Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Xaver Schnyder v. Wartensee in Frankfurt/M. v. 11.8.1832 (Wartensee)


F. an Xaver Schnyder v. Wartensee in Frankfurt/M. v. 11.8.1832 (Wartensee)
(KN 41,5, Brieforiginal 2 B+1 Bl 8° 10 S., tw. - etwa ein Drittel - ed. Widmann 1869,184-188)

Wartensee am 11en August 1832.


Lieber Schnyder.

Daß es mir bey und mit der Stiftung und Gründung der Erziehungs-
anstalt zu Wartensee um so tiefer als höher als umfassender Ernst war, ist
Ihnen hoffentlich aus jeder meiner Handlungen, ja aus jeder, auch der kleinsten
meiner Äußerungen darüber hervorgegangen, konnte und kann wenigstens
bey klarer Auffassung der Eigenthümlichkeit meines Denkens und Handelns, wel-
che ja eben auch mich wie jeden andern Menschen zu diesem genau bestimm-
ten Menschen und zu keinem andern macht – zur Genüge hervorgehen; -
daß es mir mit der Ausführung des ersten Gedankens ein so hoher als tie-
fer, als - alles im Bereiche meines gesammten Lebens um- und erfassen-
der Ernst war, kann Ihnen Schnyder! aus dem Geiste, der Form und der
Ausdauer meines Handelns sattsam hervorgehen; kann Ihnen aus meinem
ruhig prüfenden Nachgehen der vorliegenden Lebensverhältnisse während
und länger als einem Jahre, aus meinem ruhigen, still schaffenden Wirken
unter den größten Hemmnissen und zuletzt noch aus meinen, nun fast ½
jährigen Schweigen gegen Sie sprechend genug hervorgehen. - -
Leicht schnell und fröhlich ist der Gedanke auch des größten neuer Werke
geboren; langsam, schwer und oft mit der innigsten, vielgegründeten Trauer
begleitet ist die Ausführung – ist oft die Ausführung je tief begründeter,
je in sich wahrer, je schöner empfunden, ja sogar je klarer und bestimmt
gedachter mit Einem Worte je bleibender – lassen Sie mich es immerhin
meiner eigenthümlichen Wahrnehmungsweise nach aussprechen, - je
ewiger das Werk ist welches aufgebaut werden soll. –
So ist es, so war es mit unserm Wartensee als Erziehungsanstalt! -
Die so vielen als großen Hemmnisse die sich unserm Unternehmen gleich in seinem
ersten Erscheinen von allen Seiten entgegen stemmten, eben deßhalb entgegen
stemmten eben weil es so wahr und tief begründet in sich als umfassend ist -
(: ich bitte Sie nochmals lassen Sie mir meine Vor- und Darstellungsweise, lassen
Sie solche ruhig neben der Ihrigen bestehen, sie bekämpft weder dieselbe, noch
will sie derselben wehe thun, noch thut sie ihr sonst irgend einen Eintrag, noch
schadet sie <hier wo> es nur um gegenseitige Mittheilung zu thun ist, dem gemein-
samen Werke. – Diese Hemmnisse nur mußte ich erst sich in sich selbst auflösen,
sich selbst vernichten lassen da der Mensch viel zu schwach ist, solche mit Gewalt
zu entfernen, ehe ich weiter bestimmte Mittheilungen an Sie machen konnte. –
Jetzt beginnen nun aber diese Hemmnisse sich nach und nach zu lösen, und
so komme ich denn auch sogleich im ersten Augenblick dieser beginnenden Auf[-]
lösung in so offener als treuer Gemeinsamheit zu Ihnen, Ihnen den ge-
wonnenen Entwicklungspunkt des gemeinsamen Werkes zur Prüfung und, -
was ganz in der Natur der Sache, ohne jedes deßhalb auszusprechende Wort
liegt – wenn es ein gemeinsames bleiben soll, zur ferneren gemeinsa-
men Förderung vorzuführen. –
Wo männlicher Geist und männliches Leben schafft und regiert, muß weib-
licher Sinn und weibliches Gemüthe walten und ordnen, so muß es
in jedem reinen vollkomm<neren> menschlichen Ganzen, besonders für
das beachtende äußere menschliche Auge seyn. So muß es vor
allem in einer Veranstaltung seyn, die sich nicht nur eine ächt mensch-
lich erziehende nennt, sondern auch diesen Namen in der That verdienen will. /
[1R]
Die Schwierigkeiten, von der hiesigen Anstalt diese Unvollkommen-
heit zu entfernen, waren weit größer als ich geahnet hatte, wie es
schien, nicht zu beseitigen. Keilhau umschließt in sich sechs Frauen
darauf hatte mein Auge, darinne sicher meine Erwartungen von
dem ersten Augenblick an geruhet als ich den Gedanken faßte eine
zweyte Erziehungsanstalt zu begründen; - ich kannte nun wohl das innige
vielseitig verwobene Familienleben dieses Frauenkreises, aber ich durch[-]
schaute nicht auch das häusliche und wirthschaftliche innige Zusammenge-
fügt- und Eingelebt-seyn desselben, in welchem aber alles recht, nichts
zu viel wenn auch wirklich nichts zu wenig ist, wo aber eben jedes für seine
Stellung ganz hinlänglich beschäftigt und mit Nothwendigkeit gefordert wird.
Jeder Forderung in dieser Beziehung für das neu begonnene Werk trat beym
leisen Hervortreten fast die reine Unmöglichkeit der Erfüllung entgegen; jede Lösung
machte eine Lücke, jede Trennung schlug Wunden, jeder Austritt schien nach
irgend Seiten hin unausgleichbaren Nachtheil für die eben, so frisch und kräftig
bestehende Gemeinsamheit und für die Erfüllung von dessen Lebensberuf zu brin-
gen; und – nur die Zeit, die stetig innere und äußere Fortentwicklung un-
seres Gesammtlebens in der Zeit, konnte herbey führen, was den ein-
zelnen persönlichen Wünschen und Bestrebungen zu erreichen unmöglich war.
