Absicht und Zweck der Vorsehung - (:wenn ich anders so reden
darf, und ich darf nach meiner Ansicht des Menschen so reden:) -
mich mit meinem Erziehungs- und Lebensberufe, Erziehungs- und
Lebenszwecke durch Wartensee unabhängig von Zeit, Ort
und Verhältnissen zu machen. Es dünkt mich wenig, sehr wenig
dazu zu gehören, dieß einzusehen, ja, ein Jedes von Euch trägt
ja auf seine Weise den Beweis dazu und dafür in sich selbst.
Darum muß es mir also wohl die größte Sorgfalt und höchste
Lebensaufgabe jetzt seyn, dahin zu wirken in mir, daß auch
jener Zweck und jene Absicht der Vorsehung an und mit mir
an und mit meinem Lebens- und vor allem Erzieherberufe
erreicht werde.
Diese Unabhängigkeit, dieses Freyseyn von Zeit, Ort und Verhältnissen
ist aber zur Erreichung des Erziehungszweckes, des Erziehungsberufes
als eines Lebenszweckes und Lebensberufes unerläßlich
nöthig ist besonders darum auch mir bey meinem Erziehungszwecke
und Berufe als Lebenszwecke und Lebensberufe nöthig; denn /
so bald man sich mehr oder minder leise oder stark zu einer Zeit, einem
Orte oder Verhältnisse hinneigt oder auch hinzuneigen scheint,
so meinen die Menschen glei, welche in einem Körper nur die Masse
und in einem Leib nur ein Fleisch- Blut- und Knochengefüllsel sehen
gleich, diese Zeit, dieser Ort, dieses Verhältniß als solches sey einem
seines Wirkens und Strebens Ziel und Zweck, und sie haben nun
um doch zu sehen ob man nicht darauf ruhe, sich darauf eigentlich nur
stütze nichts wesentlicheres zu thun, als alles dieß bey und mit erster
Gelegenheit zu vernichten ja, die sich als die besten und Edelsten dünken,
die als die Besten und Edelsten genannt werden meinen sogar, weil
man von Erziehung als einem würdigen, seegensreichen, Gott wohlgefä[l]-
ligen
u.s.w. Geschäfte und Beruf spricht, so meinen sie brauche der Er-
zieher zur Erziehung des Erdners Mensch, doch nicht auf der Erde zu gehen
und zu stehen u.s.w., u.s.w. ja sie meinen zur Gewißheit des Gott wohl-
gefälligen
Berufes, könnte man an dem der sich als Erzieher vom
Berufe kund thut und als solcher auftritt wohl einige Gottesurtheile
versuchen ihn z.B. um schweizerisch zu reden "zunterobssich" aufhängen
und sehen ob der Puls nach [sc.: noch] eben so ruhig schlägt als da er sich des kleinen
5jährigen Knaben freut dessen Lernlust kaum die müden Augen noch
offen erhalten kann; oder ..... doch wozu alle die Gottesurtheile vor-
führen durch die sie entweder den Erzieher hindurch führen oder hindurch
führen möchten; denn wenn er sie auch am Ende alle überstanden
so ist bey diesen und für diese Menschen nichts gewonnen, denn es fragt
sich ja bei diesen Gottesurtheilen für sie noch immer: ob sie durch Hülfe eines
guten oder eines bösen Geistes vollbracht sind; ob zu Gunsten des Guten,
Gott, oder zu Gunsten des Bösen. Wie mir dieß seit einem Jahr be-
sonders, in grober und in feiner Sprache wohl, zu verstehen gegeben
worden ist; so hat man dann am Ende, durch das Hindurchgehen durch
alle Noth, Schmerz und Plage am Ende für seinen Zweck nichts ge-
wonnen; da ist denn nur das Einzige was retten kann, sich un[-]
abhängig von Zeit, Ort und Verhältnissen zu machen. Denn wo ist also be-
sonders für diese Menschen das Criterium, der zuverlässige Prüfstein
der Gottwohlgefälligkeit?- Eben da wo sie solche die Gewißheit der
Gottwohlgefälligkeit nach unzähligen Aussprüchen und Beweisen
finden sollten: nemlich in den Prüfungen selbst, aber nein! da können
sie dieselbe - soviele Dolmetscher sie seit Jahrtausenden dazu hat[-]
ten und haben, nicht finden.- Ich wollte erst der Fräulein weit-
läuftig darauf antworten; hielt es aber für besser es nicht zu thun.
 /
[5]
Was ließe sich bei dieser Veranlassung Leben Klärendes, Leben Deuten-
des
, Leben Erfassendes sagen!- Ich fühle täglich mehr wie wenig uns
unsere Schriftsprache reicht, was sie uns giebt gleicht einer getrockne-
ten Pflanzenwelt im Vergleich mit dem Reichthum des Gewächsreiche[s];
was sie uns giebt ist im Vergleich mit dem Reichthume des Geistes-
Gemüths- und Seelenlebens wie eine Sammlung ausgestopfter rc
Thiere gegen den Reichthum der lebendigen Schöpfung. Doch giebt uns
die gewöhnlich gesellige und gesellschaftliche Sprache mehr?- Nein! wahrlich!
