Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 5.8./8.8.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 5.8./8.8.1832 (Wartensee)
(KN 41,1, Brieforiginal/Fragment 2 B 4° 8 S. Die beiden Bögen sind mit A u B nummeriert. Bogen B verweist
4R unten auf Bogen C, der im KN-Ms. allerdings fehlt. Dieser weitere Briefteil [2 B 8° 4 ½ S.] befindet sich im BlM VII, 1, Bl 4-7 und bietet den Bogen C in zwei Varianten. Die vorliegende Textfassung fügt beide Textteile zusammen.)

Wartense[e] am 5en Tage im Monat des gereiften und
reifenden Lebens 1832.·.


Der lieben Keilhauer Gemeinsamheit
des Einklangs der Gegenwart, Vergangenheit u. Zukunft,
des Ruhens in der Lebens-Einheit Seegensgruß zuvor!

*
*   *
Laßt mich den Sonntag diesen vielbegünstigtem Tage, und
so auch dem ersten Tage jeder Woche auch heute sein freund[-]
liches mir besonders seit einiger Zeit stets zur Freude
behauptetes Recht auch heute geben, Euch an demselben froh
zu begrüßen oder vielmehr still im Geiste bey Euch einzu[-]
kehren bey Euch vorzusprechen wenn Natur, oder d. Leben,
oder der Geist oder alles dreyes Euch innig eint.-
Erlaubt mir Euch, in Beziehung auf den Inhalt der Blätter
welche mit der heutigen Post von Luzern aus an Euch abgegangen sind
die Zusammenstellungen mit[zu]theilen, welche mir heute morgen meine
stille einsame Sonntagsfeyer brachte und laßt uns gemeinsam
vernehmen und S schauen was daraus durch sich selbst für Ergeb-
nisse zur Forderung und zum Frommen unser aller Leben
folgen.
Zeit und Raum als wahrgenommen sind zwey unzertrennliche Gefährten, welche
entweder nur die einseitige Beachtung, oder das sondernde
Denken trennt: jeden Raum wahrzunehmen fordert es Zeit und
keine Zeit kann anders erkannt und wahrgenommen werden,
als durch den Raum; darum nun wegen dieser Unzertrennlichkeit
von Zeit und Raum - (:welche wohl im Fortgang der Betrachtung
zur Unendlichkeit, Ewigkeit, von Zeit und Raum führt:) - kann
unsere Sprache den kleinsten wie den größten Zeittheil nicht
schärfer und bestimmter als Zeitraum bezeichnen.
Alles nun was geschiehet nimmt einen Zeitraum ein, und mein
unkörperliches Denken geschiehet in einem Zeitraum; aber bey
einem Zeitraume ist immer das wesentlich, daß sich Zeit und Raum /
[1R]
gegenseitig scharf bestimmen. Das Leben jedes Menschen
bildet einen bestimmten Zeitraum wie es in einen bestimmten Zeitraum
fällt. Der kleinste Theil der Zeit fällt in Eins
zusammen mit dem kleinsten mathematischen Theil des Raumes mit
einem Punkt; daher kann der kleinste Zeit[t]heil wieder nicht an[-]
ders bezeichnet werden als Zeitpunkt. Das Leben jedes Menschen
kann, wie es immer in einen bestimmten Zeitpunkt fällt so
selbst als ein Zeitpunkt angesehen werden.
Darum läßt sich also von einem jeden Menschenleben, es als einen
Zeit und Raum einenden Punkt angeschaut sagen was im vorigen
Briefe von jedem Punkte im Raum und in der Zeit gesagt wurde:
wahrlich hier ist Gott gegenwärtig und ich wußte es nicht;
hier ist wahrhaft Gotteshaus und die Pforte des Himmels.
so kann also ein jeder Mensch sein leben finden, erkennen und es
fühlend, denkend, handelnd in Einigung mit der Quelle alles Seyns
und alles Lebens, mit Gott darleben.
