Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 29.7./2.8./4.8.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 29.7./2.8./4.8.1832 (Wartensee)
(KN 40,5, Brieforiginal 9 ½ B 16° 38 S.)

Wartensee am 29en Tage des Lilienmonats 1832.·.


Der lieben Keilhauer Gemeinsamkeit.
Der stillen Sonntagsfeyer Lebensgruß zuerst.

Den vorigen, eben jetzt wohl von Luzern aus an Euch abgehen-
den Brief habe ich mit einem besonderen Gruß an die Frauen
Keilhaus geschlossen und so will ich auch diesen wieder mit
einem besonderen Gruß an sie
beginnen d.h. ich will mit Beantwortung ein Paar freundlicher
Worte Ernestinens an mich, welche die jüngste Keilhauer Brief-
sendung mir brachte, anfangen, obgleich sich diese Blätter noch
vorwaltend an die Männer Keilhaus wenden wollen und
sollen, und zwar namentlich wieder zunächst an Barop und
Middendorff, so mögen doch die dem Leben so schnell als schön und
bestimmt entblüheten Worte Ernestinens und was sich daran
anschließt den heitern Eingang machen, wie Musik den Eingang
zum Kampf. –
Ernestine schreibt: „Um in der Erfassung des Augenblickes – wäre
es möglich – bey seinem jedesmaligen Erscheinen Geübtheit und Fertig-
keit zu bekommen, erhalten Sie auch jetzt wieder diese, meines lieben Langeth[a]ls
Briefe sich beygesellenden Zeilen. Vor allem wünsche ich, daß diese Sie beyde in fri-
scher Gesundheit begrüßen mögen. Meine Freude über den von Ihnen letzt
erhaltenen Brief war überaus groß; einen so innern und besondern Zusam-
menhang hatte ich nicht geahnet, ob ich gleich in beglückender Erhebung meines
Gemüthes diese Mittheilung niederschrieb, nur das fühlte ich sehr bestimmt
daß meine Freude aufgenommen werden würde, und eben so getheilt,
welches mir auch den Muth gab die Flüchtigkeit der Zeit dennoch zu ergreifen.
Ich finde es so wahr, daß in der Beachtung der gedrängtesten Zeiträu-
me, wo sie sich uns darreichen etwas zu thun, zu vollbringen, das reich-
ste und innerste Leben sich uns ausspricht.“ u. s. w.
Was nun hier Ernestinens Gemüthe „so wahr“ findet, das war es im-
mer, was ich wünschte ja ersehnte daß es das Gemüth aller Keilhauer
als einer Gesammtheit in Beziehung auf das Leben Keilhaus, seines Zieles
und seines Zweckes als Ganzes nicht allein, sondern auch jedes für sich /
[1R]
als Glied dieses Ganzen wahr finden und im Leben und Handeln fest halten möchte.
Eine einzig schlagende Erfahrung ist freylich
für ein einziges still und sinnig beachtendes Gemüthe genug einen
solchen Lebens- das Leben erneuenden Satz nicht allein wahr zu
finden, sondern auch für das Leben fest zu halten. Bey einer zu-
sammengesetzten Einheit, bey einem MehrheitsGanzen verringert
und vermindert sich freylich das schlagende und Lebenweckende
solcher Beachtungen und Erfahrungen in dem Maaße, als die beach-
tende Mehrheit in sich noch eine getheilte ist, wie sich das schlagende
und Leben weckende solcher Beobachtungen und Erfahrungen dagegen erhöh-
et und verstärkt, als die sinnig beachtende Mehrheit in sich eines
und das Ziel, der Zweck – der Gegenstand der sinnig beachtenden Ge-
müther ein einiger und einziger ist. Darum nun gieng auch
gleich vom allerersten leisesten Beginne meines Lebens und Wirkens
in einer Gemeinsamheit und für eine Gemeinsamheit all
mein Wollen und Streben dahin diesen in sich einigen und somit auch
einigenden Gegenstand dem Ganzen als einer Mehrheit von Gliedern
finden zu machen. Doch wie es so oft ja fast immer dem mit Absicht Unternom-
menen (: wenigstens bis zu einem gewissen Punkt
geschiehet :) – daß man das Gegentheil, gerad das Gegentheil
von dem erreicht was man wollte, so geschahe es denn auch mir;
statt des Zieles, Einigung, das ich suchte, war das Loos was ich
ergriff – Trennung. Mögen nun jene Worte, welche ohne Absicht
zu mir nur mit dem stillen Wunsche ausgesprochen wurden, daß ihnen
das Loos einer freundlichen Aufnahme werden möge, welche
ihnen auch wurde, vielleicht zu einem Ziele gelangen oder führen zu
welchem ich selbst mit Absicht nicht gelangen und nicht führen konnte.
So viel weiß ich wenigstens gewiß wenn ich Langethal gewesen wäre
und diese meiner Berichtigung und Erörterung beygelegten Zeilen
gelesen hätte, was er doch gewiß gethan hat, weil es die Zeilen
seiner Frau waren, ich würde zu mir gesagt haben: - ja wahr-
lich hier findet mein ganzes Leben und Stehen zu uns mit Fröbel, mein
wundersames Entgegenstreben und Entgegenkämpfen gegen ihn seine
volle Lösung so wie „das reichste und innerste Leben sich mir
(klar) aussprechend“ das Fröbel mir selbst zu finden, selbst zu
erreichen möglich machen wollte. Vielleicht sagte hätte ich mir auch /
[2]
noch mehr gesagt, denn die in Ernestinens Ausspruch ausgesproche-
ne sorgliche „Beachtung der gedrängtesten Zeiträume“ macht
mich aufmerksam auf meine, jenseits des vor mir stehenden
bunten, frischen und duftigen Blumen Halbmondes auf der Kommode
liegende Uhr mit ihrem einförmig gleichmäßigen Tick, tack, tick
tack, tick, tack, und da mein Sitz hier am Fenster gar manches ähnliche
mit dem in Keilhau in meinem einfenstrigen Dachstübchen hat
und alles so mäuschenstill um mir ist, so ist es mir als schaue ich
durch das Fenster den Keilhauer Hof hinab nach dem Thürmchen mit
der Uhr und als höre ich, wie dort gar manchmal in stiller Nacht
ihr langsam ernstes tack - tack, tack - tack. Schnell tritt mir
da Leben und Uhr in Gleichheit; letztere wenigstens als zweck-
mäßiges, entsprechendes Gleichniß und Sinnbild des ersteren
entgegen. Das vielen wohl abstoßende mechanische, das vielen
wohl harte mathematische verliehrt sich mir leicht bey tieferem
Eindringen des Vergleiches.
Die Uhr indem sie die Zeit theilt und ordnet verwandelt die Zeit in Raum verkörpert die Zeit
giebt ihr Gestalt und Bedeutung.
Der Raum selbst schließt sich so näher an die Zeit an, theilt, bekommt
Eigenschaften der Zeit, der Raum bekommt gleichsam Bewegung
Leben, Vergeistigung.
Das Leben was thut es nun anders? – es theilt es ordnet umverwan-
delt Zeit in Raum und Raum in Zeit, gestaltet, vergeistiget, belebt
mit einem Worte[:] schafft.
Was bewegt die Uhr? – es ist die Schwere! - was bewegt das Leben?
- es ist die Liebe in ihren tausend Gestalten! - Was ist Schwere? –
das Streben nach der Einheit der Erde, ihrer Mitte! - Was ist die Liebe? -
das Streben nach Einigung, nach Einigung zuletzt mit der Einheit aller
Dinge, dem Seyn alles Daseienden! –
Kann Leben nun einen anderen Zweck, ein anderes Ziel haben als
schaffen; könnte und kann ein nach seinen verschiedenen Entwicklungs-
stufen sich immer so klar bewußtes, besonnenes Leben als das unsrige
als das meine, einen andern Zweck, ein anderes Ziel haben, als ein
für seine verschiedenen Entwicklungsstufen, Altersstufen, wenn
Ihr lieber wollt – klares, bewußtes, besonnenes Schaffen, ein Schaffen /
[2R]
für Klarheit, Besonnenheit, Bewußtseyn oder Bewußtwerden? -
Konnte und kann nun – ich frage jeden menschlich Fühlenden und ver-
nünftig Denkenden – ein Leben und ein Lebenszweck wie der uns-
rige; wie der meine, ein anderes, nur irgend ein anderes Beweg-
endes haben als die Liebe? – (: Bauer sagt: ja, höchstens Selbstliebe! gut
ich habe gar nichts dagegen, lasse es nackt stehen wie es steht: weil
die Erde sich um ihre Achse dreht neigt sie, d. h. fällt sie daher weniger
gegen die Sonne? – d. i. läßt sie sich weniger von der Sonne
anziehen, ist sie darum weniger gegen die Sonne schwer? –
Sagen uns nicht die Astronomen, daß am Ende sich alle Weltkörper höherer
Ordnung (eine Sonne ist doch mehr als ein Mond der sich nicht selbstständig
um seine Achse dreht,) – um ihre eigne Achse drehen? - Würden wir Erdenbewohner
zufrieden seyn, drehte sich die Erde nicht um ihre eigene Axe? Doch zu viel
schon dem Br[Bauer]:)
Aber das Liebeschwere, Liebend schwere Gewichte
zieht und drückt nicht allein gar gewaltig sondern auch so
ganz und gar ohne nur ein einziges mal Ruhe und Rast
zu haben; es hat höchstens keine andere Ruhe als in der Richtung
in der es zieht und in dem Punkte, nach dem es zieht.
Ihr wunderlichen Leute! nehmt mir das Wort nicht übel, wunder-
liche Menschen sind doch unter Euch, und am Ende seyd Ihr es alle! sagt
mir nur, wo giebt es denn nur, wenigstens auf der Erde,
nein, das ist gar zu wenig! sagt mir, wo giebt es für ein mensch-
liches Herz überhaupt eine Liebe die nicht ziehe und drücke? – und wenn
die Liebe aufhört zu ziehen und zu drücken, ja, es nur einen Augenblick so scheint seid Ihr denn dann
nur zufrieden? – oder hängt Ihr den Kopf? – mehr will ich gar nicht sagen.
Noch eins[.] Wenn das Gewicht zu starkt drückt, schneidet es ab! –
„Ja, dann steht die Uhr!“ Nun denn, eines von beyden.
Weiter! – was habt Ihr oder was haben wir im Leben und über
unser und mein Leben und dessen Forderung zu klagen, das

„die Beachtung der gedrängtesten Zeiträume“
           die der Uhr!
in der Mannigfaltigkeit ihres Wesens und ihrer Erscheinung nicht löse? -
“Da ist im Leben, in seinem Sinnen, Denken und Handeln gar keine Beach-
tung der Individualität!“ – Nun liebe Uhr was sagen wir dazu? -
„Die Reinerhaltung der Individualität jeder meiner Räder, ja, der aller-
kleinsten Stiftchen, muß – soll meine Uhr anders ihre Hohe Be- /
[3]
α. stimmung erreichen – meine erste Sorgfalt seyn, denn eine
- eine Uhr die falsch geht ist nachtheiliger als gar keine Uhr! -
Ja, ja! die Uhr hat recht, so meine ich auch, wo ist ein Rad in der
Uhr das dem andern gliche? – Haben sie Ähnlichkeit der
Form so ist die Zähne Zahl und Zähne Größe u.s.w. verschieden;
vergleicht nur das Minutenrad, das Stundenrad, das Steigrad
und wie die Räder alle heißen. Sollte, könnte es in unserm Leben anders seyn? –
Ja die Individualität meiner Räder – so fährt die Uhr fort –
liegt mir, muß mir so am Herzen liegen, daß wenn ein Rad darinn
zu leichtlebig wäre, ein Zahn zu schmal, eine Lücke zu groß,
versteht sich für dieß oder jenes bestimmte Rad, so muß ich gleich
zu Hülfe kommen.
