Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 14.8.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 14.8.1832 (Wartensee)
(KN 41,6, Brieforiginal 1 B 16° 4 S. Bei der im Brief angesprochenen Tochter
Susanne v. Heydens handelt es sich um Maria Johanna v. H., 1.8.1801-31.3.1823,
die am 12.2.1823 mit Carl v.Holzhausen vermählt wurde.)

Wartensee am 14en August 1832. Gegen 1 Uhr Morgens.

Euch allen als Ganzes,
und jedem Einzelnen von Euch besonders und namentlich
in den nun wohl herannahenden trauernden Tagen der Trennung
und in der bittern schmerzlichen Stunde des Abschiedes
des stets liebend leitenden Gottesgeistes
milde, stärkende Tröstungen
und den theuern, lieben Reisenden Gottes Schutz und Seegen
zum Gruß zuvor!
Wenn ich Schnyders Worte in seinem jüngsten, Euch mit der
letzteren Post abschriftlich mitgetheilten Briefe an mich recht
verstehe, wie mir denn ihr Sinn wirklich ganz einfach ist, so
dünkt mich könnte es gar nicht anders seyn als es müßte Euch dieses
merkwürdige Zusammentreffen, in dem ich seit fast ½ Jahr mit
Schnyder keinen Brief gewechselt habe, - Allen als ein redender
[Beweis] einer höheren Leitung und Einstimmung in den wichtigen Schritt
welcher jetzt von Euch allen als Ganzes und von jedem einzelnen
von Euch jetzt geschiehet, erscheinen, und Ihr könntet und müßtet
darinn die milden, stärkenden Tröstungen finden, die Euch un-
ser aller Vater gewiß in dieser Schmerzensvollen Zeit geben
wollte, und den Beweis, daß zwar alles was geschähe
durch Gegenstände und Menschen aber doch mit seiner bestimmten
Leitung und Führung zum besten jedes Einzelnen wie des Ganzen.
Darum denn auch eile ich Euch meine Antwort an Schnyder
auf jenen Brief Euch in Abschrift oder vielmehr in Urschrift zu
überschicken, damit Ihr sehet wie ich das Ganze in mir nehme
und nur nehmen kann und muß und damit sowohl Ihr alle
als Barop insbesondere in völliger Übersicht des Ganzen
ist. Ich hoffe ja nicht daß die Reisenden schon abgegangen sind
kann es mir auch nicht gut denken. - Zugleich mit diesem Brief
geht auch mein Brief an Schnyder nach Frankfurt ab. Sollte er
nun wider Erwarten etwas gegen mein Nehmen seines Briefes /
[1R]
einzuwenden haben, so kann seine Bestimmung fast zugleich mit
diesem Briefe bey Euch eintreffen, denn er wird dann gewiß
nicht ermangeln, sogleich zu schreiben; doch ist die Sache für
mich zu einfach und zu natürlich daß ich nicht den leisesten
Zweyfel deßhalb Raum geben kann.
Nun noch einige Bemerkungen wegen der Reise besonders
für Barop.
Frankfurt halte ich so gleichgültig es jetzt noch dazustehen scheint
doch für das Ganze es heiße nun Keilhau oder Wartensee
in der Zukunft einmal für wichtig politisch - pädagogisch und
ökonomisch oder wenn man der Stadt angemessener will, ma-
teriell. In pädagogischer Hinsicht einigt es wie Barop selbst
schon bemerkte die verschiedensten Elemente Dr. Bagge – Pfar-
rer Kirchner, v. Holzhausen v. Hayden u.s.w.
Elisen bitte ich bey Krosch oder Grosch mit meinen herzl. Gruß
einzuführen sie wird ein liebes einfaches Weib und sonst manchen
Anklang von Keilhau finden. Grosch ist mir persönlich lieb auch
Du Barop wirst Dich mit ihm finden. – Dann vor allem siehe
doch ja zu was Kosel treibt. Mein herzl. Gruß an ihn versteht sich.
Fast am wichtigsten erscheint mir Dr. Gärth; es dünkt mich
er hat am ersten den rechten Sinn und mit Eltern von welchen
wir nach Keilhau oder hierher Knaben bekämen müßten
wir uns am leichtesten verständigen: er kennt und liebt
Keilhau persönlich, er achtet mich, ist Dein Freund Barop ist
Freund von Schwarz und muß seinem Geschäfte nach viel-
seitig mit Männern und Familien in Verbindung stehen. Wenn
Du zu ihm gehst immer aber früh, wo Du ihn am leichtesten trif[f]st.
Schwartz ist ein eigenthümlich einender Punkt er ist mit allen
bekannt Du mußt ihn Dir genau ansehen. Gegen mich war er
ein ächter Landmann offen treu u.s.w. – Wie ich vermuthe
hat Schwarz auch nach meiner Abreise viel mit der v. Holzhausenschen
Familie verkehrt; - Siehe Dir diese und ihre Glieder besonders mal an
sie verdienen es gewiß vor vielen andern. Zu Speyers? –
Schnyder trägt in gewisser Hinsicht die Familie – mir war nie
recht wohl da, so oft ich auch da war. Elisen wirds schwerlich dort wohl seyn /
[2]
Du schlägst Dich schon durch. – Wenns angeht muß Elise die Frau
von Hayden
sehen; es ist eine merkwürdige Frau und viel knüpft
sich an ihr Leben für Lebensbeachtung. Von dem was Frank-