noch weniger; da will ich doch noch lieber in der todten Schriftsprache reden
und rede, hören. Wir streben, ringen, seufzen nach einem Himmel, wo
uns weitere und höhere geistige Wahrheiten mitgetheilt werden sollen und
werden werden; ich weiß wahrhaft nicht aus welchem Grunde und mit wel-
chem Rechte, denn ja schon unser Erdenleben offenbart uns ja einem solchen
Reichthum eine solche Fülle und Tiefe des rein geistigen Lebens in uns, daß
wir bey weitem nur den geringsten Theil davon aus uns heraus und
darleben, ja nur für uns selbst festhalten und durchleben können, weil
wir unser Leben mit leeren Nichtigkeiten ausfüllen und hinbringen; nur den
einen Grund dazu, die eine Ursache davon will ich andeuten, die: - daß wir
unsere Sprache s weder kennen, noch können, noch daß wir sie als unser Eigenthum
besitzen, immer mehr bewährt sich mir im Leben meine so alte Behauptung:
daß wir nicht wissen, was wir reden, daß der Mensch nicht weiß was er
spricht. Wir reden mit Recht von Sprach Gebrauch; weil wir die Sprache
nicht zu gebrauchen wissen. Von dem Nichtkennen, Nichtverstehen
und so zusagen von dem Nichtbesitzen der Natur will ich gar nicht
einmal reden, denn was ist sie uns, wie Schiller von der Wissenschaft
sagt anders als eine gute Milchkuh, die uns eine hohe hehre Göttin seyn
sollte!- Nur bey dem uns hier, bey und mit mir, meinem Lebensberufe
und Lebensschicksale, vorliegenden Falle eine schwache, unvollkommene
Andeutung von dem Reden der Sprache: - So lange mein Leben und
so oft mein Leben sich ruhig, stetig und steigernd fortentwickelte, so
lange und so oft s ich besonders von der Mitte meines Lebens aus das
Leben anderer entwirren und wieder ruhig, stetig und steigernd fortent-
wickeln machte, so lange und so oft war mein Leben und mein Beruf ein Gott
wohlgefälliger; wenn aber nun von diesem Standpunkte aus Forderungen
an diese anderen zur eigenen Lebensförderung geschahen, wohl auch zur Ent-
wirrung und Förderung des Lebens von wo aus erst ihr eigenes Leben
entwirrt und gefördert wurde, aber ganz besonders, wenn mir selbst neue
Lebenswirren zu entwickeln, neue Lebensaufgaben zur stetig steigernden /
[5R]
Fortentwicklung des Lebens und höherer Erkenntniß oder Erfüllung des Lebensberufes
aufgetragen werden, was alles nicht ohne Lebenskampf und Lebensschmerz
u.s.w. erreicht werden kann, dann, ja dann fragt es sich gleich: ob
wohl auch das Leben, das Wirken und Werk, der Beruf ein Gott wohl[-]
gefälliger ist: es ist sehr bequem sich aus der scheinbar sehr begründeten
Ursache, weil die Sache noch unentschieden in ihrem Werth und Wesen und
zweydeutig sey, - von derselben zurückzuziehen und - wie ich es oben
aussprach, die Sache einem sogenannten Gottesurtheil hinzugeben.
Dann sagen sie wohl gar, um das Zweydeutige des Lebens und der Be-
strebungen recht schlagend und bestimmt zu bezeichnen, das Grundlo[-]
se ihres Handelns zu rechtfertigen, ja ihm den Schein der großen Weisheit
der höchsten Gott wohlgefälligen Handlung zu geben: - "seht wie ihn Gott
immer wiederkehrend und immer von neuem heimsucht". Würden
sie nun aber die dieß sagen ihre Sprache verstehen, würden sie wissen
was sie redeten, so würden sie einsehen, daß sie eben dadurch das Ein-
und so Unzweydeutige <meines> Lebens und Berufes ausgesprochen,
gleichsam dokumentirt hatten denn heimsuchen, heißt ursprünglich
Jemanden in seiner Heimath, zu Hause, bey sich selbst aufsuchen, be-
suchen; des Menschen Heimath ist aber sein Innerstes, sein Gemüth, sein
Geist; da soll er immer derheime (thüringisch) seyn.
[am linken Rand neben dem vorherigen Heimsuchung als Schlagwort:]
(:Mariä Heimsuchung:)
Gott ist aber, wie ja wieder das Wort sagt so <good ? ? gut>
das an sich, der an sich Gute, wen also Gott in seinem Innersten
seinem Gemüthe und Geiste besucht, dessen Inneres kann und darf
doch wohl nicht schon von Leere und Nichtigen und wohl gar von
Schlechten ausgefüllt seyn; ebenso, weil man auch sagen kann
des Menschen Heimath ist sein eigenes Leben, der Mensch soll
ja in seinem eigenen Leben zu Hause seyn, so dünkt mich kann
also auch das Leben eines Menschen welchen Gott in dessen Leben
heimsucht nicht leer nichtig ja schlecht seyn, mindestens muß es zu
etwas guten tauglich und tüchtig seyn, mindestens wenigstens wer[-]
den können und werden soll[en], denn sonst dünkt mich würde
Gott, der an sich Gute ein solches Leben nicht heimsuchen. Durch
Gottes heimsuchung nun im Leben ist mir nach der Sprache ein
solches Leben nicht zwey- sondern ganz Eindeutig nur auf das
Gute, also auch auf das Wahre, also auch auf das Rechte, also
auch auf das Schöne, das Urgute, Urwahre, Urrechte, Urschöne
gerichtet. So brauchten die Alten der Sprache gemäß immer den
Ausdruck "Gott sucht heim" wie man sich denn aber immer mehr /
[6]
von dem Innern von dem Geiste und Wesen, so auch in der Sprache entfern-
te, so blieb zuletzt nur die Schaale, die Rinde an die man sich hielt
und, der Mensch wird heimgesucht, der Mensch wird von Gott heim-
gesucht bekam die Bedeutung von Unglück, ja wohl gar Strafe u.
s.w.- Nun ich will mich an meine Sprache und ihre Grundbedeutung
halten und jenen gerne ihre Schaalen lassen usw.
