Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 25.7./27.7./28.7.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 25.7./27.7./28.7.1832 (Wartensee)
(KN 40,4, Brieforiginal 7 B 16° 28 S.)

Wartensee, am 25en Tag des LilienMonats 1832.·.


(:Ich muß doch dem Monate welchen wie viele seiner Brü-
der ich, oder vielmehr mein Leben taufte, sein Recht wie-
derfahren lassen und ihm so bey dem Namen nennen
welchen mein Leben und Gemüth ihm ihn beylegte, weil
er sich demselben wiederkehrend so gemäß und treu erzeigt;
so treu, wie der vorige Monat, als Monat des erstarkenden und
befestigenden Lebens:)
An die Keilhauer Gemeinsamheit.
Der Ruhe Gruß des stillen aber ewigen Schaffens
zuvor!

*
*   *
Wenn Ihr mich in meinem jüngsten verflossenen Sonn-
abend an Euch abgeschickten Briefe (:welcher unter man-
cherley äußeren Hem[m]nissen, wovon er auch die Spuren satt-
sam an sich trägt, niedergeschrieben wurde:) recht verstan-
den und aufgefaßt habt, so muß der Gruß mit welchem
ich jetzt schon wieder zu Euch komme den gleichen Gruß
aus Euerem Gemüthe zum Gegengruß empfangen.
Es dauert wohl bey manchen Vorstellungen und Erwar-
tungen sehr lange ehe sie sich im Geiste, noch länger ehe
sie sich im Gemüthe und am allerlängsten ehe sie sich im
Leben lösen, wenn man aber nach Erfordern jedem die
ihm gebührende Zeit giebt, so heitert und klart sich zuletzt
alles zu aller Freude und Wonne, wenigstens zu aller
Frieden.
Mir ist seit meinem letzteren Brief an Euch, wie ich
auch schon am Schlusse desselben aussprach sehr wohl
die Ruhe die längst mein Geist, mein Gemüth und mein Han-
deln suchte und ersehnte, die es aber auch gewiß zu erringen
hoffte ist ihm geworden, möget Ihr gleiches von Euerm Leben
als eine Gesammtheit und ein Ganzes in Beziehung zu dem
meinen aussprechen.
Mich seit Langem her viel mit dem, mit der Betrachtung des- /
[1R]
sen was man Menschheit, Menschengeist, Volksgeist, Famili-
engeist nennt, mich besonders mit mit dem Wesen und der
stetigkeit des letzteren beschäftigend hatten sich zuerst ganz
einfach und natürlich Erwartungen und Hoffnungen zuletzt
sogar auch aber nicht minder unbemerkt, wohl überdieß
Forderungen erst im Gemüthe und Geist, dann auch im Leben
selbst mit eingeschlichen; doch aber im Grunde alles dieß ganz
gegen den Charakter meines durch Anlage wie durch Lebens-
führung und Lebensberuf am liebsten auf und in sich selbst
ruhenden Geistes.
Durch alles dieß aber, sehe ich jetzt ein, sind große Stöhrungen
in mein, und durch mich in das Leben anderer gekommen, denn
mein Leben, mein Gemüth und meinen Geist nur als einen
einigen stetigen findend, fühlend erkennend ja schauend
legte es seinen Erwartungen, seinen Hoffnungen, ja sei-
nen Forderungen gleiche Einigkeit und Stetigkeit zum
Grunde - zumal da ich das Wesen jedes Geistes nenne
sich nun, wie er wolle Volks- oder Familien[-] oder Freundes[-]
Geist nur als ein einiges und stetiges erkenne.
Was aber eine Sache dem Wesen der Anlage nach ist, das ist
sie darum noch nicht ihrer Entwicklung und noch weniger
ihren [sc.: ihrer] Darlebung und ihrem Bewußtseyn nach. Hier lag
die große Teuschung, - richtiger, schöner Umtauschung,
Vertauschung: ­ das was in uns liegt auch in dem Maße
in Anderen zu meynen. Doch dieses tief begründete Mey-
nen will ich hier in seiner Nothwendigkeit mindestens zu
aller menschlichen Ausbildung und Fortbildung weder nachweisen
noch rechtfertigen. Ich kehre zu unsern vor uns liegenden
gegenwärtigen Leben zurück.
Also das zuentwickelnde Leben, als ein schon entwickeltes zu setzen
ist eine dem Anscheine nach so in sich widersprechende
als doch ganz gewöhnliche Annahme, wie im Leben so in der
Erziehung. Der Grund davon kann aus der Anschauu[n]g nach[-]
stehender Figur hervor gehen:
[*Zeichnung: Rechteck mit
  einer Diagonale und einer schraffierten
  Hälfte*]
[2]
wo das Leben auf jeder Stufe zugleich als ein schon entwickel-
tes und bewußtes und als ein erst noch zu entwickelndes
und bewußtwerdendes betrachtet werden kann je nach
dem man sich nach der einen oder nach der andern Seite
- deren Grenze aber ein Haar oder vielmehr mathema-
tische Linie ist - sich wendet.
Genug! wie man sagt daß man etwas mit der Mutter-
milch einsauge oder eingesaugt habe, so hatten sich mir mit
meinen Betrachtungen der genannten verschiedenen Geiste
je oben gedachten Erwartungen Hoffnungen u. Forderungen mit eingeschlichen[.]
Aber, was man der allgemeinen Anlage und
Bedingungen nach unter gewissen, bestimmten Umständen in
einer gewissen Zeit alle [sc.: als] stille nothwendige Entwicklung hoffen
und erwarten darf muß man nicht und vielleicht in noch
kürzere[r] Zeit und weniger günstigen Umständen mit bewußter
Zustimmung und Freythat vom Leben erwarten noch weniger
fordern.
Möge ich in dem was ich hier Euch allen offen und freyen Geistes
ausspreche, von Euch allen verstanden werden; möget Ihr
es Euch gegenseitig recht lebensklar und lebenswirksam
machen, dann ist die
Ruhe
für den gesammten Kreis gewonnen welche ich ihm längst
zu erringen strebte, und die Euch als Gemeinsamheit und Ganzes
schon mit dem vorigen Briefe zu geben wünschte, möget ihr [sc.: Ihr]
sie als Ganzes und jeder Einzelne von Euch als Glied dieses
Ganzen empfinden indem Ihr dieses leset; wie ich es em-
pfinde, indem ich es gelebt, gedacht und niedergeschrieben habe
und von nun an bleiben leben, empfinden und denken werde.
Jetzt endlich tritt die hohe innere, geistige Freyheit der Mittheilung
ein, wo Euch der leiseste Schatten schwindet, als fände dabey in
welcher Ferne es auch sey ein eigensüchtiger Zweck eine eigennützige
Absicht statt.
Mögen wir alle diesen Standpunkt der Lebensentwicklung zu
unser aller Förderung, Erhebung und Ausbildung benutzen.
Frey steht auch äußerlich das Freye dem Freyen gegenüber was lä[n]gst meine
Seele wünschte.- /

[2R]
Und nun
den Männern von Keilhau
meinen besondern Mannesgruß zuvor!

*
Bey Veranlassung Euerer jüngsten Sendung an mich habe ich
auch diese oder jene Euerer früheren Mitteilungen an mich
wieder durchgelesen oder mich erinnert, dabey hat sich mir denn
diese und jene Randbemerkung aufgedrängt[.] Da sie nun
für diesen oder jenen da oder dort besonders bey unserer jetzigen
neuen und veränderten Stellung zu einander heilsam seyn können,
so will ich sie Euch doch nicht vorenthalten. Ich hatte erst wie
auch aus einer Andeutu[n]g einer meiner jüngsten Briefe hervor-
gehet die Absicht an jeden besonders deßhalb zu schreiben, doch würde
dieß die Sache nur weitläufig machen und unnöthig seyn
da ja doch Euer aller Leben wenigstens dem Streben nach, was
auch in der Wirklichkeit da oder dort noch abgehen mag, ein
Gemeinsames ist. Deßhalb überhebe ich mich auch der Mühe. Das
was ich jedem Einzelnen zu sagen habe in das Allgemeine zu
übersetzen, was vielleicht gar zu schwierigern Verständniß
Veranlassung geben könnte.
Wo beginne ich aber?- Ich will gleich frischweg mit der letz[-]
ten Sendung und hier mit Deiner Erkläru[n]g über eine Äußerung
des He. Herzogs beginnen, Lieber Langethal.