Seht hier ist nun ein Hauptpunkt alles Klagens über mich. Ich
sprach ja aber immer zu Euch: Ihr habt nun einmal gesagt wir
wollen wissend seyn, da nun kann ich Euch nicht anders behan-
deln, nehmt das Wort zurück, und gleich tritt von meiner
Seite eine andere Behandlungsweise ein. Sprach ich je anders? –
Ich habe Euch schon oft das Geschichtchen mit jenem kleinen Knaben erzählt;
es ist zwar auch schon ein altes 25 jähriges Histörchen aber ich will es Euch
doch bey dieser Veranlassung in Gesammtheit nochmals erzählen. Ein Kleiner
Junge zwischen 6 - 7 Jahren, meiner Obhut anvertraut, hatte Strafe ver-
dient, er hatte in vielem Ähnlichkeit mit dem kleinen mir auch so lieben ChrFriedrich.
Ich hatte den Jungen sehr lieb und das Strafen selbst war mir, wie
immer, nicht lieb. Ich sagte also zu dem Knaben: Sohn Du hast Strafe ver-
dient, willst Du aber ein Mann werden, so muß ich Dich strafen,
es wird nur von dir abhängen ob ich dich strafen soll; und der Knabe
bat mit die Wangen mir streichelnder Hand und Thränen im Auge:
schlage mich nur, ich habe es verdient, ich bitte. – Vom Geschichtchen
weiß er glaub ich nichts mehr aber ein Mann ist er geworden
und ist er noch. Das weiß ich; - am ersten liegt nicht viel.
Sollte ich denn nun Euch als {seyende werdende Männer weniger männlich
behandeln als den kleinen Knaben? – so gering werdet Ihr doch
nicht von mir, so gering und klein konnte ich doch nicht von Euch denken!
Ehe ich zu unserer Uhr zurück kehre im Vorbeygehen ein Geschicht-
chen aus dem späteren Mannesleben jenes dortmaligen Knaben. Fleiß
und Anlage für sein Fach machten aus ihm etwas Tüchtiges. Er wurde,
- schon achtend anerkannt – unter der Leitung eines alten, erfahrenen /
[3R]
Geschäftsmanne[s] im Staatsdienst angestellt. – Er kommt zu diesem
um von ihm die erste Arbeit zu holen: - „Hier sind diese Akten oder
Papiere machen Sie daraus einen Auszug oder Relation.“ – Gut!
Mein junger Mann, einfach in allem, gewiß nicht von sich eingenommen,
macht die Arbeit mit dem größten Fleiß und meint so, wenn auch
keinesweges Lob, doch sich die Zufriedenheit seines Obern erarbeitet
zu haben. Was geschieht? – Nachdem er seine Arbeit diesem über-
reicht hat, durchläuft sie derselbe schnell, faßt sie oben mit
den beyden Händen, durchreißt sie und giebt sie mit den
Worten zurück: - „Ihre Arbeit taugt nicht! machen sie [sc.: Sie] solche
besser und bringen sie [sc.: Sie] dieselbe mir wieder.“ – Was sagt Ihr
dazu? – Der junge Mann sagte aber nichts dazu verbeugte
sich still nahm das Papier und gieng. Zu mir sagte er aber:
Das hatte ich mir doch nicht erwartet.
Ist das Geschichtchen aus? – Noch nicht ganz! – Der junge Mann
gewann immer mehr das Zutrauen des Obern. Nach einigen
Jahren, in einer Stunde des Vertrauens fragt letzterer ein-
mal den ersteren: sagen Sie mir doch jetzt was haben Sie
dortmals gedacht als ich ihre [sc.: Ihre] Arbeit zerriß, sie [sc.: Sie] haben wohl
geglaubt ich würde Ihnen meine Zufriedenheit mit derselben
bezeugen? – Der junge Mann antwortete ohngefähr das oben
angegebene. – Ja! sagt der Geschäftsmann jetzt, Ihre Ar-
beit war wirklich über mein Erwarten gut, daß wenig da-
ran auszusetzen war; ich durfte es Ihnen aber {dortmals jetzt nicht
sagen mein Lob auch nur meine Zufriedenheit, hätte sehr leicht
etwas in unser Verhältniß bringen können was uns beyden
und besonders Ihnen künftig mehr Verdruß und Schmerz ge-
macht haben würde als dortmals Ihre Überwindung. -
Mein Oberer als ich unter seiner Leitung bey ihm in Staatsdienst
trat, hat es mit mir eben so gemacht; ich mache es seit dem
mit jedem so der in ähnliches Verhältniß zu mir tritt,
und ich rathe Ihnen nun jetzt als Freund, machen Sie es
künftig eben so wenn Sie in gleiches Verhältniß treten.
Und – der junge Mann gab jetzt dem alten Erfahrenen
nicht Unrecht.
Nun solche par force Curen habe ich doch nicht mit Euch vorgenommen. /
[4]
Unser Zweck war doch wahrlich kein kleinerer als im jeglichen jetzigen
Staatsdienste; ja ich möchte doch den Staat sehen, welcher seinen
Staatszweck mit dem Zweck unseres Zusammenlebens als gleich
in eine Wage legen könnte? - -
Ich wollte das letztere Geschichtchen schon in meinem vorigen Briefe
bey meinen Gedanken über die Berichtigung und Erörterung (wohin
es eigentlich gehört) einfügen, habe es aber dort vergessen, so
mußte ich mir denn nun schon hier dieß lange Einschiebsel gefallen
lassen.
Doch endlich zurück zur Uhr und zum Leben welches jedoch beydes
hoffentlich seinen geordneten Gang fortgegangen ist.
„Aber bey all seiner treuen Mühe und fleißigen Arbeit“ – so sagte
wohl früher auch einer oder der andere oder dachte es wenigstens - “be-
kommt man nicht einmal einen besonderen persönlich freundlich
beachtenden Blick, noch weniger ein Wort von ihm.“ – Nun so stark
war es wohl nicht. Doch was sagst du Uhr dazu? – Ich sage:
Wenn durch das Ganze stets die richtiger Zeit gezeigt, also erfüllt
wird was soll, so weiß ich, daß auch ein jedes in mir bis
auf das kleinste, unbedeutendste Stiftchen hier seine Pflicht
bis auf das pünktlichste und strengste erfüllt, wenn ich mich
auch nach den einzelnen Stiftchen und Rädern nie umsehen sollte;
nur wenn ich falscher gehe und falsch zeige, dann geht prü-
fend, fühlend und sehend mein innerer Blick von Rad zu
Rad von Stiftchen zu Stiftchen um zu sehen ob und welches
locker oder schadhaft oder wo etwa sonst der Fehler sey. Das
allgemein durch das Ganze hindurchgehende Gefühl und
Bewußtseyn des richtigen Gehens, des rechten Zeigens
muß also auch für jeden Theil, jedes Stiftchen
und Rad mehr seyn, überwiegend mehr sein als mein beachten-
der Blick des Einzelnen! - Das Bewußtseyn der Zielerreichung
des Ganzen ist dem Einzelnsten in mir seyn höchster Lohn!
Sollte die Uhr Unrecht haben? –
Wie müßte ein Leben beschaffen seyn,
in welchem solche Gesinnungen herrschten, was müßte ein solches Leben
dem Ganzen und einem jeden Einzelnen dieses Ganzen reichen? –
Vielleicht schlägt es Euch Eure Uhr alle Stunde:
Friede, Freude, Heil und Seegen ist mit {uns ihm auf allen Wegen!“ – /
[4R]
(: Die letzteren Worte stehen nun zwar nicht auf den beyden Glöckchen, liegen
aber in [dem] Sinne der 4 ersten, waren auch nebst mehreren andern
für sie [best]immt; dem Glockengießer waren aber die Glocken dazu
zu klein. Vielleicht besitzt Meyer die Worte noch, mir wäre es lieb,
denn ich besitze sie nicht mehr :) –
„Alles was Du uns hier schreibst, sagt Ihr vielleicht, haben wir
schon längst gewußt.“ Gut! – Die Thatsachen des Lebens waren
aber, wie Ihr es selbst aussprecht, doch die, die sie waren; es muß
also doch eine Ursache dafür seyn. Sollten wir sie gar nicht im
Bilde der Uhr finden und schauen können, in welcher doch noch so
vieles zu finden und zu schauen ist? –
Ich meine so: es ist nicht genug daß wir Uhrräder seyn wollen
- (: diesen Wunsch hat mir z.B. Michaelis jetzt wiederholentlich und sehr bestimmt
ja als Sehnsucht seines Herzens, als eigentlichen Lebenswunsch ausgespro-
chen; doch ich – war jetzt mäuschenstill :) - Nur müssen wir
nicht alle Räder einerley Art werden und seyn wollen.
“Nun das will so Niemand, denn einem jeden ist sein Ich lieb“
erwidert Ihr mir. – Seht! so meinte ich auch. – Aber dann
müssen wir nicht auch bald das Rad für die Stunden und
bald darauf wieder das Rad für die Minuten oder sonst
werden wollen; denn jedes Rad muß erst seine Individualität
klar erkennen und dann bewahren. - Oder weiter.
Ein Uhrrad muß nicht bald das Rad einer Gewicht- und
bald das Rad einer Feder Uhr werden wollen; im letzteren
Fall wieder nicht bald einer Taschen- u bald einer Tischuhr
nicht bald einer Herren-, nicht bald einer Frauen Uhr, im er-
sten Fall nicht bald einer Wand-, nicht bald einer Thurmuhr.
Daß nun aber Keilhau eine stattliche DOMUHR, mit Stun-
den- und Minutenzeiger- und Schlagwerk nicht nur, sondern
mit Angabe des Sonnenstandes und Mondwechsels
werden sollte (: Eine solche Uhr steht rechts vom Eingang
im Straßburger Dom; aber sie steht, denn der Meister
der sie schuf ist – gestorben und Niemand so sagte man mir
kann sie nun gehend machen :) war doch schon 1818 klar; 1820 stand es gedruckt.
Vielleicht aber meint Ihr, warum sagst Du dieß uns /
[5]
β. sag es Dir Du willst ja wieder eine neue Uhr bauen.“ Ja, eine
neue bauen, eine gehende justiren! Und eben weil ich mir es selbst
recht eindringlich sage und sagen will so schreibe ich dieß und bitte
Ernestinen es mit dem folgenden als dankende Antwort auf ihre
freundlichen Zeilen von mir anzunehmen und mich bald wieder
mit einigen zu erfreuen; was ich wünschte daß es auch die andern
lieben Frauen thäten. Die große Lebensuhr gieng dann vielleicht immer richtiger und sanfter.
Wenn nun aber das angeführte niemand denken und meynen
sollte, so zweifle ich doch fast, daß gar niemand denken und auch wohl
sagen sollte: - „Warum aber sprichst Du nur von einer längst
vergangenen Zeit (: - wofür Du doch wirklich Beweise genug
in Händen hast :) – als wie von einer noch gegenwärtigen;
man muß auch das Alte, wenigstens das unangenehme Alte
dessen sich Niemand gern mehr erinnert einmal ruhen lassen
und nicht wieder immer von neuem ins Leben rufen.“ –
Freunde! liebe theure Freunde! – Durch so lebendiges Vergegenwär-
tigen der Vergangenheit und langer Vergangenheit, als sey
sie noch lebendige in unserer Hand ruhende und unserm Willen
unterworfene Gegenwart, lernen wir die Gegenwart kla-
rer, richtiger schauen und benutzen, die Zukunft sicherer
erkennen und zielgewisser bestimmen.
Erfahrung sagt das Sprichwort macht den Meister; wer nicht [auf]
die Erfahrung hört, wird nie Meister. Wir alle aber wollen gern
Meister werden. Fahren heißt reisen. Laßt uns doch machen
daß wir doch wenigstens am Ziele unserer Lebensreise
die Meisterschaft erreichen, - erreisen.
