Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 3./5./7./9./10./11.6.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 3./5./7./9./10./11.6.1832 (Wartensee)
(KN 38,4, Brieforiginal 7 ½ B 8° 30 S. mit starken Papierschäden, bes. Bl 4 und 15. Ergänzungen nach Typoskript v. Reinhold Wächter.)

Wartensee, Sonntag am 3en Juny 1832.·.


       Der Wahrheit Friedensgruß,
       Der Klarheit Freudengruß,
Und der Willensfestigkeit Felsengruß
           Allen zuvor.

Eigentlich sollte ich wohl auch meine Antwort auf Euern mir sehr lieben Brief,
wiederkehrend durch Dich Middendorff und von Dir an mich geschrieben auch an
Dich Middendorff richten, denn wie das Allgemeine und Allgemeinste durch persön-
liche und Einzelauffassung und Darstellung auch persönliche Form, Farbe und
Charakter annimmt, so nimmt auch hinwiederum das Allgemeine und Allgemeinste
an eine bestimmte Person und Einzelnes gerichtet einen bestimmten persönlichen
Charakter, Form, Farbe und Geist an; dieß würde mir nun zwar manche Erleichterung
verschaffen mich besonders leichter und mehr für Mißverständnisse, d.h. für das
Nicht- und Mißverstandenwerden meiner Briefe verwahren, allein ich darf und so-
mit kann ich mir nicht dieses ErleichterungsMittel erlauben, ich muß mich viel-
mehr so lange an das Ganze immer nur wenden, bis der eigentliche Quell- und
Kernpunkt des Lebens um dessen Finden, Erkennen, Anerkennen, Entwicklung Aus-
bildung und somit Darlebung es sich eigentlich handelt von dem Einzelnen und
von dem Ganzen gleichmäßig Gefunden, Erkannt, Anerkannt und in und für
Entwicklung, Ausbildung und somit gleich gemeinsamer Darlebung angestrebt
wird; - wenn nun diese Zeit kommen wird sehe ich jetzt noch nicht ab, wenigstens
ist sie jetzt mit der größten Bestimmtheit noch nicht da, was auch vielleicht mancher und
jeder Einzelne sich darüber sagen meinen oder denken mag; ich werde diesen meinen
Satz einst eben so klar, als wahr und lebensvoll beweisen, und wenn ich dieß können wer-
de, dann wird sich erst Wahrheit, Klarheit und Festigkeit, Licht und Wärme über das ganze
Leben verbreiten und das Leben erst zum Leben werden, welches eigentliche Leben
darinn besteht daß er nicht nur weiß daß wie er so auch jeder Einzelne, und wie je-
der Einzelne so auch er das Ganze in seiner Einheit und nach den Bedingungen seiner
Mannichfaltigkeit – der Erscheinung in sich trage, sondern auch jeder mit ihm, und er
mit Jedem sich für Darlebung desselben hingebe, das h. in Darlebung desselben sein
Leben thatsächlich wiederfinde – bis dahin nun muß ich diese Form bey behalten, welche
darum keine willkührliche ist, im Gegentheil aber wird es mir ganz außerordent-
lich lieb – doch dieß ist sehr wenig und gar nicht der Erwähnung werth - ich hätte viel-
mehr sagen sollen: – im Gegentheil wird es dem Ganzen in Keilhau sehr heil-
sam und ersprießlich seyn, wenn ich von Keilhau recht viel Einzel-auffassung
und -darstellung erhalte. –
Wegen des oder eines Vorwurfes welcher in meinen beyden vorletzten Briefen – (:
denn den vom 19en v. M. werdet Ihr ohne Zweifel an demselben Tage erhalten haben
als Ihr den Eurigen, d.h. Du, Middendorff, den Deinigen an mich abgeschickt hast - :) liegen
soll jetzt nur soviel, daß ich mich nicht erinnere Vorwürfe haben machen zu
wollen; hat man sie aber darinne gefunden, so liegt die Antwort darauf in den
einigen Stellen Deines Briefes wo Du darüber sprichst, selbst, l. Middendorff. Und
somit sey dieß denn für den Einzelnen und für das Ganze abgemacht, denn jetzt
ist wahrlich eben so wenig Zeit und die rechte Zeit Vorwürfe zu machen, als Vorwür- /
[1R]
fe zu finden, als Vorwürfe aufzulösen, indem ich in mir fest überzeugt bin, daß
für uns als ein Ganzes, seit wir ein Ganzes sind oder wenigstens zu werden uns be-
streben noch kein wichtigerer Zeitpunkt war als der ist in welchem wir uns eben
jetzt befinden, welcher in seiner Wichtigkeit selbst nur von den meisten von uns
erst geahnet keinesweges aber erschaut noch weniger durchschaut wird;
da geziemt es nicht nur, sondern fordert es denn ernst der größten
Ruhe und nicht nur [der] leidenschaftslosen sondern sinnigen Achtsamkeit.
Ich wiederhole darum was ich in den letzteren Briefen wohl schon einigemal ausge-
sprochen habe, daß wir uns vor allem jetzt bemühen müssen, bey möglichstem im
Auge behalten des Ganzen oder vielmehr seines Zieles und Zweckes, seiner Bestimmung
im Einzelnen jeden willkührlichen und gewaltsamen Schritt zu vermeiden;
darum vermeide ich eben so sehr irgend eine persönliche Forderung und Wunsch
von mir auszusprechen, als ich wünsche, daß nie von dem Ganzen aus in irgend
etwas mein Persönliches beachtet oder berücksichtigt werde. Ich persönlich
weiß klar und bestimmt nach Wege, Mittel und Zweck, Ziel was ich
will, ja, ich habe es schon erreicht, sonst könnte ich gar nicht so sprechen, denn
es ruhet in mir selbst, also nicht die leiseste Berücksichtigung vom Ganzen aus
meiner; ist mein Leben, mein LebensZweck u Lebensziel wahr, so wird es sich
schon sich auch ganz selbst überlassen als wahr zu seiner und gewiß zur
rechten Zeit beurkunden.
Ich hoffe daß sich Euch durch dieses alles und aus diesem allen die Ruhe und Klarheit, die
Freudigkeit und der Friede meines innern und äußeren Lebens, aber auch der feste
Wille ausspricht meinen LebensZweck und LebensBeruf, meine erkannte Lebens-
Bestimmung nach sicher und klar erkannten Weg und Mittel fest zu halten.
Dieß alles nochmals und auf das bestimmteste zu wieder[-]
holen hielt ich für nöthig, damit wenn es möglich wäre für die Zukunft nur wenig-
stens alle die Mißgriffe und Mißverständnisse welche aus der Gleich-
und Einssetzung (:Identifizirung:) meiner Person und meines Lebenszweckes
bisher entstanden, vermieden werden können, und so auch Klarheit in alle
Lebensverhältnisse und Handlungen endlich komme. Durch diese, mir früher
ganz unmögliche, nicht einmal geahnete Trennung zwischen Person und Lebens[-]
Zweck und Beruf habe ich, jetzt sehe ich es wohl ein zu einer Menge Mißver-
ständnisse selbst Anlaß gegeben, wie freylich aber auch nur durch ein sol-
ches Nichttrennen das zu erreichen möglich wurde, was ich oder wenn Ihr
es wahrer findet wir bisher erreicht haben. So z.B. kann man sich wohl
für eine Person in mehrfacher Hinsicht hinopfern, und so haben alle die ganz
recht welche von einer solchen Lebensansicht aus von Opfern für mich und um
meinetwillen reden, und ich halte mich verpflichtet auf irgend eine Weise zu ir-
gend einer Zeit diese Opfer zurück zu geben, und ich werde mich nie von dieser Verpflich-
tung lossagen. Aber bey Erreichung dessen, was als das höchste Gut erkannt wird,
was wir als das höchste Gut wirklich erkennen und erkennen müssen kann nie
von Opfern die Rede seyn, wenigstens der Christ, der Christ welcher die Lehren
und Wahrheiten Jesu ins Leben einzuführen, im Leben auszuüben sich bemühet
kann nicht davon sprechen, nicht davon reden lassen, er müßte denn die bey-
den Gleichnisse Jesu vom Acker mit dem vergrabenen Schatze, und vom Kauf-
mann mit der köstlichen Perle, um welcher beyder willen Jesu im Gleichnisse
alles verkaufen läßt weder gelesen, wenigstens aber nicht verstanden, noch
weniger zu Herzen genommen am wenigstens aber im Leben ausgeübt haben.
Freylich muß man in beyden Fällen wegen des Schatzes im Acker und wegen des Werthes
der köstlichen Perle gewiß seyn; da giebt es denn nun aber freylich keinen andern
Prüfstein, als das eigene Gemüthe, den eigenen Geist, das eigene Leben.
Hier machte ich nun freylich wieder einen ganz gewaltigen Mißgriff, mindestens
Todessprung, indem ich sagte und schloß: alle Gemüther, alle Geister, alle Leben sind doch /
[2]
wenigstens alle menschliche, also muß die Prüfung doch mindestens auch zu einem al-
len gemeinsamen
Ergebniß führen. Freylich nur ein Kind konnte so denken, und
schließen, darum sind es denn auch vor allem nur Kinder und wohl auch Kindesgemüther
bey welchen sich die Wahrheit dieser Denk- und Schlußweise bewähret. Allein ich muß
auch hier wieder aussprechen, freylich nur durch einen solchen Kindesglauben
war auch nur einzig zu erreichen was bis jetzt in mir und außer mir in
uns und außer uns erreicht wurde.
Noch einen Mißgriff von mir will ich doch hier sogleich erwähnen, weil
sich dessen Lösung so unmittelbar hier anschließet, und weil dieselbe
zugleich auch noch eine Antwort in sich faßt die ich zum Theil noch auf
einen Keilhauer Brief schuldig bin ; es ist der: Alles menschlich Darzu-
stellende, und so vor allem das darzustellende reine Menschenleben muß
wie an Stoff, so in Zeit und Raume, Ort und durch Menschen dargestellt
werden; da nun aber Darstellung des Menschenlebens an sich, also des reinen
Menschenlebens nothwendig (nach meiner Kindesdenkweise) das Ziel und
die Aufgabe einmal schon jedes Menschen an sich, dann aber besonders je-
des Menschen der sich einen menschlich, d.i. als Menschen strebenden nennt
seyn muß, so hielt ich ganz natürlich Stoff, Zeit, Raum (Ort) Personen welche
mir dieses zeigten oder zu zeigen schienen (was hier ganz gleich ist) fest; das
gab aber nun bald den Schein und die Meinung zu welchem und welcher auch
wohl ich selbst durch nicht klare Scheidung Veranlassung gab, ja davon viel
eben dadurch vielleicht ergriffen und angesteckt wurde; - daß es an
diesen bestimmten Stoff, zu dieser bestimmten Zeit, an diesen bestimmten Raum
(Ort) und von diesen bestimmten Menschen geschehen müsse. Dieß mag
nun wohl den innern und allgemeinen wie besondern Bedingungen nach ganz
wahr seyn, und wird sich als wahr nach- und beweisen lassen; aber eben
auch nur unter den ganz unerlässigen Voraussetzungen daß die Menschen
(und durch und in diesen Stoff, Zeit, Raum, Ort) jene innern Bedingungen
mit Nothwendigkeit erfüllen. Bey Nichterfüllung dieser Bedingung ist die
Darstellung eines reinen MenschenWerkens oder vielmehr Menschenwirkens
und [-]lebens weder an irgend einen bestimmten Ort, nach Zeit, nach Menschen
gebunden, indem ich nun bey den Erscheinungen meines Lebens diesem allgemei-
nern oder höherem Gesetze folgte das heißt mich von Menschen bis die zwar
der Gesammtheit ihres Lebens nach zur Darlebung eines reinen bewußten
Menschenlebens geschickt waren, aber diese Schickung nicht zur in Wahrheit
erfaßten und getreu lebten, - los sagte, so trafen mich und mein Leben
alle die Urtheile die mich getroffen haben und vielleicht noch bis jetzt mich
treffen, und es wurde mir in dieser Beziehung – ich weiß und erkenne es wohl
aus dem herzinnigsten Gutmeinen – ausgesprochen: wie ja wohl am Ende
bey einer solchen Denk-, Urtheils- und Handlungsweise wie die Meine
mir
ganz und gar Niemand übrig bliebe und wie es wohl dann - so
schloß sich wohl stillschweigend der Schluß daran an – mit meinem Wirken
und Werk, mit der Erreichung all meiner Bestrebungen, ja mit dem Urtheil
über dieselben und mich selbst aussehen würde. Ich erwiedere darauf blos
wäre mein Wirken und Werk, die Erreichung meiner Bestrebungen von
bestimmten Raum, Ort, Zeit, Person abhängig , {so würde es/so würden sie} wenig Zutrau-
en verdienen, hinge der Werth und die Bedeutung meines Lebens
von dem Urtheile Einzelner, wie sie auch Namen haben mögen ab, so könnten
nie Einzelne und also auch nie Ganze (denn jedes Ganze besteht aus Einzelnen)
Zutrauen und Vertrauen zu mir haben, was zu beachten doch meine Bestimm-
ung mein Beruf fordert; also um aller derer willen – wenn ich ja mit den
Urtheilenden einen Zweck noch außer mir setze – welche mir Vertrauten
und nicht Vertrauten und ganz vor allem um der ersteren willen mußte /
[2R]
ich, ich darf und kann wohl sagen gegen meine Natur handeln wie ich handelte
und muß ferner so handeln. Daß ich diese Lebenstrennung früher wohl in meinem
Innern, meinem Gefühle und im Äußern in bestimmtem Handeln, aber nur in
andeutendem Worte nicht in klar entwickeltem durchführen könnte, dieß
–wohl auch ein Mißgriff hat mir und meinem Leben so viel aufgebür-
tet, daß ich es nicht einmal durch einen Vergleich bezeichnen mag, -
allein – ohne dieses hätte nun und nimmer als ein Thatsächliches, als ein Wirk-
liches
und Dargestelltes, Dargelebtes erscheinen können, was als Thatsache
Wirkliches und Dargelebtes erschienen ist; und so wird sich nach und nach vor
Euer Aller Augen auch alles lösen, und wenn ich auch nicht sagen will, daß sich
Unzufriedenheit in Dank, Mißbilligung in Lob verwandeln wird, wenn
überhaupt in und bey einem solchen Leben von Lob und Dank die Rede seyn
kann, doch wenigstens in Zufriedenheit in Beruhigung des Gemüthes.
Da Zeit, Raum, Ort, Person, Stoff als bestimmte Zeit, als bestimmter {Raum/Ort, als
bestimmter Person ja in Beziehung auf Unterricht und Lebensdarstel-
lung als bestimmter Stoff, d.h. als dieser und kein anderer gänzlich vernich-
tet sind und sich also sonach, (weil jedes, sobald es gewählt und heraus[-]
gehoben wird, gleich ein Bestimmtes wird) – gar nicht mehr an Ort
Zeit Personen anknüpfen und davon ausgehen läßt, so wird es Euch
hoffentlich leicht wenigstens unzweydeutig einzusehen werden: - es
mußten ganz andere Mittel und Wege für den Zweck der
Menschenbildung als die bisher ausgesprochenen
und durch Wort bezeichneten aufgefunden, erkannt, in Einigung mit dem
Leben anerkannt und ausgeübt werden, müssen überhaupt in Einigung mit
dem Leben und ausgelebt werden, solche die von all dem Bisherigen unab-
hängig sind – wenn das Ziel, die Bestimmung und der Beruf der Menschheit
erreicht werden soll. Dieß nun ist mir durch Wartensee geworden,
habe ich durch Wartensee gefunden; dadurch ist mir der große Blick in die
Wahrheit meines Lebens aber auch so wie die Klarheit, die Freudigkeit, Heiterkeit und
der Friede desselben, aber auch hoffentlich unerschütterliche Festigkeit des Will-
lens in Festhalten desselben gekommen. Ich würde es aussprechen, wenn Aussprechen zu etwas nützen
könnte. Alle Dinge sind ihrem Keime nach bekannt, eigentlich unbekannte giebt
es gar nicht mehr, aber wir meinen alles zu können, wie wir die Bibel, die
Natur und unser eigenes Leben ja unser Herz zu kennen meinen und es doch nicht kennen.
*
Nun zur eigentlichen Beantwortung Eures, ich sage es nochmals mir sehr lieben Brie-
fes vom 25en v.M. Doch vorher noch dem Wilhelm meinen Dank für seine Auf-
schrift; es war mir ein recht lieber Gruß von ihm. „Was wird dieser dir denn
schreiben?“, so dachte ich als ich die Aufschrift sahe; aber er schrieb sonst Nichts. – Nun
auch gut, so sehet Ihr doch wenigstens soviel, es wäre recht schön, wenn bald
dieses bald jenes einmal zur Abwechselung und während der Schreiber
noch den letzten Namenszug macht, die Aufschrift einstweilen schrieb es
wäre Erleichterung. Beschleunigung und – Gruß. Auch seht Ihr dadurch wie
der Mensch zuletzt lernt mit sehr wenigem zufrieden zu seyn, ja viele
Freude und gar manches schöne Räthsel, z.B. was mag er sich nur eben gedacht
haben als er die Aufschrift schrieb us.w. Ich sag es ja immer das Leben
hat gar viele liebe kleine Blümchen, - wer sie nur immer fände
und auch nur zum allerkleinsten Sträußchen wände! -/
Daß Herr Schnyder bey Euch in Keilhau anwesend gewesen war hatte ich
schon durch Fräul[ein] v. Hertenstein erfahren; allein ich glaubte 8 Tage später
denn am 19en May ist er glücklich in Frankfurt angekommen und ich meinte
er sey Donnerstag vorher von Euch gerad nach Gotha gegangen.