Es ist nicht zu leugnen Langethal! Du hast das Ganze gut durch[-]
gedacht, durchgefühlt und durchgelebt, darum hast Du es wohl auch
wohl gut dargestellt. Doch lieber Langethal Du hast das Ganze
viel zu sehr nur als Einzelerscheinung an mir und in meinem
Leben behandelt und mir eigentlich dadurch eine zu besondere
persönliche Ehre erwiesen, so wie Du dadurch genöthigt wurdest
das Ganze so in das Allgemeine aus dem Besondern hinein,
und wieder aus dem Allgemeinen heraus <in> das Besondere
zu führen. Der Grund davon ist leicht zu finden. Mein Leben
und meine Handlungsweise war Dir - (so wie den übrigen
allen) - das und die erste dieser Art die und das Euch begeg-
nete und so mußte Dir und den übrigen allen an mir ganz
individuell und persönlich auch das erscheinen was doch seiner /
[3]
Natur nach ganz allgemein war. Würdest Du l. L. wie
der, dessen Leben und Betragen so viel Schmerz machte und
Du nun zu rechtfertigen Dich bemühest, in Deinen ersten
Jünglingsjahren wenigstens privatSekretär eines sich in seiner
Würde fühlenden Geheimraths Präsidenten gar würdest Du
Mitlehrer unter der Direction eines kräftigen Oberlehrers ge-
wesen seyn - würdest Du längere Zeit mit einem Pestalozzi
gelebt haben - würdest Du als Gehülfe unter der Direction
eines Director Weiß an einem mineralogischen Museum
gestanden und in allen diesen Verhältnissen - (:anderer auch
früherer gar nicht zu gedenken:) - unverwandt ein selbst-
denkendes, selbstthätiges und selbstständiges Leben geführt
d.h. mit kurzem Wort als selbstdenkender und selbstständiger Jüngli[n]g und
Mann - mit selbstdenkenden, selbstständigen Män-
nern zusammen gelebt und ihre Einwirku[n]gen, die Ein[-]
wirkungen ihres Lebens auf das Deine beobachtet oder viel[-]
mehr lebendig empfunden haben, so möchte ich nur wissen
wie ihr [sc.: Ihr] in meinem Leben hättet finden und durch dasselbe
empfinden können was ihr [sc.: Ihr] in demselben gefunden und durch
dasselbe empfunden habt.- Aber nimm und nehmt mir
nicht übel auf daß ich es offen sage, ich möchte nur wissen
wie Du und ihr [sc.: Ihr] Euch gebehrtet [sc.: gebärdet] haben würdet, wenn ihr [sc.: Ihr] das
empfunden hättet was ich in dem Betragen jener Männer
gegen mich empfand. Nun es waren Männer, aber als
solcher darf ich mich hoffentlich, wie was den Lebenszweck be-
trifft messen. Und Du Langethal sprichst ja aus daß Du früh
meinen Lebenszweck kanntest und achtetest was bey Midden[-]
dorff le wie er - (:mir wundersam genug:) ausspricht, lange
nicht der Fall war.
Ich habe es mehrmals erwähnt, wenn ich von Pest: der bekanntl[.]
die Güte und Liebe selbst war eine Erläuterung forderte, sagte er
gehe hin sieh die Lehrstunden stehen offen, u.s.w. Was soll ich vom
Prof. Weiß sagen: "Das ist falsch." "Das ist unklar." und damit
Punktum! "Suchen Sie es sich deutl[ich] zu machen." Und doch hatten
wir auch einen gemeinsamen Zweck, ja ich war ja in gewisser /
[3R]
Hinsicht und faktisch Repetent seiner Vorlesungen was doch wohl
ein völliges Übereinstimmen nöthig macht.
Seht nun alles dieß was mir von dem Betragen Anderer gegen
mich Schmerz gemacht hat, habe ich gegen Euch und Dich l. L. ver[-]
miethen [sc.: vermieden] auf wie viele Weise habe ich alles Euch zu erklären
und deutlich zu machen gesucht.- Ich will nicht fragen was war
für diese Sorgfalt mein Lohn? - sondern ich will blos sagen
Du hättest also ohne viel Erörterungen nur einfach erklären
können:- "ich hatte noch mit keinen selbstständigen und selbstden-
kenden noch überdieß sein Denken unmittelbar ausüben anwen[-]
den, ausprägen wollenden Mann zusammen gelebt und so mußte
die Erscheinung seines Handelns auf mich die seyn welche sie war
und die Äußeru[n]g die von mir ausgesprochene, denn jeder
sich seines redlichen Willens und Strebens wie i[c]h bewußte[r]
junge und d in dieser Rücksicht unerfahrene junge Mann würde
wohl eben so über ihn geurtheilt haben wie ich." Siehe l.
Langethal so konntest Du Dich kurz erklären und Niemand
wenigstens ich und kein denkender strebender selbstthät[i]ger
Mann würden Dir Dein Urtheil verdacht haben; denn
es ist wie die Erscheinungen auf welchen es beruhet tief in
der menschlichen Natur begründet. Und an dem Urtheile
anderer kann uns nicht viel liegen, ja und selbst an dem
Urtheile aller dieser keiner Pflaumenfeder werth, wenn
--- sie ihr Denken nicht zu Ende führen und im Leben
auszuüben anzuwenden, zu gestalten suchen.
Ich als Mann von 50 Jahren habe im Verhältniß zu viel
jüngeren Menschen oft Erscheinungen die denen ähnlich sind die Du
im Verhältniß zu mir in Dir wahrnahmst; ich kenne ihre
natürlichen Ursachen und so ist die Sache bald abgemacht.
Ob nun gleich für Dich die so wackere Durcharbeitu[n]g Deiner Er-
läuterung recht gut und heilsam gewesen seyn mag, so war
sie doch für mich und manchen Andern für jetzt und die Zukunft
nicht nöthig. Wenn auch Dein Ausspruch stehen geblieben wäre
wie ihn He. H. hingestellt hat, so wird sich schon mein Leben durch
sich selbst rechtfertigen, habe deßhalb weder Angst noch Mühe /
[4]
und lebe mein Leben fort wie gestern so heut, und wie vor Jahr-
zehenden, so künftige Jahrzehende, versteht sich auf der Steige-
rungsleiter vorwärts ... Auch könntest Du Dich dabey immer
noch mit dem Schicksale des Apostels Petrus trösten wel-
cher dreymal seinem Meister verleugnete und zu dem
doch der Meister sagte: ["]weide meine Schafe!" Freylich
sagte er ihm dieß nachher bedeutungsvoll auch dreymal.
Wenn Ihr so manche klärende und auflösende Töne zu den
Klängen meines Lebens hören wollt, leset doch die letzten Tage
aus dem Leben J. Pauls mit Blicken in das frühere und wie
dessen Gemüthe und Leben zum Menschen stand wißt Ihr
ja sattsam.
Nun die beste Erläuterung l. Lgethl! dünkt mich ist die, daß
Du gar keine Erläuterung zu geben brauchtest; die beste
Erläuterung zu allem ist immer das Leben.
Weil Du nun aber einmal erläutert hast so mußt Du mir
schon erlauben die Erläuteru[n]g nochmals zu läutern.
Ich muß nemlich erwähnen was ich Euch in jener Zeit so oft
aussprach: - wenn ich nun doch wirklich in Euerm Auge und
Gemüthe der war der ich Euch doch wie ihr es offen gestehet
dort klar war (:so lang oder so kurz ist gleich viel:) warum
habt ihr mich nur nicht wie euern Rock ausgezogen und
weggeworfen?-
Siehe dieß gehört nun nach meiner Meynung noch in Deine Er-
kläru[n]g daß ich irre ich nicht Tags vorher am Mittag, in
der hintern kleinen dortmals Deine und Middendorffs Stube
zweymal vor Euern Augen (:Middendorff war dabey wer
sonst weiß ich nicht:) - meinen Rock auszog und ihn vor
mir hin auf den Stuhl warf und jene Worte sagte:
"Wenn ich der bin der ich Euch scheine warum zieht ihr mich
nicht aus wie ich diesen Rock und werft mich von Euch."-
Seht mein Leben liegt offen vor Euch: wenn mir früher die äußern
Lebensverhältnisse meiner innern Entwicklu[n]gsstufe nicht ange-
messen waren, so trat ich frisch und muthig aus ihnen aus,
ertrug sie aber, bis mir dieß möglich wurde mit stiller Geduld /
[4R]
und ohne Murren oft Jahre lang. Mit wem hätte ich auch
murren sollen? - ich stand zum großen Glü[c]k immer durch mich
schon so allein daß ich mit Niemand d.h. gegen Niemand
murren könnte ich mußte von Kindesbeinen an hübsch das
Leben in der stillen Kammer des eigenen Herzens still ver-
arbeiten. Diese Vorschule war mir aber auch sehr heilsam.
Was aber zum Heile der Menschen nothwendig ändert
die Beharrlichkeit derselben nicht wenn sie anders ihr eigen
Heil wahrhaft wollen.