Deßhalb nur wohl, und weil wir durch sie aus der Hand der
Erfahrung den köstlichsten Preis: - des Lebens Meisterschaft
erhalten können, sind uns Geschichtchen und Geschichten, be-
sonders alte so lieb; wohl um desto lieber, je älter sie sind;
weil uns dann wohl um so mehr vergönnt ist, sie nach unseren
gegenwärtigen und persönlichsten Bedürfnissen umzugestalten
und sie so für uns am lehrreichsten zu machen.
Und so führte mich auch jetzt wieder Ernestinens
“Beachtung der gedrängtesten Zeiträume“ und
“das reichste und innerlichste Leben, das sich uns daraus ausspricht“ /
[5R]
zur Beachtung gar mancher uralter Geschichten und des
reichen und innerlichsten Lebens das sich in ihnen so anzieh-
end und wahr ausspricht, so daß ich selbst manche davon
öfter durch[ge]lesen und überdacht habe als mein Alter Jahre
zählt und dennoch erfahre ich nach solchen Reisen in die Vergang-
enheit und ihre Geschichten fast immer wieder ganz Neues von
ihnen, ein neuer Beweis dafür ist mir und mag auch Euch Ihr
lieben Freunde besonders eine Geschichte seyn, zu welcher mich
Ernestinens wahrer Ausspruch führte, und die ich ihr, so wie
das was sie mich lehrte aus Dankbarkeit für ihre Zeilen
doch und nunmehr auch in diesem allgemeineren Briefe mit-
theilen muß. -
Was der bestimmte Zeitabschnitt Jahr, Woche, Tag Stunde pp
für die allgemeine Zeit ist, das ist der bestimmte Ort
der bestimmte Platz für den allgemeinen Raum; und
so wurde ich dadurch zu der bestimmten freylich ur-uralten
Geschichte des reisenden Jakob hingeführt wo er vor
einem bestimmten Platz, einem ganz bestimmten Orte sagt:
“wahrlich hier ist Gott gegenwärtig, und ich wußte es
nicht; wahrlich hier ist Gottes Haus und die Pforte
des Himmels.“
Durch Ihn nun der sein Einsseyn mit Gott aussprach und seit Ihm
wissen wir nun freylich daß das Hier wo Gott gegenwär-
tig ist da [Pfeil nach rechts] und da [Pfeil nach oben] und da [Pfeil nach unten] ist, d.h. daß Gott in
jedem Punkte im Raume also an jedem Orte und Platze
gegenwärtig ist. Was sich wohl belehrend auch noch von
einer andern Seite der Betrachtung durchführen ließe wozu
aber hier weder Zeit noch Raum ist (: Unendlichkeit u. s. w. :)
Ich aber selbst, und jeder einzelne Mensch selbst, ist
an einem solchen bestimmten Orte und Platze, ist gleichsam
selbst ein solcher bestimmter Ort u Platz; - ich selbst und jeder
Mensch ist an einem solchen bestimmten Punkte im Rau-
me ist gleichsam selbst ein solcher bestimmter Punkte
also gilt auch das was Jakob von einem bestimmten Platze
und Orte sagt welcher auch von meinem und jedes Menschen
Platze und Orte, von mir und von jedem Menschen selbst. /
[6]
Aber des Menschen Mitte und Mittelpunkt, sein Schwerpunkt (: Barop kanns
erklären, auch den schönen Doppelsinn des Wortes wenn ich Schwere = Liebe
setze und mit dem folgenden verbinde :) ist das was die Brust schützt und
der Busen deckt, es ist das Herz. Tausend bedeutungsvolle Ausdrücke
unserer Sprache beweisen es: das Herz der Gefahr, der Tugend, der Liebe
u.s.w. öffnen und weihen; allem Höchsten was wir nur nennen und
kennen dem ist das Herz gewidmet geweihet. Aber gehen wir ruhig
an dem Faden unserer Betrachtung fort und sehen wohin er uns
führet. Ist das Herz nicht der eigentlichste, räumliche Lebenspunkt
des Menschen? – Heißt darum, in irgend einer Sprache so schön als
sinnvoll der Busen nicht der Hügel des Geheimnisses weil er das
Herz deckt; denn was ist des Lebens höchstes Geheimniß als das
Leben selbst? – und was ist zwar schwerer, aber auch schöner und
reicher an unvergänglichen Gaben als im eigenen Leben, und
im eigenen Herzen derheime zu seyn (thüringisch), d.i. zu Hause
zu seyn? - - - Was ist ein größeres Geheimniß als dieß derheim seyn?
Doch weiter: - das Herz ist also eigentlich des Menschen Punkt
der Menschenpunkt, das Herz ist gleichsam des Lebens Haus
der Busen deckt des Herzens Ort.
Was ist diesemnach aus der ganzen Betrachtung das Ergebniß
für dieß unser Herz? - - -
„wahrlich hier ist Gott gegenwärtig und ich wußte es nicht
hier ist wahrhaft nichts anders als Gottes Haus und
die Pforte des Himmels! -! -! – “
Was bleibt nun noch zu sagen übrig wenn der Mensch das Leben
die Quelle alles Lebens, so den Himmel und aller Himmel
Himmel in sich findet? – diesen Himmel empfindet, dieses
Leben lebt und diese Seeligkeit fühlt? - - -
Der Mensch soll nicht blos empfindend, fühlend, lebend, er soll
auch denkend, vernehmend, bewußt seyn! –
Zusammenstellung, Vergleichung führt dahin.
Stellen wir nun mit diesem Ergebniß zusammen, vergleichen
wir damit, was während meiner Abwesenheit namentlich von
hier aus und ganz besonders auch in der jüngsten Zeit über
diesen Gegenstand empfunden, gedacht und geschrieben wurde;
Stellen wir damit zusammen, dergleichen wie damit die /
[6R]
Thatsachen unseres Lebens seit nun 2 Jahren besonders wie dieselben
von mir beachtet und fortentwickelt worden sind; - Stellt
damit zusammen vergleicht damit den Gegenstand den Inhalt
all unseres Strebens und Wirkens seit wir zusammen
sind, besonders von den einzig erfaßbaren Gesichtspunkten aus
welche ich Euch zu verschaffen immer bemühet war. – Endlich
und zuletzt stellt damit zusammen und vergleicht damit alles das
was besonders das Herz jedes einzelnen von Euch nur seit diesem
Jahre und vielleicht noch seit kürzerer Zeit gefühlt und empfun-
den hat, was es ausgesprochen, mir ausgesprochen und nicht
ausgesprochen hat und was es jetzt noch fühlt und empfin-
det; - und wenn Ihr nun alles dieß zusammengestellt und ver-
glichen habt fragt Euch, fragt Euch als Einzelne und als
Glieder eines Ganzen als ein Ganzes:
    “Hat der Ausspruch Jakobs Recht? - }
      Ist der Ausspruch Jakobs wahr? - } so wie wir ihn nun
hier Recht und wahr fanden? –
Wer möchte, wer könnte sowohl als Einzelner als [auch] als Glied
dieses Ganzen sagen: nein? –
Und weiter wenn wir uns auch nicht als ein äußerlich zusam-
mengehöriges Ganze anschauen und betrachten wollen
ist darum das was Jakobs Ausspruch so dem Herzen
verleihet in dem Herzen finden macht immer nur in Ein
Herz eingeschlossen? – Die Menschen der Natur lehren uns auch
viel laßt uns einen Sohn der Natur hören, was er uns
darüber sagt.
Ihr wißt es giebt keine zarter und zärtlicher Liebende als
die Perser. Einem Perser oder einer Perserin was hier ganz
gleich ist war die innig oder der innig Geliebte gestorben.
Von Theilnahme über den großen Schmerz darüber ergriffen gaben
Freunde den Rath zum Grabe des geliebten Wesen zu gehen und
so den Schmerz zu lindern: was war die Antwort? - - -
             “Deckt es ein andres Herz als das meine?“ –
und so also zwey Herzen, Ein Herz, Einen Himmel, Eine Seeligkeit! -
Geben wir dem Herzen Zeit daß das Herz es fasse. –
Doch Dank geziemt vor allem dem Herzen! also laßt uns fragen: /
[7]
γ.durch wen empfingen wir was uns diese Betrachtung pp
gab? – Durch die Benutzung, Erfassung des Augenblickes! –
Oder meinet Ihr wir würden auf eine andere Weise die
Leben weckende, Leben erfassende, Leben belebende Gabe
empfangen haben? – Sie würde auf eine andere Weise
uns gegeben so Leben belebend für uns gewesen seyn? –
Ich sage, nein! –
Mein Blick fällt in das, sich wie eine Blume, wie eine
Afrikane vor mir aufblätternde, vor mir immer mit
höherem Glanze in vollkommenerer Schönheit aufblühende
Buch der Geschichte, der Geschichte der Menschheit, des Her-
zens und Gemüthes der Menschheit, darum des heiligen
Geschichtsbuches: - Wie viel Großes und welches Große erblickt übersieht
hier mein Auge mit einem Blicke womit so viele
Blätter dieses Buches angefüllt sind! - Aber wo ist von dem allen
was ich sehe und je höher, erhabener die Thatsache ist die ich sehe eine
einzige welche nicht – dem Augenblicke, - „der Beachtung
des gedrängtesten Zeitraumes“ entkeimt, entwachsen
entblühet, entfruchtet wäre? - aber wo auch „reicher
und innerlicher das Leben, das sich uns daraus ausspricht?“ –
Erlaßt mir der Thatsachen viele hervorzuheben, was soll ich
das eitle Streben beginnen die Sterne des Himmels zu zählen.
Schauet ihn selbst den Himmel und ordnet die Sterne nach Stern-
bildern und Größe; das Buch aus dem, über dem sich dieser
Himmel entfaltet liegt aufgeschlagen vor Euch wie vor mir.
Nur von der Sonne dieses Himmels, und zwar noch im Aufgang
wo noch am leichtesten und ersten unser Auge ihren Glanz er-
trägt laßt uns einen einzigen solchen Lichtblick als Augen-
blick fest halten und dadurch mich [sc.: mir] den Beweis aller Beweise
geben für das was <ich eben> sagte:
daß das Größte <Höchste stets> der Augenblick erzeugte
die Festhaltung desselben empfing und gebar.
Ich meine Jesus die Geschichte von Jesus als 12 jährigen Knaben
in dem Tempel (: sie steht, was mir im Augenblick sehr bedeutungs-
voll
und vielsagend wird, als Schlußbild auf meiner Erziehungs-
kunst :) – die er mit den Worten an seine Mutter schließt: - /
[7R]
„Muß ich nicht seyn in dem, das meines Vaters ist?“ –
(Randbemerkung: Soll also nicht auch der Mensch in dem seyn müs-
sen, welches, wie uns der Ausspruch Jakobs zeigte, seines
Vaters, seines Gottes ist, d.i. in seinem eigenen Herzen? -)
Was ist nun aber jener Ausspruche Jesu? – Die Zusammenfassung
einer ganzen Jugendwelt, der Inbegriff eines ganzen Fa-
milienlebens, der Keim eines Thatenvollen Manneslebens! –
Erlaßt es mir nun, eines von alle diesem geschweige denn alles
ungestückt daraus zu entwickeln; es ist schon vielseitig ver-
sucht worden. Vergönnt mir nur die Frage: - Wann entsprang
die Handlung welche diesen Ausspruch dessen Inhalt in seinen
Folgen wohl schwerlich von einem Menschen aus, d. h. zu Ende
zu denken seyn möchte? –
Die ungesäumte, unverkürzte Beachtung des Augenblicks war es!
