Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 4.7./6.7./7.7./8.7.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 4.7./6.7./7.7./8.7.1832 (Wartensee)
(KN 39,2, Brieforiginal 9 ½ B 8°gr 38 S.)

Schloß Wartensee in der Schweiz am 4en July 1832.·.


Der lieben Keilhauer Gemeinsamheit
der Offenheit und Wahrheit Lebensgruß zuvor;


*
*    *
Wenn ich einen wichtigen Brief zu bes beantworten habe, so lese
ich denselben gewöhnlich vor der Beantwortung drey[-] bis viermal
und so der Natur der Sache nach, durch sich selbst in verschiedenen Stim-
mungen durch, lasse auch wenn es möglich ist zwischen dem Lesen
und den Beantworten wenigstens eine Nacht verfließen damit
sich das innere Leben ganz wieder beruhige und ins Gleichgewicht
stelle; auch gehe ich nicht eher an die Beantwortung selbst bis - wie
bey periodisch wiederkehrenden, gleichsam pulsirenden Quellen
die innere Lebensquelle zu, und für Mittheilung wieder ruhig
fließt. Ist nun aber der Brief beantwortet, die Antwort ab-
geschickt, so lese ich in und zur Anwendung des bekannten trivi-
alen Sprichwortes: - "wenn die Herren vom Rathhaus kommen
so sind sie am klügsten."
den zu beantworteten Brief noch-
mals durch, da nun bey diesem Lesen auch nicht auf das leiseste
der Gedanke mehr wirkend einfließt: - "Du sollst auf das was
Du liesest eine Antwort; Du sollst von dem Eindrucke und der Wir-
kung des Briefes auf dich eine Rechenschaft geben."- Denn Ant-
wort und Eindruck sind schon abgegeben, so stellt sich mir nun
weil ich auch auf das geheimste hin gar nichts mehr will, oder
für die äußeren Forderungen des Lebens gar nichts mehr
bedarf, sie sind ja befriedigt alles ganz ruhig, heiter klar
ohne alle Störung lebenvoll und {im Leben selbst / in der Lebensthätigkeit)[}] dar
und ich sehe nun wie in einem hellen Spiegel
ob ich alles gesagt habe was ich zu sagen hatte und ob ich das
was ich wirklich sagte auch auf die rechte und beste Weise
gesagt habe. Das Ergebniß dieses scharfen hellen Spiegel-
bildes bestimmt dann das Weitere.-
Auch bey der Beantwortung des jüngsten Briefes von meiner
Frau so wie zugleich auch des letzteren von Keilhau, in der
Nacht vom Montag zum Dienstag (vom 2' zum 3en d. M[.]) - ich empfing
ihn zufällig erst am Sonntage, verfuhr ich so. Gestern
fast den ganzen Tag war ich in mir mit den Wiederlesen des
[Am Seitenfuß Einfügesternchen mit folgendem Text, Bezug unklar:]
Etwas Alltägliches! Ein grober, dunkler Schmarren,
wenn man auf feine, helle Mahnungen nicht hört!- /
[1R]
Briefes nach Absendung seiner Beantwortung beschäftigt. Erlaubt mir
nun das Ergebniß dieses Wiederlesens, (und) was sich während dem-
selben in meinem Geiste und Gemüthe, in meiner Seele herauf
gearbeitet hat zur Prüfung vorzulegen, mitzutheilen. Auch hier habe
ich also zwischen dem ersten Hervor{quellen / strömen} und dem Niederschreiben
wieder eine Nacht verfließen lassen; und so hoffe ich das {Mit- / Vor[}]
{zutheilende / zulegende} wird etwas von seiner ersten Gewalt und Schärfe
- ohne welche jedoch eigentlich nie etwas Neues und Kräf-
tiges geboren werden kann, wir bemerken es nur nicht immer, z.B. beym Blühen, zur Allgemeineren Mittheilbarkeit,
verlohren haben, zumal da es nicht am Morgen, sondern erst Nachmit-
tag
ist, da ich diesen Brief schreibe. Ich habe nemlich zu diesem Zwecke
für diesen Nachmittag die Lehrstunden ausgesetzt, besonders auch weil
ein großes Volksfest in Luzern, das Schützenfest, ist und Ferdinand heut
wieder dahin gegangen ist was mir mehrfach lieb ist.- Und so könnte
ich diesen Brief auch beginnen: "Alles, alles ist ausgewandert!" wo-
zu freylich hier nicht viel gehört.
Ich knüpfe nun meine Mittheilungen an die Stellen an, bey deren Lesung
sie sich entwickelten, und meine gute l. Frau wird, mir, da diese
Stellen Niemanden als uns beyden bekannt sind wohl erlauben, daß
ich sie herausheben und allgemeiner machen darf zumal da ihr In-
halt gewiß schon allgemein bey Euch besprochen worden ist.
Von der 2en zur 3en Seite heißt es: - "Die Freunde werden sich nun wohl
"beeilen Dir ihre letzte EndesMeinung mitzutheilen, die hauptsäch-
"lich durch die reine Unmöglichkeit bis jetzt die äußern Mittel her-
"bey zu schaffen so lang hingezögert wurde. Auch bleibt es ja noch
"sehr der Frage unterworfen ob es wirklich zu hoffen, daß durch das
"Hinzutreten zweyer leitender und lehrender Personen, die Warten-
"seer Schule, in so kurzer Zeit als es nothwendig, zu ihrem Bestehen gelang-
"en oder zur Erziehungsanstalt gefördert werden könnte. Wie schwer
"würden dann die Mittel hier entbehrt werden, die dort wenig oder gar
"nichts gefruchtet."
"Unerschwinglinglich ist es uns z.B. schon hier das nöthige und fehlen-
"de Bettzeug wie nun für dort?-"
"Doch ist es nur möglich, die Reisekosten zu erschwingen, so zweifle
"ich nicht daß B. und E. bald kommen werden."
Auf der 6en und den folgenden Seiten heißt es: "Alles hat jetzt wohl nur
"eine Meinung, aber Langethal sagt, die Mittel zu den Reisekosten
"u.s.w. müßten aufgenommen werden, sie könnten auch bey al- /
[2]
"lem was man einsetzte nicht anders bestritten werden - und dieß hal-
"te ich doch nach meiner ganzen Überzeugung - die kleinste wie die
"größte Anleihe - erspare mir das Wort - wofür ich es halten muß[.]"-
"- Kann es doch wohl noch gut und recht seyn ferner gegen den Strom
"zu schwimmen? - und das Schicksal weil es uns viel versucht u.
"geprüft - über alle Gebühr wieder zu versuchen?- Gott weiß wie
"gern ich mich darüber belehren lassen will! - und am liebsten auch von
"Dir.— "Langethal spricht es käme alles darauf an, ob die Forde-
"rung dem Geiste der Zeit gemäß sey und ihr entspreche - so müßte
"sie auch nothwendig ihr Bestehen in der Zeit finden - aber ich kann
"mich mit diesen Ansichten noch immer nicht ganz einigen - und in ih-
"nen zurechtfinden? - denn einmal scheint mir der Geist der Zeit
"noch gar kein einiger, sondern ein vielfach getrennter und eben deß-
"halb ein noch nicht sich selbst erkannter zu seyn - und wäre es - soll
"dann darum schon die Forderung einer ächten Menschenerziehung wie wir
"sie erkennen und die vielleicht die letzte Staffel seines Selbsterkennens
"in dieser Zeit auszumachen bestimmt ist schon hervortreten? - oder
"vielmehr schon ausgeführt werden?- Was von dem Ganzen und
"durch dasselbe einmal aufgenommen und ausgeführt werden soll
"muß durch den Einzelnen, so dünkt es mich, erst bewegt angeregt und
"angelebt werden - wenn ich den Beyspielen der Geschichte nachgehe
"aber wenn auch ihr Bestehen überhaupt schon in dem Daseyn jener For-
"derung gegründet wäre - denn die Menschheit trägt die nothwen-
"dige Bedingung ihrer Darstellung in sich; so wie ich es schaue - ist
"es darum schon Folge, daß diese gleich in ein und derselben Zeit er-
"scheine?- Wie lange schwebte oft eine Forderung, selbst eine schon
"erkannte - auf den Wogen der Zeit ehe eine sie ans Land warf - wo
"sie wurzeln und als Blume der Menschheit erblühen konnte. Was
"auf dem großen Gebiete der Menschheit zum Besten der Menschlichkeit
"gesäet wird - keimt, sprießt, blühet und fruchtet weder zu einer Zeit
"noch an einem Orte noch durch eine Hand.- Darum würde ich wie
"ich schon seit 8 Wochen mindestens sprach noch sagen: laßt uns nur
"abpressen, abdrücken, abbrechen was möglich ist - um aus eige-
"nen Mitteln die beyden Menschen Barop und Elise - wenn sie
"wollen - nach W. zu schaffen. Darum aber weil dieses durchaus
"unmöglich ist und wir die Mittel dazu leihen müssen - welches ich
"für Unrecht und Unredlich halten muß - weil wir dieses schon über
"Kraft, Macht und Gebühr gethan haben; darum würde ich wenn /
[2R]
"ich Fröbel wäre glaub ich zu mir sagen: - "Gieb auch das Besterkann-
"te, das redlichst angestrebte, wenn du nicht durchdringst zurück
"in deines ewigen Vaters Hand - dem allein alles durchführbar -
"- leg es hin vor seinem Auge dem allein alles durchschaubar
"- in seinem Hause sind der Wohnungen gar viele. Er kann zu
"einer andern Zeit an einem anderen Orte Dir wo er will
"wieder anvertrauen und durchführen helfen - was Du gutwillig
"ihm jetzt zurückgiebst - eben weil Du alles daran gesetzt
"hattest.- Ich weiß wohl dieß ist nach Weiberweise und nicht
"nach Männer Art gesprochen - Aber eine Grenze steckt sich der
"Mensch oder sie wird ihm gesteckt."
"Doch zürnest Du nicht, das weiß ich! Dein eigener lieber Brief gab
"mir so klare Anklänge dafür; darum bin ich so freymüthig als ich es
"meiner Natur nach wirklich bin und überall seyn möchte."
"Auch will ich in Betreff der Anleihen nicht so arg denken als man mir
"vielleicht vorwirft - ich weiß wohl welche andere und freyere Ge-
"stalt die Dinge im Ganzen geschauet annehmen - ich weiß daß es
"noch andere ZahlungsMünzen als Geld um Geld giebt - Du selbst
"hast uns einst wohl klare Anschauungen dafür gegeben - und daß
"auch der gewissenhafteste Schuldner und der großmüthigste Gläubiger
"- und wir alle ob mit oder ohne baare Schulden der Menschheit bey
"weitem mehr schuldigen als wir ahnen - indem wir soweit hin-
"ter dem zurückbleiben was wir ihr seyn könnten?- Aber
"so viel in dieser Wahrheit liegt, mögten wir (darum) dem ungeach-
"tet, wir die wir versprachen und beabsichtigt beabsichtigen für alle Ver-
"hältnisse des Lebens gute Menschen - und wackere Bürger zu
"ziehen - auch für die höchsten Lebenszwecke sich in Schuldennoth zu
"stürzen zu einem allgemeinen Grundsatz erheben wollen? - ich
"nimmermehr - lieber betteln dafür!- Vergieb mir theurer
Mann! Diesen Eifer den freylich nur weibliches Gefühl nicht
"männliche Durchdringung mich aussprechen läßt und belehre
"mich."
"Ein theurer Lehrer sagte mir einst "wenn Du nicht sicher in Dir
"bist ob ein Verhalten das rechte sey - so suche es nur gleich zur
"allgemeinen Handlungsweise zu erheben und frage Dich ob
"Du wünschen darfst und kannst daß Jeder unter diesen Um-
"ständen eben so handle, als Du handelst oder handeln willst",
"- und dieser Prüfstein wollte sich mir noch immer bewahren." /
[3]
"Allerdings kann und soll man für einen reinen allgemeinen Zweck auch
"Anderer Kräfte und Mittel und seine eignen mit höchster Hinga-
"be in Anspruch nehmen - aber ohne Rücksicht? - und ohne Schran-
"ken?- Wir sprechen: "es ist gut und heilsam daß unsere Zög-
"linge unsere Kinder Noth Druck Entbehrung mit uns theilen" und
"wir haben Recht. Doch bleiben wir auch freysinnig genug nicht al-
"lein bey der einen Seite der Betrachtung stehen?-"
"G. M. (ich dächte ein Leben ein Beruf wie der unsrige, ein wahres
"Erziehungsleben - konnte unter allen Umständen nur auf Mäßigkeit,
"Einfachheit, Entsagung und Entbehrung gegründet seyn, nur bey diesen
"bestehen nur in diesen bedingt seyn - müßte aber auch seiner Natur
"nach ein innen und außen frey bewegtes und sich bewegendes seyn
"und bleiben können. Auch Druck und Gegendruck haben gewiß ihre
"natürlichen Gesetze wie Spannung und Abspannung."-
Auf der 12en Seite nach Eingang des Briefes vom 13en (?) Juny. "Jeder erwar[-]
"tete und verlangte nach 1 Briefe von Dir, der mehr Gewißheit, Klarheit
"und Bestimmtheit für den zufassenden Entschluß reichte - jetzt ist er ihnen
"geworden, sie werden nicht mehr säumen hoffe ich."
Auf der 15en Seite."Gewiß! Gedanken fördern Gedanken und Thatsachen
"Thatsachen!["]-
Das Möglichste soll geschehen wird geschehen - so sagt sich jedes von uns.
"Nur über das Wie - des Handanlegens scheinen sie noch nicht einig."
Ja! - auch in und bey mir forderten wie überall wo ächte Geistes[-]
thätigkeit und wahrhaft in sich einiges Leben ist Gedanken - Gedanken
und Thatsachen - Thatsachen!-
Auch ich wollte von jeher in meinem Leben, Verhältnissen und überall
gern so freymüthig seyn als ich es meiner Natur nach bin; doch da ich dazu
früher wohl oft Fesseln trug, so will ich es wenigstens für ganz in der Mitthei[-]
lung und Darlegung dessen seyn was bey WiederLesung der angeführten Stellen sich
wiederkehrend in meinem Geiste und Gemüthe aussprach.
Erwartet verla[n]gt aber nicht daß ich Punkt vor Punkt beantworten und
dem Faden der angeführten Stellen folgen soll, wie wäre dieß bey der Menge
des im Geiste angeregten und im Gemüthe zu Tage geförderten möglich[.]
Ein kleines Buch müßte ich schreiben und doch sind mir nicht Tage sondern nur noch
Stunden dazu gegeben. Erlaubt mir daß ich ungefesselt meinem Geiste und Gemüthe
folgen darf, hebt dann die Antworten auf das Einzelne heraus und bildet sie Euch
aus dem Ganzen erst und setzt sie selbst an ihre Stellen; damit was ich Euch
sage wieder eine neue, lebendige, einige Gabe des Geistes werde.- /
[3R]
Dem Ausdrucke: "Geist der Zeit, Zeitgeist," geht es wie einer großen Menge
anderer gewichtigen Wörter, sie haben fast in dem Munde eines jeden und
bey dessen verschiedenartigen Gebrauch beynahe immer wieder einen anderen
Sinn, eine andere Bedeutung, welche Menge von Bedeutungen wohl gar noch
durch Verwechselung dieses Ausdrucks mit andern verwandten und ähnlichen
noch vermehrt wird z.B. für Charakter, Bildungsstufe, die Zeit mit Geist der Zeit u.s.w.