Fast scheint uns die Trennung zu unserer gegenseitigen
und gemeinsamen Fortbildu[n]g gleich nothwendig gewesen
und unerläßliche Bedingu[n]g gewesen zu seyn. Von einer
andern Seite her hund [sc.: und] mit andern Worten habe ich es schon
früher einmal erwähnt; jetzt sage ich so: sehet, weil Ihr mich
dortmals nicht wie einen Rock ausgezogen habt, so hat es nun
die Vorsehu[n]g unberechnet und unvorhergesehen so gefügt daß
ich mich selbst von Euch als einen Rock ausziehen mußte; die
Sache ist sich sonach am Ende gleich: ob ich früher mehr gewonnen
hätte ob ich jetzt mehr gewonnen habe; ob ihr [sc.: Ihr] früher mehr ge-
wonnen hättet ob ihr [sc: Ihr] jetzt mehr gewonnen habt; dieß zu unter[-]
suchen ist unnütz; jeder ergreife das Leben und führe es fort
und vorwärts zu seinem Ziele, zum Ziele der Menschheit.
Auch dünkt mich hätte in Deiner Erläuterung oder Erklärung kurz
das erwähnt werden müssen: - als Du mir Deine veränderte
Lebensansicht vor der Morgenstunde mittheilen wolltest und ich
Dir antwortete ich habe jetzt keine Zeit, so kam dazu auch noch
die Bestimmung: daß es ganz gegen meine Überzeugung ich möchte sagen
gegen meine Natur ist mit Gliedern einer Gemeinsamheit
und diese Gemeinsamheit betreffend etwas unter 4 Augen
oder besser Selbander auszumachen - was das Allgemeine
betrifft muß vors Allgemeine kommen (:mein ganzes Verhalten
in allen Fällen beweiset dieß:) - nun sahe ich wohl Deinen verän-
derten Sinn, aber Deine Unzufriedenheit war schon zu allgemein
bekannt worden, daß also auch Deine Änderung allgemein bekannt
werden mußte und so, daß Du Dir selbst Bürge für eine Rückfall wu[r]dest[.] /
[5]
Sehet, es ist ein Grundzug meines Wesens, und gehört recht
eigentlich zu meinem Charakter, ist aber wenig erkannt
und noch weniger, ob es gleich wohl heilsam wäre be-
achtet worden daß ich die Offenheit und das Allgemeine liebe
sobald nur das Gute in seinem zarten Keime nicht mit Füßen
getreten und in seiner geringen Stärke zerknickt wird, da
aber wo ich eines von beyden oder gar beydes fürchte ziehe ich mich
ganz unwillkührlich wie eine Schnecke wie ein Igel oder ein[e]
Schnecke ich mich selbst zurück, deckele mich wohl sogar wie letzte-
re vor dem Winterfrost, steigere aber still und ununterbro[-]
chen die innere Kraft wie die innere Ausbildung, um wie
die Knospe am Baume bey günstigem Frühlingswetter mich
von neuem zu entfalten und, wenn es mir gegeben wäre -
Düfte allgemein umher zu streuen, d.h. das Leben durch Erkenn-
ung und Beherrschung seiner Gesetze zum allgemein Gut
zu einem wahren Gut zu erheben. Aber Freund und Freunde
dieser hohe, höchste reinste allgemein menschliche Sinn
schützt vor Vorwürfen die ihm gemacht werden nicht, schützt
nicht davor in irgend einem oder einigen anderen Empfin-
dungen Schmerzen, Gedanken Entschlüsse und so w. zu wecken
und nähren die ganz denen gleich sind welche Du und mehre-
re andere durch mein Seyn, mein Betragen meine Hand-
lungen empfunden haben. Muß ich denn immer wieder ohne
daß ich es ahne auf das erste und nächste des Menschen
zurück kommen - auf die Liebe - um das erste und nächste
des Menschen, ich meine sein Leben und dessen Erschein-
ungen zu erklären. Euch muß ich immer darauf zurück kommen
die Ihr alle ohne Ausnahme durch die Liebe und ihre Gaben so
reich geworden seyd, aber es scheint fast, zu vieler Besitz
macht blind.
Schaut dort jenes jungfräuliche Wesen in der Reinheit und Fülle
ihrer Jugend wie sie durch ihre Unbefangenheit und Freund-
lichkeit Freude und Wonne einen Himmel verbreitet wo sie er-
scheint, und ein Kreis froher Menschen wie ein Kranz frischer Blu-
men sich um sie dreht, aber seht dort den edlen Jüngli[n]g träu-
mend steht er von ferne Leidenschaften - nicht Leidenschaft  /
[5R]
wenn Euch dieß Wort zu stark ist, die Gewalt der Neigung
die Gewalt der Liebe hat sein von ihm noch ungekanntes
und darum unbewachtes eigenes Herz ergriffen. Was
andern einen Himmel bringt, bringt ihm um nicht zu stark
zu seyn, mindestens ein Fegfeuer; was andern die Freuden
einen jungen Maytages giebt, giebt ihn den Schrecken einer
langen und froststarrenden Winternacht hin. Gedanken, Ur-
theile über die unbefangene Gestalt entsteigen seiner ent-
sonnten Seele, seinem verdüstertem Gemüthe, ich will ihnen
nicht Namen geben. Brich l. L. und brecht nicht so schnell
über den jungen Mann den Stab, Ihr möchtet Eure Ge-
danken und Urtheile, bey einer bey der vorliegenden
wie ich meine, nicht ganz unähnlichen Erscheinu[n]g Eures
Leben[s] darinn wie in einem Spiegel finden.
Genug! wie ich Euch besonders in der jüngsten Zeit so oft schon aus[-]
sprach: - das Leben des Herzens - das Leben des Gemüthes -
das Leben der Seele - so wie überhaupt alles wahrhafte
Leben ist sich überall in seinen Erscheinu[n]gen, nach Maaß-
gabe der Folie oder des Grundes ganz gleich.
Nun sind wir da angelangt wo ich längst schon und seit Jah-
ren schon wünschte daß wir anlangen, daß wir Alle
anlangen, und nun da angelangt, daß wir lange ler-
nend und prüfend da verweilen mögten.

Das eigene Herz, das eigene Gemüthe;
der Entwicklungs- und Bildungszustand
des eigenen Herzens und des eigenen Gemüthes
oder wollt ihr lieber
den allgemeinsten und zusammenfassenden Ausdruck dafür:
unserer Seele.
Diese ist es welche unsere Lebenserscheinungen und Begegnissen
Farbe und Charakter giebt, wenn es nicht sogar un-
sere Lebenserscheinungen und Begegnisse selbst bestimmt.
Leset was ich in meinem 4en Schriftchen (ich glaube von
12 Seiten[;] der Titel ist: die allg: deutsche Erz. Anst: in Keilh. betreffend. Rudolst. 1822. 12. S.)
auf der 2en Seite oben sage.- Freylich das Gedruck[-]
te meynt man gehe dem Leben nichts mehr an, wenigstens
dem eigenen nicht, und doch ist es aus demselben hervor gegangen; /
[6]
Ich weiß wohl der Herr Dr Fleck sagte mir bald nach dem Er-
scheinen jenes Schriftchens: Der Satz sey zu streng er könne
ohne Einschränkung im Leben unmöglich seine Anwendung fin-
den. Ja, wahr ist es hart ist seine Anwendung im Leben auch
wohl schmerzvoll voll, aber das ist auch wahr, daß der Satz
selbst wahr ist und daß er wie ordnend so läuternd in
das Leben ein- aber auch freylich es ergreift, und wie ich
ihn durch ein schmerz- und kampfvolles Leben errungen
habe, so macht er mir aber auch immer mehr und mehr
mein Leben erkennen, so wie es mir immer mehr und mehr
durch Einsicht und Anwendung - des Lebens Schmerz und
Kampf vermindert. Dieser Satz ist mir ein wahrer
Lebenscompaß, eine Magnetnadel bey der Fahrt auf
dem stürmischen Lebensmeere.
Lieber Langethal! diesen Lebenscompaß hatte ich Dir nun
wie allen die ein mit mir geeintes Leben führten schon
1822 in die Hand gegeben warum wendest Du ihn
1823 [sc.: 1832] nicht zum Verständniß Deines und meines Lebens
an?--- Er war gedruckt! was wird nicht alles ge-
druckt meinst Du vielleicht zumal in solcher Anzeige
Schriftchen.- Freund! es waren Anzeigeschriftchen eines
begonnen[en] und daseyenden menschheitlichen Menschen-
lebens. Diese Schriftchen obgleich mit Druckerschwärze
gedruckt, so sind sie doch mit Lebensblut und Lebenssaft
geschrieben, sie selbst enthalten ein menschheitliches
gelebtes Menschenleben, mein Leben, und darum
werden sie wohl irgend einmal, so unerkannt auch
immer, wie alles Leben, ihre Anerkenntniß finden.