Nehmt einmal, Freunde! mit mir für den Zweck unserer Betrach-
tung an Jesu sey nachdem er von den Lehrern in dem Tempel an-
gezogen worden sey oder [was] hier gleich ist dem Gegenstande ihrer
Lehre – und ehe er sich entschlossen habe, hier zu bleiben, vorher
erst zu seinen Eltern, Vater oder Mutter, gegangen und habe ge-
sagt: liebe Eltern, lieber Vater oder liebe Mutter, die Männer im
Tempel lehren gar zu vortreffliche Sachen erlaubt mir doch während
ihr Eure Sachen zur Abreise besorgt dort zu bleiben. Und die
Mutter die Eltern hätten nur darauf geantwortet: - Du bist brav
mein Sohn daß du kommst und es uns hübsch sagst und uns so viel-
leicht vergebliche aber doch große Herzenssorge um Deinetwillen
ersparest, geh nun in Gottes Namen, bleibe nur hübsch dort damit
wir Dich sogleich finden können wenn wir abreisen wollen, wir
werden schon kommen und werden Dich holen. - Nun sey Jesus
so hübsch in sich beruhigt {über die wegen der} Ruhe, der Beruhigung der Eltern
und abgekühlt in den Tempel und zu den Lehrern
und Lehren zurück gegangen; tags darauf sey nun die Mutter
gekommen und habe gesagt komm nun lieber gehorsamer Sohn
wir wollen nun nach Hause gehen, der Vater wartet schon
vor dem Tempel und Jesus sey nun als folgsamer Sohn so-
gleich mitgegangen. – Was meint Ihr wenn uns nun dieses
und mehr noch so recht schön breit von dem sorgsamen, gehorsamen, /
[8]
Eltern und besonders der sanften Maria jede Sorge und jeden
leisen Schmerz ersparenden Jesus Knaben, dem 12 jährigen
erzählt würde, würde es etwas auch nur auf einen 12 jährigen
Knaben wirken? – vielleicht auf diesen am allerwenigsten!
Und wo wäre der Ausspruch welcher wie eine Centralsonne
eine ganze Milchstraße von Weltsystemen der Menschheits-
Entwicklungen gleichsam trägt? – wo wäre er? - - -
Dagegen in dem Ausspruche, mit dem Ausspruche hat der Gottes
Knabe, der Gottes Sohn sich selbst geboren. Und die Mutter
noch Thränen des peinlichsten Schmerzes in den Augen und
das Herz noch erbebend von der Furcht des gedroheten Verlustes
nimmt diese Worte als Himmelsworte bewahrend in dieß Herz auf.
Es war die unverkürzte Beachtung des Augenblickes
und das große Erhabene Leben Jesu war geboren; er hatte
es aus sich selbst für und vor sich selbst geboren! –
Leset das Habermuß v. Hebel.
Haben wir so Ernestine, Jakob und ich hinlänglichen Beweis
daß daß [sc.: das] Beachten des Augenblickes im Leben und im Herzen
das Leben erzeuge? – oder bedarf es deren noch? –
Doch Ihr meynt vielleicht: „Ja! aber aus dem Herzen
kommen arge Gedanken!“ –
Ich las kürzlich in einer Schrift unserer Zeit, in einer Zeitschrift:
Un peu de philosophie fait des Athéistes,“
Beaucoup de philosophie – des bons Chrétiens. –“
Ja, so meyne ich auch und meynte ich immer: Alles Halbe
taucht [sc.: taugt] nichts, ist nachtheiliger als gar nicht, wie ich ja schon oben
aussprach. Und so meynten es von jeher alles Männer und
Menschen welchen es mit dem was sie unternahmen ein
Ernst war; so meynte es ganz vor allem der, welchem es mit
dem was er unter[nahm] so sein innigster Lebensernst war
daß er sein Leben dafür einsetzte wenn er sagt: „Wenn
Jemand die Hand an den Pflug (zur Bearbeitung des Landes zur
neuen Aussaat für eine frische Ärndte) legt, und (auch nur
wieder) rückwärts schauet, der ist noch nicht einmal zur Erweckung und
für Erweckung eines neuen höheren Lebens geschickt. (: Dar-
um denn bleibt mein ewiges Wort: - Christen und Christen! :) /
[8R]
Alles Halbe macht Atheisten, alles Ganze macht gute Christen
in der Liebe, wie in der Freundschaft im Muthe wie im Ver-
trauen
, so wie in allem was von dem Herzen ausgeht, darinne
seinen Grund, seine Quelle, seinen Keim hat, mit den Gefüh-
len und Empfindungen wie mit den sich darauf gründenden
daraus hervorgehenden Gedanken, und so war es ewig
und so wird es ewig bleiben. Denn wo ein, wo das Ganze
ist, ist da nicht auch nothwendig eine Bedingung zum Halben und
zu weniger als dem Halben; Seht nur aber ist es denn da-
rum auch nöthig daß man der Anforderung zum Halbiren
und wohl kleineren Theilen gleich folgen müsse? - - Seht nur
gleich hier indem ich dieß schreibe, seht nun dort das Wort Ganze
(und hier zufällig wieder). Hört: Eben, als ich oben schrieb: - Ganze
fühlte oder meynte ich die Anforderung zum Theilen zu finden, hatte
auch einen Grund und durch die Sprach- und Schreibgesetze die Erlaub-
niß dazu; Weil ich aber eben vom Nicht-Theilen des Ganzen
gesprochen hatte dachte ich: “willst das Wort nicht theilen“; schrieb
wie das Wort oben steht, dachte aber nicht weiter. Indem ich
nun meinen Gedanken der schon im Herzen gekeimt war auf
dem Papiere ausführte siehe! da giebt mir das Wort Ganze
sogleich den Beweis für das was ich so eben niedergeschrieben
hatte und noch niederschrieb: Seht viele Bedingungen pp zum
Theilen des Wortes, mußte ich der Anforderung nachgehen? –
nein! - aber ich hätte es doch thun können und Niemand hätte
etwas dagegen sagen können. Hätte ich aber gesagt: es ist doch schöner
wenn du es thust und so diesem Blick nach Außen gefolgt, gleich
gleich hätte ich einen herrlichen Ungesuchten Beweis für das
was ich sagte und noch sagen wollte: - welchen mir auch
die Beachtung des Augenblickes geben wollte – verlohren
und Ihr seht wenn Ihr es beachten wollt noch 1, 2, 3, 4mal
kommt das Wort Ganze an das Ende ohne daß es mir nun
ferner zu theilen nöthig wird, was vielleicht gerad umge-
kehrt gewesen wäre, wenn ich das Wort Ganze dort ge-
theilt hätte. Aber wenn ich nun auch wirklich getheilt hätte
hätte ich darum theilen müssen Gan Ze, ohne die innere
Einigung beyder Theile durch das Gleichheitszeichen = (“) anzugeben? /
[9]
δ. also: zu theilen, den Forderungen des innern Gesetzes ange-
messen theilen ist wohl erlaubt, allein, der Zusammenhang
der Theile mit dem Ganzen muß als wenn auch verbor-
gener und unsichtbarer Faden immer durchgehen; ja wo die
äußere Trennung zu groß wäre nachgewiesen, angedeutet
werden sey es wie bey einer Proportion durch die (=) Gleich-
ungs- hier (“) Theilungszeichen oder sonst auf eine Weise.
Ich habe schon vor mehreren Jahren in Keilhau und ganz nament-
lich in dem Jahre als aus mehreren Rosen in unsern Gärten
in der Mitte Zweige hervorwuchsen, besonders aus einer unter
dem Fenster meines dortmaligen Schlafzimmers – wodurch
ein Lebenssatz welcher mich dortmals gerad sehr beschäftigte
eine sehr lebendige und sprechende Anschauung erhielt –
die Bemerkung gemacht, auch gegen irgend Jemanden
dort wohl ausgesprochen: daß wenn mich wenigstens
mir sehr wichtige Lebenssätze beschäftigen, mir die Natur
gleichsam zum Voraus entwickelte Gebilde zeigt, vorher
von mir unbeachtet und unerkannt hat heraufwachsen
lassen, welche auf dem Gebiete der Natur dasselbe anschau-
lich machen und gleichsam sinnbildlich nachweisen, was
was [2x] ich auf dem Gebiete der psychischen der moralischen
und intellectuellen Welt einsichtig machen und nachzu-
weisen mich bemühete. – Vorigen Jahres war dieß selbst
Einigen in Frankfurth recht auffallend, wo im Gespräche
im Garten auf und nieder wandelnd, wo ich dicht neben mir
im Gras an Blumen und Bäumen sogleich den Nachweis und
sinnbildliche Anschauung für die Lebenssätze fand und ergriff
(: Daher fällte man durch dieses und auch wohl anderes noch veran-
lasset das Urtheil über mich: ich müßte entweder recht gute
oder recht schlechte Menschen /: d.h. im letzteren Fall kleine niedliche kohlschwarze
Teufelchen :/ - erziehen und bilden - :) Auch die Fräulein Salesie
machte diese vom Augenblick gegeben, vom Augenblick ergriffenen
Nachweisungs- und Anschauungsmittel für die vom Augenblick
hervorgerufenen Lebensbetrachtungen besonders aufmerksam
(bey ihrer Anwesenheit hier im vor. Jahre nemlich), zumal da sie
mir mehrmals aussprechen mußte: - „das alles habe wohl schon gar lang /
[9R]
in ihr dunkel und in Ahnungen in ihr gelebt, und Neues sage
ich ihr eigentlich – der Gegenstand des Gespräches war nem-
lich immer ihr Leben – nicht; doch habe sie es sich nicht und nie
zur Klarheit bringen können.“ Natürlich hätte ich Ihr Neues
oder hätte ich ihr Neues gesagt so hätte mindestens das Unver-
ständliche zu einem für sie Unwahren wirken können u. s. w.
Doch ich kehre nach dieser Abbeugung nun mit ganzer Kraft
und Seele zu dem wieder zurück wovon ich ausgieng: Von
dem Zusammentreffen der Geistesentwicklung und der Na-
turbildungen, zurück zu der Wahrnehmung daß für die
Lebenssätze und Lebenswahrheiten, welche den Geist das
Gemüthe beschäftigen die Natur sogleich die Anschauungs-
Mittel auf ihrem Gebiete, die Belege dafür an die Hand
giebt, zu welcher Wahrnehmung ich eben wieder aus mei-
nem jetzigen augenblicklichen Leben eine Thatsache anführen
wollte. –
Ich habe schon im vorigen Briefe meiner hochstrebenden Lilie
erwähnt (: sie wächst aus demselben Stock wo schon im vorigen
Jahre, wie ich Euch auch mitgetheilt habe, eine gleich große
hervorwuchs, deren Stengel ich noch besitze. Dieser Lilienstock
steht zur freundlichen Zugabe, wie die Lilie auf meinem Ein-
gangssinnbild zu meiner Erziehungslehre unter einem –
freylich nicht Palmen- aber schön rundkronigen Apfelbaume
in einem ähnlichen Verhältnisse zum Sonnenstand, wie dort
angegeben :) Dieser Lilienstengel nun welcher wie die erste Apfel-
blüthe zwischen ihren 5 Nebenblüthen hervorblühet, so hier
unter seinen auch stattlichen 5 Nebenstempeln hervorragt
zeigt die schönen 5[-] und 4 blättrigen Blumen von welchen
ich Euch auch schon im vorigen Briefe schrieb, obgleich die übrigen
meisten Blumen desselben Stengels rein 3[-] und 3 blättrig oder
6 blättrig ausgebildet sind.
Schon in Keilhau war die Lilie in dieser Beziehung stets
ein Gegenstand der Beachtung; es war mir sehr merkwürdig
daß ich nie eine Spur von einem Übergang in eine andere Bil-
dungsform an ihr bemerkte, ich glaubte daß es ihr ihrer Natur
nach unmöglich sey. Ohne mir es jedoch besonders klar zu machen, war /
[10]
lieb und nicht lieb; lieb wegen der festen Reinhaltung
der bestimmten (gegebenen) Form, unlieb wegen der
Unmöglichkeit eine andere Form aus sich zu entwickeln
zumal da sogar der reine Bergkrystall, einen je höheren
Grad der innern Reinheit er gewinnt gleichsam um
so gemüthvoller und freyer mit seiner Form spielt ob-
gleich das innerste Gesetz stets auf das treueste und rein-
ste bewahrend wie seine wasserhelle Klarheit.