Wie und auf welchem Wege kommt aber der Mensch seinen
innern Entwicklungsgang äußerlich und räumlich angeschauet
zu diesem Ziele
eines fühlend, denkend handelnden Leben in Gott
       und so zum Ziele seiner Vollendung? -
ist dieser Weg ein allgemein erkennbarer, allgemein
zugänglicher? - ist er ein allgemein vorliegender? - > entwickelt
er sich nach notwendigen, streng nachweislichen Gesetzen? -
sind diese Gesetze wie leicht anschaubar so sinnbildlich leicht
auffaßbar?- ?-
Könnte alles dieß mit Ja! beantwortet werden, so hätte unsere
Erziehungs- Lehr- und Unterrichtskunst - unsere gesammte
Lebenswissenschaft unsere Lebenskunst dieß Mitte das
Ziel gefunden nach welchem es so unverwandt treu
suchte.
Und es kann mit Ja! beantwortet werden, und es ist
somit gefunden!
Alle Wahrnehmung des Geistes geschiehet in einer Zeit und wie
bestimmt oder unbestimmt klar, wie deutlich oder undeutlich be[-]
wußt geknüpft an den Raum.- /
[2]
Unsere ersten und frühesten geistigen Wahrnehmungen sind ge-
knüpft an den uns zu allernächst geknüpften umgebenden
Raum, sind geknüpft w an das was uns in dem uns zunächst
umschließenden Raume zunächst umgiebt. Ebenso ist
es bey den noch auf der ersten Entwicklungsstufe stehenden
Menschengesellschaften und Völkern.
Also auf und von dem Punkte an wo wir uns als fühlen-
de, empfindende, denkende und erkennende Menschen
und Wesen zuerst finden und geknüpft an diesen Ort und
an die Gegenstände dieses Ortes, von da von dieser Stelle [aus]
beginnt die geistige Entwicklung des kleinsten wahrnehm-
menden Kindes, wie des erwachsenen Menschen,
wie ganzer Gemeinsamheiten Gesellschaften und
Völker welche noch auf der ersten Stufe geistiger
Entwicklung wie ein Kind stehen.
Von dieser Stelle, von diesem Orte kann also später der
Erwachte besonnene, der mehr oder minder klar Bewußte
sagen:     wahrlich hier (dort) ist (war) Gott gegenwärtig u
ich wußte es nicht; hier (dort) ist (war) wahr-
haft Gottes haus und die Pforte des Himmels.
Nun bitte ich Euch mehreres klar ins Gedächtniß zurück zu
rufen:
Erstlich den von mir mit Sicherheit hin- und aufgestellten
erdkundlichen Unterricht, welcher von dem Punkte aus
geht, von dem Orte wo sich der Schüler befindet und anknüpft
an die ihm zunächst umgebenden Gegenstände, wie er
fortschreitet und zuletzt die Erde als ein in sich geschlosse-
nes, in sich ruhendes Ganze erfaßt.
Zweytens den Beginn und die Fortschreitung, die Art des
Beginnes und die Art der Fortschreitung meiner mathe-
mathig geographischen, meiner weltbaukundlichen
(verzeiht das Wort, welches dh. erdkundlich geschaffen wurde)
Mittheilungen in den Winterabenden eines der verflosse-
nen Jahre; wie sich diese Mittheilung ihrem Wesen nach,
obgleich von unserer Stube ausgegangen, in stetiger Fort-
schreitung mit immer abgeschlosssener sich steigernd[er] Fortent- /
[2R]
wicklung des Ganzen schloß.
Drittens bitte ich Euch ganz besonders auch die Geschichte
der Erdanschauung oder die Geschichte der Geographie in Euer
Gedächtniß zurück zurufen - (:Ihr könnt Zeunes Erdansichten
nachschlagen sie sind in der Bücherey ein kleines blaues Büchelchen)[.]
Seht sie beginnt mit der Homerischen Erdansicht, einer Scheibe
gleich unserm Gesichtskreise wo Griechenland wie bey
uns Keilhau in der Mitte liegt und schließt mit der in sich
ruhenden Erdkugel, geht zur Copernicanischen Weltansicht bis Keppler.
Viertens (:scheint es auch gleich anfänglich etwas fremdar-
tig so schwindet es doch bey einiger eindringenden Vergleichung):
Ruft die Mosaische Schöpfungsgeschichte in Euer Gedächtniß
zurück, und wie die darin durchgeführte Vorstellungsweise
sich eigentlich jeden Tag in den Tageszeiten unserer Anschau-
ung vorstellt. Herder hat den Gedanken zu erst aufgestellt,
Schmidt in seiner bibl. Geschichte hat ihn allgemein gemacht.