Herrn Schnyders Reise über Jena hatte ich vorausgesehen, es auch dem Ferdi-
nand
ausgesprochen, der es aber negirte, weil er meinte es sey um; aber /
[3]
daran daß er persönlich zu Herzog gehen würde hatte ich gar nicht gedacht, doch
finde ich es ganz in seinem Charakter begründet auch mit dem übereinstim-
mend was er in seiner großen Antwort auf meinen langen Brief ausspricht,
sowie überhaupt in Übereinstimmung mit seiner ganzen Handlungsweise in die-
ser Sache, welche mich gleich vom ersten Beginne an in seiner ungeheuern Äußer-
lichkeit so gewaltig erregte, doch warum darauf zurück zu kommen. Daß
Herr Schnyder jetzt bey Herzog war ist recht gut, denn ich werde dadurch nur
immer mehr klar über das Leben und persönlich im Handeln freyer, ich möchte
sagen ich werde so persönlich nichts schuldig.
Du Middendorff schreibst mir in Deinem letzten Brief: - „und ich will es dir
an einer Stelle, die gleich hier seyn mag, nicht verhehlen: daß mir dein Band
mit Schnyder wieder ein neuer Beweis deines hohen Menschenvertrauens
des Vertrauens zu dem guten Geiste in dem Menschen ist u.s.w.“ Erinnerst
Du Dich denn nicht Middendorff daß ich Euch in einem früheren Briefe von hier
aus ohngefähr schrieb: - “Ihr würdet Euch sehr teuschen wenn Ihr mein Ver-
hältniß zu Schnyder in Gleichheit setzen wolltet mit meinem Verhältnisse
zu Euch“ es war dieß vielleicht das reinste, ruhigste, kälteste, besonnenste Nachgehen
und Nachleben, wie soll ich es anders bezeichnen als höhere Fügung, indem mir
– ich habe es ja wohl auch schon im Herbste vor. J. in einem Briefe von hieraus
dargelegt – mathematisch klar und gewiß war, daß nur einzig nicht al-
lein mir, sondern unserm ganzen Leben und so auch jedem Einzelnen und Beson-
deren von Euch die eigentliche wahre innerliche Freyheit des Lebens käme
wenn ich mich mit den größten Gegensätzen meiner Natur und meines Lebens
verbände. Und wenn man besonders von vornherein nicht gleich alles so
dornig hinstellte nun: so mischt ja auch selbst die Natur in ihrer Marter
Dorn süß duftendes Laub im hoffnungsvollen Grün, ja selbst liebliche Röschen
prangend in der lächelnden Farbe der Liebe; warum soll der Mensch als
treues Kind der Natur nicht in seinem Leben auch einmal so verfahren.
Genug ich überschaute das Ganze im Allgemeinen klar, fühlte gar vieles ich darf
gerad zu sagen Widrige lange voraus und habe deßhalb Denk- und Merk-
steine genug gesetzt, allein dieß konnte und durfte mich alles nicht ab-
halten zu handeln wie ich sollte und handelte, wenn kommen sollte was
kommen sollte und dem Ganzen und besonders dem Keilhau heilsam und er-
sprießlich war, wie denn auch im Allgemeinen ja selbst besondern alles so
gekommen ist – immer auch in manch unerwartet andern Form oder viel
mehr durch manch unerwartet anders gestaltetes Mittel – wie ich fühl-
te, ja erwartete daß es kommen würde und müßte.
Eigentlich muß freylich wenn das Ganze in seiner Einzelerscheinung d. h.
mein ganzes Handeln noch früher mehr verstanden werden solle das Ganze
früher und schon mit meiner Abreise aus Keilhau erfaßt werden –
Ich fühlte und wußte der Druck welcher auf Keilhaus Ganzen und Ein-
zelnen lag und den ich in jedem meine Nerven und bey jedem meiner
Schritte wahrnahm konnte nur durch eine freywillige Entfernung mei-
ner von Keilhau auf unbestimmte Zeit gehoben werden. Ich fühlte und
wußte und habe es dünkt mich bestimmt genug ausgesprochen, ich durfte und
konnte nicht eher nach Keilhau zurückkehren, bis wenigstens die Keilhauer
nach dem Maaße der Erkenntnißstufe eines jeden sich geistig frey gemacht
hatten. Mit dem Ablauf meiner Geschäfte in Frankfurt hatte dieß alles in
Keihau noch nicht eintreten können, darum war auch meine Rückkehr nach
Keilhau dort ganz unmöglich es wäre nicht nur nichts gebessert sondern
vieles verschlimmert gewesen. So nahm ich dankbar aus höherer Hand den Setz-
ling von Marterrosen, dessen Verpflanzung und Pflege mich weiter
und noch länger von Keilhau entfernte, meiner Zielerreichung: Frey- /
[3R]
gebung oder vielmehr Freywerdung Keilhaus und aller Glieder desselben um
so gewisser und ich darf fast jetzt schon sagen: ich habe erreicht was ich
wollte; wenn meine LebensMittheilungen nicht immer diese strenge Form des
erkannten Schicksalsschlusses hatten, so macht es [nichts] ich bewahre mir gern für
Lust und für Schmerz einen empfänglichen Sinn ein empfindliches Herz.
Dieses mein Leben nun welches ich eigentlich –wie ich es ja auch schon ir-
gend wo ausgesprochen habe – mit dem Sommer 1830 zu rechnen beginne,
halte ich für den achtbarsten Theil meines Lebens, weil ich während dieser
ganzen Zeit mit der größten Strenge den innen erkannten Lebensgesetzen
nachgegangen bin von welchen ich wußte daß nur einzig sie mich zum
Ziele führen würden und es führte mich zum Ziel <zugleich> erkenne ich es auf
das höchste dankbar daß mich die Vorsehung nun seit mehr als einem
Jahr fast immer ganz allein und abgeschieden leben ließ, denn Niemand
würde es mit mir ertragen haben den Forderungen der Lebensentwickelungen so
streng nachzugehen – jetzt ist alles bis auf einen bestimmten
Punkte entwickelt jetzt läßt sich wie nach einer überstandenen gefahr-
vollen Tagreise ruhig darüber sprechen und wir wollen wenigstens
den errungenen Preis ihn würdigend und weihend für[s] Leben fest halten.
Du hast also vollkommen Recht Middendorff wenn Du in meinem Verhält-
nisse zu Schnyder wieder einen Beweis findest meines bleibenden Vertrau-
ens in den Menschengeist;
aber nicht so in den Menschen und beydes hat mich
nicht getäuscht, darum nochmals - deßhalb bin ich so heiter, so freudig, so froh.
Denn versucht es einmal und nehmt meine Reise nach Frankfurt a/m und War-
tensee mit seinen Wirkungen aus Euern Leben als Ganzes und im Einzelnen
heraus und seht dann welch eine Lücke und Kluft Ihr in demselben findet; mich
dünkt ein Jedes von Euch müßte an sich und in seinem Leben diese Bemerkung
machen, wenigstens ich möchte um vieles, vieles bey all seinem damit ver-
bundenen Schmerze beydes nicht aus meinem Leben missen; denn es giebt ein-
mal auf der Erde, wo Gegenstände sind, kein Licht ohne Schatten.
In Ansehung Eurer Gespräche und Unterhaltungen mit Herrn Schnyder ist zwar
ein Urtheil von meiner Seite sehr schwer; einmal können Euere Mittheilungen
von denselben an mich nur kurz und Andeutungen seyn, zweytens kommt garzu viel
auf die persönliche Stimmung und Aufnahmfähigkeit des Anderen und drittens
auf die Umstände und Veranlassungen an. Dieß nun ganz in seiner Wichtigkeit
und Wirksamkeit anerkannt so glaube ich daß so ziemlich das Beste geschehen
ist was möglich war, sonst scheint es mir freylich die Erziehungsangelegenheit
der Erziehungsweg, auch wohl die Erziehungsmittel hätten noch tiefer und allgemei-
ner erfaßt werden können, selbst das Leben, es scheint mir etwas zu lang und
stark auf dem Einzelnen Besonderen und Äußeren geruht worden zu seyn. Doch noch-
mals gesagt es ist deßhalb nicht eine leise Unzufriedenheit in mir, denn einmal
kann es in der Thatsache ganz anders seyn und zweytens muß man ja doch erst
wissen wie man gegenseitig steht und zu einem tüchtigen Gespräche erst gesicher-
ten Grund und Boden haben. Also <weder meine> ich daß ich es anders und besser
gemacht hätte, noch erwarte ich in künftigen Briefen eine weitere Ausein-
andersetzung und eine Art Rechtfertigung, dazu sind selbst diese meine Andeutungen
und Forderungen viel zu unbestimmt. Nur noch ein zweyfaches will
ich erwähnen; erstlich wundert es mich recht, daß der in Beziehung auf Krieg
und Kampf so Kugelfeste Barop nicht mehr ins Treffen gegangen oder
wenigstens in die Ring- und Fechterbahn eingetreten ist. Ich hätte
wirklich bey weitem nicht geglaubt daß er eine solche – Fröbels
Natur hätte. Aber – beurtheile ich ihn anders recht so kann er und könnt Ihr
nur einsehen wie mir so gar mannichmal im Leben zu Muthe seyn mußte
und muß wo ich nicht so klar über die gegenseitigen Verhältnisse und das /
[4]
gegenseitige Stehen in solche Gespräche und wohl ganz unerwartet gerissen
wurde. Verstehe ich anders den Barop recht, so kann er und könnt Ihr da-
durch nun leicht meinen Brief d.h. den langen und vieles andere verstehen.
Was Barop vom Zurück-treten-lassen des Besondern in Streitgesprächen sagt
ist tiefbegründet und daher sehr zu beherzigen. So komme ich denn gleich zu
meinem Zweytens, zu Langethals Gespräch: - Es habe mir recht leid gethan
und thut mir noch daß ich nicht wie ich schon lang immer wollte einmal Schnyders
musikalisches Stehen bestimmter herausgehoben habe; doch dachte ich mir
freylich Langethal würde es sich aus gar manchen Mittheilungen haben ab-
ziehen wenigstens dadurch Fingerzeige bekommen können. Ohne weiter von
dem Gespräche noch selbst etwas zu wissen will ich nur gleich von vorn herein
sagen, daß beyde Recht und beyde Unrecht haben, und deßhalb können
solche Streite nie gel[öset] werden, weil der Standpunkt von dem ein Jeder
ausgeht so wie das Ziel [gewöhn]lich rein entgegengesetzt verschieden ist. Von
bekehren und belehren kann hier weder nach der einen noch nach der andern
Seite die Rede seyn, die <Parthey> die der rechte und wahre Erzieher hier zu ergrei-
fen hat ist die zu hören, und die hätte auch Langethal ergreifen sollen.
So würde er sehr großen Vortheil aus diesem Gespräche mit Schnyder gezogen
und selbst vielen Nutzen der Anstalt gebracht haben; denn Schnyder ist ein sehr
klar denkender gelehrter Musiker, welcher über die wichtigsten und schwierig-
sten Musikalischen Gegenstände seit vielen Jahren besonders in der Cäcilia
viel Licht verbreitet hat; er ist ein strenger mathematischer Musiker, und ich
wünschte Langethal oder Wilhelm hätte[n] sich etwas von Bach von ihm ana-
lysieren lassen ein neues Licht würde beyden aufgegangen seyn. Genug
ich wollte früher darauf aufmerksam machen, nun ists geschehen; so
geht es wenn man nicht augenblicklich ausführt wozu man sich bestimmt
fühlt. Ich bin in mir so tief von Schnyders musikalischer Ansicht über-
zeugt daß ich schon auf Mittel u Wege gedacht habe als ich noch in
Frankfurt und ehe noch an Wartensee gedacht war, - Dich Wilhelm
einige Zeit - ein Jahr seinen Schüler seyn zu lassen; ich hatte schon deß-
halb mit Kosel gesprochen bey welchem zu [sc.. Du] lehrend gewirkt und Dir
so viel Erleichterung verschafft haben würdest. Die Koselsche Anstalt
soll aber eingegangen [sein] wie ich Euch schon schrieb und so zerfiel auch
die Ausführung jenes Gedankens.
Der verschiedene Grund und Boden, das verschiedene Ziel welches bey sol-
chen Gesprächen erst klar geschieden werden muß:
    die Entwicklung des Menschen, der Fähigkeit des Menschen für
irgend eine bestimmte Sache, z.B. Musik, Sprache pp
    und das Lehren das Erlernen dieser Sache z.B. Musik, Sprache von
einem Menschen durch einen Menschen.
Seitdem ich während meines vorigjährigen Aufenthaltes in Frankfurt diesen
Unterschied fand, bin ich aller früheren heftigen Kämpfe überhoben.
Die Gelehrten haben ein so Großes und so viel für sich worauf wonach wir
Erzieher (wenn wir nicht klüger werden und sich ein jeder ferner nur auf den klei-
nen Kreis seiner Erfahrungen auf dem Cothurn hebt wie der Hahn
auf seinem Miste kräht) – noch lange streben müssen ehe wir es er-
reichen und dieß für sich und zum Voraus mit Großem Rechte; denn
sie geben auch sehr Großes und sehr viel dafür, nemlich den Weg der
freyen selbstthätigen Entwicklung pp. aber was schadets – genug sie besitzen
doch den Schatz, ob sie ihn nun verstehen oder recht gebrauchen das ist
gleich, genug im Besitz des Schatzes bleiben sie immer; ist er ihnen auch
ein todter Schatz, so ist er doch nicht ein todter Schatz an sich
und kann lebendig gemacht werden von dem, der das Todte erwecken kann. – /
[4R]
Bey dieser Gelegenheit gleich noch eine Andeutung die sich mir aufdrängt:
- die Stufen und Sprossen sind nothwendig um empor- und aufzusteigen
und ich muß um aufsteigen zu lernen von der ersten zur zweyten, von
der zweyten zur dritten Stufe steigen. Ja es ist nothwendig, daß Kinder um sicher
steigen zu lernen nicht eine Stufe überschreiten, sie könnten sich schon dadurch
Schaden thun, dann aber auch leichter fallen; deßhalb müssen Kinder erst nur
wenige Stufen auf und ab steigen, damit wenn sie ja fielen sie doch nicht zu
hoch fallen auch ist es gut für die Kinder daß sie bey der 3en oder 4en Stufe
ruhen, sich auch wohl umschauen wie hoch sie schon stehen damit sie vorsichtiger
steigen allein deßhalb ist es keine Forderung auf diesen Stufen welche Ruhestufen
sind auch ruhend zu bleiben, wie es nicht nothwendig ist immer nur die un-
teren und untersten Stufen [auf- und abzusteigen]. Ich will dieß wegen
seiner großen Wichtigkeit für den Erzieh[enden und] Lehrenden an einem
günstigeren Anschauungsmittel und –bilde [an der Z]ahl zeigen:
Es ist nothwendig und gut daß das K[ind, der] Schüler zuerst nur bis
20, ja nur bis 10, ja nur bis 5, wohl gar nur bis 3 zähle und auf[-] und
abschreite und stetig von der 1 zur 2 von der 2 zur 3 u.s.w. fortschreite
aber wer wird alle Zahlen so fort zählen. Kaum 2 bis 3mal zählt man
zur Übung und Prüfung so bis 100 fort; dann schreitet man bald in immer
größeren Schritten fort von 2 zu 2 zu 4 u.s.w. von 3 zu 6 zu 9 pp.
endlich bis von 10 zu 20 zu 30 und wohl in noch größeren Stufen von
100 zu 100 u.s.w. Doch auch bey diesen Gleichstufigen bleibt man
nicht lange stehen nicht bey diesen äußerlichen Hinzuzählenden, hin zu
folgenden Fortschreiten sondern man geht bald zu einem in sich steigern-
den Gang fort. 1 x 2, 2 x 2 pp. 3 x 5, 4 x 5, 5 x 5 u.s.w. u.s.w. Aber
auch hierbey bey dieser gleichstufigen innern Steigerung bleibt man nicht
immer stehen, man schreitet fort zur gesteigertstufigen, vergrößertstu-
figen Fortschreitung und Steigerung nach eigenem Gesetz.
