Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 19.5.1832 (Wartensee)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Keilhau v. 19.5.1832 (Wartensee)
(KN 38,3, Brieforiginal 1 B 8°gr 3 S. - Die unvollständige Adressierung weist darauf hin, daß der Brief nicht selbständig, sondern innerhalb einer größeren Briefsendung nach Keilhau geschickt wurde. Dies dürfte die Sendung mit den Briefen v. 12.5. bzw. v. 12.5.-18.5.1832 an die Keilhauer gewesen sein.)

Wartensee am 19en May 1832.·.


Mein geliebtes, theures Weib.
der Lebens Einigung Seelengruß zuvor!

Das menschliche Leben, so wie überhaupt alles Leben ist ein nach ewigen, still, unsichtbar wirkenden
Gesetzen sich zur Vollkommenheit und zur einstigen Vollendung entwickelndes; der Mensch
hat nichts zu thun als - des Menschen Freyheit und höchste Würde besteht nur darinn, sich
zu bemühen diese still waltenden Gesetze zu vermehren, ihnen ruhig nachzugehen, sie sich zur
klaren Einsicht und Bewußtseyn zu bringen, dieselbe mit Muth, Geduld, Ausdauer und Entschlossenheit
festzuhalten und ihnen mit Selbstwahl, Selbstbestimmung und Freyhthätigkeit in Treue nachzu-
leben.
Mein theueres, treues Weib! diese Entwicklung ist zwar eine ununterbrochen, stetig fort-
schreitende, aber ihr Ausdruck, ihre Erscheinungen, ihre Form und Gestalt ist nicht immer dieselbe
sie ist wesentlich eine dreyfach verschiedene entweder ist es eine still ruhende, - oder eine
überwiegend in sich zurück tretende, Kraft und Leben <wieder / wie die> erzeugende und steigernde, und
also mehr in sich zurück ziehende sammelnde <oder> eine überwiegend hervortretende, gestaltende
bewegende und umwandelnde Thätigkeit. Jetzt scheint mein persönliches Leben wieder ein
überwiegend bewegendes und umwandelndes werden zu wollen, wie Du wohl schon aus mei-
nen letzteren Briefen wahrgenommen haben wirst; vielleicht damit es zur wahren Ruhe
einmal gelange, die stets steigernd eine Kraft und neues Leben aus sich erzeuge
und stets still und sinnig bildend und gestaltend sich kund thue; vielleicht daß mir
so und endlich noch die Zeit kommen soll, in <meinem> Leben dem mir immer so lieben
und theuern Sinnbilde meines Lebens welches ich immer zu erreichen strebte glei
dem Orangenbaume gleich werde, welcher immer grünend zugleich
Blätter, Blüthen und Früchte, unreife, halbreife und reife zu tragen im
Stande ist.-
Diese Ansicht und diese Wendung des Lebens ist es nun, welche Deinem Gemüthe, Geiste
und Überblick und Erfahrung des wirklichen bestehenden Lebens - ich hier zur Prüfung
vorzulegen komme. Was ich hier <komme> Dir in Unvollkommenheit zu sagen das bilde in
Deinem ruhigen, stillen sinnigen Gemüthe und Geiste zur Vollkommenheit aus.--
Alle Weckung eines Lebens, alle <wahrhafte> Fortentwicklung gehet eigentlich Ruck-
und Schlagweise.- Augenblicklich, im Nu; dieß zeigt uns vor allem und Du vor allem
als liebendes Weib wirst es einsehen - das Leben wahrer Einigung von ersten
schlagenden das Gemüth treffenden Blick des Auges, der Seele, der Liebe durch alle
Stufen hindurch bis durch zur Erweckung eines selbstständigen Lebens; solltest
Du mich nicht verstehen, so lasse die Natur, die Physik Dir mich klar machen
die größten Entgegensetzungen und Gegensätze berühren sich zur Erweckung und Er-
zeugung neues Lebens. Wie in der Natur, so im Gemüthe und Leben des
Menschen; so haben sich denn auch durch die Ergebnisse meiner jüngsten Lebensentwick-
lung in meinem Innersten in einer mir selbst kaum wahrnehmbaren Zeitdauer
zwey Lebensgegensätze berührt und wie mir es wahr ist zur Erweckung eines
neuen - einigen - gesunden - rein menschliches Leben.
Ein einziger unwillkührlicher Blick aus meinem jetzigen Leben, wie es klarer
vor Dir als vor mir seinen äußeren Erscheinungen nach liegt - in Dein Leben
in Dein Streben, in Dein Gemüth, in Deinen Geist in das Bedürfniß Deines Her-