Doch ich will mich hier nicht aufhalten dieses Gewirre zu entwirren bin
ihm auch wohl schwerlich gewachsen sondern ich will hier nur in einem
Bilde drey wesentlich verschiedene Erscheinungen hervorheben die man alle
3 zusammen und jede einzelne wieder mit dem Ausdruck Geist der Zeit zu be[-]
zeignen scheint und die doch scharf geschieden werden müssen wenn man sich
im Gebrauch des Wortes verständigen will.- Ich will den Ausdruck "Geist
der Zeit" unter dem Bilde, und weil er als Geist doch nothwendig etwas Wirk[-]
sames, und in einer bestimmten Zeit da wirkendes ist: unter dem Bilde der Wirkung und Wirksamkeit
einer Jahreszeit, z.B[.] des Frühlings betrachten. Hier ist er nun einmal
erstlich astronomisch: d.h. er und sein Erscheinen kann Jahrtausende
voraus berechnet werden und bestimmt seyn; er kann diesem nach
sogar periodisch wiederkehrend schon da seyn ohne daß seine Wirksamkeit
und Wirku[n]g noch wahrgenommen wird. Ob nun gleich noch gar nichts
wahrgenommen wird so kann man doch mit Bestimmtheit zählen und
Jahrzehende, u.s.w. vorausbestimmen der Geist des 1en, des 2en, des
3en Frühlings u.s.w. denn die Wirkung und das Leben des folgenden,
auch nur astronomisch angeschaueten Frühlings Himmels, wird nie den Wirku[n]gen
und dem Leben des vorhergehenden Frühlings gleich seyn, und mann [sc.: man]
kann also voraussagen wie voraus erwarten nach 100 oder 1000 
Jahren muß, muß der Geist, das Leben, die Wirksamkeit des 100sten oder
1000n Frühli[n]gs eintreten. oder im Al
Ganz aber ist es zweytens mit dem physischen, planetarischen Jahreszeiten
z.B. unsern Erdenfrühlingen; ob dieser genau zur rechten Zeit und auf
seiner der Wiederkehr nach nothwendigen Entwicklungsstufe einträ-
te, hängt von physikalischen in engeren Sinne von terrestrischen
und so herab in einer Summe von Orts[-] und Umstandsverhältnissen
ab; je nachdem diese so oder anders sind, tritt der physische Frühling örtlig [sc: örtlich]
früher oder später ein. Dieses Zusammenwirken nun der besondern örtlichen
überhaupt lokalen Verhältnisse, zur Erscheinung des
physikalisch örtlichen Frühli[n]gs bildet so gleichsam wieder einen
Geist (Wirku[n]g) des Frühlings, der aber nur im Allgemeinen vor-
ausgesagt werden kann; wahrhaft aber erst erkannt wird /
[4]
wenn er wirklich in seiner Erscheinung da ist z.B. alle sieben oder 10 Jahre
ist ein gutes Obst oder Weinjahr, wir sind jetzt im 7en oder 10en astrono[-]
mischen Frühli[n]g also müssen wir auch ein[en] guten Obst oder Weinfrühli[n]g
haben. Dieß läßt sich nicht sagen. Die astronomische Bedingung zu einem physikalischen Frühli[n]g, Obst-
Weinfrühjahr wäre zwar da allein sie wird durch eine Menge terrestrischer
und örtlicher Verhältnisse abgeändert. Der 100e oder 1000e astrono[-]
mische Frühling bringt also nicht auch den 100 oder 1000fach oder
zur 100ste oder 1000sten Stufe erhobenen physikalischen Frühli[n]g; allein
ein gewisser Zusammenhang - nur schwer durch Berechnung anzugeben,
wohl aber dem Lebenssitz selbst wahrnehmbar bleibt er immer.
Um dieß erste Bild durch ein zweytes Bild zu erklären: der große
Erdenfrühling, Jesus, genannt: wurde gleich bey dem ersten Erdenherbste
oder Winter als gewiß eintretend verkündigt. Viele große
Erdenzwischenfrühlinge (Abraham David Jesaias pp.) kamen und sie
bezeichneten immer bestimmter den großen Erdenfrühli[n]g (Jesus). Die physika[-]
lischen und astronomischen Bedingungen desselben trafen immer näher
zusammen, mit kurzem Wort: die immer größer werdende Zertheilu[n]g
Zerstreuung, Vereinzellung und Äußerlichkeit forderte ihnen immer bestimmter
die absolute, die nothwendig eintretende höchste Sammlung, Einigung, Inner[-]
lichkeit, das Leben, die Wirksamkeit, die Wirkung, der Geist ihrer Zeit
ließen ihnen die Zeit des Geistes, die Zeit bestimmen in welcher jene
nothwendige Licht und Wärme sammelnde, einende Erscheinung, Frühlings-
Erscheinung auf der Erde statt finden würde.
Es sey nun ein bestimmter Erdenfrühli[n]g nicht nur erstens astronomisch sondern auch zweytens
physikalisch eingetreten und durch seine Wirkung und Wirksamkeit
wahrnehmbar, sofolgt nun noch ein drittes, dieser Frühling, diese Zeit und
Wirksamkeit muß auch in dem Innern, in dem Lebens- und Herzpunkte
der einzelnen Erdgegenstände wahrgenommen, aufgenommen und der
Eigen- und Selbstbestimmung nach fortentwickelt werden; dieß ist der
Frühli[n]g der Einzelerdenwesen irgend eines Erdenraumes. Diese
Wirkung und Wirksamkeit nun erstlich [{]eines / des[}] astronomischen zweitens {eines / des[}]
physikalischen Frühlings in Einzelerdenwesen eines Erdenraumes (Climas)
kann nun drittens auch wieder Geist der Zeit genannt werden er thut
sich durch das Leben und an in dem Leben der gesamten Einzelwesen
kund und gewisser Erdenräumen (Climater) kund. Auch das dritte ist wieder im Allgemeinen
von dem zweyten abhäng[ig] doch hängt mit ihm zusammen doch nicht
mathematisch gewiß. Vorhersagen und Erscheinen fällt fast in Eins zusammen.
Dieses dreyes obgleich in sich sehr scharf ge Verschiedenes, ist aber dennoch
durch die gegenseitige Bedingung ein sehr innig in sich Geeintes, Einiges;
kann so wieder als ein Ganzes betrachtet, und auch wieder wegen /
[4R]
diesem Gesammt-Wirken, dieser Gesammt-Wirkung und Gesammten Leben,
Geist der Zeit genannt werden. Und so hat denn der Ausdruck Geist der
Zeit wie ich oben aussprach eine Vierfach verschiedene Bedeutung.- Um
nun das zweyte Bild auch fortzuführen: so hatten z.B. zur Zeit des
großen Erdfrühlings {viele / mehrere[}] Einzelerdenwesen Maria, Elisabeth, Zacha[-]
rias, Anna, Simeon, die drey Weisen pp. in sich eine Ahnung davon: - Es war
der Geist jener Zeit, daß vielfach ein innerer Geist, der Geist im Innersten
sich regte, welcher aber äußerlich vielverkannt, auch wohl mit Vorbe[-]
dacht mit Füßen getreten und verfolgt wurde; weil die Menschen
dem
Geiste der Äußerlichkeit und der Zerstreuung hingegeben waren[.]
Genug, wir sehen aus beyden Bildern oder AnschauungsMitteln: - daß
immer Zerstreuen und Sammeln, Äußerlichkeit und Innerlichkeit
im geraden Verhältniß stand: d.h. wie das Zerstreuen, die Äußerlichkeit
stieg, stieg auch das Sammeln, die Innerlichkeit in irgend einem Punkte.
Man könnte freylich auch sagen: im umgekehrten Verhältnisse stand, d.h. je mehr die Zerstreuung die Vielheit ergriff, zog sich das Sammeln in die Eins zurück.
Die Was nun an dem großen Bilde der Jahreszeiten durchgeführt wurde
kann eben so wieder an jeder einzelnen Blume angeschauet werden:
- die Wirkung, das Leben, der Geist der Zerstreuung der Äußerlichkeit der
Nichtigkeit - und wieder zugleich der Geist des Sammelns, der Einigung
herrscht in der Blume (Blüthenzeit): "Ihr thörichten zerstreuenden
Blumenblätter", rufen die Staubfäden, zeigt lehrt der Staubweg;
aber die Blätter sinken in Nichtigkeit nur der sammelnde Staubweg
erzeugt und bewahrt eine neue Welt zu höherer Stufe des Bewußt[-]
seyns, der Durchdringung u.s.w.
In einer Blüthenknospe an jedem großen Gewächs und in jedem
Raume muß dieß zuerst stattfinden; der Geist der Zeit muß
sich in ihr zuerst aussprechen; sie muß ihn zuerst und am vollkommen[-]
sten - den eingetretenen Frühli[n]g wahrnehmen und ihm offen
und vertrauend entgegenblühen.- Ich halte mich dabey nicht
auf, jede Apfelblüthe hat uns dieß gezeigt; ist Feuerliebe
<(Lycturis ?)> bey Euch noch nicht verblühet so könnet Ihr es gleich
daran wieder wahrnehmen, erst [*Zeichnung: 1 Blüte*], dann [*Zeichnung: 3 Blüten*].
Sehet, an diesem [sc.: diesen] vorgeführten Bildern wollte ich nun alles er-
klären und nachweisen, was uns einzusehen und zu wissen, zu
erkennen Noth thut, wenn ich nur die Zeit dazu hätte; doch in Ihr
seid deren Viele, Ihr seid alle denkend, fühlend, erfahren,
prüfend, nachgehend. Auch kurze Andeutu[n]gen werden wohl
genügen.
Jeder Frühling ist ein eigener, denn er ist ein folgender; also /
[5]
hat {darum / also[}] auch jeder Frühli[n]g, er sey nun wie er sey, seinen eigenen
Geist.- Jede Zeit gleicht aber einer Jahreszeit, einem Frühli[n]g
also hat auch jede Zeit, sie sey nun welche sie sey, ihren eigen[en]
Geist der Zeit, der mag nun an sich beschaffen seyn wie er will.
Alle Zeitgeiste wie alle Frühli[n]ge und wie alle Jahreszeiten
haben aber das gemein, daß sie Zerstreuen und Sammeln, Einen,
sogar z.B. im Herbste wenn die Blätter fallen, zerstreuen,
Reifen, Sammeln sich die Früchte, Saamen.
Auch die Zeit in der wir jetzt leben wird ihren eigenen Geist
der Zeit haben, auch dieser eigene Zeitgeist wird sich durch Zer-
streuen und Sammeln (endlich Sich-in-sich-Sammeln) kund thun.
Auch der Geist unserer jetzigen Zeit in der wir Leben muß sich wie
erstlich gleichsam astronomisch, dann zweytens gleichsam physi-
kalisch und drittens persönlich, d.i. in Einzel Wesen kund thun
so wie endlich in allen dreyen zugleich offenbaren und so, wie
wir oben sahen; in irgend einem Wesen zuerst, oder wenigstens
in mehreren auch zugleich, licht- und leben wärmevoll d.i. lebenvoll wahr[-]
genommen werden, sich kund thun.
Wer es nur aber wahrnimmt, daß ein neuer Frühli[n]g da ist
er sey nun der erste, zweyte dritte oder letzte der Einzelne oder
eine Mehrheit (:wie z.B. bey der Lonchus und <Hyeraicen>:)
der muß den Frühling pflegen d.h. er muß sich den Geist der
Zeit zum Bewußtseyn bringen, und dem gemäß handeln
und sich nicht darum bekümmern der wievielste er sey, sondern
daß er kurzweg das sey, was er einsieht das er seyn soll.
Für das übrige aber das große Lebens Ganze Sorgen lassen,
was ihm schon weitere Kunde geben wird, wenn es nöthig ist.
Wir sehen nun hieraus für uns ganz wesentlich, der Geist der Zeit kann
wie er entweder nur von einem Einzelnen, einer Einzelnheit oder einer
Mehrheit vernommen werden kann sich auch nun in einer Einzelnheit
oder einer Mehrheit kund thun d.h. der Geist einer ganzen großen
Zeit kann auch nur verhältnismäßig mehr und am meisten von
einer Einzelnheit, sey es nun eine Einfache Einheit I oder eine Mehr[-]
fache, ein Zweyer, Dreyer pp. klar und bestimmt ([{]vor / wahr}genommen werden)
sich aussprechen. Der Geist einer ganz neuen Zeit kann also nur
in einem Einzelnen oder in Wenigen schon leben, während er in den mei[-]
sten noch schlummert; jeder Frühli[n]g zeigt es; Ihr seht es auch an den
sieben- und 10knospigen Rosen dicht am Hause bey Euch. Hier schon /
[5R]
sehen wir also, ist es die Aufgabe und Pflicht der Einzelnen den Forderungen
des Geistes der Zeit nach zugehen; um ihn zu seinem jedesmaligen Ziele: -
Sammlung, Einigung für höhere Entfaltung zu führen - und diesen
schlummernden Geist der Zeit in den übrigen zu wecken.
Wir sehen aber hieraus weiter die Erscheinung der Zeit, einer be-
stimmten Zeit (auch so die Entwicklungen in Menschen, Kindern z.B. viel-
leicht gleich ChrFr[.]:) können nur einseitig aufgefaßt und ange-
schaut werden z.B. einseitig nur die Zerstreuung und so kann
man den Zeitgeist als den Geist der Zerstreuung bezeichnen, weil
die Sammlung umgekehrt eben so groß d.h. im kleinsten verborgen[-]
sten, aber wärmsten, lebenvollsten Punkte statt findet.
Wir sehen weiter für uns das Höchstwichtige, ja wenn wir
wollen und es bedürfen, das Trostvolle. Die Erscheinung irgend
eines Zeitgeistes hat weder in dem großen Ganzen der großen
Mannigfaltigkeit, wie in dem Einzelwesen in dem er erscheint
etwas Zufälliges, Willkührliches, Schwankendes, sondern sei-
ne ewigen, sichern, festen Gesetze; man muß sie nur sich ent[-]
falten, entwickeln lassen und in ihrer Entwicklung festhalten er-
kennen; man muß die drey Erscheinungen nur immer mehr in Eine zusammen fallen machen.
Weiter sehen wir und dieß ist für uns nicht minder, ja vielleicht
noch mehr wichtig: - bey unserm Handeln dürfen wir nicht auf
den Grad der Erkenntniß des Zeitgeistes in Andern bauen und zählen
nicht darauf zählen und bauen, daß der ächte, wahre Zeitgeist in Andern schon erwacht, noch weniger schon von ihnen erkannt sey.