Ein gestern von der ganzen Gemeinsamheit in Keilhau – (: denn Sie wissen daß
dort alles was das Ganze betrifft auch in gemeinsamer Berathung aller geeinten
Familien und Glieder des Ganzen geschiehet) – erhaltenen Brief vom 3en dies: M.
meldet mir nun, daß endlich der Abgang einer mit der Führung einer
solchen Wirthschaft als die eines Erziehungshauses ist, ganz vertrauten, darinne
und damit heraufgewachse-
nen Tochter meines Bruders – der Schwester des schon hier treu mit mir wir[-]
kenden Neffen Ferdinand, von Keilhau, und ihre Überkunft nach Warten[-]
see als Haus- und Wirthschaftsführerin und als treue Mitarbeiterin
nach jeder Seite unseres Wirkens hin, wohin ihre gewonnene Bildung und
ihre, sie hier erwartenden Hausgeschäfte es möglich machen werden, für die
Wartenseeer Tochter- von der Keilhauer Mutteranstalt am gemeinsamen Werk, das entschieden ist
und daß ihr wirklicher Abgang von Keilhau und die Reise nach Wartensee
in Begleitung ihres Schwagers – und somit auch meines Neffen, wie alten
Freundes und treuen Mitarbeiters Barop nur noch meiner letzten
Bestimmung erwartet – welche mit der heutigen Post, völlig beystimmend,
nach Keilhau abgegangen ist – um sogleich ausgeführt zu werden.
Eine größere Gewähr, ein sichereres Unterpfand konnte Ihnen, Schnyder!
und mir nicht gegeben werden, daß es der ganzen Gemeinsamheit in
Keilhau mit der Begründung und Ausführung der Erziehungsanstalt zu
Wartensee ein eben so tiefer als hoher, als er- und umfassender Ernst
sey als mir, und wie ich mich überzeugt habe auch Ihnen.
Lassen Sie es sich mein l. Schnyder besonders auch zum unumstößlichen
Thatbeweis und gleichfalls sicheren Unterpfande dienen, daß auch die Ausführung des
Gedankens der Wartenseeer Erziehungsanstalt von meiner und unser
aller Seite mit eben solcher Festigkeit und Ausdauer festgehalten wird,
als er lebendig und umfassend gedacht wurde; denn was kann die Mutter[-]
anstalt für die junge Tochteranstalt größeres thun als wenn die Mutter
ihr die erfahrene, von Iihr dafür solches Wirken gebildete Tochter zur Hülfe und Unter-
stützung schickt, die Tochter die sie selbst zur eigenen Unterstützung und nun
gehofften <erwarteten> Erleichterung so sehr bedürfte und in ihr zu behalten hoffte.
Es ist dieß von Keilhau gewiß etwas sehr großes, ich fühle mich sehr dankbar
dafür und kann Ihnen l. Schnyder! ein klarer Thatbeweis des innig einträchtigen
Sinnes und Geistes seyn welcher dort herrscht, und der somit nun mehrfach auf Wartensee /
[2]
sich überträgt, es ist viel von Keilhau besonders gerad in dem jetzigen Au-
genblick seiner äußeren und inneren Fortentwicklung wo dem Kreise von Neuem
Pflegetöchter anvertraut werden sollen, wo der Kreis durch Barops Gattin in einer seiner Familien einer
lieben Vermehrung seiner Glieder froh entgegensiehet und wo also die mütterliche
Schwester bald so sehr die Pflege und des <frau>lichen Beystandes bedarf welcher sich dann
leicht durch die noch gegenwärtige Schwester so leicht vermitteln läßt.
Ich erkenne in diesem Handeln eine Wirkung des ächten Gesammtgeistes von
Keilhau, wo das Besondere und Einzelne sich gern und willig den Forderungen
des Allgemeineren und Höheren sich unterordnet. Und gewiß <war der Deos auch>
mit mir; Gewiß werden Sie als Gründer und Hauptstifter der Wartenseeer
Erziehungsanstalt mit mir von der Wahrheit durchdrungen seyn, daß dieß
einzig nur der Geist ist in welchem Wartensee als Erziehungsanstalt sich auch
nur einzig fortentwickeln nur einzig bis jetzt schon bestehen konnte und ferner
nur bestehen kann, und daß somit die weitere thatsächliche Einführung dieses Gei-
stes in das Erziehungsleben von Wartensee auch zugleich eine der ersten und wesent-
lichsten [der] weiteren Entwicklung und Ausbildung der Wartenseeer Erziehungsanstalt
ist; denn erst muß im Innern Leben, aus dem Innern heraus wirken was im
äußern Leben geweckt und gepflegt werden soll. Ich glaube auch, wenn ich anders dem
Schweizer, die Schweizer und die Schweiz recht verstehe, recht verstehen und fassen
kann, daß dieß einzig auch nur der Geist ist, welchen jedes dieser drey und
diese Dreyheit als ein Ganzes gepflegt, besonders in ihren Kindern gepflegt und
einzig als den Geist einer Erziehungsanstalt anerkennen will; die sie nicht allein
in ihrer Mitte heegt, sondern die sie sogar in derselben sich nationalisiren
lassen will; – dieß dünkt mich, wenn der Geist die Gesinnungen in welchem
Wilhelm Tell den Apfel vom Haupte seines geliebten Sohnes schoß, dessen Sohn
und Enkel sich wieder so gern jeder edle Schweizer nennt und als solchen bezeich[-]
net; - dieß dünkt mich, waren der Geist und die Gesinnungen in welchem die drey
schweizer Männer auf dem Rüttli den Bund ewiger Lebensbundtreue schlossen; -
dieß dünkt mich war der Geist und die Gesinnung in welchemr Arnold von Winkelr[ie]d