Was will ich denn nun eigentlich mit der Aufstellung dieser Ver[-]
gleichungspunkte, die sich wohl noch vermehren ließen, sagen? -
<dieses: ->
Dass der geistige Entwicklungsgang des Menschen, wel-
cher in seinem innersten Wesen und letzten Bezieh-
ungspunkt nothwendiger Weise religiöser Natur
ist - ganz dem Fortschreitungswege gleich ist in und
nach welchem sich dem beachtenden Menschen die
ganze Weltansicht entwickelt und ausbildet.
Also ausgehend von dem Raum, den nächsten Umgebungen
der Anschauungs- und Vorstellungsweise dessen an welche
sich die erste Wahrnehmung der Geistesthätigkeit aufschließt und
fortgehend bis zur vollendeten Selbsterfassu[n]g, ruhend,
sein Leben ruhend, findend in der Quelle alles Lebens
in Gott, und dieß wissend, leben.
Der religiöse Entwicklungsgang welchen uns unsere heiligen
Schriften aufbewahren, und welcher sich in Jesu und durch
Jesu in einer Weltreligion endigte ist diesem Entwicklungs-
gang der Weltansicht, was auf das höchste merkwürdig
ist ganz gleich. Geknüpft an einen Mann, an Abraham /
[3]
geknüpft an ein Land Kanaan und an einzelne Punkte in dem-
selben, wie an Mittelpunkte eines Gesichtskreises. In David
erhebt sich die Religiöse Entwicklu[n]g gleichsam von der Erde
zur Betrachtung des Himmels: "Die Himmel erzählen pp" -
u.s.w.
Der, der Natur der Sache nach nothwendig allen sich natur-
getreu entwickelende[n] Menschen ganz gleiche Entwick-
lungsgang der ganzen und vollendeten Weltansicht
ist also dem Menschen das unmittelbare äußerliche
Sinnbild des Entwicklungsganges einer ganzen und voll-
endeten Weltansicht, und wohin diese nur führen, was nur
ihr Ziel sein kann, vollendete Einsicht in das Wesen und Leben
des Menschen, vollendete Lebenseinsicht, welche nur
schließen enden kann mit einer vollendeten Lebensführung
mit einem
fühlend, denkend und handelnden Leben in Gott,
einem solchen göttlichen Leben.-
Jedem liegen die zu Sinnbildern aufgestellten Entwicklungs[-]
wege zur Prüfung im eignen und am fremden Leben vor.
Ich finde und erkenne, muß finden und erkennen, daß durch die-
ses Sinnbild seiner innersten Entwicklung dem Menschen
alles gegeben ist, was er als Erdner als sinnlich <geistig[es]>
Wesen bedarf, um mit zweyfelloser Sicherheit in Ruhe
und Frieden und mit Freudigkeit zu dem Ziele zu kommen
welches der Mensch durch sein Innerstes und in seinem Inner[-]
sten zu finden bestimmt ist.-
So ist also ein Einklang der Innen- und Außenwelt des Menschen
der Welt- und der Lebensansicht, der Welt- und der Lebens[-]
einsicht aufgeffunden [sc.: aufgefunden] und aufgestellt, dessen Vermissen
dem Menschen bisher sovieles Leid, so vielen Schmerz brachte.
Die Durchführung selbst kann wohl zunächst nur mündlich
geschehen, so wie der Nachweis des Gleichgesetzigen
in der Entwicklung der wissenschaftlichen, wie der Kunst-
seite
in dem Menschen[.]
