Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine F. in Keilhau v. 10.8.1832 (Wartensee)


F. an Henriette Wilhelmine F. in Keilhau v. 10.8.1832 (Wartensee)
(KN 41,4, Brieforiginal 1 B 16° 3 S. Der Brief lag zusammen mit dem Schreiben an Barop vom gleichen Tag dem Brief an die Keilhauer Gemeinschaft vom 10.8.32 bei. Sein Beilagecharakter ergibt sich aus dem Fehlen der Adresse.)

Wartensee am 10en August 1832.·.


Mein innig geliebtes, treues, theures Weib.

Gottes besten Seegen Dir zum Dank für die vielen Beweise Deiner
Liebe und Treue und auch für die freundlichen Beweise derselben,
Deine freundlichen Briefe. Ich kann Dir gar nicht sagen wie
so sehr lieb mir Deine Briefe sind, welche Stärkung und sanfte
Ruhe sie mir geben, und so wirkt ihr Erscheinen, der Geist,
Dein Geist und Leben, der in ihnen lebt hier so auf mich wie früher
Dein erstes persönliches Erscheinen und dessen Geist und Leben
auf mich wirkte.
Das feste Erfassen und gestaltete und gestaltende Hinstellen
des Lebens ist es was mir so lieb daran ist. Diese feste und
bestimmte Gestaltung giebt meinem alles auflösenden alles
lebendig durchdringenden Geiste die Ruhe und Beruhig-
ung die [sc.: der] er so sehr bedarf.
Dieses Zertheilende oder vielmehr lösende u Durchdringende meines Geistes mag Dir
sonst wohl manchen Schmerz gemacht
haben; er hätte es aber nicht thun sollen – Du hättest auch nur
wie mich jetzt die Vorsehung führte, ruhig diesen Weg gehen
lassen und mir das was ich geistig erfassen wollte gestaltet
zeigen und vorführen sollen in ganz einfachen
ruhigen Leben; so wahr [sc.: war] denn auch unser wirklicher
tiefbegründeter innige Seelen[-] und Lebensbund längst
schon auch als Erscheinung und äußere Thatsache, wie
er immer eine innere war, ins Leben getreten.
Immer mehr tritt mir auch in unserm gegenseitigen Leben
das wahre Verhältniß zwischen männlichen und weiblichen
Leben, Mann und Weib hervor, an dessen klaren Er-
kennen, sichern Erfassen und reiner Hinstellung und Darlebung
mir ja so sehr viel, ja alles liegt, denn es ist ja eigent-
lich der Grund und Boden oder wenn Du lieber willst die
Wurzel wie die Knospe u Frucht, der Ausgangs- wie der Ziel-
punkt alles meines Wirkens. Ich suche Friede zwischen den
Geschlechtern, gleichen Antheil am Leben, gleiches Recht am Leben, /
[1R]
beyde Ein Wesen, wie der denkende und fühlende Mensch nur
Ein Mensch ist.
Was Du mir vom Frauensinn und Frauenleben, vom Sinn
und Leben der Norddeutschen Frauen schreibst habe ich längst
gefühlt und längst erkannt, warum hätte ich sonst auch
eine Norddeutsche Frau gewählt? – Der Geist und das Ge-
müthe läßt sich nicht beschränken es ist frey es handelt
frey ohne daß wir es wissen und ahnen.
Auch die Mittheilungen von unserm lieben Vater freuen mich.
Ich meyne und meynte auch immer – Wenn mein
Leben nur Zeit gehabt hätte sich vor Deinem lieben Vater
Deinen lieben Eltern zu entwickeln auszuleben, so würden
wir gewiß uns alle sehr verstanden haben. Deßhalb erfreut
mich gar oft der Gedanke einst auch Deinem lieben Vater
wieder zu begegnen. Nun, Gott der seine Kinder liebt
wird gewiß für sie auch alles die ihn lieben, zum besten
führen. – Aber sage mir nur hat mich denn die Mutter
auf meinen Brief um die Osterzeit gar nicht wieder grü-
ßen lassen, da ich ihrer doch so oft und kindlich treu geden-
ke? – Zürnt die Mutter mit mir? – Nun Ursache dazu