Doch nun zum Schluß des Lebensgewölbes den Schlußstein
herbey. Ich sagte oben:
überall, wo Herz, Gemüth, Seele, Leben ist, sind die
Lebenserscheinungen und Begegnisse Beziehungsweise, sich
gleich;
darum denn l. Langethal, und all Ihr übrigen das Leben
denkend und fühlend Aufnehmende; so meyne ich: -
die Erscheinungen Deiner Seele, Deines Gemüthes, welche /
[6R]
Dir mein Leben und das Leben um mich und mit mir verdüster-
ten, sind ganz und gar dem Gemüths- und Seelenzustande:
gleich welche --- dem Adam das Paradies in dem er doch
noch lebte in einem Dornenacker und ein Distelfeld den Seegen
Gottes in einen Fluch Gottes - das Liebeswort Gottes in einen
strengen Richterspruch und überhaupt Einigung in Trennung
Liebe in Furcht u.s.w. verwandelte.
Ihr seht es sind dieß dieselben Grundsätze, dieselben Lebensansichten
die ich Euch schon früher im Leben so oft andeutete, die ich besonders
in meinen Briefen von hier aus, ich glaube gegen die dießjäh[-]
rige Osterzeit bey Gelegenheit von Naturanschauungen, Euch
mittheilte, und die ich namentlich wiederkehrend in metrischen
Worten Albertinen und Elisen aussprach, meinet Ihr
etwa es wären das dort nur so Redensarten von mir
gewesen was ich von dem Zusammenneigen des Himmels[-] und
des Erdenlebens oder wie ich es sonst noch bezeichne aus-
sprach?- Nein! es war und ist damit mein klarer,
barer Ernst!-
Die Blume des Lebens.
*
Wem ich des Lebens Bild - deß Lebens bin ich Schild.
*
Wer handelt wie ich thu, - der findet Seelenruh!
*
Lebst Du wie ich lebe, - Frieden ich Dir gebe.
*
Wer lebet wie ich sage, - Erfreut sich Himmelstage.
*
Wem ich des Lebens Sonne - Empfindet Himmelswonne.
*
Ich blühe zum Himmel aus der Erde
daß die Erde Himmel werde
*
Wie ich aus der Erde werde
Wird zum Himmel die Erde.
*
u.s.w. /
[7]
Die Klärung, des In-sich-selbst-ruhen, des Sich-selbst-finden und
die Ausübung des daraus hervorgehenden Lebens ist also
das Ziel und der Zweck aller Erziehung, so wie die Erreichung
dieses Zieles und Zweckes der Schlüssel zur Erlangung und
Bewirkung alles dessen was als Lebens- und Seelenfor-
derung eines mit dem Leben und der Seele des Menschen
selbst ist.-
Nun in Beziehung auf Deine Berichtigung und Erörterung eins
- zu Dir lieber Langethal! Du schreibst wörtlich in derselben - "Schwer und langsam sind nament-
"lich alle geistigen Entwicklu[n]gen
"meines eigenthümlichen Lebens, ich kann nichts von Außen ge-
"gebenes mir aneignen bis es unwiderstehlich aus meinem
"eigenen Geiste durch Selbstforschen und Selbsterkennen und so
"weiter als allgemeine Wahrheit mir entgegen leuchtet."
Lieber, lieber Langethal hast Du denn nur bedacht was Du hier
in Beziehung auf das Verhältniß in welchem Du zu und bey mir
stehest oder vielmehr dort standest - für ein Gewirre und Gor-
dischen Knoten besonders über das in Beziehu[n]g auf das
früher in dieser Berichtigu[n]g über mich niedergeschrieben - aus[-]
gesprochen hast: - Oben klagst Du oder hast dortmals geklagt
daß Dir von mir keine Hilfe Unterstützung gekommen, daß
ich Dich immer mit Gewalt auf Dich selbst hingewiesen habe und
daß Dir dieß Muth rc[.] benommen haben; hier sagst Du: ich
kann meiner Natur nach nichts verstehen wovon ich die Wahr-
heit nicht in mir selbst finde. Wo lag nun das Feindseelige
von mir da ich im Geiste Deiner eigenen Natur mit Dir
handelte?- Findest Du hier keinen Widerspruch?---
Zweytens wenn Du nur durch Selbstforschen und Selbsterkennen
von dem Standpunkte Deines Lebens aus zur Erkenntniß des
Wahren kommen konntest, warum hieltest Du denn Dein Leben
nicht von jeder Einwirku[n]g und noch mehr von jeder Verknüpfung
mit einem fremden so bestimmt seine eigenen Grundsätze hin[-]
stellenden Leben - wie Du das schon von Berlin aus konntest -
fern und frey.- Was wolltest Du denn nur bey und mit mir?-
Weiter lieber Langethal! Warest Du denn als Zögling zu mir
gekommen, oder als Mitarbeiter, Mitlehrer, Miterzieher?-- /
[7R]
war es unklar und zweydeutig nach welchen Grundsätzen erzo-
gen und gelehrt, welches [sc.: welche] Grundsätze in Anwendu[n]g gebracht und
ausgeübt werden sollten, oder waren es die meinen?--
waren wir nicht mit wenig oder gar keinen Worten, im
freundlichen Gespräche oder stillschweigend ganz darüber
übereingekommen, und dieß um so mehr und dieß um so
leichter weil Du ja in meinen Grundsätzen und Lebensan[-]
sichten - wie Du selbst aussprichst - die Deinen wieder fandest.
Waren wir l. Langethal nicht beyde mitsam[m]en im Kriege?-
Ließ uns der Krieg Zeit diesen und jenen Befehl u.s.w. mit unseren
Inner[n] in Übereinstimmung zu bringen oder hieß es auf! auf!
auf!-- Lieber Freund das Leben ist ein Krieg. Daß unser
Leben besonders ein Krieg war, dieß lieber Freund einzusehen
dazu dünkt mich gehörte nicht viel[.]
Ich habe es Euch ja wahrhaft in genug Sprachen d.h. Rede-
weisen gesagt: - daß {Eure / meine} Grundsätze die Eurigen
sind und seyn sollen, das kann ich nicht verlangen
und habe es nie verlangt - jedem steht seine Überzeugu[n]g
frey, daß aber in einem gemeinsamen Leben nach einmal
aufgestellten Grundsätzen mit entschiedener Bestimmtheit
gehandelt werde, daß mußte ich fordern; stritten die
allgemeinen Forderu[n]gen gegen die einzeln Überzeugu[n]g, be-
schwerten sie vielleicht so gar das Gewissen, so war Aus-
scheidu[n]g das einzige Befrey[u]ngsmittel aus diesem Druck.
Ich will Dir ein großes Beyspiel sagen lieber Langethal, deute
und erkläre Dir damit unser beyderseitiges kleine Leben:-
Uns allen wurde und wird das Christenthum als Kindern
Knaben und Jü[n]glingen mehr oder minder von außen ange-
lernt, angeklebt; - was denkst Du Dir nun wohl was
heraus kommen würde wenn alle Menschen nicht ehe als
Christen leben wollten als bis sie die Forderu[n]gen des Christen[-]
thumes von dem Standpunkte ihres Lebens aus als allge[-]
meine Wahrheit entgegenleuchtend sehen. Große lebens[-]
wichtige Wahrheiten muß man unentschieden, stets be-
arbeitend jahre la[n]g mit sich herum tragen und doch das Leben
im[m]er still u freudig pflicht[t]reu fortführen.- Bin ich denn so w[en]ig klar?- /
[8]
So sehr klar nun lieber Langethal Deine Berichtigung und Erörte-
rung ist, so ist sie mir doch für einen Keilhauer und einen Lange-
thal noch lang nicht klar und genügend genug; so sehr rechtfer-
tigend Deine Berichtigu[n]g und Erörteru[n]g für mich ist, und so
herzlich ich Dir für Dein inniges Gutmeinen damit und beson-
ders für Deine mannhafte Lebenstreue des Mannes Hand
reiche und die Deine drücke, so ist mir doch diese Berichtigu[n]g
dem wahren und inneren Stande der Sache und des Lebens
noch lang nicht genügend und Du und alle Ihr übrigen wer-
det mir es darum nicht übel nehmen wenn ich dieser Berichtig[-]
u[n]g und Erörteru[n]g auf der und die Lebenswa[a]ge für uns
zur Wägung und Schätzung der Wichtigkeit und Bedeutsam[-]
heit besonders aber hinsichtlich auf die Wahrheit des Lebens
keine sogar große Bedeutsamheit beylege. Denn ein Ande-
rer könnte uns vielleicht bey weniger eindringenden Blick
noch einen oder den anderen gordischen Knoten darinn nachweisen.