2 x 2. 3 x 3. 4 x 4. 5 x 5. 6 x 6. 7 x 7. und so weiter und läßt es
ausführen. 2 x 2 = 4. 3 x 3 = 9; 4 x 4 = 16. 5 x 5 = 25. 6 x 6 = 36 u.s.f.
und läßt so die Mengen kaum noch in Real- und dem Sachzeichen selbst
– (: was ich beym Beginn oben als erste Stufe herauszuheben vergessen
habe :) – fortschreiten, sondern wählt zum Anschauen ein symbolisches
Mittel, die Ziffer, welche aber durch ihre Ordnungen und Stellen noch immer
selbst durch seine Form (5 = 5) etwas mit der Zahl selbst gemein
hat. – Bey Wiederholter, gesteigerter Fortschreitung nach eigenem
Gesetz da tritt schon das Realzeichen fast ganz zurück und man
hält sich ganz einzig an den Ausdruck der Ziffer.
1 x 1 x 1 = 1; 2 x 2 x 2 = 8; 3 x 3 x 3 = 27; 4 x 4 x 4 = 64 u.s.w.
Doch auch bey dieser Mengenanschauung durch die Ziffer bleibt man
nicht stehen, man schreitet zu einer noch abstrakteren, symbolische-
ren Bezeichnung fort; statt 1 x 1 = 12 ; statt 2 x 2 = 4 = 22; statt
3 x 3 = 9 = 32; statt 4 x 4 = 16 = 42 d.s.w.
Noch auffallender tritt dieß bey der nächsten und so immer mehr
bey jeder folgenden Steigerungsstufe hervor[:]
1 x 1 x 1 = 13 ; 2 x 2 x 2 = 8 = 23 ; 3 x 3 x 3 = 27 = 33 ; 4 x 4 x 4 = 64 = 43 ; u.s.w. oder
2 x 2 x 2 x 2 x 2 = 32 = 25; 3x3x3x3x3x3x3 = 2169 = 37.
Doch dabey bleibt es noch lang nicht stehen; das Symbol wird immer allgemeiner
statt 22, und 32; 42 usw. tritt a2; b2 ein usw. statt 23, 33, 43 heißt es a3, b3.
Immer allgemeiner wird die Anschauung statt a2, b3 usw. heißt es nur
an u.s.w. u.s.w. Weiter zur Bestimmung einer ganzen Reihe von Antworten
treten die Formeln ein. Endlich gar die Bestimmung von Wahrheit durch eingebildete
Größen u.s.w. Mit Vorbedacht habe ich dieß, was für die Wenigstens für Euch /
[5]
unnöthig war, so weitläufig durchgeführt um Euch an einem Beyspiele zu zeigen
welche Stufen alle ein vollständiger, erfassender Unterricht, also auch eine
vollständig erfassende Erziehung (: denn der Unterricht ist das Sinnbild
der Erziehung wie des Lebens, wie die Ziffern und Buchstaben das Symbol
der eigentlichen Thatsachen sind :) – zu durchlaufen hat. Ihr werdet Euch nun
hoffentlich daran deuten können, was wir, was Keilhau noch alles zu
thun hat ehe es auf einen vollständigen und erfassenden Unterricht <-> und
eine solche Erziehung Anspruch machen kann, d. h. ehe es seine Schüler
dahin bringt vom Realzeichen bis zur Erfassung des reinen Geistes und
auf und von Erfassung des Reinen Geistes bis zur Darstellung im Realzei-
chen herab zu steigen. Seht dieß alles lag mir bey Begründung und während
der ganzen Zeit der Ausbildung meiner Erziehungsanstalten vor; aber wer wollte hören
wer konnte hören! (: Endlich werdet Ihr hoffentlich einsehen daß
es zum Sehen noch nicht genug ist sagen zu können, ich habe doch meine zwey gesun-
den Ohren und zum Hören noch lang nicht hinreicht zu sagen, ich habe doch meine
zwey gesunden Augen. – Was ließ sich hier von dem Werthe und der Bedeutung
sogenannt geschichtlicher Facten sagen; doch wohin wollte ich kommen; allein Keil-
hau und Keilhaus Geschichte ist Zeuge davon; haben nicht Viele weit richtiger
über Keilhau geurtheilt und sein innerstes Wesen erkannt, die Keilhau nie mit
einem Auge sahen, als solche die viele Jahre dort lebten? Auch hier findet Ihr
gleich wieder einen großen Thatbeweiß für die Vernichtung von bestimmtem Raum
bestimmtem Ort, worüber ich gleich zu Eingang dieses Briefes sprach :) - Ehe
wir aber als bestimmte Erscheinungen bestimmte Orte, bestimmte Zeiten, bestimmte
Personen jenen auf- und absteigenden und so vollständigen Unterricht Erziehung
und Leben durchgegangen sind, ehe können wir nicht sagen, daß
wir – eben als diese bestimmten Personen Unterricht, Erziehung und Leben
in unserer Gewalt haben, können nicht einmal sagen, daß wir es über-
schauen noch weniger beherrschen. Freunde! zu einem wahren Menschen
und wirklichen Menschheitserzieher gehört mehr als a b = ab und 1 mal 1 ist 1! –
wie es zur Ernährung des Menschen mehr gehört, als dem Kinde die Brust reichen
und Brot backen. Doch wohin führen mich nur immer gleich alle diese Fäden! - -
Ich habe, wie schon in früheren Briefen so auch wieder zu Anfang dieses
Briefes ausgesprochen wie ich mich in Beziehung auf das Festhalten der
Schweiz und namentlich des Kantons Luzerns als sich mir in Frankfurt die Aufforderung
dazu zeigte keinesweges getäuscht habe. Schon in meinen früheren
Briefen habe ich Andeutungen des Beweises gegeben, für diesen Brief aber
bin ich noch den Beweis schuldig, d.h. es ist nur noch nöthig auszusprechen was
ich bey diesem meinem Urtheile besonders im Auge gehabt habe. Es ist folgende
Thatsache. An dem so selten schönen Tage am 19en May machte ich und Ferdi-
nand
wie es so oft geschiehet von dem Zufall oder vielmehr der Gunst geleitet einen
der schönsten Spatzirgänge die wir noch hier gemacht haben freylich nach dem Maaß-
stab der uns umgebenden Berge gleich von 1, 1 ½ , 2 und 3 Stunden Entfernung vom
Hause. So waren wir auch jetzt wohl 1 ½ bis 2 Stunden an der Sempacher Seite über
Eich hinauf entfernt und schritten wacker einer Gegend einem Punkt zu, welcher
mir als ein goldnes Vließ in Beziehung auf die Aussicht geschildert worden war.
Bald kam ein Mann hinter uns hergeschritten so stark daß ich wohl merkte er
wollte uns einholen, ich hatte aber keine Lust dazu; als er dieß merkte
rufte er: Herr Professor!! (: so werde ich hier meistens genannt und auch wohl der
Wartenseer Schullehrer auch von einigen Wenigen warum weiß ich nicht,
Herr Andres was mich besonders freut indem ich da immer an den alten Andres
im Wanzbecker [sc.. Wandsbecker] Bothen denke :) – der HErr Prof. stand natürlich nun nothge-
drungen still. Der Mann, ein Bauer aus dem Hofe durch welchen wir eben ge-
gangen waren, sagte mir nun daß er eben gehört habe wer ich sey, daß /
[5R]
er längst gewünscht habe mich kennen zu lernen. Er fragte uns nun wohin wir
wollten, wir sagten es ihm; gut so will ich Sie begleiten usw. ich kann ihnen [sc.: Ihnen] da wohl
manche Auskunft geben. Während des Weges bewegte sich natürlich das Gespräch um
die Wartenseer Anstalt und unter anderm äußerte er folgendes: - erstlich wie
er sich schon gefreut habe nur von der Ankunft und der Absicht eines solchen
Mannes zu hören – zweytens, wie der Kanton den Tag seegnen müsse an
welchem ich in denselben gekommen sey denn sagte er wer ist oder handelt besser
der verständige Mensch oder der dumme Ochse? – es wendete sich nun gleich nach dem
Religiösen, ich ließ ihn sprechen und sagte blos: gar Manche dächten aber ganz an-
ders und meinten es wäre wohl gut, wenn ich nur bald wieder fort wäre: er
sagte mir nur: [„] das solle mich nicht kümmern es würde schon bald anders wenn nur
sein Sohn erst groß genug wäre - er ist 5 Jahr alt – so müßte auch er an solchem Un-
terrichte Antheil nehmen“ u.s.w. Am folgenden Tage gingen wir spät Abends
denselben Weg wieder zurück. Wie ich durchs Feld gehe, rufts von der Seite
her: Herr Prof.! – Ich: was gibt’s?: „Gute Nacht, HErr Pr.“, ruft mir derselbe
Mann auf seinem Acker gehend, aus der Ferne zu.
Eine ähnliche Äußerung wie die obige in Beziehung auf das Wohl des Can-
tons habe ich oder Ferdinand Euch wohl schon früher von einem andern
Mann Namens Bühlmann, zwar Hauptmann aber auch Bauer, mitge-
theilt und so scheint denn wirklich die Gesinnung, die sich in dem Schreiben des
Erziehungsrathes an uns ausspricht die eigentliche Gesinnung und Stimmung
der Bessern im Volke und so die eigentliche Stimme des Volkes zu seyn.
Diese Stimmung, diese Gesinnung kann sich nur nicht frey machen; das klagte
mir auch der oben gedachte Mann; die Fesseln ruhen gar zu vielsei-
tig auf dem Volke aber ein guter, gesunder kräftiger Sinn scheint wirk-
lich im Volke zu seyn. Äußerungen der obigen ähnlich kommen mir viel-
mals zu Gehör und ich habe auch für das Daseyn dieser Gesinnungen
wie für die Fesseln die ihnen anliegen vielfach Beweise. So z.B.
haben aus einem benachbarten Orte, einem Dorfe, einige ihre Kinder
hierher schicken wollen, allein der Ortsgeistliche hat es nicht zugegeben.
Überhaupt ist die Wartenseerschule, wie ich höre schon mehrseitig ein Zank-
und StreitApfel und das ist schon gut. – Die Appenz. Ztg. hat auch wenig-
stens für den hiesigen Canton und soweit meine Kenntniß reicht über-
wiegend mehr genutzt als geschadet, immer höre ich nur das Echo: „ein
Tadel in jenem Blatte war ihr [sc: Ihr] Lob“. So kann ich denn nicht anders
ich muß auch wiederkehrend aussprechen: - „Unter den mir bekannten
Verhältnissen ist das hier im Kanton Luzern und vor allem hier in Wartensee
das beste ja einzige wo ich noch die Möglichkeit klar und bestimmt sehe
eine ächte Volkserziehung zu verwirklichen.“ Freyl Aber vor allem
unter der Bedingung der Ausdauer. – Ohne Ausdauer keine Ziel-
erreichung. Zeit bricht Rosen. Geduld überwindet alles. Freylich
wollte ich bey weitem lieber es hätte sich einer von Euch von alle
diesem selbst überzeugt und könnte sich überzeugen, als daß ich es aus-
sprechen muß. O! wie viel lieber schwiege ich und ließ Euch selbst sehen
was wirklich wahr ist. Ich scheue mich jetzt doppelt eine Wahrnehmung
und Ansicht von mir in dieser Beziehung auszusprechen, weil ich Warten-
see um meinetwillen nicht zu halten brauche und nie halten werde;
für mich bleibt es unwandelbar fest ich habe für mich Wartensee auf-
gegeben, denn ich bedarf es nicht mehr. Ich halte es für Pflicht Euch den
Stand der Sache so klar auszusprechen als ich es sehe. Bestimmen will
ich dadurch ganz gewiß nicht. Vergeßt dieß auch bey dem nicht
was ich jetzt gleich sagen werde. Wenn ich Euch nur alles vorführen
könnte, ohne daß es durch meine Worte geschehe, durch meine Anschauungs- /
[6]
meine Vorstellungsweise hindurch gehe. Ich will wohl das Rechte und Beste, aber
keinesweges weil ich es will , sondern weil es überhaupt das Rechte und Beste
ist, ich will es nicht weil ich es dafür ansehe , sondern weil es sich selbst als
solches kund thut und offenbart; ich will nicht für seine Annahme und
daß es geschehe bestimmen, sondern ich will daß man sich nach dem
wahren Stande der Sache selbst bestimme; ich will nicht daß man will-
kührlich und gewaltsam für die Verwirklichung der Sache Schritte thue
aber ich will daß man den wahren Stand der Sache und der Dinge mit
ihren Forderungen immer klar und unverwandt im Auge behalte
damit wenn der günstige Augenblick komme die Forderungen erfül-
len zu können man ihn schnell und Augenblicks festhalte; ich will
Ruhe und keine Hast: Ruhe in der Erwartung aber Schnelligkeit in
der Ausführung; denn: - „das Glück kommt zur Thür herein und fliegt
zum Fenster hinaus“. Keilhau hat dieß tief und schmerzlich genug empfunden
und empfindet die Folgen davon noch; ich wünschte daß ihm nie solche Schmer-
zen wieder kämen. – Durch gar manches Bild könnte ich Euch noch klar
machen und ausführen was ich eigentlich will: durch das Bild der zur
Reise gerüstet[en], das Osterlamm essenden Juden; - durch das Bild der immer
Marsch- und Schlagfertigen Krieger, denn noch jüngst habe ich gelesen daß
vor allem das Leben des erziehenden Menschen (: auch des sich selbst er-
ziehenden :) – ein wahres Kriegs- und Kriegerleben sey; doch, warum
Euch alles dieß und nur noch ein Wort darüber sagend da Du mir
Middendorff ja schreibst wie gerüstet Barop als ächter Krieger schon stand.
Nun vielleicht war es auch nur um des schönen Zusammenhangs und des Übergangs
zum folgenden willen, warum ich es aussprach: -
Heut Mittag kam unsere Marie, bekanntlich des Gaumers (Schloßwartes)
Tochter mir erzählend: wie der Wirt zu Oberkirch, bey welchem gestern ihr
Vater gewesen sey, diesem gesagt habe, daß er gern seine 2 Knaben hieher
in die Schule schicken wolle, wenn er nur eine gute Kost in der Nähe wüßte
(Oberkirch mag wohl eine starke Schweizerstunde von hier entfernt seyn) – die
Kost in den Häusern um Wartensee gefalle ihm nicht u.s.w. Marie
fügte noch hinzu wie diese Leute, wie es hier heißt vormögliche und
süberliche (reinliche) ja hoffärtige (heißt anständige, stattliche) Leute seyen.
Was konnte ich unter meinen häuslichen Verhältnissen darauf antworten? -
Doch erbot sich Marie aus eigenem Antriebe mit den Leuten darüber zu sprechen
eigentlich klar zu hören was sie wollen und wünschen und dann gehe ich
vielleicht – ja vielleicht selbst auf eigene Hand darin ein.
Für Euch soll dieß keinesweges bestimmend seyn; es ist nur daß Ihr von
allem gleich in seinem ersten Keimen unterrichtet werdet. Daß ich habe
sagen hören im nächsten Winter wollten mehrere Knaben aus Groß-
Wangen (einem Orte vielleicht 2 Stunden von hier) hieher kommen habe ich
Euch wohl schon mitgetheilt; der Brief der Fräulein [v. Hertenstein] schließt sich ja da-
ran an, weil ich auch dieser aus gutgemeinter Dankbarkeit diese Sage [sc.: Sache]
mitgetheilt hatte.
Weil man, wie ich schon erwähnte, jeden wichtigen Gedanken gleich
fest halten sollte wenn er einem kommt so sage ich: Sollte sich irgend ein-
mal noch von Keilhau aus die Möglichkeit einer weiblichen Unterstützung
für Wartensee zeigen, so bitte ich mir es vor gänzlichem Abschluß der Ent-
scheidung zu schreiben, damit ich noch Zeit habe zu thun was ich vielleicht als
nothwendig erkenne; denn ich wünsche das [sc.: dass] jeder Schritt mit möglichster
Lebensklarheit geschehe; ja die Vorsehung scheint es {zu wollen / zu fordern,} indem sie uns
dazu Zeit giebt, ja ich möchte sagen die Verhältnisse ordnet.
Nun liegt abermals durch die Gesammtheit meiner und auch Eurer /
[6R]
Briefe, den Inhalt des jüngsten mit eingeschlossen, das Ganze zum Über-
blick und zur Prüfung vor Euch – möget Ihr nun das Ergebniß selbst
ziehen.