Was ich nun so lang beachtend suchte finde ich nun jetzt hier
aber nicht als einzelnstehende äußere Wahrnehmng
und Entdeckung sondern im innigsten Zusammenhang mit
meiner innersten Lebensentwicklung und gerad im Augen-
blick da eine bestimmte Blume derselben sich öffnet.
Zusammenziehung nemlich nach einer Seite bedingt nothwen-
dig nach einer andern Seite hin Trennung; und so ist denn
auch meine Lilie mit ihren 5 (2, 2 und 1)blättrigen und mit
ihren 4 (1. 2. 1.)blättrigen Blumen (die Bildung geht durch
Staubfäden und Staubweg hindurch), ein Anschauung Mittel
für das was ich oben über Trennung sagte: wie sie im
{Innern Ganzen} bedingt seyn, aus dem Innern (Ganzen) mit Noth-
wendigkeit hervor gehen und wie bey aller äuße-
ren Trennung doch der innere Zusammenhang, ja die innige
Einigung in sich nachzuweisen seyn müsse.
Wenn Ihr nun das was ich sagte ganz auffasset und dem
was ich Bildungsgesetz und Bildungsgange durch welchen
jene Abweichungen mit einem Worte Trennungen entstan-
den sinnig nachgehet, so werdet ihr [sc.. Ihr] gewiß mit mir finden
daß jene Abweichung und Trennung nur zu von einer größeren
inneren Zuneigung und Einigung zeugt und tiefer und immer
sprechender zur Einheit aller Formen führt, die ich euch [sc.: Euch]
so oft schon nachzuweisen mich bemühete und so oft von
einer Seite der Betrachtung aus an der Rose nachwies.
[9R]
[Rand 9R/10V*-*:] [*] Wie ganz anders aber ist alles bey den Lilien, wo durch
Einwirkung von Außen eine Trennung und Abweichung der Form bewirkt worden,
wie z.B. durch den Hagel, da hat es Verletzung, Stöhrung, Verkrüppelung zur Folge./ –
[10]
Ich habe dieß am letzten Abend im LilienMonat d. J. niedergeschrieben. –[*]
Ihr wißt Rosen und Lilien werden seit langer Zeit von
den Dichtern besonders in einen innigen Wechselverband
und Einigung gesetzt. Jetzt ist dieß somit auch äußerlich her-
vorgetreten und nachgewiesen. Ihr wißt, die Rose ist /
[10R]
zwey-, zwey- und einblättrig der Kelch sagt es bestimmt:
Ein äußeres – Ein inneres – Ein äußeres – Ein Inneres – Ein Inneräußeres
Blatt. – Ganz eben so ist es bey meinen Lilienblumen.
Und ich habe im Garten einen kleinen Stock mit 2 Stengeln
welcher nur solche Blumen trug. Ihr wißt übrigens daß
die Lilien in Asien auch prächtig roth seyn sollen. (Siehe Horstig).
Doch im vorigen ist blos vom Zusammenhang der Formen und ihrer
Gesetze die Rede was die Geschiedenheit der Gattung nicht stöhrt.
Ich habe schon im vorigen Briefe von der wechselseitigen Durch-
dringung, Erkennung und Anerkennung des weiblichen Gemüthes
und des männlichen Geistes, des Frauen- und des Manneslebens
gesprochen. Wie ich nun auch schon in eben diesem genannten vorigen
Brief aussprach so halte ich diese wechselseitige Durchdringung des Lebens
über alles wichtig. Deßhalb hebe ich nochmals hervor
was ich schon dort sagte: - Ich halte dieß für den Herzpunkt des
neuen Menschheitslebens und bin überzeugt wenn das Leben
diesen neuen Herzpunkt nicht treibt – es- wie ich auch schon
dort andeutete – mit dem Vorwärtsbringen des Menschheits-
lebens nur etwas sehr ungewisses unzuverlässiges, schwanken-
des ist.
Wenn ich mich nun aber umsehe so ist soweit mein Blick reicht kein
gewisses, zuverlässiges BildungsMittel, kein Gegenstand
dazu aufgestellt und keine Art der Betrachtung desselben
welche sicher zum Ziele führe.
Ich erkenne aber in mir mit zweifelloser Geistesgewißheit
die sinnbolische Betrachtung der Form
       oder anders ausgedrückt
  die dynamische Mathematik dafür,
welche dann der verknüpfenden Naturbetrachtung ihre
mathematische Gewißheit und die geistige Lebendigkeit
       und Einheit giebt.
Dieses Bildungsmittel, so fragmentarisch es auch bisher noch
ausgebildet worden ist, und so wenig es auch die Keilhauer
Welt (es) schon kennt, so gehört es doch einzig und ausschließend
der Keilhauer Erziehungskunst an, und ist nur von ihr
gefunden und aufgestellt worden. Man kann es auch in /
[11]
ε.) seiner Anwendung auf die Wechselbeziehung der Natur- und Lebens-
betrachtung die sinnbildliche (symbolische) Naturbetrachtung
nennen. Doch was ist der Name, denn welches müßte wohl
der Name seyn wenn er das, was ich sagen will, erschöpfen
sollte? - - - Angedeutet habe ich schon mannigmal im Leben:
Dieser Unterricht sollte ein stehender, sich stets fortentwickeln-
der Unterrichtsgegenstand aller Familien seyn und stets
an der Hand des täglichen Berufsleben[s] geleitet vom innern Leben
fortgehen. - Man kann auch sagen die Physik, die physikalisch-
mathematische Naturbetrachtung ist das Vermittelnde da-
zu, der Träger davon; diese giebt der ganzen Betrachtung ihren
tiefen Ernst und ihre Hohe Würde die sie fordert, und entfernt
jede kindische Spielerey, indem sie so
         einfachen frommen natürlichen Kindessinn
natürlich einfachen, ursprünglich im Gemüthe lebenden frommen Kindessinn zum Kern
und äußerlich anschauliche, gleich in sich wie in dem mensch-
lichen Geiste gegründete, mathematische Gewißheit zum
Grund und Boden hat;
denn zu Großem soll diese Betrachtung, Anschauung und Ver-
gleichung führen. –
Laßt mich, da sich, wenn auch unerwartet und unvorherge-
sehen, hier die Gelegenheit dazu zeigt, und die Aufforderung ich
dazu in mir finde – offen zu uns reden, sey es auch wirklich
nicht zunächst um unserer selbst, doch um unserer Kinder
Kindeskinder und Nachkommen willen. Ich habe zwar in diesem
Jahre schon einmal ein starkes Wort über das gesellige Leben
und den geselligen Lebensverkehr gesprochen; ich weiß, man
hat es hart gefunden. Laßt mich die Sache jetzt etwas tiefer
ergreifen, freylich wird die Sprache und werden die Worte
nicht weniger hart als dort seyn, vielleicht - noch härter; –
aber es löset sich dann vielleicht auf, was ich dort vom
Leben in und mit der Natur und von Liebe zur Natur sagte.
Schon seit einer unbestimmbaren langen Reihe meiner Lebens
Jahre trage ich das unheimlich dunkle Gefühl in mir, nicht, als
ob nur die zwey verschiedenen Geschlechter des Menschen das
männliche und weibliche, zwey ganz verschiedene in sich getrennte Leben /
[11R]
führten - dieß ließe sich vielleicht eben so leicht nachweisen, als sich
Gründe dazu und dafür auffinden ließen – sondern als ob die
beyden verschiedenen Geschlechter einen verschiedenen Himmel
und einen verschiedenen Gott in sich trügen d.h. in ihren höchsten
Lebensansichten verschieden wären. Ich sagte schon, es
klingt hart, sehr hart, besonders von Christenmenschen so etwas
nur zu ahnen, geschweige denn sogar rund heraus zu sagen.
Aber je länger ich lebe mit je mehr Menschen und Verhältnissen
ich in nähere oder fernere Berührung und Verbindung ich trete,
je mehr ich Menschen der verschiedensten Stände wie ver-
schiedensten Alter kennen lerne, Um somehr will mir nun nicht
etwa jenes unheimliche Gefühl schwinden, nein! um so mehr
will es sich mir als gewiß aufdrängen.
Ich will mich nun keinesweges mit der Rechtfertigung dieses
dunkeln Gefühles aufhalten, also damit, nachzuweisen, ob
jenes Gefühl jene Empfindung} einen wirklichen Gegenstand zum Grunde
hat, d.h. in sich begründete Wahrheit hat; - so viel ist gewiß wäre es, so könnte der Nach-
theil davon nicht anders als sehr groß seyn.
Ihr findet nun aber gewiß mit mir auf den ersten Blick
und sehet mit mir leicht <-> ein, wie eine solche höchst nach-
theilige innere Trennung der Geschlechter, deren traurige
Folgen gar nicht abzudenken geschweige abzusehen sind
      vor einer klaren, festen Einsicht
in die nachweislich gleichgesetzige Lebensführung
         beyder Geschlechter
wie Nebel vor der Sonne in Nichts zerfließen muß. –
Diese klare, feste Einsicht aber giebt die viel geforderte,
wechselseitig vergleichende Natur- und Lebensbetrach-
tung; wo die Natur dann so natürlich als nothwendig,
das mittlere verbindende Glied zwischen der Lebens-
führung beyder Geschlechter wird, und so das so beruhigende
als erhebende Gleichgesetzige derselben zur Einsicht bringt
und so hinführt zur innern lebendigen, zweyfellosen
Anschauung des einen Seyns, der einen Einheit, des
einen Lebens, des einen Gottes aus dem alle Lebens
Mannigfaltigkeit fließt in dem alle einzig ihren Grund
hat; und so wie zum Schauen des gleichen Gottes, so zum
Empfinden des gleichen Himmels, fühlen der gleichen Seeligkeit. – /
[12]
Mag also immerhin die Wahrheit jener Ansicht des äußeren Lebens
auf sich beruhen, uns stöhrt und trübt es nun nach der
so erlangten Einsicht, klaren Einsicht in des Lebens Einheit
unser Leben nicht mehr, kann es nicht stöhren, kann es nicht
trüben, kann es um so weniger stöhren und trüben
als die erlangte klare Einsicht der Lebens Einheit in dem ge-
sammten Kreise eine allgemeine und gleiche ist, und immer
mehr eine allgemeine und gleiche wird.
Blicken wir nun mit dieser, so wieder erlangten Erkennt-
niß und Einsicht in die Geschichte, in die Geschichte uralter
Zeiten, so sehen wir, daß sich auf einer höheren gesteigerten
Entwicklungsstufe uns ein Menschheitsleben wiederholt, von
welchem schon einmal Seegen über das ganze Menschenge-
schlecht ausging. - Und so können wir Vertrauend, glaubend
und schauend den betretenen Lebensweg fortsetzen. –
Auch ich kehre nun nach dieser langen Einschaltung deren Mit-
theilung mir zum Theil schon lang auf dem Herzen lag und
die ich, da sie sich so bestimmt aufdrängte, nicht zurück
weisen wollte, zumal da sie nach meiner Einsicht wirkliche
Vervollständigung des Ganzen ist zu dem Punkte zu-
rück, bey welchem ich oben von dem Fortgang der Haupt-
betrachtung abbeugte. –

Am 2en August. Nachmittags.
Die Durchdringung, Belebung, Beseelung des Stoffes der Form,
die Durchleuchtung Durchschauung, Vergeistigung des Stoffes,
die dadurch bedingte möglichst unmittelbare Wahrnehmung
alles Lebens, dessen letzte Einheit und Quelle, so wie der dadurch
gegebenen, so einfachen als klaren bestimmten Gesetzmäßigkeit
dieses ist es also hauptsächlich was wir als sinnlich geistige,
empfindend, fühlend denkende Menschen, genug als Menschen
besonders für die jetzige Entwicklungsstufe der Menschheit bedürfen.
Dieses nun zu erreichen war, wie Ihr Euch alle erinnern
werdet, mindestens erinnern könnet, gleich von dem ersten ge-
meinsamen Lebenshauch meine erste Sorge, wie mein erstes
Geschäft. Ihr könnt nun wieder von dieser Seite der Betrachtung
mein und unser gemeinsames Leben mit seiner Erscheinung in seinen innern Zusammenhang /
[12R]
und seine Gründe bis ins einzelne hin auflösen.