Doch sind diese Andeutungen auch hinlänglich in jeder der angegebenen
Beziehungen das Rechte nur durch Selbstdenken zu finden. /
[3R]
Du mein lieber Bruder hast es wohl wie auch andere etwas
sehr sonderbar gefunden als ich in einem der früheren Briefe äußer[-]
te Du möchtest mehr und lebendigeren, wirklich thätigen Antheil
an den [sc.: dem] Unterricht Deiner Kinder genommen haben; jetzt wirst, we-
nigstens kannst Du mich und auch die anderen besser verstehen;
ich meynte nämlich so, daß Du und auch die anderen dadurch in
den Stand gesetzt worden wäret der inneren Entwicklung und
Ausbildung des Ganzen besser folgen und auch den wahren inneren
Grund vieler äußerer Lebenserscheinungen bessser einsehen
und verstehen zu können; denn unsere Erziehungs- Unterrichts
und Lehrweise wird, immer mehr verstanden, sich auch immer
mehr als ein Grundtypus eine Grundform und ihr Gesetz
als ein Grundgesetz der Menschen, wie der Menschheitsent-
wicklung zeigen, und so soll, so muß es seyn wenn über-
haupt eine Erziehungs- Lehr- und Unterrichtsweise, und so
also auch die unsere einen "in sich selbst ruhenden Grund"
haben soll. Indem ich dieß letztere nur ausspreche, gebe ich
in Verbindung, besonders mit dem zu Eingang dieses Briefes
ausgesprochenen die Bewahrheitung unserer Erziehungs-
und Lehrweise oder wenn Ihr Euch noch nicht zu und für
dieselbe bekennen wollt, was ich eines Jeden freyem Ur-
teile und ungehemmter Selbstbestimmung gern überlasse - 
meiner Erziehungs- und Lehrweise.

Mittwoch am 8en August. Seit ich vorstehendes niederschrieb sind
einige Tage vollständig verflossen. Wir haben in dieser Zeit
mit einigen unserer Schüler und einem Vater derselben
eine kleine Reise nach einem der benachbarten hohen Berge 
- dem Napfe - an der Grenze des Canton Luzern und Bern
also von uns gegen Westen am Ende des Lutheren Thales
gemacht. Der Berg ist 700 Fuß niedriger als der Rigi und hat
also eine Höhe von etwas mehr als 5000 Fuß. Alles weitere
überlasse ich dem Ferdinand mitzutheilen und gehe zu
der mir vorgegebenen Aufgabe und deren Lösung zurück.
= Es muß ganz nothwendig ein Grundgesetz, und als Erscheinung eine
Grundform der Menschen- und Menschheitsentwicklung geben
- denn die allgemeinen Bedingungen dazu sind überall und zu allen /
[4]
Zeiten dieselben: - "Und die Sonne Homers, siehe sie scheint auch uns."
Die Form und der Weg nemlich wie der Mensch zur Erkennt- Einsicht
niß und Durchschauung seiner räumlichen Verhältnisse und
des Raumes außer sich des allgemeinen Weltenraumes
und der räumlichen Verhältnisse der Weltkörper kommt ist der Form und dem Wege
gleich, wie der Mensch zur Er-
kenntniß und Anschauung seiner selbst, seines Wesens, zum
vollendeten Selbstbewußseyn, und somit zur Selbstwahl,
Selbstbestimmung und allseitigen geistigen Freiheit kommt
d.h.:    die Gesetze der Weltdurchschauung und
die Gesetze der Selbstanschauung sind sich ihrem Grund
und Wesen nach gleich;
wenn sie sich auch in der Erscheinung, der Form ihrer Kund-
machung als entgegengesetztgleich aussprechen sollte.
Dieser Gegenstand ist nach meiner tiefsten Überzeugung
über alles wichtig und löset nach meinem innersten Bewußt[-]
seyn alles was bis jetzt die Menschen noch als Fessel
und Zweyfel hemmt und bindet.
In diesen und nach diesen zweyfachen Richtungen der
Weltdurchschauung u. der Selbstanschauung
scheint sich mir auch bisher alles Bestreben und alle
Bestrebungen der Menschen und der Menschheit zu
trennen. Ich muß erkennen daß in der und mit der ge-
fundenen Einigung von beyden,
in der Gleichgesetzigkeit oder vielmehr
in der erkannten Gleichgegründetheit beyder
(Gleichbedingtheit)
Es enthält dieses wieder, wie es eben weil das was ich sagte wahr
ist, - den Gegenstand wie die Geschichte meines und unseres
Strebens; die Gesammtheit meiner und unserer Schicksale lö-
sen sich darinn auf; alles bekommt dadurch seinen Ort, sein
Gesetz, seine Bedeutung d.h. von jedem Einzelnen im Ganzen
wird dieß dreyes erkannt; wie dieß auch früher wohl, schon
von gar manchen anderen Seiten der Betrachtung entgegen-
trat und ausgesprochen wurde. Eben in diesem Zusammen-
kommen aller A in diesem Einigen aller Ansichten in einem Punkte /
[4R]
von so verschiedenen Seiten und Punkten sie auch ausgehe[n]
mögen liegt ein sicherer äußerer Beweis für die innere
Wahrheit des Ausgesprochenen, Aufgestellten.