Daß Ihr besonders dabey das Ökonomische berücksichtigen und dessen
Bestimmung Gehör und Folge leisten müßt versteht sich zuerst. Ich
mag und kann nicht weiter ökonomische Verantwortlichkeit auf mich
laden und will auf Unkosten Eurer Casse weder Pläne machen noch
weniger sie ausführen, nur mache ich auf eines aufmerksam: daß
wenn unleugbar und nothwendig die Zeit zur Saat da ist und man
doch einmal säen will und muß, auch mit dem Ankauf der
Saat mit der Ausgabe für die Saat nicht warten kann bis man
sich zu deren Anschaffung in ökonomisch günstigeren Verhältnissen
befindet. Doch Ihr seyd, wie ich schon mehrmals erwähnte, Eurer
zwölfe (Ihr mögt nun Dr. Martin oder Ferdinand dazu zählen) da wird
sich doch wohl die Wahrheit, das Beste, das Nothwendige und das Mög-
liche
ausmitteln lassen! -
Ehe ich weiter zu Eurem Briefe und dessen Beantwortung zurückkehre muß
ich doch noch eines sonderbaren Urtheils über mich gedenken, welches Ferdi-
nand gestern durch die Fräulein [v.Hertenstein] aus Luzern brachte. – Der bekannte
Herr GroßRath u Mitglied des Erziehungsrathes welcher im Winter wie Ihr
wißt hier war hat sich nemlich wie ich von mehreren Seiten schon hörte in
Luzern sehr bestimmt zum Vortheil der hiesigen Lehranstalt ausgesprochen
und besonders hervorgehoben daß die Kinder oder vielmehr Schüler für diese
Zeit bedeutende Fortschritte gemacht hätten aber merkwürdiger Weise
in Luzern hinzugefügt: - ich schiene aber die Kinder sehr streng zu halten.
Nun der Himmel weiß welches Urtheil über mich ich eher erwartet
hätte als dieß. Dieß wiederspricht sich nun so durch die Thatsache, wie
aus meinen früheren Mittheilungen von Äußerungen der Kinder und Eltern
hervorgeht z.B. Knaben die früher kaum in die Schule zu bringen waren kommen
hierher mit Lust u.s.w. daß ich wirklich nicht weiß was ich von einem sol-
chen Urtheile eines Mannes in dieser Stellung sagen soll, wenn ich nicht
vielleicht die Absicht darin finden solle die zärtlichen Mütter Luzerns
abzuhalten Ihre [sc.: ihre] Knaben einer Fröbelschen oder Wartenseer Strenge
Preis zu geben. Umgekehrt haben Wartensees Nachbarn und zwar mit
wohlgegründeter Wahrheit im verflossenen Halbjahr gemeint, die Warten-
seer Schüler griffen ihre Kehlen etwas zu stark an.
Ich [bin] halt immer der Bauer der mit seinem Sohne und Esel zu Markt treibt:
ein Schlingel und dummer Teufel ich mags machen wie ich will.
Nun zurück zu Euerm Brief: Schnyder hat ganz recht wenn er sagte
die Gegend um Wartensee mit ihrer klaren, lebendigen großen Natur
würde zu einem solchen Anbau und geistiger Erhöhung nicht minder
Veranlassung biethen. Ja die Gegend hat hier eine Klarheit eine Milde
und Zartheit eine Gesundheit u Frische eine Mannigfaltigkeit der Farbe
und Form eine Größe und Charakterfülle der Gegenstände dabey einen
Wechsel der Erscheinung (besonders Optischer Wechsel was sich schwer beschrei-
ben und was selbst der nicht erfassen und ergreifen kann, welcher nicht
alle Jahreszeiten wie nun beinahe ich und nicht wenigstens ein Frühjahr
hier verlebte.[)] Es ist wahr das gesammte Thal bis Sempach <?> scheint
sich ganz besonders durch gesunden, frischen, großen Pflanzenwuchs
auszuzeichnen. Von der Schönheit des Wuchses und besonders der
Kronen der Obstbäume glaube ich nicht daß man sich leicht einen Begriff
machen kann, so klar, so gesetzmäßig so kräftig; im rauesten Winter
habe ich [sie] stehen und sie bewundern müssen. Von der dießjährigen Blüthenzeit /
[7]
besonders der Apfelbäume davon will ich schweigen, jeder Baum war ein Rosen-
strauch. ja viele Kronen in ihrer schönen runden geschlossenen Fülle glichen
einer einzigen noch nicht ganz erschlossenen Rosenknospe. Es mag nach
Ferdinands Meinung wahr seyn daß die Fruchtbarkeit des Bodens viel
zu diesem schönen Baumwuchse beyträgt, allein die Pflege ist doch auch hier
sehr groß und sehr sorglich, gar nicht zu gedenken daß man ganz große
Bäume in Menge wohl an 25 bis 30 vielleicht noch mehr Ästen (gezählt
habe ich sie selbst nie) zugleich veredelte, so halten sie die Baumkronen
besonders im Innern ganz rein, man sieht kein Moos, keinen Wasser-
schoß, keinen alten abgestorbenen keinen falsch, schief gegen das Gesetz
des Baumes gewachsenen Ast
, dieß besonders bey den jüngeren Bäumen
alles von Innen heraus ausgeputzt, daß die äußern und jüngern Zweige
alle von Saft und Gesundheit erglänzen; genug die Zweige nach allen
Seiten und doch in völliger Naturfreyheit ebenmäßig gebogen wie an
den schönsten Kronenleuchtern. Gar mannichmal hätte ich Dir Lange-
thal diesen Anblick diesen erhebenden gewünscht, gar oft schon wollte ich Dir
darüber schreiben; so mag es denn bey dieser Veranlassung hier stehen.
Besonders in den Umgebungen des Sempacher Sees finde ich dieß so sehr schön.
Das Symbolische der hiesigen Gegend, wie [sc.. das] Ihr schon aus Ferdinands An-
sicht von Wartensee, seinen Bergansichten und vor allem dem Panora-
ma des Rigiberges was Euch die Umgebung von Wartensee so klar zeigt
so bestimmt sehen könnt. Der See in Mitte wie die Seele im Herz scheint dem
Ganzen seine Bedeutung zu geben mit den ganz entgegengesetzten
Begrenzungen des Gesichtskreises in Süd und Norden und dem entgegen-
gesetzt Gleichen in Osten und West. Doch wozu hier eine so weitläufige
Ausführung sagen wollte ich nur, daß die Gegend wohl höher erziehen-
den Charakter haben mag, zwar scheint es auf den ersten Blick mehr
noch für den schon heranreifenden und herangereiften Jüngling selbst jungen
Mann wegen der großen befriedigenden Ruhe und in sich Abgeschlossen-
heit bey so weit umfassenden und hauptsächlich viel erfassenden Gesichtskreis; doch fehlt gewiß wegen
der Abwechselung im Kleinen und
Einzelnen der großen Matten (Wiesen) und kleinen Thäler mit seinen
kleinen Bächen, die wenn sie auch so klein sind daß man sie oft nicht sieht doch
wegen ihrem schnellen Lauf unter den Steinen schwätzen hört – auch für jünge-
re Kinder das erziehende Element der erziehende Geist nicht.
Eins nur will ich noch erwähnen: steige ich vom Schlosse verhältniß-
mäßig so hoch in die Höhe als auf die Spitze des Keilhauer Kolm
(Euren Maaßstab für die hiesigen Weitenverhältnisse habe ich Euch oben
an unseren Spatzirgängen gegeben) so hat man eine Aussicht auf einen Theil von Luzern
und auf den Luzerner See und auf Zug, und ich glaube
selbst auf den Zuger See, auf Sempach und den Sempacher See, auf
den kleinen Mauensee und noch kleineren Ettiswyler See, auch sieht man
die Thalformen für den Baldryger [sc.: Baldegger] und den Halswyler [sc. Hallwiler] See (: Am ver-
flossenen Sonntag war unser Nachmittags spatzirgang nach dem ersten
dieser beyden und nach dem Schlosse Heidegg an demselben Abend fuhren
wir während einer ½ Stunde über den Baldegger See :) – Die Berge
deren Form und Verhältniß zur Gegend kennt Ihr, derselben will ich
also gar nicht erwähnen. – Also erziehend im großartigen im Mannes-
sinn und Charakter und dafür sinnbildlich ist vor allem die hiesige Gegend
doch so einfach und mathematisch überschaulich sinnbildlich habe ich bis jetzt
die hiesige Gegend noch nicht so finden können wie Keilhau jetzt vor uns da-
steht und Du Middendorff HE Schnyder angedeutet hast. Doch dieß fand ja
auch erst in dem Maaße das Leben. Anbauen können sich hier auch die Kleineren /
[7R]
und zwar noch näher bey Haus als in Keilhau, gleich dicht am Schloßhügel
und wär wenn Felix gekommen wäre schon ein Plan dazu gemacht. Doch
so verweben läßt sich wegen der ganz anderen Verhältnisse des Lände-
rey Besitzes wo jeder Bauer und Hof alles um sich herliegend als Eigenthum
besitzt - die hiesige Umgebung nicht mit Wartensee als in Keilhau, es
sey denn daß einmal das ganze Gut wieder zum Schlosse kommen könnte;
allein obgleich der Flächenraum, welchen Ihr kennt schon groß genug ist, so
wäre dieß doch für die hiesige Gegend nur soviel als wenn in Keilhau
all unser Land am Kolm hinläge; Ja wegen der besondern Höfe in
welche wie Ihr wißt das Ganze wieder zerfällt so ließe sich wohl im
großartigen Verhältniß eine gegliederte Erziehungsanstalt darauf
ausführen, doch das erschöpfende elementarbildende was Keilhau hat
würde sich schwer in die hiesige Umgebung bringen lassen; daher mein
früherer Gedanke das [sc.: dass] Keilhau und Wartensee nothwendig zusammen
gehören sollte[n], was dort seine Vorbildung erhalten hätte sollte hier
seine Ausbildung mehr, ich möchte sagen für das öffentliche Leben erhalten
das machte mich wünschen, daß der Stamm der Erziehungsanstalt aus
Deutschland und wenigstens ein Knabe oder Anjüngling wie Jean Paul
solche junge Leute wie Felix nennt - aus Keilhau sey.
Ich glaube daß das was ich eben sagte für jetzt klar genug ist.

Dienstag, am 25en Juni. Wenn Ihr meine vorstehenden Andeutungen über den Charak-
ter und Ausdruck über das plastische und mahlerische der hiesigen Wartensee um-
gebenden Gegend mit belebendem Sinn leset, so kann es Euch vielleicht auffal-
lend seyn, wie ich eine solche Gegend mit so freyem Sinne und gleichem Muthe in
jedem Augenblick zu verlassen im Stande bin, ohne das leiseste Gefühl eines Ver-
lustes, einer Entbehrung. Ich habe Euch darüber folgendes zu sagen und werde dann
daran wohl sogleich ein zweytes anknüpfen.
Der Grund davon ist ebensowenig Erschöpfung des Gegenstandes, oder Sättigung
durch Genuß und so Überdruß und Abstumpfung gegen den Eindruck und dessen
geistige Wirksamkeit, wie Euch wohl aus meinem ganzen Leben mit der Natur
u. so auch besonders mit der hiesigen ganz klar seyn kann, sondern es ist dieß
die reine Wirkung der stetigen Geistes- und Gemüthsfortentwickelung. Ja
so eben erinnere ich mich daß Ihr Euch dieses wohl schon aus jüngeren Mit-
theilungen von mir klar deuten könnet; doch soll mich dieß doch nicht ab-
halten Euch zu sagen, was ich Euch zu sagen mir vorgesetzt habe, denn so
ist ja auch dieser Brief die Fortsetzung und die Fortentwicklung früherer
Mittheilungen eines früheren Briefes und so ist es ja auch von dieser Seite recht
schön. - -
Wir reden und sagen so viel daß der Mensch ein Geist sey; ja, wir hören
sogar viel von der Göttlichkeit des menschlichen Geistes reden, singen und
sagen; dennoch sehen wir den Menschen nur in seiner materiellen und Körper-
fessel einhergehen und in seiner Sinnlichkeit gefangen und befangen einher
wandeln und in seiner Endlichkeit eingegrenzet einen Zeiten- und Genuß-
Wechsel durchlaufen, was man Leben nennt. Jetzt nur bey den näch-
sten Naturumgebungen und Gegenden stehen bleibend. Wer ist da der
der Natur und den Gegenden ihren höheren Sinn und Bedeutung giebt, oder
wenn man lieber und wahrer will in ihr und ihnen findet und lieset? –
Ist es nicht, wie wir schon früher erkannten, und auch der eben erwähnte Brief
durchfährt der menschliche Geist, das menschliche Gemüth selbst, die Sonne
des menschlichen Geistes und Gemüthes welches die Natur und Gegend be-
leuchtet, erleuchtet und durchleuchtet? - - - Ist Keilhau nicht für viele
ein Sibirien und mit Recht – und was ist es uns? – Etwas Ähnliches sagt
man hier und ebenso mit Recht, vom westlichen Ufer des Sempacher Sees und /
[8]
namentlich von der Gegend wo Wartensee liegt im Vergleich mit dem östli-
chen Ufer wo Sempach u.s.w. liegt. Lehren uns nicht erst die Steine, die Fest-
gestalten und selbst das Eis – der Gewächse eigenstes innerstes Leben kennen? –
Wer sich also die alles er- be- und durchleuchtende, und so möchte ich sagen
erst wahrhaft belebende Kraft seiner Geistessonne bewahrt, dem kann
die Gegend wo und in welcher er lebt so ziemlich gleichgültig seyn, immer
wird ihm die eine Gegend und Umgebung etwas reichen was ihm eine andere
wenn auch im Vergleich der Mannichfaltigkeit der Entwicklungen viel reiche-
re nicht gereicht haben würde. Einer meiner Knaben las heute in seinem
Lesebuche daß der Mensch unter allen Erdgeschöpfen so leicht in allen Zonen
und Climaten heimisch würde und ich setze noch hinzu – so gar glücklich
in sich wird. Es dünkt mich dieß ein großer Beweis vom und für das Wesen
des menschlichen Geistes. Ja wenn man überhaupt nach dem menschenwür-
digsten Lebensgenuß und Lebensdaseyn und Lebenansicht fragt, wo ist es nur an die schönere oder
reichere Gegend gebunden?
Ein solcher Gleichmuth in Beziehung auf die Gegend in der man wohnt, er-
höhet, kläret und sichert, aber auch der Genuß derselben, d. h. das in sich
Aufnehmen ihres Geistes und Lebens wenn das Gemüthe es zu wecken und zu
beleben versteht, denn nicht die Furcht und das Bangen vor Verlust, nicht
die Hast nach Erfassung desselben stöhrt und trübt die klare, ruhige Auf-
nahme als ein einiges Ganzes. Frische, Friede, Fülle und Freude das sind die
bleibenden Gaben einer solchen Naturansicht und bey allem wahren Gleich-
muth in Beziehung auf den Verlust, so bleibt doch dadurch der Reiz des Gegen-
standes, der Umgebung immer neu und lebendig. Und so dünkt mich und er-
scheint mir der Mensch recht eigentlich in Mitte der Natur, über der
Natur und so sein Verhältniß zur, sein Leben mit der Natur eines
seines Wesens ganz würdiges, ganz entsprechendes.
Nun das Zweyte was sich an diese Betrachtung noch anschließen sollte es
ist dieß in ähnlicher Beziehung das Verhältniß, mein Verhältniß zu den
Menschen, namentlich zu Keilhau als einem menschlichen Kreis.
Aus meinen bisherigen Mittheilungen ist es vielleicht hervorgegangen
und kann Euch hervorgegangen seyn daß bey meiner großen Liebe zu
Keilhau und Freude an Keilhau, ja wohl sogar bey einem augenblicklichen
lebhaften Wunsch zur Rückkehr nach Keilhau – welches ich alles unge-
hemmt und unverkürzt und ungetrübt in mir leben lasse, d. h. zu
und nach dem Kreis dem Kranz der Menschen in Keilhau als Ganzes und
als Einzelne – daß dem ohngeachtet wegen dieser wirklichen Rückkehr
nach Keilhau eine große Ruhe, ein großer Gleichmuth (: so wie überhaupt auf
mein ganzes ferneres Lebensschicksal :) in meiner Seele ruht. Auch hier-
über, d. h. über das erstere bin ich Euch Nachweis und Rechenschaft schul-
dig und will sie Euch hier geben, so gut ich nur immer es kann.
Daß der Mensch ein Geist sey und hervorgegangen aus der Geistigen Ein-
heit, aus der Quelle des Lebens an sich, dieß hören wir oft genug sagen,
selbst wir haben es uns schon in diesem Briefe einmal ausgesprochen;
daß aber sehr viele von den Äußerungen und Erscheinungen an dem Menschen
und in dem Leben des Menschen darin ihren Grund haben ist wohl wenig
erkannt, noch weniger ausgesprochen bey weitem am wenigsten oder fast
gar nicht im Leben nachgewiesen und diese Erkenntniß und Einsicht zum Schlüssel
des Lebens angewandt worden durch welchen sich doch so vieles löset.
Ich hebe hier für den mir hier vorliegenden Zweck nur eines heraus: -
In dem Hervorgegangenseyn des Menschen, des Menschengeistes und Menschlebens
aus der Einheit und der Quelle des Seyns und Lebens an sich, und somit auch in dem
zwar unbewußten aber doch {stetigem /stetem}Ruhen des Menschengeistes und Menschen- /
[8R]
lebens in der Lebenseinheit, ist zuerst und allem zuvor alle geistige
und Lebenseinigung und Eintracht welche wir etwa schon als daseyend und be-
stehen vorfinden dann aber auch – und was der Punkt ist auf dem es hier an-
kommt - alles Streben des Menschen nach Einigung, Eintracht, Einverständ-
niß
Einheit des Lebens begründet. Der Mensch, so bald er wirklich Mensch ist und so
lang er Mensch ist, d. h. die Menschennatur, das Menschen-
wesen in sich walten läßt, kann gar nicht anders er muß nach geistiger
Einheit, nach geistiger Eintracht, nach geistiger Einigung streben, er hört auf Mensch
zu seyn wenn dieses Streben aufhört, welches Streben aber freylich auch oft sogar
als Trennung erscheinen kann. Ja, dieses Streben ist wohl um so heftiger, selbst
gewaltiger als der Mensch sich [nicht] seiner, seines Wesens, dieses Strebens und noch
weniger des letzten Grundes desselben selbst klar bewußt, und er sonach als
Person diesem Streben und Zuge selbst noch leidend hingegeben ist.