Doch diese Art und Gegenstände der Mittheilung sollten eigentlich diesem
Briefe ganz fern bleiben, und ich hatte sie beym Beginn desselben ganz
in mir zurück gestellt; allein da der Mensch nur einmal und allein
vorerst in sich und in seinem Leben in der Heymath und zu Hause seyn
soll, so kann denn auch der Mensch <am> schwierigsten sich davon scheiden
und trennen, zumal wenn es immer selbst ein Gegenstand vielseitiger
Kritik ist.
Dieser Brief nun soll eigentlich Euch als Gemeinsamheit die Frage, und
um Euch die Entscheidung derselben möglich zu machen die Thatsachen da-
zu vorlegen: - ob, wie Wartensee von mir für mich als ein Lebens
Gegenstand aufgegeben ist, ob <so> auch Wartensee von Euch, von
Keilhau, für Euch, für Keilhau aufgegeben werden darf und
muß. Wie gesagt die Entscheidung liegt Euch ob, ich will Euch blos
die Thatsachen vorführen um Euch diese Entscheidung, die mir als Per-
son auf das höchste gleichgültig ist - möglich zu machen.
Einmal und vor allem zuerst darf Keilhau - wenn man es als Ge-
sammtheit wie Eine Person betrachten will nicht in Gleichheit mit
mir gesetzt werden, diese Art von Gleichsetzung ist ein Fehler, der im
Leben in den höchsten und umfassendsten Lebensverhältnissen u. Lebensbeziehungen viel gemacht
wird: - Mein Leben als das Leben einer einzigen ein-
zelnen Person ist das Leben durch alle Stufen der Lebensentwicklung
und Lebensprüfung bis [zur] Stufe des Sich selbstfindens, und Sich selbst-
gefunden-Habens hindurch gegangen - Ihr seyd, Keilhau ist keine
einfache, einzelne Einheit, sondern eine zusammengesetzte, ja mehr[-]
fach zusammengesetzte Einheit (:wie die Zahl dieß deutlich macht, oder
auch mehrfach zusammengesetzte Figuren und Gestalten:). Ohne mich nun zu
einem Münzwardein und Markscheider Eu[r]er Bildungsstufen aufzuwer-
fen, so ist doch durch die Sache selbst klar: - mehrere Eurer Glieder haben die
Bildungsstufen bis zu der bezeichneten noch nicht beendigt können und
dürfen sie noch nicht beendigt haben, einige sogar haben noch kaum
die Lebensentwicklungsstufen betreten. Unser und der Unsrigen
Leben entwickelt sich aber um so ruhiger, stetiger, steigernder und /
[6R]
[voll]kommener, ja der Vollendung sich nähernd, für jemehr Bildungsstufen
wir die Bildungsmittel, und je mannichfaltigere Bildungsmittel
wir für jede Bildungsstufe als Eigenthum zum frey- und Selbstbe-
stimmenden Gebrauch wir in unsere Gewalt bekommen. Es braucht
dann das Familienglied ohne ihm im geringsten etwas zu entziehen
nicht zu früh dem Toben des Lebens Preiß gegeben zu werden
wie mir in einem der jüngsten Briefe von Keilhau in Beziehung auf
Felix sehr tief das Leben erfassend ausgesprochen wurde:
"Wie viel mehr Gemüthstreue, wie viel mehr Lebenssicherheit u
"Klarheit, würde für den Mann und für die Welt gewonnen werden
"blieben die Söhne länger als Söhne in wackern Familienkreisen
"und schickten wir sie nicht so frühe hinaus aufs unsichere und ge-
"fährliche Welt- und Lebens meer, damit sie ihre Bürger und Beamten wer-
"den sollen ehe sie - Menschen wurden."
Wenn ich jetzt diesen Gegenstand berühre, einen Blick auf den Gesammt-
zustand meiner ganzen Familie und die einzelnen Glieder derselben
werfe mich meines Zweckes mit ihr, und ihrer überklugen Blindheit
erinnere, - dann kann ich nur traue[r]n. Ich dächte diese Andeutung wäre
genug Euch wenn es anders noch nöthig ist Euch auf die Wichtigkeit des
Lebens als ein großes Ganze, in seiner großen Gliederung, anzuschauen
aufmerksam zu machen.
Aber haltet als Menschen von wissenschaftlicher und Lebenseinsicht
dabey ferner fest: - Die Endpunkte, Pole, der Entwicklung und Aus-
bildung dürfen dabey nicht zu nahe an einander liegen, noch we-
niger dürfen sie ganz in Eins zusammenfallen, oder man muß
sie wie Gott in der Einheit wieder zu gliedern wissen <zu.> z.B.
Gott Einen Menschen Geist u Gemüth gab. Doch trennte Gott weise
zur Entwicklung, Aus- und Fortbildu[n]g des Einzelnen [u]nd zur Fortent-
wicklu[n]g der Gattung die - Geschlechter, und der Mensch muß als
Mann und Weib sich aus und in großen Fernen zusammen finden
vielleicht gleich wohlthätig für den Einzelnen wie für die Gat-
tung. Darum auch diese wohlthätige Rückwirkung von Col[o]nie auf das
Mutterland. Aber warum schon bekanntes und schon Gesagtes wiederholen
da doch noch überdieß die Rückwirkung, die Bildende und Entwickelnde Rück[-]
wirkung des noch so jungen kaum gebornen Wartensee auf Keilhau so offen
kundig da liegt.- Wolltet Ihr von meinem Handeln als Person ein[en] Schluß
und eine Folgerung für das Handeln Keilhaus in diesem Augenblick ziehen, so ver[-]
[ge]ßt dabey nicht - ich habe nicht die Pflichten eines leiblichen Vaters und Großvaters
[w]elche jedoch aber Keilhau als Ganzes hat. u.s.w.