Also gegenseitig für uns brauchen wir solche Rechtfertigu[n]gen
nicht, das Leben selbst ist uns gegenseitig Bürge genug
wie wir es meynten und meynen was wir wollten und
wollen; - Nach außen für Andere brauchen wir es eigent-
lich auch nicht, denn wenn unser Leben in sich durchleuchtet
ist, so wird es auch schon nach außen leuchten, auch wohl
be- und er- und durchleuchten.
Aber eben zu unserer eigenen innern Durchleuchtung
unseres eigenen und gegenseitigen Lebens brauchen und
bedürfen wir solcher Betrachtungen, solcher Berichtigu[n]gen und
Erörteru[n]gen als Deine Liebe, Natur u Wahrheit lieber Lange-
thal zu Tage gefördert und mir mitgetheilt hat.
Aus dankbarer Anerkennung nun habe ich auch mein
Lämpchen dazu hinsetzen wollen. Lasse darum auch dankbar
diese Erörterung stehen wie sie der Geist gab, ändere nichts daran
es wird sonst etwas zweyseitiges, und gieb es Vertrauensvoll
hin wo Du Dich daher aufgefordert fühlest, höchstens sagend:
daß freylich über die Sache noch viel zu sagen und sie noch weit tiefer
zu erfassen wäre, dann hättest Du aber ein Buch schreiben kön müssen
was sich aber wieder nicht gut schreiben ließe bis ich gestorben sey; /
[8R]
Vor der Hand aber lebe ich noch triebe auch noch mein Wesen
Du müßtest darum also wohl noch Dein Buchschreiben ein
wenig aufschieben und die andern sich mit dem Lesen beson-
ders aber mit dem Ankaufe desselben ein Wenig gedulden.
Bis dahin aber l. Langethal fahre wenn Du Zeit hast immer
fort von Zeit zu Zeit Berichtigungen und Erörterungen zum
Leben zu schreiben, sie werden so hoffentlich das Leben selbst
nach und nach berichtigen und erörtern d.h. alles zur
richtigen Zeit und am rechten Orte geschehen lassen. Dixi.

Freytag am 27en J. Und nun am lieben Freytage auch einige Worte zu
Dir mein l. Middendorff, weil Du in Deinen letzteren Mittheilungen an
mich den Freytag so fest hieltest, zwar zunächst nicht als Antwort
darauf, sondern zuerst auf Veranlassung vom Höhrensagen.
Barop schreibt mir nemlich "Du bearbeitetest jetzt das Leben
der Gesammtheit als ein Ganzes".
Aus dem vorhergehenden nun wie aus den Ergebnissen mei-
nes eigenen Leben liegt klar vor Dir, wie sehr ich dieß billige
und billigen muß, denn solche Wirkungen sind es am Ende
einzig welche die Vorsehu[n]g durch die von außen in unser Leben
eingreifenden Schicksale in uns hervorbringen will; wir
sollen uns in uns einigen in gewißer Beziehu[n]g abschließen
finden und erfassen
klären und selbstdurchdringen und
den Forderungen davon gemäß leben; alles
übrige, die sonstige Wirkung auf andere und im Leben, besonders
auch namentlich die Absicht mit der es durch und von den Anderen
geschahe soll uns als Äußeres ganz gleichgültig seyn.
Alles von außen kommende ist gleich dem Frost u der Hitze; dem Sturm
und dem Regen, dem Nebel u dem Thau, oder überhaupt = der Jahres[-]
zeit rc; sie sollen zwar steigern sammeln wenden die innere Anwendung macht einzig alles.
Aber mein l. M. wenn Du das Leben der Gesammtheit als ein
Ganzes darstellen willst hast Du denn den Geist, das Ziel den
Zweck dieses Lebens auch recht klar erkannt, so daß Du alle
Erscheinungen in demselben sicher erklären, und treffend erörtern
kannst?- Ich kann auf diese Frage Deine Antwort nicht hören und nicht /
[9]
abwarten, Zeit und Raum erlauben es nicht, Du wirst mir nun
also wohl erlauben Dir meine Meynung und Ansicht darüber
vor Anhörung alles des von Dir Erwogenen mitzutheilen, zu-
mal da das was ich sagen will wenigstens unter und zwischen uns
noch nicht klar besprochen worden ist. So lasse uns denn ein Gru-
benlichtchen anzünden und mit ihm hinabfahren in des Lebens dunkeln
Schacht um wo möglich die Erz führenden Gänge von den tauben
und todten unterscheiden, damit wir nicht auf diesen sondern
auf jene bauen d.i. zum Gegenstand unserer Mühe u. Arbeit
machen. Hast Du schon recht begonnen, nun so wird doch die Vergleichung
nicht fruchtlos, nicht unnütz seyn.
Der Geist, die Seele unseres Vereins, war in denn [sc.: dem] ersten
leisesten Keime unseres Vereines wie in dessen weiteren und
größeren Entwicklung und Ausbildung stets der Geist der Er-
ziehung, ein erziehender Geist.
Nun ist zwar eigentlich aller Geist wo und wie er erscheint
ein erziehender Geist rein als Geist indem er als solcher
trennend einigt und einend trennt so zur Vergleichung,
zur Erkenntniß und Einsicht zum Bewußtseyn führt; -
(:Hierin mag denn nun auch von menschlicher Seite her der allge-
meine Satz begründet seyn, daß denen die Gott lieben alle
Dinge zum Besten dienen, d.h. denen die alle Dinge mit ergehen Geist
und vom Geiste aus anschauen:) - allein der Geist die Seele
unseres Vereins war doch überwiegend und vorwaltend
ein erziehender Geist, eigentlich der Geist der Erziehung.
Wie nun der Geist die Seele unseres Vereines gleich in seinen
ersten Regungen und leisestem Keime der Geist der Erziehu[n]g
war, so war auch die Erziehung als solche gleich vom leise-
sten Entstehen des Vereines an, der Zweck, das bestimmte be-
sondere Ziel des Vereines.
Wie nun natürlich auch der Verein zu und für sein Ziel und
seinen Zweck einen Gegenstand haben mußte, so konnte
dieses natürlich kein anderer als der Mensch selbst seyn.-
Bis hierher gehen wir nun gewiß zusammen daran zweifle ich nicht[.]
Jetzt aber sind wir an dem Punkte angekommen von dem sich möglicher
Weise unsere Anschauungs- und Darstellungsweisen wenigstens der Klar- /
[9R]
und Entschiedenheit nach in zwey bestimmt geschiedene Wege tren[-]
nen.
Wohl ist der Mensch der nothwendige und eigentlich einzige
Gegenstand der (:Menschen-:) Erziehung aber die Ansicht, die
Stellung des Menschen als Erziehungsgegenstand kann eine ver[-]
schiedene seyn und ist ganz namentlich eine zweyfach verschie-
dene.
Hier ist nun der Punkt der Grenz[-] und Markstein, wo sich (:wie
in einer Dignitäten Reihe
{      20     21     22     23
         1      2      4       8      }:)
nach meiner
tiefsten Überzeugung
mein Erziehungsleben
von den Bestrebungen aller bisherigen Volks- und Menschen[-]
erzieher auf das bestimmteste und klarste scheidet.
(:Anmerkung. Ich brauche den Ausdruck: mein Erziehungsleben
weil ich keinen erfassenderen für mein LebensZiel meinen Lebens[-]
zweck und Lebensberuf kenne, denn ErziehungsAnsichten sind es
keinesweges nur, auch nicht blos ErziehungsGrundsätze; noch
weniger sind es blos Erziehungs- und LehrWeisen, welche mein
gesamtes Wollen und Streben, die Gesammtheit und das Ganze
meines Wollens und Strebens bezeichnen, darum Erziehungsleben.:)
Darum kann ich aber auch eben diese Gesammtheit meines Wollens
und Strebens nur in, und am, und durch das Leben selbst kundthun:)
Alle bisherigen Erzieher faßten nur den Menschen, ihren Zögling
so wie in ihren Anforderu[n]gen an ihn wie in ihrer Behandlu[n]g als
geschiedene und getrennte Einzelwesen auf, alle anderen Bezieh[-]
ungen z.B. als Menschenbrüder oder Staatsbürger oder Volksglie[-]
der u.s.w. u.s.w. waren nur mehr oder minder additionell hin[-]
zukommend, und eigentlich nur um den Zweck der Einzelerziehu[n]g
der Personen und persönlichen Erziehu[n]g bestimmter zu erreichen - (:Um
alle Polemik abzuschneiden will ich nur sogleich erklären. Diese
Erziehungsansicht war absolut nothwendig und mußte voraus
gehen ehe die Menschheit die jetzige Erziehungsansicht erfassen, ver[-]
stehen Anwenden konnte, ehe sie sich zu der Entwicklungsstufe
erheben konnte die sie jetzt zu betreten bestimmt ist, und schon be-
treten hat, der Beweis liegt in der Sache selbst; es muß a2
da seyn ehe a3 erscheinen kann:) /
[10]
Ich, mein Erziehungsleben erfaßt aber gleich den Menschen, sei-
nen Zögling gleich als nothwendiges Lebensglied (organisches Glied)
eines Lebganzen (organischen Ganzen) - wie sie ihn immer und
gleich als solches auffaßt und anschauet.