für alle, viele Speere in seine einzige Brust drückte und als Einer für alle fiel ob
Sempach fiel; und so dünkt es mich denn auch nicht leer und unbedeutend,
sondern vielmehr wirklich bedeutungsvoll, daß Wartensee und Winkelried[-]
Kapelle sich so <klar> gegenseitig in die klaren Augen sehen und Wartensee von
Uralten Zeiten her sich stets zugleich mit den Darstellungen jener Mannes[-]
that auf einem Blatte befindet, und gleichsam stets des Winkes jenes hohen
[Ergänzung Rand:] alles Gute, Schöne und Große schaffenden Geistes wartet um wieder in neuem
Leben für neues Leben zu erstehen. – [Schluß der Ergänzung Rand 1R bis*:] gestern wurde,
wie ich dieses schrieb der Schweizerbund wie dieß alljährlich geschiehet auf
dem Rüttli von einem Gesandten aus jedem Canton beschworen; die Redner [sc.: Reden]
hallten bis in mein Zimmer – heute hör ich es [noch] - - -[*]
Doch warum Ihnen dem edlen, treuen, ächten Schweizer dieß! – Denn noch-
mals nur dieß konnte der Geist und die Gesinnung seyn, in welcher Sie eine
Wartenseeer Erziehungsanstalt stiften wollten; dieß nur der Geist und
die Gesinnung in welcher Sie die Ausführung Ihres lang gehegten Gedankens
dem Geiste und den Gesinnungen, den daraus hervorgegangenen Erfahrungen
und Mitteln übertrugen, durch welche schon lang Keilhau bestand und kräf-
[tig] und freudig wenn auch unter Hohn – Druck und Kampf wie das edle
Schweizer Volk sich herausbilden und fortentwickeln mußte.
Dieß lieber Schnyder! eine leise Andeutung für die –wie ich meyne – innere
Begründung der heegenden und wie es fast den Anschein gewinnen will, vielleicht
pflegenden Aufnahme des Keilhauer Geistes und Lebens in dem lieben
Schweizerlande und Schweizerleben, von dem ächten aber still waltenden
Schweizergeiste. – Nehmen Sie, wenn es Ihnen lieber ist, dieß als kindisches
Spiel und lächeln Sie des spielenden Fröbel; aber vergessen Sie darum
doch nicht: „ein hoher Sinn liegt oft im kindschen Spiel!“ und ich spiele im
Ernst und mit dem Ernst auch sehr gern.
Doch keinesweges nur so allgemein und darum vielleicht als unbe- /
[2R]
stimmt erscheinend ist der Zweck dieser Handbiethung von Keilhau
aus, es ist vielmehr ein sehr besonderer; es ist der so klar als ganz be-
stimmte Zweck:
Wartensee als Erziehungsanstalt zunächst bis Ostern 1833 als einen
neuen Grenz- und Entscheidungspunkt für weiteres Bestehen und weite-
re Entwickelung und Ausbildung – fortzuführen.
Doch Aber das sehen Sie als lebenserfahrener, lebensklarer, legaler Mann an
allem Handeln leicht ein; mit dieser, wenn auch entscheidenden That Keilhaus
war es noch nicht gemacht, damit konnte es noch nicht gemacht seyn; deß
äußeren häuslichen und wirthschaftlichen Fortbestehens von Wartensee
als Erziehungsanstalt, auch nur bis dahin, mußten wir auch menschlich
und nachweislich gewiß seyn; es mußte dieß äußere Bestehen in unse-
rer Hand liegen; darum forderte ich von Keilhau mußte von ihm als Ganzen
mußte von ihm als Ganzen die Herbeyschaffung einer baaren Summe Gel[-]
des fordern welche das häusliche und wirthschaftliche Fortbestehen Warten-
sees als Erziehungsanstalt wenigstens bis genannte Ostern 1833 sicherte,
- die Summe baaren Geldes die ich nun von Keilhau zu diesem Zwecke for[-]
derte d.h. zur Herbeyschaffung alles Nöthigen für die Reise – zur Be-
streitung der Reisekosten für beyde Reisenden – und zur Verfügung
der hiesigen Anstalt monatlich zur Ergänzung für das laufende Sommerhalbjahr
von verflossenen Ostern bis nächste Michaelis und für das künftige Halb-
jahr von Michaelis bis Ostern 1832 [sc.: 33] - , die Geldsumme <nun> die ich dazu
von Keilhau fordern mußte, die konnte und kann es aber, wie mir
eben jetzt geschrieben wird nicht ganz gewähren, sondern nur
Zweyhundert Rthaler preußisch Cour: also Dreyhundert und fünfzig
Gulden
Rheinisch sind es welche Keilhau zu diesem genannten Zwecke jetzt
mir und somit Wartensee zur Verfügung stellen kann.
Da kommt nun aber eben Ihr Brief vom 21 Jul. d.J. an mich an, von
welchem ich – ich will es Ihnen gern gestehen – kaum für mich selbst, also noch
weniger für irgend jemand im Kreise, früher Gebrauch gemacht habe, als
bis ich gestern von Keilhau die längst erwartete entscheidende Antwort er-
halten hatte. In diesem Briefe nun schreiben Sie mir:
„Sagen Sie mir bestimmt welche Summe gedenken Sie von Ihrer Seite daran
„zu wagen, wo ich <baar> von meiner Seite die gleiche Summe auch herzu[-]
„geben bereit bin und so unser gemeinschaftliches Unternehmen gemein-
schaftlich fortgesetzt werde.“
Verstehe ich nun diese Worte recht; verstehe ich Sie in diesen Worten recht, so
treffen Ihre Gesinnungen und Ihre Entscheidung in Beziehung auf das hiesige
Erziehungsunternehmen mit den von Keilhau und von mir, wenn auch
ohne die leiseste (mittelbare) Vermittelung von uns aus, auf das innigste
in Eines und für Eines in einem Schlag zusammen.