Wie gern zeigte ich Euch dieß im steten HandinHandgehen
des Sinnbildes und des Lebens, doch wie schwer wird dieß
durch schriftliches Wort und durch ruhendes und so dem
Anblick nach todtem Zeichen. Doch will ich es, weil nicht
allein der Gegenstand mir persönlich wichtig erscheint
sondern er gewiß für unseres eigentstes Leben besonders
so wie überhaupt für das allgemeine Leben höchst wichtig
ist - einmal versuchen. Ihr werdet die Andeutungen verstehen, ergänze[n.]
1) Der Mensch findet sich auf Etwas, und an Etwas geknüpft.
    Dieses Etwas, erscheint als eine feste, harte, nach allen
    Seiten hin gleichmäßig ausgebreitete Ebene, Kreisfläche,
    der Mensch findet sich in der Mitte derselben.
    Die Anschauung dafür sey hier eine gerade L. [sc.: Linie]
[*Zeichnung:
  Querlinie*]
2. Der Mensch meynt diese Ebene unterhalb von einem
    Tragenden unterstützt, wie von einem Schützenden
    überwölbt.
    Das Tragende ist ein unklarer unförmlicher Begriff
    daher Sitz der Unterwelt, des Reiches der Schatten (Hölle)
    das Schützende ist das klare, einfache, daher Sitz
    des klaren, Gestalteten, Einfachen [(]Himmel)[.]
[*Zeichnung: Linie
  mit zwei Stützen und "Himmel"*]
3. zwischen der begrenzten Erdscheibe und dem
    in sich unbegrenzten Himmelsgewölbe, fließt
    vermittelnd, das bewegende Wasser (Ozean)
4. Der Mensch sucht die Grenzen seines Wohnplatzes sei-
    ner Erdscheibe; sie schwindet ihm vor den Augen
    und unter den Füßen.- Die Erde wird immer
    mehr eine nach allen Seiten abgekrümmten [sc.: abgekrümmte] Fläche,
    sie wird Kugel; das Himmelsgewölbe wird
    dasselbe, auch eine Kugel, aber umgekehrt gleich
    eine ho[h]le Kugel; die unklaren Stützen der Erde
    werden nach innen gekehrte Strahlen. Der Stütz[-]
    punkt der Erde wird - als ihr Mittelpunkt[.]
[*Zeichnung: "Erdkugel" mit inneren
  "Stützen" und sie umgebendem, kugelförmigem
  "Weltall"*] /

[4]
[BlM/Bogen C/Variante 1:]
C. Mit dieser Einsicht in das in sich selbst Ruhen, in das in sich
selbst Gegründetseyn der Erde ist mit und in einem Nu
eine Umwandlung aller und aller bisherigen Vorstellungs-
weisen geschehen, höchst merkwürdig alles rein umgekehrt
bisher war die ruhende Erde gleichsam der Beziehungspunkt der bewegenden
Sonne, nun wird die Sonne der bestimmte Beziehungs-
punkt der ruhe der Ruhepunkt in sich selbstgefunde-
nen und nun so bewegenden Erde.
Indem die Erde so sich gleichsam selbstgefunden, ihre
eigene Mitte erkannt hat bekommt sie eine Bezieh-
ung zu einem Höheren in welchem, sie es eigentlich ruhet.
Da nun die erkannte eigene Mitte etwas von ihrem Wesen
Unzertrennliches und dadurch Ewiges wird, so wird
dadurch auch ihre, der Erde Beziehung zu einem Hohen
ein von ihrem Wesen Unzertrennliches, Ewiges.
Dieses ewige Ruhen in sich, und diese ewige Beziehung
gleichsam Neigung zu einem Höheren erzeugt oder be-
dingt aber die beydes in sich einende Bewegung
Die Erde bewegt sich um die Sonne, die Erde
erzeugt und bildet so eine Erdbahn.