Ein paar Bilder mögen meinen Worten Gestalt geben: so schaue
ich z.B. einen Menschen an erfasse einen Zögling als a1; durch
diese Stellu[n]g habe ich ihn aber zugleich in seiner ganzen
auf- und absteigenden positiven und negativen Entwick-
lungsreihe mit erfaßt also in a-2 a-1 a0 a1 a2 a3 .....
Oder wenn ich einen Baum, z.B. eine Linde auf dem Kolm
pflanze, so erfasse ich sie in ihrem Verhältniß zum Grund u Boden
wie wenn sie erwachsen ist zum gesammt Eindruck des Ganzen
so wie ganz besonders in ihrem Eingreifen auf die künftige
Fortentwicklu[n]g und Ausbildung des ganzen mit ihm herauf
keimenden Menschen[-] und Familienlebens; ich sehe noch unerzeugte
ungeborne Kinder unter ihnen sitzen indem sich im schönen Frühling
oder Herbst klar die Sonne im heitern Osten erhebt, der sammelnde
Baum versammelt sie zu höherer Sammlu[n]g, sie gedenken vielleicht
daß das Sammelnde schon gepflanzt und gepflegt wurde ehe noch
das zu Sammelnde war, und pflegen und pflanzen für ein kommen-
des Geschlecht wie für das ihre geplanzt und gepflegt wurde
u.s.w.
Oder dort stehen die beyden Säulen am Saalgebäude (:ich habe sie
wohl schon einmal erwähnt?-- nun schadet nicht um so bekannter
ist Bild und Gleichniß:) mancher hat wohl schon seine Betrachtung
darüber gehabt und des Fröbels Thorheit und wer weiß was
gescholten, nun was er verdient mag ihm redlich werden - aber
als er sie setzen ließ lebte nicht Thorheit in ihm; es sind bekannt[-]
lich der Ordnung nach deutsche Säulen; es sind die zwey Säulen
des deutschen Muthes und des deutschen Gottvertrauens in
welchem das Ganze erbauet wurde, in dem es fest bestehen
und bleibend, immer höher fortstreben, empor streben soll.
(:Im Vorbeygehen will ich nun gleich erwähnen in das [*Zeichnung: Dreieck*] über
den Säulen gehört doch ein Sinnbild, es ist die Wahl zwischen zweyen
die beyde zwar schon der Kreis besitzt, das eine aber noch unvoll-
endet:).
Da nun schon so jedes Ding im Leben und in der Natur auf- /
[10R]
gefaßt und angeschaut werden kann vielleicht nur soll und
muß um es recht zu erfassen, recht zu erkennen und verstehen;
wie vielmehr also der Mensch, der Mensch als Zögling.
In dieser Gegenstands[-] und besonders Menschen[-] Auf-
und Erfassung aber ist die ganze neue Welt- und Mensch[-]
heits-Entwicklungsstufe gegründet und bedingt auf
und in deren Beginne wir eben jetzt stehen.—
Diese st alles verknüpfende uns einende und doch alles auch
auf das bestimmteste und klareste entwickelnde und aus-
bildende Lebensansicht nun, dieses so gewonnene ächte

Erziehungsleben
ist es welches sagen, von sich sagen kann und von dem es vielleicht auch
schon gesagt ist: siehe, ich mache alles neue! Denn alles
Leben und alle Lebensgegenstände und Lebensverhältnisse
werden durch dasselbe nicht nur neu, sondern sie werden
jung, alles gewinnt frische Kraft und erhebt sich in frischer
Kraft wie junge Adler.

Diese
meine Menschen Auf[-] und Erfassung nun
war es
welches mein Erziehungsleben gründete, erzeugte,
welches dem Geiste und der Seele desselben
in welchem es keimte u. aufwuchs
seinen Charakter gab.
In dem Geiste der Seele dieses Erziehu[n]gslebens nun sind
auch alle Erscheinu[n]gen meines äußeren (Erzieh[u]ngs) Lebens
gegründet und daraus und nur dadurch erklär- und
lösbar.
Darum nun wandte ich mich auch sogleich mit der Ausführu[n]g mei-
nes Erziehungslebens an für sich geschlossene Familien oder
die ich für solche hielt, als solche meynte, konnte darum
auch nur von einer ächt menschlich in sich abgeschlossenen
und wie in sich ruhenden Familie wie die meines treuen und
theuern Bruders verstanden werden, darum war es eine
ganz nothwendig in dem Plane der Vorsehu[n]g liegende Erschei[n]ung
daß wenn anders mein Erziehu[n]gsleben (zum Wohl der her- /
[11]
aufwachsenden Geschlechter:) verwirklicht werden sollte, daß
meines Bruders ganze Familie in einer gewissen Bezieh-
ung von meinem Erziehungsleben so ergriffen wurde,
daß sie es endlich so gar ganz theilte d.h. zu dem ihrigen machte.
Dieß lag alles sehr tief in der Familie meines Bruders und
in der rein menschlichen in sich Abgeschlossenheit und dem Sich ge-
fundenhaben, in sich ruhen derselben begründet. Ich könnte
mehrfach Beweise dafür anführen. Zwey Thatsachen nur will
ich herausheben einen für den männlichen Geist, eine für das
weibliche Gemüth, denn anders sprechen sich gleiche Thatsachen in
jedem von beyden aus.
Dem Geiste und Gemüthe des Bruders (:ob er es jetzt noch weiß
oder früher selbst wußte weiß ich nicht:) lag sehr viel daran
daß ich mein Lebensziel erreichen möchte noch ehe es Erzieh-
ungsleben hieß und noch weit eher also ehe es ein gemeinsa-
mes
Erziehungsleben heißen konnte, denn der Geist ahnet
und fühlet schon was noch in keines Menschen Herz und Sinn kam.
Hier für das erstere der Beweis.
Am 1en Nov. 1812 schrieb mir mein Bruder ins Stammbuch:
"Du gehest, o Bruder! dem Bilde der frostigen Zukunft, dem Winter
"entgegen. Aber so wie die Natur im Winter sich erholt und
"Kräfte sammelt, um mit unaufhaltsamer Kraft des Frühli[n]gs
"allen Stürmen und unfreundlichem Wetter zum Trotz mit
"verjüngter Schönheit hervorzutreten; so wird auch Deine Zukunft
"sich heitern und kräftig und schön hervorbrechen und einst blühen
"und viel Früchte bringen.
"Drum strebe sonder Ruh und Rast
"zum Ziel bis Du's errungen hast"
u.s.w.
Der männliche Geist geht dem zu entwickelnden Großen mit
Muth entgegen, das weibliche Gemüthe erwartet es mit
Furcht wie das rein jungfräuliche Gemüthe die ernste Liebe und die
noch ernstere Ehe.
Also auch mit einer Art Furcht sah die geliebte theure Schw.
der Entwicklu[n]g meines Lebens entgegen. Den Beweis dafür
habe ich nicht hier; er ist in einem Briefe meines Bruders an mich /
[11R]
nach Griesheim enthalten wo er im Winter von 1816 zu 1817 ohnge[-]
fähr an mich schreibt: De "meine Frau sagte: Dein Bruder meynt
und möchte wohl gar wir verkauften alles und zögen zu ihm."
- Ich kann mich aber ganz und gar nicht erinnern daß um jene
Zeit jener Gedanke schon in meine Seele gekommen seye.
Andere, die beyden Leben als ein Ganzes auffassende und er[-]
fassende Äußerungen von Albertinen, Ferdinand, Wilhelm gar
nicht zu gedenken, nur eine der eigensten aber wohl auch
hieher gehörigen Äußerung Elisens will ich erwähnen, als
mich diese in ihrem Leben als noch ganz kleines Mädchen zum
erstenmale eben in O. ankommend im Hofe oder Garten ganz
allein gesehen hatte: "ach! ich kannte (oder erkannte) ihn gleich
wieder"; als hätten wir uns je im Leben schon einmal gesehen
gehabt.