Mir sind solche Erscheinungen im Leben für die endliche Beachtung und
Erfassung des Lebensinneren und seiner Gesetze sehr wichtig. Doch dieß
jetzt bey Seite! Ruhen wir nicht länger auf diesem flüchtigen Gedanken.
Ist nun aber Ihre allseitige innere und äußere Überzeugungeinstim[-]
mung mit Keilhau und mir klar so, wie solche mir den einfachen Sinn
der Worte nach erscheint, so fügen Sie Schnyder! der obengenannten
Summe von Dreyhundert und fünfzig Gulden Rheinisch, welche von
Keilhau aus gegeben wird, die gleiche Summe jetzt baar hinzu, und
stellen Sie solche, wie ich sogleich weiter erwähnen werde, durch unsern
Freund Barop zur Verfügung von Wartensee; dann ist vollkommen
die Summe erreicht, welche ich jetzt von Keilhau forderte und fordern /
[3]
mußte wenn Wartensee in einer Wahrheit und in seiner eigenthüm-
lichen Form d.h. als Erziehungsanstalt wirklich auch äußerlich hervor-
treten, und dann als so hervorgetreten ganz unabhängig von der
äußeren Theilnahme und also bey theilweisen oft sehr zufälligern, weder
böswilligen noch mißtrauenden Zurücktreten derselben in seiner kräftigen u
frischen innern Fortentwicklung und Ausbildung nicht gehemmt, nicht
gestöhrt bis zu dem mehrerwähnten Zeitpunkt thatsächlich bestehen
sollte, wozu wesentlich gehört daß <wir> pecuniär ganz mangellos - versteht
sich bey der einfachsten und be<fri[e]dichen[den] > bedürfnißfreyen Lebensweise – da stehen. Wir müssen
ein Pharus seyn der in einem unsichtbaren Felsengrunde
mit eisernen Armen eingeankert unerschütterbar in Sturm und Ungewi[t-]
ter da stehet an welchem zwar die Wogen hochempor schäumen und das
leitende Licht verlöschen möchten, aber sie zerschäumen und zerstieben
sich blos, das Licht? – nein! Das erreichen sie nicht, höchstens mahlt sich
von demselben in <ihr> so zerflossen sanft ein siebenfarbiger Bogenschimmer.
Sie erinnern sich vielleicht als wir voriges Jahr, und es ist nun auch gerad
ein Jahr – wir sind nämlich jetzt in der Zeit von Wartensees erstem Geburts- oder was ja
doch eines ist wenn Sie lieber wollen erstem Auferstehungs- oder was ja auch
wieder eins ist erstem Lebensfeste – in stillem Frieden und freudiger Hoffnung
<über> Arm in Arm über die <Kappel>brücke giengen, da sagte ich Ihnen beym
Anblick des uralten Wasserthurms: - „Lucerna!“ – vorhin sagte
ich, ich spiele gern u.s.w. u.s.w.
Nun nach dieser kleinen Abschweifung und nach Mittheilung eines kleinen
Festgedankens, des Geburts- Auferstehungs- und Lebensfestes Wartensees,
dessen: - daß es wenig bedarf um Wartensee, wenigstens so lange als den
uralten Luzerner Wasserthurm bleibend zu sichern, blos ein unerschütter-
licher Pharus zu seyn, und, der Mensch ist doch mehr als eine Steinmauer – seine
Geisteskraft mehr als die
die Kraft seiner Geistesarme mehr als die Kraft
der Eisenarme und - - -; so hat die schwierigste, die schwerste Sache im Leben
wie in der Mechanik oder vielmehr Dynamik eine Seite einen Punkt wo
sie leicht, federleicht wird; vergessen wir das nie, wenigstens ich vergesse
es nie, wenn mir die Ausführung sehr schwieriger Unternehmungen sehr
schwer wird. Nun zurück zur Sache d.h. zur einzelnen Äußerlichkeit. – Sie wissen
wie sich Fräulein Salesie in ihrer Frauen Sor[g]falt für und in inniger Theilnahme
an Wartensee über den Punkt des äußeren Bestehens, selbst nur in Beziehung
auf und für nächsten Winter, ausgesprochen hat. Wenn nun solchen doch
vertrauenden Personen, von solcher Angst ergriffen werden <können> was <denn>
nun gar <ändern>; also – ich mußte fordern was ich forderte. Fräulein
Salesie gab mir selbst die Vorgaben dazu an. Gern theilte ich Ihnen
ihre mir ausgesprochene Ansicht und Meinung abschriftlich mit, doch
sie hat es Ihnen aber gewiß eben so offen als mir gethan. Genug, erfüllt
sich nun die an Wartensee für die genannte Zeit äußerlich gemachte, oder
vielmehr gemachte äußerliche Forderung, so steht Wartensee nicht nur
für diese Zeit sondern ich denke auch noch darüber hinaus, auch äußerlich frey
da und das Fortführen der Anstalt, heißt in meiner Sprache, die innere und
äußere Fort- und Ausbildung ders: Anstalt wenigstens in dieser Zeit aber
für längere Zeit macht Niemanden Angst, Niemanden Sorge. Denn
auch wir stehen innerlich und äußerlich frey und ohne Sorgen da, werden
wenigsten[s] von der Angst, Sorge und Noth anderer nicht ergriffen und nicht
bang und zweyfelmüthig gemacht, und so kann dann auch der ewig
schaffende und gestaltende Geist frey schaffen und gestalten und diesem Geiste
ein mehrfach menschliches Daseyn, eine mehrfach menschliche Gestalt geben. /
[3R]
Darum denn ist mir der von Ihnen hier gebrauchte Ausdruck „die Summe eine ge-
wagte“zu <erinnern> hier ganz recht und lieb. Dieser einzige Ausdruck wie stärkt
und hebt er, wie entwickelt er die schaffende geistige Kraft; - die Summe ist
ja denn einmal gewagt und schon hingegeben der Würfel falle wie er
wolle, wir handeln nun nicht mehr gefesselt von Angst und Sorge <sondern> als Freye.