 /
[7]
Nun fragt es sich aber allein zuvor kann und darf ökonomisch oder
in pecuniärer Rücksicht Wartensee von Keilhau ausgehalten
werden.
Wie bis Michaelis die ökonomischen Verhältnisse nun nach der Fräulein
Bestimmung hier stehen gehet aus dem was den Abschriften I ihrer und
meines Briefes beygefügt ist klar hervor; ohne jetzt noch meine und
Ferdinands Rückreise nach Keilhau gerechnet würden ohngefähr
Rth. 40 preußisch Cour. bis Michaelis Zuschuß nöthig seyn.
Dieses zunächst nur an seinen Ort gestellt, so will ich jetzt zuerst
zeigen unter welchen Bedingungen Wartensee wenigstens noch
ein Versuchs Jahr bis Ostern 1833 hätte bestehen können und noch
bestehen könnte.
1. nehme ich die 9 Louisd'or (Carolin) à 12 Gulden, von der
    Fräulein jährlich für MaterialWaren lichte Seife rc
    berechnet vollständig an; ebenso auch
2. den wöchentlichen Betrag der Wirthschaftsausgaben und
    der Aufwartung ohngefähr 7 9/22 Gulden, also im
    Ganzen die wöchentliche Wirthschaftsausgabe 9½ Gulden
    dieß würde auf das Jahr vom 1 May 1832 bis
    zum 1en May 1833 betragen haben circa Gulden498-
         Dagegen betrüge die Einnahme
1. die Anzahl der Schüler so gerechnet wie sie es
    wirklich waren und sind
    für das Sommerhalbjahr Schulgeld Gulden100
    für das Winterhalbjahr Schulgeld Gulden 138.
2. Zuschuß von der Fräulein 9 Louisd'or   72
3 Erziehungsgeld eines Zöglings, wenn z.B.
   Felix als Zögling 1 Jahr eingetreten wäre
   Rth. 200 preß. Cour: oder Luzerner Gulden 400
      -----------------------------------------------------
Hätte sonach die Jahres Einnahme betragen 710.
Rechne ich nun nach Luzerner Annahme für den einen
Zögling jährlich wirkliche Unkosten  Gulden 150
Rechne ich noch Ausgabe für Holz Gulden  32-
-------------
So betrüge die wirkliche Wirtschafts Ausgabe im Jahr680-
Dieß von vorstehend berechneter Einnahme
abgezogen so bliebe dennoch ein Übersc[h]uß Gulden 30.-
Übrigens seht Ihr sind die Ausgaben sehr reichlich angenommen und würde /
[7R]
Totalsumme gewiß auch nicht mehr betragen haben, wenn dann zu
uns dreyen: ich meine zu mir, Ferdinand und Felix auch noch eine deutsche
Wirthschaftsführerin gekommen wäre. Freylich ist hier wohl alles
theuer doch ließe sich mit der Kocherey gar vieles anders einrichten
jetzt läßt sich aber gar nichts machen; denn ich bin nur aufs Höchste froh
und dankbar daß sich alles fügte wie es sich fügte. Das [*Pfundzeichen*] Fleisch
kostet sowohl Rind- als Kalbfleisch 2 <gl.> - die Butter das [*Pfundzeichen*] 5 <gl>. Doch
scheint das Gewicht viel schwerer. Das theuerste ist wohl das Brot,
wöchentlich brauchen wir für 16 <gl.> wir essen nemlich, wie gewöhnlich ganz
weißes, weil eigentl. schwarzes Brot es hier gar nicht giebt und das halbweiße
bey der hiesigen Backweise leicht austrocknet u zähe u.s.w. wird.
Würde es sich nun mit Felix ausgeführt haben, so war [sc.: wäre] wenigstens mensch[-]
licher Einsicht nach Wartensees Bestehen bis Ostern 1832 [sc.: 1833] gesichert. Denn
dann hätten auch noch mehr Zöglinge angenommen werden können d.h.
Zöglinge von noch verschiedenartigeren Forderungen oder wenigstens
diese noch mehr, daß das heißt unsere Schüler noch mehr als Zöglinge
durchs Leben - Reinlichkeit besonders - und Spiel, Körperübungen
gepflegt werden können so wäre dann unser sich immer mehr be-
gründendes Zutrauen auch ein immer mehr befestigtes und ver-
breitetes geworden. So viel ist ganz gewiß Wartensees Lehrweise und Erziehung
würde sich etwas erfreuen - wenn es nur von
jetzt an noch 1 Jahr hätte fortgesetzt werden können - was ich in
Deutschland ganz umsonst erstrebt - nehmlich ein sich gründen
im Volke; doch wer kann über alles daß [sc.: das] sich schriftlich mittheilen,
deßhalb that ich den Vorschlag Barop sollte kommen, damit man
über alles mit ihm hätte sprechen und er sich alles mit seinen oder
Euern Augen ansehen können. Er hätte sich dann von der Kräftigkeit
und Tüchtigkeit fast aller unserer Schüler und Schülerinnen überzeugen
können: Jetzt kann ich nur ihre Namen herschreiben:
1. Tonni Meyer 5½ Jahr alt neu. / 2. Hansirg Meyer 6½ Jahr neu. / 3 Baby
Meyer 8 Jahr, alte Schülerin / 4 Moritz Meyer 10 Jahr alter Schüler / 5 Joseph
Widmer 10 Jahr gewesen alter Schüler / 6 Christine Meyer 11 Jahr alte
Schülerin / 7. Vinzenz Hueber 11 Jahr gewesen neu / 8 Johann Bechler Herbst
12 Jahr neu / 9 Marie Korner 12 Jahr alte Schülerin / 10 Nikolaus