- denn dann bauen wir um so mehr als wir die ersten und klar[-]
sten sind, die wir den Geist der Zeit erkennen, gewiß auf Sand
- sondern wir müssen auf den Grad {der / unserer[}] Erkenntniß des Zeitgeistes unsrer Einsicht
in das Wesen des Zeitgeistes bauen.
Wenn die Mannigfaltigkeit oder Vielheit den Geist der Zeit schon erkannt
hätte und ihm gemäß, getreu handelte so brauchte sie uns nicht;
oder vom Zeitgeiste aus: wenn der Geist der Zeit sich schon
selbst verstände, brauchte er von uns nicht dahin erhoben zu
werden, unser Handeln wäre unnütz, wir kämen nur ein
paar Posttage zu spät.
Langethals Frage kann also gar nicht von außen oder von einem
zweyten, fremden her beantwortet werden, sondern nur von uns
und aus unserm Innern d.h. ob wir den Geist der Zeit erkannt
erfaßt haben, ihm gemäß handeln. Ob außer uns das Leben
oder die Wirksamkeit des Geistes der Zeit der Zeit noch nicht erwacht das
kann uns auch kein Hinderniß seyn, wenn wir nur /
[6]
den ächten Geist der Zeit in seiner innigen und vollkommenen Dreyheit
und in seiner Doppelerscheinung: Zerstreuen und Sammeln klar und lebenvoll in uns tragen.
Wen[n] wir nur die verschiedenen Stufen des bewußtgewordenen Zeitgeistes in uns, und außer uns klar unterscheiden u.s.w.
Läßt uns damit, das heißt mit dem was wir
durch diese, wenn auch als Darstellung noch sehr unvollkommene Betrachtung
gewonnen haben; nun einen Blick ins Leben, in mein Leben, ins Le unser
Leben, ins Leben um uns thun.
Das eigenthümliche meines Lebens, von dieser Seite der Betrachtung aus[-]
gegangen und ausgesprochen ist: - daß ich von dem ersten Augen[-]
blick meines Bewußtwerdens an, das Sammelnde, Einende in dem
Zerstreuenden, Trennenden des Geistes der Zeit ahnete wahrnahm,
dasselbe pflegte und seine Darstellung mir zur Lebensaufgabe machte;
welche Aufgabe nur dadurch zu lösen war, und ich auch nur dadurch
zu lösen begann, daß ich es frühe unternahm, ja gar nichts anders
als dieses unternahm {die / alle} Mannigfaltigkeit u Vielheit wieder ganz
von neuem aus der Einheit zu entwickeln oder was gleich ist
in der Einheit nachzuweisen und mich darum meinem Berufe getreu gegen jedes Aufdringen
von Außen stemmte; daher meine Jugend[-]
schicksale u.s.w. ://: -Ihr alle theilt mehr oder minder dieselbe Lebens[-]
erfahrung, Lebens- und Entwicklungsgeschichte; dieß ist ist das Band was
uns zusammenhält, also weder Willkühr noch sonst was Gutmeiniges.
Was Euch mit mir verbindet, ist: weil ich größtentheils den Jahren
nach - denn die meisten von Euch waren noch nicht geboren da ich schon
über vieles klar war - oder wenigstens durch die Lebensführung,
der Thatsache nach und in Hinsicht auf Umfang Vorfechter und Vorkämpfer
bin.         Dieß das Ergebniß des Blickes in mein,
dieß das Ergebniß des Blickes in unser Leben.
Nun der Blick ins Leben um uns - Sammlung des Zerstreuten;
Einigung des Getrennten; dieß bestimmte die Orte meiner Wirksamkeit;
dieß war der Grund alles meines Suchens; - die Hoffnung dieß zu
finden war es was mich zur Familie zurücktrieb; die Hoffnung, dieß
zu finden war es was mich dem Herzog von Meiningen zuführte.-
(:Führt alles dieß nach Zeit, Lust u Bedürfniß aus.:) Ich eile zum
Ziel. Die Hoffnung dieß zu finden trieb mich nach Frankfurt trieb
mich — nach der Schweiz - nach Luzern - nach Wartensee -
Und habe ich gefunden was ich suchte wornach es mich trieb?-
Sammlung in der Zerstreuung, Einigung in der Trennung?-
Ja, ich und wir haben es durch mich gefunden! — Seht Freunde!
und Freundinnen! darinn in dieser Thatsache ist mein und unser geistiger /
[6R]
geistiger und darum fester Verband mit der Schweiz - mit dem Canton Luzern
- mit Wartensee gegründet, in nichts Äußerlichen, in nicht Einzelnem
in nichts Willkührlichem, in nichts Persönlichem und in kein Sorgen in
nichts Vergänglichem, sondern in dem ewigen Geiste und den Gesetzen
in welchen er wirkt; darum würde mir nichts die Schweiz - Luzern
und Wartensee nehmen, wenn ich nicht gelernt hätte, für mich kürzer
und bestimmter einfacher und kampfloser zum Ziel zu kommen;
darum aber auch wird uns oder Euch nichts die Schweiz - Luzern
und Wartensee nehmen wenn Ihr es nicht willkührlich oder
mit Selbstwahl und Eigenwillen hingebt.
Aber beweisen denn dieß was ich sagte auch die Lebensthatsachen?-
Ja sie beweisen es!- Laßt sehen ob ich kurz zu denen die ich Euch schon
mittheilte noch einige hinzufügen kann.
Kinder sind der Ausdruck, gleichsam die Stellvertreter oder
Darsteller des Sammelnden, Einenden, denn sie sammeln alles: Stein[-]
chen u.s.w. Beachtet nur Eure Kinder, wenn Ihr mit ihnen spatziren
geht, je kleiner sie sind um so weniger wollen sie von der Stelle
alles wollen sie mitnehmen.- Sie sind der Ausdruck des Einenden
alles haben sie lieb, allem legen sie Leben bey. Nun diese Kinder
haben mich lieb, sehr lieb; es wiederholt sich wieder das bekannte
Spiel alle Kinder wollen gern nach W.- Einen kleinen 3 oder 4
jährigen Knaben aus der Nachbarschaft, dessen 2 geschwister hier Schüler
waren, konnte die Magd verflossenen Winter gar nicht zurück[-]
bringen, er wollte mit zum Herr und in die Schule und kam
wirklich. Später hat er zum öftern nach mir gefragt und mich grüßen lassen.
- Jüngst kam zur Magd (Marie) ihrer Schwester 6-8jähriges
Mädchen mit einer Tasse und einigen Erdbeeren darauf. Was
willst Du damit? fragt Marie - Ich will die Erdbeeren den
Herrn bringen, ich habe ihn noch nicht gesehen,- Geh, sagt Marie
das sind zu wenig Du mußt mehr haben, wenn Du sie den Herrn
bringen willst-. Gut! sagt das Kind. Da bring ich bald Kirschen
ich habe ein neues Körbchen in das gewinne (pflücke) ich sie. Ich bringe
das Körbchen voll.- Von meinen Schulkindern habe ich Euch schon
mehreres, auch wohl Ferdinand, erzählt, könnte Euch noch mehr
erzählen, nur eines. Vor ein Paar Tagen habe ich wieder
einen neuen Schüler, den Sohn des Statthalters zu Sempach (:ich
schrieb Euch schon früher von ihm:) bekommen. Dieser Junge, er heißt
Heinrich, hat den Vater so lange getrieben bis er ihn hieher gebracht /
[7]
hat (:Ihr erinnert Euch vielleicht daß schon früher davon die Rede war:)[.]
Nun Ihr sehet, hier vernimmt man doch einen Geist und dessen Wirksam-
keit. Es ist das Streben des Sammelns in der Erscheinung der Zerstreuung;
es ist das Streben der Einung in der Erscheinung der Trennung. Den Kindern
spricht es sich freylich im Worte ganz anders aus.
Dieses wirkliche Wirken und Wehen eines Geistes, dieß war bey uns
in Deutschland nur zur Zeit der Wir[k]samkeit eines freyern Volkslebens
und doch nicht ganz so; wie dieser Geist aber wieder unter Schloß und
Riegel kam, da schwanden auch jene Wirkungen.
Aber auch im Leben der Älteren nimmt man hier mehr Antheil
dafür oder dawider, gleichviel, die Sache wird doch besprochen.- Ein
Bauer oder vielmehr Wirth hat seine beyden erwachsenen Kinder, die im
verfl. Winter hier Schüler waren, jetzt wegen der Sommerarbeiten
nach Hause genommen, da sagte mir nun jüngst ein anderer Mann: Ich
habe mit dem Vater gesprochen und ihm gesagt, daß es recht thöricht
sey das einmal angefangene nicht fortzusetzen, zumal da er es vermöge. nicht
bedürfe
" - Nun, es ist doch wenigstens ein Wort.
Mannichmal und hier und da giebt es, wie ich höre, Wartensees halber
ein bißchen Krieg und Streit, auch gut, macht doch daß das Blut in Um-
lauf kommt und das Leben sich regt.- So mußten am Ende des vorigen
Halbjahres die beyden Kinder aus einem 2en Gasthofe (Lipprüte)
den Unterricht hier aufgeben, weil des Vaters Bruder ganz dagegen
war; es wurden die Urtheile von Geistlichen u.s.w. darüber eingeholt;
die Kinder kamen einige Wochen nach Anfang des Sommerhalbjahr[s]
wieder. Da wurde aber der Mann ganz bös, die Mutter der Kinder,
eine Wittwe mußte nachgeben und die Kinder zogen wieder
fort. Als der Knabe (es ist Jakob Amrein von welchen Felix
geschrieben hat) von hier ging sagte er zu mir: - Ich bin mit
Äch gar grüßelich wohl zufriede u.s.w. (:Ich bin mit Ihnen gar sehr
wohl zu frieden:). Später schickten mir die Kinder Blumen
von allen Arten aus ihrem Garten "zu einem Gruß". Jüngst
zum zweyten male, und die Mutter ließ sagen: - (:ich kenne sie
persönlich kaum:) - wenn sie es durchsetzte wozu sie Hoffnung
habe, so schickte sie die Kinder wieder. Und die Magd sagte sie
könne immer nicht fort, denn immer brächten sie ihr noch neue Blumen
besonders ein ganz kleiner 5-6jähriger Junge, den ich gar nicht
und der mich nicht kennt, käme ihr immer wieder nachgesprungen, ihr
noch etwas reichend, was sie mir bringen solle. Also doch Wirken /
[7R]
und Zeichen geistigen Lebens, freylich noch alles sehr auf den ersten Stufen.
Zwar fehlt es auch nicht an Gegnern offenen und heimlichen so z.B.
haben einige aus dem Kirchgang Nottwyl ihre Kinder hieher thun
wollen, allein der dasige Pfarrer hat es schlechterdings nicht zugegeben.
Aber demohngeachtet erfreut sich das hiesige Wirken so weit ich wahr[-]
nehmen kann, durchgängig der bestimmtesten entschiedenen Achtung
(und auch Liebe) so wie auch mir persönlich. Und Entgegnungen wie die
zuletzt genannten wirken, wie auch die früheren in der App. Ztg.
überwiegend mehr fördernd als hinderlich; denn noch ganz kürzlich
sagte mir der Vater von Heinrich, der Statthalter Rüttimann zu
Sempach, welcher zugleich auch jetzt Mitglied des großen Rathes in Lu-
zern also für dieß
Jahr 1/100 des Luzerner Souveraines ist - (:der
große Rath in Luzern, aus 100 Mitgliedern bestehend übt die Souverai-
nitätsrechte des Kantons:) - wie die Urtheile beyder des genannten
Pfarrers und der App. Ztg. gar kein Gewicht haben.- Ich sagte ihm,
wie aber auch, wie ich hörte, in der Volksparthei sehr große Geg-
ner gegen das hiesige Unternehmen seyen, und nannte, den ich
auch eigentlich nur meinte; den Antoni Schnyder zu Sursee, den
Vetter unseres Schnyders und Herausgeber einer Zeitu[n]g, von dem
ich wohl schon früher manches mitgetheilt habe. Herr Statthalter R.
erwiederte mir, daß dieser jetzt auch sehr von seiner früheren
Meinung durch den Sach- und Thatbestand zurückgekommen sey und er
jetzt viel anders und günstiger von hier denke. Auch hört man hier doch we-
nigstens den Gedanken der Nothwendigkeit, daß das Ganze vom Staate
unterstützt werden müsse, aussprechen; so sagte He. Statthalter
Rüttimann: wenn nur jetzt die Zeiten nicht zu fordernd zu übel
wären; allein was gleich mit den bessern Zeiten aufgehen und
mit den ersten frischen Säften derselben wachsen soll muß in
den {entgegengesetzten / schlechten[}] Zeiten vorher gesäet werden; so meine ich.
Auch hat ja der obige Antoni Schnyder wie ich Euch glaub ich schon
einmal mitgetheilt habe, schon früher in Bezug auf mich und
Wartensee nach Bekanntwerden des Appenz. Artikels gesagt:
- Wenn der Mann für das Volk ist, so könnte ihm geholfen werden
hält er es aber auf den Junkeren so muß er hinunter, da hilft
ihm nichts. Ich könnte noch gar Manches als Zeichen und Äußerung
eines theilnehmenden Geistes aussprechen, doch mag es jetzt
damit genug seyn. Ihr werdet hoffentlich durch das Mitgetheilte
klar einsehen daß es nur einer größern Wartung, Hebung, Pflege /
[8]
dieses Geistes bedarf, um in ihm das Unternehmen oder wenigstens die W.
Schule bestehend zu machen.