Hat nun irgend Jemand dieß in seinem Leben gewaltig, schmerzlich und leidend
empfunden so bin ich es. Hat eines Menschen Leben so wohl an sich als auch sogar
der äußern Erscheinung nach einem einzigen klaren Punkt, von wo aus sich
alle seine LebensSchicksale lösen so ist es gewiß auch das meinige.
(: Den Punkt in der äußern Erscheinung der Mutter frühen Tod habe ich schon oft genannt :)
Der Grundzug meines ganzen Lebens ist Streben nach geistiger,
nach Geistes-, nach Gemüths- und Seelen- nach Lebenseinigung. Wie stehen
nun aber mit einem solchen Streben und zu demselben die jetzt bestehenden
bürgerlichen, geselligen, häuslichen Familienverhältnisseverbindungen, die Verbindungen der
Freundschaft und der Liebe im Verhältniß: der
Mensch bewegt sich überall neben und mit dem Menschen wie Mario-
nette mit Marionette, d.h. Puppe mit Puppe und Maske mit Maske.
Ich habe mich früher und zum öfteren schon wohl gar manchem von Euch selbst
mit diesen Worten darüber ausgesprochen, und leider! hat mich da seit
jener Zeit wieder mehrjährige Erfahrung nicht nur keines andern und
bessern überzeugt, sondern hat mich leider nur immer mehr in meiner Über-
zeugung und Ansicht bestätigt. Was ist um kurz zu seyn von allem diesem
der letzte Grund? – das Körperliche oder vielmehr das Materielle, die Form
die Form der Erscheinung, die Form der Verhältnisse, die feste steinerne und ver-
steinerte Lebensansicht oder was gleich ist die in zu enge Grenzen eingeengte
Lebensansicht, alles dieß Endliche könnte ich vielleicht erschöpfend sagen
tritt wie eine unübersteigliche, undurchdringliche Mauer, besser vielleicht
noch als eine unendliche, endlose Schlucht und Kluft zwischen den Geist und den
Geist, das Gemüth und Gemüth; die Seele und Seele, welche eben darum durch
nichts Endliches ausgefüllt, mit nichts Endlichem übersprungen über-
schritten werden kann. Man befindet sich so unter und in Gemeinsamheit
in geselligem rc. Verhältniß immer in einem Zustand wie dem des Tan-
talus gleich, sobald man zugreift erfaßt man das Leere, oder man
hat wohl gar das Geschick der Psyche öffnet man der Menschen Gemüth
so öffnet man sich eine Pandora büchse.
Der Grund dieser Wirkung des Materiellen, der Form, des Endlichen der
Erscheinung, des Verhältnisses ist wieder: - Einmal verstehen wir selbst
zu wenig den Geist in dem Stoffe, der Form, dem Endlichen, dem Verhältnisse
hervortreten in demselben allen und durch all dasselbe wirken zu lassen
dann aber zweytens verstehen wir von der andern Seite her nicht den
Stoff zu durchdringen, die Form aufzulösen; in dem Veränderlichen das Blei-
bende, in dem Verhältniß die Einigung in der Erscheinung das Seyn und in dem Körper-
lichen das Geistige zu lesen. So wichtig nun das wirkliche gesetzmäßige
und geordnete Studium von allem diesem ist und eigentlich des Menschen
als eines, wie ich oben sagte, in Einigung und Einheit zu leben bestimmten Wesens /
[9]
erstes und Hauptstudium seyn sollte, so ist es den meisten Menschen, wenig-
stens als gemeinsames Studium und Geschäft – was doch eben so unmit-
telbar als nothwendig dabey bedingt ist – eine Thorheit, ja wer weiß was
noch mehr.
Dieß nun täglich immer mehr einsehend so muß auch täglich mein Gleichmuth
in Beziehung auf die Rückkehr zu und meinem persönlichen Verkehr mit dem Men-
schen wachsen, ja dieser Gleichmuth in Beziehung auf unmittelbaren persönlichen Ver-
kehr mit den Menschen und persönliches Zusammenleben mit denselben muß um
so größer seyn als die Menschen und Personen mit welchen ein persönliches Zusammen-
leben möglich oder unmöglich ist, mir lieb sind und ich sie achte; denn wer ver-
bürgt mir und wo ist überhaupt die Bürgschaft dafür zu finden, daß nicht
mein undurchdrungenes und unaufgelöstes persönliches Erscheinen ihnen
nicht statt Einigung und was alles Gutes daraus hervorgeht, Trennung und
was alles darinne bedingt ist, bringen würde.
Ganz vor allem ist dieß nun meine Überzeugung und meine Gesinnung in
Beziehung auf Keilhau und auf den dort in Ruhe und Frieden lebenden Kranz
von Menschen, so wohl in Beziehung aufs Ganze als auf jeden einzelnen.
Anders dagegen ist es mit dem schriftlichen, brieflichen und ich möchte sagen
Kunst[-]Verkehr unter den Menschen: Rein tritt da der Geist dem Geiste,
das Gemüthe dem Gemüthe, das Leben dem Leben entgegen und wie gewal-
tig oder unerwartet es auch auftrete, der Mensch hat Zeit und Ruhe sich
zu sammeln und den Geist zu fassen, ja was ihn als ganze und gleichzeiti-
ge Erscheinung im wirklichen Leben erdrücken, vernichten würde, kann er
sich schon in so kleinen Teilen und in so großen Zwischenräumen als der
Zustand seines Geistes und Gemüthes es fordert, vorführen.
Ganz erfaßt und klar versteht und innig einigt sich nur der Geist dem
Geiste, durch das Gemüthe Zeit und Raum sind hier nichts Trennendes.
Mein Lebensschicksal und meine Lebensbetrachtungen bringen mich immer
mehr zu der Überzeugung und führen mich zu der Lebens- und Gemüthswahrnehmung, daß viel
von den geistigen Verhältnissen und Beziehungen welche wir erst
in ein Jenseits in einen Himmel setzen, schon hier in dem innersten Geistes- und
Gemüthsleben des Menschen, wenn auch noch in leicht verwehbaren Erscheinungen
statt finden. Nun sehe ich nicht ein was mich abhalten sollte hier schon etwas
pflegend ja als Besitz auf- und anzunehmen was mir als ein Ziel, Lohn Preis
oder wie man es nennen will, in einem Jenseitigen gezeigt wird! –
Durchdringung der Erscheinung, Vernichtung der Form, Trennung und so unmittelbares Wirken
des Geistes auf den Geist und Erfassen des Geistes vom Geiste, dieß ist es ja
was wir als erste Eigenschaft eines einstigen jenseitigen Lebens aufstellen;
Warum soll ich mich mindestens der Vorbildung für dasselbe entziehen ja nicht viel
mehr mich ihr willig und freudig hingeben? - -
Das sichere und ungestörte und ungetrübte Ruhen des Geistes in sich aber ist es, was
die Erscheinung durchdringen und die Form und Trennung vernichten machen hilft;
warum soll man sich deßhalb nicht ein Gut bewahren welches zum Besitz noch
bey weitem größerer unmittelbar durch seinen Gebrauch und Anwendung führt.
Die Erscheinungen, die Forderungen des Menschlichen Lebens
sind an sich widerspruchslos.
In dem Menschenleben, dasselbe als ein Ganzes als eine Einheit ange-
schauet und aufgefaßt, kann es an sich gar keinen Widerspruch geben;
der Widerspruch liegt blos in der unrechten Zeit, an dem unrech--
ten Orte in der unrechten Form und in dem falschen Verhältnisse
in welchem die Erscheinung statt findet, die Forderung geschiehet.
Darum nun, weil das Menschen- und Menschheitsleben an sich und als
Ganzes ohne Widerspruch ist, so löset auch ein einfaches Gemüthe
ein Kindesgemüthe möchte ich sagen, leicht des EinzelLebens Widerspruch auf. /
[9R]
In der Einheit, in dem was aus der Einheit hervorgeht liegt kein Widerspruch
und kann nie Widerspruch gefunden werden, sonst wäre der Satz vernichtet
daß es aus der Einheit hervorgegangen sey u.s.w. Der Widerspruch in der
Erscheinung liegt nur in der Auffassung und ganz besonders in der Zusam-
menstellung, also in dem äußerlichen Vergänglichen aber nicht in dem
Inneren, Beständigen.
Die Erscheinungen und Forderungen eines Bauer, eines Herzog, ja eines Schny-
der
und wen Ihr nur sonst noch dazu anreihen möget haben für mich
von ihrem Standpunkte, von ihrer Lebensentwicklungsstufe, und so von ihrer
LebensAn- und Einsicht nichts Widersprechendes, ja ich möchte sagen nichts Un-
wahres; Wären diese Erscheinungen und Forderungen nicht, so möchte ich
wieder sagen wäre mein Leben nicht wahr; wegen der Wahrheit meines
Lebens mußten die Erscheinungen und Forderungen geschehen. Für mich
giebt es darum in mir schon nun seit längeren Zeit im Laufe der fortgeschritte-
nen Lebensbetrachtung keinen Bauer, keinen Herzog, keinen Schnyder
mehr.: - Alles Einzelstehende - (: sey es Meinung, Ansicht, Person oder wie
es sonst Namen haben mag :) - muß vernichtet werden; eben wegen der
Einheit des Geistes und der Kraft, welche ja eben, weil sie Einheit ist {nichts alles
an sich Einzelne und Alleinstehende ausschließet. – Alles Einzelnstehen-
de wird besonders vom Einzelnstehenden aus eben diesem Grunde zu ver-
nichten gestrebt, ebendaher richtet sich auch alle Vernichtung besonders von
Seite der Einzelnstehenden gegen das Strebende, Emporstrebende, Her-
vorstrebende und so Hervorragende, theils um es zu vernichten, theils
um zu sehen ob es allein stehet, darum schlägt der Blitz in hervorra-
gende Gegenstände, Bäume und Eichen; dieß ist das Sinnbildliche des Blitzes
und so noch gar vielartiger Vernichtung in der Natur und im Leben.
Hätte ich darum hätte mein Leben darum allein und vereinzelt dagestan-
den, wie lange lange würde von Friedrich Fröbel keine Spur mehr zu finden
seyn, allein da mein Lebensnerv für solche Schläge etwas zu tiefe und
verborgene ja unbekannte Wurzeln hat, so wachse ich nur als Baum
nach jedem solchen Schlage frischer und tiefer wurzelnd fort, wie die
Natur nach jedem Ungewitter um so frischer und kräftiger nicht nur
erscheint, sondern wächst. –
Was ist nun sonach wohl natürlicher als mich ganz und ungetheilt der Pfle-
ge der Einheit und der Einigung hinzugeben, ihr mein Leben zu widmen und zu
weihen die allen Widerspruch aufhebt, alle Trennung vernichtet und alles Leben
und Bestehen ewig sichert. –
Möge ich in alle diesem so leicht verständlich seyn, als ich es leicht niederge-
schrieben habe; möge es so zur rechten Klärung unser aller und besonders der
Auffassung meines Lebens und Handelns beytragen als ich es klaren Sinnes und
Geistes, als ich es Gemüths- und Lebensklar niederschrieb. (Am 6en Juny 1832.·.).

Am 7en Juny. Laßt mich das vorstehend Gesagte noch in einem Beyspiele, einer Thatsache u An-
schauung durchführen: - So hatte z.B. Barop, Dein Vater ganz Recht da er forderte der
Mensch solle seyn Leben an ein Bestehendes anknüpfen; da aber der Staat ein Stehen-
des
und die bürgerlichen die Lebens Verhältnisse, wie sie sind, ein wechselndes geworden
sind, so muß der Mensch ein Anderes suchen an welches er seyn Leben anknüpfe
oder vielmehr in welchem er sein Leben lebe: es ist dieß das
„Bestehend sich stetig Entwickelnde“
es ist dieß aber nur der Geist, das rein Geistige, das Leben selbst u. an sich;
die Art sich darüber auszusprechen mag so verschieden seyn als sie will[l].
Ob nun gleich die Erreichung der Forderungen, die Erfüllung der Bestimmung des Men-
schenWesens nur einzig von der unverletzten Einigung, Gemeinsamheit und Einklange
mit dem in sich bestehend, sich stetig Entwickelnden abhängt, - abhängt von dem /
[10]
Wirken, Schaffen, Denken, Empfinden, Thun, Leben in unverletzter Einigung und Einstimmung
mit dem Geiste jenes in sich bestehend sich stetig Entwickelnden, wie er sich in Allen
und überall kund giebt – so zeigt uns doch das uns umgebende wirkliche
Menschenleben auf welcher Stufe oder in welcher Form der Entwicklung wir es
auch immer betrachten mögen, uns dieß nicht einmal als ein Gemeinsames, noch
weniger aber als ein bewußt Gemeinsames und so in allen Lebensbeziehungen
Festgehaltenes. - Dieß ist aber einzig und allein der Grenz- und Wendepunkt
der jetzigen Lebens- und Menschheits Entwicklung. Von der Erreichung dieses
Punktes von der Erfüllung seiner Forderungen hängt allein auch die Erreichung
aller jetzigen Bedürfnisse und Forderungen der Menschheit ab. – Diesen Grenz- und
Wendepunkt nun wirklich zu erreichen, seine Forderung klar und fest durchgrei-
fend und durchgehend zu erfüllen, dieß muß das Ziel alles jetzigen Strebens seyn.
Oder anders, vielleicht klarer noch ausgedrückt:
Da dieß Bestehen und die Fortentwicklung des Einzelnen besonders als
ein Mehrfaches und Gemeinsames von dem Leben desselben in einem
In-sich-Bestehend-sich-stetig-entwickelten bedingt ist, die Wirklichkeit außer uns aber ein
solches In-sich-Bestehend-sich-stetig-fortentwickelndes als ein Gemeingut
nicht zeigt und noch weniger als ein für die verschiedenen menschlichen Ent-
wicklungsstufen zugleich sich Bewußtes, so muß nothwendig ein solches
zu erringen jetzt das erste Streben und Bestreben eines Jeden seyn, der
wahrhaft Mensch seyn und menschlich leben will.
Dem Einzelnen wie jeder Gesammtheit bleibt darum nur die Wahl
unter einem Dreyfachen.
1. Sich entweder einem Stehenden, sich also nicht stetig fortentwickeln[den],
gleichsam als Eigenthum hinzugeben und so selbst ein Stehendes, sich stetig
nicht fortentwickelndes zu werden oder
2. Sich einem unbestimmten, nach Weg Ziel und Zweck ungewissen
mindestens unklaren, unbestimmten, nur von einem dunkeln Triebe
höchstens geleiteten Streben hinzugeben oder endlich
3. mit klarem Bewußtseyn und Festigkeit dem nach Weg, Mittel und Zweck
klarem Ziele nachzustreben, die Einigung mit dem in sich bestehend sich ste-
tig entwickelnden; da diese aber schon eigentlich das Unmittelbare Ei-
genthum des Menschen ist, sie nicht sowohl als ein Äußeres und Fremdes
Getrenntes zu er-streben als vielmehr zu pflegen, stärken
anzuwenden u sich so immer vollkommner bewußter im Leben, immer sichere[r]
gewisser, wirksamer zu werden. –
Diese Betrachtungen nun, dünkt mich müssen uns in Beziehung auf unsere
bestehenden gesammthäuslichen Familien- und bürgerlichen Verhältnisse
und die Art ihrer Fortentwicklung und Ausbildung sehr klar machen zu-
mal wenn wir unsere Gesammtverhältnisse nicht nur in ihrem jetzigen
noch engeren Zustande sondern in der Erweiterung, die sie nothwendig
einmal früher oder später fordert – betrachten und ins Auge fassen wol-
len. – Ich habe dabey meiner Stellung nach nichts weiter zu thun, als das Ganze
so klar als ich es selbst sehe, Euerm Ermessen anheim zu geben, d.i.
die Beantwortung der Fragen:
Wie denkt Ihr Euch die häusliche und bürgerliche Fortentwicklung des Ge-
sammtlebens? -
Kann und will das Ganze immer in Keilhau geeint bleiben? -
(Ich denke hier namentlich an die heranwachsenden jungen Männer.)