Fischer 13 Jahre. alter Schüler / 11 Melchior Bühlmann May 15 Jahr
alter Schüler / 12. Jakob von <Wirl / Wiel> Jung 15 Jahr neuer Schüler /
13. Katharina Birrer 16 Jahr gewesen. alte Schülerin. (Zwey der
alten Schüler die Geschwister Amrim, werden, so heißt es auch wieder kommen[.]) /
[8]
Wenn Ihr nun dieses Verzeichniß der Schüler dieses Halbjahres mit dem der
Schüler des vorigen Halbjahres vergleichet, so ist freylich wohl die Zahl um
2 oder 4 geringer, allein der innere Werth dieser Schüler ist dennoch um
vieles größer als der des vorigen Halbjahres denn diese sind in dem Maaße
jünger als die im vorigen Halbjahr älter wären [sc.: waren], mit diesen läßt sich
nun doch auch eher etwas gründliches aufstellen; besonders ist es eine
Freude das kleine Bruderpaar zu sehen die gar wacker sind, und die
mit solcher Lust an der Schule hängen daß sie lieber nicht frühstücken
als die Schule versäumen wollen, dennoch haben sie wie ich schon schrieb
von 7 bis 11 und Nachmittags von 1 bis 5 bey 1 Stunde Unterbrechung - Un-
terricht.- So seht Ihr es ist ein gesunder junger Kern und Stamm da
und es würden wohl noch mehr besonders solche jüngere kommen wenn
ich es nur mit einem billigen und auf das höchste einfachen Mittags[-]
tisch hätte bewirken können. Daß noch ein Schüler für das Latein
(:der Jakob von <Wirl / Wiel>:) eingetreten ist habe ich Euch schon geschrieben,
so wie auch wohl daß nur von dem Wohnorte desselben (:Groß-
Wangen:) für nächsten Winter schon wieder mehrere oder einige
Schüler angekündigt sind. Ich glaube es läßt sich schon aus diesen wenigen
Andeutungen abnehmen wie das hiesige Wirken wie mein Handeln bey
und in dem Zutrauen des Volkes Wurzel faßt.
Da ich es nun für meine Pflicht erkenne Euch meine Ansicht offen mit
zu theilen, Ihr dieß wohl auch von mir erwartet, so thue ich Euch
hier nur einen Doppelvorschlag - bey dessen Wahl oder Verwerfung ich
jedoch erwarte, daß Ihr auf mich persönlich gar auf meinen eigenen
Willen und Meinung gar keine Rücksicht nehmet.
Erster Vorschlag. Da Ihr mir schreib[t] daß sich für Barop die Reise zu
schwierig mache, so fragt es sich habt Ihr als Ganzes Vertrauen genug
zu Wilhelm Fröbel und kann er vermöge seiner Gesundheit die Reise
machen; wenn Ihr anders nach den Euch nun dargelegten Verhält[-]
nissen eine solche Prüfungsweise noch für nöthig achten solltet.
Zweyter Vorschlag. Angenommen und vorausgesetzt das Fortbe-
stehen von Wartensee würde von Euch auch zum Wohle Keilhaus
anerkannt, wie wäre dieß dann auszuführen. Ich meine so:
Denkt Euch Felix lebe als Zögling in Wartensee, tretet wenn es anders
angeht
das jährige Erziehungsgeld für denselben an Wartensee ab
und schickt anstatt dessen den Wilhelm Fröbel zur Förderung
des hiesigen Lebens hierher. Freylich wäre dabey immer noch ein wesentlicher
Mangel: Wartensee hätte dadurch noch keinen Zögling; doch wer weiß ob dieß für /
[8R]
Wartensee auch so nothwendig ist.- Nochmals, jede Eurer Entscheidungen
ist mir lieb und recht nur muß ich sehr wünschen daß dabey von
mir und um meinetwillen nichts bestimmend einwirke. Mein Leben
ist ruhig, freudig und zuversichtlich der höchsten Führung hingegeben und
so ist es darum z.B. auch ganz und gar nicht nöthig daß ich nach
dem Aufgeben und meinem Weggange von Wartensee bleibend
in Keilhau verweile, wer mag die Lebensfügungen wissen die der
Vorhang der Zukunft deckt.*
Ich hatte auch Deinen Brief l. Middendorff welchen Du mir gleich[-]
sam im Auftrag des Ganzen geschrieben hast und über eine odder [sc.: oder]
die andere Ansicht darinne manches zu sagen, doch Zeit u Raum ist jetzt
zu beschränkt also vielleicht bis auf ein einstiges mündliches Be-
sprechen.
Einer Äußerung nur muß ich gedenken - ich hoffe Ihr werdet mir
es nicht übel deuten <mich / auch> aber dabey einfach und klar verstehen: -
Ich habe hier in den jüngsten Tagen ich glaube ein oder 2 mal die Redens-
art gehört von Aufopferungen Keilhaus für Wartensee. Ver-
zeiht mir diese Redensart hat für mich keinen Sinn, sie ist für
mich leer und nichtig. Ob ich gleich nicht weiter darein eingehen mag
so wollte ich jenes wenigstens, im Fall die Redensart bey Euch wie-
derhallen [sc.: widerhallen] sollte, - ausgesprochen haben und Euch dann bitten nicht
in Redensarten, sondern in Thatsachen dagegen zu stellen, was
denn nun schon das 3/4jährige Kind Wartensee seiner Mutter oder
wie Ihr Keilhau bezeichnen wollt - gegeben hat.