Wie nun also Keilhau in den Familienleben und in dem Nachgehen nach dem
Kindessinn in demselben - (:selbst durch den Bruder beym Nachgehen nach dem
Wilhelm und Ferdinand u.s.w.:) - früher gesäet, gegründet wurde und später
und wenn auch nach großem Kampfe und unerwartet längeren Ziel sein Beste-
hen gefunden hat, gewiß immer mehr nicht nur Bestehen sondern frisches
Fortentwickeln finden wird, so wird ganz gewiß auch Wartensee
in dem Volksleben und in den Nachgehen nach dem Kindessinn in dem-
selben nicht nur seine Saat und Begründung sondern ganz auch sein Besteh[-]
en finden, denn der Sinn welcher sich in dem Bruder zeigte als Familien[-]
glied, dieser Sinn zeigt sich hier in den Eltern und Vätern als Bürger, Gemein-
de, Volks- und Staatsglieder. Wie Ihr doch ganz gewiß auch aus meinen
zerstückelten Mittheilungen seht, so drückt sich auch hier, in guter Bedeu-
tung wie beym Bruder im Allgemeinen ein großes Nachgehen nach dem
Kindersinn aus; und diesen beachtenden Nachgehen muß man wieder
beachtend nachgehen, denn in den Kindern keimt, aus den Kindern erblüht
die neue Zeit. Eins muß ich weil es gewiß wichtig ist, noch erwähnen
es ist hier überall ein großes inniges Familienleben, dieß findet
man hier schon vor was man bey uns herum erst bilden muß. Jeder Bauern
Hof ist ein Senfkorn oder Sandkorn zu einem Keilhau, der Grund
davon ist das abgeschnittene, abgerundete in sich selbst ruhen der Bauern
Höfe und Bauern Güter, wie ich mir das in Westphalen denke. Ihr
habt vielleicht früher Vergleiche für Scherz genommen; es ist mir mit allem
mein sehr großer Ernst. Darum halte ich so auf Barop, weil ich glaube
daß er durch seine landschaftlichen Lebenserfahrungen den hiesigen Geist
am ersten verstehen, am ersten erfassen, am ersten weiter wecken
und veredelnd fortentwickeln wird. Leute ich kann Euch ja auch nicht alles
an den Fingern hererzählen, ja wenn meine Feder gleich ganze Reihefol-
gen von Gedanken niederschreiben könnte, wie man einen [*Zeichnung: Kreis*], ein
[*Zeichnung: Kreuz*] oder ein [*Zeichnung: Dreieck*] macht ja, dann ließe sich alles wohl mittheilen, aber so
Nein da geht es nicht, denn ich brauche auch wieder für mich einige Zeit
daß der Gedanke Fleisch und Pein und die Geisteswahrnehmung Leben und
That wird, sonst werde ich zu frühe alt, und dazu wär es jetzt noch und
so lang bis der junge Sinn, das junge Leben, die jungen Beine mit den alten
fortkönnen noch ein wenig zu bald. Scherz bey Seite! Ihr seht und
Middendorff und Barop werden mich von ihren landschaftlichen Verhältnissen
aus, wie ich mir sie denke wohl verstehen, daß Wartensee eine
wirkliche Fortentwicklung
von Keilhau ist, denn es findet hier /
[8R]
ein wirkliches (wenn auch rohes doch leben- und gemüthvoll inniges) Familien[-]
leben schon vor. So haben wir eine Schülerin (Katharina Birrer) sie ist ihrem
Gemüthe nach fast mit ihren Eltern zusammengewachsen, sie ist einziges Kind
einige Stunden von hier eine Müllerstochter, sie lebt nur mit den Eltern
sehnt sich nach Hause und freut sich auf die bleibende Heimkehr, ob nun also
auch die Eltern weil sie schon erwachsen ist sie wohl bedürfen so hat
sie doch ihre Eltern leicht vermögt sie erst nur noch bis Pfingsten und jetzt
bis Michaelis hier zu lassen. Also wieder Kindessinn-Nachgehen
des Kindessinn-Familienleben.- Der Vater hat wie ich höre den Ferdi[-]
nand gestern in Luzern auf Wein gesetzt, soll ein Lebensfroher Mann seyn
sagt Ferdinand. Und dieser Mann ist zufällig wieder ein alter Jugend[-]
genosse von Herrn Schnyder, von welchem er zu Ferdin[and] als nur vom
Xaveri gesprochen und welchen er zu grüßen aufgetragen hat; so durch[-]
kreuzen und finden sich wieder wunderbar die Lebensverhältnisse, man
findes [sc: findet] Verbundenes wo man ganz Getrenntes zu sehen meint (:Wie
ich ja auch in vorigen Briefe von Sempach und Meuselbach andeutete:)[.]
Noch eines von Familienliebe und Festhalten des Eindruckes.
In vorige Herbste ehe noch von einer Wartenseer Schule als wirkliche Ausführung
die Rede war besuchte die Fräulein ein Mann und ein Frauenzimmer aus dem
Thale am Baldegger See, jenseits Sempach. Die Fräulein, wie sie großes Interesse
an der Unternehmung nahm und noch nimmt, wünschte daß ich diesen die Arbeiten
der Zöglinge zeigte welche mir nach Fr[an]kfurt geschickt worden sind. Ich that's. Und
das Frauenzimmer welches einen Bruders Sohn hat der viele Anlagen zum Zeichnen besitzt
äußerte, wie sehr dieser Lehrgang demselben zusagen müßte u.s.w. Vor
einigen Tagen begegnete mir dieser Mann nach fast 3/4 Jahren wieder. Er fragte
wie es ging und sagt jenes Frauenzimmer, aus einem Dorfgasthofe, habe sich
seit jener Zeit oft bey ihm erkundigt wie es hier ginge. Gewiß für diese Ver[-]
hältnisse ein namhaftes Festhalten der Sache.
Bey dieser Veranlassung will ich doch eines berühren, was ich schon oft
erwähnen wollte weil ich es für sehr wichtig halte, ob es gleich immer
augenblicklich Wichtigerem weichen mußte.
Es herrscht hier ein sehr großer Sinn fürs Zeichnen und Lust dazu; ich
will darum aber nicht sagen große A ausgezeichnete Anlagen da[-]
für. Die Arbeiten die wir Euch schickten können es so ziemlich beweisen.
Nun ist aber Zeichnen erstlich ein Hauptbildungsmittel, wecket fördert
und entwickelt die Sprachfähigkeit und den mathematischen Sinn
u.s.w. zweytens kann man dadurch leicht und schnell etwas Namhaftes
als Erzeugniß liefern welches a. die Eltern b. die Kinder c. die Theilneh[-]
mer überhaupt befriedigt und wegen der sichtbaren Fortschritte das Leben[-] /
[9]
innere reg, frisch und freudig erhält (:die Kinder werden hier das Zeichnen
fast gar nicht müde:) drittens ist dieß derjenige von unsern Lehrmitteln
welcher mit am vollständigsten wenigstens übersichtlichsten und am mei[-]
sten allseitig durchgeführt ist, wir beherrschen ihn am meisten, viertens
muß sich alle Menschheitserhebung und Bildung in das {ästhetische / Schönheits-} Gefühl an[-]
knüpfen und zwar um so mehr als die zu erhebenden die noch
dem Naturleben nahe sind. Und so ist diese Erscheinung für uns bey
unserem Streben nach Volkserhebung besonders wichtig. Ich bitte lehrt
bey dieser Veranlassung den Schiller "Über die ästhetische Bildung".
Farben und Töne habe ich den Kindern noch gar nicht als Lehrgegenstand
nahe gebracht allein sie verlangen sehr darnach. Große Lust an Farben
scheint auch durchweg hier im Volke zu herrschen, denn die Gärten der
Bauern haben überwiegend mehr Blumen als die der Bauern bey uns
herum; oft finden sich hier die Blumenmengen ganz massig in den bauern Gärten[.]
Ich will dieß alles nicht weiter ausführen, Ihr könnt es selbst thun,
allein gewiß knüpft sich sehr viel daran an, gewiß geht sehr viel daraus
hervor. Dazu kommt noch was vielleicht fünftens besonders bey den hiesigen Ver[-]
hältnissen so höchst wichtig ist: es liegt dieses Bildungsmittel der Kirchenre-
ligion so fern und doch dem religiösen Sinn besonders durch den Na-
tursinn hindurch geführt so nahe. Vielleicht wäre dieß sogar ein
Mittel den Menschen, die Kinder, den KindesSinn, das Kindesgemüth ächt
religiös zu bilden ohne die Religion zu erwähnen, dann seht wären
wir Kämpfer ohne in Krieg und Streit zu gerathen, wir könnten es
vielleicht für etwas zu etwas entwickeln, worüber wir nie sprächen[.]
Wer weiß worinn die Zuneigung (:dieß Wort darf ich wohl ohne zu
viel zu sagen gebrauchen:) - bedingt ist welche das hiesige Unternehmen
hier findet wer weiß es, wer weiß es!-
Noch zwey Beyspiele wollte ich doch dafür anführen. Vor ein paar Tagen
trat beym Anfang der NachmittagsStunden ein Schüler (Melchior Bühlmann)
in die Stube sagend: da kommt ein kleiner Deutschländer (soll heißen Deutscher)[.]
Ich wußte wirklich nicht was er meinte und sah erwartend auf die Thür.
Siehe da unser jüngster eingetretener Heinrich erschien in grauen Kittel
mit aufgenäheten grünen Schnüren.- Also schon wieder ein Schrittchen
weiter. Weil mein Kittel und das Tragen desselben außer von
Reisenden und Fuhrleuten hier sehr auffiel besonders unter den Land[-]
leuten, so war ich schon wegen Einführung derselben in Zukunft etwas
verlegen, jetzt wird es sich wenn es nöthig ist schon einmal machen.
Wenn nur erst einer der besonders etwas höher steht, erst für etwas Neues /
[9R]
gewonnen ist dann folgen schon die andern nach und gern. Selbst die Einfüh-
rung: "ein kleiner Deutschländer" ist nicht ganz leer, die andern
Schüler und Schülerinnen sahen ihn wirklich an als käme er eben aus
Deutschland. Ihr sehet es ist doch keine Spur von Abstoßung oder Abneigung
da und dieß ist gewiß schon sehr viel.
Eine Vorführung unter dieser Rubrik und dann sey es endlich genug denn
ich möchte gar zu gern zum Ziele, und meine doch auch ich dürfte Euch
wie die Sachen jetzt stehn und um dieß von mir am Ende zu ziehenden
Schlußergebnisses willen diese kleinen Erscheinungen nicht vorenthalten,
sie sagen mir mehr als große offizielle Schreiben.
Schon oben habe ich die hiesigen Bauern mit den westphälischen (die ich frey-
lich kaum kenne) verglichen; ich meine aber doch der Vergleich geht auch
im Charakter und Leben noch weit: So sind z.B. die hiesigen Bauern eben
so verschlagen wie ich glaube daß die westphälischen sind, auch lieben sie
hier geistige Getränke wie ich mir dieß habe von jenen erzählen lassen.
Nun von solcher Natur ist denn auch der Wartenseer Bauer, wohl
ein bischen stark und deßhalb ein wenig verschrieen aber weit umher be-
kannt. Dieser nun kam im vorigen Herbste wo es noch um die Warten-
seer Schule in sehr weitem Felde stand, einmal Abend ganz selig
zu mir (:es war das erste und letzte mal s auf diese Weise es muß ihm am
andern Tage selbst nicht gefallen haben:). Genug erst erzählte er mir
was er beim Wein über mich gehört habe, an einem Orte hatte er sich
gestellt als schliefe er; dann theilte er sich auf die ihm mögliche Weise
weiter über das Ganze mit zuletzt faßte er meine Hand und sagte:
"Herr Fröbel ich bitte Euch nehmt Euch meiner Kinder an."- Ich weiß
nicht ob ich recht habe, aber mir will es doch scheinen als müsse bey
dem der in einem solchen Zustande noch so sprechen kann, die Sache
selbst sehr in sein eigenes Leben eingreifen, und die Theilnahme
könne nicht nur in einem berechnenden Eigennutz gegründet seyn;
denn er hat sich wirklich auf seine Weise Mühe wie einer gege-
ben die Wartenseerschule ins Werk zu setzen, und schickt
doch auch während des Sommers wieder 5 Kinder, so weit er sie
nur entbehren kann in die Schule; und die Kinder sind nicht übel[.]
Ein kleines Pröbchen dafür. Hier ist man in den Schulen wunderlich streng
und hart; deßhalb kann der alte Bauer es nicht recht verdauen daß hier
die Kinder freyer gehalten werden; wie er sich nun darüber gegen mich geäußert
hat, so mag er es auch zu Hause gethan haben, daß die Schule den Kindern
zu leicht sey. Jüngst sagte einmal ganz von freyen Stücken sein /
[10]
6-7jähriger Hans Jirg in einer Nachmittagsstunde als er glaub
ich IN, AN u.s.w. schreiben mußte: "Der Vader seyd die
Schul is nüt, abber sie is wohl eppes."- (:Der Vater sagt
die Schule ist nichts aber sie ist wohl Etwas:) - Und der
Junge zeigt an dem Unterricht eine Achtsamkeit daß er oft
die Stirn über den Augen zusammenzieht, z.B. beym Sprachunter-
richte. Dieß aber nenne ich einen Grund- und Eckstein, wozu?- das
ist mir gleich, genug! zu etwas Tüchtigem!- Sein Bruder
Tonni ist so wie er ein Jahr jünger ist, so schwächer aber die
Kraft seines Bruders fühlt er doch. Was Hans Jirg thut, thut
er auch, was jener nicht thut, thut er auch nicht. Im Hans Jirg
sehe ich ordentlich das innere Licht nach und nach zunehmen.
Es ist nun wohl kaum nöthig noch auszusprechen, daß ich diesem nach nun
in mir fest überzeugt bin daß hier mehrseitig sich ein wahres Erzieh-
ungs- und Bildungsgrundlage, Erziehungs- und Bildungsgrund sich findet
und es wird mir gewiß leicht und gern geglaubt werden sage ich: - bedürf-
te ich noch zur Erreichung meines eigensten persönlichen, innersten Lebens-
zweckes einer Erziehungsanstalt, so würde ich alles aufbieten um War-
tensee zu erhalten und sollte ich beym Bauer Herr Hofmeister Informator
werden, wie ich mich in Grießheim zuererst als den Informator der Frö-
belschen Kinder hinstellte auch wohl so nannte.
Zu dem von Seite der Menschen und des sich regenden Menschengei-
stes aus Ausgesprochenen kommt aber noch das was ich in meinen
bisherigen Briefen, besonders in denen an die Kinder über den Cha[-]
rakter und die Wirksamkeit ich möchte sagen über den erziehen-
den
, belehrenden Geist der hiesigen und zunächst ungebenden Natur
aussprach. Es kann jetzt und könnte gewiß nochmehr einst, in Be[-]
ziehung auf Wartensee aber in vergrößertem Maaßstab ausge-
sprochen werden was mir jüngst meine Frau in Beziehu[n]g auf Keilhau
aussprach: - "Wir haben es uns nie verhehlt und dürfen es uns jetzt
"zu unserm Troste am wenigsten verhehlen was K. mit seinen Umge-
"bungen den Kindern ist und seyn kann durch die kräftige Natur die
"es umgibt."- Nun welche GesichtsKreise dagegen hier!- welche
Überblicke über Landschaften!- Welche Rundgemählde!- Welche
Lebenswahrheiten und Lebensgefolge hat hier die Natur mit allen Arten
von Lettern geschrieben! von mikroscopischer Kleinheit bis zur colosa-
len Größe von Tausenden von Fußen!- Was reicht nur der Blick
in den spiegelklaren See! es ist ja wie der feste Blick ins heitre blaue
Auge zwischen den schönsten Wangenhügeln und Stirnenbergen umgeben /
[10R]
von den redensten Augenbrauenwäldern und welch ein Himmel blickt aus
diesem Auge zum Morgengruß, welcher zur guten Nacht. Ruft Euch zu-
rück was ich in den verschiedenen Briefen deßhalb andeutete. Ver-
flossenen Freytag (wir hatten hier ein Fest Peter u. Paul) war[en] Ferdin[and] u. ich
auf - dem Pilatusberge, dem Tommlishorn desselben; da übersahen
wir um nur eines heraus zuheben 10-12 Seeen natürlich groß und auch
sehr klein. Und wie weit ist dieser Punkt von Wartensee?- Acht Stunden!