furt zu sehen hat wäre besonders das zoologische Museum
dicht am Eschenheimer Thore als der Fr.: von Hayden schräg gegen[-]
über [wichtig], ich schreibe es blos her wenn ihr etwa am [sc.: zur] rechten Stunde
gerad vorübergienget, die Stunde ist von 1 – 11, die Tage
weiß ich nicht Schwartz kann Nachricht geben. Außer den öffen[t-]
lichen Tagen und Stunden könntet Ihr es wohl blos durch Vermitte-
lung der von Holzhausenschen Familie zu sehen bekommen. –
Dr Bagge könntest Du geradezu einmal fragen ob es sich den[n]
mit dem jungen Manne, denn [sc.. den] er hätte nach Keilhau geben wollen zer-
schlagen habe! –
Du verstehst ja Barop die Kunst über das Einzelne das Ganze nicht
aus der acht zu lassen und durch das Einzelne das Ganze zu för-
dern deßhalb theile ich Dir so viele Einzelnheiten mit; doch bin
ich auch jetzt zu Ende. Nur noch das: kostete es Euch nicht zu viel
Zeit oder müßtest Du sonst aus irgend einem Grunde in
Frankfurth verweilen so sehet ob ihr die erziehende Familie
des Dr Becker in Offenbach besuchen könnet; es könnte Elisen
um des Vergleichs willen nicht unnütz seyn. Die Mutter
giebt und leitet ausschließend den Gesangsunterricht, die
eine Tochter hat das eine kleine Büchelchen was ich von Frankf.
in mehreren Exemplaren nach Keilhau schickte, ich glaube es
heißt Palmenblätter aus dem Engl. übersetzt. - Von dieser
oder einer anderen Tochter könntest Du vielleicht die tragischen
Schicksale der Tochter von der Fr: v. Hayden, die mit Carl von
Holzhausen
vermählt war hören; sie sind belehrend, darauf
bezog sich was ich oben sagte. Dr Becker hat auch eine eigene Sprachansicht.
Wenn Du es sonst nicht ganz wesentlich findest so bestimme in
Frankfurt Deine Rückkehr von Wartensee nicht auf eine feste
Zeit. -
Kannst Du Barop ehe Du von Keilhau gehst nicht noch das Haarab-
schneiden und üben? – Ich könnte Dir hier 3-4 Batzen zu verdienen geben. /
[2R]
Aber bald hätte ich die Hauptsache vergessen an der mir doch so viel
liegt. Vermeide ja mit Schnyder ich bitte, heftigen Wortwech-
sel, er meynt es von seinem Standpunkt gewiß ernst treu
redlich was will man auch mehr. Möchtest Du nach dem
Schwerd greifen so bitte ihn in die Tasten des Fortepianos
zu greifen oder die Glocken seiner Harmonika zu berühren.
Nur keinen Krieg. Wartensee verträgt noch gar keinen
Krieg und wenn gleich eine Burg so wills doch wie ein Baum
behandelt seyn, jeder Fehl dagegen, jede Heftigkeit rächt sich
und dennoch ist es von der andern Seite wie Du es hier finden
wirst noch so sehr ein rohes Naturkind.
...Elise weiß die Eintrittsbedingungen von Wartensee als Zögling
ein Tischbesteck mit zu bringen; da sie nun der erste Zögling
von Wartensee wird, so wird sie gut thun ein solches, besteh-
end in [Lücke] mitzubringen. Jetzt scheint es zwar nicht nöthig
wir essen mit dem Silber rc: ich glaube zum Theil der Fräulein [Salesie v.H.]
ich weiß ja aber nicht ob es so bleibt u. besser ist doch besser.
Elise bringt doch auch ihren Johannes mit? – Ihren Witschel? –
Ich möchte daß eine kleine Bibel mitkäme; auch ein Rudol-
städter altes Gesangbuch - oder auch noch ein neues; Hier entbehrt
man das alles. Wenn deutsche Zöglinge kämen würde ich dieß
alles von Deutschland kommen lassen müssen.
Noch bitte ich mir Widekind so glaub ich heißt der Geschichtsab-
riß ein kleines Büchelchen Blau brochirt mit rothem Titel
zu schicken. – Ein alter Heft, aber noch brauchbar, alter ge-
ographischer Bestimmungen von Deutschland kann vielleicht
beym Verpacken zum Ausfüllen beygelegt werden.
Den Middendorff bitte Ist es möglich so wird es nicht unnütz
seyn wenn Elise für die Marie hier eine ohngefähr 3finger-
breite schwarz seidene Haarschnur d. h. Haarband ohnge-
fähr 5Ellen lang mitbringt, das Band entweder gewässert
oder mit Zacken an den Seiten und eingewebten Blumen.
...Ferdinand ist sehr vergnügt von seiner Reise nach dem Rigi zurück
gekehrt, jetzt schläft er sonst würde er grüßen lassen.
...Ich schließe wie ich begann, und wie ich die nächsten Wochen jeden Tag
beginnen und jeden Tag schließen werde. In Liebe Treue u Danke Euer
FrFr.

[Rand] Barop soll ein scharfes Rasiermesser mitbringen ich will ihm das meine
mit zurück geben was ich stumpfer von dem Schleifer bekommen habe als ich es ihm gab. –
[2]
[Rand] An dem 10en August wo ich Euern letzten Brief erhielt wurde voriges Jahr im Kleinen Rathe die Authorisation zur hiesigen Erziehungsanstalt gegeben. Euer Brief war also ein Geburtstagsgeschenk.