Denn meine treue Frau welche wie eine liebende Mutter Wartensee pfleg[-]
end im Herzen trägt schreibt mir: -„Ihr herzlich Lieben, die Ihr für und in
Wartensee wirkt und noch zu wirken denkt, ich bitt‘ Euch: hütet Euch
nur vor den ersten Klötzen an den Beinen!“
Wohl hat das sorgliche Weib überhaupt und im Allgemeinen Recht, ja für die Men-
ge und Mehrheit nur zu Recht und wir leben ja in der Menge und für
die Menge immer auch durch eine Mehrheit; aber bey mir und für mich hat sie
dagegen lassen Sie es mich Ihnen im stillen Vertrauen sagen, was sie auch schon
selbst weiß mir hier nicht aussprach, - nicht ganz mit der Anwendung die-
ses Spruchwortes Recht, denn ich übe die eigene Kunst aus Klötzen an Beinen
Flügel zu machen freylich jetzt nur
ganz im Stillen für mich, weil sie Niemand
aus Furcht vor der Gefahr des Fallens – Sie wissen ja, Gewisse sagen:
das Wasser hat keine Balken, wie viel weniger die Luft oder gar der
zarte Äther – wieder lernen und noch weniger bis er – ohne jedoch ins
Wasser zu gehen – schwimmen gelernt hat – üben will. Auch ich will
sie Niemanden, der sie nicht, wie der Adler aus sich selbst lernt, lehren:
und für diese braucht es nichts als des Adlers Vorfliegen und vorsteigen.
Im Besitz gefühl jener Kraft habe ich mir nun wohl sogar manchmal ge-
wünscht ich möchte viel Klötze an Beinen und Armen haben, damit mir
viel Flügel daran wüchsen, denn Sie kennen ja das Lied der „Sehnsucht
Hätt ich Flügel, hätt ich Flügel,
Nach dem Lande flög ich hin! –
haben es ja auch wohl schon gar mannichmal in Tönen nachgedichtet.
Weil mich nun aber Jemand, das weiß ich, nicht nur lieb, sondern recht
und ächt lieb hat [Einschub am Seitenschluß und Rand*-*]
[*] für höhere oder tiefere Erfüllung des Lebens
welche den Grund der Forderung oder des Forderns jenes Vertrauens von dem Erzieher ausmacht
aber nichts mißversteht man oft leichter als eben die Liebe [*]
giebt er mir viel Klötze nicht nur an Arm u Beinen
ach! – oft gar ans Herz! –
Ernst und treu wie ich und meine Frau es mit dem Leben meynen
fährt sie fort: - „Laßt Euch das Schicksal der Mutteranstalt lehren.
„Kann es wohl noch in Frage stehen wenn wir des Menschen Leben
„ja zu einem höheren Standpunkte hinauf fördern wollen – ob wir sein
„Vertrauen brauchen oder nicht, kann es noch in Frage stehen, ob
wir dieß wenn wir dieß Vertrauen suchen in den dermaligen Stand-
„punkt der Menschen erst eingehen oder sie sogleich in den unseren
„eintreten sollen – und wo wäre nun der Ort, wo nicht die Forde-
„rung innerer und äußerer Loyalität als der Grund dieses Vertrau-
„ens an den Erzieher ergienge?“ – u.s.w.
Ja ganz und gar so meyne ich es auch, es ist dieß zugleich auch meine
tiefste Überzeugung, jetzt für die Gegenwart, wie sie es für die Vergang-
enheit war und für alle Zukunft seyn wird; aber es giebt auch eine Lega-
lität der Geistesforderung u [-]wirksamkeit, der Geistes<bestimmung> u [-]tätigkeit
und diese Legalität soll sich auch
dokumentiren soll auch dokumentirt werden; dieß zu erreichen ist mein
besonderes Ziel oder wie es sonst nach eines jeden persönlichen Ansicht be-
zeichnet werden mag; diese wird aber noch durch etwas anderes als sogenannte Loyalität errungen.
Genug! Wie wir nun durch die so erhaltene innere und äußere Stellung – ohne Kummer [-]
der uns am bestimmten Ziele (Ostern 1833) erwartenden Entscheidung
vertrauensvoll und hingebend alle drey treu fortarbeiten werden,
als wären wir schon ganz fest überzeugt das Werk würde ein bleibendes /
[4]
seyn als sey die kleinste That zur sichern Erndte die Aussaat, so bin ich auch
von Ihrer Seite überzeugt, daß auch Sie wie bisher alles dazu nöthige
Wirthschaftliche und Häusliche, - was auch wie bisher auf das sorglichste beach-
tet werden wird ferner zur freyen Verfügung der hiesigen Anstalt oder
Voranstalt wie Sie es nennen wollen stellen werden. Denn natürlich
nur unter dieser natürlichen Voraussetzung konnte ich alle Schritte thun
die ich zur Aufbauung und Förderung des Aufbaues Wartensees bisher
gethan habe.