Morgens 3 Uhr gingen wir fort, Nachts 2 Uhr kehrten wir heim und
hatten mit manchen Hemmniß zu kämpfen. Vielleicht bekomme ich dadurch
einmal Gelegenheit Schweizer Natur zu Euch reden zu lassen um dadurch
zu zeigen, wie ich es mit der erziehenden Umgebu[n]g Wartensees meine.
Doch braucht man deßhalb nicht in so große Weite zu gehen; Ihr wißt
sie spricht auch in der Nähe und doch nicht minder großartig.-
Keilhau und Wartensee - ich will es nur nicht länger zurückhalten es
auszusprechen gehören für mich d.h. wenn ich einmal von Darstel[-]
lu[n]g etwas Vollkommenen reden will nothwendig zusammen wie
glückliche Kindheit und kräftige Jugend - wie frohes Knaben[-]
leben und kun[s]thvolles Jünglingsleben - wie Vorschule und Hochschule[.]
Wie Familien- und Volksleben - Wie kann man bey uns von
Volkserziehung reden wo es kein Volk giebt. Hier ist eben alles
Volk; so fragte z.B. der Dekan Siegrist einmal seinen Gehülfen:
War viel Volk in der Kirche?- Wir sagen, waren viele Leute
in der Kirche. Wohl charakteristisch bey uns steht alles Einzeln.
Bey uns müssen wir erst Familien und Geschlechter wieder herstellen
ehe wir von einem Volke und von VolksErziehung reden können;
Denn wahrhaft ehe ich ein Volk erziehen, also von VolksErzieh-
ung reden kann muß ein Volk da seyn. Dadurch Freunde könnt
ihr nun einsehen warum ich in Deutschland mit VolksErziehung nichts
ausrichten konnte und mein Wirken hier gleich mit einer Volks[-]
Schule, Volkserziehung ohne daß es hier mir Plan u Absicht war
- wie Ihr ja gar wohl wißt - beginnt. Darum konnte keine
Volkserziehungsanstalt in Helba bestehen oder vielmehr erst ent[-]
stehen. Glaubt mir Freunde und Brüder und Ihr Frauen! denn ich habe es
schon oft angedeutet: die Gründe zu unsern und so besonders zu
meinen Lebensschicksalen und Begegnissen liegen bey weitem tiefer
als wir uns als sich besonders die Critik meines Lebens träu-
men läßt. Vielleicht löset sich auch dadurch auf warum die Schweizer
und besonders die im Canton Luzern mich für einen Aristokraten
halten; warum?-- Weil ich ein Stein bin, d.h. ein Einzelner /
[11]
und nicht thatsächlich ein lebendiges Glied eines thatsächlichen Volk[es], eines als und
durch eine Thatsache dastehenden Volkes deutsches Volk ist ein Begriff welchem
die Realität fehlt.
Darum denn, Freunde, Brüder u Geliebte! - und so rücke ich meinem Ziele doch
endlich etwas näher!- Darum wollte ich gleich von allem Anfange (und mein
Wollen war ganz in dem Maaße tief begründet als ich mir noch nicht so klare
Rechenschaft davon ablegen konnte) - daß wir in einer Mehrheit von Keilhauern
hier auftreten und wir hier so unser veredeltes Volksthümliches Familien-
und Erziehungsleben dar- und offenkundig vorlegten, und zwar ein solches
edles und erhöhtes volksthümliches deutsches Familien und ErziehungsLeben*[2])
als ich deutsches Volksleben in meinen Schriften namentlich in der "Über
deutsche Erziehung und das Allgem. Deutsche pp."- geschildert habe.
Darum war es zwar eine Art Scherz der Masse aber nicht Scherz der Sache
nach wenn ich einmal sagte: - Ganz Keilhau sollte sich aufmachen
und auf einige Zeit hier her kommen. Darum hatte es seinen guten Grund
warum ich immer auf dem Herkommen des volksthümlichen Barop über[-]
wiegend bestand. Zwar sprach ich mir die inneren Gründe dazu und
dafür anders aus, aber nicht minder in sich wahr wie in sich sicher
und fest ruhend. Ich sagte mir nemlich: - Was und wofür wir eigent[-]
lich erziehen wollen, edleres Familien- höheres Volks- reines Mensch[-]
heitsleben das liegt zwar in der Anlage hier, allein es muß wie
die < ? > eine magnetische Kraft geweckt, werden; die weckende
Kraft, der erregende Magnet muß mit der zu weckenden Kraft
mit dem zu erregenden Magnetism[us] in Verhältniß stehen; es ist
in gewißer Hinsicht von einer gänzlichen Umdrehung der Polarität
der Pole, die Rede, dazu gehört ein kräftiger ein starker Magnet;
um nun einen Magnet mit einer so starken Wirksamkeit des Magne[-]
tism[us] herzustellen dazu wünschte ich Barop um theils als doppelter
theils als armierter Magnet (B. Du wirst alles dieß erklären)
mit desto mehr gesteigerter Kraft wirken zu können; in mir
fest überzeugt: sey nur die (magnetische) Kraft in ihrer nothwen[-]
digen Stärke einmal geweckt, sey sie geordnet, so könne sie
dann leicht geleitet und verwandt werden und es bedürfe dann
nur von Zeit zu Zeit neuer Anstösse um dieselbe von neuem in
die nothwendige Thätigkeit u. Wirksamkeit zu setzen, in die Kraft
selbst fortzuentwickeln. So sollte mir Barop das Turnen einrich-
ten und ein {kräftiges / geordnetes} Knabenleben hervorrufen. Ferdinand ist
nicht dazu [in der Lage] und ich bin zu stark immer in mir beschäftigt
daß ich selbst den Ferdinand nicht dazu erregen und dafür festhalten kann. /

[11R]
6. Jul.
Denn alle die Euch mitgetheilten Licht- und Lebenspunkte, so freundlich und be[-]
achtenswerth sie sind so haben sie doch an und für sich selbst noch gar keinen
Werth, sie sind vielfach unbedeutend, unbedeutend durch ihre Kleinheit, unbe[-]
deutend durch ihre Erscheinung, durch ihre Einzelheit, durch ihr Unbewußtseyn
unbedeutend durch ihre zufälligen äußerlichen Veranlassung und dem gemäßes
Ziel und Zweck {für / zu[}] und durch für welches und durch welche sie erscheinen; allein
sie können Werth und Wirkung erhalten wenn sie zur Einigung erhoben
werden; sie müßten zu einer Einigung in ein[en] Lebensverband erhoben werden, da-
mit ihre Wirksamkeit eine bleibende, stetig sich erweiternde werde.
Sie gleichen so den einzelnen Licht- und Feuerfunken, entrissen dem Stein und dem
Stahl - den einzelnen Electrischen Funken entlockt der Scheibe, der Walze,
- sie gleichen den ersten keimenden Saamenkörnchen im Frühling - sie zeigen
den an was da ist und kommen wird;- sie gleichen den in Sägespänen oder feuch[-]
ten Tüchern gekeimten Gurkenkernen; sie zeigen, was möglich ist; allein
die Funken müssen freylich zuerst in den leicht brennenden Zunder aufgefangen,
dann aber vorgefacht und vermehrt werden, daß sie auch Härteres ver-
zehren und durchdringen durch das Gewordenseyn eines Feuers, Einer Flamme[.]
Die Electrischen Funken müßen in der Flasche gesammelt werden, daß
der Strahl stark genug werde den größern Raum zu durchschlagen pp[.] pp.
(:Barop wirds erklären:) - Die auf der Oberfläche liegenden, keimenden Saamenkörn[er]
müssen mit Erde bedeckt - den Gurkenkernen muß
umschließende klare Erde gegeben und sie so mit der Mutter Erde
dem Vater Lichte und mit der Familie Luft pp[.] innig geeinigt und
einig werden zu einem einigen, sich nun stetig zu entwickeln möglichen
Ganzen. Jetzt kann das Kleinste, Vergänglichste bleibend groß wichtig wer-
den: führt diese {Größe / Wichtigkeit[}] nach Gefallen und an und durch Bilder
aus wie sie jedem von Euch nahe liegen.--
Sehet, Menschen! Gewiß der wichtigste Punkt, werden wir uns hier verstehen
so ist alles gewonnen, werden wir uns hier nicht verstehen, so ist auch mit der
größten hingebensten Anstrengung nichts als Mühe und Noth gewonnen: -
Auch die größte summarische Vermehrung der Kräfte, der Licht- und
Lebenspunkte und wenn die Einzelkräfte noch so groß, die Einzelpunkte
noch noch so wirkend wären kann im mindesten zu etwas nutzen, solange
die Kräfte geschieden gesondert einzeln sind; Auch - merkt Euch für Euer Leben
und Eure Wirksamkeit ganz besonders dieß - Auch die größte Summa-
rische Verminderung der Noth, Entbehrung, Druck, und wenn die Vermin-
derung in den einzelnen Fällen und Rücksichten noch so groß wären
kann im Mindesten zur Erreichung des zuerreichen aufgegebenen
etwas nützen - als höchstens Genuß, Erschlaffung, Willkühr, Zerfallen /
[12]
wenn die Kräfte nicht ein innig Einiges, sich gegenseitig ganz durch-
dringendes stetig wirkendes Ganze oder vielmehr Ein werden.
Und umgekehrt merkt Euch aber auch dieß und beachtet es;- die gering[-]
sten summarischen Kräfte, Licht- und Lebenspunkte so bald sie sich zu
Einem innigen Ein durchdringen, und so stetig, also sich gegenseitig
in Beziehung auf den Einen Zweck, das Eine Ziel verstehen und fordern
können durch die stetige und so bewußte Steigerung dieser einigen Kraft
jedes Hinderniß überwältigen, jeden Druck besiegen jede Noth pp[.] bekämpfen
dieß ist meine ewige Überzeugung und der Schlüssel zu meinem Leben.
Weil sie im Leben in der ganzen Strenge und Anwendung Niemand als
durchgreifende Lebensthatsache mit mir theilt, so ziehe ich mich aus dem
Leben zurück um die Wahrheit jener Überzeugung die eines mit meinem
Leben und so die Wahrheit meines Lebens selbst zu dokumentieren.
Ich habe es schon mehrmals schwächer und stärker ausgesprochen und will
es hier bey dieser Veranlassung nochmals, mögte es das Gepräge der
Wahrheit an der Stirn tragen was ich sage: - Alle unseren Druck und al-
le unsere Noth, und also auch nicht die Größe der auf uns ruhenden Schul-
denlast halte ich im mindesten gleichsam für eine Strafe äußerer Vergehen
sondern einzig für die Folge unseres uns gar nicht im Innersten einigen und
verstehen, oder vielmehr gegenseitig für den höchsten Lebenszweck Durch
-dringen Wollens
,
welche gegenseitige Durchdringung der EinzelMenschen zu
einem einigen Menschheits Ganzen d.i[.] zur bewußten Menschheit
selbst - Aufgabe und Ziel der jetzigen Menschheits[-]
         Entwicklungs- und Bildungsstufe ist
weil nun dieses jetzt nothwendig - (:wie die Bestimmung eines astronomischen Früh-
lings:) - in und bey dem Menschengeschlechte stattfinden soll, wir dieß
jeder auf seine Weise und auf seiner Lebensstufe mehr oder minder ahneten,
aber dieser Ahnung bey leisem und persönlichem Einzeldruck nicht streng ge[-]
nug nach gieng, so wurde nicht zur Strafe pp[.], sondern wenn ich mich so aus[-]
drücken darf aus Achtung und Anerkennen unseres Beachtens des leisen
Ahnens nach Maaßgabe unserer steigenden Kraft und - je näher wir
dem Ziele der Seelen- Geistes- und LebensEinigung kam[en], der Lebens[-]
druck vermehrt, wir hätten bey dem klaren vor Augen Haben unseres Lebens[-]
Zieles oder vielmehr Lebenspreises und bey dem unbestreitbaren Bewußtseyn
unseres treuen Strebens bey dem steigenden Druck jubeln und freudig seyn, statt
wimmern und klagen sollen, denn er war erstl. ein Beweis daß wir der Lösung
der Lebensaufgabe stetig näher rückten, zweytens der Huld, Liebe Gottes drittens /
[12R]
des Zutrauens und Vertrauens Gottes des Vaters zu uns als seine Kinder,
daß wir die uns von ihm gegebene Lebensaufgabe lösen würden minde-
stens gewiß lösen könnten. Also Freunde und Freundinnen geht nur
in dieser Lebensanschauung nun mit ruhiger sicherer Stetigkeit weiter
fort: jede äußere Verminderung der Last war eigentlich eine Ver-
mehrung des Lebensschmerzes; es ist natürlich durch diese äußere Ver-
minderung wurde nur die innere eigentliche Geistes- Seelen- und Lebens[-]
Einigung um die es sich doch nach dem Plane der Vorsehung einzig und
allein handelte um so weniger unter den nun einmal Stattfindenden
Lebensansichten möglich, also war die Verminderung der Last des Druckes
keine Erhöhung, Vermehrung der Lebensfreuden, des Seelenfriedens
des geistigen Lebens, sondern nur durch dad[urc]h größere Entfernung vom
Lebensziele und Lebenszwecke - Verminderung von alle diesem. Sollten
wir denn nicht alle für alles dieß Lebenserfahrungen haben, die
uns zeigte daß dieß Lebenswahrheit sey?- Seht die Luft ist etwas
Hingehauchtes daß der gewöhnliche Mensch meint, sie diese Lebens-
geberin und Lebenserhalterin sey Nichts, denn er sieht ja Nichts
und doch kann man daraus Feuer schlagen wie aus den starresten
Kiesel, dem härtesten Stahl; laßt es Euch den [sc.: von] Barop erklären[.]
Hat er es nun einfach gethan so werdet Ihr mich verstehen
nehmt das kleinste Sandkörnchen von Druck hinweg und weniger, so
bleibt die Luft, Luft, aber je herzhafter der Druck - und es bewirkt uns
wenn wir nur Zündschwamm dazu bringen, das brillanteste Feuer-
werk oder was Ihr sonst woll[t] die Beleuchtung - Erleuchtung der größten
Stadt auf der Erde.
Seht so denke ich, freylich jetzt klarer, bestimmter, das Einzelne erfassender
beachtender durchdringender (:eben durch den sich stets steigernden Druck:)
aber so dachte ich immer darum hat meine Seele auch nie der Gedanke ver[-]
lassen meine Schulden auch bis auf den letzten Heller selbst zu bezahlen
darum nie die Überzeugung daß ich es auch zu seiner Zeit mit Gewißheit
werde thun können. Aber Holz braucht man deßhalb auch nicht gerade zu
immer, wenn auch vielleicht zu Zeit auf sich spalten zu lassen, wenn man
nur sein Leben und sich, in sich selbst zu finden strebt, rastlos strebt.