Kann Wartensee in seinem jetzigen Verhältniß –bey einem prüfenden
Blick in die künftige Entwicklung Keilhaus in Betrachtung genommen, oder soll
der künftigen Entwicklung überhaupt nur mit ruhig besonnenem Blick entgegen
gegangen werden? – Freunde und Brüder! Mir ist jede Eurer Entscheidungen, und die /
[10R]
Entscheidung der Vorsehung durch Euch wie sie auch komme gleich lieb. Ich
glaube nicht daß eine Spur von Trübung, ja ich möchte fast auch sagen von
Freude in meine Seele komme, das Loos mag fallen wie es will, oder anders
vielleicht treffender ausgedrückt, wie das Los falle Freude und Schmerz werden
sich immer in jedem Fall das Gleichgewicht halten also gegenseitig aufheben in
meinem innersten Empfinden. Seid mir darum nicht ungehalten wenn ich
Euch das Ganze in so viel seitiger Gestalt und Gewande zur Betrachtung und
Prüfung vorführe, es ist mir Pflicht; es ist mir Pflicht, daß dadurch we-
nigstens früher oder später die Wege der Vorsehung und die Gesetze ihrer
Führung um so klarer und bestimmter erkannt werden. Von einstmaligen
trüben und unzufriedenen Rückblicken kann bey solcher Klarheit und Offen-
heit in den Mittheilungen – die Entscheidung sey welche sie sey – auch nicht die Rede
seyn; was geschieht, erkenne ich, sobald es geschehen ist, als zu geschehen un-
erläßlich nothwendig in der großen Gesammtheit der Umstände und Forderungen
und dieß giebt mir alles was ich bedarf.
Eines will ich aber nur gleich noch erwähnen. Im Fall daß Wartensee
mit Michaelis von uns als Erziehungsanstalt und Wirkungskreis aufgegeben
wird – wäre es nicht für Wilhelm sehr angemessen wenn er unsern Auf-
enthalt in Wartensee noch während dieses Sommers zu einer Reise nach der
Schweiz benutzte. Ein solcher Standpunkt ist zu einer Reise nach der
Schweiz wo man so sehr vom Wetter abhängig ist gar sehr vortheilhaft
und in kleinen Reisen von Wartensee aus kann er sich ein recht genügendes
Bild von der Schweiz und sonst noch gar manches Bildende mit nach Hause
nehmen. Redet mit Ferdinand darüber, der geht auch mit größter Be-
friedigung durch das was ihm Wartensee gab in Beziehung auf die Schweiz
aus derselben wenn er nur noch ein paar kleine Ausflüge von hier
gemacht haben wird. Auch hier mögen aber auch die allgebietenden Um-
stände entscheiden.

Am Vorabend vor dem lieben Pfingstfeste, Sonnabend, den 9en Juny.
Ich habe vom gestrigen zum heutigen einen überraschenden Besuch gehabt. Rathet
welchen? – Da nun durch denselben manches im Leben aufgeregt worden ist, so will
ich womöglich alles dieß Aufgeregte aus dem Geist und Gemüthe wieder weg-
bringen, d.h. jedem seinen ihm gebührenden Platz anweisen, ehe ich in dem was mir
in meinen begonnenen Mittheilungen noch übrig seyn mögte, fortfahren [sc.. fortfahre]. Viel-
leicht knüpft sich sogar an die Gegenwart meines Gastes manches an. - Der ge-
wiß von Euch eben so wie von mir ruhig und behaglich in Florenz geglaubte Herr
Michaelis
trat eben, da ich mich zur Fortsetzung meines Briefes an Euch von meinen
Schulgedanken nachmittags sammeln wollte, zu mir. Sein russischer Schnauzbart
zeigte gleich daß er aus einer anderen Region kommt; So wie ihm auch sein bräun-
liches Gesicht und die durch die künstlich darüber gebrannten Haare durchschimmernde
Platte auf dem Kopfe ein männliches Ansehen gab. - Und wirklich trat
er ja als eben (bis zum 1en May) während sieben Monaten gewesener
Hofmeister eines russischen Magnaten Sohnes zu mir dessen
Eltern und Geschwister jetzt früherer politischer Schicksale halber in Florenz leben,
so wie der Vater welcher durch jene Catastrophe (Conspiration gegen Alexander,
den russischen Kaiser, ich glaube 1826 (?) ) – drey Söhne verlohren hat nie nach Ruß-
land zurückkehren will. – Den nun noch einzigen Sohn dieses Mannes hat der jetzige
Kaiser, damit er nicht im Auslande liberale Gesinnungen und Grundsätze einsau-
che [sc.: einsauge] nach Rußland zurück berufen, oder weiß ich, will ihn selbst in Dorpat er-
ziehen lassen. Genug, Herrn Michaelis Wirkungskreis ist dadurch unerwartet
wieder abgebrochen und er schifft wieder ganz Mastlos (ohne Schiffs Mast)
auf dem offenen Lebens Meere; willig wie er sich selbst ausdrückt, jedes
Geschäft übernehmend sobald es nur seinen Lebensunterhalt sichere. /
[11]
Jedoch hält er die topographische Darstellung gewisser Theile der Erdober-
fläche z.B. jetzt der Schweiz – wozu er wie er sagte 20 Pläne in sich trägt –
als Hauptlebensberuf immer noch fest. Dieser Zweck hat ihn denn auch jetzt nach
Luzern geführt um entweder in Verbindung mit der Regierung oder einem
Privatmann, einem Buchhändler, eine Karte wenigstens von einem Theile des
Kantons oder auch z.B. die Gotthardsstraße von Luzern bis über den Gotthard auszuführen.
Vorher hatte er mit dem Kanton Tessin über die Ausführung einer
Karte dieses Kantons seit 14 Tagen unterhandelt welche Unterhandlungen da der
Kanton kein Geld dazu habe sich aber wieder zerschlagen haben. Aus eben
diesem Grunde hätte sich auch im vorigen Jahre das gemeinsame Unterneh-
men mit Cotta zerschlagen, weil, mit Michaelis Worten: Cotta das dazu nö-
thige Kapital von 20.000 fl.[sc.:Gulden] nicht disponibel hatte. Von dem was Micha-
elis thun will, wenn seine Pläne in Luzern keinen festen Ankergrund finden
weiß er noch gar nichts. Ich mußte dieß doch voraus schicken damit Ihr doch
einigermaßen unsern gegenseitigen Standpunkt erkennen möget. Von meinem
Hierseyn ist er durch Julius benachrichtigt worden; so wie er ziemlich unumwunden
aussprach, daß er mit in der Absicht heraus gekommen war – (: gestern früh ist er erst
in Luzern angekommen :) – zu sehen ob er vielleicht während der Dauer seines Aufent-
haltes in Luzern hier in Wartensee würde wohnen können. – Ich sagte ihm daß es mir
jetzt nicht möglich wäre mich darüber entscheidend auszusprechen weil ich nicht
allein über das Lokale jetzt verfügen könne, weil eine Verwandte des HE. Schnyder Fräulein Salesie [v.Hertenstein], in einiger Zeit während einiger Zeit hier wohnen würde. Er selbst
möchte auch erst noch die Entwicklung seiner Verhältnisse abwarten, wie wir ja dann
noch darüber sprechen könnten. – So wie alles dieß hier zuerst stehet, so war es auch das
erste unserer gegenseitigen Mittheilung. „Nun bin ich fertig, sagte er, nun erzählen sie [sc.. Sie] mir
auch von sich und ihren [sc.. Ihren] Unternehmungen.“ Ich hatte im Ganzen wenig Lust zu Mittheilungen
und sagte so auch daß ich ihm wenig zu sagen habe. Ich theilte ihm kürzlich [sc.. in Kürze] die Ge-
schichte des Entstehens einer Wartenseer Anstalt mit, gab ihm dann die beyden
Authorisirenden Dokumente vom Kleinen und dem Erziehungsrathe in Luzern zu lesen;
und sprach ihm aus daß besonders die von Seite des Erziehungsrathes uns ausge-
sprochene Überzeugung: von dem günstigen Einfluß der hiesigen Erziehungsanstalt
auf das Erziehungswesen des Kantons wohl überhaupt als die Meinung der Meisten
im eigentlichen Volke gelten könne. Auch meine gedruckte Anzeige von Eröffnung der
Anstalt theilte ich ihm mit. - Wir kamen nun wieder auf Keilhau: ich
sagte ihm wie das Leben dort ein so freudig und friedig in sich gesichertes sey;
wie es die Stufe seiner innern kämpfenden pp. Entwicklung überwunden habe,
wie auch gleich Wartensee mit Kampf habe beginnen müssen, wie aber dieß
mehr förderlich als nachtheilig gewirkt habe. Ich erzählte nun von Herzogs
Treiben gegen die hiesige Unternehmung in kurzen Andeutungen und von den Wir-
kungen desselben namentlich hob ich die klaren und ganz bestimmten Ur-
theile heraus, welche sich nun dadurch besonders über Keilhau gebildet
und im Publikum verbreitet hätten. Ich las ihm nun zuerst das Ur-
theil von dem H. Dr. Martin in Jena vor und dann das von der fürstl[ichen]
Regierung in Rudolstadt. Über ersteres sagte er nur ganz bestimmt daß
es nach deutscher Sitte viel zu weitschweifig sey und nicht schlagend
genug, die mich nicht persönlich kennten, läsen es gar nicht; er selbst nähme
er nicht so starken persönlichen Antheil, würde es ungelesen aus der Hand
legen. „Es habe es auch ein Jurist geschrieben“, fügte Ferdinand hinzu. – Nun
las ich ihm das Zeugniß von der Regierung. Dieß schien ihm aber zu genügen
denn er fragte mich so gleich ob diese Zeugnisse nicht gedruckt worden seyen:
ich sagte ja und sagte wo und wie; denn ich hatte ihm die Zeugnisse
von Abschriften vorgelesen, mit Bedacht, weil ich erst sehen wollte
wie weit sich die Mitheilungen entwickeln würden. Doch theilte ich ihm im
Fortgang des Gespräches auch ein Exemplar meiner gedruckten Erklärungen gegen den
Appenz. Aufsatz [mit]. /
[11R]
Dieß mögen so ziemlich die Gespräche bis zur Tischzeit gewesen seyn. Während und
nach dem Nachtessen wurde wieder von seinen Verhältnissen und Plänen gesprochen,
So ging es ruhig zu Bett.
Heut fanden wir uns so ziemlich früh wieder zusammen. – Fast sein erstes Wort
am Morgen war, er habe schon meine ihm gestern mitgetheilten Drucksachen gelesen
aber er müsse gestehen, es habe ihm weder die Anzeige noch meine Erklärung genügt.
Von der Anzeige hob er als einen wesentlichen Anstoß heraus, daß sie das Religiöse
und die Religion erwähne; wer mich nicht kenne, lege es aus der Hand wie vieles andere
und sagte höchstens: - es ist ein Schwärmer! – wer mir vielleicht übel wolle sagte, er
will eine neue Sekte stiften! (: Im Fortgang des Gespräches sahe ich daß eigentlich
in seinem Geiste angeregte Ideen dieser Art thätig sein müssen: er erwähnte sehr
bestimmt des Simonismus in Paris und Frankreich, fragte mich, ob ich ihn kenne, sagte
mir wie sehr vieles Ungereimte darinn mit Gutem sich zusammen fände pp. Ich er-
klärte ihm wie ich vom Simonismus zwar etwas aber sehr wenig kenne und wie
ich weit entfernt sey Sektengeist zu verbreiten und Sekten zu stiften pp. :) Er sagte
im obigen Zusammenhang weiter ich lebe zu einsiedlerisch u.s.w. er selbst sey zu
einsiedlerisch dieß mache ihn linkisch, man müsse in die Welt u s.w. wie die alte
oft abgesungene Lytaney heißt. – Ich erwiderte blos: - ich könne wohl ziemlich zu
zwanzig und mehr zusammenbringen, die alle so sprächen und dächten wie er, die
alle also das Beste zu wollen als Absicht aussprechen, die alle mit dem stehenden
nicht zufrieden seyen, die alle allein daständen: warum denn nur diese die über
mich und über das Leben so klar wären nicht zusammenträten und gemeinsam dieses
so klar Erkannte ausführten; ich sähe aber sie stünden alle allein und es brächte
keiner nichts zu Stande ob wohl gleich schon 10 Jahr in solchem Reden verflossen
seyen und ich meine auch es würden noch 10 auch wohl 20 Jahr verfließen
und sie würden es doch zu nichts bringen; ja ich sprach ihm dieß letztere auch
bestimmt in Beziehung auf ihn selbst aus, und er mußte mir stillschweigend, ja
ich glaube sogar mit den Worten: [„]Sie können Recht haben“ - beystimmen; in Beziehung
auf das Gemeinsame Zusammentreten zu gemeinsamem Werke sagte er
blos: - „an mir liegt es nicht, ich habe genug die Hand geboten.“
An meiner Erklärung tadelte er wunderbarlich, daß sie das Gelesenhaben des
Aufsatzes in der App: Ztg. voraussetze, daß sie zu weitläuftig darauf eingehe, in-
dem er vermuthe daß der Aufsatz in einer Sprache geschrieben sey der sich durch
diese Sprache widerlege daß es darum eigentlich für die mich kannten gar keiner Er-
klärung bedurft hätte und für die anderen besonders im Denken wenig geübten sey
der Aufsatz wieder nicht bequem genug geschrieben, so habe ich die Abkürzung
e.W. (einige Worte) gebraucht. Er habe die ganze erste Seite gelesen und nicht
gewußt was ich damit sagen wolle, so habe ich den Ausdruck: aus- und
durchführen
gebraucht. Eines sey genug pp. – (Mir ist dieses ecklige Gewäsch auch
genug wo die Menschen Anspruch auf die Benennung denkende Wesen machen
und doch den steinigen, spießen, viertheilen, hängen, köpfen oder doch mindestens
bey lebendigem Leibe schinden, d.h. die Haut über Ohren ziehen der ihnen nur
leise zu muthet daß sie ein Wenig denken sollen :) – Ich sagte darauf blos
andere dächten nun über das Ganze so besonders auch über meine Erklärung
ganz anders und wären sehr damit zufrieden.
Unser Gespräch wurde von seiner Seite mit vielem Gutmeinen und von meiner
Seite mit lächelnden Muthe geführt denn seine Äußerungen zeigten mir ja immer
mehr die Leerheit und Nichtigkeit der stehenden Lebensverhältnisse. Er selbst hatte mir
aussprechen müssen daß die letzten 7 Monate seines Lebens fast ganz verlohren
wenigstens leer u nichtig, ohne That und ohne Gewinn für die eigentlichen Menschen – die tiefere
Einsicht in die Zerbrochenheit und geistige Armut der häuslichen und menschlichen Ver-
hältnisse namentlich in den höheren Ständen abgerechnet – verflossen sey; – ich knüpfte
daran – die Stelle weiß ich nicht mehr, wo – die Bemerkung an: - daß wenn die Men- /
[12]
schen die früher in Keilhau gelebt hätten, es dort nicht hätten aushalten können
und es nun doch nach so vielen und wohl 10 Jahre auch zu nichts hätten bringen
oder nichts hätten erreichen können, diese Summe von Jahren nun in Keil-
hau ausgehalten hätten, so würden sie jetzt wenigstens auf einem Punkte oder
in einem Verhältnisse stehen von wo aus sich ihre Lebenspläne verwirklichen
ließen dieß sprach ich ganz bestimmt HErrn Michaelis in Beziehung auf seine
Unternehmungen aus und er konnte mir nicht Unrecht geben ob ich gleich einige[-]
mal auf diesen Gegenstand zurück kam, weil ich immer meinte ich habe es ihm
doch wohl noch nicht bestimmt genug gesagt, denn es war mir wirklich mit dem
Gespräche nicht so rechter Ernst und ich konnte nicht recht warm werden.
Bisher war Ferdinand größtentheils Zeuge der Gespräche. Jetzt aber kam die
Stunde zum Beginn des Unterrichtes; wir hatten noch nicht gefrühstückt und
so ließ ich den Kaffee auf mein liebliches Thurmzimmerchen ersten Stockes bringen.
Hier machte sich nun das Gespräch gemeinsam auf grünem Soffa sitzend, den
warmen Kaffee auf grünteppichenem Tische vor sich und durch die 4 Fenster
des halben Achteckes die Aussicht auf die frischen grünen Matten und in die
warmen grünen Waldungen vor sich, schon auch frischer wärmer und grüner.