Nun lebt alle recht wohl - schreibt mir nach Eurer Entschei-
dung bald - die Zeit eilt, wir haben kaum noch 4 Monate bis Micha-
elis. Thut bestimmte Fragen an mich Ihr habt nun Anknüpfungs-
punkte und mir ist es lieber, ich schweife nicht so ab.-
In wirthschaftlicher Hinsicht erwähne ich nur noch[:] 3 Betten
stehen außer meinem u Ferdinands noch zum Gebrauche - unter
den Einschränkungen der Fräulein hier aber manche so groß als 2schläf-
rige[.]- Zuletzt erwähne ich nur daß die Fräulein in ganz
und gar keinen berechtigten Verhältnisse und somit auch
nicht in einem <bestimmtenden> zu Wartensee steht. Wartensee
ist gänzlich unabhängig von Wart ihr, wie sie unabhängig von War-
tensee. Nur die Lebensfügung brachte u bewirkte ihr
bisheriges Verhältniß zur hiesigen Unternehmung.-
Des Herzens innige Grüße an alle

FriedrichFröbel.
Geschlossen am 18n Tage
im Mon: des blühenden Lebens 1832.·.

Die Obstbäume hier und besonders auch im Garten am Schloß blühen so frisch u reich wie ich es noch kaum gesehen habe.-
[Sternchen-Anmerkung auf 8V: Text gehört sachlich-selbstkommentierend zur Folgeseite 8R, ist offenbar nachgetragen worden:]
* Rede ich auf der folgenden Seite von dem was Wartensee Keilhau gab, so meine ich dabey keinesweges von mir und durch mich, sondern
vom und durchs Leben.- Bemerken will ich nur daß uns jetzt das Seltene zu werden scheint das Leben in seine Gewalt zu bekommen
laßt uns dieß wenigstens als Frage als ob? beachten. /

[9]
[ab hier Handschrift Ferdinand Fröbels:]
Abschrift.
Herrn Friedrich Fröbel in Wartensee.
Verehrtester Herr Fröbel!
Ich hoffe Sie werden durch den Brief von meinem Onkel erforderliche Anweisung haben, in
betreff eines Heimath- od. Aufenthalt-Scheines, um nicht ferner in dieser Angelegenheit von dem
Gemeindeammann [sc.: Gemeindeamtmann] in Neuenkirch beunruhigt zu werden. Und gleichzeitig wird mein Onkel Ihnen be-
merkt haben, daß gelegentlich ein Besuch bey He Schultheiß Pfiffer sehr angemessen wäre. Aber freilich
während der <Tagsatzung> wird He Schulth. schwer zu besuchen seyn.- Übrigens so sehr es mich erfreut
hätte, wenn Ihren Äußerungen zufolge, mit einem Besuche sie uns wieder beehrt hätten, so wünschte
ich jedoch Ihre Gegenwart in einem ruhigeren Momente zu genießen, als es während dieser Zeit
hätte geschehen können. Es ging in unserm häusl Kreise sehr geschäftig zu; wir waren in steter
Bewegung durch das Zusammentreffen verschiedenartiger Umstände. Und am 2ten dieses Monats feierten
wir ein Familienfest, veranlaßt durch die glückl. Entbindung der Frau <Amehye> von einem ge-
sunden Knaben.- Von He Schnyder habe ich seither nichts unmittelbar erfahren. Derselbe schrieb
bald nach seiner Ankunft in Prag einem hiesigen Musikfreunde und genist [sc.: genießt] sehr diesen Aufenthalt,
vorzüglich in Beziehung der Musik.- Als Sie letzlich mir mittheilten, daß vielleicht deutsche Zöglinge
nach W. kommen werden, u in diesem Falle im Frauenzimmer aus Keilhau die häusliche Einrichtung treffen
würde, habe ich bey dieser Gelegenheit vergessen Ihnen eine nicht unwichtige Bemerkung zu machen.
Nämlich es ist ein gänzlicher Mangel an Leintüchern (Bettüchern) in W. u wenn die Anstalt fortbestehen
sollte, so würde es vielleicht Ihnen dienlicher sein, solche Betttücher aus Keilhau mit kommen zu lassen,
als solche hier anzuschaffen, zumal diese bedeutenden Artikel immer auf einige Louisd'or (Karolin)
zu stehen kämen.- Und so müßte auch für die Zukunft für Bett- oder Kissenüberzüge gesorgt werden,
was allerdings weniger bedeutend wäre.- Eben nachdem ich den <Bäywyler> Bauer vergebens
aufgesucht, um ihm diesen Brief an Sie mit zugeben, ist die Maria (unsere Magd) unvermuthet in die
Stube getreten. Nun übrigt mir nach Tische noch gerade so viel Zeit, um Ihnen verbindlichst zu dan-
ken für die mitgetheilten schriftlichen Nachrichten.- Über Ihre unausgesetzt angestrengte
Lebensweise in W. spreche ich nur den innigsten Wunsch aus: möge der Herr Ihre großen Bemü-
hungen segnen u Seinen Willen Ihnen kund thun in dieser wichtigen Unternehmung. O ich em-
pfehle Ihm so unablässig im Gebete diese Angelegenheit, denn nur Seinen Willen möchte ich
erfüllt wissen.- Ich freue mich so sehr, wenn die freundliche Jahreszeit Sie u He Ferdinand recht oft
veranlassen ins Freie zu gehen. Und sehr angenehm würde mich der Besuch von Ihrem He Neffen
über[r]ascht haben, wenn derselbe auf seiner kleinen Fußreise nach Altorf pp in Luzern etwas zuge[-]
kehrt wäre. Es empfiehlt sich Ihnen verehrter He Fröbel Hochachtungsvoll Ihre ergebenste
Luzern den 8ten May 32.
S. Hertenstein

Verehrtester Herr Fröbel!
Sie erlauben, daß ich auf mein flüchtiges Schreiben von vorgestern, einen Nachtrag einsen-
de. Und ich bitte diese Bemerkungen ohne sie in Anschlag zu bringen, nicht zu verwerfen.