Sind Sie nun, Schnyder mit allem diesen, was, wie mich dünkt, auf das höchste
einfach in dem Gange und Stande der Sache selbst liegt einverstanden, so ma-
chen Sie <die> deßhalb vielleicht noch nöthigen Verfügungen an Fräulein Salesie
welche bis jetzt noch – weil sie, wie sie mir sagte das waltende weibliche
Gemüth in Wartensee vermißt – in Luzern lebt.
Sollte aber im Gegentheil die ganze Anordnung nicht Ihre Beystimmung
haben, so wird noch eben Zeit genug seyn, daß Sie Ihre Ansicht nach Keilhau
schreiben können.
Sind Sie nun zwar im Allgemeinen mit mir einverstanden, möchten sich aber
doch indem ich von meiner Seite alles Ökonomische und Pecuniäre von Warten-
see an Keilhau übertragen habe sich nun mit Keilhau sowohl über das
Ganze als Einzelne noch bestimmter verständigen, so fügen es die Um-
stände wie mir es scheint, in dieser Beziehung wenigstens auch günstig; die
bayrische <Cantumaz> macht es nemlich nothwendig, daß die beyden
Reisenden ihren Weg über Frankfurt nehmen müssen. Sie können darum
Schnyder mit Barop bey seiner Durchreise durch Frankfurt und während bey Dauer seiner
wohl durch die Umstände bestimmt werdenden Anwesenheit daselbst, - weil er
das Ganze so wie ich allseitig pflegend in sich trägt und welchem ich besonders,
namentlich von meiner Seite das Ordnen des allgemein Ökonomischen und Pecu-
niären Wartensees übertragen habe, so wie es Keilhau von der seinen
gethan hat, das Ganze nach jeder Seite hin besprechen und gemeinsam
bestimmen wie es der Stand der Sache aus und durch sich selbst erheischt.
So wird dann Wartensee, was ich immer wünschte und wünschen mußte
wenn es anders gesund und fröhlich, in unverkümmerter Entwicklung und
voll<kommener> Ausbildung bestehen sollte – und was ja auch Ihr gleich vom
ersten Augenblick an und später wiederholt ausgesprochener Gedanke
war – eine ächte Fortbildung von Keilhau.
Auf alles übrige was Ihr jüngster und gedachter Brief an mich, sonst
noch gedenkt können Sie mit Barop wo möglich entscheidend absprechen,
da ja dieß alles mündlich bey weitem leichter ist, so z. B. die Art und die
Orte der Anzeigenabkürzung. Was nun aber den öffentlichen Gebrauch der-
selben selbst betrifft, so muß ich dem Stande der Sache und der vorgerückten
Zeit im Jahre nach dafür seyn, daß es erst für das künftige Osterhalbjahr geschähe
also ohngefähr zwischen Weynachten und Ostern. Ein Hauptgrund davon
ist besonders der, daß man immer fragt: - ist denn schon ein Zögling da? –
Für künftige Ostern ist aber schon bey denen die darüber zu entscheiden haben der
bestimmte Vorsatz da einen bisherigen Zögling Keilhaus als Zögling hier in
Wartensee eintreten zu lassen. Es war dieß schon für verflossene Ostern
sehr ernstlich am Werke, doch Familienverhältnisse hinderten die Ausführung.
Dann kann also die Anstalt als eine schon bestehende Lehr- und Erziehungsan-
stalt auftreten. Auch könnte vielleicht die anderweitige unmittelbare
persönliche Wirksamkeit – weil nun schon ein häusliches Familienleben
(: Oheim, Neffe / Bruder, Nichte /Schwester :) in Wartensee gebildet ist – den Eintritt von Zöglingen
früher schon bewirken. Könnten sich, bewirkt und geknüpft an das vielseitige /
[4R]
Vertrauen welches Sie besitzen und geweckt durch Barops persönliche An-
wesenheit irgend[welche] Frankfurter Eltern für erziehungsbedürftige Knaben
schon für nächstes Winterhalbjahr sich vertrauend nach Wartensee wenden
so zeigte sich freylich durch Barop sogleich eine sichere Gelegenheit zur Über-
kunft hierher.
Überhaupt halte ich dafür daß wir ruhig den sich bisher schon ganz von selbst
gebildeten Weg der Entwicklung und Ausbildung auch noch ferner nach gehen,
den: der sorgsamen Beachtung und leisen Pflege des sich gleich Anfangs zeigenden unmittel-
baren persönlichen Vertrauens, wenn auch kein da oder dort kein wesentlicher materieller
Nutzen dabey zu seyn scheint; er kommt wohl
immer um so sicherer als er unscheinbar und in einer ganz anderen als der
erwarteten Form kommt; kommt er später, bringt er Kapitel und
Zinseszins mit. Sie verweisen mich auf meine Lebenserfahrungen; - ich
habe sie immer vor Augen, wie ich sie immer [im] Herzen trage und in allen
<neueren> Lebensverhältnissen stark fühle. Es ist wahr, auf diesem Wege der
Entwicklung bildete sich auch nur Keilhau; und – was es auch erfuhr, durch
diesen Weg hat Keilhau hauch eigentlich nur sein so tiefgegründetes als
kräftiges Fortbestehen; auch lebt Keilhau weder heute noch morgen seinen
letzten Tag und es ist schon immer noch Zeit daß Kapital und Zinseszins eingehen
kann und wird, an welchem letzteren ich auch nicht im mindesten zweifele.
Auch Sie selbst schreiben mir ja in Beziehung auf diesen Weg und dessen
Früchte, daß – ich füge noch hinzu, ohngeachtet der so still als mächtig
entgegenwirkenden Partheyungen jeder Farben<gemischen> welchen
Wartensee als parthey- und farblos d.i. wasserhell in der
Mitte steht – sich Wartensee dennoch – ich kann nach Verhältniß
der Zeitkürze auch sagen - tiefgegründetes Vertrauen erfreut.