Alles Halbe, Getrennte sagte ich taucht [sc.: taugt] nichts und so ist es! -
Alles Halbe, Getrennte, ich darf wohl sagen haßte ich, doch ist
dieses Wort zu stark so will ich sagen scheute ich, floh ich und
doch - umgab mich nur Halbes, ergriff ich nur Halbes. – Laßt
uns, Freunde und Brüder aufrichtig und offen sein, denn es gilt des
Lebens höchsten Preis, die Erringung des Lebens selbst. Ihr hattet
zu wenig Eigen- und Selbsterfahrung und wieder zu wenig
(ich könnte auch sagen zu viel [)] Lebens- und Fremderfahrung
um zu trauen und vertrauen um mir ganz trauen und ver-
trauen zu können. Um von mir ausgehend nicht zu viel und nicht
zu wenig zu sagen, denn ich will nichts sagen, sondern ich will
mich nur auf das Beziehen und berufen was als Thatsache
wirklich in Euch lebte, so bitte ich Euch führt Euer innerstes Ver-
hältniß zu mir selbst recht klar durch – aber Ihr müßt noch
tiefer greifen als schon zwey von Euch in ihren Mittheilungen
an mich thaten. Ich will zwar keinesweges sagen daß Ihr mich
und meinen Lebenszweck (was Euch von demselben her-
aufdämmerte) nicht liebtet; allein wenn diese Liebe mit
Eurer Eigen- und Einzelliebe in ein drängendes Verhält-
niß kam, wurde erstere, jene von letzterer, dieser auf-
gewogen [sc.: sogen], d.i.verdunstet. Der Grund davon ist daß Ihr
meinen ganz allgemeinen Lebenszweck, den sich mir und
in mir aussprechenden Lebenszweck der allen Menschen
und uns als Menschen allen gemein ist – zu einem ganz
besondern und meinem Einzel-Lebenszweck machtet, denn
es ist eine gar große Selbstteuschung von einigen, und
ein nicht tief genuges [sc.: genügendes] Hinabsteigen in Euch selbst, wenn
sie meinen sie hätten diesen meinen ganz bestimmten
Lebenszweck nicht gekannt; ich hatte ihn bestimmt ge-
nug ausgesprochen und ihr Gemüthe hatte ihn bestimmt ge-
nug herausgefunden und erkannt wie fest gehalten, nur
ihr (wunderliches) willkührliches rein willkührliches gegen
sich selbst
zu Felde brachte jene Erscheinung, die ich nun alle
entgelten muß die man mir auf den Rücken, in die Tasche
ans Herz und auf die Nase schieben will hervor, denn
denn [2x] wie kann man doch seinen Lebenszweck bestimmter aus- /
[13]
ζ. sprechen als wie ich nicht etwas blos im verfliegenden
sondern im ernsten feststehenden schriftlichen Worte that:
Der Menschheit eine Freystätte bereiten
kann ich meinen Lebenszweck bestimmter aussprechen, wenn ich sage:
    “ich will einen Dom bauen“? oder
ich will einen Naturgarten anlegen“? –
Keinesweges will ich etwa nun noch mit Forderungen an solche her-
vortreten, die allen Ernstes sich mehr als drei Jahre der Gottes-
gelahrtheit befleißigten, sondern ich sage blos
1)          wenn ich Mensch bin
2)      so gehöre ich der Menschheit an, bin ein Glied derselben
und
darum muß der Mensch wenigstens etwas von einem
3)         menschheitlichen Zwecke wissen
und so die ihm entgegen tretenden menschlichen Zwecke darauf
prüfen können, wenn man dieß nicht von solchen fordern
und erwarten soll, welche die Hochschule verlassen wollen
von wem soll man es denn erwarten? –
Und nun wende ich mich wieder zu Euch allen. Wenn Ihr nun alle
als ein Gesammtes und jedes von Euch als Einzelnes mein Leben
mit Euch, mein Verhältniß zu Euch prüfend in die Augen fasset
so könnet und werdet Ihr finden, daß bey allen Verhältnissen
die sich seit 1805 anknüpften, und gleichsam neu bildeten, neu
belebten, ich den Menschen immer in jener 3fachen Beziehung
ich namentlich jeden von Euch in der dreyfachen Beziehung
1.) als Mensch, d.i. dieser bestimmte einzelne Mensch als Person
2.) als ein Glied und als ein bestimmtes Glied der Menschheit;
3.) und als einen Mitarbeiter und Förderer des allgemeinen
menschheitlichen Zweckes betrachtete und behandelte. –
Seht nun! – so war auch immer meine Liebe zu Menschen
beschaffen, und so liebte ich besonders auch Euch und jeden
und jede, jedes Einzelne von Euch.
In dieser dreyfachen Liebe nun zu Euch zu jedem unter Euch die ich nach diesen drey Be-
ziehungen klar in mir schied, hat die einzelne
Liebe zu jedem und jeder ihre persönliche Bestimmtheit. Zuerst liebte
ich Niemanden um meinetwillen; dieß dünkt mich, konnte nun wohl /
[13R]
jedem klar seyn. Ebensowenig haßte ich und hasse ich etwas
um meinetwillen. Menschenhaß ist so und an und für sich
schon die größte und quälendste aller Selbstteuschungen.
Daher kann ich in meinem Hassen wie in meinem Lieben und
meiner Liebe gleich aufrichtig und offen seyn. In jener Drey[-]
fachheit meiner Liebe hatte aber auch so bald sie aufgenommen
wurde das Wesen, wie der Umfang und die Strenge ihrer
Forderungen ihren Grund; wie ich nun so dem Gegenstand
ganz in der Ursprünglichkeit seiner gesammten 3 menschheitlichen Verhältnisse
nahm, so gab ich mich in der Gesammt-
heit dieser drey menschheitlichen Verhältnisse stets und immer
ganz. <->
Erlaubt mir daß ich dieß nun in seiner Möglichkeit wie
in seiner Wahrheit an einem Bilde klar mache. Es bleibt
mir - (: in Beziehung auf ganz frühere Lebensmittheilungen von hier
sehr merkwürdig :) - in der Wahl der Bilder keine Willkühr
ich muß das bekannte der Seele dem Gemüthe am nächsten
liegende Bild nehmen, den Thautropfen; ein jedes finde
nun darinne sein eigenes Gemüthe und die Wahrheit der
Vorstellungsweise <->.
Ein Thautropfen nimmt den klaren Blick und das klare Auge
eines jeden klar in sich, dessen Auge ihn klar in sich auf-
nimmt, und strahlt jeden aus – vor seinem Wesen unzer-
trennlicher Nothwendigkeit – das Bild der Sonne, und zwar
nach seinem Standpunkte, in verschiedener Farbe und Stär-
ke zu. Da der Thautropfen rund ist, so nimmt ihn ein jeder
– wie unser Blick u Auge die Sonne – ganz in sich auf, er-
giebt sich jedem ganz. Wie nun ein und ebenderselbe Thau-
tropfen von verschiedenen Standpunkten des Auges ver-
schiedenfarbig erscheint, so erscheint er wieder von andern
nur wasserhell, oder weiß, von andern aber auch
wieder ganz dunkel, ja schwarz u.s.w.
Will man nun den Thautropfen in dieser Verschiedenheit
seiner Äußerungen in sich aufnehmen, so muß man –
einen verschiedenen Standpunkt zu ihm nehmen – sich
gleichsam um ihn drehen, oder ihn nach unserm Stand. /
[14]
Woran oder worinn der Thautropfen ruhe
diese Betrachtung gehört nicht mehr hierher.
Die Erscheinung dieser Bewegung ist ähnlich dem Drehen
eines Weltkörpers um einen andern und die Wirkung
davon ähnlich denen der Jahres- und Tageszeiten. –
Wir lernen dünkt mich hieraus nun ein Hochwichtiges
kennen, daß im Leben wie in der Natur eine gesetz-
mäßige stetige Bewegung den
         Tanz der Horen bildet, in welchen
      sich so gern die Grazien mischen. Aber in die-
sem Tanze wie in allem Tanze, sey [es] auch selbst der
Tanz des Lebens
gilt vor allem die Erfassung des Augenblickes.
So sind wir denn nun endlich nach einem langen Kreisgang
und gar manchem Zwischengliede zum ersten Anfange
zurückgekehrt, nach welchem ich nun schon so lang zu-
rücksteuerte. –
Aber was ist denn nun eigentlich Augenblick, ein Au-
genblick? - Lasset uns die Sprache es sagen, hören –

Am 3en August. Vorher aber noch einen Blick ins Leben, in die An-
sicht und Ansichten des Lebens, wie Ihr mir sie so vielfältig
gabt und gebt und wie namentlich Du, Langethal sie mir
jetzt wieder in Deiner Berichtigung und Erörterung zum
Besten giebst. Du schreibst lieber Langethal in derselben: „denn
statt der früheren stillen und belebenden Wärme des Lebens
war ein überwiegend hartes strenges Gesetzeswesen hervor-
getreten.“ Gut ist es Langethal daß Du diesen Ausspruch diese
Ansicht von Dir von einer Zeit sagt wo Du noch keine Frau
hattest also auch keine Zeilen derselben an Briefe an mich
beylegen konntest denn be und daß Du besonders dortmals noch
nicht ein so unermüdlicher Tänzer warest als Du jetzt bist.
Sag nur liebster Langethal wo kann Tanz sey er Welten-
tanz oder Lebenstanz oder wie der Tanz sonst heiße ohne
Gesetz seyn ohne – wie Deine Frau schreibt gedräng – erfassen
des Beachtens der gedrängtesten Zeiträume, und wo ist Ge-
setz, wo kann Gesetz je anders als hart und streng seyn? –
Ihr philosophischen Tänzer und tanzenden Philosophen! – „Nun! -
wo siehest Du denn Härte und Strenge des Gesetzes in dem Tanzen? [“] - /
[14R]
sagst Du wohl Langethal oder fragst mich! – Ja mein lieber
Freund {wenn weil jeder dem Gesetz in kürzerer Zeit als einem
Au-gen-blick, d.h. im Nu gehorcht.
Bist Du noch in keiner Tanzstunde, keiner Tanzschule auf
keinem Tanze gewesen? – Wenn die noch schweren oder unge-
übten Füße nicht fortwollen oder die Achtsamkeit sich gar
nicht sammeln will und gar keine Beachtung der Tanz gesetze
wie sie Namen haben mögen in Figuren oder Takt statt findet;
Siehest, sahest Du nicht wie sich der Lehrer der, wie soll ich
anders sagen als – tanzender Kunst – abmühet, der wenn auch geübte
Vortänzer des schlingenden Tanzes? – erst braucht
er taktirend den Mund – dann schlägt er in die Hand –
dann setzt er [den] Bogen in die Saiten der Violine, daß es
wenn auch nicht gleich das Herz doch die Ohren zerschnei-
det – endlich <-> wirft er die Violine hin und läuft
davon, oder, ist er Meister der Lehrkunst – legt still
die Violine bey Seite sagt oder denkt auch nur: -
“nein! - es ist auch ewig den Leuten kein Begriff von Takt
und Tanz beyzubringen und doch - wollen sie tanzen
lernen
! – Die andern nun, die treten auch müde und keu-
chend ab pp denn -
“denn statt der stillen, belebenden Wärme“ vom Tanzen
die ich ausführen sahe, auch schon selbst ausführte als
Lust u Fuß und Sinn pp.pp. in Eins zusammen fiel
ist nun „ein überwiegend hartes strenges Gesetzeswesen
hervorgetreten
.“ -
Wann trat es hervor? als der Tanz auf- und ausgeführt
werden sollte, als jeder dazu angetreten war und doch
kein Zusammentreffen zu erreichen war! –
Wer schuf denn das Harte und Strenge des Gesetzes-
wesens, der Tanz? - oder der Tanzlehrer? – oder die
Ungeübtheit oder was sonst der Tanzenden? -? –
Was muß sich doch ein armer Mensch gefallen lassen
wenn er etwas lehren will und sey es sogar den
schweren Contretanz des Lebens in einen leichten Tanz
der Horen oder Grazien umzuwandeln! /
[15]
η. Nun die Tanzkunst wurde dortmals in der Zeit die Deine
Berichtigung beleuchtet in Keilhau noch nicht getrieben und
so wäre es also unbillig daß die großen Lebenslehren
die sie giebt schon dortmals hätten in unser Leben ja auch
nur in eine spätere Beurtheilung desselben von Eurer
Seite hätten ordnend und klärend eingreifen sollen: Aber
Du warst doch schon dortmals wie jetzt fühlender, denkender
ausübender Musiker lieber Langethal, wußtest auch
bestimmt, fühltest wenigstens tief daß eine Lebens[-] eine
große LebensMusik aufgeführt werden sollte. Daß aber
ich Musikführer, oder Taktschläger, oder wie Du mich nennen
willst dabey war, das war doch wenigstens außer allem
Zweifel. Einer, ein Einziger, mußte es doch nur seyn der den
Takt schlug; denn ich habe wenigstens weder eine kleine noch
eine große Musik gesehen wo alle zugleich taktirt hätten.