Es ist mir ein drückendes Gefühl vorzusehen, daß bei Ihrer so angestrengten Lebensweise
u in gegenwärtigen Verhältnissen, wenn nicht ganz bestimmt auf mehrere Zöglinge ge-
rechnet werden kann, nach meiner Ansicht die Anstalt in ökonomischer Hinsicht nicht be- /
[9R]
stehen könne. Und dieses wünschte ich Ihnen recht klar vorzustellen. Und so gerne ich, (wenn
diese Unternehmung dem Herrn wohlgefällig ist) in allem behülflich wäre, so kann ich in
Zukunft nichts mehr thun, als die Summe verabfolgen zu lassen, die ich früher ausgesprochen
habe, für die Anwendung eines Zöglings (als Beitrag zu dessen zu zahlenden Kostgeld); nämlich
wöchentlich 20 Btz od. jährlich 6 Louisd. (Karolin). Und dieses wenige könnte ich künftig,
wie schon bemerkt, nur unter der Bedingung leisten, wenn kein Unglück mich treffe, was in
diesen drohenden Zeiten so leicht geschehen kann. Und ich möchte Sie, verehrter He Fröbel, zur
Zeit darauf aufmerksam machen, ehe Sie wieder auf das künftige Winterhalbjahr Schü-
ler in die Lehranstalt aufnehmen. Ich bitte, berechnen Sie gefälligst die Auslagen von letzt-
verflossenen Halbjahr u verdoppeln Sie diese Summe zu einem vollen Jahre - u stellen Sie
zu derselben noch die kleinen aber nothwendigen Bedürfnisse, als Kaffee, Zucker
Lichter pp die jährlich oberflächlich berechnet auf 9 Louisd. zu stehen kommen; so-
dann den Magdlohn, u andere Zufälle nicht mitgerechnet, u Sie werden sehen, die
Auslagen stehen mit der Einnahme in keinem Verhältniß, uneingedenk der Bett-
wäsche, wenn die Lehranstalt fort bestehen sollte. Und sobald die eigentliche Erziehungs-
anstalt beginnen würde, so würden sie einsehen, daß es immer einer vorräthigen Summe
Geldes bedürfe, um so manches unentbehrliche anzuschaffen.- Und selbst wenn eine An-
zahl Zöglinge in die Anstalt eintreten würden, wäre ich dem Kummer nicht enthoben,
wenn nicht die häusliche Einrichtung von einem weisen u erfahrenen Frauenzimmer
getroffen u geleitet würde. Theilen Sie gütigst diese Vorstellungen Ihrer verehrten
Frau zur Prüfung mit, dieselbe, geübt im Haushaltungsfache, wird meine Gründe u
die gute Absicht nicht verkennen. Und lassen auch Sie, verehrter He Fröbel, auf irgend
eine Weise, mündlich oder schriftlich mich recht bald erfahren, in diesen freimüthigen
Äußerungen, von Ihnen nicht mißverstanden worden zu seyn.- Von Herrn
Schnyder sind noch keine Briefe eingegangen. Grüßen Sie He Ferdinand recht
sehr. Es empfiehlt sich Ihrem verehrten Andenken Hochachtungsvoll Ihre er-
gebenste
S. Hertenstein
Donnerstag am 10ten May.


Antwort auf obige beiden Briefe.
Wartensee am 15ten May 1832.
Verehrteste Fräulein.
Gleich nach Empfang Ihres vorletzten gütigen Briefes vom 8ten d. Mon. wollte ich unmittelbar
denselben beantworten; allein Forderung höherer Pflichten, welchen der Mann von bestimmten
Lebensberufe immer seinen persönlichen Willen unterordnen muß, machten mir es
ganz unmöglich, und so kam es, daß auch Ihr letzter Brief vom 10ten d. Mon. Ihr güte[-]
voller Nachtrag zum vorigen, bey mir eintraf, ohne daß ich jenen noch hatte beant-
worten können. Da nun, verehrteste Fräulein! nach Ihrem eigenen Ausspruche beyde
Briefe zusammengehören, so dünkt es mich auch keine ungünstige Fügung, daß
die Beantwortung beyder sich hier in diesem Briefe in eins u in Weniges zu-
sammen fassen läßt; denn eigentlich braucht es ja gar nicht von mir erwiedernd [sc.: erwidernd] /
[10]
ausgesprochen zu werden, da es sich ja ganz schon von sich selbst versteht, daß wir, verehr-
teste Fräulein! Ihre bisherige, so gütige, als wesentlich förderlich Theilnahme an dem
hiesigen Erziehungsunternehmen immer nur reines Ergebniß Ihrer freien Willens-
bestimmung war, so natürlich auch Ihre fernere fördernde Theilnahme stets Ihrer immer
freien Selbstbestimmung überlassen, u so zur Beschränkung oder völligen Aufhebung
gänzlich anheim gestellt ist. Was ich aber dagegen als Zeichen u Ausdruck meiner hohen
Würdigung u innigst dankbaren Anerkenntniß, alles dessen, was durch Ihr ruhig nach-
gehendes Gemüthe, u Ihre pflegende Hand dem hiesigen Erziehungsunternehmen
bisher [zugute] kam, - Ihnen, verehrteste Fräulein! aussprechen kann u könnte, das würde alles
viel zu unbedeutend u gering gegen die Sache selbst seyn, deßhalb ich denn billig
u weit lieber davon u darüber so wie bisher, so auch jetzt u ferner, gänzlich schwei[-]
ge. Mögen Sie jedoch, Verehrteste Fräul! darin wenigstens eine leise Andeutung
meiner tiefen, das Ganze in seiner vollen Bedeutung würdigenden Gesinnung finden,
daß ich mit meiner nächsten Briefsendung nach Keilhau, im Einverständnisse mit Ih-
rem Wunsche die Gesammtheit Ihrer richtigen Wirthschaftsbemerkungen, dahin zur
Berathung mittheilen wird. Darum möchte ich auch von Seite der hiesigen Unternehmung
u wenigstens zu einigem Dank für das wesentlich förderliche, was durch Sie, ver-
ehrte Fräulein! derselben geworden ist, Ihnen eines bewirken können, es ist dieß:
Sie des Kummers wegen dem Fortbestehen der hiesigen Anstalt zu entheben. Möchte
es mir, - da es mir in dieser Verbindung nur möglich wird Äußerliches hervor
zu heben und aus zu sprechen - dadurch gelingen, wenn ich Ihnen die begründetste
Versicherung gebe, daß die Wartenseer Unternehmung in Keilhau nach jeder
Seite hin eben so ernstlich eben so <gründlich ? > u ebenso umfassend u erschö-
pfend in Berathung genommen wird als die Keilhauer Unternehmung nur
immer selbst. Ja eine solche Berathung war sogar der Grund dieser etwas verspä-
teten Briefbeantwortung, indem durch dieselbe der Postwechsel nachdrängte.