Ich könnte Ihnen zu dem was Sie schon wissen noch gar manchen Thatbeweis
liefern; doch der Brief ist ja so schon über die Gebühr groß. Dennoch ein Paar
aber nicht die gewichtigsten sondern nur die am kürzesten mittheilbaren [Thatbeweise]. Ein
mir unbekannter Mann, ein Bauer, welchen ich zufällig auf einem meiner
Spatziergänge am jenseitigen See[ufer] im verflossenen Frühjahr begegnete, sagte
mir fast wörtlich: er habe längst gewünscht mich kennen zu lernen, denn
er habe sich gleich vom ersten Augenblick an der hiesigen Unternehmung ge-
freut, denn „der Cantor müsse einst den Tag seegnen an welchem ich
in denselben gekommen sey.“ Er fügte noch hinzu wenn sein (jetzt 5 jähriger)
Sohn älter wäre, so müsse er auch hier in die Schule. –Ein Vater aus Groß
Wangen welcher seinen Sohn nach Ostern hierher brachte sagte ähnliches
besonders sagte er wörtlich: daß es dahin kommen müsse daß der Geist
der hiesigen Schule Anstalt sich besonders sämtlichen Landschulen und Schulen des
Cantons mittheilen müsse. – Wieder ein anderer Mann von dem ich
jedoch eine ganz andere Meynung erwartet hätte, sagte: es freue oder
wirke (ich weiß seinen Schweizerausdruck selbst nicht mehr) daß ich
so still und ruhig meinen Weg gieng. –Ein anderer Vater von einer
der ersten Schülerinnen Wartensees schreibt mir gestern: - (: er hatte mich
besuchen wollen aber verschlossen gefunden :) „Ich wage es doch noch einmal
„Sie zu besuchen, vielleicht bin ich glücklicher als das erste mal; ich fühle
„wie viel ich entbehre Ihren werten Umgang nicht benutzen zu können,
„bin aber zu sehr an die Berufsgeschäfte gefesselt, als daß ich mir schmeicheln
„könnte diesen nächstens mehr zu genießen. Inzwischen versichere ich,
„Sie meiner Achtung und verbleibe grüßend Ihr dienstwilliger Freund![“]
Solcher Äußerungen und Thatsachen könnte ich Ihnen nun leicht ein Blatt
voll schreiben. Dennoch stehe ich persönlich auch in gar keiner Berührung /
[5]
weil ich es um der stillen Gewalt der Partheyungen, die sich zum Theil, eben
als Parthey früher sehr heftig als Gegner von Wartensee sehr heftig ausge-
sprochen haben; am besten finde. Und ich <würdte> jetzt schon die Früchte davon [spüren]
so sagte mir vor einiger Zeit der Statthalter und Appellationsrichter
Rüttimann
von Sempach als er mir seinen jüngsten Sohn als Schüler
zuführte, daß einige der frühesten heftigsten Partheygegner ich glaube er
wohnt in Sursee u s.w jetzt schon ganz anders über mich und besonders den
Zweck und die Absicht der hiesigen Anstalt urtheile. Und doch konnte ich
wegen so vielseitiger Beschränkung bisher so wenig leisten. Aber <man>
durchschaut möchte ich sagen, oder möchte wenigstens die <Männer> von War-
tensee durchschauen um doch etwas von ihnen sagen zu können. Auch gut! Muß
also doch wenigstens ein gesuchter Gegenstand im Gesprächshandeln seyn; so
weiß z.B. der eine daß ich keinen Wein trinke d.h. nicht jeden Mittag eine
Halbe und erzählt es als ein Wunder weiter; - der Andere weiß daß ich
keine Zeitung lese und im Despudiren darüber findet er es recht, um mich von
Partheymeynungen frey zu halten; wieder ein Anderer rechnet meine Ein-
nahmen als Schullehrer und meine Ausgabe[n] nach und meynt ich müsse doch
kein Taglöhner seyn; - ein Vierter weiß daß ich mich mit meinen Gedanken
zwischen den vier Wänden des mir von Ihnen so freundlich angewiesenen freund-
lichen {Zimmers / Stübchens} allein befinde und bedauert sich und mich daß er keine Zeit habe
mich durch seine Person zu unterhalten; - Noch ein anderer weiß
daß der Herr Dekan zu Wohlhusen wie er sich ausdrückt: mich lieb hat,
denn der Gemeindammann zu Menznau hat es ihm gesagt.
Diese Leute fühlen, sonderbar genug sich immer gedrungen mir es selbst zu sagen.
So bemerke ich auch oft wie man sich gedrungen fühlt mir zu erkennen zu geben
daß man mich kenne, so kommt es mir ganz eigen vor wenn ich aus gehe
und mich hier ganz unbekannt glaube mit einemmale angeredet werde:
Guten Tag HE: Prof: wie ich hier gewöhnlich heiße; oder auch wohl gefragt
werde ob ich der Schullehrer von Wartensee sey; auch wohl gar schon
wie kürzlich einigemal mit „guten Tag HE Frbl[“] angeredet werde u.s.w.