Seit einem Jahre mindestens ist so ziemlich äußere Noth und Druck von mir
fern, aber Gott weiß in welche Schachten u Schluchten des Lebens ich gestiegen
bin und was ich gearbeitet habe [-] ich hoffe die sprechenden Thatsachen liegen hinlänglich vor [-], kein Pferd an der Roßmühle arbeitet
so ununterbrochen aber ich habe endlich gefunden was ich suchte, was ich finden
sollte - mich selbst.- Zwey Briefe an einem Tage gaben den letzten Druck, /
[13]
und um mit dem letzteren Bilde fortzureden schlugen in der Seele die Lebens[-]
funken auf, der Zündschwamm war mürb genug. Ich hoffe nun mich nie
wieder zu verliehren könnte ich mich auch wirklich durch zu große Wolken
der LebensGewitter auf kurze Zeit für mich selbst verbergen.
So wird endlich das Leben dem Leben abgewonnen abge-
kämpft, so wird des Lebens- der Menschheit Ziel und Preis ergriffen,
denn was der Eine, der Einzelne vorkämpfend erringt, das soll die Mehr[-]
heit, die Vielheit nachkämpfend erringen, wie das gestern gebrauchte
Bild der Feuerliebe (:Lychnes) der Apfelblüthen auch der Rosen u.a.
mehr. Und hier wieder erst die kleinste, kleinere Mehrheit dann
die größten und größte, erst die kleinste Vielheit dann die großen
und größte, bis zuletzt der Menschheit Apfelbaum wieder in seiner
der vollen Pracht seiner Rosenblüthe dasteht.
Lassen wir nun für unsern nächsten und jetzigen Zweck der mit einem Worte
Wartensee heißt das Bild und Anschauungs Mittel des Lichtes zurück-
treten, weil es dazu etwas zu unbequem ist und dabey zu viel zu
übersetzen sey und dagegen zu dem schon früher gebrauchten dem
Magnete zurück kehren:
Alles Entstehen (:Ent-stehen:) alles Entwickeln, Fortentwickeln
Bilden, Fortbilden geschieht geschieht [2x] auf eine gewisse Weise und
in einem gewissen Sinn magnetisch.- Ich konnte freylich wohl er-
fassender electrisch sagen; allein dieß Bild liegt uns ein wenig
zu fern und zu dem was ich jetzt hier sagen will ist jenes Bild
schon hinlänglich; erfassen wir einmal den Gegenstand noch tiefer
so können wir dann auch - wenn wir es beherrschen - das erfassen[-]
dere Bild wählen.
Der Magnet weckt die schlummernde und magnetische Kraft, macht
sie auf gewisse Weise selbstständig magnetisch wirksam, steigert
sie durch stetig steigende Übung, wie durch Armierung (:Ordnen, Binden:)
und Verbindung. Nun meine ich - aus den vorgeführten Thatsachen gehe
nun wohl mit großer Wahrscheinlichkeit <jawohl also> Gewißheit hervor,
daß namentlich im Canton Luzern und besonders auch in der Umgegend
Wartensees so viele noch minder geschwächte Kraft reines Menschen-
edleren Familien- und Volkslebens schlummernd ruhe, als man nur
jetzt irgend noch in einem Lande deutscher Zunge finden oder erwarten könne
sie müsse darum nur geweckt, durch Behandlung befestigt und durch Verbin-
dung und Einigung der vereinzelten Kräfte gesteigert werden. Wenn
also nur - was ich oben zunächst in Beziehung auf Barop allen aussprach - in War- /
[13R]
tensee eine wirksam Magnetische Kraft von solcher Stärke ausge-
führt werden könnte, daß sich nach und nach diese drey Stufen ihrer
Wirksamkeit von ihr erwarten lasse so würden gar manche der
jetzt entgegengesetzt wirkenden Pole nicht nur unschädlich gemacht son-
dern die meisten sogar umgedreht und in ein kräftiges Wirken da-
für verwandelt werden können.
Alles hängt nun meiner Einsicht nach nur einzig von der Ausführung
eines solchen Magnetes in Wartensee ab, ist dieß erreicht so ist der Erfolg
nicht im mindesten nach meiner Einsicht zweifelhaft. Und
die Sorge, "daß hier Mittel verwandt werden könnten welche we-
nig oder nichts fruchteten" löset sich mir so ganz - daß ich, mit einem
auf die angedeutete und dargelegte Einsicht ruhenden festen Vertrau[-]
en die mir immer möglichen Mittel jedoch unter einer ganz wesentlichen Doppelbedingung dazu anwenden würde, wenn mir
persönlich
; War[-]
tensee - was ich später noch zeigen und beweisen werde - noch For[-]
derung und Bedürfnis seyn könnte und dürfte.
Diese Doppel- oder vielleicht besser dreyfache Bedingung ist aber:
erstlich, daß wenn etwas geschehe es nichts Halbes sondern ein
Ganzes sey
zweitens, daß das was geschehe mit Um- und Übersicht geschehe,
drittens, daß es mit Ausdauer geschehe, wenn es einmal
begonnen werde.
Kann das was zu geschehen möglich wäre nicht mit diesen drey Eigen[-]
schaften geschehen, so ist am besten es geschiehet ganz und gar nichts
und überläßt die Sache ganz rein und allein sich selbst über.
Daß mir nur aber dieses Dreyes von Seite Keilhaus möglich erscheint und
wie es mir möglich erscheint ist eigentlich der Zielpunkt und Schluß-
stein
dieses Briefes, so wie der Gedanke und meine feste Überzeugung,
daß Wartensee für Keilhau - wenn Keilhau als eine stetig
wachsende Mehrheit
sein großes Ziel und hohen Lebenszweck stets
im Auge behalten will und zu seiner Zeit wirklich erreichen will
- ganz wesentlich nothwendig ist,- eigentlich der Ausgangs-
Punkt und das Fundament, die Grundlage dieses Briefes ist.-
Ehe ich nun zur eigentlichen und weiteren Darlegung des Daß es
nöthig ist und der Beantwortung des Wie es nöthig ist über[-]
gehe will ich vorher noch einige Einzelpunkte aus dem ange-
führten Briefstellen herausheben und meine Meinung darüber
sagen, damit ich es nicht vergesse was mir unlieb wäre. /
[14]
Es heißt an einer Stelle, die Ihr in der Verbindung nachlesen könnet: -
"soll denn darum schon die Forderung einer ächten Menschenerziehung
"wie wir sie erkennen, und die vielleicht die letzte Staffel seines
Selbsterkennens ist in dieser Zeit ist auszumachen bestimmt ist schon
"hervortreten?-- oder vielmehr schon ausgeführt werden?-"
Eben deßhalb, weil wir mindestens darauf nicht mit Gewißheit
mit ja antworten können, so müssen für die verschiedenen oder
wenigstens für einige Zwischenstaffeln des menschlichen Selbster-
kennens in der Zeit - Erziehungsanstalten ihnen genügend ange-
bauet und ausgeführet werden, aber alle in Einem Geiste und
zu Einem Ziele führend, damit der Mensch endlich den Weg zur
letzten Staffel seines Selbsterkennens in dieser Zeit kennen lerne,
und er endlich von der Qual diesen Weg zu suchen befreyet werde.
Früher lag es wohl in meinem Plane das Eine große Erziehungsan-
stalt oder Ein großer Erziehungsort; gleichsam Eine große Erziehungs-
Gemeine zugleich den wenigstens wesentlich verschiedenen Staffeln
der Selbsterkenntniß des Menschen entsprechen sollte; doch
diese Aufgabe war gleich zu groß, sie kann vielleicht erst, wenn
sie überhaupt noch gelöset werden soll, gelöset werden, wenn
die Aufgabe durch die Ausführung mehrerer im innigen Ver-
bande, ja Einigung in Beziehung auf Geist Leben stehende Er-
ziehungsanstalten für verschiedene Entwicklungsstufen gelöset ist.
Weiter heißt es im Fortgang jener Stelle: "Was auf dem gro-
"ßen Gebiete der Menschheit zum Besten der Menschlichkeit ge-
"säet wird - keimt, sprießt, blühet und fruchtet weder zu einer Zeit
"noch an einem Orte, noch durch eine Hand.["] Eben deßhalb nur
suche ich zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten Erziehungs-
anstalten auszuführen welche unter der Leitu[n]g von verschiedenen Köpfen
durch verschiedene Hände geführt werden. Diese Stelle spricht wieder
wie die obige für die Festhaltung von Wartensee zu einer möglichst
vollkommenen Zielerreichung selbst für Keilhau.
Und nun will ich gleich bey dieser Veranlassu[n]g noch etwas den Gedan-
ken ausführen: - "daß Wartensee für Keilhau, wenn dieses als
"eine stetig wachsende Mehrheit sein großes Ziel und seinen hohen
"Lebenszweck stets im Auge behalten und zu seiner Zeit wirklich
"erreichen will - ganz wesentlich nothwendig ist." Im Allgemei[-]
nen habe ich zwar diese Nothwendigkeit schon in dem Verhältniße
angedeutet in welches ich oben beyde Anstalten zu einander stelle: /

[14R]
7en July
Knaben- und Jünglingsalter, oder Kindheit und Jugend doch diese Andeutung
ist zur Bezeichnung dessen was in dieser Beziehung vor meiner Seele
schwebt noch lang nicht genug.- Groß ist der Gedanke welcher vor mei[-]
ner Seele liegt, schwerlich werde ich ihn durchs Wort erfassen allein ich hoffe
Ihr könnet ihn durchs Gemüthe er- und begreifen: - Wir sind eine,
wenn auch zum Theil ge- und vereinte, doch durch Geist und Gesinnung, Leben und
That innig einige Familie. Ihr wißt wie leicht und schnell eine an Körper
und Geist gesunde Familie wenn sie besonders schon das dritte Glied er-
reicht hat auch äußerlich wächst. Die Greiner Familie in Limbach kann zum Bey[-]
spiel dienen.- Nun ist es aber keinesweges mit dem physischen Wachstuhm
und der leiblichen, der PersonenVermehrung allein gethan und ich will dieses
hier keinesweges als Hauptsache, sondern auch nur als den Träger und den
Körper meines Gedankens festhalten. Was ich hier vor Augen habe ist ei-
gentlich das Festhalten des Geistes, der Gesinnung, des Lebensberufes, und die-
ses Festhalten nicht allein, sondern vor allem auch Fortentwickeln und stei[-]
gernd Fortausbilden des Grundgedankens - eben auch mit der physischen
leiblichen Vermehrung der Familie zugleich im Auge behalten; dieser Geist
diese Gesinnung, dieser Lebensberuf wird doch immer seyn:
"Darlebung, Darstellung der reinsten Menschheit in Wort und That
"zu und für innere und äußere Fortentwicklu[n]g und Ausbildung."
Nun sagt aber meine Frau die so wahren als gewichtigen Worte: "Ich
"dächte ein Leben ein Beruf wie der unsrige, ein wahres Erziehungs Leben
"- könnte unter allen Umständen nur auf Mäßigkeit, Einfachheit, Ent-
"sagung und Entbehrung gegründet seyn, nur bey dieser bestehen, nur in
dieser bedingt seyn - müßte aber auch seiner Natur nach ein innen
"und außen freybewegtes und sich bewegendes seyn und bleiben können[."]
Sehet das ist es Freunde! - Meint Ihr denn daß ich wünsche und will unsere
Nachkommen (:ob ich gleich selbst keine habe:) sollen sich in physischer, moralischer
und intellectueller Hinsicht auch so schinden und plagen wie ich und wir?-
Nein! das will ich nicht, sie sollen ihr reichliches und gehäuftes Maaß zu
thun bekommen nur mit Unterschied. Ich will keinesweges mein Leben
in seiner Erscheinung, d.h. Äußerlichkeit und auch unser kriegerisches
und in einer gewissen Hinsicht nomadisches Keihauerleben - (:wir wüßten
ja gar oft nicht was wir morgen unser nennen, oder wieder würden:) nicht
zum Musterbild für die Äußere Erscheinung jetzt und in Zukunft hin-
stellen. Einmal mußte und muß es so gelebt werden, aber unsere
Nachkommen sollen es seinem Geiste, seiner Gesinnung, seinem Ziele treu
äußerlich edler reiner leben - denn sie sollen die Menschheit dadurch för- /
[15]
dern daß sie reines edles Menschenleben, rein und edel in physischer
moralischer
und intellectueller Hinsicht im (Empfinden) fühlen. (Er-
kennen) Denken (Handeln) und Thun, durch Herz, Kopf und Arm
darstellen, ausführen; aber wir sollen es ihnen möglich machen
wir sollen ihnen wenigstens die Magnetnadel hinterlassen und Materialie[n]
zum Schiffsbau, daß sie weiter das Lebensmeer sicher und {muthig / vertrauend[}] beschiffen
können. Oder wählt Euch sonst ein Bild daß [sc.: , das] Euch lieb ist.
David schon war erst Hirte kämpfte mit den wilden Thieren, schweifte dann
in der Wüste umher und verbarg sich in Höhlen und danach bauete sein
Sohn dem Jehovah das prachtvollste Haus. Oben habe ich schon die Mensch-
heit mit einem blühenden Apfelbaum verglichen d.h. daß sie einst einer
werden soll, wie ich sagte daß sie dieß Jahr so schön hier geblühet haben;
nun seht: - der harte Rauhe Stamm, zu erst ein hingeworfener Kern
muß unmittelbar in die Erde wurzeln, aus der harten Erde muß er sich
Nahrung suchen - was hat er zum Lohne?- Nichts! höchstens daß er das Mark
umschließet.- Die Äste habens schon ein bischen besser, doch nicht viel
nur die Zweige welche aus den Ästen keimten, die in dem Stamm ruhen,
welcher in der Erde wurzelt, die haben es besser; aber sie haben auch
wieder ganz zu thun sie müssen wacker blühen und sollen schwere
Früchte bis zur Reife tragen, die wieder zur Erde fallen können bis
die ganze Erde nur ein blühender Apfelbaum werde, dessen Stamm die Erde
selbst ist. Um das intellectuelle nur Herauszuheben die Blüthen nun müssen
den Linnée und Jüssiou studieren u. daß sie wissen was Staubfäden und Staubwege
sind rc. auch Sturms u Rössels Käfer- und Insectenkunde u.s.w. Versteht
mich also die freye selbstständige Familie muß sich zu einem in sich und von Äußeren
in jeder Hinsicht seiner Fortentwicklung und Ausbildung ungehemmten Geschlechte
und Stamme erheben und < ? >, wir müssen also ein in jeder Hinsicht beson-
ders aber auch in intellectueller Hinsicht in uns und durch uns Bestehendes
werden; dazu ist nun Keilhau zu klein; es braucht dazu auch der Hohen
Alpen und die Kenntniß das Besuchen des ewigen Schneees, der alten Weisheit.
Ich kann Euch hier nur die geschürzten Lebensknoten schicken, entwirrt sie selbst
aber - zerhauet sie nicht: - Freylich meinte ich einmal Keilhau sollte
zu all dem Angedeuteten nicht zu klein seyn war es auch vielleicht der
innern Natur der Sache nach nicht, wie kein Eichkern zu klein zu einer
1000jährigen Eiche ist, und kein Orangenkern zu klein zu einem alle Jahres[-]
zeiten einenden Orangenbaum; allein das werden eines Orangenbaumes
bedingt fordert im Anfang harte spitze Dornen, allein man [kann] sie weder scheuen noch
abschneiden, <man muß> sie abfallen lassen. Nun die Vorsehung wollte es anders;
vielseitig habe ich mich schon darüber ausgesprochen. Und gut ist, was diese gut heißt. /
[15R]
Bey dieser Gelegenheit will ich nur auf Veranlassung einer Stelle in dem Briefe
meiner Frau wo es heißt: - "Bey Tische wurde unter andern auch von ihren
(Martins) Verhältnissen zum Meiningschen Hofe gesprochen" noch erwähnen.