Doch zur Hauptsache wieder zurück:
Dieser unser - den Menschen in der Gesammtheit seiner na-
türlichen und Lebensverhältnisse - also immer die ganze
Familie überall mit ergreifende Geist unseres Erzieh-
ungslebens bewährt sich überall und fort und fort; Habt
Ihr nicht vielfach die Beweise dafür in Händen? - wo der
Geist unserer Erziehu[n]g wahrhaft eingreift, erfaßt er nicht
immer die ganze[n] Familien? - Pfarrers - Martins - von Arnim
selbst mehrere Eltern unserer Polen, und welche andere Beweise
könnte ich sonst noch dafür anführen.
Dagegen aber auch die ganz umgekehrte Erscheinung daß man
mein Leben und die Annäheru[n]g an mein Leben wie das
ich möchte sagen unlöschbare Feuer flieht, weil man fürchtet
mein Erziehu[n]gsleben, der Geist meines Erziehungslebens
möchte neugestaltend, verjüngend in die alten morschen
löcherichen Familienverhältnisse eingreifen, und sie also
allem zuvor in ihrem Alter, ihrer Morschheit und Löche-
richtkeit zeigen.
Auch während meiner nun mehr als jährigen Abwesen[-]
heit von Keilhau habe ich diese schneidende Anziehung und Abstoßung
meines Lebengeistes in Familien empfunden. Auch hier halten
Familien, ob ich sie gleich persönlich gar nicht berühre, an meiner Wirk- /
[12]
samkeit, nach Art wie es hier möglich, wie Kletten fest.
Jetzt gehe ich zwischen dieser Anziehung und Abstoßung gleich ruhig
durch mich weder zur rechten noch zur linken wendend, seit ich
weiß daß sie obgleich an zum Bewußtseyn bestimmten Menschen
doch jetzt noch an ihnen und in ihnen eine eben so unbewußte
Erscheinung ist, als jede andere Naturerscheinung nun eben auch.
Aber darum soll sie nicht auch unbeachtet, unbewußt bleiben.

Jener
den ganzen Menschen in der Gesammtheit seiner Lebens Verknüpfungen
erfassende
Geist meines Erziehungslebens nun
die Forderungen und die Wirkungen desselben sind es
welche Alle Erscheinungen meines und unseres Zusammenlebens
erklären, sind der Schlüssel zur Lösung aller Widersprüche
und Dunkelheiten in demselben.
Versucht es nur selbst zuerst an Euerem und in Euerem
eigenen Leben ich will Euch die Lösungsformel geben;
Sie heißt: - Ihr und alle wollten immer und allem zuvor
als die Einzelwesen die Einzelpersonen die Ihr nun seyd und in
der Einzelpersönlichkeit wie Ihr Euch selbst erfaßt hattet
auch von mir angesehen aufgenommen und behandelt wer-
den, ich ergriff Euch aber sogleich aus einem doppelten Rechte
einmal weil Ihr mein Erziehu[n]gsleben factisch als das
      Eure mit anerkanntet
zweytens weil es die unerläßliche Forder[u]ng der jetzigen
      Stufe der Menschheits Entwicklu[n]g ist
als wirkende Glieder einer hinauf und hinabsteigenden
stetigen fortschreitenden Reihe - oder als Lebeglieder
eines Lebeganzen und so in der Gesammtheit Euerer
Lebensverknüpfungen und wollte Euch als solche und dafür erziehen, unserm (so gemeinsamen) Zwecke gemäß ausbilden.-
Die Forderungen mußten hiernach
nun etwas ganz anders, größer und schwerer seyn, die
Forderu[n]gen des Ganzen, der Einheit mußten voran gehen
und dann erst die Befriedi[g]ung der Forderung an den Theil nun an
das Einzelne. Und wenn das Einzelne u Glied dem Ganzen
zum Nachtheil nicht hören wollte, so mußte jener Ausspruch
in Anwendung kommen: wenn Dich Dein Auge ärgert pp[.] pp. Dieser /
[12R]
Satz und diese Forderung hätte nur früher schon in größerer Strenge
von mir befolgt und angewandt werden sollen, wie es wohl
jetzt geschiehet, so würde es ohne Zweifel für mich und uns besser
stehen. Ich habe Euch überhaupt schon oft und wiederkehrend
gesagt daß alle Aussprüche und Forderungen des größten der
Menschen- und MenschheitsErzieher wir in unsererm und auf
unser Erziehungsleben anwenden können. Der Beweis dafür
ist der bekannte einfache vom Theil zum Ganzen, vom Baume
zum Zweige, vom Meister zum Werke. Daß unser Erziehungs[-]
leben vor allem ein ächt christliches sey ist wie ich jetzt wieder
in Eueren Mittheil[u]ngen lese Euer aller erster Wunsch, daß
unser Leben - wenn es ein ächtes wahres Erziehungsleben
seyn wolle nur einzig und ganz allein ein ächt christliches
seyn s müsse habe ich vielfältig in meinen Schriften nachge-
wiesen - was aber vom Weinstock gesagt werden kann
muß auch von der Rebe gesagt werden können; andere
Beweise unbeschadet hier unerwähnt gelassen.
Also der oben angegebene Geist meines, unseres Erziehungs[-]
lebens ist der Schlüssel zur Lösung aller Erscheinu[n]gen des
Keilhauer Gesammtlebens, Du lieber Middendorff hast ihn
nun hier empfangen gebrauche ihn nun getreu zur Eröffnung der
verborgenen geheimen Archive bey Schreibung und Bearbei-
tung des Keilhauer Gesammtleben als Ganzes. Du wirst
ihn bewährt finden wenn Du ihn daran prüfest wie ich gleich vom
Anfang an genommen und wenn Du willest gestellt habe.
Doch daß diese Ansicht nicht meines Erziehungslebens
nicht etwa eine jetzt oder jüngst erst gewonnene sey
sonder[n] die uranfänglich zu meinem Erziehungsleben mit
gebrachte ja dasselbe erzeugende, dafür bin ich Dir wenig-
stens um der Vollständigkeit willen und andeutungswei[-]
se den Beweis schuldig. Du aber hast ihn schon selbst in Händen
warest Du es nicht an den ich von Osterode aus schrieb: daß sich
um mir [sc.: mich] ein reines Menschenleben entfalte pp[.] ist der
einzige Zweck meines Handelns! - reines Menschenleben
aber kann sich nur da entfalten ausbilden pp[.] wo der Mensch
als (organisches) Lebeglied des Lebeganzen, Menschheit genommen wird. /
[13]
Aber noch einen größeren schlagenderen Beweis hast Du wenn Du ihn
bedarfst in den ersten Seiten meiner ersten Anzeige Schrift
"An unser Volk." wo ich gleich davon ausgehe nachzuweisen
daß wir ein völlig in sich abgeschlossener alle persönlichen
Verhältnisse in sich einender Familienkreis sind, und zwar
nicht ein in der Dumpfheit der Niederung gelebt habender,
sondern auf den Bergen erzogen wo ein klarerer Himmel einen
freyeren denkenderen Geist erzieht, einen das Leben in der
Mitte erfassender, von der Mitte aus nach allen Seiten über-
schauender Geist pp[.] pp. Dieses erfassen und hinstellen des
Menschen als Zögling in die Mitte einer wirkend auf
und absteigenden Lebensreihe also als ächtes Lebeglied eines ächten Lebeganzen geht durch die ganze Schrift
hindurch.
Spätere, wenn auch noch bestimmtere Beweise aus der Erziehungs-
kunst
erwähne ich gar nicht.
Der Eintritt und die Geschichte des Eintritts der Osteroder, des
Bruders Familie in den Erziehungskreis deren Einigung mit
dem Erziehungskreise ist eine Hauptthatsache von der Wirk[-]
samkeit des angegebenen Geistes unseres Erziehungslebens
so wie der Grund- und Eckstein des neu aufzuführenden Lebensbaues[.]
Die richtige Auffassu[n]g und Durchleuchtu[n]g davon ist aber
eben so wichtig, wenn der Bau nicht unvollendet mindestens
den Zufall überlassen werden soll.
Es ist zwar bey jedem Leben, jedem Menschenleben aber ganz be-
sonders bey unserem weil es ein Erziehungsleben für Bewußt[-]
werden und für ein Leben im und mit Bewußtseyn ist daß es
von allen Gliedern richtig erkannt und aufgefaßt, richtig
behandelt und durchgeführt werde.- Meine stete Sorge und
Sorgfalt dafür kann Euch auch aus allem meinen Thun hervor-
gehen.