Ich will mich mit dem Charakter den besondern musikalischen Namen der Lebens
Musik und ihren Theilen nicht aufhalten dieß
kannst Du besser bestimmen; ich will nur einen Blick in die
Einübung, in die Proben zur Aufführung thun. Thue Du diese
Blicke lieber Langethal für mich und sage mir was Du siehest
dort bey einem Zelter – dort bey einem Spohr ? - und bey manchen
anderen Musikdirector, deren Geschichten mir zwar vorstehen, de-
ren Namen ich aber leicht verwechseln könnte! Kannst Du was
Du siehest anders bezeichnen als „- ein überwiegend hartes
strenges Gesetzeswesen“ – ? - Nein! ein Musiklehrender Lange-
thal hätte jenes Einschiebsel dem Leben näher bringen sollen.
Wenn Du durch kleine frohe leichte Kinderliedchen den Sinn und
die Fähigkeit für Gesang und Musik entwickelst, zieht sich dann
“die frühere stille und belebende Wärme {des dieses Gesanges“
auch durch Deine späteren besonders rhytmischen
Übungen durch? – Du sagst es macht ihnen Freude. – Sammle
nur Stimmen lieber Freund u.s.w. u.s.w. u.s.w. - Doch ich gebe
es Dir zu eben weil der werdende Knabe leichter die Wichtig-
keit, Nothwendigkeit des harten, strengen Gesetzes durchfühlt
als der werdende Mann. – Und Freund! charakterisirt
den guten Musikführer nicht das scharfe Taktiren? - u.s.w. /
[15R]
Führe aus l. Lgthl! führt unter einander aus dieses Bild und Gleichniß
und ziehet zum Heil und Seegen für Euch alle die wichtigen Lebens-
lehren daraus ab welche darinne liegen. Die Zahl meiner beschriebe-
nen Blätter häuft und mein Ziel entfernt sich.
Doch noch eines warest Du treuer Freund nicht Soldat oder wenn Du
lieber willst Krieger? – Waren wir beyde nicht und zugleich
Soldaten oder lieber Krieger? – Warum mußten wir uns doch
dortmals nicht schon näher stehen daß ich Dir meine stille Betrachtung
über Soldaten- u Kriegswesen hätte mittheilen können; mit-
theilen können [2x] wie ich Soldaten[-] und Kriegsleben als eine herr-
liche Vorschule fürs Leben und besonders auch für den künftigen
Erzieher und Lehrer betrachtete. – (: Andeutungen mögen sich
davon in meinen Briefen an den Prof. Weiß vielleicht finden
die Ihr, wenn Ihr Lust habt, Euch wenn er sie noch hat einmal ver-
schaffen könnet; wenigstens einen vom Selbstputzen des Gewehres
erinnere ich mich noch daß einem dieß die Büchse lieb mache pp. :) –
Der philosophische Krieger würde Dich später (haben) den kriege-
rischen Philosophen haben verstehen und würdigen lernen.
So wenig mich nun im Kriege die harte Strenge und das Gesetzes-
wesen stöhrte und ich es leicht in Harmonie auflösete (: ob
ich gleich gerne mannichmal gewußt hätte wozu man uns
eigentlich gebrauche :) so würde Dich die Härte, Strenge und
das Gesetzeswesen meines Lebens wenig berührt haben,
denn wenigstens sagte ich klar was und wie ich es wollte.
Demnach leiste ich lieber Langethal auf die Beachtung und An-
wendung dieser Deiner Lebenserfahrung in der Betrachtung
Prüfung, in der Beurtheilung meines Lebens gern und wil[lig]
Verzicht so nahe sie mir in Beziehung auf Dich und auf mich
liegen, weil es in Deinem freyen Willen stand wie Du alles
dieß aufnehmen und in Deinem Leben anwenden wolltest.
Aber bey einem Denn alle jene Erfahrungen lagen außer Dei-
nem eigentlichen Berufsleben. Aber bey einem Punkte
in diesem muß ich Dich doch festhalten: ich meine den völlig
berufsreifen und schon in seinem Berufe wirkenden Religions-
lehrer. – Sollte der nicht wissen daß die Liebe durchs Gesetz
hindurch müsse – daß Gott, doch ohne Zweifel der größte Erzieher /
[16]
- doch nöthig fand sein Volk durch das harte und strenge des mosai-
schen Gesetzeswesens hindurchzuführen. Und doch hat er sein
Volk wie ein Vater lieb, denn er sagt durch den Propheten
Zacharias (Sacharja) zu ihm: „Wer euch nur angreift greift
meinen Augapfel an.“ – und durch den Propheten Hoseas
“Ich will dir Thau seyn und du sollst blühen wie eine
Rose.“ - (: leset doch die Propheten wenigstens in Schmidts
bibl. Geschichte :) -
Was sagt denn nun aber der Erziehungsgehülfe Gottes
der alles vom Vater lernte, sahe hörte, der dabey war
als der Erde Grund gelegt wurde, nach welchem ihr nur
lehren wollt und nur sollt, was sagt er dieser Prediger der
Liebe: „ – ich bin nicht gekommen das Gesetz zu lösen sondern
zu erfüllen.“ – und von seinen Jüngern sagte er: “wer
den kleinsten Titel im Gesetz unerfüllt läßt ist der gering-
ste in meinem, d.h. doch wohl im Menschheits Reich.“
– Warum sprach er wohl so; weil Er das <-> Gesetz auch
in seiner Härte und Strenge durchdrungen und als nothwen-
dig
erkannt hatte. Und tritt denn Er gar nicht als strenger
Gesetzgeber auf? – z.B. dort wo er sagt: Moses
fordert ...... aber Ich sage u.s.w.
Nun lieber Langethal! meine ich wer den Beruf als seinen
erkannt habe diese Religion zu lehren, der könne und dürfe
schlechterdings von einem Leben wie das meine und unsrige
faktisch bis in das Kleinste hin nicht sagen noch weniger
klagen – „daß darinn ein überwiegend hartes strenges
Gesetzeswesen hervorgetreten sey.“ –
Was ist Gesetz nun anders als die strenge Forderung dem Au-
genblick zu gehorchen und diese Forderung ist und bleibt hart
selbst wenn sie Gott unmittelbar an uns machte, wenn sie
nicht in eines zusammenfäl[l]t, eines und eben dasselbe mit
der Forderung unseres ganz eigensten Lebens ist.
Wenn ich etwas weiß und etwas bin, wenn das Glühefeuer
der durchwühlenden Critik je wird etwas als geläutertes
Gold wird stehen lassen müssen, so verdanke ich es einzig dem
strengen Gehorsam der Forderung des Augenblickes, und dem Nachgehen /
[16R]
dem Durchdringen der Nothwendigkeit der Forderung des
Augenblickes.
Was ist denn nun endlich Augen-Blick? – Es ist doch wohl
ein Blick der Augen! – Was ist denn nun Blick? -
Ich theile nach einer meiner Sprachansichten und Sprachbe-
trachtungen (- deren es natürlich mehrere giebt und geben
muß -) Blick in B / lick d.i. in Be - lick.
ck leite ich aus ch ab nach sprechen und spreken pp.
stechen und stecken pp. – Also bekomme ich
Be - lick = Be – l – ich.
Nun aber sagen wir verdichten und verdicken u.s.w.
Das ck schließt also auf eine ganz eigene Weise das t in
sich.
blicken oder be-licken heißt also Be-l-ich-t-en.
Also nach der Bedeutung des Wortgliedes Be- z.B. in Be-
gießen – mit Licht ganz und gar umgeben.
Statt Be-l-ich-ten aber sagen wir beleuchten.
Augenblick ist also = beleuchten, belichten der (inneren)
Augen, des (innern) Auges denn jedes Auge ist als
wirkend ein inneres Auge.
Augenblick ist also = die Wahrnehmung und Festhal-
tung eines Lichtmomentes
– (ich kann was merkwürdig
ist im Deutschen der ächt deutischen deutenden
Sprache schon gar nicht ander[s] sagen als: ) Lichtblickes
in dem und mit dem (innern) Auge
ist die
Augenblick ist = die Wahrnehmung eines Lichtpunktes
mit dem (innern) Auge.
Nun aber haben wir ja oben schon gehört und ich wenig-
stens meyne uns klar und anschaulich nachgewiesen
daß von jedem Punkt und Orte im Raume und so
also auch vom Innern des Herzens der Ausspruch Ja-
kobs gilt:
Wahrlich hier ist Gott gegenwärtig und ich wußte
es nicht; hier ist wahrhaft Gottes Haus und die
Pforte des Himmels.
Dieses muß nun, also auch von jedem Punkte in der Zeit /
[17]
θ. von jedem Lichtpunkt im Herzen von jedem Augenblick
gelten:
“wahrlich hier ist Gott gegenwärtig und ich wußte es
nicht; hier ist wahrhaft die Pforte des Himmels.“
Klar ist es nun sonach warum die Beachtung dessen was augen-
blicklich im Innern des Herzens lebt und sich in demselben
kund thut, für das Leben so über allen Vergleich wichtig ist
und nicht allein das Beachten sondern auch das treue stetige
pflegende Nachgehen desselben und Anwendung seiner Forde-
rungen im Leben und fürs Leben.
So klar als schön, so wahr als bedeutungsvoll sind nun Er-
nestinens Worte:
“Ich finde es so wahr daß in der Beachtung der gedräng-
testen Zeiträume, wo sie sich uns darreichen et-
was zu thun zu vollbringen, das reichste und
innerste Leben sich uns ausspricht.“
Wenigstens welch’ einen Reichthum von ihm ganz
eigenthümlich und ausschließlich angehörigen Bemer-
kungen unter den vorstehenden die sich leicht heraus
finden und bestimmen lassen, hat mir – „die Erfas-
sung des Augenblickes“ - gebracht in welchen Er-
nestine die anregenden und weckenden „Zeilen“
mir schrieb.
Ob sie nun gleich gegen das Ende derselben weiter
schreibt: - „Doch schon eine ganze Stunde zu spät komme
ich zum Plätttische [“] (: schweizerisch Glätttische :) so hoffe
ich, daß man ihr, wenn es noch nicht geschehen seyn soll-
te – wenn es überhaupt nur bemerkt worden ist – [dieß]
deßhalb nun verzeihen wird – im Fall es anders wahr
ist was ich meyne, daß die Beachtung der Blätter
welche jene Zeilen zu Tage förderten und die Anwen-
dung ihres Inhaltes in dem Leben und auf das Leben
nicht nur manche Stunde, sondern vielleicht manchen
Tag und wohl gar manches Jahr im Leben und von
dem Leben – Glätten könnten!-! !-
Also in der Beachtung des Kleinen, in der Wahrnehmung /
[17R]
und Pflege seines Geistes im innig einigen Zusammen
mit dem Ganzen darinn ruht die Bedingung aller
Erscheinung des wahren Lebens; es zeigt sich dieß uns sinn-
bildlich
in vielen kleinen Erscheinungen des großen
Ganzlebens der Menschheit.