Ich hob hier zuerst wieder seinen Anstand wegen der Religion hervor sagend:
wenn auch so die Menschen vielleicht in der Anzeige oder sonst davon hören wollten
so war [sc.. wäre] es doch am Ende der letzte Beziehungs- und Haltungspunkt aller auch der zer-
brochensten Verhältnisse, denn alle solche Familien und Verhältnisse wünschten
doch am Ende daß ihre Kinder sittlich charakterfest würden und was es denn
eigentlich sey was Keilhau ein so entscheidendes Urtheil im Publikum für
sich gegeben haben [sc.: habe] als neben der physischen Gesundheit auch die psychische,
die sittliche Charakterfestigkeit (welche doch nur in Religion und Religio-
sität ihren wahren sichern Grund hat). Ich wies HErrn Michaelis auf das
fürstl[iche] Regierungszeugniß hin wo dieß ja sogar zweymal herausgehoben
würde – (vielleicht hat mir aber noch mehr wie ich eben bemerke das Zeugniß
von Dr. Martin vorgeschwebt. Die Sache ist ja eins :). - Genug, dieß schien ihm
einzuleuchten. –
[Randnotiz*-*, Zuordnung unklar] [*] auch sagte ich daß mit meinen früheren größeren Plänen um die
Lehrmittel zu verbreiten nothwendig ein <Kunstunternehmen> [sc.. Verlag] verknüpft gewesen sey.-
Er erwähnte nun sogleich, in welcher Anknüpfung weiß ich nicht mehr, des
Julius. Ich sagte wir wären hier zusammen um ein ruhiges freundliches Wech-
selgespräch zu führen und so wollten wir diesen Gegenstand auf sich beruhen lassen
ich möchte nicht gern erregt werden, was sonst wohl geschehen könne. Er Herr
Michaelis konnte es aber gar nicht lassen, darauf zurück zu kommen, und so mußte
ich denn schon nachgeben. Er sagte mir wie er Michaelis ihn, den Julius aufgefor-
dert habe nach Keilhau zu gehen, wie er [Michaelis] in dieser Beziehung vielleicht zu unklug
sogar an Julius Mutter, deren Gesinnungen am meisten störend eingewirkt hatten,
geschrieben habe. Später habe ihm Julius – (und dieß dünkt mich eigentl[ich] das
Wichtigste) – geschrieben, wie er jetzt einsähe daß er gefehlt und ich glau-
be auch wo er gefehlt habe. Ich nahm dieß auf und sagte das sey auch
ganz leicht und vom kleinsten Kinde einzusehen, daß man den der uns
aus dem Wasser zöge und vor dem Untergang sichere nicht mit Füßen träte
.
Ich erzählte ihm nun kurz wie es mit Jul. in Rudolstadt als ich nach Grießheim
gekommen gestanden habe; wie ich gebeten wurde ihn in meinen Kreis aufzunehmen
und wie, da ich nicht gewollt, mir gesagt worden sey von der Mutter: -
„Nun so gebe ich ihnen [sc.: Ihnen] denselben auf ihre [sc.: Ihre] Seele“ – „Davon weiß ich alles
nichts!!!
“, sagte Herr Michaelis. „Ja darinn liegt es eben“ sagte ich. Ich mußte
schweigen wenn es mir nicht wie dem Petrus gehen und ich mit dem Schwerd
drein schlagen sollte unwillkührlich zuckt mir noch jetzt die Hand darnach
und der gutmüthige Michaelis that mir doch leid. Ich sagte blos: alles was
geschehen wäre, hätte geschehen können bis zu Jul. Reise nach Berlin, nur nicht
in Opposition in Entgegnung mit Keilhau, sondern in Einstimmung so wäre jetzt auch /
[12R]
Alles in gesunder lebendiger Fortentwicklung. Dieß schien nun doch Herrn Mich:
in keiner so unverständlichen Gespräche [sc.. Sprache] geredet zu seyn, denn irre ich nicht sehr,
so mußte er mir sogar durch ein beystimmendes Wort Recht geben.
Wir kamen nun sogleich auf Herzog weil ich gern jenes Gespräch abbrechen
wollte, wie weiß ich auch nicht wörtlich nach zu weisen. Genug Herr Mich.
sagte mir Julius habe ihm viel von Herzog erzählt, vielleicht auch geschrieben
doch kannte er [M.] Herzogs Kriegszug gegen mich nicht. Ich deutete ihm kurz
an wie Herzogs jetziges Stehen wohl durch gekränkte und beleidigte Selbst-
sucht u.s.w. u.s.w. herbey geführt worden sey. Wie sich diese schon bey der
Helbaer Unternehmung zu rächen gesucht habe u.s.w. u.s.w., wo dieß
war ihm [M.] alles aus seinem eigenen Leben sehr einsichtig, ja er sachte [sc.. sagte] mir,
wie er durch dieß meine Lebenserfahrung den Schlüssel zu einem eigenen
Lebens begegniß fände, wovon er erst gestern zu uns gesagt habe, daß
er es sich nicht erklären könnte u.s.w.
Da sich nun das Gespräch und die Lebensmittheilungen von meiner Seite so
weit entwickelt hatten so sagte ich, so wolle ich ihm hier nun auch gedruckt
geben was ich ihm gestern nur von einer Abschrift vorgelesen habe, er wer-
de zwar dabey zugleich noch etwas finden das werde noch etwas weitläuftiger seyn
als das Zeugniß von Dr. Martin, ich meinte Eure Erklärung über mich - er möchte
sich aber doch überwinden es zu lesen denn es werde ihm Keilhau[s] jetziges tief
in sich gegründetes freudiges und sicheres Auf sich selbst ruhen zeigen, den innern
Einklang, das Einverständniß u.s.w.
Knüpfte er es nun unmittelbar an diese meine Äußerung an oder sprach
er es etwas später bey anderer Veranlassung aus genug er sagte: - er
sähe wohl mein Leben und meine Verhältnisse ständen besser als er sich
gedacht habe
. Ich glaube dieser Ausspruch knüpfte sich an meine Äußerung,
daß mir in Beziehung auf meine Gesammtverhältnisse, wo sich so vieles
geklärt, so vieles so bestimmt ausgesprochen habe, und ganz namentlich
in Beziehung auf meine hiesigen Verhältnisse Herzogs tödlicher An-
griff auf mich [mir] mehr genutzt als geschadet habe, wie denn überhaupt
die hiesige Volksstimme überwiegend für mich sey, wie sich ein tief ge-
gründetes Urtheil für Keilhau dadurch in den Zeugnissen und der öffent-
lichen Theilnahme ausgesprochen habe. Darauf nun erwiderte er
mir das oben Ausgesprochene. Was er jedoch noch mehr damit sagen
will als die planen Worte sagen – wie es fast den Anschein hat; weiß
ich nicht. Ich sagte nur noch: Ich habe erreicht was ich wolle – wenn es
auch Niemand sieht und weiß, wo und wie – Keilhau werde sich auch
wenigstens durch ein Menschenalter hindurch – meines nun nicht mehr ge-
rechnet – gesund fortentwickeln, da sey zwar nur ein Senfkörnchen ob
es gleich hätte ein Eichkorn sein können. Wir sprachen nun noch
von dem Verhältniß der hiesigen Anstalt zu den verschiedenen Partheyungen
in der Schweiz und im Canton und so schieden wir in Frieden; er mit
der oft wiederholten Erklärung seiner herzlichen Theilnahme an dem Ganzen
ja der bestimmten Erwartung daß er als ein Fremder Gelegenheit haben
werde, vortheilhaft für das Unternehmen zu wirken, wozu er keine
Gelegenheit vorbey lassen werde, wie er denn immer bisher – wenn er auch
hier offen seine entgegnende Meinung ausgesprochen habe – doch im Ge-
spräche mit andern noch jederzeit meine Parthey genommen habe.
– Er sagte noch daß er die Entwicklung seiner Verhältnisse wohl in Luzern
abwarten werde, und wir versprachen uns in dieser Zeit oft – wenn
es angehe – gegenseitig zu besuchen. – Ich habe dieß so weitläufig erwähnt,
damit Ihr auch von dieser Seite sehet, worinn denn alle bisherige Oppositio-
nen gegen mich gegründet sind und daß es scheint, jeder Saulus möchte ein Paulus werden. /

[13]
Am hohen Pfingstfest. Sonntag am 10en Juny Nachmittag. Diesen Vormittag habe
ich zwischen blühenden duftigen Rosen das schöne Pfingstfest gefeyert. – Ihr
werdet es gewiß auf eine nicht minder allgemein und ein jedes Einzelnes
von Euch insbesondere auf befriedigende Weise gefeyert haben und noch feyern.
Freuen werde ich mich wenn auch einmal durch irgend Jemand von Euch ein
Blick, ein Strahl - ein Wort von Eurer heutigen Freude, die ich im Gedanken
herzinnig theile, zu mir gelange.
Ehe ich nun in meinen begonnenen Mittheilungen an Euch fortfahre, will ich doch
aussprechen daß ich gestern mit großer Bestimmtheit einen Brief von Euch er-
wartet habe, da ich vermuthe, daß Ihr meinen jüngsten Brief an Euch abgegeben
am 19en d. vor. M., am 26en erhalten haben müsset. Die Aufschrift war: A.d.E.A.
Wo soll ich nun aber anfangen, für mich das Ergebniß aus dem jüngsten Besuche zu ziehen?
Immer und immer wiederkehrend nennt man mich einen Schwärmer und stellt
mich der Welt und die Welt mir gegenüber. Also macht man zwischen mir und der
Welt eine Grenze eine Verschiedenheit; nun ist aber von einem Vor- und einem Nach-
gehen die Rede; ich soll der Welt nachgehen, folgen; darum muß nun doch wohl die
Welt in ihren Augen Recht und ich Unrecht haben. Nun soll aber ich der Welt
nachgehen, damit ich zu meinem Ziele gelange also muß doch umgekehrt ich Recht
und die Welt Unrecht haben, wenn ich nach ihrem eigenen Wunsche zum Ziele
gelangen soll; dieß soll nun nach ihrer Forderung dadurch geschehen daß das Rechte
dem Unrechten folge, daß das Rechte sich dem Unrechten füge und warum? - Was
geht daraus hervor? – 1. Haben sie den Kampf mit der Welt auch einmal be-
gonnen, sind ihm nicht gewachsen gewesen, sind stecken geblieben nun ist Furcht, Angst,
Schreck ihnen in die Glieder gefahren und nichts sucht sich lieber mitzutheilen und
Genossen (: Gespannen, sagen die Schweizer :) – zu verschaffen als eben Furcht, Angst, Schreck.
2. Haben sie nun dadurch täglich wahrgenommen und nehmen noch wahr, daß sie so
weder einen Haltungspunkt in sich noch außer sich haben; einen Haltungspunkt
aber muß schlechterdings jedes Ding und Wesen haben wenn es ein Daseyen-
des seyn und bleiben will; also suchen sie ihn immer wiederkehrend in mir da
ich doch mit der Welt, mit der sie nichts ausrichten können im Kampfe bin. Nun
aber möchten sie 3. von der Welt, über welche sie doch eigentlich nicht klar sind was sie
ist, auch ihr Theil haben, oder fürchten sich mit in den Kampf mit der Welt
gezogen zu werden; darum 4. wünschen und möchten sie lieber daß ich mit der
Welt eine Art von Bündniß oder Waffenstillstand oder Mischmasch machte
damit sie doch so ihren Theil welchen sie wünschen, sich in Frieden aneignen können
anstatt daß sie doch mich in meinem Kampfe – in dem doch der Sieg nach ihrem that-
sächlichen Betragen und Äußerungen für sie mit ist – unterstützen d.h. das Recht
und Rechte zu Tage zu fördern, sich mit angelegen seyn lassen, dafür mit auf
den Plan und ins Feld treten sollten. Endlich 5 vergessen sie in ihrem Eifer, wie
sie sagen für die gute Sache, d.h. im Eifer für ihren Magen, ihren Beutel ihre Ehre
in Summa im Eifer für ihr liebes Ich: - daß man Unrecht bekommt und selbst Unrecht
d.i. schlecht wird indem man nur den Schein des Unrechten annimmt indem man
nur mit Unrechtem und dem Unrecht eine Art gemeinsame Sache macht. Da-
raus folgt nun zuletzt 6tens sie haben sich weder mit einem richtig leitenden
Gemüthe, Innern, Gefühl – noch weniger mit klarer Kenntniß ihres Gegen-
standes in das Gefühl, in den Kampf gewagt, denn der erste Grundsatz im Kampfe
mit dem Schlechten ist der: das Schlechte seinem eigenen in sich tragenden
Gifte und Tode zu überlassen, das Gute und Rechte aber mit größter Mög-
lichkeit und Kraft zu pflegen und zu fördern
.
Dieses letzte Ergebniß aller Kämpfe, dieser letzte Anspruch aller ächten Kämpfer
für Wahrheit und wie des Menschen höchste Güter heißen, war aber von dem
allerersten und leisesten Beginnen meines Erziehungsunternehmens durch
eine tiefe Gemüthswahrnehmung, Gemüthsforderung bleibend das Leitende für mich. /
[13R]
Worinne nun aber hierinn von meiner Seite – wenn ich es auch nicht immer so
klar für mich, in mir und für andere aussprach – das Unklare oder Schwär-
merische in Beziehung auf mich liegt weiß ich nicht indem ich meiner überzeugenden Wahrnehmung
nach mit mir und denen anfing die ich als die Meinen achtete; auch das
was auch nicht Wortklar doch Sach[-] und Thatklar genug war. Wenn nun
freylich mich jemand deßhalb einen Schwärmer nennt, daß ich die am Schluß
umstehender Seite ausgesprochene Forderung auch gerade zu auch an Men-
schen machte eben aus keinem andern Grunde und Rechte als eben weil
es Menschen seyen, so haben die Menschen ganz recht. Ich habe auch für diese
Schwärmerey, ob ich gleich auf das treueste gekämpft habe davon los zu kom-
men – auf das hinlänglichste und eindringlichste gebüset; glaube auch nun
von dieser Schwärmerey frey zu seyn, hoffe auch, in diesem Briefe noch einen sehr
klaren und unzweydeutigen Beweis davon zu geben. Nur weiß ich noch nicht
wer bey und mit diesem Namen verliehrt die welche geteuscht haben oder der
welcher geteuscht worden ist, zumal da ich - wie von Person zu Person, von Ver-
hältniß zu Verhältniß nachweislich ist – ich meine Forderung an keinen Menschen
an kein Verhältniß gemacht habe als die durch Wort oder That zu gleicher
Überzeugung gleichem Streben bekannten.
So finde ich also in dem Besuche des Herrn Michaelis wieder eine Bestätigung
meiner Überzeugung: - die Vorsehung will mich – (: so wie einen jeden Menschen
der dafür still achtsamen Sinnes und Gemüthes ist :) - recht klar über das
Leben recht einsichtig in das Leben und seine Verhältnisse bring machen;
darum müssen mir Menschen, welche sich vor einem Jahrzehend im Gegen-
satz von mit mir, von mir trennten mir die Nichtigkeit ihrer 10jährigen
Lebenserfahrungen aus dem schönen Italien über den großen Sankt Bernhard her-
überbringen und dieß eben in dem wichtigsten und entscheidendsten
Lebensaugenblick für mich, und nicht allein die Erfahrung eines einzigen,
sondern auch die eines zweyten Julius welcher sich freute vom Unrecht sich ins Rechte
versetzt zu haben. Die Ergebnisse vieljähriger Verhandlungen
werden mir mit zwey Worten, höchstens in einer Erscheinung ausge-
sprochen. Außerdem sehe ich noch täglich und stündlich fast ohne alle Ein-
wirkung sich das Leben eines jungen Mannes welcher mein erster und
mehrjähriger theils ganzer, theils halber Zögling und Schüler war, nach-
dem er inzwischen auch schon Jahre selbstständig und selbstthätig in der
Welt gelebt hat - sich vor mir entwickeln und ausbilden, ich selbst wieder
in stöhrungsloser Beobachtung. Gewiß sehr seltene günstige Fügungen wofür
man nicht dankbar genug seyn kann, und ich bin auf das innigste dankbar
will aber auch auf das höchste und bleibendst redendste dankbar seyn durch
förder treueste, hingebendste Nachbelebung nach dem GesammtErgebniß dieser
Lebenserscheinungen, dieser Lebenserfahrungen.
Was ist denn nun aber für mich und in mir das letzte und GesammtErgeb-
niß von diesem allen? – es ist so einfach als wahr dieses:
Ich muß immer klarer und bestimmter einsehen daß meine Gemüthsforde-
rungen und durch diese meine Geistes- und Lebensforderungen sogar da
Recht hatten, wo ich bisher wohl manchmal meinte ich habe doch wohl geirrt
oder sey zu weit gegangen, weil der Wasserfall der Menschenmeinung mir
dieß zu ununterbrochen vor den Ohren vorbey und fest ins Gemüthe rauschte.