<nur> Kleinigkeiten unbedeutende Kleinigkeiten – so kann man vielleicht mey[-]
nen. So meyne ich nun aber nicht: Tropfen machen ein Quellchen; diese einen
Bach; Bäche einen Fluß u.s.w. endlich wird’s auch ein Strom. Auch denke
ich der Eichkern müsse seine Pfahlwurzel zuerst in die nächste dunkle
Erde treiben um die einst den Stürmen trotzende Eiche zu werden die wer
weiß zum Getriebe welches großen Werkes dient. Doch hier sollte
es eigentlich weiter auf gar nichts zeigen; daß wenn ich auch still gegen Sie
doch nicht todt war; und, wenn Sie auch noch weniger von Wartensee
gehört hätten als Sie davon gehört haben, dennoch nie auf die hiesige Weise
sehr reges und lebendiges Interessse für Wartensee und unsere Unter[-]
nehmung und wenn auch noch nicht im ganzen Canton aber doch wenigstens
im nicht kleinern Umfang der Umgegend herrscht. Auch ich höre die wes die
einzelnen Partheyurtheile die aber nicht mich und mein Handeln – sondern schlicht
hier nur schon mein Hierseyn betreffen abgerechnet; gar, ganz und gar
nichts Nachtheiliges über unsere Unternehmung, ob mir gleich das Nach-
theilige immer wie Hagel früher als zugeworfen, als das Urtheil-
hafte wie Schneeflocken zugeschneyet wurde.
In dem was ich <nun> auf dem letzteren Weg vernehme sprechen sich zwey
Gefühle ganz bestimmt aus, einmal das wünschende: - das Ganze möge
nicht nur bestehen sondern sich heben, ja es möge hierfür unterstützt werden
dann das fürchtende: - es möge nicht fortgesetzt werden.
Aber, Schnyder! wir sind ja Männer lassen Sie uns Sorge tragen, /
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daß das eine geschehe und daß das andere nicht eintrete.
Fräulein Salesie hat Ihnen geschrieben: - „würde die Unternehmung
„in einer höheren Anordnung gegründet seyn, so würde ich dieselbe
„mit dem beharrlichsten Muthe durchführen!“
Über jenes Begründetseyn glaube nun aber ich fest kann und soll jeder
Mann, wenn er ein Mann ist, in sich zweyfellos und für alle Ewigkeit
entschieden klar und bestimmt seyn ehe er eine Unternehmung unternimmt
dann aber auch der Durchführung ebenso zweyfellos, selbst auf reiner Erde
und in reiner Natur in der die gewaltigsten Kräfte sich regen und <messen>
gewiß seyn! –
Denn Schnyder! Sie vielfacher Dichter! Die Ton- und Sprachdichter und
wer weiß welcher noch, denn ich meine nicht gleich die Menschen bis
in ihre Fingerspitzen, wenn aber auch wohl leicht und bald bis in ihr
Herz zu kennen. – Sie glauben doch an die Wahrheit der Dichter
oder wenn Sie lieber und wahrer noch wollen der Dichtungen! – ver-
steht sich die Dichtungen sind! Auch ich glaube daran! – nun! So
lesen Sie Schillers Columbus. –
Seit gar manchem Jahrzehend bewährt sich mir die Wahrheit dieses
dichterischen Kolumbus. Sie selbst haben neuen That<merk> davon in der Hand.
– Sie erinnern sich wohl was ich oben von Klötzen und Flügeln sagte.
Nun Schluß noch ein paar Bitten an Sie Schnyder!
Sehen Sie Was ich bisher leistete mußte ich stumm leisten drum war es so
beschränkt, denn der Sprache achtet der Mensch wenig weil sie ihm so alltäg-
lich ist, wie das Wasser oder das Sonnenlicht. aber Dazu nun gehören Ton und Gesang gehö-
ren
g[an]z besonders zum menschlichen Leben, wecken das menschliche Leben. Beachten
wir die wenigstens zuerst zu klärenden Ergebnisse großer Städte
zunächst nicht!
Dieses wichtige Element der Erziehung mangelte mir nun bisher für
die Wartenseeer Erziehungsanstalt, es wurde viel vermißt, nun soll
es mir werden, aber es mangelt mir nun ein Instrument. Nun
kommt die Bitte: - Machen Sie es mir doch durch Ihre vielseitige und durch-
greifende Bekanntschaft in Luzern oder sonst wo möglich, daß ich ein
leidliches wenn auch nicht eigentlich gutes Instrument Fortepiano
oder Flügel leihweise nach Wartensee erhalte. Wissen Sie einen
andern bessern Weg mir vorzuschlagen so betrete ich ihn gern.
Sollten Sie mir vielleicht zugleich mit Ihren Bestimmungen an Fr. Salesie
Ihre Vorschläge deßhalb mittheilen können so wäre es mir lieb, denn ich
machte meiner hier so viel entbehrenden Nichte gern wenn es möglich
wäre die Freude, daß sie schon ein Instrument hier vorfände.
Wollen Sie Barop ein paar freundliche Worte an Ihren verehrten HErn
Onkel dem HE <StR. Schwytzer> mitgeben, damit uns derselbe wegen dieses
Briefes dann um so freundlicher bey sich siehet wenn wir ihm unsern Besuch
machen so wird auch dieß mir lieb seyn.
Können Sie sonst den Reisenden, durch einige Notizen die Reise für sich
angenehm und für sich und uns nützlich machen so bin ich überzeugt
daß Sie es thun werden.
Wir haben die Besuche einiger Reisenden gehabt unter anderen auch des
Vorstehers der Erziehungsanstalt zu Weinheim bey Heidelberg mit ei-
nigen seiner Lehrer und Zöglinge. Er meynte es würde mir hier schwer
werden gegen den Strom zu schwimmen.
Könnten Sie es möglich machen da[s] Barop das Panorama der Bergstraße in einer
der Kunsthandlungen zu Gesicht bekäme würde es ihn und mich freuen.
Grüßen Sie alle unsere Freunde von mir. Antworten Sie mir bald u. leben Sie wohl.
Fr Fröbel

[Randnotiz] Mein Neffe ist auf dem Wege; ich blieb zurück um Ihnen diesen Brief zu schreiben,
daher kann ich Sie von ihm nur in seiner Seele, wenn auch nicht in seiner Person grüßen. -