Pfleget wie sich Gelegenheit darbiethet immer stetig und still das Meiningsche
Verhältniß, und wenn weder ein Wilhelm I oder II oder III das dort an[-]
geregte ausführt, wer weiß ob nicht einmal ein Wilhelm IV oder wer sonst aus unserm Kreise
auf dem dort Angebahnten fortbauet oder in das gewonnene
Land säet.- Wir alle in Keilhau und besonders ich zehren von Eltern
und Großeltern, auch wir müssen für die Kinder und Enkel säen nur
jeder auf seine Weise, wenn nur immer guten Saamen und mit guter klarer Be-
sonnenheit.- (:Eigentlich hätte ich wie ich jetzt sehe, das Bild vom Acker
durchführen müssen; nun Ihr könnt es übersetzen: wenn nur das Land gut.[:)]
Ja Freunde und Geliebte! es ist höchsterstaunenswerth und beachtungswürdig wie
das was Vielen und auch wohl uns in der Gegenwart so einzeln und rund da stehet so weit in
die Vergangenheit hinauf steigt und fast noch mehr
in die Zukunft fortläuft und wie es dabey aber zuletzt immer auf den Cha-
rakter, die Gesinnung und das Handeln den Geist einer Person hinausläuft und
auf das feste und immer mehr klärende, und ausbildende, bewußtere
Festhalten desselben in jeder Folgezeit und aller Zukunft. Was aber
hier in dem Leben ganzer Geschlechter und Völker das klärende Festhal-
ten des Geistes einzelner Personen ist, daß ist in dem Leben des und
jedes EinzelMenschen das immer mehr klärende und ausbildende Fest[-]
halten der Kindesgefühle und Jugendgedanken.
Ich habe es schon früher zum öfteren besonders bey lehrenden und prüfenden,
Blicken in das Leben und die Schicksale Pestalozzis ausgesprochen: - Auf
das Höchste wichtig halte ich es für die Zukunft, für einzelne Menschen sowohl
als wie für den Frieden und das Glück ganzer Familien und Menschen-
geschlechter, daß endlich einmal ein Mensch in Klarheit und nachweislich,
anschaulich die Wahrheit, die Sicherheit seiner Kindesahnungen, seiner
Knabengefühle, seines Jünglingssuchens und seines Mannesstrebens
und überhaupt die innere Wahrheit eines Menschenlebens
- durch sein Leben selbst, d.h. durch die gewonnenen Früchte, durch das
erreichte Ziel seines beurkunde, denn oder anders ausgesprochen: die[-]
se
Ahnungen, diese Gefühle, dieses Suchen, dieses Streben müssen endlich
einmal wahr gemacht, in ihrer Wahrheit gezeigt werden, wenn dem
Menschen, den einzelnen und den Geschlechtern endlich der Friede kommen soll [.]
Sie müssen gerechtfertigt, von der Verkennung, Erniedrigu[n]g mindestens von
dem scheelen zweydeutigem Blicke der auf ihnen ruhet befreyet erlöset werden
damit die künftig heraufkeimenden strebenden Menschen einmal wissen woran /
[16]
sie sind. Ich will wenigstens an meiner Stelle und in meinen Verhältnissen in und durch
mein Leben mein Möglichstes dazu beytragen daß es geschehe, daß wenigstens
der Anfang zur Entwicklungsgeschichte eines Menschen für inneres und äußeres
Lebensbewußtseyn gemacht werde, und diese zur Ausführung wenigstens
überliefert werden können.-
An meiner Statt und für mich will ich wenigstens den Glauben an mich und
meine Gesinnungen das Vertrauen zu mir und mein Wollen welches sich so
stark durch mein Leben ziehet mit aller Hingabe zu rechtfertigen suchen
damit nicht einmal Andere schuldlos die Folgen davon tragen wenn ich es
nicht thäte d.h. damit nicht einmal anderen in Zukunft welche diesen Glau-
ben und dieses Vertrauen in noch höherem Maaße als ich verdienen, der-
selbe und dieselbe, wegen früherer Teuschung entzogen und dabey auf mich und
mein Leben als ein Beyspiel hingewiesen werde.
Es war von frühe d.h. von sobald an als man über so etwas denkt meine Sorge
einst weder als Thor und Narr - noch als gutmüthiger, dummer Teufel noch
als Phantast - noch als Schwärmer (:weil man den Ausdruck Schwarm
doch schändet ob man gleich den Bienen und den Ameisenschwarm, wun[-]
derbar genug zum Bilde eines anzustrebenden Lebens macht.- Aber so unge-
wiß ist es wer sich auf auf der MenschenReden verläßt {setzt sich / plump[s]t} zwischen
zwey Stühle nieder.- Sagte doch einmal die Fürstin von der
Lippe als ihr, ihr Baumeister Tapp das nach einem neuen Plane desselben
ausgeführte rundliche Haus zeigte: "Ich möchte wohl den Schwarm glück-
licher froher Menschen sehen der in diesem Hause wohnte."- Aber so ist
der Mensch, genug ich wollte und will dennoch auch nicht als Schwärmer
sterben:) - ebenso wenig aber auch als Betrüger oder Betrogener
sondern als reiner, edler einfacher aber bewußter Mensch.
Eines aber führt nur zu diesem hohen Ziele: - höchste Sammlung der
Kraft in sich, ruhigstes allseitiges Zusammenwirken lassen in sich, in
gleicher Zeit alle für einen gleichen Zweck zu einem gleichen Ziele - keine innere
Trennung, keine Stöhrung, keine Hemmung, kein Zweifel — (denn
auch die strengste Prüfung mit Festhaltung der innern Überzeugung
bis zum Richterspruch der Vernunft ist noch lange nicht Zweifel, und
eine solche harte Prüfung selbst ist noch lang nicht so nachtheilig als der
leiseste Zweifel) - darf da stattfinden ­. Ein solches Ziel und ein solches
Streben scheidet nun zwar wohl den Menschen nicht für immer aber wohl
für einige, längere oder kürzere Zeit aus dem menschlichen Lebensverkehr
aus, aber nur um desto wirksamer und lebenvoller in denselben zurück
zu kehren. Warum?- Warum aber doch jenes Ausscheiden?- Weil der Mensch
in jenem Zustande selten verstanden und darum selten geduldet und getragen[.] /
[16R]
Dieser Zustand gleicht der Verpuppung einer Raupe, soll aber der Schmetterli[n]g
erstehen so muß die Verpuppung vor sich gehen; wie Reizbar ist die Raupe
während und in dieser Verpuppungs Zeit. Überhaupt was ein häßliches
Thier ist und was ein häßliches Leben führt eine Raupe erstlich ist sie durch
ihr ganzes Leben hindurch ein Nimmersatt, was man ihr giebt fällt wie ein
Tropfen Wasser auf einen heißen Stein - dabey zweytens will sie doch durch ihr
ganzes Leben hindurch immer nur ein besseres, bequemeres und prächtigeres
Kleid um das andere anziehen - endlich drittens wenn sie nun so ihr Leben
gedanken- und sorgenlos wo das am Ende nur hinaus will hingelebt hat
geht sie schlafen, aber damit lange nicht genug sie macht sich viertens ein
recht bequemes Bette oder sucht sich ein schattiges Plätzchen aus, will
entweder weich oder wenigstens bequem liegen. Ist nun auch dieß
geschehen so ist sie wie sie allem Lebensverkehr unzugänglich ist, dabey noch
fünftens auf das höchste empfindlich nicht anrühren darf man sie nicht ein[-]
mal mit den Fingerspitzen, so stellt sie sich ungebärtig und schreckt. End-
lich seit wenn die Zeit der Noth des Wartens pp[.] verschlafen ist kommt mit
dem herannahenden Frühli[n]g mit den Tagen der Heiterkeit Klarheit und
sonnigen Wärme sechstens der frohe heitere Schmetterli[n]g hervor. Und
wem ist dann dieser sich selbst hebende und tragende, frey
schwebende Schmetterling?-- Ein Bild der Seele; ein Bild dafür
der sich selbst gefundenen, entfesselten freyen Seele - der bedürf-
nislosen, sich mit Blumenduft nährenden und in Sonnenstrahlen
kleidenden Seele.
Was fraß die Raupe?- Sie entkörperte das verkörperte Licht die
gefesselten Sonnenstrahlen - Farben.
Was häutete sich die Raupe immer und zog immer ein neues besseres Kleid an?-
Sie suchte für das innere Leben die entsprechendste äußere Form.
Warum machte sie sich so emsig das sanfte oder stille Bett?- Sie grub
sich angstvoll und in Todeskampf das stil ruhige Grab!
Warum schlief sie so lang und so sanft und kümmerte sich nicht ob Winter
Sturm und Frost alles vernichte?- Sie vernichtete sich in sich selbst um
klarer zu erstehen!
Warum war sie so neckisch u schneckisch?- Damit keine Hemmung die
innere Entfaltung des Lebens stöhre damit keine Trennung die Erscheinung
der Einheit, damit keine Fessel die Erscheinung der Freyheit damit
kein Fehl und Mangel die Erscheinung der Freude stöhre.
Sich selbst gefunden habend geht so der Mensch freudig ins frohe Leben
zurück.- Ich sagte in vorhergehenden Briefen: Ich brauche Wartensee
und Keilhau nicht mehr. Jetzt wißt Ihr warum?- Dort häutete ich mich
hier verpuppte ich mich.- Nun trägt mich der klare Lebensäther.- Denn /
[17]
es ist errungen das Bewußtseyn im eigenen Bewußtseyn und im u am eigenem
durchs eigene Leben: überall ist Leben - überall ist der Himmel - ist Un-
sterblichkeit ist Gott, und somit alles Seyn und alles Leben was aus der
Quelle des Seyns und des Lebens hervorfließet.-
Archimedes sagte: - "Gebt mir einen Punkt außer der Welt und ich bewege
die Welt!"- Ich habe ihn gefunden diesen Punkt nicht wo ich die Welt überhaupt
aber meine Welt und ein Jeder die seine bewegen kann, sey dieser Ein Jeder
nun eine einfache oder eine Zusammengesetzte Einheit: - Es ist dieß
"das innig einige sich selbst Besitzen im eigenen Gemüthe!"-
Es ist nun schon mehr als ein Vierteljahrhundert her daß es unbewußt ich wußte nicht woher und warum in
mir aussprach: - "Mein Streben sey die
"Menschen ihnen (sich) selbst zu geben."- Wer dieses ungeheure Stre-
ben beginnt muß vorher sich selbst besitzen.- So unbewußt sich dortmals
jenes Streben in mir aussprach, so unbewußt führte
mich die Vorsehung nach 20 Jahren zu diesem ersten Ziele und nun
da ich nach überwiegend mehr als einem Jahrzehende als ich dieß zuerst jenes
zuerst in Grießheim und dann in Keilhau mit klarem Plane durch eine
Erziehungsanstalt erstrebte, jetzt um so viele Jahre älter; so viel
also auch an Körperkräften schwächer und dabey unter vielfachen
höheren vermehrten Druck von außen und bey dagegen in gleichem
Maaße verminderten äußern Mitteln beginne ich von neuen das mir vorge-
steckte Ziel zu erreichen, die mir gegebene Lebensaufgabe zu lösen [.]
Wie?- Wodurch?--- Vielleicht beantwortet dieses ein Bild:
Ihr wißt alle welche Bedeutung ich wie mehreren Dingen und Erscheinungen in
meinem Leben, so auch meinem Stammbuche gebe, es hat mir früher
(:dieß ist bey meinem Sinn und Streben ganz natürlich ja nothwendig:) - Vieles
gleichsam orakelmäßig vorausgesagt und ich würde wohl früher noch zum
Ziele gekommen seyn hätte ich den Umfa[n]g fürs Leben von mehreren noch früher
verstanden. Doch diese Seite der Betrachtung gehört nicht hierher, es handelt
sich nur jetzt um die Beantwortung jener Beyden Fragen durch ein Bild.
Genug ein Mann in doppelter Fülle von Lebens- und Jugendkraft gegen mich
dortmals, der aber dennoch lange vor mir vom Lebensschauplatz abge-
treten ist schrieb mir die Bekannten Worte aus dem Götz ins Stammbuch
"Ein gescheuter Kerl und ein tüchtiger Regen dringt überall durch[."]
Zur Beantwortung der obigen beyden Fragen nun zwey andere Wie?-
Warum?- Weil es runde Tropfen, weil sie schwer sind (zur Mitte
Einheit streben).
Nun meine ich zur Beantwortung der obigen beyden Fragen und zugleich
der angeführten Stellen aus meiner Frau jüngsten Briefe: - /
[17R]
"Gieb auch das Besterkannte, das redlichst Angestrebte, wenn Du nicht durch[-]
"dringst zurück in Deines ewigen Vaters Hand - der allein alles durch-
"führbar - lege es hier vor seinem Auge dem allein alles durchschau-
"bar."- Das Werk gleicht dem Meister, hat Eigenschaften des
Meisters, trägt von dem Wesen des Meisters an und in sich; das Geschöpf
gleicht also auch dem Schöpfer, hat Eigenschaften des Schöpfers, trägt
von dem Wesen des Schöpfers an und in sich. Die Wahrheit dieser meiner
Meinung beweisen nun gleich auch die Worte in meinem Stammbuche.
Thau u Regen sind doch ein Werk Gottes; man kann sagen Thau-
und Regentropfen sind Geschöpfe Gottes. Nun tragen diese aber
nach der angeführten Briefstelle und nach den Worten im Stammbuche
wirklich von Wesen Gottes an und in sich gleichen ihrem Meister
Schöpfer denn - sie dringen überall durch, was sie wollen führen
sie aus, sie sind einig und klar in sich wie ihr Meister, das
ThautropfenAuge trägt in sich den Himmel und die Erde, wenn auch im
winzigen Bildchen wenigstens immer strahlend die weckende, bil-
dende, tragende Sonne.