Daß das kleine Öhlblatt oder Öhlzweig bald nach
der Noahschen Wasserfluth alle seine Kraft zusammen
nahm zu wachsen zu grünen, machte später alle
Öhlzweige zu Zeichen zu Bothen des Friedens, ebenso
daß eine Taube einen solchen Öhlzweig oder solches Öhlblatt
zum Zeichen des hergestellten Friedens zwischen Natur
und Menschen aus Dankbarkeit ihrem Ernährer in der
Zeit des Mangels brachte, machte alle Tauben zu
Zeichen und Bothen des Friedens, -Bringern des Friedens. –
Daß eine Taube in innig einigen Zusammenklang, in
innig einiger (geistiger) Gleichthat von und aus
der Region des alles ordnenden und gestaltenden
Lichtes gleich ruhigem Geisteswehen herabschwebte
nach der Tiefe als Geisteskraft in den Wassern und
aus den Wassern wirkte hat alle Tauben zu Sinn-
bildern des alles weckenden, ordnenden, durchdringenden
Geistes gemacht.
Was kann man nun – Öhlzweig oder Blatt, und Taube
als Sinn-bild angeschauet – sich als Lebenserschein-
ung mehr wünschen als das Schicksal von Öhlblatt
und Taube; und so wird man es denn – von einer andern
Seite der Betrachtung aus so natürlich als tiefbegrün-
det finden wenn ich sage: Daß mein Leben seit dieser
gewonnenen Lebensansicht sich nur der stillen Pflege des persön-
lich Kleinen als Glied und in Zusammenhang mit dem großen
geistigen Ganzleben hin gegeben fühlt. –

Am 4en August früh. Und so zeigt sich mir denn nun auch in mei-
nem Leben in der Fortentwicklung und Ausbildung meines
Lebens so bestimmt als ungesucht und unerwartet der
Punkt, die Erscheinung, welche ich schon sehr früh in unse-
ren Betrachtungen und Mittheilungen über die Entwicklungs- /
[18]
epochen der Menschheit nachwieß und in welcher ich auch
schon sehr frühe in meinen Mittheilungen über mein und
unser Leben und Streben die tiefe Begründetheit desselben
in der Geschichte darthat; es ist diese Erscheinung:
daß immer in der, und mit der Erreichung und
so Vollendung einer Entwicklungsstufe, einer
bestimmten LebensEntwicklungsstufe zugleich
der Keim und Anfangspunkt einer neuen – der
nun nothwendig folgenden Entwicklungsstufe ge-
geben ist.
Ein Anschauungsmittel dafür giebt Euch wieder ein Baum
ein Strauch d.i. jedes mehrjährig ausdauernde Gewächs:
- wenn die Knospen welche der Winter bewahrt und der
Frühling erschließt, in dem Sommer zu ihrer Vollendung
entwickelt und ausgebildet sind in dem Blatte, Zweige
wie in der Frucht, so erscheint in den Blattwinkeln
sogleich wieder der Keim einer neuen Knospe zur
Pflege für kommenden Herbst; zur Bewahrung pp. für kommenden
Winter; zur Erschließung für nächsten Frühling; zur Aus-
bildung für Vollendung im nächstkommenden Sommer. Lange-
thal wird es zeigen und klar machen z.B. an den jungen
Knospen Augen, den hervorblickenden Augen
zwischen den Blattwinkeln der Rosen, welche man
heraushebt wenn man Rosen durch Okuliren veredeln
und fortpflanzen will. So im Leben, im
geistigsten Leben des Menschen und der Menschheit.
Ihr sehet hier – ( vergleichet damit frühere Briefe von mir)
im Momente der höchsten Zertheilung sogleich in eines
wieder, den Moment – der höchsten Einigung. Ich
könnte hier eine hohe tiefe Anschauung aus dem Leben selbst
geben; doch dem eigenen Gemüthe eines Jeden muß
das Höchste und Tiefste zu finden selbst überlassen bleiben,
wenn es Früchte, bleibende, sich fort und fort entwickelnde
Früchte in dem Leben und für das Leben bringen soll.
Lasset mich ganz klar reden, damit wir uns zu einer
Ganzeinsicht in das Leben erheben und so endlich ein Ganzleben /
[18R]
im Thun erringen: -
In Jesu erreicht das Gemüthe der Menschheit zuerst seine
vollendete Entwicklung, es sank in dieser Voll-endetheit
und der so errungenen Einheit in die ursprüngliche Einheit
zurück; das Gemüth wurde von dieser Einheit durch drungen
es fühlte sie als Einigung, es empfand (ent-fand) sie
d.h. es fand sie im Innern zugleich bey mit und in der Entgeg-
nung gegen das Äußere – und – (: Schiller bezeichnet diesen
nun gleichzeitig mit eintretenden zweyten weiteren ferneren
Entwicklungpunkt, das neue Auge am Lebensbaume der
Menschheit, welches dort aus den Winkeln des Kreuzes [Zeichnung +]
wie bey dem Baum aus den Winkeln des Blattes [Zeichnung]
hervorblickte so schön, wenn er sagt: ) und – der
Mensch griff denkend in seine Brust.
Unter der Brust (: wir haben es uns ja zu Eingang dieses Briefes
ohne daß wir das Ziel zu dem er uns führen würde so klar
und bestimmt sahen schon so schön ausgesprochen :) – ruht das
Herz, in dem Herzen sagen wir wohnt das Gemüthe,
das eigene einige Gemüthe fand sich in Einigung, in seiner
ursprünglichen Einigung mit der Einheit alles Seyn[s] und alles
Lebens, es empfand diese Einheit, der Mensch wurde
wahrhaft denkend.
Eine neue Entwicklungsstufe der Menschheit begann
in ihrem ersten, leisesten zartesten Keime
während die schon daseyende betretene Entwicklungs-
stufe der Menschheit ihrer Vollendung entgegen gieng.
Die neue Entwicklungsstufe begann in der Einzelnheit
während die Mehrheit der Entwicklung und Ausbil-
dung der schon betretenen Entwicklungsstufe für Mehr
für Vollendung entgegen gieng.
In dieser stets neben einander fortlaufenden Doppelent-
wicklung und Ausbildung im Menschengeschlechte ist die
Fortschreitung desselben und der Menschheit und die jedes-
malige Zielerreichung derselben innerhalb gewisser
Grenzen bedingt. Diese DoppelKnospigkeit – Doppelaugig-
keit, wenn ich es so nennen darf, das Zusammenziehende /
[19]
ι. und das Enthaltende läßt sich in allen Hauptentwicklungsstufe[n]
der Menschheit nach der vor uns liegende[n] Geschichte nach-
weisen: - Adam – Abraham – Moses – und eben dadurch
erhält sie eine tiefe Begründetheit ihrer Lebenswahrheit.
Aber auch das Denken muß wieder zur Vollendung
geführt werden. Doch nur ein Denken, welches auch [zu] einen
in sich einigen, sich in der Einheit ruhenden sich in Einigung
mit der Einheit findenden Gemüthe kommt, kann
zu jener Voll – endung führen, denn diese Vollendung
ist das Er – kennen (Wieder – kennen) Schauen der
Einigung des eigenen einigen Geistes in der Einheit und mit der Einheit
alles Seyns.
Diese Entwicklungs- Ausbildungsstufe ist jetzt die Menschheit
indem wir leben zu erreichen bestimmt. Sie zu erreichen
ist der allgemein menschliche Beruf und die Bestimmung
jedes jetzt lebenden vor allem des Christenmenschen.
Sie zu erreichen ist unsere Bestimmung unser Beruf unsere
Lebensaufgabe; ich erkenne sie vor allen durch die Gesammt-
heit und in der Gesammtheit meiner Lebensführung als
meine Bestimmung meinen Beruf meine Lebensaufgabe.
Es muß einen unfehlbar entscheidenden Grund geben zu ent-
scheiden ob und wenn die Menschheit auch wieder diese neue
Stufe ihrer Entwicklung Aus[-] und Fortbildung erreicht haben
man muß ihn angeben und ihn jenem im Gemüthe gekeim-
ten Denken zur Prüfung vorlegen können; es ist dieß [das] ange-
gebene gleichzeitige Hervorknospen eines neuen Lebens
Auges diese Thatsache muß, die allen vorliegende zur
Prüfung zum Drehen und Wenden vorliegende Thatsache
muß zu einer Gewißheit der Entscheidung führen welche
los von jedem Zweyfel ist.
Ich erkenne nun diese Thatsache des hervorgeknospeten
neuen Lebensauge[s] des Menschheitsbaumes in un-
serm und hier natürlich zunächst in meinem Leben
denn ich bin ich selbst, ich möchte dieses neue Lebens
Auge mit Schillerworten so bezeichnen:
     und der Mensch ergriff lebend sein Leben /
[19R]
und der Mensch stieg lebend in sein Leben!
um es fühlend, denkend, handelnd, um es als ein Mensch
         menschlich zu leben
.
Ich bin für dießmal zu Ende, und es ist Zeit denn bald wird die
Post wie es hier gewöhnlich ist mit ihrem Geklingel erscheinen;
Zwar mein Ziel habe ich oder richtiger, entsprechender meine
Absicht habe ich nicht ganz erreicht Middendorff und Barop
stehen noch vor den Schranken doch der Gegenstand warum ich
friedlich den Fehdehandschu[h] hinwerfe oder vielmehr den friedlich d.i.
in Frieden und zum Frieden hingeworfenen Fehdehandschu[h] aufnehme
kann sich schon ziemlich jeder sagen, bey einem bey Middendorff
gilt es das vergangene Leben und seine Meynung darüber und in
demselben über mich; Bey Barop gilt es das kommende Leben
und in demselben seine Anforderung an mich.
Jenen frage ich ob äußere Unvollkommenheit ihren Grund nicht
in innerer Vollkommenheit haben könne, wenigstens in dem
reinsten Streben darnach.
Diesen frage ich was besser ist: zu beweisen, durch Rede zu
beweisen daß – wenn die Früchte, die nun einmal sauer
waren und sauer sind – reif sind, reif seyn werden, daß
sie dann gewiß auch süß wenigstens Genesung bringend
seyn werden oder machen daß die Früchte reifen, daß
sie süß, daß sie wenigstens Genesung bringend werden? –
Das Leben wie es seyn und werden sollte, wie es das Gemüth
in sich trug, der denkende Geist in sich erkannte länger
noch zu demonstriren zu beweisen oder zu machen
daß endlich das Leben was nach den Forderungen des Gemüthes
und Geistes werden sollte, auch
ein äußerlich wirklich daseyendes sey.
Gegen einen solchen Riesen kämpft das Menschenge-
schlecht sich todt und wenn es kämpft von Jesu bis
auf unsere Zeit und weiter noch.
   So giebt es denn am Ende gar kein Turnier? -
    Kann seyn, auch gut.
Auch zum lieben theuern Bruder wollte ich ein Wörtchen
reden, das Thema war das Wörtchen <OK> – kann noch kommen.
Zunächst meinen besondern so brüderlichen als herzlichen u freundlichen Gruß. –
[Rand 19R:] Auch Du meine liebe Frau bekommst gegen mein Erwarten kein Briefchen von mir.
Aber mich dünkt mehr als einen dankend anerkennenden Brief müßtest Du in diesem Briefe an
Dich finden. Eines nur hebe ich in Verbindung /
[19V]
[Rand:] mit dem Inhalte dieses Briefes heraus, daß es nicht allein ein Augenblick, sondern
ein wirklicher Blick der Augen war welcher unser Lebensband knüpfte. – Grüße die Kinder Deines Mannes /
[Briefschluß 19V unten:] lebt wohl ich, wir grüßen Euch alle. Euer FrFr.