zens und in unsere Lebensverhältnisse erwecke wie ein Blitzstrahl den
Gedanken: - laß uns wie treue liebende, pflegende Kinder zu unserer
Mutter zurück kehren.- Laß die Neuheit des Gedankens Dich nicht hindern
i[h]n klar ins Auge zu fassen, und ruhig fest zu halten; er hat sich mir in mei-
nem Gemüthe auf das Höchste entwickelt.- Löset sich Wartensee
für mich auf - was mir nun sehr gleichgültig ist, oder vielmehr was ich nun /
[1R]
was ich nun mit großer Seelenruhe ertragen kann; so kehre ich nach Keilhau sogleich
zurück; wir machen - was ich ja merkwürdiger weise schon in den [sc.: dem] Brief an die liebe
Mutter als Wunsch von mir aussprach - eine Reise nach Berlin, nehmen wenn
es nur einigermassen angeht Ludowika mit.- Ich sehe jetzt vielseitig ein, und
unser beyderseitiges wie all der u Unsrigen Leben ist Zeuge dafür - das wichtig-
ste und bleibendste für den Menschen geschiehet in seinen früheren Kindes[-] und
Jugendalter vielleicht von 5 bis 9 oder 10 Jahren. Es ist Thorheit zu meinen
die Einsicht, der Verstand ersetze später den Menschen was bey ihm in jenen
Jahren verabsäumt worden ist. Will darum ein ächter Erzieher wahr[-]
haft das Wohl der Menschheit fördern so muß er sich immer mehr zur
Erziehung der jungen Kinder zurück ziehen. Wir wissen wie wichtig
die Mädchen Erziehung als die künftigen Pflegerinnen der Menschheit ist; -
ich habe nun in dem was ich schreibe Deinen jüngsten Brief an mich mit
seinem Inhalte vor Augen und bitte Dich, Dich desselben zu erinnern;
dieß alles bestimmt mich weiter zu den Gedanken: - wir sehen uns nun in
Berlin ganz ruhig die Verhältnisse an; Du läßt Deiner Seelen tiefsten
Wunsch und größtes Verlangen sprechen die letzten Jahre Deiner lieben
Alten Mutter mit derselben zu leben; - Im Winter ist Schönhausen
frey; - Du läßt theilst Freundinnen den Gedanken mit Du möchtest - wir möch-
ten während unseres Aufenthaltes bey Berlin einige junge Kinder Knaben oder
Mädchen, Knaben und Mädchen bey uns haben, vielleicht 4 bis 6; durch diese
bestritten wir unsere einfachen Bedürfnisse. Ludowika behielten wir bey uns
dem Unterrichte derselben könnten wir vollkommen genügen; wie sie Dir und uns hilf-
reiche Hand leistete. Daß mir dieses Leben und Verhältniss auf das Höchste zusagt
kannst Du wohl tief empfinden und darum so warm als wahr aussprechen.
Immer mehr zieht es mich zu der Kinderwelt, immer mehr schließt sich mir
die Wichtigkeit ihres Lebens auf, immer mehr zeigen sich mir und beherrsche ich
die Mittel zur Pflege und Entwicklung ihres Lebens; meine beyden 5-6jährigen
Brüder beweisen und bezeugen mir dieß täglich, so komme ich recht eigentlich
in die Mitte meines erziehenden Lebens was ich längst suchte und bedurfte; dazu
kommt ein zweytes schon seit mehreren Jahren ist es ein tief gefühltes Bedürfniß
meines Geistes wieder einmal den Vorrathskammern und Speichern des Mensch-
lichen Wissens und Könnens nahe zu kommen und meine innere unmittelbare
Geisteseinsicht und Erkenntniß wieder in dem Überblicke großer Reihen von
Lebens[-] und Naturthatsachen zu spiegeln, zu bewähren, zu stärken; ich hoffe
Du verstehst mich. Berlin reicht mir dieß als Universitätsstadt, durch seine
Sammlungen, durch meine früheren Verhältnisse. Mein Geistesleben kann sich
hier - wie dort unter den Kindern das Gemüthsleben zur Vollkomm[en]dheit ent-
wickeln. Unser beyderseitiges Leben, Deines und meines in inniger Einigung kann
sich ohne gewaltsame Stöhrung und eingreifen von Fremdartigen, rein klar
friedig und freudig in Liebe, Treue und Eintracht entwickeln.- Der Schönhauser
Schloßgarten gewährt unsern Kleinen was sie für ihr Leben von Natur be-
dürfen.- Ich will gar nicht weiter gehen ob sich mir gleich noch eine weitentwickeln-
dere Welt zeigen will. Nur zwey Sachen hebe ich hervor. Brauchen wir Hülfe
und erträgt sie später dieses einfache kleine Familien Leben - so glaube ich