Ich muß darum mein Leben so einfach als wahr und klar erkennen und
diese Erkenntniß ist wohl eine der schönsten Lebensfrüchte, eines der glücklichsten
vielleicht das glücklichste Lebensloos. Will man nun meine übrigen äußeren Be-
gegnisse Unglück nennen, so möchte ich mit Themistokles sagen: „Kinder! Wäre ich
nicht unglücklich gewesen, so würde ich unglücklich seyn.“ – (: Ich schaue nemlich
jetzt auch unter andern viel in die Spiegel (Biographien) des Plutarch: Lykurg, Numa, Solon pp. pp. :) /
[14]
(: So eben habe ich von der (obersten) Durchsicht unseres kleinen Thürmchens aus, wie
schon einige mal während der jetzigen Jahreszeit die klare Sonne hinter die dunkeln
fernen Berge hinabsinken sehen und während ihres Sinkens und mit ihren letzten
goldenen Strahlen Euch alle und alle vielmal begrüßet; wo werden Euch
meine Grüße getroffen, von wo aus werdet Ihr sie erwidert haben? - :)
Während der Anwesenheit des Herrn Michaelis und bey und nach seinen Mit-
theilungen ist mir oft das Resultat Deines jüngsten Besuches in Rudolstadt
entgegen getreten, wie wahr hast Du Middendorff auch in dieser Bezieh-
ung und Anwendung wieder, wenn Du sagst: - „ so brachte ich aus dieser
Anschauung der wirklichen Lebensverhältnisse der Menchen in mir das
Resultat mit: sie sind so verstrickt in ihre verwirrenden Verhält-
nisse, daß zu einer freyen Aufnahme eines reinen Lebens, sie nicht
Auge nicht Sinn (: ich möchte hinzusetzen: nicht meinen, Zeit zu :) haben, noch
weniger Kraft den Lebensgedanken zu ihrer eigenen Rettung
zu ergreifen oder gar zu seiner Verbreitung mit {allgemeinem
eingehenden} Sinne zu wirken.“ Haltet darum Eure von Euch und in
Eurem Kreise erkannten Wahrheiten für Euch und für Euren Kreis fest,
klärt sie, verallgemeinert sie, erhebt sie zu einem Gemeingut und ganz
vor allem wendet sie unmittelbar so wie Ihr sie nur erkannt habt und
Gelegenheit dazu findet an, führt sie im Leben durch, denn wer soll es thun
wenn ihr [sc.: Ihr] es selbst nicht thut, die ihr [Ihr] die Wahrheit zuerst in ihrer Gewichtig-
keit, Wärme und Wirksamkeit empfunden habt. Du Middendorff hast
mir selbst schon gar manchmal sogar schriftlich ausgesprochen: „nicht von
andern zu erwarten was wir selbst nicht zu leisten nicht zu erreichen im
Stande sind.“ Sind Eure erkannten Wahrheiten Lebenswahrheiten, sind
sie das Leben tragend, entwickelnd, klärend, dann stehet und wenn das
Schicksal – (: was ist wohl Schicksal? :) – selbst Berge auf Euch wälzte
wie die Säulen des Herkules und wie die Bäume in den unterirdischen
Wäldern. Ihr wißt noch nicht was davon abhängt. -
Klein ist gegen das was ich in Beziehung auf das ganze Leben meine, die
[folgende] Thatsache doch gehört sie auch hieher: - Wie haben sie nicht alle über meine
Unbeugsamkeit geschrien und schreyen wohl noch und noch lange darüber:
und am Ende bin doch ich – und wenn auch nicht meine Person, doch die
durch mich hervorgerufenen Lebenskreise und Lebensweisen – ihre
Hoffnung. Was ist mir nicht während der Zeit meiner Abwesenheit darü-
ber ausgesprochen worden. – Sie freuen sich wenigstens des Daseyns
und der Nähe solcher Leben, wie sich jene französische Buhlerin der
Nähe unschuldiger Kinder bey Gewittern freuete, um gleichsam da-
durch vor dem rächenden Himmel beschützt zu seyn. Und sagt selbst fragt Euch doch selbst
was wäre aus mir und uns allen geworden hätte
ich mich gebend gefolgt <?> –
Was ist nun aus allem diesen wieder für mich und in Beziehung auf
mein Gesammtleben das letzte und Endergebniß? - – Dasselbe wieder
was ich schon durch einige der letzteren Briefe hindurch aussprach,
welchem ich jetzt nur einen anderen angemesseneren Ausdruck und eine
größere Ausdehnung geben werde, indem ich in dem wie ich es jetzt
zu sagen habe mit noch mehr Klarheit und Überblick von dem Ge-
genstand
ausgehen werde, wie ich in den jüngsten Briefen mehr
von mir ausgieng, welches letztere immer, obgleich die Sache ganz dieselbe
und in ihren Forderungen ebenso allgemein begründet ist – wenigstens
in ihrem Ausdrucke vielleicht etwas Unangenehmes hat. Möge dieses
Unangenehme, wenn es bey den jüngsten Mittheilungen, weil sie von persön-
lichen Wahrnehmungen ausgingen, nun schwinden, da diese Mittheilungen und
Forderungen und Aussprüche von dem Allgemeinen ausgehen. - /
[14R]
Es mögen nun wohl fast [Lücke] Jahre her seyn, als ich einmal an einem
Morgen nach einer ganz allgemeinen Mittheilung die ich glaube auch schon am
Abend vorher einmal stattgefunden hatte – die besondere Veranlassung
weiß ich nicht mehr, nur weiß ich daß es morgens, daß es in der großen
Hausstube und daß Ferdinand dabey gegenwärtig war – daß [sc.:das] eigent-
liche Erzieher- und Zöglingsverhältniß oder für den engeren Kreis gleich-
sam die Erziehungsanstalt aufhob, die jüngeren Glieder besonders nicht nur als
zu Selbsterziehern erhob sondern auch als solche anerkannte, so ohngefähr
muß es gewesen seyn ob ich mir gleich das Einzelne nicht mehr erinnere; genug
ich hob eine Form die, wenn sie auch nur noch dem Schein nach da war, doch
die innere freye Entwicklung des Einzelnen und des Ganzen zu hemmen schien
auf. Irre ich nicht sehr so trat ich aus dem Kreise als bestimmter Erzieher aus und ab.
Ihr werdet Euch des Einzelnen (es war zu einer Festzeit) gewiß besser entsinnen als
ich hier ist es um das Allgemeine zu thun, und dieses Allgemeine war: Eine
Zurücktretung meiner Willensbestimmung und ein Hervortreten der Selbstbe-
stimmung
und der Einzelnen (: Ich meine hier nicht den Tag, wo Wilhelm in den Männer-
kreis mit aufgenommen wurde, dieß war später und Ferdinand dabey nicht
gegenwärtig :)
Wie ich nun dermals, noch innerhalb des Kreises lebend, als Ergebniß jener Gesammtverhältnisse in denselben zurück- gleichsam aus- und abtrat und dagegen den Einzelnen ihre Selbst-
bestimmungsfähigkeit anerkannte so erkläre ich jetzt als Ergebniß der
jetzt statt findenden Gesammtverhältnisse: Keilhau als Erziehungsanstalt
d.h. den Erziehenden Kreis als solchen in seiner Selbstbestimmungsfähigkeit,
ganz unabhängig und frey von meiner Willens- und Meinungsbestimmung
.
Ich mache an die Erziehungsanstalt in Keilhau als Erziehungsanstalt durch
meinen Willen [keine] Forderungen, als ich in Beziehung auf meinen Willen
von demselben Erwartungen hege, vielmehr erkläre ich Keilhau [als] eben
so selbstständig und in und durch seinen Willen als Erziehungsanstalt frey
als ich jetzt schon Wartensee von demselben unabhängig und frey erklä-
ren würde, wenn Wartensee als Erziehungsanstalt schon bestände
und eigentlich noch ein zweyter außer mir als Führer der Anstalt hier wäre.
Es könnte vielleicht irgend einem oder einigen unter Euch scheinen als
wäre dieß eine leere Form weil Ihr so schon im Besitz der freyen Selbst- und
Willensbestimmung seyd, aber meinet dieß nicht, ich könnte zu irgend
einer Zeit meine Ansprüche darauf gegen Euer Erwarten geltend
machen und wenn ich auch dieß nie thun würde, so würde schon der Ge-
danke des Festhaltens meiner Ansprüche, auch nur des Daseyns derselben
bestimmend auf Keilhau einwirken.
Beynahe Ihr alle seyd zugleich Glieder meiner Familie, und so geht mei-
ne zweyte Erklärung und feste Willensbestimmung Euch fast alle zugleich
mit an: - Auch die Familie als Ganzes hat eine solche Selbstbestimmungsfähig-
keit in sich erhalten daß sie einer Willensbestimmung außer sich wenigstens
von mir und durch mich nicht mehr bedarf. Auch hier die Anmerkung wie
vorhin: - Dieß ist keine leere Erklärung und Formel, denn auch unausge-
sprochene nur vermuthete Forderungen und Erwartungen von uns können
uns Fessel und drückend werden.
Ganz dieselben Erklärungen könnte ich wiederholen und hätte ich in Be-
ziehung auf mein {ganzes engeres} Heymathsland, wie auf mein ganzes
Vaterland zu wiederholen; doch gehöre sie, gehören sie
nicht so streng mehr hierher und ist um der Vollständigkeit und des
Zusammenhangs willen genug, es erwähnt zu haben. – /

[15]
Am schönen, klaren, blühenden und singenden, blumigen und duftigen
ruhigen und lebigen zweyten Pfingstfest. Montag, am 11 Juny Vormittags.
Grüße Euch Gottes einiger und einigender Geist insgesammt, die Ihr gewiß
mit stiller Sinnigkeit den heutigen Vormittag schon verlebt habt und den heutigen
Tag noch friedvoll und freudevoll verleben werdet. –
Ihr werdet nun wohl gern wissen wollen warum eigentlich die schon in einigen
der jüngsten Briefe, besonders in dem gestrigen, Euch mitgetheilten Lebensentwick-
lung, offen dargelegten Lebensäußerungen und gewonnenen Lebensstandpunkt und
Lebensansicht ihren Grund und ihre Quelle habe; es ist dieß mit kurzem Worte
dieselbe Überzeugung, welche in mir lebte als ich Euch schon in einem der letzte-
ren Briefe, und ich erst jüngst noch hier HE. Michaelis aussprach: - ich habe er-
reicht, errungen, was ich gesucht und erstrebt, wenn auch Niemand wisse
was und wo. Damit ich nun nicht zu irgend einer Zeit einmal der Geheimniß-
krämerey beschuldigt werde, so will ich Euch denn hier noch diese meine Über-
zeugung einfach aussprechen: - [„] es ist die klare sich mir allseitig und stetig
bewährende Einsicht und Bestätigung, daß mein Wollen und mein Streben, mein
Lebenszweck und mein Lebensweg so wie meine Mittel zum Finden des Letzteren
und zum Erreichen des ersteren in innerer und widerspruchsloser Übereinstimmung
und so Einigung der Lebensentwicklungsgesetze und des Lebenszweckes an
sich ist auf welcher geringeren oder höheren Stufe der Geistigkeit er sich uns
auch aussprechen, er auch von unserm Geiste wahrgenommen werden möge.“
Diese gewonnene Überzeugung giebt vor allem meinem Gemüthe und Geiste
und dem dadurch bedingten, daraus hervorgehenden Handeln die für das Leben
so nöthige Ruhe, den so wichtigen Gleichmuth, denn ich mache nun weder an das
Kleinste und Einzelnste noch an das Größte, vielfach zusammengesetzte und darum
umfassende Ganze, als dieses einzelne und bestimmte Ganze irgend eine Le-
bensforderung noch hege ich davon irgend eine Lebenserwartung; den
Lebenszweck und das Lebensziel, die Lebensforderungen und Lebenserwartungen
werde ich erreichen, weil mein inneres Leben in Übereinstimmung oder vielmehr
in Einklang und Einigung mit dem Leben an sich ist, jetzt aber nur noch auf
Zeit, Ort, Person und Verhältnisse unbestimmt, sondern in dieser Beziehung ganz
hingegeben der Bestimmung wie sie aus der großen Gesammten Lebens[-] und
GeistesEntwicklung hervorgeht. Bis auf einer höheren Stufe der menschlichen
Ausbildung, d.i. bis [zu einem ti]eferen ge[m]einsamen Eindringen und Auf-
fassen der durchgreifen[den in sich] einigen Lebensentwicklungsgesetze, d. h.
überhaupt Lebensgesetze, [also in das] Leben selbst – dieß möglich seyn und
werden wird. [Denn von einem Äußern] sey es so klein oder so groß
als es [wolle, kann als ein Äußeres nie etwas gefordert und] erwartet werden
es sey denn – daß [dieses] Äußere [selbst] sein Inneres und das Innere an
sich, das Innerste erfasse.
Bey Hervorhebung meines Einsiedlerlebens erwähnte Herr Michaelis
wie er in München sehr viel von einem Juden gelernt habe. Unter an-
derm sagte er mir, wie ihn dieser aufgefordert, doch mehr in das Leben ein-
und in der Gesellschaft aufzutreten, - auch wenn er ganz und gar nicht sprä-
che und mit seiner ganzen Persönlichkeit [wirke] – denn, hatte er hinzugefügt – schon
Ihr stummes Erscheinen, Ihr Kommen und Gehen wirkt. Ob nun gleich dadurch
schon Herrn Michaelis Forderung und Vorwurf sehr geschwächt wird und ich gerad-
zu sagen kann, daß ich ja so seines Juden Lebensansicht und Lebenserfahrung
genug, nur - daß ich die Menschengesellschaft, das Gesellschaftszimmer ein we-
nig größer zu letzteren gleich eine ganze Landschaft und Land und zu erste-
ren alle darinnen Lebenden, darinnne aus- und eingehenden, durch dasselbe
hindurch reisenden Menschen rechne – so wollte ich hieran eine weitere Ausführung
meiner wohl schon früher mit Wartensee angedeuteten Pläne anschließen; /
[15R]
doch halte ich es [für richtig] – um die freye Wirksamkeit Euerer Lebensansichten und Über-
zeugung nicht zu hemmen und nicht stöhrend in die bestimmenden Lebensver-
hältnisse einzugreifen, dieß jetzt noch nicht [zu] thun. Ich bleibe Euch dieß wie
so manches andere noch jetzt schuldig. Nochmals nur erwähne ich und hebe
ich als das mir Wichtigste hervor: Lasset mein persönliches Leben und dessen
Entwicklung u.s.w. nicht im mindesten bestimmend auf die von Euch noth-
wendig zu fassenden, oder nothwendig festzuhaltenden Entschlüsse und Über-
zeugungen einwirken. Ihr sehet ich halte meine Entschlüsse und Über-
zeugungen auch fest.
Überhaupt wollet nichts gegen die Verhältnisse, erzwinget nichts, wollet beson-
ders und vor allem nichts um meinet- um meines Wollens willen.
Nach Tisch. Nun will ich schließen, um bey dem schönen Wetter noch einen Fest-
spatzirgang gegen Sempach und über Eich hinaus bis zur Zeit des Sonnenunter-
gangs welcher heut sehr klar werden wird zu machen um Euch wieder mit
ihren scheidenden Strahlen meine Grüße schneller als in und durch diesen Brief
zu schicken.
Seit längerer Zeit haben wir jeden Tag starke Gewitter und Gewitterregen
ja sogar starken Hagelschlag gehabt. Ich habe nie so große Hagelkörner
gesehen als an einem Tage, wo es auch unsern Garten traf und besonders
die herrlichen Kirschen herunter schlug, überhaupt die große Hoffnung einer reichen Obsterndte
zum größten Theil vernichtet; nach dem was noch an den Bäumen
hängt müßte so viel Obst geworden seyn daß es manche Bäume kaum hätten
tragen können. Die Hagelkörner waren zum Theil wie die Kuppe eines
Mannesdaumens, ja im Durchmesser platt gedrückt so groß als die Länge
eines Daumens, die meisten waren wie große Haselnüsse. Wegen
ihren Gestaltungsgesetzen habe ich mehreres wesentliches gesehen.
Weil sich nun gestern Abend schnell das Wetter aufklarte, so ist Fer-
dinand, welcher schon wieder an einem größeren Panorama der Gebirge
arbeitet – schon heut früh vor Sonnenaufgang fortgegangen und deßhalb
jetzt nicht zu Hause daß er mir mündlich seine Grüße auftragen könnte.
Ihr seht aber daraus daß er gesund und immer nach seinem Gefallen thätig
ist. -
Dir, Middendorff, will ich doch noch etwas [schreiben] was ich zufällig vor
einiger Zeit in „Hans Jacob Leu’s allgem[einen Helvet]ischen Eidgenössischen oder
Schweitzerischen Lexikon Teil [XIII vom Jahr 1753] gefunden habe unter Buchst. M.
„Im Middendorff
Ein ausgestorbenes Geschlecht [in dem Lande Uri, welche Ao 1257 in dem]
damals [zwischen einigen dortigen adelichen Geschlechtern] gewalte-
ten krieglichen Unruhen [dessen von Ingoli]ngen Parthey gehalten [“]
So heißt es wört[lich] und [buchstäb]lich.
Lebet nun alle recht wohl ich grüße jeden einzeln und namentlich Dich
l. Wilhelmine grüße ich besonders innig und herzlich. – Werden unsere
Briefe sich wieder kreuzen? – Ist dieses nicht der Fall so schreibt mir
bald. Von Herrn Schnyder aus Fr[an]kfurt habe ich noch keinen Brief erhalten.
An Fräulein Salesie hat er wie ich glaube schon erwähnt, geschrieben: Grüßen
Sie gelegentlich meinen Freund Fröbel in Wartensee.
Lebet wohl, recht wohl in unveränder Liebe und Treue.
Euer

Friedrich Fröbel.
Viele liebe freundliche Grüße an die Kinder.
Ich hoffe ja nun endlich auch bald wieder
in mir die Muße zu erhalten Ihnen [sc.: ihnen] schreiben zu können, wonach ich mich sehr sehne.