Wie Ihr so, Ihr Männer Keilhaus! durch Nachdenken und
ganz besonders auch durch die täglichen Ergebnisse des Lebens
wie ich immer klarer und unzweydeutiger einsehen solltet
daß die Grundsätze auf und in dem das Keilhauer (Erziehungs[)]
Leben ruhet sich immer mehr auf das vollkommenste
bewähren so sollten auch die Frauen Keilhaus immer leben-
diger und bestimmter empfinden, sich selber immer lebendiger und bestimmter /
[13R]
fühlbar machen das [sc.: , daß] der Kern des Keilhauer Lebens ein ächter
Lebenskern und daß der daraus hervorgekeimte, hervor[-]
wachsende Baum ein ächter Lebensbaum sey. Sie sollten dieß
um so lebendiger und bestimmter fühlen, sich um so lebendiger und
reiner, immer bestimmter und sicherer fühlbar und fortwir-
kender machen als sie so tief als wahr empfinden müssen
welchen ganz wesentlichen Antheil weibliches Gemüth und
weibliches Leben, weiblicher Sinn und weibliche Seele vorahnend
an der Pflege und so dem Gedeihen des Keilhauer Lebensbau-
mes, dieses Lebensbaumes an sich habe; - ich sagte und sage
mit Bedacht vorahnend, weil sie voraus fühlten welche An[-]
erkenntniß, Rechtfertigung und Bestätigu[n]g, weibliches Gemüthe
weiblicher Sinn und weibliche Seele überhaupt weibliches Leben
in demselben und durch dasselbe finde und finden würde
sie sollten - so lebendig als tief und erfassend fühlend die innere
Gleichheit und Einheit (Übereinstimmu[n]g) ächter Liebe und wahren
Lebens fühlend und die Übereinstimmung und Gleichartigkeit
reiner Ehe und eines reinen Lebensbundes für reines Leben
wahrnehmend - durch klärende und fortentwickelnde Erinne-
rung und Zurückrufung der Keime und der Jugend des Keil-
hauer Lebens, dasselbe immer mehr zu seinem Ziele wie zur
Erreichung seines Zweckes führen, welches Ziel und welcher Zweck

Bewahrung, Pflege, Gestaltung und Offenbarung
einiger, reiner, lebendiger Menschheit
das Ziel der Zweck ihres Lebens, die Sehnsucht ihres Gemüthes ist.
Sie sollten so als die Bef Bewahrerinnen der Liebe und des Lebens
der Liebe und der Lebenskeime wissen, daß Liebe und
Leben nie alt wird, sie sollten dieß lesen in den von den
Lebensanstrengu[n]gen matten Augen des alternden Mütterchens
und auf den von des Lebens Sorgen gehärteten Wangen desselben
wie die ersteren erglänzen und die letzteren eine neue Lebens[-]
kraft sanft durchfließt - wenn es sich, wenn Liebe und Leben
im Leben scheinbar längst abgestorben ja begraben ist,
sich der ersten jugendlichen Keime desselben, derselben mit
mit all den kleinsten Kleinigkeiten zu neuer Erhebu[n]g und
Belebung des scheinbar sinkenden Lebens sich erinnern; Ja ich möchte
diese Erinnerungen wie eine Saat nennen die man ins Jenseits streut um dort gleich /
[14]
wieder aufgegangen, ja mit Blüthen und Früchten prangend
zu finden.
Möge darinn so erkannt werden, und möge darum auch hier stehen
mein besonderer achtender Gruß an d. Keilhauer Frauen;
mögen sie ihn darinn finden.
Möge beyde die Keilhauer Männer und die Keilhauer Frauen
jede als eine einzige sich gefunden habende innig einige
Person angeschauet endlich zweyfellos einsehen

daß ächtes wahres Familien- und Menschenleben
daß das Leben überhaupt
wie ein neuer Mensch als Kind,
neu geboren werden müsse;
daß dieß aber nur in, durch und nach innig einigender Wech-
seldurchdringu[n]g des selben lichten männlichen Geistes und Lebens
und des reinen lebendigen G weiblichen Gemüthes und Lebens
geschehen könne.
Ohne diese wechselseitige innig anerkenn[en]de Durchdringung
und hoher Beachtung beyder Leben als ein Leben, ist alle
Bemühung zur Hervorförderung eines

den Glauben, die Hoffnung u die Liebe
des Menschen befriedigenden, ihnen genügenden Lebens
rein umsonst;
es gleichen die Anstrengungen dafür gleich dem Säen tau-
ber Nüsse auf unfruchtbares Land. Ihr könnt Euch
wir können uns höchstens der schmeichelnden Hoffnung hinge[-]
ben daß unsere Kinder, Kindeskinder und Nachkommen, sich
eines solchen reinen, des wahren ächten Menschenlebens
erfreuen werden, aber nicht der sichern, zweifellosen
gewissen Erwartung.
Die Geschichte der Menschheit und die MenschenGeschichte, die
der Vergangenheit wie die der Gegenwart, unsere eige-
ne, geben sattsam Beweise dafür, von dem ersten Auf[-]
treten des Menschengeschlechtes bis zu den mehrfach erschienen[en]
und abgelaufenen Entwicklungsstufen desselben; erspart mir
auch nur ihre Andeutu[n]g. Laßt uns aber die Mahnungen dieser
Beweise endlich hören;-- laßt uns: - /
[14R]
das Geheimniß und die Geheimnisse des Lebens*)
wenn auch äußerlich nicht begreifen und ergreifen, doch
innerlich sinnig innerlich beachten, vertrauend pflegen.
Nur das Leben in seiner innigen Einheit in sich, in seiner auf[-]
und absteigenden allseitigen Verknüpfung erfaßt und
gepflegt, kann uns bleibend die duftigen rosigen Lilienblüthen
und die erquickenden saftigen goldenen Früchte des Lebens bringen
gleich der zarten Myrthe, gleich dem kräftigen Orangenbaum.
-*-
Und somit sey es für heut genug. Ich will diese Blätter ob-
gleich das was ich zu sagen habe noch lang nicht beendigt ist
nicht zurück halten und es vertrauend heut schon der Post
zum morgenden Abgang an Euch übergeben; es ist abge-
schlossen in sich und genug für einen Posttag; genug zur Be-
arbeitu[n]g auf 8 Tage. Ist es mir durch das Leben, dessen Ent-
wicklung vergönnt und möglich so kehre ich in 8 Tagen mit der Fort-
setzung ein, doch sicher versprechen wißt Ihr kann ich nicht.
Ich hoffe daß Ihr den heutigen Brief gleich als eine schöne Blüthe
oder wenn Ihr lieber wollt sogar schon Frucht meines heut
vor acht Tagen an Euch abgeschickten Briefes finden und er-
kennen [werdet], so wächst, gründ, blühet, fruchtet der Lebensbaum
fröhlich fort und reifen die goldenen Früchte für Genesu[n]g
für Gesundheit.
Gern schriebe ich noch besonders Dir meine liebe treue Frau
doch denke ich Du wirst hier des Briefes und der Antwort ge-
nug finden; kannst daraus auch sogar die Frage lesen welche
ich in den letzten Zeilen noch im Fluge an Dich that.-
Ferdinand ist fleißig an der Beschreibung seiner und unse-
rer Reisen oder vielmehr größeren Spatziergänge einige
Bogen
klein geschrieben sind schon voll; gegen das Ende künf[-]
tigen Monats soll wo möglich das Ganze zur Freude des
Ganzen und besonders Eurer ihr Lieben Söhne und Töchter bey Euch
eintreffen; ob auch meine Reisebeschreibung - oder wie ich es nenne
ein Tag aus meinem Leben für Euch zugleich mit weiß ich nicht. Ich
habe gar zu viel zu thun mit dem vielarmigen vielköpfigen und viel[-]
herzigen Leben fertig zu werden. Lebt wohl, wie immer in L. Tr: u Freundlichkeit
Euer FrFr.-
geschlossen Sonnabend den 28en Tag d. L. M. in Mittag.

(Nachschrift an den Rändern 14V/13R)
Eines muß ich Euch doch von meinen stattlichen hochstrebenden Lilien erzählen - die unteren Blumen
der Blüthenähren sind so hoch, daß sie mir die Lippen berühren. Mehrere Blumen zeigen durch
Zusammenziehen sehr rein und schön die Entstehu[n]g der 5 und der 4 z.B. Rosen und Ehrenpreis.
[Sternchenanmerkung auf 14R, die den Satzzusammenhang unterbricht:]
*) Leben, das Leben ist ja eigentlich Geheimniß, das Geheimniß an sich.- /
[15]
[Adresse auf Briefumschlag:]
       An
die allgemeine deutsche Erziehungsanstalt
in
       Keilhau,
bey Rudolstadt in Thüringen.