hat sie wirklich nicht denn der Mann muß nach seinen
besten Einsichten und Kräften seinem Berufe leben. Und
meinen Pflichten als Sohn dächte ich wäre ich dadurch auch
nicht untreu, sondern vielmehr wahrhaft treu.
Denke nur Du wärest die Frau eines WeltEntdeckers
der Jahre lang auf den Weltmeeren schiffte. – Und ist
mein Beruf mein Loos ein anderes als die Küsten eines
reineren Menschenleben auf dem Lebensozean zu ent-
decken? - -
Du schriebst mir früher einmal von dem Zauber der eigenen
Handschriften. Wenn dieß wahr ist, so ist es von Deinen
Briefen wahr, besonders von Deinem jüngsten so sehr klaren
klaren [2x] Briefe. Deine ganz klare Seele Dein ruhiges
Herz, Dein friedliches Gemüthe, Deine sichere Lebensführung
spricht sich mir daraus aus. Was kann der Mensch doch /
[2]
schon ohne Wort dem Menschen selbst in der Form so viel seyn.
Sieh nun will ich Dir auch sagen, was ich meynte wofür ich
Dir so großen Dank schuldig sey, dafür: - daß Du Deinem
Gatten ihn liebende Kinder, Deinem Manne ihm treue, ihn
achtende Söhne und Töchter erziehest; Lasse uns ohne Schmerz
dieses höhere elterliche Verhältniß festhalten. Ja! lie-
be Wilhelmine was ich in diesen wenigen Worten heraus
hob das ist dem Manne, an und von des Weibes, der Gattin
und Frau Handeln und Leben das Höchste ist aber auch gewiß
für das ganze Menschengeschlecht das Seegensreichste was
ihm geschehen kann. Vieler, vieler Seegen liegt in Deinem
Handeln und Leben wenn Du in diesem Sinne die uns durch
Gott anvertrauten Mädchen einstige Jungfrauen u Frauen
die uns anvertrauten Knaben und Jünglinge einstige Männern er-
ziehest. In Einfachen und Wenigem nicht in großen Vorbereitungen
und Maschinerien liegt das Heil der Menschen, der Geschlechter
ganzer Völker.
Gott stärke Dich zu Deinem Berufe, Gott seegne Dich darinne.
Gott gebe Dir durch denselben des Lebens reinste Freuden.
Grüße alle unsere Kinder unsere Söhne und Töchter herzinnig von
mir, grüße mir besonders Ludowika und Chr.Friedrich
Er soll brav werden, recht brav, damit unser einstiges Wieder-
sehen ein Wiedersehen zu gegenseitiger Freude werde, und
sich so meine Sehnsucht nach ihm sich rechtfertige, und ich mich
einmal auf ihn und sie wie ein Vater auf seinen Sohn, seine
Tochter stützen und verlassen kann.
Dein Sprichwort von den ersten Klötzen an den Beinen finde ich sehr
wahr, aber glaube mir auch es kann kaum Jemand die Spar-
samkeit, Mäßigkeit u Einfachheit mehr lieben als ich; nur rein
soll das seyn was uns umgiebt und nicht gemein, nicht niedrig,
aber immer schlicht und recht.
Zu den ökonomischen Bestimmungen in Beziehung auf Wartensee
kann ich nichts weiter sagen; ich muß zu frieden seyn und bin
zu frieden mit dem was die Umstände geben; ich sehe es wieder
als höhere Weisung an, und suche es zur innern Lebensförderung zu benutzen[.]
[Rand:] Jetzt muß ich schließen da ich das Blättchen brechen will.
Kann ich so nehme ich die Beantwortung Deines Briefes künftig wieder auf.
Fahre ja fort das Leben mir so ernst zu zeichnen. Kannst Du so
[1R]
[Rand] giebt [sc.: gieb] mir doch einmal ein Bild von dem Keilhauer wirklichen
Leben und dem Stehen der verschiedenen Glieder zu mir oder vielmehr zu meinen Briefen
[Rand 1V]
[Briefschluß:] Wenn etwas hierher geschickt wird, so lege doch meine
rotledernen Hosenträger bey, sie sind hier nöthig. [Unterschrift fehlt]
[2R]
An meine liebe Frau