könnte <ein> Wilhelm Fröbel derselben förderlich sehr förderlich seyn und er könnte
seine Fortbildung dabey festhalten; doch gehört dieß gar nicht wesentlich ins Ganze.
- Kehrten wir nach dem Heimgange unserer Theuren Mutter, wenn es die Ver[-]
hältnisse forderten nach Keilhau zurück, so könnte dann vielleicht das Ganze
der Ludowika - da sie so viel Erziehungs- und Lebenssinn zu haben scheint - über[-]
tragen werden. Doch so weit wollen wir jetzt gar nicht gehen sondern nur
ohngefähr ein Leben vor Augen haben so lang als uns Gott dann Deine liebe
Mutter noch schenkt welcher treue, pflegende Kinder zu schö seyn uns die schönste /
[2]
Lebensaufgabe sein würde.
Gehe nun dem Leben ganz ruhig und still nach, suche nur das daß jeder willkühr-
licher [sc.: willkührliche] und gewaltsame Schritt vermiethen [sc.: vermieden] werde. Das Leben könnte sich noch
auf gar manche Weise förderlich entwickeln vielleicht auch dadurch wenn Al-
bert Weimann
, welcher so wahre treue Anhänglichkeit und Vertrauen zu
mir zu haben scheint, als Studirender nach des Vaters Willen Berlin als
Hochschule besuchte, und er dann wie Du in Deinem jüngsten Briefe so schön
als treffend und wahr in Beziehung auf Felix aussprichst: - als Sohn in unserm
kleinen frohen erziehenden Familienkreis lebte.
Jetzt liegt das Ganze vor Dir ich weiß und habe Dir wesentlich nichts mehr
zu sagen als zwey Sachen erstlich wenn ich von Mutter rede, ich in mir
dann immer Mütter sagte d.h. unsere gute liebe Tante in jenes Wort
innigst mit einschloß.- Dann zweytens wie Du hier gleich einen Sach- und
Thatbeweis hast für das, von welchem Du mir in Deinem jüngsten Briefe
sagtest, daß Du es wohl ahnetste [sc.: ahnetest] aber noch nicht einsähest, das [sc.: daß] - wie aus
dem Zerfallen und Auflösen eines alten Lebens sogleich wie ein Phönix ein
neues höheres verjüngstes [sc.: verjüngtes] Leben hervorkeimt, hervorsteigt
.
Noch gar manches könnte und möchte ich auch wohl Dir aussprechen; doch ich
will es lieber der Zeit und Zukunft überlassen es zu entwickeln.
Nur eines empfehle ich: Achtsamkeit auf und Pflege der Kleinsten be-
sonders neues neuen und unerwarteten Lebenserscheinungen; denn mein theuer-
stes Weib, das Leben ist ein großes innig einig zusammenhängendes Gan-
ze und so mit Einheit; werden wir diesen Zusammenhang beachten und an-
erkennen werden wir ihm gemäß und getreu handeln so werden wir
unsern Beruf erfüllen - das Wohl der Menschheit fordern - und Friede
und Freude zu unserm Eigenthume haben.
Mein treues Weib! ich habe keinen versteckten geheimen persönlichen
eigensüchtigen Wunsch oder Zweck, ich will schlechterdings nur das beste, reinste, mensch[-]
lichste in welcher Form ich es auch immer zu durchleben
habe dieß ist mir gleich.
Ich küsse und grüße Dich mit der innigsten, reinsten Liebe und Treue.
Ich küsse und grüsse alle Deine und unsere Lieben Kinder, besonders
die beyden welche Du mir als so treue nennst Ludewika und Christian
Friedrich.
Mit und in der reinsten und höchsten Seelen- und Lebenseinigung Dein

FriedrichFröbel. [*halb
  eingekreist*]

Laß Dich es nicht trüben wenn das Leben und die
Verhältnisse Dich vielleicht nöthigen mir, dem
was jetzt in mir lebt - ganz Entgegengesetztes
schreiben zu müssen.
Habt Ihr auch um Keilhau eine so volle, ge-
sunde allgemeine, viel versprechende Baumblü-
the, wie sie jetzt hier um, bey und an dem War-
tensee ist?- Wie so oft, wie so oft habe ich
Dich in diesen Tagen hierher gewünscht.- Doch
hatten wir am 12n May früh einen sehr starken
Schnee, alles sah am Morgen wie tief im Winter
aus. An den Blüthen nächst Wartensee kann ich
aber keinen Schaden bemerken. Ich sagte und dachte
mir dabey dieß und daß das; denn es war eben [an] dem Morgen
nachdem ich tagsvorher Middendorffs u der Fräulein Brief erhalten hatte.
Diese hat schon sehr oft mir die besten Grüße für Dich aufgetragen. /
[2R]
[Adressierung:]
An meine liebe Frau