Das Feste des Himmelsgewölbes ist so vernichtet;
Es hat sich ein Himmelsraum gebildet.
Gleiche Eigenschaften werden an gleichartigen Himmels-
körpern erkannt,es bildet sich ein Weltenraum, im All.
Je mehr das innere geistige Auge nach Zeit und Raum das All, in welchem Zeit und
Raum schwindet durchschauet, umso
mehr klar und gestaltet sich das Gefühl der Gedanke einer
unräumlichen unsichtbaren und doch alles Räumliche und Sicht-
bare erzeugten in sich selbst ruhenden Einheit eines
u.s.w. u.s.w. liebenden Seyenden.
Ganz gleichen Entwicklungsgang geht nun der Mensch welcher sich
als Etwas fühlt, findet, erkennt; in Beziehung auf die Klärung
und Ausbildung dieses Gefühls, dieses Findens u. Erkennens, dieses Et-
was selbst:-
1. Das Leben des Menschen bildet sich gleich einer Erdscheibe im Innern pp.
2. Die Erfahrung wölbt sich über demselben gleich einem Himmel pp /
[*am rechten Rand dieser Seite: Skizze
  Sonne/Erde mit den Worten "Erde" und "Erdbahn"] /
[4R]
3. Der Mensch sucht die Grenzen, den Ruhepunkt pp. seines Lebens;
er findet sie in sich, und mit diesem, in einem absolut Höhern.
Vorher war gleichsam alles nur um seinetwillen da,
um seines sinnlichen leiblichen Bestehens willen da, jetzt
erkennt er sich da, erkennt er sein sinnliches leibliches
Daseyn da, um eines unsinnlichen, unkörperlichen Seyns
willen. Dieses bildet gleichsam die Sonne seines Lebens[.]
Anm. (:Zeigt nicht dieß die Entwicklung jedes Kindes. Wie es sich nur als
leibliches Wesen findet, da ist alles nur um seinetwillen da;
so wie es sich aber nur im Beginn seines Denkens als ein Selbst fin-
det, findet es sich als Kind und so zugleich die Eltern den Vater,
die vorher nur Speisegeber, Ernährer waren, geben nun sei-
nem Leben Licht und Wärme, werden seines Leben Sonne.
Es können viele Menschen, sogar als schon wieder gewordene Eltern
sterben, ohne daß sie diese Sonne ihres Lebens erkannt
haben; die Folgen davon sind dann die, welche es sind und die wir
täglich sehen. Die vielseitig heilsamen Anwendungen {dieses / jenes} Sinn-
bildes werden sich nun, gleichsam von selbst leicht er-
geben:)
4. Je strenger nun der geistig innerste Sinn in Beziehung auf Person
und Selbst das Leben, <Seyn> in welchem Person und Selbst schwindet
anschauet um so (unpersönlicher und selbststischer) reiner
und bestimmter {gestaltet / belebt ...} sich die innerste Wahrnehmung,
das tiefste, eigenste Bewußtseyn eines unpersönlichen
(einzelnen) und selbstischen (getrennten) Lebens, und doch alles
Persönliche Selbstständige und Daseyende erzeugenden
in und durch sich selbst genugseyenden Lebens, /
[5VR]
[leer] /

[6]
[BlM/Bogen C/Variante 2:]
C., Mit dieser Einsicht in das In-sich-selbst-Ruhen, in das In-
sich-selbst- Gegründetseyn der Erde ist unmittelbar zugleich
und in einem Nu eine Umwandlung aller bisherigen
Vorstellungsweisen gegeben, ja geschehen, höchst merk-
würdig ist in derselben und durch dieselbe alles in Bezieh-
ung auf das Bisherige rein umgekehrt. Bisher
war die ruhende Erde gleichsam der Beziehungspunkt
der sich bewegenden Sonne; nun wird umgekehrt die in sich
ruhende Sonne der bestimmte Beziehungspunkt, der
Ruhepunkt gleichsam der sich in sich selbst gefundenen
und sich nun so bewegenden Erde.