Darum nochmals, verehrteste Fräulein! können Sie sich für Ihre so gütevollen als wichtigen Wirth-
schaftsbemerkungen in Keilhau der <beachten[d]sten Prüfungsweise jedoch ? ? > u <in der> Entschließungen u
Bestimmungen der Keilhauer Gesammtheit <gewiß seyn, daß nach reiflicher> Prüfung des Rathes
der Frauen daselbst u so vor allen meiner Frau, schlechterdings von Keilhau aus in Beziehung
auf Wartensee nichts begonnen u unternommen werden wird, - (:meine Wirksamkeit hier-
bei immer nur vorschlagend:) - was nach menschlichen Einsichten bis zu dem vorgesteckten
Ziele nicht auch als durch- u ausführbar erkannt wird.- Deßhalb bitte ich Sie, ver-
ehrteste Fräulein! auf das herzlichste, mir ja auch in Zukunft unverkürzt Ihre gütigen
u einsichtsvollen Bemerkungen über das Ganze, so wie über das Einzelne u so ganz na-
<mentlich> auch <über> das Häusliche und Wirthschaftliche, <unter> <den / der> zu eignen Beachtung od.
weiterer Mittheilung zukommen zu lassen, weil bey meinem überwiegenden Gerich- /
[10R]
tetseyn auf das geistige u Innere, das Äußere nun gar zu leicht, doch nicht minder
wichtig, meiner Beachtung entgeht.- Sobald Sie von He  Schnyder über dessen
Rückkehr nach Frankfurt Nachricht erhalten haben, ersuche ich Sie ganz ergebenst mir
solche mit zu theilen; ich werde mich dafür auf das Dankbarste verbunden fühlen.
Gern, sehr gern würde sich mein Neffe, Ferdinand, die Freude gemacht u die Ehre gege-
ben haben, auf seinem jüngsten Spatziergange nach Alttorf bey Ihnen, verehrte
Fräul! vorzusprechen, wenn es ihm die Umstände vergönnt hätten; doch auch dem Hin-
wege mußte er schon Morgens um 7 Uhr auf dem Marktschiffe seyn u bey der Rück-
kehr hatte ihm das schlechte Wetter jeden Besuch unmöglich gemacht; dieß wird ihn ge-
wiß bey Ihren so nachsichtsvollen Gesinnungen entschuldigen.- Genehmigen Sie gü-
tigst, verehrteste Fräulein! nun mir u meinem Neffen den reinen Ausdruck so unwan-
delbarer als ausgezeichneter Hochachtung u Ergebenheit
Friedrich Fröbel.
----------

[ab hier wieder F.s Handschrift:]
Weil der Platz so günstig und der Ort so schicklich ist hier nun noch, nach der Forde-
rung der Fräulein die nothwendigen Wirthschaftsangaben:
1. Betragen nach der Fräulein Annahme die Materialwaaren
    jetzt jährlich 9 Louisd'or (:Carolins) à 12 fl. Luzerner Währu[n]g
    machen auf das Jahr 108 Gulden betragen die Woche circa Gulden 2 2/22
2. Die Auslagen für Küche und Wirthschaft, nebst der Auf-
    wartung betrug
    a. vom 1 Decbr bis 1n Febr. 9 WochenGulden  60.
    b. vom 1n Febr bis 1n May 13 Wochen      -    103.
    Also in 22 Wochen im Ganzen Gulden 163
    Beträgt demnach auf 1 Woche ccaGulden 7 9/22
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Folglich betrugen hiernach die Wirthschafts Ausgaben für die Woche Gld    9½
Vom 1en May bis 1en Oktober sind noch 22 Wochen
also betrügen nach diesem Überschlag bis dahin die
Wirthschaftsausgaben ohngefähr im Ganzen: Gulden 209 -.
       Dagegen beträgt nun
nach der Bestimmung der Fräulein die Einnahme
1. der von ihr bestimmte ½jährige Zuschuß    Gulden 36.-
2. das Unterrichtsgeld von unsern jetzigen
dreyzehn Schülern ohngefähr: Gulden 100.-
Also im Ganzen Gulden 136 -
---------------------------------------------------------
Ist also hiernach bis Michaelis ein Zuschuß nöthig von Gld      73 -.
Ein Luzerner Gulden ist aber = ½ Thaler preuß. Cour.
folglich betragen die 73 Gulden Luzernisch ohngefähr Rth. 36 37 preuß Cour: /
[11]
[Adresse auf Briefumschlag:]
   Herrn,
Herrn Wilhelm Middendorff
in
Keilhau,
bey Rudolstadt in Thüringen