Weiter meine ich der Mensch ist ein Werk und Geschöpf Gottes wie
der Regen- und der Thautropfen, wenn nun jener schon soviel ver[-]
vermag ja sogar so um- und einsichtig seyn kann, so wird doch
der Mensch das Mitwerk u Mitgeschöpf des Tropfens nicht
schlechter
seyn, nicht weniger vermögen als der Tropfen des
Thaus und Regens?-
Also nun frisch und rüstig versucht durchzudringen, aber nur
Regen-, Thau- und Tropfen Natur behalten zunächst wenigstens
bis man einmal Mensch wird d.h. hübsch klar und geschlossen
innig einig in sich. Daraus geht nun aber - weil das Bild gut ist - gleich
wieder hervor wie ich zu Wartenseee und Keilhau stehe, daß mir
Wartensee und Keilhau als solche nicht angewachsen seyn muß.-
Wenn nun aber Keilhau als in sich geschlossenes Ganze und als klare
sich verstehende Einheit in Beziehung auf das was es für sich heilsam
und nothwendig erkennt, einen eben solchen Sinn hegt, ebenso denkt
und Wartensee als innere und äußere Fortentwicklung von sich erblickt
oder auch nur als eine äuße[re] Fortentwicklung welche nothwendig zur
Entwicklung und Entfaltung seiner inneren gehört, so ist vor allem und zu[-]
erst
, erst wieder klares Sammeln in sich für möglichste innere be[-]
wußte Selbstklärung nöthig; dann zweytens klarer ruhiger Über[-]
blick und Aufnehmen des Ganzen wie es nach jeder Seite hin steht
in sich - dann drittens die Sorgfalt daß - wie ich schon bey der App: Geschichte /
[18]
sagte, ja nichts Halbe geschehe, sondern daß wir suchen müssen gleich von Vorneher-
ein das Ganze in unsere Gewalt zu bekommen, daß wir und hier besonders also
Ihr vor dem Beginne der Ausführung vor Euerm innern Auge und durch und
mit Euerm Geistes Blick, des sichern Ausganges, des Zieles und Preises ganz
gewiß seyd, darüber darf Euch kein Zweifel auch nicht leise seyn, daß Eure
besitzenden äußeren Mittel in inniger Einigung mit Euerer geistigen Kraft
zur Befriedigung der vorliegenden äußeren Forderungen ganz genügend seyen
- Wie ist nun dieses zu erreichen?- Welches sind dazu die Mittel?- Die
Wege?- Beym Schreiben des letzten Briefes wollte sich mir kein Wie?
zeigen, wie ich denn auch wirklich gar nicht darauf ausging eines zu finden
weil mir die Keilhauer äußeren Verhältnisse jetzt dazu etwas zu ent-
rückt schienen - doch beym angeführten Wiederlesen des Briefes sollte sich mir
eines zeigen sollte ich eines finden.
An das Unbedeutendste muß sich nach meiner Überzeugung immer das Bedeutendste,
an das Kleinste das Größte, an das zufällig Hingeworfene muß sich be-
rechnet Festgehaltenes verknüpfen wenn es zum Ziele geführt werden soll;
wie alle Di[n]ge nur durch die Verknüpfung der höchsten Gegensätze zum Daseyn
und Erscheinung gefordert werden.
Nun habt Ihr mir eine Äußerung vom Präs: Schwarz geschrieben wie er sich etwas
darauf zu gute thue daß das Erfassen von Wartensee durch seinen Namen
hindurch gehe. Middendorff u Langethal werden sich es erinnern. Ich meine nun
jenes erste zu Gute thun soll sich Schwarz nicht umsonst angeeignet haben; der
Name Schwarz nicht allein sondern auch die Person Schwarz und dessen Verhält-
nisse ich meine des Präs. sollen nun auch zur Festhaltung von Warten-
see beytragen - Herbey bringe ich auch noch den Satz zu[r] Anwendung; daß
man sich bey den Menschen Hilfe suchen muß - wenn man davon
einmal haben will und bedarf - die mit dem Gegenstand nach jeder
Seite hin am meisten bekannt sind; und damit bringe ich unter andern
auch Herr Schnyders in Keilh. nicht erwähntes Mittagsmahl oder Einladung
bey dem Herrn Cammerpräs[.] Schwarz in Verbindung u.s.w., führt es nun
weiter aus.
Das zweyte ist Herrn Cammerrath Werlichs Äußerung über mich ich könnte
wohl Steine zuhauen aber kein Gebäude aufführen, sey ein guter Steinmetz
aber kein guter Architect - gut! laßt dem guten Mann sein Urtheil
bezahlen wie?- wodurch?- führt dieß selbst weiter aus.
Dieß ist der eine Doppel Pol.
Der andere Doppel Pol sind Beulwitz u Witzleben. Zwey Witze
aber entgegengesetzte, sie wollen b[e]yde Verstand, Critik, Prüfung haben
Sie haben b[e]yde sehr aufmerksam Langethals Vorlesung und Commentar angehört. /
[18R]
Laßt den Langethal nur das Honorar dafür einfordern[.] Wie viel? in was für
Münzsorten das überlasse ich den Herrn Cassenführer. Auch hier findet
der zweyte Satz vom Bekanntseyn seine Anwendung.
Jene beyden bildeten den bürgerlichen DoppelPol.-
Diese b[e]yden bilden den adlichen Doppelpol; also wieder Entgegensetzung
unter sich; die weitere Ausführung überlasse ich Euren Physiker und Magiker.
Vielleicht ließe sich diesem gegenüber als dem männlichen Pole, noch der
weibliche Pol mit in Verbindung bringen ich meine die Fürstin Mutter.
Für Leute wie Ihr seyd brauchts nur leise Andeutungen:- Zwey Punkte
und Rücksichten wären vielleicht zur weitern For[t]bewegung herauszuheben
a) ein in einem Fürstenstaate - im Deutschen Lande - in Schwarzburg
erzeugtes wird in einem Freystaate (Republik) im Schweizerlande -
in Wartensee anerkannt.
b. ein protesta[n]tisches Unternehmen wird in ein[em] katholischen Lande
anstand[slos] aufgenommen u.s.w.
Ob ihr zum zweyten den weibl. Pol die Fr. General S. nehmen wollt über[-]
lasse ich Eue[r]n großen Frauenkenner[n].
Wenn Ihr also die Sache einmal angefaßt müßt Ihr nur hübsch herz[-]
haft sie angreifen; nicht zimperlich nicht mit spitzen Fingern dürft ihr
zugreifen; wißts ja aus Erfahrung - Brennesseln herzhaft ange-
faßt, brennen nicht.-
Aber wie viel wäre Nöthig?- Ihr wißt die Berech[n]ung gab bis Ostern künftiges Jahr
200 Rth. pr. C. als das Erziehungsgeld eines Jünglings. Nehmt nun die Herreise
Barops Rückreise und was sonst noch nöthig wäre besonders auch
von dem was die Fräulein erwähnt; so könnt Ihr immer noch
gerade 100 Rth. zulegen. Die Verfügbarkeit über diese Summe der
Rth. 300 müßt Ihr Euch wenn Ihr mit innerer und äußerer Sicherheit
handeln wollt zusichern, braucht man sie nicht, desto besser aber
man muß besonders unter den jetzigen Umständen vermeiden nicht
mit dem hinkenden Bothen nach zu kommen lieber 30 Thaler zu viel
als 2 Thaler zu wenig. Doch es ist dieß meine Ansicht und es soll
dieß, es kann dieß für Euch welchen alles klar vorli[e]gt nicht be-
stimmend seyn.
Doch wenn wir einmal hier fortbestehen wollen ehe das Ganze
sichtbar und nachweisbar durch sich bestehet, so müssen wir
hier vor den Augen u Blick aller ganz selbstständig auf uns ruh[-]
end dastehen.- Wenn ich mir so das Ganze in Einheit wie ich es Euch für
in Vielheit vorführe so sagt es in meinem Innern: - Geht hin nach R.-
und sagt Ihr hättet das Geld dazu nöthig und Ihr werdet es bekommen. /
[19]
Vielleicht bedarf es auch nur wie bey der Hebung jenes großen Obeliskes nur
Wasser an die Seile um das Ganze zu heben. Ist es aber dennoch gar nicht
möglich so sage ich man sehe ob d[a]s Ganze sich noch Selbsthülfe verschaffen kann.
Barops und Elisens Herschaffung ist jetzt allein nicht mehr hinlänglich
genug*), es muß nun von Eurer Seite dort oder meiner Seite hier oder
von b[e]yden zugleich auch bestimmt eingesehen werden können daß die Sache
einmal bis Michaelis dann bis Ostern k. J. nach den Euch vorgelegten
Forderungen durchgeführt werden kann. *) Siehe folgende Seite
Dieß nun aber auch von mir vorgeschlagene ist nicht ein Versuchen des
Glücks oder des Schicksales, sondern ein Verstehen des Letzteren; ­ es
ist nicht im Zusammennehmen der letzten Kraft, sondern zum aller[-]
erstenmale das Zusammennehmen aller gemeinsamen Kräfte zu einem
Stück und einem Druck, es ist nicht ein Versuchen des Glückes, sondern
ein Festhalten desselben, es ist hier hauptsächlich nicht die Rede von
einem äußeren Zusammenhalten sondern von einer innern Erfassung.
Es ist hierbey wie bey allen hohen und höchsten Gütern, wer sie leicht
aufgiebt verliehrt sie, wer sie aber kräftig festhält dem bleiben sie[.]
Sagt man doch selbst daß Himmelreich müsse mit Gewalt d.i[.] mit Ernst
u Eifer ergriffen werden.
Ich weiß nicht ob ich noch etwas darüber sagen soll; daß die vorgeschl.
Darlehen weder Betrug noch Unrecht noch Unredlich sind; so bald man
klar einsieht und mit Sicherheit sich nachweisen kann daß man nicht
allein das gegenwärtige sicher damit erreicht sondern auch das Frühere
fordert so ist dieß nicht nur nicht Unrecht rc sondern es wäre Be-
trug durch Schwäche wenn man anders handelte.
Doch ist dieß weiter nichts als daß ich meine Meinung sage im Fall
Ihr sie darüber wissen wollt, die Prüfung und das Handeln darnach
bleibt Euch mit Recht allein überlassen.- Ebenso we[ni]g trägt aber auch
diese Handlungsweise den Ausdruck der Verzweiflung in sich, sondern den
der ruhigen besonnen und beherrschenden Übersicht. Sie zeigt, daß (wir) ihr
alle (unsere) Euere Mittel u Kräfte [{]zusammennehmen  / <was>} [{]einen / [ein]et} und allseitig zu genügen.
Jeder fühlt gewiß durch daß eine solche Handlungsweise unter solchen Um-
ständen ebensowenig eine unbesonnene pp[.] seyn könne so mit einem
Ruck und Druck zusammen zu nehmen. Nur Ausdauer, sonst will
ich nichts mehr sagen; wenn ich noch 1/10000 Weg zu durchlaufen habe
so hilft es mir nicht daß ich schon 9999/10000 durchlief wenn ich den
letzten nicht auch durch laufe.- Es ist schon wieder über Mitter-
nacht weil ich wegen des Unterrichts am Tage gar zu zerstückt bin.
Doch ich bin auch nun zu Ende. Schlafet wohl, lebet wohl Fr.Fr. /
[19R]
Die herzlichsten Grüße von Ferdinand und mir an Euch alle.
Wenn sich unsere Briefe nicht durchkreuzen so schreibt mir doch bald.
Mich dünkt nun müßtet Ihr von meiner Seite und von hier aus alles
haben was Ihr nur bedürfet, doch wünschtet Ihr über irgend etwas
noch Auskunft so fraget nur bestimmt. Herzinnig grüße ich alle die Kinder
ich denke ihrer bey meinen Blumen, im Garten, bey jeder Frucht des ju[n]gen
Sommers die ich genieße ununterbrochen und möchte alles mit ihnen theilen[.]
- Wie gesagt ich habe diesen Brief unter viel Unterbrechung wegen des
anstrengenden Unterrichtes währ[en]d des Tages schreiben müssen, daher
war es mir unmögl. mich beym Schreiben desselben so zu sammeln als ich ja es beym Denken des Briefes
war und so ist der Brief über die Gebühr u
mir selbst zur Last weitschweifig geworden.
Morgen - denn während des Schreibens bin ich ja schon in den Sonntag
den 8en July eingerückt — morgen, am 9n July ist das große Schlacht-
fest in der Sempachs Kapelle. Wir haben keine Lehrstunden dann
und werde[n] das Fest theilen.
Gestern den 7en July ist das große achttägige Volksfest zu Luzern
zu Ende gegangen.- Das Leben hat doch hier viel mehr Öffentlichkeit und
Volksthümlichkeit als bey uns; und somit viel mehr Elemente ächter,
allseitiger Menschenbildung. Nun seyd in Liebe u Treue Gott befohlen.
Euer
        FriedrichFröbel

Sonntags am 8. Jul: Zuerst: guten Morgen!-
*) Zu den Worten: jetzt nicht mehr hinlänglich genug. Bis zu verflossenen Pfingsten spä[tes]tens
wäre es dazu Zeit gewesen. Dann hätte Euer abschlägig[er] Brief mindestens ein zusagender
seyn müssen. Warum dieß will ich Euch auch klar beantworten wenn Ihr wollt.-
Jetzt sind mir zur Durchführung auf jene Weise Kraft und Mittel benommen. In letzter
Beziehung deute ich nur an: Die größten Luzerner Volksfeste sind verflossen, so wie ehe
beyde nun kommen können die Zeit wo die meisten Reisenden hier sind.
Von meinem Notizzenblättchen will ich weil es Raum hier ist nur noch Eins erwähnen.
Wenn Ihr etwas unternehmt so seyd alle einig einig in sich, seyd alle wenn auch
ein Jeder auf seine Weise und aus seiner Ansicht und seinen Gründen beystimmend,
greift dann in Einem Ruck und Druck zusammen, d.h. zieht zugleich alle
Stränge an nicht einer jetzt der andere später, sonst arbeitet sich jeder matt
und Ihr bewegt doch die Last nicht im mindesten. Handelt Ihr so als einiges
Ein, wie es jeder einzelne Mensch mit seinen wenigstens 3fach verschiedenen Kräften
soll dann vertraut auch auf die Mitwirkung der Kraft und des Geistes
des großen geistigen Ein welche in allem und durch alles wirkt, die auch in
Euch u durch Euch wirkt und zu welcher auch Ihr als Glied gehört. Freudig-
keit, Hoffnung, Zuversicht, Vertrauen ja ich möchte sagen Gewißheit nur Euer Handeln begleitet[.]
Die wünscht Euch Euer FrFr.

Kommt Ihr, so bringt schöne Lieder einige mit, Noten für Flöte u Clavier; doch vorher schreibe ich wohl noch. /
[19]
Ich habe heute einen Brief von Euch erwartet, da er nicht angekommen ist, so empfangt ihr vielleicht hier die Antwort früher als ich Euern Brief.
[Rand-Sterncheneinfügung zu 11V, die den Satzzusammenhang zerstört:]
*[2]) eigentlich reines Menschen- und Menschheitsleben, wie Krause früher ganz richtig bemerkte und wie eigentlich auch
jede Einzelnheit nur will, um darinn ihre Eigentühmlichkeit zu schauen pp[.] zu erkennen und - für Darlebung - gesichert zu sehen. Ich könnte auch
wie ich schon einmal gethan habe unser Leben nach E. M. Arndt germanisches Leben nennen, - weil er das germanische Leben als allgemeines
menschliches Leben u. Charakter hinstellt u.s.w. u.s.w.
[20]
[Adresse auf Briefumschlag:]
Der
allgemeinen Deutschen Erziehungsanstalt
      in
      Keilhau
bey Rudolstadt in Thüringen