Indem so die Erde sich gleichsam selbst gefunden, ihre
eigene Mitte, gleichsam ihr Selbst erkannt und festge-
halten hat, bekommt sie dadurch zugleich eine Beziehung
zu einem Höheren in welchem sie eigentlich ruhet, sich
ruhend findet. Da nun die erkannte eigene Mitte, et-
was von ihrem Wesen Unzertrennliches und dadurch
in Beziehung auf sie Ewiges wird, so wird dadurch
auch unmittelbar der Erde Beziehung zu einem Höhe-
ren ein von ihrem Wesen Unzertrennliches, Ewiges.
5., Dieses ewige Ruhen in sich, und diese ewige Bezieh-
ung, gleichsam Neigung zu einem Höheren, er-
zeugt aber die, beydes in sich einende Bewegung
die beydes in sich einende Doppelbewegung der Erde
um sich und um die höhere Sonne.
6. Die Erde erzeugt und bildet so eine Erdbahn.
Das Feste des Himmelsgewölbes ist so vernichtet,
es hat sich ein Himmelsraum gebildet
Gleiche Eigenschaften werden an gleichartigen
7. Himmelskörpern erkannt; es bildet sich ein Weltenraum
ein All.
8., Je mehr das innere geistige Auge das All in welchem
Zeit und Raum schwindet, nach Raum und Zeit durchschaut,
um so mehr klärt und gestaltet sich das Gefühl, der Gedanke
die Einsicht einer unräumlichen unsichtbaren und doch alles /
[*am rechten
  Seitenrand wieder Skizze wie 4V*]
[6R]
Räumliche und Sichtbare, alle Mannigfaltigkeit erzeugen-
den pp in sich selbst ruhenden Einheit, eines darum lie-
benden Seyenden, des liebenden Seyns in sich.-
Ganz gleich mit diesem Entwicklungsgang der Welteinsicht
geht nun der Wunsch - welcher sich als Etwas fühlt findet
und erkennt, in Beziehung auf die Klärung und Ausbildung
dieses Gefühls, dieses Findens und Erkennens, dieses Etwas
selbst:- in Beziehung auf die Lebenserkenntniß.-
1.) Das Leben des Menschen bildet sich durch seine Thätigkeit, im
Innern gleich einer Erdscheibe allseitig gleichseitig aus.
2.) im gleichen Maaße der allseitig gleichseitigen Eigen und Lebens-
entwicklung, wölbt die Erfahrung über demselben einen
Himmel, die Erde unter ihm meint er trüge sein Leben und
der Himmel,das Himmelsgewölbe über ihm, schütze sein
Leben.
3. ein geahnet gefühlt werdender Lebensstrom, Lebensmeer ist ihm
das Vermittelnde zwischen seiner tragenden Erde und sei-
nem schützenden Himmel.
4. Der Mensch sucht die wahren Grenzen, den ächten Ruhepunkt
u.s.w. seines Lebens, er findet sie beyde in sich und mit
diesem In-sich-selbst-finden zugleich in einem nothwendig
Höherem:- alle äußeren Stützpunkte namlich haben sich wie
Strahlen nach seinem Innern gewandt; er findet den Stütz-
punkt seiner selbst in sich, sein Inneres selbst wird
seine Stütze, und mit dieser Einsicht in das In-sich-selbst
ruhen und mit diesem Ruhen in dem absolut Höheren ist
mit Einem Male und im Nu ein[e] Umwandlung der bishe-
rigen Lebens Vorstellung gegeben; - Auch in der Lebens-
anschauung wird wie in der Weltdurchschauung alles rein
umgekehrt; Vorher {schien / war} dem Menschen gleichsam alles
nur um seinet willen da; um seines sinnlichen,
leiblichen Bestehens willen; jetzt erkennt er sich da, er-
kennt er sein sinnliches, leibliches Daseyn, um eines un-
sinnlichen, unkörperlichen Seyns, eines rein geistigen Lebens
willen da. Dieses bildet nun die Sonne seines Lebens. /
[7]
Siehet nicht der Mensch im Beginne seiner Entwicklung alles
um sein selbst willen da, bewegt sich ihm nicht gleichsam
alles um ihn?- Zeigt uns nicht die Geschichte fast so viel
Thatsachen dafür als sie uns Beispiele von Menschenent-
wicklungen aufbewahrt hat?-
Zeigt die Wahrheit dieser Lebensansicht nicht die Entwick-
lung jedes Kindes?-
[7R]
[leer]